Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Den Dharma in unser Leben integrieren

Alexander Berzin
Bok, Polen, Dezember 2002
Deutsch: Nailu Sari

Der Dharma dient dazu, mit den Problemen des Lebens umzugehen

Heute Abend möchte ich über die Praxis des Dharmas im Alltagsleben sprechen. Das Wort Dharma bedeutet „vorbeugende Maßnahme“. Es ist etwas, das wir unternehmen, um Probleme zu vermeiden. Wenn wir uns mit der Dharmapraxis beschäftigen wollen, müssen wir als erstes die verschiedenen Probleme oder Schwierigkeiten erkennen, die wir in unserem Leben haben. Als nächstes müssen wir erkennen, dass die Dharmapraxis den Zweck hat, bei der Bewältigung dieser Schwierigkeiten zu helfen.

Die Dharmapraxis ist nicht bloß dazu da, dass wir uns wohl fühlen, oder dass wir in ihr ein nettes Hobby finden, oder modisch sind, oder sonst etwas Ähnliches. Die Praxis des Dharmas soll uns dabei helfen, unserer Schwierigkeiten loszuwerden. Das bedeutet Folgendes: wenn wir in einer realistischen Weise den Dharma praktizieren wollen, dann müssen wir uns klar machen, dass es kein angenehmer Vorgang sein wird. Die unerfreulichen Dinge in unserem Leben, die Schwierigkeiten, die wir haben – das sind die Dinge, die wir klar ins Auge fassen müssen, mit denen wir uns tatsächlich auseinandersetzen müssen. Wir können nicht vor ihnen weglaufen sondern müssen uns diesen Dingen stellen, und zwar mit der Einstellung, dass wir jetzt versuchen werden, sie zu überwinden.

Unsere Probleme können zahlreiche Formen annehmen. Die meisten von ihnen sind uns allen wohlvertraut: wir sind voller Unsicherheit; wir haben Beziehungsschwierigkeiten zu anderen Menschen; wir fühlen uns entfremdet; wir haben Probleme mit unseren Emotionen und Gefühlen – das sind die normalen Dinge, die wir alle erleben. Wir haben Schwierigkeiten im Umgang mit unseren Familien und unseren Eltern; sie werden krank und altern. Wir haben Schwierigkeiten, mit unserem eigenen Krank- und Älterwerden umzugehen. Und als junger Mensch haben wir Schwierigkeiten, zu entscheiden, was wir mit unserem Leben anfangen sollen, wie wir unser Leben verdienen wollen, in welche Richtung wir gehen sollen, und so weiter. Mit all diesen Dingen müssen wir uns auseinandersetzen.

Verwirrung

Einer der wichtigsten Punkte im Buddhismus ist folgender: wir müssen erkennen, dass all diese Probleme die jeder von uns erlebt, aus Ursachen entstehen. Es ist nicht so, dass sie sich einfach vollkommen grundlos ergeben. Die Quelle all dieser Probleme ist in uns selbst. Das ist eine große Einsicht, die von den meisten nicht leicht angenommen wird. Dies wiederum liegt daran, dass die meisten von uns die Tendenz haben, die Schuld anderen Menschen oder äußeren Umständen zu geben. Wir meinen „Ich bin wegen deinem Verhalten unglücklich – du hast mich nicht angerufen; du hast mich verlassen; du liebst mich nicht. Es ist alles deine Schuld.“ Oder wir geben unseren Eltern die Schuld – den Dingen, die unsere Eltern uns gegenüber getan oder nicht getan haben, als wir kleine Kinder waren. Oder wir geben die Schuld der wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Situation, oder was auch immer. Selbstverständlich spielen all diese Faktoren eine Rolle dabei wie wir unser Leben erfahren. Der Buddhismus streitet dies nicht ab. Doch die tiefere Ursache, die Hauptursache all unserer Probleme liegt in uns selbst; sie besteht in unseren eigenen Geisteshaltungen, speziell in unserer Verwirrung.

