Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung in die Meditation

Alexander Berzin
München, Deutschland, März 1992

Ursprünglich veröffentlicht unter
"Vorträge von Dr. A. Berzin im Aryatara Institut e. V., München (1992)."
Übers. Tom Geist.
München: Aryatara Institut, 1993.

Ich freue mich sehr, wieder einmal in München zu sein. Die Art, wie ich anfangen möchte, ist so, wie wir häufig eine Meditationssitzung beginnen, und es passt ganz gut, weil Meditation ja unser heutiges Thema ist. Man versucht dabei, sich auf den Atem auszurichten. Dies ist ein Weg, einen Raum zu schaffen zwischen dem, was wir bisher gemacht haben und dem, was wir jetzt tun werden, damit wir unsere Aufmerksamkeit klarer auf das richten können, was nun folgt. Es ist nicht so einfach, sich hinzusetzen und zu meditieren, ganz besonders, wenn wir gerade von der Arbeit kommen oder vom Telefon weg. Wir brauchen eine Technik um uns zur Ruhe bringen zu können, damit wir entspannter und ausgerichteter werden. Gewöhnlicherweise wird dazu die Konzentration auf den Atem benutzt.

Es gibt natürlich viele Arten der Atemmeditation. Die hier benutzte ist die Technik des Atemzählens. Wir atmen ganz normal durch die Nase, nicht zu schnell, nicht zu langsam, und ohne den Atem anzuhalten zählen wir. Wir zählen einen Zyklus von Ausatmen und Einatmen als eins. Das nächste Aus- und Einatmen ist zwei, drei usw. bis 11 und dann können wir das Ganze noch ein zweites Mal wiederholen.

Vielleicht mag es jemandem komisch vorkommen, dass wir Aus- und Einatmen als Zyklus zählen, statt Ein- und Ausatmen. Der Grund dafür ist, dass wir in fortgeschritteneren tantrischen Praktiken alle Energien und Winde im Körper, im Herz-Chakra sammeln wollen. Das Wort für Atem ist da das selbe wie das Wort für Energie oder Wind. Um eine Verbindung herzustellen, wobei die Winde in den zentralen Kanal gebracht werden, beginnen wir mit Ausatmen und enden mit Einatmen.

Es gibt viele Möglichkeiten zum Zählen; wir zählen bis 11, aber es könnte genauso gut bis 21 gehen. 7, 11 und 21 gelten normalerweise als verheißungsvolle Zahlen, und ich kenne keinen anderen Grund, warum es gerade 11 ist. Außerdem machen wir diese Übung nur für eine kurze Zeit. Die Theorie dabei ist, dass viele Dinge nur schwer gleichzeitig in unserem Geist vorgehen können. Wenn wir uns auf das Gefühl des Atems konzentrieren, wie er aus- und einströmt, und dazu noch zählen, dann ist es schwierig, noch Raum für andere Gedanken zu haben. Wenn wir die Übung aber zu lange ausdehnen, wird unser Geist gelangweilt und wandert ohnehin wieder ab. Also deswegen nur für diesen kurzen Zeitraum. So, versuchen wir es ...

Okay, Man sieht, es bringt uns zur Ruhe. Diese Methode lässt sich auch hilfreich anwenden, wenn wir uns nervös oder sehr abgehoben fühlen. Wenn wir uns dann auf den Atem konzentrieren, verbindet es uns mit unserem Körper; das holt uns wieder ein bisschen mehr auf den Boden zurück.

Wie ich schon gesagt habe, gibt es viele Arten von Atempraktiken und Übungen. Wir können den Atem als Objekt benutzen, auf das wir uns ausrichten und damit das sog. Shamata oder einen beruhigten Geist erzielen. Diesen beruhigten Geist kann man zwar auch über andere Methoden erreichen, aber die Ausrichtung auf den Atem ist insbesondere hilfreich für Leute, die sehr unter Schmerzen leiden.

Vom Mahayana-Standpunkt aus sagt man, dass sich ein mentales Objekt besser eignet, um diesen ruhigen und gesetzten Geist zu erreichen. Normalerweise wird dazu die Visualisation eines Buddha verwendet. Warum gerade diese Visualisation? Wir wollen ja mit unseren geistigen Einstellungen so arbeiten, dass wir erleuchtet werden um anderen zu helfen. Und eine solche Visualisation ist ein Ausrichten auf einen geistigen Zustand. Das hilft auch zur Konzentration auf die Zuflucht, mit anderen Worten: die Richtung, in die wir gehen wollen. Und das hilft uns auch, Bodhichitta aufrecht zu halten, mit anderen Worten: dass wir unser Herz darauf gerichtet haben, ein Buddha zu werden zum Wohle der anderen.

Aber in der Hinayana-Richtung wird normalerweise die Atmung als Objekt gewählt um Konzentration zu erlangen. Dies ist eigentlich ein Ausrichten auf eine physische Empfindung, oder? Jemand, der zum Beispiel aufgrund von Krebs oder AIDS stirbt, macht normalerweise große Schmerzen durch. Würde man einen solchen Menschen bitten, sich auf eine Visualisation eines Buddha zu konzentrieren, wäre das für ihn wohl eher schwierig. Ihm aber nahe zulegen sich auf die Atmung zu konzentrieren, ist tatsächlich sehr hilfreich, damit er zur Ruhe kommt und ausgerichteter wird. Der Atem ist dauernd da, also muss der Kranke keine besondere Anstrengung aufbringen um das Objekt überhaupt zu erzeugen. Soweit zum Atem.

Als nächstes setzen wir unsere Absicht und Motivation. Das tun wir auch immer, bevor wir meditieren oder einem Vortrag zuhören. Unsere Absicht ist zuzuhören, mit Konzentration zu meditieren. Ganz besonders vor der Meditation ist das sehr wichtig. Man verfällt sehr leicht in schlechte Gewohnheiten bei der Meditation. Das heißt, dass man sie dazu missbraucht, einfach rumzusitzen und während der Zeit der Meditation zu denken, abzuwandern, tagzuträumen oder was auch immer. Wenn wir so etwas zu einer Gewohnheiten haben werden lassen, dann ist es sehr schwierig, damit wieder zu brechen. Bevor wir uns zum Meditieren hinsetzen, sollten wir den festen Entschluss fassen: „Ich werde mich jetzt konzentrieren, und wann immer ich mich beim Abwandern ertappe, bringe ich meine Aufmerksamkeit wieder zurück.“ Damit haben wir eine größere Chance auf eine produktive Meditationssitzung. Zumindest sollten wir uns zu Beginn der Meditation daran erinnern, dass wir uns konzentrieren wollen.

