Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die grundlegenden Merkmale des Tantra

Alexander Berzin
Juli 1986, überarbeitet und erweitert im Februar 2002
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Dräger

Bedeutung von Tantra

Das Wort tantra (tib. rgyud) bezeichnet einen immerwährenden Fluss oder Strom von Kontinuität. Es gibt drei Ebenen derartiger Kontinuität:

  1. Der immerwährende Basis-Strom ist das individuelle geistige Kontinuum (der Geistesstrom) eines jeden begrenzten Wesens (fühlenden Wesens) mit all seinen Faktoren der Buddhanatur (tib. khams de-bzhin snying-po), die Erleuchtung ermöglichen.

  2. Der immerwährende Pfad-Strom ist die Kontinuität der Mahayana-Praxis mit Buddhagestalten (tib. yi-dam, tantrische Gottheiten), die endlos aufrechterhalten werden können, da Buddhagestalten nie müde oder alt werden und nie sterben.

  3. Der immerwährende resultierende Strom ist die unendliche Kontinuität der Erleuchtungskörper eines Buddha.

Die Praxis eines Pfad-Stromes bereinigt den Basis-Strom eines Menschen von flüchtigen Befleckungen, so dass er sich in einen resultierenden Strom verwandelt. Auch die Texte, die diese Themen behandeln, sind Tantras.

Klassen des Tantra

Die drei tibetisch-buddhistischen Linien der Neuen Übersetzer-Periode – Sakya, Kagyü und Gelug – unterteilen Tantra in vier Klassen:

  1. Kriya-Tantra (rituelle Buddhagestalten-Praxis), das äußerliche rituelle Praktiken betont, wie Waschungen, vorgeschriebene Ernährung und Fasten

  2. Charya-Tantra (verhaltensbedingte Buddhagestalten-Praxis), das äußerliches Verhalten und innerliche Methoden gleichermaßen betont

  3. Yoga-Tantra (integrierte Buddhagestalten-Praxis), das innerliche Yoga-Methoden betont

  4. Anuttarayoga-Tantra (unvergleichlich integrierte Buddhagestalten-Praxis), das spezielle, weiter fortgeschrittene Methoden innerlicher Praxis betont.

Die Nyingma-Linie der alten Übersetzungsperiode überträgt sechs Tantra-Klassen – die ersten drei sind dieselben; die folgenden entsprechen den zunehmend fortgeschrittenen Stufen des Anuttarayoga:

  1. Mahayoga (weitgehend integrierte Buddhagestalten-Praxis), der Visualisation betont.

  2. Anuyoga (anschließende integrierte Buddhagestalten-Praxis), der die Arbeit mit dem subtilen Energiesystem betont.

  3. Atiyoga (höchste integrierte Buddhagestalten-Praxis) oder Dzogchen (tib. rdzogs-chen, die große Vollständigkeit), das die subtilste Ebene der geistigen Aktivität (des Geistes) betont.

Vorbereitende Übungen

Alle Tantra-Klassen setzen voraus, dass man zur Vorbereitung eine gewisses Maß an spiritueller Vertrautheit mit den vorbereitenden Praktiken (tib. sngon-'gro, „Ngöndro”) erreicht hat, bevor man ihre Pfade einschlägt. Diese beinhalten, dass man eine gewisse Stabilität in den vorbereitenden Übungen gewinnt, die auch in der Bodhisattva-Sutra-Praxis zu finden sind, und eine gewisse Menge an speziellen Praktiken ausführt, die nicht vom Sutra geteilt werden.

Gemeinsame vorbereitende Übungen

Die vorbereitenden Übungen, die auch in der Bodhisattva-Sutra-Praxis enthalten sind, beinhalten das Erlangen der vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden (tib. blo-ldog rnam-bzhi). Sie bedeuten die Wertschätzung von:

  1. einer kostbaren menschlichen Geburt,

  2. Tod und Vergänglichkeit,

  3. den Gesetzen von verhaltensbedingter Ursache und Wirkung (Skt. karma),

  4. den Nachteilen unkontrollierbarer wiederholter Wiedergeburt (Skt. samsara).

Alle Tantra-Klassen setzen auch einen stabilen Hintergrund in den anderen Bodhisattva-Sutra-Praktiken voraus. Tatsächlich ist Tantra eine Methode, um sie zu kombinieren und alle gleichzeitig zu praktizieren:

  • sichere Richtung (Zuflucht)

  • Entschlossenheit, frei zu sein (Entsagung)

  • ethische Selbstdisziplin

  • Konzentration

  • unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab, Skt. prajna) von Leerheit (Skt. shunyata)

  • Liebe und Mitgefühl

  • Bodhicitta (ein Herz, das der Erleuchtung und der Hilfe für andere gewidmet ist)

  • die anderen weit reichenden Geisteshaltungen (Skt. paramita, Vollkommenheiten) der Großzügigkeit, Geduld und freudvollen Ausdauer.

