Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Ein kurzer Kommentar zu den „siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“

(tib. rGyal-sras lag-len so-bdun-ma)
von Togmey-zangpo (tib. Thogs-med bzang-po)

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Übersetzt und gekürzt von Alexander Berzin, 1983
Zweite überarbeitete Ausgabe, März 2006

Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Dritter Tag: Verse 8 bis 37

Sich unserer Motivation vergewissern und zusammenfassende Rückschau

Betrachten Sie all die Menschen um sich herum: Egal ob sie nah oder fern sind, arm oder reich, wir alle sind uns darin gleich, dass wir uns nach Glück sehen und kein Leid erfahren wollen. Das kann man am besten dadurch erreichen, dass man sich im Dharma übt. Wir haben voll ausgestattete menschliche Körper, sind den vollständigen Lehren der ethischen Disziplin, des Mahayanas und des Tantras und auch gut qualifizierten Gurus begegnet. Deshalb müssen wir eine vollständige Mahayana-Motivation in uns hervorbringen, die darauf abzielt, all unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen zu beseitigen, und alle guten Qualitäten zu verwirklichen und Erleuchtung zu erreichen.

Der wesentliche Punkt ist, dass man ein warmes und gütiges Herz entwickelt. Dies ist die Wurzel allen Glücks – für uns selbst und für die anderen, sowohl oberflächlich als auch letztendlich. Ein gutes Herz ist die Wurzel des Bodhichitta-Entschlußes, der uns die Erleuchtung und damit auch die Fähigkeit verwirklichen lässt, allen Lebewesen zum Glück zu verhelfen. Daher müssen wir, so gut wir es können, ein gütiges Herz entwickeln.

Sprechen Sie bitte nicht einfach nur Worte aus wie: „Möge ich ein gütiges Herz entwickeln.“ Wir müssen uns vielmehr darin trainieren, und wir müssen die einzelnen Stufen üben, durch die wir ein gutes Herz verwirklichen können. Wir müssen die Methoden kennenlernen und sie dann in die Praxis überführen. Die vollständigen Dharmalehren finden sich in den hundert Bänden der Kangyur – den Worte des Buddha und in den zweihundert Bänden der Tengyur – den Kommentare der indischen Meister. Der wichtigste Lama, der den gesamten Stufenpfad des Geistestrainings und die „ Reinigung unserer Geisteshaltungen“ nach Tibet brachte, war Atisha. Seine „Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ (tib. Lam-sgron, Skt. Bodhipathapradita) ist die Wurzelquelle dieses Textes, der „Siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“. Da der Text der „Siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“ kurz und leicht verständlich ist, sollten wir versuchen, ihn zu verstehen, und dann versuchen, ihn oft zu rezitieren, über seine Bedeutung nachzudenken und in zu praktizieren.

Hören Sie bitte den weiteren Erklärungen zu diesem Text gut zu. Als erstes müssen wir erkennen, wie kostbar unser menschlicher Körper ist, und daran denken, dass wir ihn gut nutzen müssen. Da es feststeht, dass wir sterben werden und unseren Körper verlieren werden, müssen wir uns von unserer Besessenheit mit diesem Leben abwenden, und uns schrittweise auch von unserer Besessenheit in Bezug auf zukünftige Leben abwenden.

Hierzu müssen wir anfänglich über den Tod und über die Vergänglichkeit nachdenken, und daran, dass wir nach unserem Tod in einem der drei schlimmen Wiedergeburtszustände wiedergeboren werden könnten. Wir können weder die gefangenen Wesen der freudlosen Bereiche (der Höllen) noch die Klammergeister (hungrigen Geister) sehen, doch wir kennen die Tiere und ihr Leiden. Wir sehen, wie sie misshandelt werden, wie ihre Arbeitskraft ausgebeutet wird, wie sie in grausamer Weise für medizinische Experimente benutzt werden, wie man ihr Leben opfert, um ihr Fleisch zu essen, und so weiter. Im Buddhismus müssen wir ihnen gegenüber Güte entwickeln. In anderen Religionen denkt man, dass Tiere zu töten nicht viel anders ist, als einen Baum zu fällen oder Gemüse zu ernten. Im Buddhismus ist es dagegen anders. Wir vergegenwärtigen uns das Leiden der Tiere und machen uns klar, dass wir leicht selbst als ein Tier wiedergeboren werden könnten.

Die Person, die den Pfad lehrte, mit Hilfe dessen man es vermeiden kann, als ein Tier wiedergeboren zu werden, ist der vollkommen erleuchtete Buddha. Er lehrte den Pfad der Ursachen und Wirkungen des Verhaltens, d h. er lehrte, welche Handlungen aufzugeben und welche zu entwickeln seien. Wir sollten versuchen, so viel wie möglich von den vollkommenen Lehren des Buddha zu lernen, da sie vollkommen fehlerlos sind und eine vollkommen sichere und verlässliche Richtung im Leben bieten. Wie wir gestern gesagt haben sind der Buddha, der Dharma und der Sangha die drei Juwelen der sicheren Ausrichtung. Nur diese drei Juwelen bieten uns eine unfehlbare, sichere, geschützte, stabile Ausrichtung im Leben. Es ist nichts Falsches daran, sich an weltliche Götter, wie auch an Freunde, zu wenden, die man um Hilfe bittet. Falsch dagegen ist es, die letztendliche Zuflucht bei ihnen zu suchen.

Sehen Sie sich die Mönche in den Klöstern Thailands und Burmas an; sie sind wirklich hervorragend. In ihren Tempeln haben sie nur Darstellungen von Buddha Shakyamuni und sonst von niemandem. In tibetischen Tempeln mag es zwar ein Bild von Buddha Shakyamuni geben, doch darüber hinaus finden sich dort auch verschiedene exotisch aussehende Beschützer und so weiter. In Japan gibt es fast nur Bilder der Hauptlehrer und fast keine Darstellungen von Buddha Shakyamuni. Natürlich gibt es die Tatsache, dass der Buddha untrennbar von den Gurus ist, und dass er in zahlreichen Formen erscheint, doch das hier ist etwas anderes. Der Punkt ist, dass die erste Person, der wir uns zuwenden müssen, um Inspiration und einen erleuchtenden Einfluss zu erlangen, der Buddha Shakyamuni ist. Oft werden wir kritisiert, indem gesagt wird, dass wir Tibeter den Buddha völlig vergessen haben und bloß vor den Bildern von Beschützern unsere Trommeln schlagen. Dies wäre sehr gefährlich; seien Sie also bitte vorsichtig. Doch genug zu diesem Punkt.