Die Motivation bestimmt, warum wir zuhören oder meditieren wollen. Auch da ist es sehr leicht, in schlechte Gewohnheiten zu verfallen, indem wir auf eine sehr mechanische Weise meditieren oder uns gar schuldig fühlen, wenn wir nicht meditieren würden. Das ist eine sehr armselige Motivation. Den dann tun wir es fast nur aus Verpflichtung, und dann macht es uns mit Sicherheit keine Freude. Oder wir tun es, um unserem Lehrer zu gefallen. Auch das ist wohl keine sehr stabile Art der Motivation. Das ist dann so, als würden wir erwarten, dass unser Lehrer kommt, uns am Kopf tätschelt und wir mit dem Schwanz wedeln.

Ich finde das persönlich ein sehr nützliches Bild. Ich habe neun Jahre mit Serkong Rinpoche verbracht als sein Übersetzer, bin zweimal mit ihm um die ganze Welt gereist, und in all den Jahren, in denen ich ihm gedient und geholfen habe, hat er nur ein einziges Mal „Danke“ zur mir gesagt. Das war sehr, sehr hilfreich für mich. Ich war auf viele Arten motiviert zu tun, was ich tat, um ihm in einer ganz persönlichen Art und Weise eine Freude zu bereiten. Ich wartete und erwartete, dass ein Zeichen einer Wertschätzung oder ein Dank kam; und da ist mir plötzlich aufgegangen, dass ich wie ein Hund da saß und wartete, getätschelt zu werden. Selbst wenn ich getätschelt worden wäre; was soll es, das bringt einem doch nicht viel. Man hat nicht einmal einen Schwanz zum Wedeln. In einer solchen Situation, genauso wenn wir meditieren, tun wir im Grunde das, was wir tun, um am Ende anderen zu helfen.

Das gleiche gilt, wenn man einem Lehrer dient, aber darüber werden wir morgen Abend sprechen.

Manchmal können wir auch aus einer Macho-Mentalität heraus meditieren. Das würde dann so aussehen: „Ich werde hier sitzen und mich eine Stunde lang nicht bewegen und allen zeigen, wie stark ich bin.“ Auch das beweist wohl nicht sehr viel, oder? In diesem Zusammenhang denke ich oft an ein Beispiel aus Mexiko. In Mexiko gibt es Bars, in denen Männer hauptsächlich trinken, und dort findet man jemanden mit einer Elektroschockmaschine. Um zu zeigen, was für ein Kerl man ist, muss man die beiden Enden dieses elektrischen Drahtes halten und jener Mann dreht an einer Kurbel. An einem Zeiger kann man dabei sehen, wieviel Spannung anliegt. Auf diese Art beweist man, dass man ein Mann ist, wie stark man ist. Ähnlich ist es mit unserem Versuch, eine Stunde lang unbewegt zu sitzen, um zu sehen, wieviel Schmerz wir in den Knien aushalten, um zu beweisen, dass wir ein Mann sind. Und man muss nicht ein Mann sein, um ein Macho zu sein; das können auch Frauen.

Das sind alles keine guten, sehr starken Motivationen für eine Meditation. Vielmehr meditieren wir oder hören einem Vortrag zu, damit wir in uns selbst etwas persönlich entwickeln. Wir tun dies auf einer sehr persönlichen Ebene; z.B. lernen wir hier Techniken, die wir persönlich anwenden können, damit wir unsere Begrenzungen und Probleme überwinden und mehr von unseren Potentialen verwirklichen, so dass wir von größtmöglicher Hilfe für alle sein können.

Häufig rezitieren wir Verse auf tibetisch für die Motivation. Wenn wir wissen, was diese Verse bedeuten, dann ist es sehr gut, aber manchmal wissen wir es nicht. Ab und zu ist es sogar so: Wir setzen uns hin, rezitieren „bla-bla-bla“ und meditieren. Es hilft uns nicht sehr viel, nur „ bla-bla-bla“ zu sagen. Aber selbst wenn wir die Bedeutung kennen ist es nicht immer so einfach, das Gefühl zu erzeugen. Im Grunde genommen geht es jedoch darum, dieses Gefühl zu entfalten. Wenn wir einen Vers rezitieren möchten; sehr schön. Aber das wirkliche Problem ist: Wie erzeugt man das Gefühl? Es ist sehr schön zu sagen; Ich soll jetzt fühlen, ich mache das zum Wohle aller Wesen, aber wie fühle ich das wirklich, ernsthaft?

Wir können ein Beispiel heranziehen. Nehmen wir an, wir haben fürchterliche Kopfschmerzen und müssen uns um unsere Kinder kümmern, sie brauchen etwas zu essen. Wir wollen unsere Kopfschmerzen los werden, indem wir ein Aspirin nehmen. Das Aspirin ist in einer Flasche, die mit einem kindersicheren Verschluss versehen ist, und wir können uns nicht vorstellen, wie sie aufzukriegen ist. Die Anweisung zum Öffnen der Flasche ist mit weißem Plastik auf weißem Hintergrund aufgebracht. Zusätzlich noch winzig klein geschrieben, man braucht fast ein Mikroskop zum Entziffern. So, jetzt sehen wir dieser Situation ins Angesicht. Unser Kopf zerspringt fast vor Schmerzen, unsere Kinder schreien. Was müssen wir tun? Zuerst einmal müssen wir uns konzentrieren. D.h. wir sammeln wirklich Energie, um unsere Augen, in unserem Kopf, um uns mehr ausrichten zu können. Wir müssen uns konzentrieren, und das ist ja auch, was wir fühlen: Ich muss mich konzentrieren. Denn ich muss herausfinden, wie diese Flasche zu öffnen ist, damit ich das Aspirin herausnehmen kann, meine Kopfschmerzen los werde und den Kindern zu essen geben kann.

Das ist eine große Bewegung unserer Energie auf eine sehr ausgerichtete Art. So spüren wir auch die Motivation: Ich muss mich auf diese Meditation konzentrieren, damit ich meinen Zorn, oder an was ich auch immer arbeite, endlich überwinden kann, damit ich meine Potentiale verwirkliche und von größtmöglicher Hilfe für alle sein kann. Wir ballen unsere Energie und drücken sie in eine bestimmte Richtung. So fühlen wir Absicht, Motivation. So, wir versuchen das für einen Moment... Okay.

