Die Effizienz des allgemeinen Tantra: Nicht-Gelug

Außer in den folgenden Behauptungen, stimmen die Nicht-Gelug-Traditionen des tibetischen Buddhismus – Sakya, Kagyü und Nyingma – mit den Gelug in den verschiedenen Gründen überein, warum Tantra effizienter als Sutra ist. 

(1) Engere Analogien 

Buddha-Natur und positive Selbstbilder

Die Nicht-Gelug-Traditionen stimmen mit den Gelug überein, dass das Umwandeln unserer Selbstbilder in jene von Buddha-Gestalten nicht einfach eine Sache des positiven Denkens ist. Es geschieht durch unsere Buddha-Natur und durch die Tatsache, dass Selbstbilder frei von unmöglichen Existenzweisen sind. 

Die meisten Sakya-Meister erklären, dass unsere Buddha-Natur, wie im Gelug, alle Potenziale (tib. nus-pa) hat, um erleuchtet zu werden. Wenn Nyingma-Meister hingegen deutlich machen, dass die Faktoren der Buddha-Natur nicht nur als Potenziale, sondern vollständig in uns vorhanden sind (tib. rdzogs-pa), meinen sie damit nicht, dass wir bereits völlig funktionierende, allwissende, all-gütige Buddhas sind. Die Faktoren der Buddha-Natur, wie die Naturen unseres Geistes und deren innewohnende Qualitäten des Mitgefühls usw., sind in dem Sinne vollständig, dass wir sie nicht hinzufügen oder erschaffen müssen. Flüchtige Makel verhindern jedoch unseren Zugang zu ihnen und ihre Verwirklichung in ihrer vollständigsten Form. Diese Faktoren durch die Selbstbilder von Buddha-Gestalten zu repräsentieren hilft uns, die geistigen Schleier (tib. sgrib-pa, Hindernisse) zu beseitigen, welche diese Makel ausmachen. 

Ferner sind sich alle Nicht-Gelug-Schulen darin einig, dass eine tantrische Transformation des Selbstbildes ein Verständnis darüber erfordert, dass Selbstbilder frei davon sind, als Phänomene zu existieren, dessen Existenzweise tatsächlich mit dem übereinstimmt, wie diese konzeptuelle Wahrnehmung sie erscheinen lässt. Auf der grundlegendsten Ebene lässt die konzeptuelle Wahrnehmung Selbstbilder eine scheinbar wahre Existenz haben. Die Nicht-Gelug-Traditionen meinen mit wahrer Existenz wahre nichtzugeschriebene Existenz, also für sich existierend, als Phänomene nichtzugeschrieben entstehend, getrennt von einem Geist, der sie kognitiv entstehen lässt und wahrnimmt. Fachlich ausgedrückt beziehen sich Selbstbilder auf etwas (tib. btags-chos), doch worauf sie sich beziehen, entspricht nicht den nichtzugeschrieben existierenden Objekten, die diese Zuschreibungen konzeptuell implizieren (tib. zhen-yul). 

So bezieht sich zum Beispiel das Selbstbild eines Idioten auf einen Idiot, wie er durch gesellschaftliche oder persönliche Konvention definiert wird. Ungeachtet dessen gibt es aber so etwas, wie einen absoluten Idioten – jemanden, der unabhängig davon, wer ihn oder sie so sieht – nicht. Somit machen uns unsere Selbstbilder nicht zu absoluten Idioten, auch wenn wir uns als solche sehen, obwohl unsere Selbstbilder eine Bedeutung haben. Das gleiche gilt für das Annehmen des Selbstbildes von Buddha-Gestalten.