Was das Sangha-Juwel angeht, ist die Praxis in Thailand und Burma ebenfalls hervorragend. Die Mönche werden mit großem Respekt behandelt und von den Haushältern unterstützt und mit Almosen beschenkt. Dies ist ausgezeichnet. Oft haben die Menschen das Gefühl, dass es tatsächlich nur zwei Juwelen der sicheren Richtung gibt: Den Buddha und den Dharma. Der Sangha wird als unnötig angesehen. So denken einige Menschen, dass wir den Sangha vergessen könnten. Niemand muss ein Mönch oder einen Nonne werden, doch jeder sollte seine eigenen geistigen Neigungen prüfen. Wenn es uns liegt, dann ist es am besten, wenn wir uns ordinieren lassen. Zumindest sollte man Mönche und Nonnen nie kritisieren. Wir sollten nur uns selbst prüfen und kritisieren. Der Sangha ist deshalb sehr wichtig, weil wir Vorbilder benötigen, und weil der Sangha die Lehren des Buddha symbolisiert. Wir sollten sehr vorsichtig mit unserem Karma sein, und mit dem, was wir sagen und tun.

Auf destruktives Verhalten verzichten

(8) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
nie irgendwelche negativen Handlungen zu begehen,
Sogar um den Preis seines eigenen Lebens,
Da der fähige Weise erläutert hat,
dass die Leiden der schlechten Wiedergeburtszustände,
Die aus den negativen Handlungen resultieren,
äußerst schwer zu ertragen sind.

In einfachen Worten ausgedrückt: Wenn wir Gutes tun, dann entsteht daraus Gutes. Wenn wir dagegen Schlechtes tun, dann entsteht daraus Schlechtes. Es ist sehr einfach. Die Wirkung erfolgt in derselben Kategorie wie die Ursache. Es gibt hierzu keine Ausnahmen. Allerdings können kleine Ursachen zu Erfahrungen mit großen Wirkungen führen.

Auch was das Schicksal ganzer Länder angeht, kommen alle schrecklichen Dinge, die sich ergeben können, durch die negativen Kräfte zustande, die durch vergangene destruktive Handlungen aufgebaut worden sind. In Tibet beispielsweise hatten wir manchmal Zeiten der Dürre und der Missernten; manchmal gab es Kriege, Invasionen und so weiter. All diese Dinge werden durch unsere eigenen vergangenen destruktiven Handlungen und unseren Mangel an positiver Kraft verursacht.

Wenn wir durch unsere vergangenen Handlungen nicht das geringste Maß an positiver Kraft aufgebaut haben, dann wird nichts von dem, was wir tun, gute Bedingungen hervorbringen. Daher sollten wir uns immer das Glück der anderen wünschen. Dies gilt auch in Bezug auf die Chinesen: Wir können ihnen nur Gutes wünschen. Wir sollten ihnen nicht wünschen, dass ihnen Schlechtes widerfährt. Was sie erleben werden, wird das Ergebnis ihrer eigenen Handlungen sein.

Destruktives Verhalten entsteht aus unseren störenden Emotionen und Geisteshaltungen; und indem wir uns in dieser Weise verhalten, bauen wir negative Kraft auf, die uns nichts als Leiden bringt. Destruktive Handlungen können mit dem Körper, der Rede oder dem Geist ausgeführt werden. Ein Beispiel für eine destruktive Handlung des Körpers wäre beispielsweise das Töten, das darin besteht, dass wir das Leben von irgendeinem Lebewesen beenden, von einem Menschen bis hin zu einem Insekt. Es ist äußerst negativ zu töten, daher sollten wir uns davon so sehr wir können zurückhalten.

Alle Wesen haben ein gleiches Recht darauf zu leben; alle Wesen hängen genauso an ihrem Leben wie wir selbst es tun. Wenn wir uns an einem Dorn in den Finger stechen, dann sagen wir „Aua, es tut mir weh!“ Alle Wesen empfinden dies in derselben Weise. Es ist besonders schlimm, Tieropfer zu veranstalten; in einigen Ländern wird dies weiterhin getan. In der Vergangenheit wurde dies in Kinnaur, Spiti, an einigen Orten in Nepal und sogar in einigen Bezirken in Tibet getan. Die Menschen dort nehmen in einer oberflächlichen Weise Zuflucht zu mir, dem Dalai Lama, und opfern dann Tiere. Dies ist sehr schlimm. Wenn man das Mantra des Mitgefühls rezitiert, „Om mani padme hum“ , und doch ein Tier opfert, dann wird dies niemals, niemals zu etwas Gutem führen.

Als Nächstes kommt das Stehlen. Auch dies ist sehr negativ. Ein unangebrachtes Sexualverhalten zu haben bedeutet, mit dem Ehepartner oder dem unehelichen Partner einer anderen Person ein Verhältnis zu haben und hierin nichts Verkehrtes zu sehen. Wenn wir die historische Literatur betrachten, können wir feststellen, dass die meisten Streitigkeiten und Kämpfe in königlichen Familien aufgrund sexuellen Fehlverhaltens entstanden sind. Es ist etwas sehr destruktives.

Als Nächstes kommt das Lügen. Auch dies ist extrem negativ. Natürlich ist es etwas anderes, zu lügen, um dadurch das Leben einer anderen Person zu schützen, doch wir sollten immer ehrlich sein. Wenn wir lügen bringt dies immer Unglück. Wir leben dann in der Angst, dass jemand alles herausfindet. Lügen führt stets dazu, dass wir uns sehr unbehaglich und unruhig fühlen, nicht wahr?

Als Nächstes kommt die entzweiende Rede, die andere dazu bringt, unfreundlich miteinander umzugehen und sich zu entzweien. Wir hören beispielsweise etwas Negatives über jemanden und verbreiten es dann. Dies ist sehr destruktiv. Wir müssen versuchen, die Menschen zusammenzubringen. Wenn Menschen zusammen leben und zusammen arbeiten, dann ist das gegenseitige Vertrauen, dass sie ineinander haben, die Grundlage für Harmonie. Die Chinesen zum Beispiel sprechen davon, dass sie einander alle Kameraden seien, doch dies gilt für sie nur am Diskussionstisch. Draußen dagegen teilen sie noch nicht einmal eine Handseife miteinander. Dies liegt daran, dass sie einander nicht trauen; sie haben kein Vertrauen zueinander. Und dies kommt daher, dass sie bei anderen Menschen Zwietracht gesät haben. Benutzen Sie daher nie die entzweiende Rede.

Als Nächstes kommt die verletzende Rede, wenn man andere Menschen mit Schimpfworten wie „Bettler“ und so weiter bezichtigt. Dies verletzt ihre Gefühle: Es bringt überhaupt kein Glücksgefühl hervor. Geschwätz bedeutet, dass man tratscht und ständig unbedeutendes Zeug dahinredet; es ist ein vollkommener Zeitverlust.