Man hat mich gebeten über Meditation zu sprechen, d.h. Meditation in buddhistischen und insbesondere tibetisch-buddhistischen Traditionen. Wie alle von Euch sicher wissen, umfasst der Buddhismus eine ganz große Bandbreite an Techniken, um unsere verschiedenen Probleme zu überwinden und unsere Potentiale zu verwirklichen, also von unseren Problemen selber frei zu werden oder anderen von größtmöglicher Hilfe zu sein. Die Art der Präsentation dieser Belehrungen ist in Einklang mit dem was die Vier Edlen Wahrheiten genannt wird. Und das heißt im Grunde, dass wir alle mit den verschiedensten Problemen konfrontiert sind: Unsicherheit, Frustration usw. Diese Probleme haben Ursachen; die liegen grundsätzlich in unserer Verwirrtheit bezüglich der Realität. Und es möglich ist, eine wahre Beendigung dieser Probleme zu erzielen. Wir sind nicht dazu verdammt, für immer unter ihnen zu leiden. Es kann nicht unser Ziel sein, den Mund zu halten und die Schwierigkeiten zu akzeptieren. Aber um ihr Ende zu erreichen, müssen wir etwas unternehmen. Wir müssen einem wahren Pfad folgen.

Es ist wie in folgendem Beispiel: Es gab einmal einen Mann, der immer zu Gott betete: „Gott hilf mir, Gott hilf mir!“ Und schließlich antwortete Gott und fragte: „Was willst du?“ Und dieser Mann sagte: „Ich möchte gerne in der Lotterie gewinnen.“ Gott sagte: „In Ordnung, kein Problem.“ Und der Mann wartete und wartete und nichts geschah. Schließlich fing er wieder an zu Gott zu beten und fragte: „Warum hast du mich verlassen?“ Und Gott antwortete und sprach: „Idiot, kauf dir ein Los.“ So ähnlich ist es auch bei uns. Wir können nicht erwarten, dass unsere Probleme von selber verschwinden, oder dass der Buddha sie für uns beseitigen könnte. Wir müssen wenigstens das Los kaufen, d.h. wir selbst müssen wirklich unsere Einstellungen verändern. Wir müssen unser Verhalten, unsere Art der Kommunikation mit anderen verändern. Im Grunde geht es darum, das, was unsere Probleme verursacht, zum Aufhören zu bringen.

Dafür brauchen wir wieder Techniken, denen wir folgen können. Und das schließt Meditation mit ein; was nicht nur Meditieren bedeutet, sondern ein Verändern unseres eigentlichen Verhaltens im Alltag. Es hilft nichts, wenn man sitzt und ein furchtbar netter Mensch ist solange man meditiert, und kaum dass man aufsteht ist man wieder ein Scheusal. Meditation ist ein Wort, unter dem sich die Menschen oft komische Vorstellungen machen. Häufig erwarten wir, dass Wunder geschehen, wenn wir meditieren. Meditation ist aber nicht darauf angelegt, Wunder herbeizuführen, sondern es ist etwas sehr Praktisches, Bodenständiges.

Wir können diese Orientierungsweise am Buddha selber sehen. Der Buddha saß eines Tages am Ufer des Ganges und wartete auf die Fähre, die ihn auf die andere Seite bringen sollte. Dann kam ein Hindu-Yogi vorbei, schaute den Buddha an und begann, über das Wasser zu laufen. Als er halbwegs über dem Fluss war, drehte er sich um und fragte den Buddha: „Warum läufst Du nicht über das Wasser so wie ich?“ Und der Buddha sah ihn an und sagte: „Nun, mit sehr viel Übung und Mühe kann man so weit kommen, dass man so etwas schafft. Aber die Fähre ist doch so billig.“ Das zeigt sehr stark die buddhistische Einstellung. Klar ist es möglich, Levitationen herbeizuführen und alle möglichen fantastischen Dinge zu schaffen. Aber warum sich die Mühe machen, es ist kein großer Nutzen daraus zu ziehen. Wir können unsere Zeit sehr viel besser nutzen, indem wir Dinge tun, die sehr viel praktischer und hilfreicher sind.

Das tibetische Wort für Meditation bedeutet eine „heilsame Gewohnheit errichten“. Es hat denselben Wortstamm wie „vertraut werden mit etwas“. Damit ist nicht nur eine spezifische Aktivität gemeint, sondern ein breites Feld. Um eine Analogie zu geben: Es ist so, wie „essen“ im Verhältnis zu „Reis essen“ steht. Manche Leute glauben, in der Meditation ginge es nur um eine Sache, genauso wie „Reis essen“ eine Sache ist. Aber es bezeichnet vielmehr eine ganze Herangehensweise an die Dinge, genauso wie „essen“; essen kann man viele Dinge.

Der Prozess des Essens erfordert drei Schritte. Zuerst müssen wir das Essen in den Mund stecken, dann müssen wir es kauen und anschließend schlucken und verdauen. Gleichermaßen, wenn wir uns etwas Heilsames zu einer Gewohnheit machen wollen, wenn wir hilfreichere Haltungen entwickeln wollen, dann müssen wir zuerst zuhören, was eine bessere Gewohnheit ist; wir müssen darüber nachdenken, damit wir es verstehen und dann müssen wir es integrieren und zu einem Teil von uns machen. Es gibt sehr viele mögliche hilfreiche Haltungen, z.B. die Wirklichkeit klarer sehen, mehr Liebe, mehr Wärme gegenüber anderen haben, mehr Geduld zeigen, die Konzentration verbessern. Viele, viele verschiedene hilfreiche Haltungen können wir entwickeln, genauso wie es viele Speisen gibt, die wir essen können. Der Prozess allerdings ist immer der Gleiche. In den Mund stecken, kauen, runterschlucken.

Wenn wir essen und unser Mund ist nicht geöffnet, dann kriegen wir nichts rein. Und genauso müssen unser Geist, unser Herz geöffnet sein, wenn wir Anweisungen zuhören. Wenn wir das Essen zwar in den Mund stecken und es dann aus dem Mund wieder heraus in unseren Schoß fallen lassen, wird es unseren Bauch nicht füllen. Genau so ist es, wenn wir etwas hören und es geht bei dem einem Ohr rein und beim anderen gleich wieder raus; dann ist das nicht besonders hilfreich: Wir müssen behalten, was wir hören. Wenn wir beim Essen gleichzeitig Kaugummi kauen, ergibt sich ein Riesen-Durcheinander in unserem Mund. Und gleichermaßen, wenn unser Geist gefüllt ist mit schrägen Ideen und lauter Vorurteilen, dann wird auch das zu einer großen Verwirrung führen.