Nichtgemeinsame vorbereitende Übungen

Um innerliche negative Kräfte (tib. sdig-pa, Skt. papa, negative Potentiale) zu reinigen und positive (tib. bsod-nams, Skt. punya, positive Potentiale, Verdienst) aufzubauen, erfordert Tantra-Praxis auch ein gewisses Maß an besonderen vorbereitenden Übungen, die nicht von der Sutra-Praxis geteilt werden. Meistens handelt es sich dabei um das hunderttausendfache Wiederholen von:

  1. Niederwerfungen, gekoppelt mit einem Vers des Einschlagens der sicheren Richtung und der Bestätigung von Bodhicitta,

  2. dem Hundert-Silben-Mantra des Vajrasattva (tib. rDo-rje sems-pa) zur Reinigung,

  3. Mandala-Opfern, in denen man symbolisch alles für das Erlangen der Erleuchtung und dem Wohle der anderen gibt,

  4. einem Vers oder Mantra des Guru-Yoga (tib. bla-ma'i rnal-'byor, „Lame Naljor”) für die Integration unseres Körpers, unserer Sprache und unseres Geistes mit denen der spirituellen Meister, die Buddhas für uns sind.

Mantras (tib. sngags) sind Sanskrit-Worte und Silben, die wiederholt werden, um – wie die Etymologie des Sanskrit-Begriffs nahe legt – „den Geist zu schützen“, und zwar vor Negativität. Ein Mandala (tib. dkyil-'khor) ist ein Symbol für ein Universum.

Es kann auch sein, dass hunderttausend oder mehr Wiederholungen mehrerer anderer nichtgemeinsamer vorbereitender Übungen vorausgesetzt werden. Die Gelug-Tradition zum Beispiel zählt Niederwerfungen und den Vers für sichere Richtung und Bodhicitta als zwei getrennte Vorbereitungen und fügt dem normalerweise vier weitere hinzu, was insgesamt neun Vorbereitungen ergibt:

  1. das Mantra des Samayavajra (tib. Dam-tshig rdo-rje), zur Reinigung unserer engen Bindungen (tib. dam-tshig, Skt. samaya) mit unseren spirituellen Meistern,

  2. Darbringen von Sesamsamen an Bhuji Vajradaka (tib. Za-byed rdo-rje mkha-'gro), die in einem Feuer verbrannt werden, um negative Kräfte in unserem Geisteskontinuum zu verbrennen,

  3. Darbringen von Schüsseln mit Wasser,

  4. Herstellen von Votivtäfelchen aus Ton (tib. tsa-tsa) mit dem Abdruck einer Buddhagestalt oder eines Linienmeisters.

Alle tibetischen Traditionen setzen die grundlegenden vorbereitenden Übungen des Sutra voraus, wie die sichere Richtung und das, was die Gelug-Tradition „die drei hauptsächlichen Formen von Pfadgeist” (tib. lam-gtso rnam-gsum) nennt: Entsagung, Bodhicitta und ein akkurates Verständnis von Leerheit. Wir müssen mindestens in der Lage sein, diese Formen von Pfadgeist künstlich (tib. bcos-ma) zu erzeugen, das heißt, uns selbst zu einem akkuraten konzeptuellen Zustand von ihnen vorzuarbeiten, indem wir uns auf eine gültige Argumentationskette stützen. Ein Pfadgeist muss nicht unbedingt nichtkonzeptuell sein, um echt zu sein und ihn auf einer emotionalen Ebene fühlen zu können.

Die Gelug-Tradition empfiehlt, dass man, bevor man eine Initiation empfängt, mit der Praxis der hunderttausendfachen Wiederholung jeder der besonderen Vorbereitungen zumindest begonnen hat, unter der Bedingung, dass man danach damit weitermacht. Die Nicht-Gelug-Traditionen empfehlen, dass man zumindest einmal hunderttausend Wiederholungen jeder der besonderen Vorbereitungen vollendet hat, bevor man eine Initiation empfängt. Alle Traditionen betonen jedoch die kontinuierliche Praxis der besonderen Vorbereitungen als ständigen Bestandteil der täglichen Praxis.

Drei Arten von Initiationszeremonie

Bevor man nach Abschluss einer bestimmten Menge von vorbereitenden Praktiken mit der eigentlichen tantrischen Praxis beginnen kann, ist eine Initiationszeremonie erforderlich. Es gibt drei Arten:

  1. Ermächtigung (tib. dbang, „Wang”, Initiation),

  2. anschließende Erlaubnis (tib. rjes-snang, „Jenang”, Genehmigung),

  3. Mantra-Ansammlung (tib. sngags-btus).

Ermächtigung

Um uns selbst als eine Buddhagestalt zu visualisieren, brauchen wir zuvor eine Ermächtigung. Eine Ermächtigung ermöglicht Erfolg in unserer Praxis, indem sie:

  • eine enge Verbindung zu einem tantrischen Meister als lebendige Quelle der Inspiration (tib. byin-rlabs, Segen) herstellt,

  • uns mit der lebendigen Tradition verbindet, die bis auf den Buddha zurückführt,

