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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Interview mit Dr. Alexander Berzin
über Fundamentalismus und „Dharma light“

von Christine Rackuff, September 2002

Frage: Westliche Buddhisten meinen, sie müssten sich wegen der Kompliziertheit mancher Traditionslinien eine Art westlichen Buddhismus schaffen, in dem sie sich besser zurechtfinden. Gewinnen wir damit etwas oder verlieren wir eher?

Berzin : Damit sind zwei Punkte angesprochen: Sektiererischer Fundamentalismus und westlicher Buddhismus. Sektierertum und Fundamentalismus richten sich wirklich gegen die Lehren. Der schwerste Fehler ist, den Dharma aufzugeben. Das heißt, Teile der buddhistischen Lehren schlicht und einfach zurückzuweisen, weil sie nicht nach meinem Geschmack sind. Das widerspricht ganz und gar dem Geist des Buddhismus. Buddha hat viele, viele Menschen viele, viele Methoden gelehrt. Daraus folgt, dass wir eine große Anzahl von Methoden und Linien brauchen.

Sektierertum und Fundamentalismus zeigen, dass die Menschen sehr unsicher sind und auf einen Machttrip gehen. Sie vermischen Religion und Politik. Man findet das in allen Kulturen Hier machte auch Tibet keine Ausnahme. Im heutigen Tibet ist das von der chinesischen Unterdrückung überlagert. Auf jeden Fall kennt man solche Tendenzen wieder im Exil.

Frage: Wie drückt sich dieser Fundamentalismus z.B. im indischen Exil aus?

Berzin : Durch fanatische Hingabe an den Lehrer, durch Überbetonung von Schutzpraktiken. Die Schutzgottheit bekommt enorme Bedeutung. Und das alles tut man im Namen der Guru-Hingabe. Das ist Fanatismus, weil man sich nicht mehr auf die Lehren bezieht, nicht mehr auf Logik und auf Analyse. Buddha selbst hat gefordert: „Denke für dich selbst, akzeptiere nicht alles nur aus Respekt.“ Aussagen wie: „Das ist wahr, weil mein Guru es gesagt hat“ sind Ausdruck von Totalismus und nicht buddhistisch.

Menschen im Westen missverstehen manches, weil die meisten an die Ethik des Gehorsams gewöhnt sind. Westliche Ethik basiert auf Gehorsam zu den göttlichen Gesetzen ebenso wie zu den Gesetzen des Staates. Nicht im Buddhismus, hier basiert Ethik auf Achtsamkeit. Man unterscheidet, was hilfreich und was hinderlich ist. Es gibt kein Gelübde von Gehorsam. Disziplin ja, aber keinen Gehorsam. Wie kannst du sonst ein Buddha werden?

Im westlichen Buddhismus greifen wir auf manche hilfreiche Methode zurück. Ein Dharma-Zentrum z.B. ist eine westliche Einrichtung. Geführte Meditationen anzubieten, therapeutische, psychologische Dinge einzubauen, das ist westlich. Solange gesagt wird, woher diese Methoden kommen, mag es in Ordnung sein. Man muss den Unterschied erkennen zwischen „Dharma light“ (wie Coca-Cola light) und dem wirklichen Dharma. „Dharma light“ ist das, was viele Menschen im Westen für den wirklichen Dharma halten und praktizieren. Sie benutzen es, um ihr jetziges Leben zu verbessern. Im Westen verstehen wir in den meisten Fällen nicht, was die buddhistischen Lehren mit Wiedergeburt meinen. Tatsächlich sind sie sehr tiefgründig. Wie willst du wirklich dein nächstes Leben vorbereiten und Befreiung von der Wiedergeburt bzw. Erleuchtung erlangen?

Viele sagen „Ich möchte Erleuchtung zum Wohle aller fühlenden Wesen erreichen.“ Das ist nicht ehrlich. Tatsächlich ist jeder Floh gemeint, jede Küchenschabe. Man muss verstehen, was allwissender Buddha-Geist ist, wieso man ihn braucht, wenn man anderen Nutzen bringen will. Wir sollten auch wissen, dass diese Allwissenheit von uns selbst erreicht werden kann. Erst dann können wir aufrichtig sagen „Ich strebe nach Erleuchtung zum Wohle aller Wesen.“ Sonst sind es nur Worte, es ist „Dharma light.“

[Siehe: „ Dharma light versus „Der echte Dharma“ .]