Siebenteiliges Bodhichitta: Liebe, Mitgefühl & Außergewöhnlicher Entschluss

Rückblick 

Heute morgen beginnen wir mit dem vierten Teil unserer Diskussion über die Methode der siebenteiligen Meditation über Ursache und Wirkung zum Entwickeln der Bodhichitta-Ausrichtung. Wir haben über die Erdgeschoss-Ebene, oder der Stufe Null, dieses Vorganges gesprochen, die darin besteht, Gleichmut zu entwickeln. Dieser Gleichmut ist der Geisteszustand, der frei von störenden Emotionen gegenüber anderen ist, also Anhaftung und Anziehung gegenüber jenen, die wir mögen, Abneigung und Feindseligkeit gegenüber jenen, die wir nicht mögen, sowie Gleichgültigkeit gegenüber jenen, die wir als Fremde betrachten – was auf Naivität beruht, da wir uns nicht darüber gewahr sind, dass sie Freunde sein könnten.

Diese störenden Emotionen, von denen wir hier frei sind – Anhaftung oder Klammern, Abneigung oder Feindseligkeit und Naivität – betreffen Personen. Dies ist so, weil wir es hier mit einem Gleichmut zu tun haben, der auch in den Lehren des Hinayana zu finden ist. Das Ziel der Hinayana-Lehren besteht darin, Befreiung zu erlangen und aus der Sicht dieser Lehren ist alles, was wir zum Erlangen der Befreiung benötigen, ein Verständnis des Nichtvorhandenseins eines unmöglichen Selbst, oder einer Seele, von Menschen. Nach Ansicht ihrer Lehrsysteme – hier sprechen wir laut Gelugpa von jenen, die nicht zum Prasangika-Madhyamaka gehören – wird dieser Mangel, die Abwesenheit oder Leerheit von Personen, anders definiert, als die Leerheit aller Phänomene. Damit dieser Gleichmut in Hinayana, Mahayana, sowie Gelug-Prasangika usw. übereinstimmt, muss es in ihm um die störenden Emotionen gehen, die sich konkret auf Personen richten. Wir reden hier also nicht darüber, wütend auf unseren Computer zu sein, eine Abneigung gegen bestimmte Speisen zu hegen oder sich von gewissen Fernsehprogrammen angezogen zu fühlen.

Um Gleichmut zu erlangen, gilt es, den Geist – zumindest in gewissem Maße – von diesen verschiedenen störenden Emotionen zu befreien, die auf andere gerichtet sind. Wir haben gesehen, dass diese Ebene des Gleichmutes keine Ebene des Nichts oder der Emotionslosigkeit ist. Vielmehr handelt es sich – um den Nyingma-Begriff zu benutzen – um eine „Offenheit“. Sie ist wie eine offene Grundlage, die eine Basis sein kann, auf der wir die positiven Emotionen aufbauen, die dann zur Entwicklung der Bodhichitta-Ausrichtung führen.

Wir haben auch gesehen, dass, wenn wir über diese Basis des Gleichmutes verfügen, der erste Schritt in dieser bestimmten Abfolge der Meditation darin besteht, zu versuchen, das Gewahrsein zu entwickeln und es mit der Vergegenwärtigung zu bewahren (die der geistige Klebstoff ist), dass alle Wesen in einem früheren Leben schon einmal unsere Mutter gewesen sind. Die Möglichkeit, dass alle Wesen irgendwann unsere Mutter gewesen sind, kann logisch begründet werden. Angesichts der buddhistischen Annahmen, also anfangslose Zeit, eine begrenzte Anzahl von Wesen und die Gleichheit aller, ist es etwas Sinnvolles. Unter Gleichheit verstehen wir, dass jedes Wesen in allen Leben, außer jenen, in denen man aus Hitze und Feuchtigkeit aus einem Lotus geboren wird, eine Mutter hat und das jeder gleichermaßen die Ursache für männliche und weibliche Wiedergeburten schafft. Das führt dann zu der Diskussion darüber, was die Ursachen dafür sind, als das Eine oder Andere wiedergeboren zu werden. Offensichtlich braucht man einen weiblichen Körper, um eine Mutter zu sein.

Die Ursachen für die Wiedergeburt in einem männlichen oder weiblichen Körper sind in den Schriften nicht ganz klar. In den Lehren des Lam-rim werden acht förderliche Umstände innerhalb der kostbaren menschlichen Wiedergeburt aufgezählt, die es einem erlauben, größeren Einfluss auf andere zu haben, als es sonst möglich wäre und einer dieser acht ist die Wiedergeburt als Mann. Es lässt sich natürlich darüber streiten, ob sich diese Sichtweise auf eine bestimmte Zeit und Kultur bezieht.