[Für ausführlichere Erklärungen, siehe: Objekte der Wahrnehmung: Die Gelug-Darstellung]

Sakya-Sicht der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana

Die Sakya-Tradition bietet weitere Erklärungen dazu, warum es keine verzerrte Wahrnehmung ist, sich selbst als Buddha-Gestalt zu sehen. Laut der Sakya-Sichtweise der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana (tib. ‘khor-‘das dbyer-med) vibrieren und erscheinen unsere Energien in mehreren Formen gleichzeitig, in etwa so, wie subatomare Teilchen zeitgleich auf multiplen Quantenebenen vibrieren. Auf einer Quantenebene erscheinen wir in den Formen unserer gewöhnlichen Körper, doch auf anderen Ebenen erscheinen wir zeitgleich als Buddha-Gestalten. Die Erscheinungen, die wir oder jeder andere von uns wahrnimmt, hängt von dem Geist ab, mit dem man sie wahrnimmt. So lange der Geist, der sie wahrnimmt, nicht durch oberflächliche oder tiefste Ursachen für täuschendes oder trügerisches Hervorbringen von Erscheinungen – wie Astigmatismus, Autismus oder Greifen nach wahrer nichtzugeschriebener Existenz – beeinflusst ist, sind die Wahrnehmungen der Erscheinungen von uns als gewöhnliche Menschen oder als Buddha-Gestalten gleichermaßen gültig. 

(2) Engere Vereinigung von Methode und Weisheit 

Wie in der Gelug-Darstellung bezieht sich Methode im allgemeinen Tantra des Nicht-Gelug auf das Erscheinen von uns selbst als Buddha-Gestalten und Weisheit auf die Wahrnehmung von Leerheit bezüglich dieser Erscheinungen. Viele Meister von Nicht-Gelug-Traditionen unterscheiden jedoch Selbstleerheit (tib. rang-stong) von Anderesleerheit (tib. gzhan-stong). Abhängig davon, wie sie jede dieser beiden definieren und ob sie die eine, die andere oder beide als letztendliche Sichtweise betrachten, variieren ihre Behauptungen im Tantra über Weisheit, die untrennbar von Methode ist. 

Im Allgemeinen ist „Selbstleerheit“ die Abwesenheit einer Selbstnatur (tib. rang-bzhin), die sich auf die Abwesenheit einer unmöglichen Existenzweise bezieht. „Anderesleerheit“ ist ein tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes) mit einer Abwesenheit oder einem Fehlen anderer Ebenen der geistigen Aktivität. Alle sind sich einig, dass die vom Gelug vertretene Leerheit eine Variante der Selbstleerheit ist und dass sie nicht die letztendliche Sicht ist, auch wenn sie eine gewisse Ebene der Gültigkeit hat. 

In Bezug auf Selbstleerheit

Wenn sich Leerheit auf Selbstleerheit bezieht, sind die Erscheinungen und die Selbstleerheit als deren Existenzweise dennoch zwei untrennbare Tatsachen des gleichen Phänomens. Weil viele grundlegende Behauptungen hier verschieden von jenen im Gelug-System sind, variieren auch die Erklärungen der engeren Vereinigung von Methode und Weisheit. 

Gemäß dem Madhyamaka im Allgemeinen gibt es zwei Arten letztendlicher Phänomene: 

  • Mit Worten fassbare letztendliche Phänomene (tib. rnam-grangs-pa’i don-dam) sind Leerheiten, die gültig konzeptuell wahrgenommen werden. Sie sind in dem Sinne „mit Worten fassbar“, dass sie zu den im Geist erscheinenden gültig wahrnehmenden Phänomenen gezählt werden können, die mit Worten und Konzepten geistig bezeichnet werden.
  • Nicht mit Worten fassbare letztendliche Phänomene (tib. rnam-grangs ma-yin-pa’i don-dam) sind Leerheiten, die gültig nichtkonzeptuell wahrgenommen werden. Sie sind in dem Sinne „nicht mit Worten fassbar“, dass sie nicht zu den im Geist erscheinenden gültig wahrnehmenden Phänomenen gezählt werden können, die mit Worten und Konzepten geistig bezeichnet werden.

Zur Vereinfachung werden wir diese beiden Begriffe als „fassbare Leerheit“ und „nicht fassbare Leerheit“ bezeichnen. 