Gibt es ein herausstechendes Merkmal, das die buddhistische Einstellung bezüglich der Frage, was es bedeutet, Buddhismus im täglichen Leben zu praktizieren, eindeutig definiert,? Ich würde darauf antworten, dass es dies ist. Wenn wir Schwierigkeiten erleben, dann wenden wir im Buddhismus den Blick auf unser eigenes Innere um zu versuchen, dort die Ursache zu finden. Und wenn wir die Ursache einmal gefunden haben, dann versuchen wir, die Situation von unserem Inneren her zu verändern. Aber wenn wir hier sagen, dass wir den Blick nach Innen wenden, um die Quelle unserer Probleme zu finden, dann basiert das nicht, auf einem moralischen Urteil wie: „Ich bin ein schlechter Mensch. Ich muss mich ändern, damit ich ein guter Mensch werde.“ Im Buddhismus gibt es keine Moralurteile. Der einzige Grund dafür, dass wir die in uns liegende Quelle unserer Probleme erkennen wollen, ist Folgender: wir leiden, wir wollen uns von unseren Problemen und unserem Unglücklichsein befreien und die Hauptursache all dieser Dinge liegt in unseren eigenen Geisteshaltungen. Insbesondere sagte der Buddha, dass die tiefste Ursache unserer Probleme und unseres Leidens unsere Verwirrung ist. Deshalb müssen wir erkennen, wie wir bezüglich dessen, was los ist, verwirrt sind Zweitens müssen wir erkennen, wie wir dies durch richtiges Verständnis korrigieren können.

Was ist es, worüber wir verwirrt sind? Wir sind in mehreren Bereichen verwirrt. Einer davon sind die verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen. So können wir uns beispielsweise vorstellen, dass bestimmte Verhaltensweisen unsererseits vollkommen ohne Konsequenzen bleiben werden. Wir denken etwa: „Ich kann mit Verspätung kommen, dich ignorieren, und so weiter, und das wird keine Rolle spielen.“ Dies ist eine falsche, verwirrte Sichtweise. Oder wir stellen uns vor, dass unsere Handlungen und Verhaltensweisen vollkommen unmögliche oder absurde Wirkungen haben könnten, indem wir beispielsweise denken: „Ich war lieb zu dir und deshalb wirst du mich im Gegenzug lieb haben. Ich hab dir ein schönes Geschenk gekauft, weshalb hast du mich also jetzt nicht lieb?“ Mit solchen Überlegungen gaukeln wir uns selbst vor, dass unsere Handlungen und Verhaltensweisen unmögliche Wirkungen produzieren könnten – oder wir blasen die möglichen Wirkungen unserer Handlungen ins Unmögliche auf und denken, dass sie weit größer ausfallen könnten als dies tatsächlich je der Fall sein kann. Es könnte auch sein, dass wir davon überzeugt sind, dass bestimmte Handlungen eine bestimmte Sorte von Wirkung hervorrufen werden   während sie tatsächlich gerade das Gegenteil hervorrufen. Wir wünschen uns beispielsweise, glücklich zu sein und denken, dass ein guter Weg zum Glücklichsein darin besteht, sich ständig zu betrinken   aber dies wird uns mehr Schwierigkeiten als Glück bescheren.

Der zweite Bereich in dem wir verwirrt sein können, betrifft die Art, wie wir selbst, wie andere und wie die Welt existieren. Wir leiden beispielsweise und werden unglücklich darüber, dass wir altern und krank werden. Doch was kann man als menschliches Wesen auch anderes erwarten? Menschliche Wesen werden krank und unterlaufen einen Alterungsprozess – außer, wenn sie schon jung sterben. Daran ist nichts überraschend. Wenn wir beginnen, im Spiegel graue Haare zu sehen und darüber unglücklich und schockiert sind, dann ist dies ein Ausdruck davon, dass wir unrealistisch und verwirrt bezüglich dessen sind, wie die Welt und wir sind..