Wir müssen lernen, zuzuhören, ohne das Gehörte andauernd mit anderen Systemen zu vergleichen. Einer meiner tibetischen Lehrer hat einmal betont: Der größte Fehler der westlichen Erziehung und Herangehensweise sei, dass wir dazu tendieren, andauernd zwei Dinge mit einander zu vergleichen, von denen wir keines richtig kennen. Das müssen wir z.B. bei einer Prüfungen in der Schule machen. Ein Vergleich zweier Systeme ist dann hilfreich, wenn wir beide Systeme sehr gut kennen. Aber wenn wir sie nicht richtig kennen und beim Hören von buddhistischen Lehren plötzlich denken: „Ist das nicht genauso, wie Jung gesagt hat?“; so würde das nur Verwirrung erzeugen. Wir müssen den buddhistischen Darlegungen zuhören und versuchen, sie in ihrem eigenen Kontext zu verstehen. Wenn wir das Essen im Mund haben und es ungekaut runterschlucken, dann können wir davon Verdauungsstörungen bekommen. Genauso, wenn wir meditieren, ohne verstanden zu haben, was wir meditieren, entstehen daraus Probleme.

Es ist richtig, dass wir in den späteren Stufen nicht mehr konzeptuell über die Dinge nachdenken. Wenn das Essen einmal in der Kehle und im Magen ist, dann kaut man auch nicht mehr. Jedoch reduziert das nicht den Wert des Kauens, solange das Essen noch im Mund ist. Gleichermaßen, solange wir die verschiedenen Techniken, die verschiedenen Ideen erst lernen, müssen wir zuerst darüber nachdenken. Der Punkt dabei ist, sie erst einmal zu verstehen und zu der Überzeugung zu gelangen, dass das etwas ist, was wir uns zu eigen machen wollen. Wenn wir etwas verstanden haben, dann ist es wie Essen, das gut genug gekaut, fertig zum Runterschlucken ist. Und das Überzeugtsein, dass das Gelernte etwas ist, was wir uns zu eigen machen wollen, ist wie beim Essen: wir haben es geschmeckt und wissen: Das ist gut, das schluck ich runter und spucke es nicht aus.

Das tun wir, wenn wir über etwas nachdenken. Damit wir überhaupt anfangen nachzudenken, müssen wir das Gehörte auf unsere eigene persönliche Erfahrung beziehen und feststellen, dass es richtig ist. Und wir fragen uns: Macht es logisch Sinn? Ist es in der Lage, mir alles zu erklären, was mir einfällt? Funktioniert es, kommen die entsprechenden Ergebnisse dabei heraus? Das sind die Dinge, die wir untersuchen. Und wenn wir über die Resultate nachdenken, werden wir die Überzeugung gewinnen, dass es etwas ist, was wir selbst auch erreichen wollen. Es ist nicht nur so, dass das Essen für uns gut ist, es schmeckt auch gut. Und genauso: es ist nicht nur gut, Geduld zu entwickeln, sondern der Geschmack der Praxis führt dazu, dass wir uns viel besser fühlen.

Der dritte Schritt ist das Runterschlucken und Verdauen; die eigentliche Funktion der Meditation. Es geht im Grunde um ein Einüben dieser hilfreicheren Haltungen, so dass sie ein Teil von uns werden, dass sie integriert werden. Wir können also üben, ausgerichteter zu sein, wir können üben, liebevoller zu sein, wir können üben, klarer bzgl. der Realität zu werden, wir können üben, in dem natürlichen Zustand des Geistes, frei von erfundenen Vorstellungen zu sein. Es gibt so viele verschiedene Dinge, die wir tun können, genauso wie es viele verschiedene Speisen zum Essen gibt. Die Art und Weise des Einübens beinhaltet wieder drei Dinge. Eines davon nennt man die Überblicksmeditation. Wir müssen sie nicht jedesmal durchführen, aber von Zeit zu Zeit ist sie recht hilfreich. Dabei geht es darum, uns eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie sich eine spezielle Meditation in den ganzen Pfad einfügt.

Ich kann das an einem Beispiel verdeutlichen. Als ich zum ersten Mal nach Italien kam und dort italienisch aß, bekam ich zuerst Antipasti. Antipasti waren die vielen kleinen Dinge zu essen; ich hatte das sehr gern, ich aß viel davon. Danach gab es Pasta. Und ich dachte, das ist sicherlich das Hauptgericht und habe meine Portion gegessen. Es war sogar so gut, dass ich gleich zwei Teller davon aß. Als das vorbei war, kam der Secondo, das war Fleisch und Gemüse. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich schon gar keinen Platz mehr, um Fleisch und Gemüse essen zu können. Abschließend gab es natürlich Käse, Kuchen, Kaffee, aber da hatte ich überhaupt keine Chance mehr, irgendetwas runter zu kriegen.

Unsere Meditation ist häufig ein bisschen so. Wir sehen nicht die gesamte Speisekarte, wählen nur eine Kleinigkeit aus und konzentrieren uns zu sehr darauf. Indem wir die ganze Energie immer auf dieselbe Meditation richten, verlieren wir den gesamten Pfad und das, was wir eigentlich entwickeln wollen, aus den Augen. Obwohl diese Kleinigkeit sehr köstlich sein mag, genauso wie die Antipasti sehr köstlich waren, sollten wir doch das gesamte Menü im Blick behalten. Das geschieht mit der Überblicksmeditation; wir schauen uns sozusagen von Zeit zu Zeit die buddhistische Speisekarte im Ganzen an. Das sind die Stufen des Pfades.