„Fassbare Leerheit“ ist Leerheit als die nichtimplizierende Negierung (tib. med-dgag, nichtbestätigende Negierung) wahrer nichtzugeschriebener Existenz. Einfacher ausgedrückt ist sie die absolute Abwesenheit wahrer nichtzugeschriebener Existenz, da es so etwas nicht gibt. Negierungs-Phänomene (tib. dgag-pa), wie fassbare Leerheit, sind bloße konzeptuelle Kategorien (tib. spyi, Allgemeinheiten) und können als solche nur konzeptuell erkannt werden. 

„Nicht fassbare Leerheit“ ist eine Leerheit, die nicht in die festen Kategorien passt, die durch Konzeptualisierungen, wie Affirmationen (tib. sgrub-pa), Negierungen, beides oder keines von beidem, impliziert wird. In diesem Sinne ist solch eine Leerheit „jenseits aller Worte und Konzepte“. Darüber hinaus ist die nicht fassbare Leerheit nicht nur eine Leerheit, die jenseits von Worten und Konzepten ist. Sie ist eine Untrennbarkeit von Leerheit und Erscheinung, die beide jenseits von Worten und Konzepten sind. 

Alle Nicht-Gelug-Traditionen erkennen an, dass die letztendliche (tib. mthar-thug) Existenzweise von allem nicht fassbare Leerheit ist. Alle Dinge existieren auf eine Weise jenseits von Worten und Konzepten. Die Worte und Konzepte für Existenzweisen – wie „mit einer Bestätigung wahrer Existenz“, „mit einer Negierung wahrer Existenz“, „mit beidem“ oder „mit keinem von beiden“ – implizieren konzeptuell (tib. zhen-pa), dass diese Weisen tatsächlich als konkrete Kategorien, wie einzelne Schubladen, existieren. Das ist unmöglich. Sie implizieren auch konzeptuell, dass diese letztendliche Existenzweise von allem, wenn sie in Worte und Konzepte gefasst werden könnte, eine konkrete Sache wäre, die einer dieser festgelegten Schubladen zugeordnet werden könnte. Das ist ebenfalls unmöglich. Gültige nichtkonzeptuelle Wahrnehmung offenbart, dass die letztendliche Existenzweise von allem in keine konzeptuelle Schublade passt. Somit ist die letztendliche Existenzweise von allem jenseits dessen, was die Worte und Konzepte für sie konzeptuell implizieren. 

[Siehe: Mit Worten fassbare und nicht fassbare letztendliche Phänomene]

Zwei Nicht-Gelug-Verwendungen des Begriffs „Selbstleerheit“

Unter den Nicht-Gelug-Schulen teilt sich der Gebrauch des Begriffes „Selbstleerheit“ in Bezug auf die zwei Ebenen der tiefsten Wahrheit im Tantra in zwei Lager. 

  1. Im Nyingma und dem regulären Sakya neigt beispielsweise Meister Gorampa (Go-ram bSod-nams seng-ge) des fünfzehnten Jahrhunderts dazu, unter „Selbstleerheit“ nur die letztendliche Existenzweise, nicht fassbare Leerheit, zu verstehen. Dort benutzt man den Begriff nicht für die fassbare Leerheit von allem, deren absolute Abwesenheit des Existierens mit wahrer Existenz.
  2. Im Karma- und Shangpa-Kagyü wird der Begriff „Selbstleerheit“ in ihren Betrachtungsweisen des Tantra ausschließlich für fassbare Leerheit benutzt. Obgleich man dort zustimmt, dass die Existenzweise von allem letztendlich jenseits von Worten und Konzepten ist, nutzt man für diese nicht fassbare Leerheit nicht den Begriff „Selbstleerheit“. Hier gilt es zu beachten, dass wir uns auf die Karma-Kagyü- und Shangpa-Kagyü-Behauptungen der Maha-Madhyamaka-Tradition beschränkt haben, da ihre Madhyamaka-Sichtweise die Sicht der Realität ist, die sich auf die Praxis von Tantra bezieht.