  • uns Gelübde überträgt, die wir rein halten müssen, um unserem Verhalten und unserer Praxis die richtige Form zu geben,

  • unsere verschiedenartigen inneren negativen Kräfte noch mehr reinigt,

  • die Faktoren unserer Buddhanatur aktiviert,

  • diese Faktoren durch das Hinterlassen eines Vermächtnis (tib. sa-bon, das Pflanzen von „Samen“) von der bewussten Erfahrung spezifischer Zustände des Geistes und der Einsicht während des Rituals – wie zum Beispiel von glückseligem Gewahrsein der Leerheit im Gelug-Anuttarayoga oder unserer Buddhanatur in den Nicht-Gelug-Traditionen – auf unserem geistigen Kontinuum verstärkt.

Wir empfangen nur dann wirklich eine Ermächtigung, wenn wir

  • Respekt für und Vertrauen in die tantrische Methode haben, optimalerweise durch ein gutes Verständnis von ihr,

  • auf der Basis von unbestreitbaren Beweisen volles Vertrauen darin haben, dass unsere tantrischen Meister die Fähigkeit besitzen, uns korrekt auf dem tantrischen Pfad zu führen,

  • uns sehr von unseren tantrischen Meistern inspiriert fühlen,

  • die übertragenen Gelübde nehmen und versprechen, sie rein zu halten,

  • aktiv am Visualisations-Prozess teilnehmen, so gut wir nur können,

  • bewusste Erfahrung mit den spezifischen geistigen Zuständen oder Einsichten machen, die von unseren tantrischen Meistern während der Zeremonie beschrieben werden, in dem Maße, wie wir zu diesem Zeitpunkt dazu in der Lage sind.

Sadhanas, Pujas und Tsog

Nach dem Empfang einer Ermächtigung können wir dann ein Sadhana (tib. sgrub-thabs) praktizieren. Das Wort sadhana bedeutet eine Methode der Realisierung, nämlich der Realisierung unserer selbst als die Buddhagestalt, für die wir eine Ermächtigung erhalten haben. Andere Namen für ein Sadhana sind „Selbsterzeugung“ (tib. bdag-bskyed) und im Anuttarayoga „vorangehende Praxis der Verwirklichung” (tib. mngon-rtogs).

Das Durchführen eines Sadhana beinhaltet die Rezitation (tib. kha-'don) eines rituellen Meditationstextes, der den Prozess der Selbstvisualisation und eine komplexe Reihe von weiteren Praktiken beschreibt, die auf dieser Selbsterzeugung basieren, wie das Rezitieren von Mantras und das Darbringen von Opfergaben. Das Durchführen der gesamten Abfolge von Visualisationen und Meditationen des Sadhana lässt sich mit einem anstrengenden körperlichen Konditionstraining für eine Kampfkunst oder das Ballett vergleichen.

Weder ein Sadhana noch ein Guru-Yoga sind dasselbe wie eine Puja (tib. mchod-pa). Eine Puja ist ein Opfergaben-Ritual, in denen wir unseren tantrischen Meistern, die wir als untrennbar von Buddhagestalten betrachten, Gaben darbringen. Wenn wir eine Ermächtigung empfangen haben, visualisieren wir uns während der Puja auch selbst als eine Buddhagestalt, sonst dürfen wir das nicht. Wenn wir keine Ermächtigung empfangen haben, können wir dem Ritual nur bewohnen und es beobachten, aber nicht als Teilnehmer der zermoniellen Folge der Darbringung eines rituellen Festmahls (tib. tshog-'khor, Skt. ganacakra) daran teilnehmen.

Während einer Puja bringen wir tsog (tib. tshogs), ein rituelles Festmahl, dar, darunter gewöhnlich ein torma (tib. gtor-ma) – eine kegelförmige Skulptur aus geröstetem Gerstenmehl und Butter – als das tatsächliche Tsog-Mahl, das dem tantrischen Meister dargereicht wird. Im Anuttarayoga gehört zum Festmahl auch speziell geweihter Alkohol und Fleisch, die zum Zwecke der Verwirklichung die Transformation und den Gebrauch der Aggregate, Elemente und subtilen Energien in unserem Körper symbolisieren. Nachdem der tantrische Meister und andere Teilnehmer etwas von dem dargebrachten Essen, dem Alkohol und dem Fleisch zu sich genommen haben, gibt jeder eine kleine Portion von Übriggelassenem zurück, die der Assistent des Meisters auf einem Teller einsammelt und draußen den lokalen Schutzgeistern darbringt. Am Ende der Zeremonie essen die Teilnehmer das restliche Essen oder nehmen es mit nach Hause. Es ist eine Degeneration der Praxis, wenn die Teilnehmer den restlichen Alkohol trinken, als wäre ein Tsog ein Vorwand, um sich zu betrinken.