Nehmen wir an, wir haben Schwierigkeiten mit dem Älterwerden. Aufgrund unserer diesbezüglichen Verwirrung – unserer Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren – handeln wir unter dem Einfluss störender Emotionen und Geisteshaltungen in destruktiven Weisen. Indem wir beispielsweise in einer zwanghaften Weise versuchen, jung und attraktiv auszusehen, hoffen wir Dinge zu erlangen, von denen wir hoffen, dass sie uns Sicherheit geben werden – etwa die Aufmerksamkeit und Liebe der anderen, speziell jüngerer Menschen, die wir attraktiv finden. Hinter diesem Syndrom steht normalerweise folgende verwirrte Ansicht: „Ich bin die wichtigste Person der Welt; ich bin der Mittelpunkt des Universums. Deshalb sollten alle auf mich achten. Egal wie ich aussehe – alle sollten mich attraktiv finden und mögen.“ Wir werden halb wahnsinnig, wenn uns jemand nicht attraktiv findet oder nicht mag. Noch wahnsinniger werden wir, wenn die anderen uns ignorieren – wenn sie uns keine Aufmerksamkeit schenken während wir uns wünschen, dass sie uns attraktiv finden, und wenn schon nicht körperlich attraktiv, dann in irgendeiner anderen Weise. Doch wenn selbst Buddha Shakyamuni nicht von allen gemocht wurde, was für Hoffnungen gibt es dann, dass dies bei uns der Fall sein wird?!

Der Wunsch, dass uns alle mögen, ist unrealistisch. Er entspricht nicht der Realität. Dieser Wunsch wurzelt in der Verwirrung, im sehnsuchtsvollen Verlangen und in der Anhaftung daran, dass uns alle attraktiv finden und uns ihre Aufmerksamkeit schenken sollen. Hinter diesen Dingen steht die störende Geisteshaltung der Naivität. Wir stellen uns vor, wir seien so dermaßen wichtig und liebenswürdig, dass alle uns mögen müssten   und dass daher mit denjenigen, die uns nicht schätzen irgendetwas nicht in Ordnung sein kann. Oder schlimmer: wir beginnen an uns selbst zu zweifeln: „Irgendetwas an mir ist verkehrt und deshalb mag mich dieser Mensch nicht.“ Und deshalb fühlen wir uns dann schlecht oder schuldig. All dies ist Naivität.

Das Wichtigste ist also, an uns selbst zu arbeiten. Das ist es, worum es bei der Praxis des Dharmas geht. Egal in welcher Situation man sich wiederfindet – wenn man Schwierigkeiten hat, sich unsicher fühlt, oder was auch immer – man muss den Blick auf das eigene Innere richten, um zu sehen, was los ist. Wo ist die Verwirrung hinter den störenden Emotionen, die ich empfinden? Wenn es allerdings eine problematische gewordene Beziehung ist, die wir analysieren, dann sollten wir uns klar machen, dass wir nicht der oder die einzige sind, der verwirrt ist: die andere Person ist es offensichtlich ebenfalls. Das Wichtige ist dann, dass wir nicht einfach behaupten: „ Du musst dich verändern; alles was ich tue ist in Ordnung und perfekt; du bist derjenige, der sich verändern muss.“ Andererseits behaupten wir auch nicht, dass nur wir selbst , uns verändern müssen, da dies zu einem Märtyrerkomplex ausarten könnte. Wir versuchen, die Dinge mit der anderen Person in einer offenen Weise zu besprechen – obwohl die andere Person dem natürlich offen stehen muss. Wir müssen anerkennen, dass wir beide verwirrt sind. „Die Weise, in der jeder von uns beiden das, was in unserer Beziehung geschieht, versteht, ist problematisch. Versuchen wir daher, die Verwirrung in uns beiden zu überwinden.“ Diese Vorgehensweise ist die realistischste und entspricht am meisten dem Dharma.

Den Dharma verstehen, bevor man ihn in die Praxis umsetzt

Es gibt viele verschiedene Arten buddhistischer Praxis. Es ist nicht ausreichend, bloß die Anleitungen zu erhalten, wie man sie ausführt, wie man lernt, irgendeinen Trick auszuführen. Bei jeder Praxis ist es sehr wichtig zu verstehen, , wie sie uns dabei helfen wird, unsere Schwierigkeiten zu überwinden. Wir müssen nicht nur lernen, wann und wie wir die jeweilige Praktik anwenden müssen, sondern auch die dahinterstehenden Überlegungen. Dies bedeutet, dass man den Anfang nicht mit fortgeschrittenen Übungen macht. Man fängt beim Anfang an und setzt ein Fundament, damit man versteht, aus der Reihenfolge, in der die Dharmalehren aufgebaut sind, was innerhalb jeder Übung geschieht.