Relevante Behauptungen, die spezifisch für die Nicht-Gelug sind

Die Nicht-Gelug-Traditionen unterscheiden sich wesentlich von den Gelug in fünf weiteren Punkten, die relevant für das Verständnis ihrer Erklärungen darüber sind, warum Methode und Weisheit im allgemeinen Tantra enger als im Sutra miteinander verbunden sind. Sakya, Kagyü und Nyingma vertreten gemeinsam: 

  1. Nicht fassbare Leerheit, als eine Leerheit jenseits von Worten und Konzepten, ist jenseits der vier extremen Weisen unmöglicher Existenz, die konzeptuell implizierte Objekte sind, welche den folgenden Konzepten entsprechen: (a) wahre Existenz, (b) eine absolute Abwesenheit wahrer Existenz, (c) beides, oder (d) keines von beiden. Wie im Gelug ist eine absolute Abwesenheit wahrer Existenz, als eine fassbare Leerheit, eine absolute Abwesenheit der vier Extreme (a) des Absolutismus (wahrer Existenz), (b) des Nihilismus (völliger Nichtexistenz), (c) beider, und (d) keines von beiden.
  2. Konzeptuelle Wahrnehmung, und nicht nur konzeptuelle Wahrnehmung, lässt ihr Objekt in einer der vier unmöglichen Weisen erscheinen, die jenseits der fassbaren Leerheit sind. Nichtkonzeptuelle Wahrnehmung lässt ihr Objekt in keine dieser Weisen erscheinen.
  3. Fassbare Leerheit, als eine absolute Abwesenheit, kann daher nur ein Objekt konzeptueller Wahrnehmung und kein Objekt nichtkonzeptueller Wahrnehmung sein.
  4. Nicht fassbare Leerheit, als eine Existenzweise jenseits von Worten und Konzepten, kann nur ein Objekt nichtkonzeptueller Wahrnehmung und kein Objekt konzeptueller Wahrnehmung sein.
  5. „Weisheit“ als unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab) der Leerheit nimmt nur fassbare Leerheit wahr. Die „Weisheit“ nicht fassbarer Weisheit ist ausschließlich tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes).

Konzeptuelle und nichtkonzeptuelle Vereinigung von Methode und Weisheit bezüglich Selbstleerheit

In der Gelug-Tradition ist die Vereinigung von Methode und Weisheit im allgemeinen Tantra mit der gleichen Methode und Weisheit verbunden, egal ob die Vereinigung mit konzeptueller oder nichtkonzeptueller Wahrnehmung einhergeht. Ferner ist auch die Weise des Kombinierens der Praxis von Methode und Weisheit auf beiden Ebenen die gleiche. Mit ausreichendem Stärken der erleuchtungsbildenden Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins führt eine konzeptuelle Vereinigung zu einer nichtkonzeptuellen. 

Die Nicht-Gelug-Traditionen stimmen zu, dass eine konzeptuelle Vereinigung von Methode und Weisheit eine Grundvoraussetzung dafür ist, eine nichtkonzeptuelle zu erlangen und das Stärken der beiden erleuchtungsbildenden Netzwerke den Übergang von der einen zur anderen bewirkt. Allerdings unterscheidet sich der Weisheitsfaktor in den konzeptuellen und nichtkonzeptuellen Vereinigungen. Auf der konzeptuellen Ebene ist Weisheit das unterscheidende Gewahrsein fassbarer Leerheit und auf der nichtkonzeptuellen Ebene das tiefe Gewahrsein nicht fassbarer Leerheit. Demzufolge ist die Weise, in der im Nicht-Gelug Methode und Weisheit miteinander verbunden werden, hier ebenfalls auf den beiden Ebenen unterschiedlich. 

Im Nicht-Gelug wird die Vereinigung von Methode und Weisheit in konzeptueller Wahrnehmung genauso erklärt wie im Gelug. Methode und Weisheit werden jeweils nur im Kontext der anderen kognitiv erfasst, was bedeutet, dass sich jede als ein Vermächtnis fortsetzt, wenn die andere auftritt. Wie im Gelug vermeidet solch eine Praxis die Unzulänglichkeiten von Bodhichitta als Methode, da die Weisen des kognitiven Erfassens raumgleicher und illusionsgleicher erfassbarer Leerheit nicht widersprüchlich, sondern äquivalent sind. 