Anschließende Erlaubnis

Nachdem wir eine Ermächtigung für eine spezifische Buddhagestalt empfangen haben, können wir auch eine anschließende Erlaubnis für diese Gestalt erhalten:

  • um die zuvor aktivierten Faktoren der Buddhanatur weiter zu stärken,

  • um die zuvor angelegten Samen zu „wässern“,

  • um unsere Gelübde zu bestätigen.

Die meisten anschließenden Genehmigungen bestehen aus mindestens drei Teilen:

  1. Erhöhung des Zustands (tib. byin-rlabs, Segnen) des Körpers,

  2. Erhöhung des Zustands der Sprache,

  3. Erhöhung des Zustands des Geistes.

Eine anschließende Erlaubnis lässt sich oft anhand der Ritualgegenstände, die in der Zeremonie benutzt werden, von einer Ermächtigung unterscheiden. Bei einer Ermächtigung findet man meist die Darstellung eines Mandala (die Residenz einer Buddhagestalt) in einem Gestell von palastähnlicher Struktur. Die Teilnehmer erhalten Augenbinden aus roten Bändern, um sie während bestimmter Abschnitte der Zeremonie vor die Stirn zu legen, Fäden oder Schnüre, um sie um den Arm zu binden, und zwei Kusha-Grashalme, um sie unter das Kopfkissen und die Matratze zu legen und in der kommenden Nacht die Träume zu untersuchen.

Bei der anschließende Erlaubnis werden keine dieser Gegenstände verwendet. Besonders in der Gelug-, Kagyü- und Nyingma-Tradition ist ihr Erkennungszeichen ein Torma auf dem Tisch neben dem tantrischen Meister. Das Torma ist von einer gemalten Abbildung der Buddhagestalt gekrönt, die auf einem Stab befestigt ist, mit einem kleinen Schirm über der Abbildung. Während der Zeremonie berührt der tantrische Meister den Scheitel der Schüler mit dem Torma und lässt dabei eine Ritualglocke erklingen.

Erhalten wir eine anschließende Erlaubnis ohne eine vorangegangene Ermächtigung, dürfen wir uns die Buddhagestalt nur vor uns oder über unserem Kopf vorstellen. Wir können uns nicht selbst als Buddhagestalt visualisieren. Wenn wir jedoch eine Ermächtigung für eine Buddhagestalt einer bestimmten Tantra-Klasse empfangen haben (zum Beispiel für den tausendarmigen Avalokiteshvara (tib. sPyan-ras gzigs Phyag-stong) im Falle des Kriya-Tantra oder für Kalachakra (tib. Dus-'khor) im Anuttarayoga) können wir uns – allein mit der entsprechenden anschließenden Erlaubnis – als jede weitere Gestalt dieser Klasse visualisieren. (Bei dem eben genannten Beispiel können wir uns z.B. als weiße Tara (tib. sGrol-dkar) visualisieren. In diesem Falle brauchen wir keine vollständige Ermächtigung für die weiße Tara.)

Mantra-Ansammlung

Nachdem wir eine Ermächtigung für eine spezifische Buddhagestalt erhalten haben, können wir auch eine Mantra-Ansammlung für diese Gestalt empfangen, unabhängig davon, ob wir auch eine anschließende Erlaubnis dafür erhalten haben oder nicht. Für eine Zeremonie der Mantra-Ansammlung werden die Vokale und Konsonanten (tib. a-li ka-li) des Sanskrit-Alphabets mit farbigem Puder auf die Oberfläche eines metallenen Spiegels geschrieben, gewöhnlich mit jedem Buchstaben in einem separaten Feld eines Rasters. Während des Rituals liest der tantrische Meister vor, wo sich die Konsonanten und Vokale jeder Silbe des Hauptmantras der Gestalt im Raster befinden – zum Beispiel die vertikalen und horizontalen Koordinaten des Feldes, in denen sie sich befinden, für einen Buchstaben nach dem anderen. Nach jeder Silbe nimmt ein Assistent etwas farbiges Puder vom Spiegel und schreibt damit die Silbe auf einen anderen Metallspiegel. Durch solch ein Ritual gewinnen wir feste Überzeugung von der Korrektheit und Genauigkeit des Mantras.

Gelübde

Gelübde (tib. sdom-pa) setzen Grenzen, die wir versprechen, nicht zu übertreten. Sie werden im Hinblick auf zwei Arten von „unsäglichen Handlungen“ (tib. kha-na ma-tho-ba) formuliert, die wir versprechen zu vermeiden.

  1. Natürlicherweise unsägliche Handlungen (tib. rang-bzhin-gyi kha-na ma-tho-ba) sind von Natur aus destruktiv (tib. mi-dge-ba, nichttugendhaft), wie zum Beispiel zu töten.

  2. Verbotene unsägliche Handlungen (tib. bcas-pa'i kha-na ma-tho-ba) sind ethisch neutrale (tib. lung ma-bstan, nicht näher bezeichnete) Handlungen, die vom Buddha als schädlich für bestimmte Arten von Praktizierenden erklärt und daher verboten wurden. Ein Beispiel ist, nach zwölf Uhr mittags zu essen, was den Mönchen und Nonnen verboten ist, da es den Geist vor der Abendmeditation oft dumpf und träge macht.