Nun ist es wahr, dass man auf Lehren stoßen kann, in denen es heißt: „Wenn man dir eine Medizin gibt, dann frag nicht danach, wie sie funktioniert, sondern nimm sie einfach!“ Obwohl dies ein guter Ratschlag ist, müssen wir uns klar machen, dass es sich hierbei um eine Warnung davor handelt, in ein bestimmtes Extrem zu fallen. Dieses Extrem besteht darin, dass man einfach nur die Theorie studiert und versucht, die Lehren zu verstehen, ohne je das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Dieses Extrem wollen wir vermeiden. Doch auch das entgegengesetzte Extrem muss man vermeiden; es besteht darin, dass man Anweisungen zu irgendeiner Dharmapraxis hört und sie dann mit blindem Vertrauen anwendet, ohne irgendein Verständnis in das, was man tut und warum man es tut. Das Hauptproblem, das sich aus dieser letzten Art von extremer Verhaltensweise ergibt, ist, dass wir nie wirklich verstehen, wie wir die Praxis im alltäglichen Leben anwenden müssen. Wenn wir den Punkt verstehen, welcher der Praxis zugrunde liegt – wenn wir verstehen, wie sie funktioniert und was die dahinterstehende Absicht ist – dann brauchen wir niemanden danach zu fragen, wie wir sie im alltäglichen Leben anwenden sollen. Wir verstehen sie und wissen selbst, wie wir die Praxis anwenden müssen.

Wenn wir von der Beseitigung unserer Probleme sprechen, meinen wir damit nicht bloß die Beseitigung unserer persönlichen Probleme, sondern auch von den Schwierigkeiten, die wir dabei haben, den anderen zu helfen. „Ich habe aus Faulheit oder Egoismus, oder weil ich zu beschäftigt bin, Schwierigkeiten dabei, den anderen zu helfen.“ Oder: “Ich verstehe einfach nicht, was dein Problem ist und habe keine Ahnung, wie ich dir helfen kann.“ Das ist eine große Schwierigkeit, die wir haben, oder? All diese Schwierigkeiten, die wir dabei haben, den anderen zu helfen, kommen ebenfalls von unserer Verwirrung. Es kann sich hierbei beispielsweise um die verwirrte Vorstellung handeln, dass ich wie ein allmächtiger Gott sein muss, und bloß diese eine Handlung zu unternehmen brauche, „damit sich all deine Probleme in Luft auflösen; und wenn sich deine Probleme dann doch nicht in Luft auflösen, dann ist irgendetwas mit dir nicht in Ordnung. Du hast etwas nicht richtig gemacht; du bist schuldig.“ Oder: „Ich bin schuldig, da ich deine Probleme hätte lösen müssen können. Doch ich habe es nicht geschafft, deshalb bin ich nicht gut.“ Hier handelt es sich wieder um eine Verwirrung in bezug auf Ursache und Wirkung.

Vom Dharma überzeugt sein

Ein weiterer Punkt: um den Dharma in einer effektiven und unneurotischen Weise anwenden zu können, müssen wir die Überzeugung haben, dass es tatsächlich möglich ist, unsere Probleme loszuwerden. Wir müssen davon überzeugt sein, dass es möglich ist, uns von unserer Verwirrung zu befreien, indem wir die grundlegende buddhistische Vorgehensweise anwenden: um etwas loszuwerden, müssen wir die Ursachen beseitigen, die es entstehen lassen. Doch selbstverständlich ist es schwierig, eine tiefe, feste Überzeugung zu entwickeln, dass es möglich ist, all unsere Verwirrung zu beseitigen, so dass sie nie wiederkehrt, ebenso wie eine fest Überzeugung, dass es möglich ist, Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. Dies ist insbesondere dann schwierig, wenn wir noch nicht einmal verstehen, was Befreiung und Erleuchtung tatsächlich sind. Wie können wir dann wirklich in Betracht ziehen, ob es möglich ist oder nicht, sie zu erreichen? Wenn wir nicht daran glauben, dass es möglich ist, diese Ziele zu erreichen, ist es dann nicht etwas scheinheilig zu behaupten, dass man etwas erreichen will, von dem man noch nicht einmal glaubt, dass es existiert? Dann wird es einfach zu einem verrückten Spiel, das wir spielen. Unsere Dharmapraxis ist dann nicht echt.