Im Gelug-Sutra und allgemeinen Tantra sind die Erscheinungen von Buddha-Gestalten, die in konzeptueller und nichtkonzeptueller, nachfolgend erlangender Wahrnehmung der Leerheit entstehen, gleich. Beides sind Erscheinungen von scheinbar wahrhaft existierenden Buddha-Gestalten. Im Nicht-Gelug findet das Hervorbringen von Erscheinungen wahrer Existenz (tib. bden-snang) nur mit konzeptueller Wahrnehmung statt. In beiden Systemen, Nicht-Gelug und Gelug, sind solche Erscheinungen „ungereinigte Erscheinungen“ (tib. ma-dag-pa’i snang-ba, unreine Erscheinungen). Die Faktoren des Hervorbringens von Erscheinungen (tib. gsal-cha, Klarheitsfaktor) unseres geistigen Kontinuums sind nicht von den Schleiern gereinigt, welche das Erzeugen solcher trügerischen Erscheinungen verursachen. 

Gemäß den Nicht-Gelug erzeugt nichtkonzeptuelle Wahrnehmung gereinigte Erscheinungen (tib. dag-pa’i snang-ba, reine Erscheinungen) – Erscheinungen, die durch Geisteskontinua erzeugt werden, welche vorübergehend von den Schleiern, die ungereinigte Erscheinungen entstehen lassen, gereinigt sind. 

Gereinigte Erscheinungen sind Erscheinungen, die jenseits von Worten und Konzepten sind. Mit anderen Worten ist die Existenzweise, die yogische nichtkonzeptuelle Wahrnehmung erzeugt, eine Erscheinungsweise, die jenseits der Extreme einer Präsenz wahrer Existenz, einer Abwesenheit wahrer Existenz, beides oder keines von beiden ist. Das ist so, weil tiefes Gewahrsein nicht fassbarer Leerheit yogische nichtkonzeptuelle Wahrnehmung begleitet. Wir verstehen nichtkonzeptuell die gereinigte Existenzweise, die stattfindet. 

Somit bringt yogische nichtkonzeptuelle Wahrnehmung nicht fassbarer Leerheit einer Buddha-Gestalt die gereinigte Erscheinung der Buddha-Gestalt zusammen mit dem tiefen Gewahrsein darüber hervor, wie sie existiert. Auf diese Weise verbindet yogische nichtkonzeptuelle Wahrnehmung hier Methode und Weisheit im gleichen Moment der Wahrnehmung. 

Während der Wahrnehmung völliger Vertiefung ist jedoch nicht fassbare Selbstleerheit prominenter und während der Wahrnehmung nachfolgender Erlangung ist das Erscheinen der Buddha-Gestalt prominenter. Gleichrangig treten sie nur im allwissenden Gewahrsein eines Buddhas auf. Dennoch gibt es für die völlige Vertiefung und die nachfolgende Erlangung hier nur eine Weise, ihre Objekte kognitiv zu erfassen, nämlich als das, was jenseits von Worten und Konzepten ist. 

In Bezug auf Anderesleerheit

Manche Nicht-Gelug-Meister behaupten, die Leerheit jenseits von Worten und Konzepten wäre ebenfalls ein kognitiver Zustand. Sie nennen ihn „Anderesleerheit“ (tib. gzhan-stong), weil es sich um einen kognitiven Zustand frei von anderen Ebenen des Geistes handelt, nämlich den Ebenen des Geistes, auf denen konzeptuelle Wahrnehmung erfolgt. 

Es gibt zwei maßgebliche Traditionen. 

  1. Wenn die Nicht-Gelug-Meister den Begriff „Selbstleerheit“ benutzen, beziehen sie sich damit auf den ontologischen Zustand jenseits von Worten und Konzepten, wie beispielsweise im Nyingma, wo sie zusätzlich zur Selbstleerheit die Anderesleerheit akzeptieren.
  2. Wenn sie „Selbstleerheit“ ausschließlich im Sinne einer absoluten Abwesenheit benutzen, wie zum Beispiel im Karma- und Shangpa-Kagyü, gehen sie davon aus, dass Anderesleerheit auch jenseits der Selbstleerheit ist. Das impliziert jedoch, dass Anderesleerheit trotzdem auf eine Weise existiert, die jenseits von Worten und Konzepten ist.