Dann kommt das begehrende Denken. Jemand anderes besitzt etwas Nettes, dass wir selbst gerne haben würden. Dann laufen wir herum und konzentrieren unsere ganze Aufmerksamkeit auf dieses Objekt und wünschen uns nur noch, auch so etwas Schönes zu besitzen. Wenn wir nicht acht geben, können wir vor lauter begehrendem Wunschdenken blind in eine Mauer hineinlaufen!

Als Nächstes kommt das böswillige Denken. Auch dies ist sehr negativ. Es macht uns bloß unglücklich. Normalerweise schadet es nicht der anderen Person; es schadet nur uns selbst. Es ist äußerst selbstzerstörerisch, wenn wir gegen jemanden Groll hegen oder anderen Schlechtes wünschen. Schwierigkeiten können wir nie lösen, indem wir einen Groll hegen. Wir können Schwierigkeiten nur durch Mitgefühl, Liebe und Geduld lösen. Hegen Sie daher bitte nie irgendwelche Animositäten.

Als Letztes kommt das verzerrte, feindselige Denken: Man bestreitet die Realität oder das, was wahr ist, oder man schafft sich geistig etwas, das nicht existiert oder falsch ist.

Diese Dinge, vom Töten bis zum verzerrten, feindseligen Denken, sind die zehn destruktiven Handlungen. Wir müssen ihre Nachteile verstehen und uns von diesen Handlungen zurückhalten. Die tatsächliche Praxis ist, dass wir uns mit einer bewussten Anstrengung und freudigem Enthusiasmus vom Töten, Lügen und so weiter abhalten, da wir die Nachteile erkennen, die sie uns bescheren. Selbst wenn wir diese Verhaltensweisen nicht vollkommen einstellen können, müssen wir versuchen, sie so sehr wie möglich zu reduzieren. Das destruktive Handeln zu reduzieren ist eine Konsequenz, die sich aus dem Einschlagen einer sicheren Ausrichtung im Leben ergibt.

Nun kommen die Lehren, denen wir dann folgen, wenn wir eine mittlere Ebene der Motivation entwickelt haben.

Auf die Befreiung hinarbeiten

(9) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
mit leidenschaftlichem Interesse am höchsten,
sich nie verändernden Zustand der Befreiung zu arbeiten,
Da die Freuden der drei Ebenen der zwanghaften Existenz
Phänomene sind,
Die in einem einzigen Augenblick vergehen,
Gleich den Tautropfen auf den Spitzen von Grashalmen.

Ganz gleich wo wir innerhalb der drei Bereiche der zwanghaften Existenz wiedergeboren werden: Es ist lediglich so, als befänden wir uns auf den verschiedenen Etagen eines brennenden Gebäudes. Leiden gibt es hier überall, daher müssen wir uns mit allen Mitteln davon befreien. Samsara, die unkontrollierbar wiederkehrende Existenz, bezieht sich auf die leidenden Aggregate, die mit Verwirrung vermischt sind, die wir uns selbst durch Karma und störende Emotionen and Geisteshaltungen beschert haben. Wir müssen hierüber nachdenken. Obwohl wir eine kostbare menschliche Wiedergeburt erlangt haben, werden wir, wenn wir unter der Macht des Karma und der störenden Emotionen stehen und keine Unabhängigkeit haben, nur noch mehr Leiden für uns selber schaffen. Daher müssen wir versuchen, uns von diesen wiederkehrenden Syndromen zu befreien. Alles, was uns an weltlichen Dingen angenehm erscheint, wird nicht ewig andauern: Das Angenehme ist bloß oberflächlich und temporär. Wir können jederzeit in den Zustand einer schlimmeren Wiedergeburt fallen.

Wenn unsere Leiden aus den Aggregaten unserer körperlichen und geistigen Fähigkeiten entstehen, die unter der Kraft des Karma und der störenden Emotionen stehen, wohin können wir dann vor unseren eigenen Aggregaten noch fliehen, die mit Verwirrung vermischt sind? Denken Sie bitte darüber nach. Wenn unsere Aggregate selbst von Natur aus mit Leiden verbunden sind, wie können wir ihnen dann entrinnen?

Die Quelle des Leidens sind unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen, von denen die wichtigsten die Anhaftung und die Abneigung sind. Sie entstehen beide aus der Unwissenheit (Ignoranz) – aus der Unwissenheit, die sich an der verkehrten Sichtweise festklammert, dass es eine inhärente Existenz gäbe. Man sollte dagegen das Gegenmittel zu dieser Unwissenheit kultivieren. Das Gegenmittel ist die entgegengesetzte Sichtweise, dass es überhaupt keine inhärente Existenz gibt. Indem wir uns an diese Sichtweise gewöhnen und uns immer vertrauter mit ihr machen, überwinden wir schrittweise unsere Unwissenheit.

Die Flecken der Unwissenheit, die den Geist bedecken, sind flüchtig: Sie können entfernt werden. Die Unwissenheit, mit der wir uns an die Vorstellung einer wahren Existenz klammern und die Einsicht, dass es keine wahre Existenz gibt: Beide zielen auf dasselbe Objekt ab. Wenn also einer dieser beiden Geisteszustände in uns besteht, dann kann unmöglich zugleich auch der andere bestehen. Dies ist der Grund dafür, dass das unterscheidende Gewahrsein der Leerheit (auch „ unterscheidende Weisheit der Leerheit“ genannt) als Gegenkraft zur Unwissenheit fungiert. Mit diesem unterscheidenden Gewahrsein befreien wir uns von der Anhaftung und der Abneigung, und erlangen so die Befreiung vom Leiden.

Einige sagen, dass die Anhaftung und die Abneigung bzw. die Feindseeligkeit natürlich seien, dass sie ein Teil der Natur des Geistes seinen. Sie sagen, dass ein Mensch nicht lebendig wäre, wenn er keine solchen Gefühle hätte. Dem entgegnen wir: Wenn diese Gefühl der Anhaftung und der Feinseligkeit ein fester Bestandteil der Natur des Geistes wären, dann müssten sie – genau wie das bloße Gewahrsein und die bloße Klarheit, die wir als die Natur des Geistes ansehen – immer präsent sein. Wir sehen aber, dass die Wut beruhigt werden kann und dass sie nicht ewig anhält. Die Ansicht, dass diese Emotionen ein natürlicher Teil des Lebens seien und dass Empfindungen von Anhaftung und Abneigung zur Natur des Geistes gehören, ist also falsch.