Wir müssen wirklich überzeugt sein, und dies erfordert viel Lernen und viel Verständnis, ebenso wie tiefes Nachdenken und tiefes Meditieren. Wir müssen davon überzeugt sein, dass die Befreiung und die Erleuchtung nicht nur möglich sind, sondern, dass es für uns persönlich möglich ist, sie zu verwirklichen. Nicht bloß davon überzeugt, dass es für Shakyamuni möglich war, sie zu verwirklichen, aber dass ich selber es nicht schaffen kann. Sondern ich muss davon überzeugt sein, dass ich selbst sie verwirklichen kann, und alle anderen auch. Wir müssen verstehen, was wir unternehmen müssen, um unsere Verwirrung loszuwerden. Was wird uns wirklich davon befreien? Es ist das korrekte Verständnis; wir müssen kapieren, wie das korrekte Verständnis die Verwirrung überwältigen und beseitigen kann, sodass sie nie wieder wiederkehrt. Aus all dem bisher Gesagten können wir erkennen, dass der eigentliche Ort an dem die Dharmapraxis angewandt werden muss, das tägliche Leben ist; es bedeutet, mit unseren Problemen, unsere Verwirrung und unseren Schwierigkeiten im Leben von Augenblick zu Augenblick um.

Die Praxis des Dharmas erfordert Introspektion

Den Dharma zu praktizieren bedeutet nicht, dass man sich einfach eine Pause vom Leben gönnt, indem man sich in eine angenehme, ruhige Meditationshöhle – oder einfach in unser Zimmer   zurückzieht und sich auf ein Kissen setzt, um vor den Herausforderungen zu fliehen, die uns das Leben stellt. Die Flucht ist kein Schwerpunkt der Dharmapraxis. Wenn wir an einen ruhigen Ort gehen, um zu meditieren, dann tun wir dies um die Fertigkeiten zu entwickeln, die wir brauchen, um den Schwierigkeiten in unserem Leben umzugehen. Der Hauptschwerpunkt ist das Leben. Der Schwerpunkt liegt nicht darauf, dass man die Goldmedaille im Sitzen und Meditieren gewinnt! Bei der Dharmapraxis geht alles um die Anwendung des Dharmas im Leben.

Die Dharmapraxis ist außerdem introspektiv. Durch sie versuchen wir, mit großer Aufmerksamkeit unsere Emotionen, Motivationen, Geisteshaltungen und zwanghaften Verhaltensmustern zu beobachten. Besonders nach den störenden Emotionen müssen wir Ausschau halten. Das definierende Charakteristikum einer störenden Emotion oder störenden Geisteshaltung ist, dass ihr Auftreten uns selbst und/oder den anderen Unwohlsein verursacht. Wir verlieren unseren inneren Frieden und geraten außer Kontrolle. Dies ist eine sehr hilfreiche Definition: ihre Kenntnis hilft dabei, zu erkennen wann wir unter dem Einfluss einer von ihnen handeln. Fühlen wir uns unwohl, dann können wir daran erkennen, dass in unserem Geist etwas Störendes vorgeht. In solchen Momenten müssen wir den Blick nach Innen wenden um zu sehen, was in uns geschieht und dann die Gegenmittel anwenden, um es zu korrigieren.

Dafür ist erforderlich, dass wir ein äußerst feines Gespür für das, was in uns vorgeht, entwickeln. Und um unseren emotionalen Zustand zu verändern, wenn wir ihn störend finden, benötigen wir die folgende Erkenntnis: Wenn wir in einer störenden und verstörten Weise handeln, wird dies für uns selbst und für andere zu viel Unglück führen. Wir wollen dies nicht; wir haben genug davon gehabt. Und wie können wir irgendjemandem helfen, wenn wir aus der Fassung geraten sind?

Flexibilität

Die Praxis des Dharmas erfordert auch eine Vertrautheit mit zahlreichen verschiedenen Gegenkräften, und nicht bloß mit einer oder zwei von ihnen. Unser Leben ist sehr komplex und es gibt kein einzelnes Gegenmittel, das unter allen Umständen wirksam ist. Eine bestimmte Praxis wird nicht in jeder Situation die effektivste sein. Um die Dinge wirklich im täglichen Leben anwenden zu können braucht man eine große Flexibilität und muss man mit vielen verschiedenen Methoden vertraut sein. Wenn die erste nicht funktioniert, dann wenden wir die zweite an; und wenn diese wiederum nicht funktioniert, dann versuchen wir noch eine andere.