Untrennbar von und zeitgleich mit Anderesleerheit sind die reinen Erscheinungen von Buddha-Gestalten. Diese reinen Erscheinungen sind das „Spiel“ (tib. rol-pa) oder der „Strahlenglanz“ (tib. rtsal) der Anderesleerheit, in dem Sinne, dass der kognitive Zustand der Anderesleerheit sie spontan erscheinen lässt. Anderesleerheit ist von Natur aus rein von ungereinigtem Hervorbringen von Erscheinungen. Die Schleier, welche das trügerische Hervorbringen von Erscheinungen verursachen, sind flüchtig und verhindern nur vorübergehend das natürliche reine Hervorbringen von Erscheinungen der Anderesleerheit. Das Reinigen dieser Schleier führt nicht zum Erzeugen von reinen Erscheinungen. Der Reinigungsvorgang ist nicht wie das Bauen einer Maschine. Wegen dieser Darstellungsweise ist es im Kontext der Anderesleerheit korrekter von „reinen Erscheinungen“ als von „gereinigten Erscheinungen“ zu sprechen. 

Im Einklang mit der Nicht-Gelug-Behauptung nicht fassbarer Selbstleerheit als der Existenzweise jenseits von Worten und Konzepten, werden durch die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Anderesleerheit direkt und zeitgleich untrennbare Anderesleerheit und reine Erscheinungen wahrgenommen. Während völliger Vertiefung ist Ersteres und während nachfolgender Erlangung ist Letzteres maßgebend. Die Wahrnehmung hat nur eine Weise ihr Objekt zu erfassen – als der kognitive Zustand jenseits von Worten und Konzepten. 

[Für ausführlichere Erklärungen, siehe: Vereinigung von Methode und Weisheit: Gelug und Nicht-Gelug

(3) Besondere Grundlage für Leerheit 

Buddha-Gestalten sind weniger trügerisch

Die Behauptung im Gelug ist einzigartig, dass sowohl durch konzeptuelle als auch durch nichtkonzeptuelle Wahrnehmung Erscheinungen wahrer Existenz (tib. bden-snang) hervorgebracht werden, außer wenn Leerheit nichtkonzeptuell wahrgenommen wird: eine absolute Abwesenheit wahrer Existenz. Die Nicht-Gelug-Traditionen behaupten, dass nur konzeptuelle Wahrnehmung Erscheinungen wahrer Existenz hervorbringen. Das können Erscheinungen jeder der vier Extreme des Absolutismus, Nihilismus, beider oder keines von beiden sein. 

Sensorische und geistige nichtkonzeptuelle Wahrnehmungen fabrizieren und projizieren (tib. spros-pa) eine Erscheinung ihrer Objekte nicht als wahrhaft existent in einer dieser vier Weisen. Sie bringen eine Erscheinung ihres Objektes als nicht wahrhaft existierend (tib. med-snang) hervor. Solch eine Erscheinung ist jedoch nach wie vor eine ungereinigte. 

Außer während yogischer nichtkonzeptueller Wahrnehmung nicht fassbarer Leerheit, wenn der Vorgang beginnt, sich für immer von mangelndem Gewahrsein zu befreien (tib. spang-ba, Aufgeben), begleitet das mangelnde Gewahrsein (tib. ma-rig-pa, Unwissenheit) alle Augenblicke konzeptueller und nichtkonzeptueller Wahrnehmung. Mangelndes Gewahrsein kann sich auf Ursache und Wirkung oder auf die Weise beziehen, wie etwas existiert. Lasst uns hier nur über Letzteres sprechen. 