Um die zwei Wahrheiten zu erkennen, brauchen wir also das unterscheidende Gewahrsein: Vom tiefsten Gesichtspunkt aus gesehen ist alles leer von einer wahren Existenz, und doch ist es konventionell gesehen nie falsch zu sagen, dass alles in Abhängigkeit entsteht. Dies ist die Schulung im außergewöhnlichen unterscheidenden Gewahrsein, und um sie zu verwirklichen brauchen wir als Grundlage die Schulung in der außergewöhnlichen Konzentration, damit unser Geist nicht abschweift und so weiter. Um wiederum die Konzentration zu verwirklichen, brauchen wir die Schulung in der außergewöhnlichen ethischen Selbstdisziplin. In dieser können wir uns entweder entsprechend den ethischen Regeln eines Mönches, einer Nonne oder eines Haushälters üben. Es gibt beispielsweise die Gelübde eines Haushälters, die fünf Gelübde eines Laien. Es ist wichtig, zumindest diese einzuhalten. Es ist also notwendig, die Drei höheren Schulungen zu praktizieren.

Als nächstes kommen die Lehren für den Zeitpunkt, an dem wir einen fortgeschrittenen Grad der Motivation erlangt haben.

Eine Bodhichitta-Ausrichtung entwickeln

(10) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
die Bodhichitta-Ausrichtung zu entwickeln,
Die darauf abzielt, alle zahllosen Wesen zu befreien;
Denn wenn unsere Mütter, die seit anfangsloser Zeit
gütig zu uns gewesen sind, leiden,
Was können wir dann (bloß) mit unserem eigenen Glück anfangen?

Alle begrenzten Wesen, die sich im ausgedehnten Himmelsraum befinden, wünschen sich, glücklich zu sein und nicht zu leiden, genau wie wir selbst es tun. Die Lebewesen sind so zahlreich. Wenn wir sie ignorieren und nur an uns selbst denken, dann ist das armselig – ohne davon zu sprechen, dass es auch unfair ist. Wir sollten uns selbst auf die eine Seite stellen und alle anderen Lebewesen auf die andere Seite. Wir alle wünschen uns Glück und nicht das Leiden. Der einzige Unterschied ist, das wir selbst nur eine Person sind, während die anderen Wesen unzählig sind. Wer würde es da als fair oder vernünftig ansehen, sich zu Ungunsten aller anderen Wesen nur einer einzigen Person zu widmen?

Das Wünschen und Wirken der Bodhisattvas zielt ausschließlich auf das Glück der anderen Lebewesen ab. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass sie die Erleuchtung erlangen; doch zudem werden sie, während sie sich auf dem Pfad zur Erleuchtung befinden, nicht unglücklich. Umso härter sie für die anderen Lebewesen arbeiten und umso mehr sie sich selbst zurückstellen, desto glücklicher werden sie, was sie dazu ermutigt, noch härter zu arbeiten. Wenn wir dagegen nur für unsere eigenen Zwecke arbeiten und die anderen ignorieren, dann ist das einzige, was wir uns damit bescheren, dass wir unglücklich werden und ein Gefühl der Unzufriedenheit und Entmutigung empfinden. Es ist lustig, dass es sich das so verhält. Daher müssen wir versuchen, unsere Selbstbezogenheit zu reduzieren und unsere Zuwendung zu anderen Lebewesen so sehr wie möglich zu steigern. Hierbei werden wir feststellen, dass wir so auch zu glücklicheren Menschen werden.

Wenn wir nur für das Wohl der anderen arbeiten, wie es im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ beschrieben wird, dann werden wir nie Angst davor haben, wo oder in welchen Umständen wir wiedergeboren werden könnten. Wo auch immer wir uns wieder finden, werden wir für das Wohl der anderen arbeiten. Nagarjuna betonte denselben Punkt in seiner „Kostbaren Girlande“. Nur für das Wohl anderer zu arbeiten und unsere eigenen Absichten zu ignorieren – dies ist die Weise, in der wir die Buddhaschaft erlangen können.

Wir sagen von uns, dass wir dem Mahayana angehören, doch wie Tsongkhapa sagte, müssen wir zuerst einmal eine Mahayana-Persönlichkeit entwickelt haben, um als ein Mitglied des Mahayana angesehen werden zu können. Deshalb müssen wir für das Wohl der anderen arbeiten. Wenn wir uns umsehen, wie wir den anderen dienen können, und wenn wir einen Bodhichitta-Entschluss entwickeln, dann werden die Dinge automatisch allen nutzen. Daher müssen wir der Philosophie und der Praxis des Mahayana so gut wie möglich folgen. Verstehen Sie, was ich meine?

Nun zur Frage: Was ist ein Bodhisattva? Ähnlich wie ich es vorher in Bezug auf das Wort „Buddha“ erklärt habe, lautet die erste Silbe des tibetischen Wortes, d.h. die Übersetzung von „bodhi“, „ jang“ (tib. byang), was soviel bedeutet wie „Fehler beseitigen“, während die zweite Silbe des tibetischen Wortes, „chub“ (tib. chub), das Verwirklichen aller guten Qualitäten bezeichnet. Eigentlich gibt es zwei „ bodhis“ , d.h. zwei Arten eines von Fehlern bereinigten Zustandes. Das „bodhi“, um das es hier geht, bezieht sich nicht auf den Zustand niedriger Reinheit der Arhats, sondern auf den höheren Zustand der Erleuchtung eines Buddha. „Sattva“ bezieht sich auf eine Person, deren Geist auf das Erreichen dieses höheren Zustandes der Reinheit, auf die Erleuchtung, gerichtet ist, und die durch das Erlangen der Erleuchtung allen Lebewesen dienen möchte.

Wir müssen also zwei Ziele gleichzeitig verfolgen. Wir müssen uns zum Ziel nehmen, den begrenzten Wesen zu helfen, und wir müssen uns die Erleuchtung zum Ziel nehmen, um den Wesen bestmöglich helfen zu können. Und genau dies ist der Bodhichitta-Entschluss, den wir entwickeln müssen. Wie entwickeln wir einen solchen Entschluss?

Sich selbst mit den anderen austauschen

(11) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
unser persönliches Glück in einer reinen Weise
mit dem Leiden der anderen Wesen auszutauschen,
Da (all) unsere Leiden, ausnahmslos, aus unserer Sehnsucht
nach unserem persönlichen Glück entstehen,
Während ein voll erleuchteter Buddha
durch eine Geisteshaltung geboren wird,
Die anderen Wesen Gutes wünscht.

Wie kommt es, dass alles Leiden daraus entsteht, dass wir uns nur nach unserem eigenen Glück sehnen? Es kommt daher, das uns ein so egozentrischer Wunsch dazu verleitet, zahlreiche destruktive Handlungen zu begehen, um unser eigennütziges Ziel zu erreichen. Und diese destruktiven Handlungen wiederum führen dazu, dass wir leiden. Die Buddhaschaft dagegen erreichen wir, wenn wir den anderen Lebewesen helfen. Deshalb müssen wir unsere geistige Einstellung ändern. Statt uns unser persönliches Glück zu wünschen und das Leiden der anderen zu ignorieren, müssen wir uns nur das Glück der anderen wünschen und uns selbst nicht beachten.