Die eigentliche Vorgehensweise, wenn wir meditieren, beinhaltet zwei Stufen. Diese sind gewöhnlich bekannt als „analytische Meditation“ und „formale Meditation“. “Analytisch” ist keine sehr gute Übersetzung; es klingt so, als sollten wir sehr analytisch, sehr konzeptuell sein und diese ganzen Dinge. Das wird sehr fremdartig z.B. in der Mahamudra- oder Dzogchen-Meditation, wo wir eigentlich ohne Vorstellungen, nicht-konzeptuell sein sollten; wie kann man das analytisch meditieren? Das Problem ist die Übersetzung und nicht die Theorie. Was hier beschrieben wird, ist eine erkennende, unterscheidende Art der Praxis. Zu unterscheiden, zu erkennen bedeutet, Dinge auf eine bestimmte Art zu sehen. Wenn wir diese Unterscheidung durchführen, denken wir über dieselben Dinge nach wie wir es bei dem zweiten Schritt, Nachdenken, getan haben. Als wir noch nachgedacht haben, war der Zweck, dass wir verstehen, was wir tun wollen. Wenn wir es in der Meditation wiederholen, dann geht es uns darum, ein Gefühl aufzubauen. Sind wir einmal so weit gekommen, dann nachdenken wir nicht mehr darüber. Sondern wir versuchen die Dinge auf diese Art und mit diesem Gefühl zu sehen.

Es kann viele Gründe geben, warum wir anderen gegenüber Liebe, oder Sorge empfinden sollten. Zuerst haben wir darüber nachgedacht, um es zu verstehen. In der unterscheidenden Meditation würden wir wieder denselben Schritten folgen: Warum sollte ich mich um andere kümmern? Wir gehen durch dieselbe Abfolge wie beim anfänglichen Nachdenken, mit dem Ziel, ein Gefühl dafür zu entwickeln. Am Anfang ist es nicht so einfach, augenblicklich Liebe und Sorge für andere zu empfinden, aber wenn wir uns sehr daran gewöhnt haben, können wir es augenblicklich spüren. Wir durchlaufen also in der Meditation noch einmal diese Denkabfolge, damit wir wirklich diese Sorge, Liebe anderen gegenüber spüren. Das ist sozusagen die Aufbauphase.

Der tatsächliche Schritt der unterscheidenden Meditation ist, dass wir versuchen, die Leute die wir uns vorstellen, mit Liebe und Sorge zu sehen, und das auch so zu empfinden. Wenn wir das tun, geschieht dies ohne Gespräche in unserem Kopf. Wenn wir das Wort „denken“ verwenden, dann verbinden wir es oft mit einem verbalen Ablauf, der in unserem Kopf stattfindet. Das geschieht aber nicht, wenn wir meditieren. Das heißt jedoch auch wieder nicht, dass wir unseren Geist abschalten, wie man ein Radio abschaltet. Das Radio, der Fernseher ist an, aber es ist kein „bla-bla-bla“ vorhanden. Wir versuchen also die Dinge aus dieser Haltung heraus zu sehen, wirklich so zu empfinden. Das ist die erkennende Meditation, die wir offensichtlich auch im Mahamudra und im Dzogchen ausführen können; da ist es das gleiche. Es geht darum, diesen vorstellungsfreien Zustand des Geistes. zu sehen, zu fühlen.

Die zweite Stufe, die sogenannte „formale Meditation“ oder „stabilisierende Meditation“, ist ein Konzentrieren und Einsinkens-Lassen; verglichen mit dem Essen ist das der Punkt, wo das Essen zum Teil von mir wird. Wenn das Gefühl undeutlich wird, wenn wir es zu verlieren beginnen, dann müssen wir wieder versuchen, es erneut direkt zu spüren oder zu erkennen. Wenn es uns völlig entgleitet, kann es notwendig sein, uns durch ein Wort wieder daran zu erinnern, wie z.B. Liebe, Mahamudra, oder welches Wort wir auch immer benutzen wollen.

Wir suchen uns jetzt ein Beispiel, damit wir uns besser damit verbinden können. Häufig haben wir schwierige Beziehungen untereinander, und wir haben eine Tendenz, uns an bestimmten Menschen festzuklammern, mit einer Haltung wie: „Verlass mich nicht, ohne dich kann ich nicht leben.“ Wir können diese Haltung unserem Ehepartner, engen Freunden, Kindern, praktisch jedem gegenüber haben. Und wenn wir diese anhaftende Haltung haben, verursachen wir damit sehr viel Leid für uns selbst, und die andere Person hat das starke Gefühl, dass ihr etwas aufgedrängt, aufgezwungen wird. Das ist offensichtlich ein Problem. Wenn wir dieses Problem loswerden wollen, nützt eine andere Einstellung diesen Menschen gegenüber. Statt weiterhin jemanden als unseren Besitz zu betrachten oder als jemanden, ohne den man nicht leben kann, kann es viel hilfreicher sein, diesen Menschen als wilden Vogel zu sehen. Ein wilder Vogel kommt an unser Fenster; das ist ein wunderbarer und seltener Vorfall. Wollten wir versuchen, diesen Vogel zu packen, dann würde entweder dieser Vogel in Schrecken davonfliegen, oder, wenn wir ihn tatsächlich erwischen, würden wir ihn wahrscheinlich umbringen. Sperren wir ihn in einen Käfig ein, wird es ihm besonders miserabel gehen. Das einzige was uns letztlich bleibt, ist diesen Moment, in dem sich der Vogel dort niederlässt, zu genießen. Die Schönheit dieses Augenblicks. Wenn der Vogel wieder weg fliegt, nun, das war zu erwarten; kommt er wieder, gut, dann ist es ein Bonus. Das konnte man nicht unbedingt erwarten. Man kann es mit Sicherheit nicht verlangen.

Das gleiche gilt für unsere Geliebten, unsere Lieben. Sie kommen in unser Leben wie wilde Vögel, selbst wenn sie unsere eigenen Kinder sind. Und diese Zeit, in der sie mit uns sind, ist sehr schön. Wenn wir sie festhalten wollen und sagen: „Du musst immer bei mir bleiben“, dann werden wir sie verscheuchen. Wenn wir es schaffen, sie bei uns zu halten, nehmen sie es uns übel und das zerstört oft die Beziehung. Sehr viel hilfreicher wäre es, sie wie wilde Vögel zu sehen. Einfach die Schönheit der Zeit genießen, die sie mit uns verbringen. Und wenn sie gehen: gut das haben wir erwartet. Wenn sie zurückkommen, nun, dann ist es ein Bonus. Das ist sozusagen unsere hilfreiche Einstellung für den Alltag.