Mein Lehrer Tsenzhab Serkong Rinpoche sagte oft Folgendes: wenn man im Leben irgend ein Ziel verwirklichen will, dann sollte man sich immer zwei oder drei alternative Pläne bereitlegen. Wenn dann Plan A nicht funktioniert, wird man nicht einfach die Flinte ins Korn werfen und das Ziel aufgeben, denn man hat auch noch Plan B und C, auf die man zurückfallen kann und einer von diesen wird schließlich klappen.. Ich habe diesen Ratschlag sehr nützlich gefunden. Dasselbe gilt in Bezug auf den Dharma: wenn die Methode A in einer bestimmten Situation nicht funktioniert haben wir immer noch eine andere Methode, auf die wir zurückfallen können. Es gibt andere Dinge, denen wir uns zuwenden können. All dies setzt natürlich eine vorangehendes Studium voraus, dass wir uns mit verschiedenen Methoden und Meditationen vertraut gemacht haben und sie bereits im Vorfeld geübt haben. Es ist genau wie beim Körpertraining. Wir üben, um uns mit diesen Methoden vertraut zu machen, damit wir dann dazu in der Lage sind, sie im täglichen Leben, wenn wir sie tatsächlich brauchen, anzuwenden. Um das zu schaffen darf man die Dharmapraxis nicht als Freizeithobby ansehen, sondern als eine Vollzeitbeschäftigung.

Extreme vermeiden

Wir wenden die Dharmapraxis in unseren Familien an. Wir wenden sie an im Umgang mit unseren Eltern, mit unseren Kindern und mit den Menschen, denen wir auf der Arbeit begegnen. Hierbei ist es nötig, dass wir mehrere Extreme, über die wir bereits etwas gesprochen haben, vermeiden. Wir müssen die extremen Haltungen vermeiden, mit denen wir die Entstehung unserer Probleme vollständig den anderen oder vollständig uns selbst zusprechen – denn beide Seiten leisten ihren Beitrag. Wir können versuchen, die anderen zu verändern, doch am einfachsten ist es, sich selbst zu verändern.

Der Schwerpunkt liegt also auf der Selbstverbesserung; doch hierbei müssen wir versuchen, das Extrem der narzisstischen Beschäftigung mit dem "Ich" zu vermeiden. Bei dieser Art von Beschäftigung mit dem „Ich“ schauen wir immer bloß auf uns selbst und schenken nie irgendjemand anderem unsere Beachtung. Dies kann das Gefühl verstärken, dass wir das Zentrum des Universums sind und dass unsere Probleme die wichtigsten der Welt sind. Die Probleme aller anderen sind unwichtig und schmerzen nicht.

Ein weiteres Extrem besteht im Gedanken, dass wir vollkommen schlecht oder vollkommen gut sind. Es stimmt, dass wir unsere schwierigen Seiten erkennen sollten – die Seiten, an denen wir arbeiten müssen. Doch wir sollten auch unsere positiven Seiten und Qualitäten erkennen, damit wir sie mehr und mehr entwickeln können. Unter uns westlichen Menschen haben viele ein niedriges Selbstwertgefühl. Dieses niedrige Selbstwertgefühl kann leicht verstärkt werden, wenn wir uns zu stark auf unsere Probleme und unsere Verwirrung konzentrieren. Hierum geht es überhaupt nicht.

Während wir unsere störenden Emotionen aufmerksam beobachten, müssen wir zum Ausgleich auch an unsere guten Qualitäten denken. Sogar die grausamsten Menschen haben irgendwelche guten Qualitäten gehabt. Zweifelsohne haben sie einmal einen kleinen Hund oder eine kleine Katze auf ihrem Schoss gehalten und gestreichelt, und ein wenig Wärme für dieses Wesen verspürt. Fast jeder hat zumindest diese Erfahrung gemacht. Wir nehmen also diese Erfahrung und erkennen, dass wir dazu in der Lage sind, etwas Wärme zu schenken. In dieser Weise sehen wir auch unsere positiven Seiten. Bei der Dharmapraxis dürfen wir nicht ausschließlich an unseren negativen Seiten arbeiten: wir brauchen ein Gleichgewicht. Wir müssen auch daran arbeiten, unsere positiven Seiten zu verstärken.