Generell ist mangelndes Gewahrsein eine Weise, sich mit einem kognitiven Objekt (yul) kognitiv zu befassen (tib. shes-pa). Es gibt zwei Varianten. Während wir uns auf ein Objekt richten und es wahrnehmen, 

  1. mögen wir ganz einfach nicht wissen, wie es existiert (tib. mi-shes-pa), oder
  2. wir mögen außerdem gleichzeitig meinen, es würde auf eine Weise existieren, die der tiefsten Wahrheit widerspricht (tib. phyin-ci log-tu ‘dzin-pa).

Sensorische nichtkonzeptuelle Wahrnehmung findet nur für eine Sechzigstel Sekunde statt. Was die visuelle Wahrnehmung betrifft, so nehmen wir mit ihr lediglich Formen und Farben wahr. Die Formen und Farben, die wahrgenommen werden, existieren nicht wahrhaft als „dieses“ oder „jenes“. Das mangelnde Gewahrsein, mit dem wir nicht wissen, wie sie existieren, begleitet die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von ihnen. 

Konzeptuelle Wahrnehmung folgt unmittelbar darauf. Sie fabriziert und projiziert Erscheinungen von Formen und Farben als Objekte mit wahrhaft existierenden Identitäten als „diese“ oder „jene“, wie unsere gewöhnlichen Körper. Gleichzeitig erfassen wir sie auf widersprüchliche Weise, als tatsächlich wahrhaft existierende Objekte mit wahrhaft existierenden Identitäten. 

Weil die nichtkonzeptuelle sensorische Wahrnehmung so schnell erfolgt, sind wir uns normalerweise nicht über sie bewusst. Unsere normale Wahrnehmung unserer gewöhnlichen Körper ist daher konzeptuell, trotz unseres Irrglauben, dass wir tatsächlich „sehen“, was unser konzeptueller Geist erscheinen lässt. Auf diese Weise sind unsere gewöhnlichen Körper in der Regel mit störenden Emotionen und Geisteshaltungen gegenüber ihnen verbunden, was unseren Fokus auf deren Leerheit beeinflussen kann. Auch wenn wir in der Lage sind, nichtkonzeptuelle sensorische Wahrnehmung zu bewahren, bleiben wir unbewusst darüber, wie das, was wir wahrnehmen, tatsächlich existiert. 

Sich auf die Leerheit unserer Erscheinungen als Buddha-Gestalten zu richten, die bereits mit einem Verständnis deren Leerheit erzeugt wurden, minimiert die Gewahr, von störenden Emotionen und Geisteshaltungen oder von mangelndem Gewahrsein beeinflusst zu werden. Daher ist sie weniger trügerisch. Das trifft zu, ob unsere Wahrnehmung deren Leerheit nun konzeptuell oder nichtkonzeptuell ist. 

Buddha-Gestalten sind stabiler

In den Nicht-Gelug-Systemen wird nicht der Gelug-Begriff „so genannte statische nichtstatische Phänomene“ benutzt. Stattdessen benutzt man dort oft den Begriff „nichtbeeinflusste Phänomene“ (tib. ‘dus ma-byas, bedingungslos) oder „immerwährende Phänomene“ (tib. rtag-pa, beständig) mit der gleichen Bedeutung. Die Erscheinungen von Buddha-Gestalten sind stabilere Objekte für den Fokus in der Leerheitsmeditation, als die Erscheinungen unserer gewöhnlichen Körper, weil sie unbeeinflusst durch das Altern, den Hunger oder Schmerzen sind und weil sie für immer andauern. 

Buddha-Gestalten sind subtiler

Wenn wir unsere gewöhnlichen Körper sehen, fokussieren wir uns auf die Formen und Farben, die unsere nichtkonzeptuelle sensorische Wahrnehmung hervorbringt. Fast unmittelbar darauf nehmen wir jedoch die Formen und Farben durch den Filter der Erscheinung eines wahrhaft existierenden Körpers wahr, den unsere konzeptuelle Wahrnehmung fabriziert und darüberlegt. Obgleich das, was wir wahrnehmen, konzeptuell ist, glauben wir, dass wir tatsächlich „sehen“, was uns erscheint. 