Ich fand recht interessant, was Seine Heiligkeit der Dalai Lama auf der Bhikshuni- oder Nonnen-Konferenz sagte, welche in diesem Sommer in Hamburg stattfand – obgleich Seine Kommentare eher allgemeiner Natur waren und sich nicht spezifisch auf die Lam-rim-Lehren zu männlichen und weiblichen Wiedergeburten bezog. Er sagte, wenn wir uns die Evolution der menschlichen Gesellschaft auf diesem Planeten ansehen, ist es so, dass in früheren Perioden, als es wilde Tiere und andere Gefahren für Leib und Leben gab, Stärke und pure Kraft für den Erhalt der Gesellschaft notwendig waren. In diesen Umständen war die männliche Wiedergeburt am förderlichsten. In späteren Zeiten war es der Intellekt, der für den Erhalt der Gesellschaft notwendig war und in dieser Situation war weder die männliche noch die weibliche Wiedergeburt förderlich. In der gegenwärtigen Zeit, in der es so viel Hass, Gewalt und Terrorismus gibt und in der alles mehr und mehr aus den Fugen gerät, denkt er, dass es Mitgefühl ist, was am notwendigsten für den Erhalt der Gesellschaft ist. In dieser Situation ist, Seiner Meinung nach, durch die Instinkte, die Frauen von Natur aus haben, die weibliche Wiedergeburt am förderlichsten.

All dies gründete er rein auf die Biologie. Was die körperliche Kraft betrifft, sind die Männer von Vorteil; was die Intelligenz betrifft, so sind keine von beiden von Vorteil, da sie sich intellektuell ebenbürtig sind; und wenn es um Mitgefühl geht, haben Frauen, rein biologisch, einen Vorteil, weil sie Kinder in ihrem Leib tragen, sie mit der Brust füttern – zumindest in traditionelleren Kulturkreisen – und somit ganz natürlich Gefühle der Fürsorge, der Warmherzigkeit und ein Sinn der Verbundenheit zur Menschlichkeit haben. Diese mitfühlende Eigenschaft ist laut ihm das, was in diesem gegenwärtigen Zeitalter am notwendigsten ist, um die Probleme der Welt und die ökologischen Probleme zu lösen.

Hier geht es darum, dass die Art der Wiedergeburt, die am förderlichsten ist, um andere auf positive Weise zu beeinflussen, von dem Zeitalter und dem Entwicklungszustand der Gesellschaft abhängen könnte, auch wenn dies nicht etwas ist, was im Dharma diskutiert wird. Das würde zweifellos in Bezug auf das abhängige Entstehen – also, dass nichts von Natur aus an einem bestimmten Geschlecht besser oder schlechter ist – einen Sinn ergeben.

Wie dem auch sei, in den Lehren bezüglich der Ursache männlicher Wiedergeburten wird grundsätzlich gesagt, dass das Bewundern der männlichen Form und das Abwerten der weiblichen Form die Ursache dafür ist, in einer männlichen Form geboren zu werden. Man könnte sich jedoch auch fragen, ob dies auch die Ursache dafür sein könnte, als Homosexueller wiedergeboren zu werden. Abgesehen davon scheint es jedoch, dass der Wunsch nach dem weiblichen Körper zu einer weiblichen Wiedergeburt führt. Und wenn man dann als Frau den Wunsch nach einem männlichen Körper hat, würde man als Mann wiedergeboren werden. Ist das der Fall, könnte man behaupten, dass jeder irgendwann einmal eine weibliche Grundlage hatte.

Ob jeder irgendwann einmal in einem weiblichen Körper geboren wurde, ist ein wichtiger Punkt, den es zu begründen gilt, denn der Einwand dafür, dass jeder schon einmal unsere Mutter gewesen ist, könnte erhoben werden – und er wurde bereits erhoben: „Könnte man nicht immer als ein Mann geboren worden sein, in welchem Falle man nie eine Mutter gewesen ist?“ Man muss also untersuchen und berücksichtigen, dass es eine bestimmte Voraussetzung dafür gibt, eine Mutter zu sein, nämlich eine weibliche Wiedergeburt. Besteht also die Hauptursache für männliche und weibliche Wiedergeburten in sexuellem Verlangen gegenüber einer bestimmten Art von Körper, dann hat sich dieses Verlangen wahrscheinlich auch im Sinne von biologischen Faktoren abgewechselt, wenn wir es so betrachten wollen. All diese Punkte sind an sich von großer Bedeutung, um selbst zu der Überzeugung zu gelangen, dass diese Methode sinnvoll ist und wir uns damit nicht einfach nur einer Gehirnwäsche unterziehen.

