Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Zwischen Tradition und "Dharma-Light":
Authentische Vermittlung des Dharma

Alexander Berzin, April 2004

Auszug aus einer Fortbildung im Rahmen der Lehrerbildung für buddhistischen Religionsunterricht der DBU in Berlin zum Thema "Geschichte des Buddhismus"
Erstveröffentlichung in: "Buddhismus aktuell" 4/04.
Übersetzung: Doris Wolter; Bearbeitung: Michaela Doepke und Doris Wolter
Leicht bearbeitete Version September 2005 von Monika Schreiber

Frage: „Welche Freiheit darf man sich bei der Vermittlung des Dharma erlauben, ohne die Tradition oder die Lehren zu verwässern, um die Jugendlichen zu erreichen?“ Wir veröffentlichen hier einen Teil der Antwort von Alex Berzin.

Antwort: Wenn wir Buddhismus übersetzen, sind wir in der schwierigen Lage, dass jede Sprache das Universum durch fest umrissene Worte definiert und in verschiedene Kategorien aufgeteilt hat. Die Welt wurde in kleine Pakete gepackt, ihnen wurden Worte zugeordnet und diese Worte hat man auch noch genau definiert und in den meisten Fällen korrespondieren diese in kaum einer Sprache miteinander. Dies gilt speziell für all die Terminologien, die verschiedene Geisteszustände und philosophische Kategorien definieren, über die der Buddhismus so viel spricht, z.B. Karma – wie übersetzt man das?

In der Geschichte des Buddhismus ist das ein wunderbares Studienthema. Ich habe mich sehr intensiv und detailliert damit beschäftigt, um zu sehen, was die Menschen jeweils versucht haben. – Es gibt da einen wunderbaren Spruch von Konfuzius: „Lerne aus der Geschichte!“, und so gab es vielfältige Gelegenheiten, alles Mögliche zur Übersetzung auszuprobieren.

Eine Lösung war, die abstrakten Begriffe in der Originalsprache zu belassen, und dies haben wir bereits in unseren westlichen Sprachen vorliegen: Um Buddhismus zu studieren, muss man einen bestimmten Jargon verstehen lernen – eine andere Sprache. Also lernen wir Vokabeln wie „Buddha, Dharma, Sangha, Karma, Samsara, Nirvana, Bodhichitta, Bodhisattva, Arhat, Arya, Tantra, Sutra, Mandala, Mantra usw.“ – . Und da gibt es auch ausgefallene Wörter wie „Pratityasamutpada“ für „ abhängiges Entstehen“. Ich spreche dabei erst mal nur über die grundlegenden Wörter, von denen wir annehmen, dass alle Buddhisten sie kennen.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat mir gegenüber stets betont: „Wenn du etwas lehrst oder erklärst, stell dir vor, du würdest es deiner – nicht besonders gelehrten – Mutter darstellen.“ Man könnte jetzt argumentieren: Wenn man jemandem Physik oder Biologie beibringen will, dann muss er die Terminologie kennen lernen. Man kann das mit gewöhnlicher Sprache nicht immer ausdrücken, aber auch Kinder kennen diese Worte anfangs nicht.

Es gibt aber auch gute Argumente, diese Wörter im Original zu belassen, man muss sie dann aber korrekt definieren. Und das wird im Westen nicht so oft getan, denn wir kennen dies abstrakte Vokabular nicht genau und daher legen wir dann den Worten eine gewisse Bedeutung bei, die nicht so akkurat ist. Und das ist besonders gefährlich, wenn wir Worte wie Karma nutzen und die Vorstellung haben – so wird es in unserer Alltagssprache oft verstanden – dass es jemandes „Karma“ war, vom Auto überfahren zu werden – als wäre es sein Schicksal oder seine Bestimmung gewesen – und darum geht es bei Karma sicherlich nicht.

Also muss man sehr vorsichtig sein, dass die Leute sich unter diesen Begriffen nichts Falsches vorstellen. Dies wäre wieder ein Argument dafür, diese Wörter nicht zu nutzen, denn in einigen Fällen, wie beim Wort Guru ist es inzwischen in der Schweiz schon so, dass dies wie ein unanständiges Wort behandelt wird – es wird dem Anführer eines mystischen Kults oder einer Sekte zugeordnet. Also kann man dort nicht über „Guru“ und „Guru-Yoga“ sprechen, man muss also sensibel sein gegenüber dem besonderen Geschmack, den einige Worte in bestimmten Kulturen bereits erhalten haben.

Die Alternative ist, dass wir unsere eigenen Worte aus unserer Sprache gebrauchen – falls es Entsprechungen gibt. Das ist aber selten. Schauen wir uns z.B. allein mal in der westlichen Sprache die Unterschiede bei dem Wort Geist an. Das deutsche Wort Geist und der englische Begriff mind sind sicherlich nicht das Gleiche. Und wenn dies in westlichen Sprachen bereits so unterschiedlich ist, dann ist das noch mal etwas ganz anderes als „chitta“ in Sanskrit (Sanskritschreibweise: citta). Und zusätzlich gibt es das Problem, ob man „ chitta“ mit „Geist“ oder mit „Herz“ übersetzt. Einige Kulturen haben sich hierbei für „ Geist“ , andere eher für „Herz“ entschieden. Und dann gibt es kulturelle Unterschiede – ob sie eher über die rationale Seite oder über die Gefühlsseite sprechen wollen. Das Problem taucht selbst bei den allereinfachsten Begriffen auf. Was bedeuten Gier, Anhaftung oder Wut? Das drückt in jeder Sprache etwas anderes aus.