Um dies zu verwirklichen üben wir uns in der Praxis, die als „Geben und Nehmen“ (tib. tonglen) bekannt ist: Wir nehmen das Leiden der anderen auf uns und geben ihnen unser Glück. Als Hilfe bei dieser Übung gibt es sehr gute und nützliche Visualisierungen, zum Beispiel: Auf der rechten Seite visualisieren wir uns selbst, in unserer gewöhnlichen Form, wie wir uns voller Egoismus nur unser eigenes Glück wünschen. Auf der linken Seite visualisieren wir die Unendlichkeit zahlloser Wesen, die sich alle nach Glück sehnen. Betrachten wir dieses geistige Bild aus der Distanz, wie ein Zeuge oder ein Richter, und fragen wir uns: „Wer ist wichtiger? Diese eine selbstsüchtige Person hier auf der einen Seite oder alle anderen Lebewesen?“ Überlegen Sie, welcher Seite Sie den Vorzug geben würden. Auf wessen Seite würden Sie sich stellen? Auf die Seite dieser selbstsüchtigen Person oder auf die Seite all dieser leidenden Wesen, die ebenfalls das Glück verdienen? Übungen wie diese hier und weitere, die im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ erwähnt werden, sind sehr nützlich.

Das Verhalten eines Bodhisattva: Wie man damit umgeht, wenn einem Leid zugefügt wird

(12) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
unseren Körper, unsere Ressourcen
und unsere konstruktiven Handlungen der drei Zeiten
Einer Person zu widmen,
die unter dem Einfluss großer Begierde steht
Und daher unseren Reichtum stiehlt
oder andere veranlasst dies zu tun.

Nun haben wir einen Bodhichitta-Entschluss entwickelt. Um allerdings die Erleuchtung zu erlangen, müssen wir uns im Verhalten eines Bodhisattvas üben. Wenn uns jemand bestiehlt, dann besteht die Gefahr, dass wir wütend werden. Wenn wir aber Dharma üben, um die Erleuchtung zu erlangen, und alles, was wir haben, an andere weggeben, dann haben wir hierdurch den sogenannten Dieb eigentlich schon zum rechtmäßigen Besitzer unseres Eigentums gemacht. Er hat diese Dinge jetzt genommen, weil sie tatsächlich bereits ihm gehören. Daher sollten wir ihm nicht nur die Dinge schenken, die er genommen hat, oder von denen er denkt, er habe sie uns gestohlen, sondern wir sollten ihm auch unseren Körper und all unsere konstruktiven Handlungen der drei Zeiten widmen.

(13) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, dass wir selbst dann,
Wenn uns jemand den Kopf abschlägt,
Ohne dass wir irgendetwas Falsches getan hätten,
Die negativen Konsequenzen dieser Handlung
durch die Kraft des Mitgefühls auf uns selbst nehmen.

Wenn andere uns Leid zufügen, sollten wir Mitgefühl mit ihnen haben, und all die Leiden und all die Schädigungen akzeptieren, die uns andere zugefügt haben.

(14) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, auch wenn jemand
In Tausenden, Millionen oder Milliarden von Welten
Alle möglichen unangenehmen Dinge über uns verbreiteten sollte,
Im Gegenzug voller Liebe von seinen guten Eigenschaften zu sprechen.

Wenn andere uns beschimpfen oder Schlechtes über uns sagen, sollten wir nicht im selben Ton erwidern. Antworten Sie nie mit gehässigen Worten und sprechen Sie nur freundlich über sie, wie Shantideva es im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ erklärt hat.

(15) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
dass wir uns respektvoll vor einer Person verneigen,
Die unsere Fehler bloßlegt oder schmutzige Sachen über uns sagt,
Während wir uns inmitten einer Versammlung
von zahlreichen wandernden Wesen befinden,
Und dass wir (diese Person als unseren) spirituellen Lehrer erkennen.

Auch wenn andere uns öffentlich demütigen oder in Verlegenheit bringen, sollten wir uns verhalten, wie es in den Methoden der Reinigung der Geisteshaltungen (Geistestraining) erklärt wird. Wenn andere uns abschätzig behandeln oder uns auf unsere Fehler aufmerksam machen, sind sie in Wirklichkeit unsere Lehrer. Daher sollten wir ihnen dafür danken, dass sie uns auf unsere Mängel aufmerksam machen und ihnen gegenüber sehr respektvoll sein.

(16) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, für einen Menschen,
Um den wir uns einst gekümmert haben,
den wir wie unser eigenes Kind geliebt haben,
Auch dann besondere Zuneigung zu empfinden,
wenn dieser Mensch uns nun als seinen Feind betrachtet,
Und zwar in der Weise wie eine Mutter ihrem Kind,
das von einer Krankheit heimgesucht wird, Zuneigung schenkt.

Wenn ein Kind ungezogen ist, während es krank ist, dann wird seine Mutter es auch weiterhin lieb haben, egal wie übel das Kind sich verhält. Dies ist die Art, in der wir alle Wesen betrachten sollten.

(17) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Sogar eine Person, die uns gleichsteht
oder die niedriger steht als wir,
Und die (uns) aufgrund ihrer starken Arroganz
in beleidigender Weise behandelt,
Auf die Spitze unseres Hauptes zu erheben,
wie einen Guru.

Dasselbe gilt, wenn andere mit uns in Konkurrenz treten wollen. Wir sollten uns in Geduld üben. Wie es im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ heißt, könnten wir keine Geduld entwickeln, wenn wir keine Feinde hätten. Daher brauchen wir jemanden, der uns auf die Nerven geht, damit wir dieser Person gegenüber eine tolerante Haltung entwickeln können. Wir können keine Geduld entwickeln, wenn unser Geist sich unseren Gurus oder einem Buddha zuwendet. Hierfür brauchen wir einen Feind, dem wir unseren Geist zuwenden können.

Ich kann denke da zum Beispiel an mich. Wenn jemand in einer Zeitung oder sonst wo den Dalai Lama als einen „kraftlosen Flüchtling“ und so weiter bezeichnet, dann muss ich, wenn ich ehrlich üben will, dieser Person gegenüber Geduld entwickeln. Da wir einen Lehrer brauchen, der uns die Geduld beibringt, ist jemand, der uns feindlich gesinnt ist oder der uns hasst, als solch ein Lehrer sehr wichtig.

Wenn wir in einer tiefgründigen Weise darüber nachdenken, erkennen wir, dass Feinde äußerst wichtig sind, oder nicht? Wenn wir das Mahayana praktizieren, dann müssen wir uns in Geduld üben und lernen, schwierige Situationen durchzustehen. Wie können wir, ohne Feinde zu haben, tatsächlich das Mahayana praktizieren? Kurz gesagt, damit wir unsere Einstellung in Bezug darauf, wie wichtig wir uns selbst nehmen und wie wichtig wir andere nehmen, vollkommen umkrempeln können, brauchen wir viele Situationen, die uns prüfen und in denen wir durch Personen oder die Umstände bedrängt werden – viele Herausforderungen, also. Deshalb sind Feinde oder Menschen, die sich in einer sehr unangenehmen und schwer zu ertragenden Weise verhalten, äußerst wichtig und kostbar.