In der Gelug-Tradition müssen Praktizierende, die eine Ermächtigung oder anschließende Erlaubnis empfangen möchten, zuvor gewisse Laien- oder monastische Pratimoksha-Gelübde (Gelübde der individuellen Befreiung) ablegen und rein halten. Haben sie dies nicht getan, müssen sie einige Laien-Pratimoksha-Gelübde während der Zeremonie ablegen. Die Nicht-Gelug-Traditionen setzen als Minimum voraus, dass man die Zufluchtsgelübde abgelegt hat und rein hält; man kann sie aber auch während der Zeremonie zum ersten Mal ablegen.

Jede Ermächtigung, anschließende Erlaubnis und Mantra-Ansammlung beinhaltet das Ablegen der Bodhisattva-Gelübden, mit denen wir versprechen, fehlerhafte Handlungen (tib. nyes-pa) zu unterlassen, die uns daran hindern, anderen von bestmöglicher Hilfe zu sein. Angenommen, wir rühmen uns zum Beispiel unserer selbst, um Schüler anzuziehen, während wir andere kritisieren, weil wir daran hängen, Geld, Liebe, Ruhm oder Aufmerksam auf uns zu ziehen. Wir geloben, solch fehlerhaftes Verhaltens zu unterlassen, da es uns daran hindert, anderen auf effektive Weise zu helfen. Das liegt daran, dass unsere Prioritäten auf Selbstsucht basieren.

Ermächtigungen, anschließende Genehmigungen und Mantra-Ansammlungen in den zwei höheren Tantra-Klassen beinhalten auch das Ablegen der tantrischen Gelübde, die uns dazu auffordern, uns fehlerhafter Handlungen zu enthalten, die uns daran hindern, in unserer tantrischen Praxis erfolgreich zu sein. Angenommen, wir denken zum Beispiel schlecht über unsere Lehrer und haben das Gefühl, sie sind anmaßend, scheinheilig und inkompetent. Solch eine Einstellung wird zum Hindernis, wenn es darum geht, den Praktiken zu folgen, die sie uns lehren. Das liegt daran, dass es uns, wenn wir auf diese Weise denken, an Zuversicht in die Anweisungen mangelt, die sie uns geben. Ohne Zuversicht könne wir sie nicht effektiv praktizieren und Verwirklichung erlangen. Solch eine Zuversicht entsteht, wenn wir die Qualifikation des Lehrers sorgfältig studiert haben, bevor wir eine Initiationszeremonie von dieser Person empfangen, so dass wir von Unentschlossenheit und Zweifeln frei sind.

Wir empfangen Gelübde nicht zum ersten Mal, indem wir einer Ermächtigung oder einer anschließenden Erlaubnis-Zeremonie einfach nur beiwohnen. Um Gelübde abzulegen, müssen wir sie bewusst annehmen und versprechen, sie so rein wie möglich zu halten. Wir versprechen, die Pratimoksha-Gelübde für den Rest unseres Lebens einzuhalten. Wir versprechen andererseits, die Bodhisattva- und tantrischen Gelübde in all unseren Leben bis zum Erlangen der Erleuchtung einzuhalten.

Eng bindende Praktiken und Versprechen, kontinuierlich zu praktizieren

Ermächtigungen bringen auch gewisse eng bindende Praktiken (tib. dam-tshig, Skt. samaya, Gelöbnisse, Ehrenworte) mit sich. Eng bindende Praktiken werden in Hinsicht auf konstruktive oder ethisch neutrale Handlungen formuliert, die der spirituellen Praxis zuträglich sind und die wir versprechen, uns zu Eigen zu machen.

Eng bindenden Praktiken zu folgen, bindet uns eng an:

  • eine bestimmte Tantra-Klasse, wie das Anuttarayoga,

  • eine spezifische Unterklasse des Anuttarayoga, wie das Muttertantra (tib. ma-rgyud) oder

  • eine der Buddhafamilien (tib. sang-rgyas-kyi rigs).

Das Muttertantra legt den Nachdruck auf Methoden, um die subtilste nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit zu gewinnen. Eine Buddhafamilie ist ein Aspekt der Buddhanatur, der von einer zentralen männlichen Buddhagestalt – in westlichen Sprachen als Dhyani-Buddhas bekannt – symbolisiert wird. Zu einer Buddhafamilie gehören auch zusätzliche Gestalten, einschließlich weiblichen Buddhas und männliche und weibliche Bodhisattvas.

Ermächtigungen und anschließende Genehmigungen sind gewöhnlich auch von Versprechen begleitet, für den Rest des Lebens kontinuierlich zu praktizieren (tib. khas-len, Verpflichtungen). Dies kann eines oder mehrere des Folgenden sein:

  • eine Verpflichtung zur täglichen Rezitation einer bestimmten Anzahl von Mantra-Wiederholungen,

  • eine Verpflichtung zur täglichen Rezitation eines Sadhana,

  • eine Verpflichtung, zweimal im Monat Tsog darzubringen (besonders im Muttertantra),

  • eine Retreat-Verpflichtung.