Nachdem wir uns das angehört haben, müssen wir darüber nachdenken. Ist das sinnvoll? Wir schauen uns unsere eigenen Beziehungen aus der Vergangenheit an, als wir geklammert haben oder als andere sich an uns geklammert haben. Und mit Sicherheit stimmt es, dass dies die Beziehung sehr armselig machte. Wenn wir den anderen wie einen wilden Vogel sehen könnten, dann würde das ganz sicher helfen. Das würde funktionieren. Es ist vernünftig, denn Menschen sind eben nicht unser Besitz. Und von diesen verschiedenen Gesichtspunkten her verstehen wir es und wir sind überzeugt, dass es eine richtige Haltung ist. Dadurch werden wir auch überzeugt sein, dass es sinnvoll ist, eine solche Haltung zu entwickeln. Jetzt sind wir bereit runterzuschlucken; jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir darüber meditieren.

Zuerst einmal stellen wir uns diesen Menschen vor und nehmen eine wirkliche Person, jemand aus unserem Leben, nicht Mickey Mouse oder irgendeinen Unsinn. Und wir versuchen dann, diese Gedankenfolge und Begründungen, über die wir nachgedacht haben, zu durchlaufen, um das Gefühl zu erzeugen. Wir stellen uns diesen Menschen als einen wilden Vogel vor; er ist völlig frei, er kommt und kann auch jederzeit wieder gehen. Wenn ich ihn packen wollte, würde ich ihn verscheuchen, oder würde unsere Beziehung kaputt machen. „Ich werde diesen Menschen wie einen wilden Vogel sehen.“ Wir versuchen in uns diese Empfindung aufzubauen, damit wir eine ernsthafte Erfahrung bekommen. Danach beenden wir das verbale „bla-bla-bla“ in unserem Kopf und versuchen nur, diesen Menschen als einen wilden Vogel zu sehen, was nicht heißt, dass wir ihn uns jetzt mit Flügeln und Federn vorstellen. Sondern genau so, wie wir jemanden wahrnehmen können als Mensch, Mann oder Frau, können wir ihn in seiner Qualität wie einen wilden Vogel wahrnehmen. Es ist ein erkennen, ein Erinnern. Wir versuchen den Menschen so zu sehen, ihm gegenüber so zu empfinden. Wenn diese Empfindung spürbar da ist, dann lassen wir sie einsinken, konzentrieren uns darauf.

Das wollen wir jetzt ausprobieren. Wir nehmen jemand aus unserer persönlichen Erfahrung, aus unserem Leben. Ob es unser Partner ist, ein Freund, unsere Kinder, das ist egal. Und dann denke ich noch einmal darüber nach. Dieser Mensch ist wie ein wilder Vogel. Er kommt in mein Leben, völlig frei. Will ich diesen Mensch an mich binden, wird das unsere Beziehung stören. Er ist nicht mein Besitz. So werde ich versuchen, diesen Menschen wie einen wilden Vogel zu sehen. Wir versuchen das zu machen.

...Und wenn wir es spüren, lassen wir es einsinken, und wenn wir es verlieren, erinnern wir uns, indem wir das Wort „wilder Vogel“ denken... OK.

Das kann sehr hilfreich sein, besonders wenn wir auf unsere(n) Geliebte(n) zu Hause warten und sie/er ist spät dran, oder wenn dieser Mensch nicht angerufen oder keinen Brief geschrieben hat. Wann immer wir diese Tendenz erkennen, von jemandem zu verlangen, sich so zu verhalten, als sei er unser Besitz, dann ist es sehr viel hilfreicher, den anderen als wilden Vogel zu sehen. Je mehr wir das üben, desto mehr wird es ein Teil von uns. Gewöhnlicherweise spricht man ja (auch im Deutschen) von der Meditation als Übung. Wir üben, genauso wie wir üben oder trainieren, wenn wir Sport machen oder ein Musikinstrument erlernen wollen. Es geht jedoch nicht darum, immer nur zu üben, sondern darum, irgendwann in der Lage zu sein, es im Alltag parat zu haben. Genau so ist es hier: Je vertrauter wir damit werden, umso mehr können wir es in unserem Alltag nutzen. Wenn also unser Freund zwei Stunden zu spät kommt, verfallen wir nicht dem Trip und werden fordernd: „Warum hast du nicht angerufen, du hättest dich ja mal melden können.“ Statt dessen: Stattdessen können wir aufgrund unserer Vertrautheit, andere wie wilde Vögel zu sehen, sagen: „Schön, der Vogel ist wieder an unser Fenster gekommen, wie wunderbar!“ So sollten wir die Schönheit des Augenblicks genießen, statt den Vogel anzuschreien, warum er zwei Stunden zu spät gekommen ist. Das ist die Art von Dingen, die wir mit der Meditation machen.

Wenn wir meditieren, haben wir einen Platz, wo wir sitzen und eine Position, in der wir sitzen. Es ist gut, den Platz sauber und schön aufgeräumt zu halten. Wenn alles um uns herum in Unordnung ist, dann tendiert auch der Geist zur Unordnung. Außerdem zeugt es von Respekt dem gegenüber, was wir tun, wenn wir einen sauberen Platz wählen. Aber wir brauchen auch keine Hollywood-Dekoration, wir brauchen keine Räucherstäbchen, keine Kerzen, keine Musik die „whuuhuuhuu“ im Hintergrund macht. Wenn wir Weihrauch benutzen wollen, um unseren Respekt zu zeigen, um es als Gabe darzubringen, ist es eine schöne Sache, aber was uns niemals passieren sollte ist dass wir denken: „ Oh, jetzt ist mir der Weihrauch ausgegangen, jetzt kann ich nicht mehr meditieren.“

Wenn wir einmal damit vertraut sind, dann können wir diese Übungen überall machen. Es gibt viele Arten von Meditation, die besonders in der U-Bahn sehr nützlich sind, dort, wo viele Leute auf einem Haufen sind. Z.B. für eine Praxis, alle Wesen als die eigene Mutter zu sehen, eine gleichmütige Haltung gegenüber allen Lebewesen zu entwickeln, da sind Menschenmassen der beste Ort zum Praktizieren.

Was die Sitzhaltung angeht, werde ich nicht ins Detail gehen, die meisten kennen das mit Sicherheit. Aber wir sollten trotzdem gewahr sein, dass im Buddhismus viele Arten von Haltungen benutzt werden. In der tibetischen Tradition sitzen wir hauptsächlich mit übereinander geschlagenen Beinen. Im japanischen Zen sind die Füße häufig hinter uns, wir hocken also auf unseren Knien. In beiden Traditionen benutzt man ein Kissen. Jedoch ist das Kissen der Zen-Tradition dicker, höher und sehr viel härter als das in der tibetischen Tradition benutzte, weil man es zwischen den Beinen hat, um auf den Knien zu hocken. Wenn man nun versucht, auf einem solchen Kissen mit übereinandergeschlagenen Beinen zu sitzen, dann ist das für viele Menschen extrem unbequem. Es liegt einfach daran, dass man für diese Haltung nicht das richtige Kissen hat.