Zwei kritische Situationen, die der Dharma-Praxis bedürfen

(18) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Auch wenn wir in Armut leben
und stets von anderen Menschen beschimpft werden,
Oder wenn wir an schrecklichen Krankheiten leiden
oder von Geistern geplagt werden,
Alle negativen Kräfte und die Leiden aller Wesen anzunehmen
und uns nicht entmutigen zu lassen.

Es gibt zwei Situationen, in denen es äußerst wichtig ist, den Dharma zu praktizieren. Die eine ist, wenn wir uns aufgrund von Ursachen, die in der Vergangenheit gesetzt wurden, gesundheitlich in einer sehr schlimmen Lage befinden, oder arm sind, und so weiter. Dann verlieren wir den Mut. Die andere Situation ist, wenn es uns sehr gut geht und wenn wir reich sind. Dann werden wir stolz und arrogant.

Wir müssen in beiden Fällen vorsichtig sein. Wenn wir beispielsweise sehr krank sind, und uns selbst mit den anderen austauschen und auch das Geben und Nehmen üben, dann werden uns möglicherweise glücklich schätzen, diese Krankheit zu haben. Wir werden uns dann wirklich wünschen, die Krankheiten und die Leiden der anderen auf uns zu nehmen.

(19) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, auch dann,
wenn wir mit süßen Worten gelobt werden
Und wenn zahlreiche wandernden Wesen
respektvoll den Kopf vor uns verneigen,
Oder wenn wir Reichtümer erlangt haben,
die mit dem Vermögen Vaishravanas
(dem Beschützer des Wohlstands) vergleichbar sind,
Niemals eingebildet zu werden, indem wir erkennen,
dass weltlicher Reichtum keine Essenz hat.

Dies ist das andere Extrem, die andere potentiell gefährliche Situation. Wenn wir hoch geschätzt werden und uns alles gut gelingt, dann werden wir dadurch sehr stolz, faul und arrogant. Da dies unsere Praxis blockiert, müssen wir erkennen, dass diese Art von weltlichem Erfolg überhaupt keine Essenz hat.

Feindseligkeit und Anhaftung überwinden

(20) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, unser geistiges Kontinuum
mit den Streitkräften der Liebe und des Mitgefühls zu zähmen,
Denn wenn wir den Feind, unsere eigene Feindseligkeit,
nicht überwältigt haben,
Dann können wir zwar einen äußeren Feind besiegen,
Doch es werden immer wieder neue Feinde hinzukommen.

Es gibt keinen schlimmeren Feind als die Wut. Wenn wir den Gang der Welt betrachten, etwa die Umstände im Zweiten Weltkrieg, dann können wir feststellen, dass dies alles aufgrund der Wut und des Hasses zustande kam. Zu dieser Zeit waren die Länder des Westens und Russland Verbündete. Sie gewannen zwar den Krieg, doch die Feindseligkeit in ihrem eigenen Bewusstsein besiegten sie nicht. Da dieses innere Gift in ihnen weiter fortbestand, stehen sich auch heute noch die Sowjetunion und der Westen als Feinde gegenüber. Wenn es in der Zukunft erneut zu einem Krieg kommen sollte, dann wird dies wiederum aufgrund der Wut und des Hasses geschehen. Wenn wir diese negativen Geisteshaltungen nicht eliminieren, dann können wir uns den Frieden und das Glück zwar wünschen, doch erreichen werden wir sie nicht. Der Frieden und das Glück entstehen nur, wenn wir Liebe und Mitgefühl entwickeln. Deshalb sollten wir uns in den „Kampfkünsten“ der Liebe und des Mitgefühls üben, um den Hass zu überwinden.

(21) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, alle Objekte,
Die unser Greifen und unsere Anhaftung anwachsen lassen,
sofort aufzugeben,
Denn die Objekte der Begierde sind wie Salzwasser:
Je mehr wir in ihnen schwelgen,
umso stärker wächst unser Durst nach ihnen.

Ganz gleich, zu was wir uns hingezogen fühlen: Wir sind nie zufrieden damit, wir haben nie genug davon. Es ist wie wenn man Salzwasser trinkt: Unser Durst wird nie gelöscht werden, so wie es in der „Kostbaren Girlande“ beschrieben wird. Nehmen wir ein Beispiel: Wir haben einen juckenden Ausschlag. Wenn wir uns an der Hautstelle mit dem Ausschlag kratzen, dann fühlt sich das gut an. Wenn wir diesem Wohlgefühl gegenüber jedoch Anhaftung entwickeln und immer mehr kratzen, dann verschlimmern wir die Situation einfach. Der Ausschlag wird wund, er beginnt zu bluten, infiziert sich... das reinste Schlamassel. Am besten ist es, die Dinge bei der Wurzel zu packen und den Ausschlag gleich von Anfang an zu heilen, damit man gar nicht erst die Lust entwickelt, an ihn herumzukratzen.

Das tiefste Bodhichitta, die Verwirklichung der Leerheit, entwickeln

(22) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
die inhärenten Merkmalen der Objekte und des Geistes,
Der diese Objekte erfasst, nicht geistig festzuhalten,
indem man genau erkennt, wie die Dinge wirklich existieren.
Egal wie die Dinge erscheinen,
sie werden durch unseren eigenen Geist hervorgebracht;
Und der Geist selbst ist von Anfang an getrennt
von den Extremen geistiger Fabrikationen.

Diese Verse scheinen Ausdruck der Sichtweise der Svatantrika-Schule zu sein [nach der inhärente Eigenschaften aus der konventionelle Perspektive konventionell existieren, während sie aus der Perspektive der tiefsten Wahrheit überhaupt nicht existieren], doch sie sind es nicht notwendigerweise. Wenn es hier heißt, dass die Erscheinungen „durch unseren eigenen Geist hervorgebracht“ werden, dann bedeutet dies, dass sie insofern das Spiel unseres Geistes sind, dass das Karma, das durch unseren Geist geschaffen wurde, alle Erscheinungen entstehen lässt. Der Geist selbst ist von Anfang an frei von den Extremen der inhärenten Existenz.

Wenn wir dies verstehen, dann werden wir uns nicht vorstellen, dass „dies“ hier das Bewusstsein ist, das die Leerheit erkennt, und dass „jenes“ dort das Objekt des Bewusstseins ist, nämlich die Leerheit, die von diesem Bewusstsein erkannt wird. Wir werden unseren Geist vielmehr einfach vollkommen in das „reine, nicht-implizierende Negierungsphänomen“ (nicht-bestätigende Negation) vertiefen, die die Leerheit ist – die absolute Abwesenheit aller unmöglichen Existenzweisen. Das ist die Praxis, die hier kurz skizziert wird.