Tantrische Retreats und Feuerpujas

Eine Retreat-Verpflichtung beinhaltet gewöhnlicherweise die Durchführung eines Tauglichkeits-Retreats (tib. las-rung). Die Vollendung eines solchen Retreats, zusammen mit seiner abschließenden Feuerpuja (tib. sbyin-sreg) macht unseren Geist tauglich für die Buddhagestalt und ihre Praxis. Tauglich bedeutet, dass man in der Lage ist, die Selbstermächtigung durchzuführen (tib. bdag-'jug, Selbstinitiation), um unsere Gelübde zu reinigen und zu erneuern, um qualifiziert zu sein, andere Rituale der Buddhagestalt durchzuführen und, wenn wir zusätzliche Voraussetzungen erfüllen, jede der drei Initiationszeremonien auf andere zu übertragen.

Während eines Tauglichkeits-Retreats wiederholen wir jedes der Mantras der zentralen Buddhagestalt mehrere hunderttausend Male, abhängig von der Praxis und der Anzahl der Silben des Mantras. Wir wiederholen auch die Mantras der damit verbundenen Mandala-Gestalten jeweils zehntausend Mal. Wir können das im Rahmen von vier, drei, zwei oder einer Sitzung am Tag machen. Während jeder Sitzung rezitieren wir das Sadhana, wobei wir bestimmte kleinere Abschnitte in spezifischen Sitzungen auslassen.

Praktizieren wir vier Sitzungen am Tag, schränken wir unsere Bewegung auf einen begrenzten Raum um unser Haus herum ein und begrenzen die Zahl der Menschen, denen wir im Retreat begegnen wollen. Praktizieren wir weniger als vier Sitzungen am Tag, müssen wir unseren Bewegungsspielraum und unseren Kontakt mit anderen Menschen nicht unbedingt einschränken. Wir müssen nur jede Sitzung am gleichen Ort, auf dem gleichen Sitz durchführen.

Eine Feuerpuja ist das Darbringen einer großen Anzahl von bestimmten Substanzen, die während eines ausführlichen Rituals in ein Feuer geworfen werden. Wir visualisieren uns selbst in Form einer Buddhagestalt und das Feuer in der Form von Agni (tib. Me'i lha), der Feuergottheit, die sowohl im Buddhismus wie im Hinduismus zu finden ist, mit der Buddhagestalt unserer Praxis in Agnis Herzen. Die Feuerpuja verbrennt oder reinigt jegliche Fehler, die uns in unserem Retreat unterlaufen sein mögen und bindet uns noch enger an die Buddhagestalt.

Mündliche Übertragungen und tantrische Erklärungen

Zusätzlich zu den drei Arten von Initiationszeremonien müssen wir die mündliche Übertragung (tib. lung) und eine ausführliche Erklärung (tib. khrid, „tri“) für ein Sadhana erhalten, bevor wir es intensiv praktizieren oder ein Tauglichkeits-Retreat durchführen können.

Während einer mündlichen Übertragung liest unser tantrischer Meister entweder das Sadhana oder den Text der erklärenden Abhandlung laut – und meist äußerst schnell – vor. Diese Rezitation von jemandem zu hören, der sie selbst von jemand anderem empfangen hat, überträgt uns ihre bis zur Quelle ungebrochene Linie.

Die Tradition der mündlichen Übertragung stammt aus der Zeit des Buddha, als über vier Jahrhunderte nach seinem Eintritt ins Parinirvana hinweg keine seiner Belehrungen schriftlich niedergelegt waren. Verschiedene Gruppen von Mönchen lernten unterschiedliche Belehrungen auswendig und gaben sie an nachfolgende Generationen weiter, indem sie sie wiederholt gemeinsam und einstimmig laut rezitierten, bis ihre Schüler sie auch fehlerlos auswendig konnten. Gruppenrezitationen stellten sicher, dass das fehlerhafte Gedächtnis eines Mönchs den Text nicht verfälschen konnte.

Ob die rezitierenden Mönche oder die zuhörenden Schüler die Bedeutung verstanden oder nicht, war nicht relevant für eine erfolgreiche Übertragung. Das einzig Relevante war, alle Worte korrekt zu erfassen und zu vermeiden, etwas vom Text auszulassen, etwas hinzuzufügen oder Fehler zu machen. Beim Studium und der Praxis einer buddhistischen Belehrung ist es wichtig, dass man Zuversicht besitzt, dass der Inhalt frei von Verfälschungen ist. Nur mit Zuversicht in den Text einer Belehrung können wir ihre Bedeutung richtig untersuchen. Wenn wir einige Punkte nicht verstehen können, wissen wir, dass das Problem an unserem Mangel an Wissen oder Erfahrung liegt und nicht an den Worten. Daher lernen tibetische Mönche, Nonnen und Laienpraktizierende selbst heutzutage die wichtigsten Texte auswendig und zwar durch wiederholte laute Rezitation, bevor sie mit dem Studium oder der Praxis ihres Inhalts beginnen. Noch dazu rezitieren sie diese Texte noch immer regelmäßig auswendig und alle gemeinsam in ihren Versammlungen.