Während wir versuchen, die Balance zwischen der Betrachtung unserer Schwächen und unserer Stärken zu halten, müssen wir ein weiteres Paar extremer Verhaltensweisen vermeiden. Das eine Extrem sind Schuldgefühle: „Ich bin schlecht. Ich müsste üben, und da ich nicht übe, bin ich sogar noch schlechter.“ Dieses Wort, „ müssen“, sollte aus unserer Art, wie wir die Dharmapraxis betrachten, vollkommen eliminiert werden. Es ist nie eine Frage des „Müssens.“ Wenn wir uns von den Problemen befreien wollen, die wir jetzt haben, und zukünftige Probleme vermeiden wollen, dann ist es am gesündesten einfach zu denken: „Wenn ich mich von meinen Problemen befreien will, dann wird diese Übungspraxis dies bewerkstelligen“. Ob wir nun üben oder nicht ist unsere Wahl. Niemand sagt uns: „Du musst es tun, und wenn nicht, dann bist du ein schlechter Mensch.“

Doch wir sollten auch das andere Extrem vermeiden, das in der Einstellung besteht „Wir sind alle perfekt; erkenne einfach deine Buddhanatur und alles ist perfekt.“ Dies ist ein sehr gefährliches Extrem, da es zu der Einstellung führen kann, dass wir uns nicht zu verändern brauchen; dass wir unsere negativen Verhaltensweisen nicht beenden oder von aufgeben müssen, da wir bereits vollkommen sind. Es ist nötig, dass wir sowohl das Gefühl, dass wir schlecht sind als auch das Gefühl, dass wir vollkommen sind vermeiden. Im Wesentlichen müssen wir für uns selbst die Verantwortung übernehmen. Das ist der wichtigste Schlüssel, um den Dharma in unser tägliches Leben zu integrieren. Wir übernehmen für uns selbst die Verantwortung, um die Qualität unseres Lebens zu verbessern.

Inspiration

Bei unserer Arbeit an uns selbst können wir von spirituellen Lehrern oder auch von der Gemeinschaft anderer Menschen, die mit uns üben, inspiriert werden. Für die meisten Menschen jedoch sind fantastische Geschichten über Meister vergangener Zeiten, die durch die Lüfte fliegen konnten, keine stabile Quelle der Inspiration. Dies liegt daran, dass es zu schwierig ist, sich mit solchen Erzählungen zu identifizieren und sie dazu tendieren, einen auf eine Art „Magie-Trip“ zu führen. Am besten sind lebendige Beispiele mit denen wir in Kontakt stehen – selbst wenn es sich um einen minimalen Kontakt handelt.

Die Buddhas und die wahrhaft qualifizierten Meister versuchen nicht uns zu beeindrucken und sie versuchen ebenso wenig, uns zu inspirieren. Das Beispiel, das in diesem Kontext oft zitiert wird ist das Beispiel der Sonne. Die Sonne versucht nicht, die Menschen zu wärmen; es liegt einfach in der Art der Sonne, andere in einer natürlichen Weise zu wärmen. Dasselbe gilt von großen spirituellen Meistern. Sie inspirieren uns in einer natürlichen und spontanen Weise durch ihre Lebensweise, ihren Charakter und ihre Art, mit den Dingen umzugehen – und nicht . durch irgendwelche Zaubertricks. Das, was am tiefsten inspirierend ist, ist das realistischere und praktische.

Ich kann mich noch gut an Dudjom Rinpoche erinnern, der vor vielen Jahren starb. Er war das Haupt der Nyingma-Schule und einer meiner Lehrer. Er hatte furchtbares Asthma. Da ich auch Asthma habe weiß ich sehr gut, was es bedeutet, Atemschwierigkeiten zu haben und wie schwierig es ist, Unterricht zu halten, wenn man nicht genügend Luft bekommt. Man muss seine gesamte Energie nach innen konzentrieren, um ausreichend Luft zu bekommen . Es ist dann für die eigene Energie äußerst schwierig, sich irgend etwas Äußerem zu widmen. Doch ich erlebte, wie Dudjom Rinpoche trotz schrecklicher Asthmaanfälle auf die Bühne ging und lehrte. Sein Asthma störte ihn nicht im Geringsten. Er ging in einer absolut unglaublichen Weise mit seiner Krankheit um, während er gleichzeitig absolut phantastische Belehrungen hielt. Das war unglaublich inspirierend und äußerst praktisch – es war nicht irgend ein großer Zaubertrick, sondern der Umgang mit einer echten Lebenssituation, und das ist das Inspirierende daran.