(23) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Sich vom Anklammern und von der Anhaftung zu befreien,
Indem wir die ansprechenden Objekte, denen wir begegnen,
nicht als wahrhaft existent ansehen,
Auch wenn sie uns als so wunderschön erscheinen,
wie ein Regenbogen im Sommer.

Obwohl die Dinge uns so wunderschön erscheinen, wie ein Regenbogen, müssen wir erkennen, dass sie leer von einer inhärenten Existenz sind, und daher keine Anhaftung für sie entwickeln.

(24) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, widrige Umstände,
Die uns begegnen, als Täuschungen wahrzunehmen,
Denn die verschiedenen Leiden sind wie ein Traum
vom Tod unseres Kindes,
Und es ist ein ermüdender, unnützer Aufwand,
solche täuschenden Erscheinungen für wahr zu halten.

So sollten wir alles als täuschende Erscheinungen ansehen und uns von schwierigen Umständen nicht deprimieren lassen. Dies sind die Lehren über das Entwickeln des konventionellen und tiefsten Bodhichitta. Als nächstes kommt die Praxis der sechs weitreichenden Geisteshaltungen (der sechs Vollkommenheiten).

[Siehe: Kommentar zur Entwicklung des tiefsten Bodhichitta in den Siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken von Seiner Heiligkeit den Vierzehnten Dalai Lama.]

Die sechs weitreichenden Geisteshaltungen

(25) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, großzügig zu geben,
Ohne im Gegenzug irgendetwas zu erwarten
oder auf eine karmische Frucht zu hoffen.
Denn wer sich die Erleuchtung wünscht,
muss sogar seinen eigenen Körper weggeben
Ganz zu schweigen von äußeren Besitztümern.

Dies ist die Praxis der weitreichenden Großzügigkeit.

(26) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Ohne weltliche Hintergedanken ethische Selbstdisziplin zu bewahren.
Ohne ethische Disziplin können wir noch nicht einmal
unsere eigenen Ziele verwirklichen –
Daher wäre der Wunsch, die Ziele der anderen zu verwirklichen,
ein bloßer Witz.

Am wichtigsten ist es, über ethische Selbstdisziplin zu verfügen, besonders über die Disziplin, sich von negativen Handlungen zurückzuhalten. Wie könnten wir ohne diese Disziplin irgendjemandem helfen?

(27) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
sich die Geduld zur Gewohnheit zu machen,
Ohne dabei Feindseligkeit oder Abscheu
gegenüber anderen zu empfinden;
Denn für einen Bodhisattva, der sich danach sehnt,
die Fülle positiver Kraft zu erlangen,
Sind all diejenigen, die ihm Leid zufügen,
wie Juwelen-Schätze.

Wir brauchen viel Geduld. Für einen Bodhisattva, der den Wunsch hat, positive Kraft aufzubauen um die Erleuchtung zu erlangen sind diejenigen, die ihm schaden, unsere Feinde, so kostbar wie Juwelen. Dies liegt daran, dass wir mit ihrer Hilfe unsere Geduld üben können. Dies baut unser Netzwerk positiver Kraft auf und stärkt es, und dieses Netzwerk wiederum wird unsere Verwirklichung der Erleuchtung herbeibringen.

(28) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
sich in freudiger Ausdauer zu üben,
Welche eine Quelle an guten Qualitäten ist,
die die Ziele der wandernden Wesen erfüllt –
Denn wir können sehen,
dass sogar Shravakas und Pratyekabuddhas,
die nur zu ihrem eigenen Wohl arbeiten,
Eine derartige Ausdauer haben,
dass sie sich noch nicht einmal ablenken lassen würden,
wenn ein Feuer auf ihrem Kopf ausbräche.

Dies bezieht sich darauf, dass man sich mit freudiger Bemühung und spritziger Energie in der enthusiastischen Ausdauer übt. Wenn die Übenden des Hinayana für das Erreichen ihrer eigenen Zeile so hart arbeiten können, dann müssen wir als Anhänger des Mahayana, die für das Wohl aller Lebewesen arbeiten, uns noch stärker bemühen.

(29) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
sich geistige Stabilität zur Gewohnheit zu machen,
Welche die vier formlosen (Vertiefungen)
in einer reinen Weise übersteigt,
Indem der Bodhisattva erkennt, dass ein Geisteszustand
von außergewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit,
Der zudem vollkommen still und zur Ruhe gekommen ist,
die störenden Emotionen und Geisteshaltungen
vollständig besiegen kann.

Dies bezieht sich auf die weitreichende Geisteshaltung der geistigen Stabilität (Konzentration) im Sutra-Kontext. Um den Geisteszustand außerordentlicher Wahrnehmungsfähigkeit von Vipashyana (besondere Einsicht) zu verwirklichen, müssen wir zuvor, als eine tragfähige Grundlage, den still gewordenen und zur Ruhe gekommen Zustand von Shamatha (geistige Stille) verwirklichen. Dann haben wir das miteinander verbundene Paar von Shamatha und Vipashyana entwickelt.

(30) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Sich das unterscheidende Gewahrsein
in Verbindung mit den Methoden zur Gewohnheit zu machen,
Welches keine Konzepte bezüglich der drei Sphären hat,
Denn ohne das unterscheidende Gewahrsein
können die fünf weitreichenden Geisteshaltungen
nicht die Verwirklichung der vollständigen Erleuchtung herbeiführen.

Wir können die Erleuchtung nicht bloß mit der Seite der Methode, d.h. mit den ersten fünf weitreichenden Geisteshaltungen, erreichen. Wir brauchen auch die Seite der Weisheit. Daher müssen wir Weisheit und Mitgefühl in einer untrennbaren Weise kultivieren. Wir brauchen unterscheidendes Gewahrsein, um zu erkennen, dass die drei Sphären einer jeden beliebigen konstruktiven Handlung, die auf diesen weitreichenden Geisteshaltungen basiert – nämlich der Handelnde, das Objekt und die Handlung selbst – alle leer von einer inhärenten Existenz sind.

Die nächsten Abschnitte betreffen die tägliche Praxis eines Bodhisattva.

Die tägliche Praxis eines Bodhisattva

(31) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, dass wir kontinuierlich
Unsere eigene Selbsttäuschung untersuchen
und uns dann von dieser befreien;
Denn wenn wir unsere eigene Selbsttäuschung
nicht selbst untersuchen,
Dann kann es geschehen, dass wir
mit einem äußerlichen Anschein von Dharma-Praxis
etwas Nicht-Dharmisches tun.