Wichtig ist also, dass man zuerst ein bequemes Kissen findet. Nicht dass wir so herangehen: „Das ist das Normkissen, also muss ich darauf sitzen.“ Wenn man mit übereinander geschlagenen Beinen sitzen will, sollte das Kissen weicher sein und nicht so hoch. Wir wollen das Hinterteil ein bisschen höher haben, damit unsere Knie leichter nach unten kommen. Damit wird der Druck aus den Hüftknochen genommen und die Beine schlafen nicht so schnell ein. Ein zu hartes Kissen verfehlt den Nutzen völlig, weil dadurch die Beine umso schneller einschlafen.

Selbst wenn wir nicht mit überkreuzten Beinen sitzen können und einen Stuhl vorziehen, ist es trotzdem wichtig, dass der Rücken gerade ist. Und ich denke, von allen Einzelheiten der Sitzhaltung ist eine der wichtigsten auch, wie unsere Schultern sind: Sie sollten nach unten hängen. Häufig ziehen wir unsere Schultern hoch, besonders, wenn wir den ganzen Tag am Computer oder an der Schreibmaschine gearbeitet haben. Eine solche Haltung bringt viel Verspanntheit in den Schultern und im Nacken. Selbst wenn wir nicht meditieren, sollten wir darauf achten, wie wir unsere Schultern halten. Wenn wir feststellen, sie sind hochgezogen, lassen wir sie wieder fallen. Und wenn wir tagsüber merken, dass wir in diesem Bereich verspannt sind, dann ist es nützlich, ganz absichtlich die Schultern hochzuziehen und wieder nach unten fallen zu lassen.

Die Zeit, die wir mit Meditieren verbringen, sollte am Anfang nicht zu lang sein. Manche Leute finden heraus, dass ganz früh am Morgen oder spät am Abend ihr Geist am klarsten ist; gewöhnlicher Weise nicht direkt nach dem Essen. Jeder muss für sich selbst den besten Zeitpunkt herausfinden. Wir sollten unsere Meditationssitzung nicht so lange machen, dass es zu einem Hindernis wird. Das Beispiel, das hier benutzt wird, ist wie das Zusammensein mit einem Freund. Wenn wir nur eine kurze Zeit mit einem Freund verbringen, und wir uns trennen müssen, solange wir noch gerne länger zusammen bleiben würden, dann werden wir uns umso mehr freuen, wenn wir uns wieder treffen. Wenn unser Freund allerdings zu lange bleibt und es anfängt, uns auf die Nerven zu gehen, dann sind wir sehr froh, wenn er endlich geht, und wünschen uns gar, er wäre noch früher gegangen. Dann sind wir nicht besonders erwartungsvoll, ihn bald wieder zu sehen. Das gleiche gilt für die Meditation. Wir meditieren nur für kurze Zeit, am Anfang höchstens fünf Minuten und hören immer dann auf, wenn wir eigentlich noch gerne weitermachen würden. Denn dann werden wir immer sehr glücklich sein, wenn wir zur Meditation zurückkehren.

Aber wenn wir für eine Stunde sitzen und es eine richtige Quälerei wird, und wenn alles was uns in dieser letzten Phase durch den Kopf geht, ist: „Wann ist das endlich vorbei?“, dann werden wir nicht sehr begeistert sein, an ein neues Meditieren zu denken, wir werden nur noch denken: „Mein Gott, endlich ist es vorbei.“ Wir beginnen also mit kurzen Sitzungen, und wenn wir uns daran gewöhnt haben, können wir sie verlängern.

Wie ich bereits gesagt habe: Ganz egal, was wir meditieren, wir brauchen Konzentration. Wir müssen gewahr sein, wenn unsere Aufmerksamkeit abzuwandern beginnt und sie wieder zurückbringen. Oder wenn wir merken, dass wir dumpf werden, einzuschlafen drohen, dann müssen wir uns wieder wach machen. Es gibt Techniken mit sehr detaillierten Beschreibungen, wie man mit geistigem Wandern, mit Dumpfheit umgeht. Es lohnt sich, diese Dinge zu lernen, da die Buddhisten 2500 Jahre Erfahrung damit haben. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, es ist bereits da. Wir können also aus der Erfahrung der großen Meister lernen, wie man mit den verschiedenen Problemen umgeht, die sich in einer Meditationspraxis einstellen können.

Am Ende einer Meditationssitzung machen wir eine Widmung; sie ist ziemlich wichtig. Sind wir z.B. mit einem engen Freund zusammen und führen eine sehr tiefe und sinnvolle Konversation über unsere Beziehung, über unsere gegenseitigen Gefühle, und geht dieses Gespräch damit zu Ende, dass das Telefon klingelt und wir losrennen, um ans Telefon zu kommen, dann geht die ganze Energie, die entstanden ist, Pfffftt, den Bach runter. Wenn wir aber dieses Gespräch abschließen, indem wir sagen: Das war wirklich sehr hilfreich und ich hoffe, dass sich unsere Beziehung noch besser entwickelt, dann wird dieses Gespräch einen sehr viel tieferen Eindruck in uns hinterlassen. Die Energie wird dadurch viel integrierter. Und das ist die Widmung. Statt einfach aufzustehen und das war’s, fassen wir die Energie, die entstanden ist, in unserem Geist zusammen, und geben ihr noch einmal einen Schubs in dieselbe Richtung, wie wir es am Anfang durch die Motivation taten. Wir denken: Möge es dazu beitragen, nicht nur für mich, sondern auch für andere, dass jeder diese hilfreiche Haltung entwickelt, sei es Mitgefühl, Liebe, Geduld, oder woran wir auch immer gerade arbeiten. Und möge das alles zum Wohl aller geschehen. Und wir versuchen wieder, unsere Energie in diese Richtung zu schubsen. So beenden wir die Meditation.

So, was habt ihr für Fragen bzgl. Meditation?

Frage: Wenn die verschiedenen Methoden verglichen wurden mit der Vielfalt des Essens, da ergibt sich aus der Vielfalt die Schwierigkeit: Wie lange sollte man etwas meditieren, was sollte man meditieren, oder wie viel kann man überhaupt unter einen Hut bringen?