Während wir auf dem spirituellen Pfad weitergehen und Fortschritte machen können wir von uns selbst Inspiration erhalten. Auch dies ist eine wichtige Inspirationsquelle. Wir werden durch unseren eigenen Fortschritt inspiriert. Doch hierbei müssen wir sehr vorsichtig sein. Die meisten Menschen können hiermit emotional nicht umgehen, da die Tendenz darin liegt, stolz und arrogant zu werden, sobald man etwas Fortschritt macht. Daher müssen wir sorgfältig definieren, was wir mit „ Fortschritt“ meinen.

Auf dem Pfad Fortschritte machen

Als erstes müssen wir uns klar machen, dass wir nie in einer linearen Weise Fortschritte machen; es geht auf und ab. Dies ist eine der Haupteigenschaften von Samsara, und dies bezieht sich nicht nur darauf, dass wir in höheren und niedrigeren Stadien wiedergeboren werden können. „Auf und Ab“ bezieht sich auch auf das alltägliche Leben. Mal fühle ich mich glücklich, dann wieder unglücklich. Unsere Stimmung geht auf und ab. Jetzt habe ich Lust zu praktizieren, dann habe ich wieder keine Lust zu praktizieren – diese Dinge gehen ständig auf und ab, also wundern Sie sich nicht darüber. Tatsächlich wird es so weitergehen, bis wir die Arhatschaft erlangt haben, d.h. bis wir ein befreites Wesen geworden sind, das sich vom Samsara befreit hat. Bis zu dem Punkt, der unglaublich fortgeschritten ist, wird Samsara weiterhin auf und ab gehen. Verlieren Sie daher nicht denn Mut, wenn Sie nach einer sehr langen Zeit des Übens plötzlich in einer Liebesbeziehung Schwierigkeiten begegnen. Plötzlich sind wir emotional vollkommen durcheinander – so etwas kommt vor! Das bedeutet nicht, dass man ein schrecklicher Übender gewesen ist. Das ist ganz normal, wenn man die Beschaffenheit unserer samsarischen Situation bedenkt.

In der Dharmapraxis kommt es gewöhnlich nicht zu Wundern. Wenn man den Dharma im täglichen Leben anwenden will, sollte man keine Wunder erwarten – besonders, was unsere Fortschritte angeht. Wie können wir unseren Fortschritt in einer realistischen Weise messen? Nach Aussage Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas sollte man die Dinge nicht bloß aus der Sicht von ein oder zwei Jahren Dharmapraxis betrachten, sondern vielmehr aus der Perspektive von Abschnitten von fünf oder zehn Jahren des Übens. „Bin ich ein ruhigerer Mensch als ich es vor fünf oder zehn Jahren war? Bin ich dazu in der Lage, mit schwierigeren Situationen umzugehen, ohne mich so stark über sie aufzuregen oder mich von ihnen umwerfen zu lassen?“ Wenn wir diese Fragen mit ja beantworten können, dann haben wir einige Fortschritte gemacht und das ist inspirierend. Wir haben weiterhin Probleme, doch das gibt uns Kraft, weiterzumachen. Wir regen uns nicht mehr so sehr auf, wenn wir uns in schwierigen Situationen wiederfinden, in denen die Dinge schief gehen. Und wir erholen uns schneller von ihnen.

Wenn wir von uns selbst als von einer Inspirationsquelle sprechen, ist der wichtigste Punkt, dass uns diese Inspiration die Kraft gibt, auf dem Pfad fortzufahren. Dies liegt daran, dass wir davon überzeugt sind, dass wir in die richtige Richtung gehen. Und wir sind nur überzeugt, dass wir in die richtige Richtung gehen, wenn wir eine realistische Vorstellung davon haben, was es bedeutet, in diese Richtung zu gehen: nämlich dass es mit uns ständig auf und ab gehen wird, während wir uns im Allgemeinen in diese Richtung bewegen.

Dies sind einige allgemeine Gedanken darüber, wie wir die Praxis des Dharmas in unser tägliches Leben integrieren können. Ich hoffe, sie können hilfreich sein. Ihnen allen einen herzlichen Dank.