Missverstandener Buddhismus

Wenn man sich die Standardübersetzungen anschaut, dann finde ich es wirklich bemerkenswert, dass die wichtigsten Missverständnisse über den Buddhismus aus falschen Übersetzungen entstanden sind; z.B. wurden Worte von den Leuten ausgewählt, die die Wörterbücher geschrieben haben – aber was wissen die schon? Nur weil etwas im Wörterbuch steht, heißt das noch nicht, dass dies die Bedeutung des Wortes wirklich erfasst. Exakte Äquivalente sind von Menschen erdacht worden und vor einem Jahrhundert gab es nicht so viele Informationen, wie sie uns heute zur Verfügung stehen. Die Wörterbücher wurden z. T. von den Missionaren gemacht, die fremde Länder bereisten und vorhatten, die Bibel in die jeweiligen Sprachen zu übersetzen. Terminologien, die noch heute für die Übersetzung des Buddhismus benutzt werden, sind eigentlich christlichen Ursprungs, und das vermittelt eine völlig falsche Vorstellung vom Buddhismus. Wenn man z.B. über Tugend und Untugend oder Verdienst und Sünde spricht, dann sind das christliche Worte – nicht das, was der Buddhismus ausdrücken wollte. Unsere Worte sind oft entweder konstruktiv oder destruktiv, sie vermitteln etwas von einer positiven oder negativen Kraft – es liegt viel moralisches Urteil darin, selbst Worte wie ”Zuflucht” vermitteln den Eindruck, dass man im Buddhismus passiv Zuflucht sucht und dass es da jemanden gäbe, der mich beschützen könnte. Im Christentum bittet man Jesus um Erlösung, aber den Buddha würde man darum nicht bitten.

Wenn wir erkennen, dass darin ein Problem liegt und ihm ins Angesicht sehen, aber den Kindern auch eine buddhistische Art und Weise des Denkens vermitteln wollen, dann sollten wir damit beginnen und alles hinterfragen – nicht alles so fest machen. Bei kleinen Kindern muss man da etwas vorsichtiger sein, ihnen würde man diese Problematik noch nicht vermitteln, denn sie brauchen erst mal etwas Konkretes, um sich daran zu orientieren. Aber wenn sie dann älter werden, dann brauchen sie Unterstützung darin, dies konkrete Greifen nach den Dingen aufzulösen, dies ausschließende Denken – als wenn etwas nur entweder so oder so sein könnte. Denn die meisten Kinder rebellieren sowieso gegenüber allem, was ihnen die Eltern sagen und wollen dies hinterfragen. Das ist gut, ermutigt sie ruhig noch tiefer nachzufragen.

Um jetzt zu der Frage zurückzukehren, wie wir den Buddhismus erklären können, dann glaube ich, wir müssen Beispiele aus unserer Kultur nutzen, nicht die klassischen Beispiele von Yak-Karawanen; zu denen wir kaum eine Beziehung aufbauen können. Ich nutze zum Präsentieren auch immer gerne Humor und Bilder von uns bekannten Haustieren – nicht die von exotischen Tieren wie Yaks …

Was ist westlicher Buddhismus?

Was können wir lernen oder unserer Kultur hinzufügen? Ich glaube nicht, dass man dem Buddhismus etwas Großartiges hinzufügt, wenn man das westliche Verständnis von Schuld hinzu gibt; das wäre keine gute Kombination, denn es würde niemandem helfen, das Leiden aufzuheben – und darum geht es doch letztlich im Buddhismus.

Jede Kultur hat Buddhismus anders erklärt und verständlich gemacht, die Kommentare sind stets unterschiedlich. Und was wir beitragen können, ist unsere Art etwas zu verstehen, zu erklären. Unsere Art des Lernens ist eine vergleichende – wir sehen die Muster, wir sehen, wie verschiedene Erklärungen zusammen passen, wir sehen das Gesamte. Das war nicht die traditionelle Art, wie die asiatischen Länder Buddhismus gelernt haben. Das ist also eine westliche Entwicklung. Sie hilft uns, Buddhismus zu verstehen – die generelle Struktur zu erkennen, wie sich der Buddhismus durch die verschiedenen Zeiten hindurch entwickelt hat, wie philosophische Schulen zusammenhängen und aufeinander aufbauen, damit es Sinn macht und so weiter. Dies könnten wir hinzufügen.

Essenz des Buddhismus?