Mit anderen Worten: Wir müssen stets, jeden Tag, unsere eigenen störende Emotionen und Geisteshaltungen prüfen, denn, wie es hier gesagt wird, ist es durchaus möglich, dass wir äußerlich anständig erscheinen, uns aber in Wirklichkeit überhaupt nicht korrekt verhalten.

(32) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
nicht über die Fehler von jemandem zu sprechen,
der den Mahayana-Pfad betreten hat,
Denn wenn wir unter dem Einfluss
störender Emotionen und Geisteshaltungen
Über die Unzulänglichkeiten anderer Wesen sprechen,
bei denen es sich um Bodhisattvas handelt,
Dann werden wir selbst sittlich herunterkommen.

Wir müssen aufhören, die anderen mit der Absicht zu betrachten, Fehler bei ihnen zu finden. Wir wissen nie, was für Menschen die anderen Menschen tatsächlich sind, oder welchen Grad der Verwirklichung sie erlangt haben. Besonders als Übende des Mahayana müssen wir daran denken, wie wir den anderen helfen und ihr Wohl bewirken können, und nicht daran denken, was wir an ihnen auszusetzen haben.

(33) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
dass wir uns von der Anhaftung
An die Häuser von Verwandten und Freunden
und von der Anhaftung an die Wohnstätten von Mäzenen befreien,
Denn wenn wir uns unter dem Einfluss
(des Begehrens) nach Gewinn und Ansehen befinden,
Dann werden wir miteinander streiten
und wir werden in unseren Aktivitäten
des Zuhörens, des Nachdenkens und des Meditierens nachlassen.

Es ist sehr gefährlich, wenn wir uns immer in den Wohnungen von Gönnern, Verwandten und so weiter aufhalten. Wir werden unausweichlich in schwierige Situationen verwickelt, wie Streitereien, Zwistigkeiten und so weiter. Daher sollten wir die Anhaftung an solche Orte aufgeben.

(34) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Dass wir uns von scharfen Worten befreien,
die andere Menschen kränken,
Da scharfzüngige Worte andere Menschen verstören können
und zudem bewirken,
Dass wir in unserem Verhalten als Bodhisattva nachlassen.

Der Ursprung der Wut ist die Anhaftung, die wir für die Dinge empfinden, die wir unserer Seite zuordnen. Hier wird allerdings die Wut selbst betont, besonders, wenn sie zu verletzende Worten führt. Solche barsch klingenden Worte zerstören unsere positive Kraft, verstören die anderen Menschen und führen zu Leid.

(35) Die Praxis eines Bodhisattva ist es, darauf zu achten,
dass die Soldaten der Vergegenwärtigung und der Wachsamkeit
die Waffen der Gegenkräfte halten
Und in kraftvoller Weise
die störenden Emotionen und Geisteshaltungen,
wie die Anhaftung und so weiter,
im ersten Moment ihres Auftretens zerstören,
Denn wenn wir uns erst einmal
an die störenden Emotionen und Geisteshaltungen gewöhnt haben,
Wird es den Gegenkräften schwer fallen, sie zurückzudrängen.

Sobald Anhaftung oder Abneigung entstehen, müssen wir ihnen immer mit Vergegenwärtigung und Wachsamkeit entgegentreten.

(36) Kurz gesagt: Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Daran (zu arbeiten), die Zielsetzungen
anderer Lebewesen zu verwirklichen,
Indem wir ständig die Vergegenwärtigung
und Wachsamkeit aufrecht erhalten,
Um so, ganz gleich, wo wir uns aufhalten oder was wir tun,
zu erkennen, in welcher Verfassung sich unser Geist befindet.

Wie es im „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ heißt, müssen wir unseren Geist und seine Verfassung ständig beobachten. Falls wir störende Emotionen oder Geisteshaltungen feststellen, müssen wir mit großer Geistesgegenwart sofort die entsprechenden Gegenkräfte aktivieren. Wenn wir beispielsweise Teilnehmer einer Karawane wären, die das nördliche Plateau von Tibet erreicht hat, dann müssten wir sehr geistesgegenwärtig und wachsam sein, und nicht einfach drauf losgehen. Wir müssten sehr vorsichtig prüfen, was der richtige Pfad ist: Ansonsten könnten wir uns leicht verirren. In gleicher Weise dürfen wir unserem Geist nicht erlauben, einfach überall herumzuwandern.

(37) Die Praxis eines Bodhisattva ist es,
Mit dem unterscheidenden Gewahrsein
der vollkommenen Reinheit der drei Sphären
Die konstruktiven Kräfte, die durch Anstrengungen
wie diese hier verwirklicht wurden,
Der Erleuchtung zu widmen, um die Leiden
der zahllosen wandernden Wesen zu beseitigen.

Die letzte Bodhisattva-Übung, die hier erwähnt wird, besteht also darin, die positive Kraft all dieser Handlungen der Erleuchtung und dem Wohle anderen zu widmen. Somit ist der Hauptteil des Textes abgeschlossen. Als nächstes kommt der dritte Gliederungspunkt, die abschließende Erklärung.

Abschließende Erklärung

Ich bin den Worten der heiligen Wesen und dem Sinn dessen,
Was in den Sutras und Tantras
und in den Abhandlungen erklärt wurde, gefolgt.
Nun habe ich für diejenigen, die sich im Bodhisattva-Pfad üben wollen,
Diese siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken zusammengestellt.

Der Autor hat diese Lehren aus verschiedenen Quellen gesammelt und hat sie in Form dieser siebenunddreißig Praktiken zusammengefasst.

Da ich von schwacher Intelligenz und nur dürftig gebildet bin,
Haben sie möglicherweise nicht die poetische Form,
die den Gebildeten gefallen würde.
Doch da ich mich auf die Sutras
und die Worte der Hochgepriesenen gestützt habe,
Denke ich, dass es sich um fehlerfreie Bodhisattva-Praktiken handelt.

Als nächstes entschuldigt sich der Autor für eventuell begangene Fehler.

Nichts desto trotzt: Für jemanden,
der wie ich von schwachem Geist ist,
Ist es schwer, die Tiefe der großen Wellen
des Bodhisattva-Verhaltens zu erahnen;
Daher bitte ich die Hochgepriesenen,
nachsichtig mit der Unmenge an Fehlern zu sein,
So beispielsweise wenn sich Dinge widersprechen
oder Verszeilen keine Verbindung zueinander aufweisen.

Dann endet er mit der abschließenden Widmung.

Durch die konstruktive Kraft, die hierdurch entsteht,
Mögen alle wandernden Wesen durch das
höchste, tiefste und das konventionelle Bodhichitta
Wie der Beschützer Avalokiteshvara werden,
der nie im Extrem der zwanghaften samsarischen Existenz,
Noch in der Selbstzufriedenheit des Nirvana verweilt.

Dies beendet die „Die Siebenunddreißig Praktiken“ von Togmey-zangpo.