Weil wir durch unseren konzeptuellen Geist die ungereinigten Erscheinungen von uns als Buddha-Gestalten erzeugen, sind wir uns viel leichter darüber im Klaren, dass ihnen die wahre Existenz fehlt, mit der sie uns erscheinen. 

Ferner scheinen sie nie mit wahrer Existenz zu existieren, weil gereinigte Erscheinungen von uns als Buddha-Gestalten gleichzeitig mit der Wahrnehmung ihrer Leerheit entstehen, die jenseits von Worten und Konzepten ist. Darüber hinaus scheinen sie nie getrennt von ihrer Leerheit oder dem Geist zu existieren, der sie hervorbringt. Obwohl das auch für die gereinigten Erscheinungen von uns in unseren gewöhnlichen menschlichen Formen gilt, werden solche Formen nicht zu den physischen Körpern eines Buddhas, wenn wir alle flüchtigen Makel oder Schleier beseitigen. 

(4) Besondere Ebene der geistigen Aktivität 

Die Sakya- und Kagyü-Traditionen vertreten das gleiche grundlegende Schema der drei Ebenen geistiger Aktivität, wie die Gelug. Nyingma unterscheidet hingegen zwei Ebenen geistiger Aktivität: 

  1. begrenztes Gewahrsein (tib. sems, „Sem“)
  2. reines Gewahrsein (tib. rig-pa, „Rigpa“).

Begrenztes Gewahrsein umfasst die ersten zwei üblichen Anuttarayoga-Kategorien. Auf diese Weise ist nicht nur sensorische und gewöhnliche geistige Wahrnehmung begrenztes Gewahrsein, sondern auch yogische nichtkonzeptuelle Wahrnehmung. Rigpa hingegen umfasst in seinen verschiedenen Aspekten die Ebene des klaren Lichts. Wir halten uns hier an das Klassifizierungsschema des allgemeinen Anuttarayoga und nutzen lediglich den Begriff „Geist des klaren Lichts“ für die subtilste Ebene geistiger Aktivität. 

Die Nicht-Gelug-Traditionen stimmen der Gelug-Tradition zu, dass nur im Anuttarayoga-Tantra die subtilste Ebene der geistigen Aktivität, der Geist des klaren Lichts, genutzt wird, um Leerheit wahrzunehmen. Im Bodhisattva-Sutra und den drei niederen Tantra-Klassen bedient man sich der yogischen nichtkonzeptuellen Wahrnehmung, einer Art der subtilen geistigen Aktivität, nicht der subtilsten. Somit gibt es im Tantra eine spezielle Ebene der geistigen Aktivität zum Wahrnehmen der Leerheit, doch nicht alle Tantra-Klasse nutzen sie. 

Abschließende Punkte bezüglich der Leerheit in Sutra und Tantra

Die Nicht-Gelug-Traditionen unterscheiden zwei Stufen jeder der vier Tantra-Klassen in Bezug darauf, ob die Praxis mit oder ohne die Wahrnehmung der Leerheit einhergeht. Auf jeder ersten Stufe fehlt diese Wahrnehmung, während es sie auf der zweiten gibt. 

Die Bedeutung ist hier, dass die Praktizierenden auf der ersten Stufe einer jeden nur die Wahrnehmung fassbarer Leerheit haben. Auf der zweiten Stufe erlangen sie die Wahrnehmung nicht fassbarer Leerheit als einen ontologischen Zustand (Selbstleerheit), einen kognitiven Zustand (Anderesleerheit) oder beides. Das ist so, weil es auf der ersten Stufe nur konzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit gibt, während die zweite nichtkonzeptuelle Wahrnehmung einbringt. 

Auch wenn wir nicht fassbare Leerheit jenseits von Worten und Konzepten konzeptuell verstehen, können wir uns auf der ersten Stufe der Praxis nur durch eine konzeptuelle Kategorie, die sie repräsentiert, auf sie fokussieren, was keinesfalls eine korrekte Vorstellung sein kann. In den meisten Fällen wäre es tatsächlich die geistige Repräsentation einer Abwesenheit von Worten und Konzepten. 

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