Aber kann man hieraus die Essenz des reinen Buddhismus herausdestillieren? Das ist eine interessante Frage. Ein großer indischer Meister, Dharmakirti, hat das beantwortet, indem er sagte: „Schau dir in den Sutren an, was die wichtigsten Themen sind, die Buddha immer wieder lehrte, dann weißt du, um was es ihm wirklich ging.“ Das sind dann grundlegende Belehrungen und nichts, was er jemandem erzählte, der ihn eines Tages mal zum Essen einlud – denn Buddha hat auch sehr individuell gelehrt. Die Drei Juwelen, Karma oder Leerheit sind Themen, die immer wieder vorkommen. Aber existiert dieser reine Buddhismus aus sich selbst heraus? Nein. Er ist bereits mit einer anderen Kultur verbunden. Können wir dieses Kulturelle einfach wegwerfen? Das ist schwierig, wenn man nicht genau unterscheiden kann, was das Kulturelle und was das Prinzipielle daran ist.

„Dharma light“ und kulturelle Arroganz

Westlicher Buddhismus kann auch das hinterfragen, was ich „Dharma light“ – leichtes Dharma im Gegensatz zum „echte“ Dharma nenne. So wie Coca-Cola light und die „echte“ Cola. „Dharma light“ ist die Version, wo alles süß und leicht ist, kein Koffein und keine Kalorien. Wenn einige westliche Lehrer dann von Karma sprechen, möchten sie alles rausschmeißen, was mit den Höllenbereichen zu tun hat – das will bei uns niemand hören. Lasst uns all das Garstige – Wiedergeburt – rausschmeißen, lass uns einfach in diesem Leben Spaß haben.

Aber wie kann man Buddhismus ohne Wiedergeburt haben? Wie kann es da Befreiung davon geben - ganz zu schweigen von der Hilfe für andere? Und das gesamte System von Karma fällt auseinander, wenn es keine Wiedergeburt gibt, es wird unverständlich, wenn jemand im christlichen Sinn ein „ guter Mensch“ war, aber an einem schrecklichen Tod durch Krebs stirbt. – „Ich habe mein ganzes Leben meditiert, und dann wurde ich in ein kommunistisches Konzentrationslager geworfen und zu Tode gefoltert.“ – Wie kann man das verstehen ohne frühere Leben einzubeziehen? Dharma ohne das Verständnis wäre „Dharma light“.

Buddhismus ohne Wiedergeburt?

Ist es okay, Cola light zu trinken, oder müssen alle die „echte“ Cola trinken? Ich glaube es ist wichtig, nicht arrogant zu sein. „Dharma light“ ist in Ordnung und wird im Westen auch sehr viel gelehrt. Es ist okay, solange es als „Dharma light“ bezeichnet wird und man weiß, dass es nicht das Echte ist. Es ist ein hilfreicher erster Schritt: Sei ein guter, netter Mensch, versuch dich zu bessern – das kann man letztlich in jeder Religion lernen. Wenn man ihn auf „Dharma light“, reduzieren will, hat der Buddhismus ein paar nette Methoden, um in diesem Leben weniger leiden zu müssen und etliche davon sind nicht mal ausschließlich buddhistisch. – Das klingt nach Therapie – richtig; hiermit reduzieren wir Buddhismus auf eine Form von Therapie. Aber Buddhismus ist viel mehr als das.

Auch das westliche Vipassana ist nicht der „echte“ Dharma und auch kein „echtes“ Theravada. Aber die problematischste Art des „Dharma light“ ist die, bei der Wiedergeburt rausgenommen wird, nur weil das für uns Westler so schwer verständlich ist. Man kann es nicht verstehen, wenn man Anatta nicht verstanden hat. Der Buddhismus meint sicher nicht, dass eine bestimmte Seele wiedergeboren wird. Der Ansatz des westlichen „Dharma light“ ist, zu sagen, dass wir die Wichtigkeit der Wiedergeburt im buddhistischen System anerkennen und es nur als psychischen Zustand ansehen. Die hilfreichste Haltung wenn wir Schwierigkeiten mit Wiedergeburt haben, aber ist zu sagen: „Wenn es für mich momentan schwierig ist, das anzuerkennen, sollte ich es aber respektieren und davon ausgehen, dass es eine tiefere Bedeutung hat. Denn Buddha hat es gelehrt und eines Tages möchte ich es sicher verstehen lernen, um den ‚echten Dharma’ zu lernen.“ Und mit diesem Verständnis ist auch „Dharma light“ ein guter Drink. Die wirkliche Gefahr liegt darin zu sagen, dies wäre der tatsächliche Dharma und die Haltung zu haben, traditionellere, asiatische Formen des Dharma zu verachten und ihnen z. B. Aberglaube zu unterstellen, indem man behauptet, wir sind rein und die sind unrein. Damit würden wir eine geradezu kindliche Version des Dharma zur letztendlichen Version erheben – aber wir wollen doch auch mal erwachsen werden...

Kindern können wir auf diese Weise vermitteln, dass es gut wäre, diese Art von kultureller Arroganz zu vermeiden.

[Siehe: „ Dharma light versus „Der echte Dharma“.]