Heutzutage, da alle Belehrungen in schriftlicher Form vorhanden sind, werden mündliche Übertragungen selten in Form einer Rezitation aus der Erinnerung oder als Gruppenrezitation gegeben. Gewöhnlich werden sie von einer Person allein gegeben, die den Text laut vorliest. Ab und an werden während der Übertragung verschiedene Ausgaben eines Textes verglichen, um das Gelesene zu überprüfen und alle Verfälschungen, die versehentlich aufgetreten sein mögen, zu beseitigen.

Die Tradition der mündlichen Übertragung ist nicht auf Tantra-Material begrenzt. Es ist ein Brauch, der mit allen buddhistischen Texten gepflegt wird. Darüber hinaus ist er nicht auf die Worte des Buddha beschränkt. Die Werke späterer indischer, tibetischer und mongolischer Autoren haben auch mündliche Übertragungslinien, die von den Autoren selbst begonnen wurden.

Drei-Jahres-Retreat

In den Nicht-Gelug-Traditionen führen Praktizierende oft Drei-Jahres-Retreats durch, in denen sie

  • die besonderen Vorbereitungen rezitieren,

  • sich intensiver in einigen der allgemeinen Bodhisattva-Sutra-Praktiken üben, wie dem Bereinigen der inneren Haltungen (tib. blo-sbyong, „Lojong”, Geistestraining),

  • lernen, Rituale auszuführen, einschließlich dem Gebrauch der rituellen Musikinstrumente,

  • die Tauglichkeits-Retreats der wichtigsten Buddhagestalten ihrer Linie vollenden.

Praktizierende der Gelug-Tradition vollenden dieselben Praktiken, eine nach der anderen, zu gewissen Zeitpunkten im Laufe ihrer Ausbildung. Sie führen sie nicht alle hintereinander im Rahmen eines Drei-Jahres-Retreats durch.

Nach ausreichendem Tantra-Training können Praktizierende aller Traditionen ein dreijähriges „ großes Annäherungs“-Retreat (tib. bsnyen-chen) einer spezifischen Buddhagestalt durchführen, in denen sie mehrere zehn Millionen Mantras wiederholen und eine große Anzahl von äußerst ausführlichen Feuerzeremonien durchführen. Das Ziel ist, uns der spezifischen Buddhagestalt anzunähern und uns selbst als sie zu realisieren (tib. bsnyen-sgrub) und tatsächliche Errungenschaften (tib. dngos-grub, Skt. siddhi) zu erlangen.

Yidams, Dakinis und Dharma-Beschützer

Yidams sind männliche oder weibliche Buddhagestalten, mit denen wir mit unserem Körper, unserer Sprache und unserem Geist eine Bindung eingehen, als Methode, um Erleuchtung zu erlangen. Wir machen die enge Verbindung (tib. dam-tshig, Skt. samaya), indem wir uns selbst als die Gestalten visualisieren, Opfergaben darbringen, Mantras rezitieren und Feuerpujas darbringen.

Dakinis (tib. mkha'-'gro-ma) und dakas (tib. mkha'-'gro) sind weibliche bzw. männliche Gestalten, die unsere Erfahrung von glückseligem Gewahrsein und Leerheit symbolisieren und helfen, diese zu verstärken. Während eines Sadhana stellen wir uns vor, dass wir sie als so genannte Opfergöttinnen und -götter emanieren, die den Buddhas, allen begrenzten Wesen und – in der Gelug-Tradition – uns selbst als Buddhagestalten verschiedenste Opfergaben darbringen. In der Praxis des Anuttarayoga stellen wir sie uns auch an entscheidenden Punkten unseres subtilen Energiesystems vor.

Ein anderer Name für Dakas ist viras (tib. dpa'-bo, spirituelle Helden), und ein anderer Name für Dakinis ist virinis (tib. dpa'-mo, spirituelle Heldinnen) und yoginis (tib. rnal-'byor-ma). Oft werden die Begriffe dakinis und yoginis im weiteren Sinne für weibliche Praktizierende und alle weiblichen Gestalten in einem Mandala benutzt. Gelegentlich dienen Dakinis auch als Yidams, in deren Form wir uns selbst visualisieren, wie im Falle von Vajrayogini (tib. rDo-rje rnal-'byor-ma).

Dharma-Beschützer (tib. chos-skyong, Skt. dharmapala) sind männliche oder weibliche Gestalten, die helfen, Beeinträchtigungen oder Störungen von unserer Praxis abzuwenden. Auf der tiefsten Ebene symbolisieren sie unser glückseliges Gewahrsein der Leerheit in starker, energischer Form – als bester Schutz gegen Störungen. Mit uns selbst als Buddhagestalt visualisieren wir bestimmte Schützer in jeder Richtung in unserem Mandala oder um unser Mandala herum.