Antwort: Das ist der Grund, warum wir einen Lehrer brauchen. Der Lehrer ist derjenige, der uns aufzeigt, was wir machen sollen, in welcher Reihenfolge, wie lange wir uns mit jedem dieser Dinge beschäftigen sollen. Auch wenn wir keinen Lehrer haben, der uns nahe steht, der dauernd in unserer Nahe ist, können wir immerhin einiges an Leitung, an Richtlinien aus einem Punkt in den Belehrungen selbst finden. Da wird geraten, mit unseren größten Schwierigkeiten anzufangen.

Wir arbeiten hier mit störenden Einstellungen, die, wenn sie entstehen, in uns und/oder in anderen ein Gefühl des Unwohlseins erzeugen. Wenn wir zornig werden, fühlen wir uns nicht sehr wohl, und selbst wenn wir betrunken sind und uns selber durch diesen Zorn nicht unwohl fühlen, so fühlen sich doch die Leute um uns herum unwohl. Uns wird im Buddhismus immer wieder sehr nahe gelegt, dass wir unserer selbst und unserer Gefühle bewusst werden. Und die Dinge, von denen wir wissen, dass sie sich am unangenehmsten anfühlen, dass sie am meisten Unwohlsein erzeugen, auf die sollten wir uns zuerst konzentrieren.

Aber wenn wir zwischenzeitlich auch noch einmal die ganze Speisekarte, den ganzen Buddhismus überblicken, dann werden wir nicht so leicht Gefahr laufen, uns auf eine Sache zu versteifen und sie zu übertreiben. Und die Stufen dieses Pfades, wie sie im sog. Lam-rim dargelegt werden, geben uns eine sehr gute Idee, in welcher Reihenfolge die Übungen durchzuführen sind.

Frage: Wo ist der Unterschied zwischen einem Verrückten, der sich etwas einredet, und dem, was ich versuche, in der Meditation zu machen?

Antwort: Ein Verrückter weiß nicht, dass das, was er sich einbildet, unwirklich ist. Ein Meditierender, der sich etwas vorstellt, tut dies absichtlich, zu einem bestimmten Zweck. Er weiß, dass es nur eine Vorstellung ist. Und es geschieht nicht zwanghaft, der Meditierende sucht sich aus, wann er es tut. Das ist offensichtlich unterschiedlich. Ein Praktizierender hat eine Motivation und ein Ziel, das er damit zu erreichen gedenkt.

Frage: Am Anfang sollte man von dem Ziel überzeugt sein, und dass man es erreichen will. Ich denke, am Anfang ist es aber schwer, sich Ziele wie die Erleuchtung überhaupt vorzustellen.

Antwort: Wie gesagt wird, Rom wurde nicht an einem Tag gebaut. Genau so sollten wir am Anfang nicht gleich an die fortgeschrittensten Ziele herangehen. Wir nähern uns den Dingen schrittweise durch den Stufenweg an. Und es ist richtig, dass bestimmte Ebenen, die wir erreichen wollen, am Anfang sehr schwer wahrnehmbar sind. Was ich aber auch sage: Man sollte die Dinge nicht auf eine fantasierte, mystische, okkulte Weise anschauen, es ist im Grunde genommen alles sehr praktisch. Wenn man bestimmte Zustände beschreibt, die wir erlangen wollen, wie z.B. in Mahamudra und Dzogchen, dann wird immer betont, dass man nicht mit Erwartungen und Hoffnungen meditieren sollte. Denn dann wird es deswegen viele Enttäuschungen und viele Störungen geben.

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Ziel und einem Vorurteil. Wenn wir mit dem Auto verreisen wollen und nicht die geringste Vorstellung haben, wo wir hin wollen, wie können wir dann überhaupt irgendwohin kommen? Man setzt sich ja nicht einfach ins Auto und sagt: Los geht’s. Wohin denn? Wir haben schon eine gewisse Vorstellung, wo es hingehen soll. Nehmen wir an, wir wollen nach Indien fahren. Es ist weit, aber wir haben eine gewisse Vorstellung, wo es langgeht. Eine Vorstellung zu haben, wo man hin will, heißt nicht, Vorurteile zu haben, wie Indien sein wird. Ein Vorurteil wäre zum Beispiel: „Wenn ich dort hinkomme, wird es so und so sein, es wird dieses oder jenes zu essen geben.“ Das kann dann wirklich ein großes Hindernis sein. Dann werden wir viele Enttäuschungen erleben, weil wir so besessen waren von den Vorurteilen, wie es dort sein wird. Dennoch brauchen wir zuerst eine allgemeine Vorstellung dessen, wo wir hinwollen und durch welche Länder uns diese Reise führen wird. Ich würde sagen, es ist in etwa so zu sehen.

Frage: Bei Indien kann ich sagen: Okay, ich geh nach Indien, aber wenn jetzt jemand zu mir sagt: Geh dahin, und ich habe von diesem Land noch nie etwas gehört, dann kann ich auch nicht wissen, in welche Richtung ich laufen soll und ob ich jemals dort ankommen kann.

Antwort: Das ist richtig, daher brauchen wir auch spezifischere Anweisungen. Entweder das, oder wir müssen einem Lehrer begegnet sein, zu dem wir viel Vertrauen haben, und durch dessen Beispiel wir inspiriert sind und denken: So will ich auch werden. Es gibt verschiedene Praxisstile in der tibetischen Tradition. Manche Traditionen würden sagen, es ist äußerst wichtig, die Landkarte zuerst genau zu studieren, bevor man sich auf die Reise macht. Andere Traditionen würden eher so rangehen: Mach dich mal auf die Reise, du hast eine vage Ahnung, wo es hingehen soll und unterwegs wirst du schon entdecken, was da alles vorzufinden ist und wie es weitergeht. Und das ist sehr gut, denn der Buddha war niemals sehr dogmatisch, er hat immer gesagt: Verschiedene Menschen haben verschiedene Dispositionen, also gibt es verschiedene Wege.

Schließen wir also mit einer Widmung. Was immer an positiver Energie und Potential angesammelt worden sein mag, möge es dahingehend wirksam werden, dass jedes Wesen seine Begrenzungen, Probleme überwindet; möge jeder in der Lage sein, sein volles Potential zu entwickeln, zum Wohle aller.

Danke schön.