In bestimmten Yidam-Praktiken laden wir auch gewisse andere Arten von Dharma-Beschützern – wie zum Beispiel Mahakala (tib. dGon-po) oder Palden Lhamo (tib. dPal-ldan lha-mo, Skt. Shridevi) – in unser Mandala ein, um ihnen Opfergaben darzubringen und ihnen Anweisungen zu erteilen, uns in unseren erleuchtenden Aktivitäten zu helfen. Viele der Schützer dieser letzten Art waren ursprünglich machtvolle Geister, entweder Klammergeister (tib. yi-dags, Hungergeister) oder Götterwesen (tib. lha, gods) nichtbuddhistischer Traditionen. Einige fügten Schaden zu und andere waren einfach Hüter von Berggipfeln oder Regionen. Große Meister der Vergangenheit haben sie gebändigt und sie Eide schwören lassen, den buddhistischen Dharma und seine Praktizierenden zu schützen.

Als Buddhagestalten sind wir wie Meister und die Dharma-Beschützer, die wir ausschwärmen lassen, wie unsere scharfen Wachhunde. Wenn wir nicht die Stärke besitzen, sie unter Kontrolle zu haben und sie regelmäßig zu füttern, können sie sich gegen uns wenden. Daher sind Dharma-Beschützer-Praktiken, in denen wir spezifische Schützer in unser Mandala einladen, äußerst fortgeschritten und nicht für Anfänger. Ihre Praxis aufzunehmen erfordert normalerweise spezifische anschließende Genehmigungen (Jenangs) für diese Praktiken.

Dharma-Beschützer-Praktiken beinhalten ausführliche Rituale der „Erfüllung und Wiederherstellung“ (tib. bskang-gso), in denen wir, als Buddhagestalt, die Beschützer daran erinnern, ihren Eid zu erfüllen, den sie geschworen haben, und unsere enge Verbindung mit ihnen wiederherzustellen, indem wir besondere Opfergaben machen. Ein häufiges Ritual ist das goldene Trankopfer (tib. gser-skyems), in dem wir den Schützern Alkohol oder schwarzen Tee darbringen, doch ohne selbst etwas davon zu uns zu nehmen. Wir können die Schützer auch einfach in unser Mandala einladen, um Opfergaben darzubringen, besonders Tormas, und Bitten (tib. gsol-'debs) an sie zu richten. Im Westen nennt man all diese Praktiken informell Schützer-Pujas.

Um eine noch engere Verbindung mit einem Dharma-Beschützer herzustellen, können wir auch ein Schützer-Retreat durchführen, in dem wir das entsprechende Mantra hunderttausende von Malen rezitieren und eine abschließende Feuerpuja darbringen.

Als Buddhagestalten können wir bestimmte Dharma-Beschützer wie Palden Lhamo einladen, um uns bei Vorhersagen (tib. mo, thugs-dam) mit einem Würfel oder den Perlen der Mala (des tibetischen Rosenkranzes) zu assistieren. Solch eine Praxis setzt die Vollendung eines Schützer-Retreats voraus.

Bestimmte Dharma-Beschützer in bestimmten tibetisch-buddhistischen Traditionen können auch als Yidam dienen, so zum Beispiel Mahakala in der Kagyü-Tradition. Meist visualisieren wir uns jedoch nicht selbst als Dharma-Beschützer.

Die Schnelligkeit des Tantra

Die ersten drei Tantra-Klassen sind viel schneller als die Sutra-Methoden, weil es durch ihre Praktiken möglich ist, unsere Lebensspanne zu verlängern und innerhalb der verlängerten Lebensspanne Erleuchtung zu erlangen. Folgt man jedoch den Anuttarayoga-Methoden, ist es möglich, Erleuchtung innerhalb unserer gewöhnlichen Lebenszeit zu erlangen. Tatsächlich können wir sie innerhalb einer Zeitspanne von drei Jahren und drei Mondphasen (tib. lo-gsum phyogs-gsum) erlangen, wobei eine Mondphase die Zeit vom Neumond bis zum Vollmond oder vom Vollmond bis zum Neumond ist.

Die Zeitspanne von drei Jahren und drei Mondphasen darf man nicht zu wörtlich nehmen oder als falsche Reklame oder Vermarktungspropaganda benutzen, um Menschen zur Anuttarayoga-Praxis zu verlocken. Diese Berechnung stammt aus der Kalachakra-Darstellung des Zählens einer speziellen Art von subtilen Energiewind-Atemzügen (tib. rlung, Skt. prana) während einer hundertjährigen Lebensspanne und repräsentiert lediglich eine sehr kurze Zeit. Aus Gründen der Glückverheißung haben große Annäherungs-Retreats diese Länge, genau wie die Retreats des grundlegenden Anuttarayoga-Tantra-Trainings in den Nicht-Gelug-Traditionen.