Haben wir dann erkannt, dass alle schon einmal unsere Mutter gewesen sind, erinnern wir uns daran und vergegenwärtigen uns die Güte, die sie uns als unsere Mutter entgegenbrachten, wobei die Vergegenwärtigung der geistige Klebstoff ist, der an dem Gedanken festhält. Das Mindestmaß an Güte haben sie uns gegenüber gezeigt, als sie uns nicht abgetrieben haben – wir benötigten all die Wiedergeburten die wir in der Vergangenheit hatten, um dort zu sein, wo wir jetzt sind. Wir können es wertschätzen, dass die Mütter, die wir hatten – sogar in den Wiedergeburten als Tiere und in den niederen Bereichen – überaus gütig uns gegenüber waren, da sie uns die Gelegenheit gaben, unser negatives Karma zu verbrennen, was uns dann ermöglichte, das positive Karma, über das wir verfügten, in der jetzigen menschlichen Wiedergeburt zur Reife kommen zu lassen. Die Schildkröten-Mutter und die Spinnen-Mutter waren uns gegenüber also äußerst gütig.

Natürlich gab es auch Zeiten, in denen wir abgetrieben wurden, und wenn wir nicht abgetrieben wurden, haben uns unsere Mütter vielleicht verspeist – Spinnen fressen zum Beispiel gelegentlich ihre Jungen. Das waren die Einwände, die in den Diskussionen erhoben wurden, die wir nach dem Unterricht hatten, in dem es um dieses Thema ging. „Was ist mit der Mutter, die uns nach der Geburt gefressen hat?“ Irgendwie sind wir jedoch zu dieser kostbaren menschlichen Wiedergeburt gekommen und sie ist das Produkt all der früheren Wiedergeburten, die stattgefunden haben. Einfach auf dieser Grundlage war jeder als eine Mutter ausgesprochen gütig gegenüber uns. All die Mütter haben uns die Gelegenheit gegeben, dorthin zu gelangen, wo wir jetzt sind, und uns mit den verschiedenen karmischen Dingen auseinanderzusetzen, die wir seit anfangsloser Zeit angesammelt haben. Es ist recht gut, eine analytische Meditation zu machen – über all das nachzudenken und die Einwände, die wir haben, herauszufinden.

Meditieren wir über die Güte der Mutter, beginnen wir mit der Mutter in diesem Leben. Wir können die Methode nutzen, unser Leben in Fünf-Jahres-Abschnitten zu betrachten und über die Güte nachzudenken, die uns in jeder dieser Abschnitte zuteil geworden ist. Wollen wir die Meditation erweitern und andere Methoden zum Entwickeln von Bodhichitta mit einbringen, können wir auch über die Güte nachdenken, die wir von diversen anderen Leuten in diesen Fünf-Jahres-Abschnitten bekommen haben. Das führt uns dann zum nächsten Schritt, der darin besteht, die Güte zu schätzen, die wir erhalten haben und große Dankbarkeit dafür zu empfinden.

Soweit sind wir gestern gekommen. 

Gefühlsblockaden lösen 

Gestern wurde auch eine ziemlich wichtige Frage gestellt, auf die ich vielleicht jetzt etwas näher eingehen kann. Die Frage war: „Was ist mit jenen von uns, die Gefühlsblockaden haben und nicht wirklich etwas fühlen, wenn sie diese Art von Meditationen ausführen?“ Hier würde ich eine der Übungen aus dem Sensibilitätstraining, das ich entwickelt habe, mit einbeziehen, in denen es darum geht, diese Blockaden zu lösen. Man kann sie in dem Buch „Ausgewogene Sensibilität entwickeln“ finden.

Um Gefühlsblockaden zu lösen, scheint es mir notwendig, zunächst Gelassenheit, innere Ruhe und dann diesen Gleichmut zu entwickeln, wie es auch in den Lehren empfohlen wird. Mit anderen Worten: Wenn wir unseren Geist soweit zur Ruhe kommen lassen, dass er nicht auf verschiedene Dingen abschweift, und wir ihn zumindest zu einem gewissen Grad von Dumpfheit befreien, um nicht geistesabwesend zu sein (was eine andere Weise ist, anderen keine Aufmerksamkeit zu schenken, und ebenfalls eine Blockade ist), werden wir einen Zustand erreichen, in dem Geist und Herz offen sind. Lösen wir uns dann mit diesen Meditationen über den Gleichmut zumindest ansatzweise von den störenden Emotionen, die wir gegenüber anderen hegen und der nervösen Energie, die mit diesen Emotionen einhergeht, und bringen wir dann auch etwas von dem Verständnis mit ein, welches wir durch die mittlere Ebene der Motivation bekommen – welches das Verständnis der Leerheit des „Ichs“, der Person ist (die nicht auf unmögliche Weise existiert) – damit wir nicht so übermäßig unserer selbst bewusst sind und gewissermaßen durch die dicken Wände der imaginären, soliden Existenz gehemmt sind, werden wir meiner Meinung nach eine gute Basis dafür haben, die emotionalen Gefühle fließen zu lassen.

Auch wenn wir uns nur vorstellen, diesen offenen Zustand zu erreichen, ist es hilfreich. Durch die Arbeit mit Menschen habe ich gelernt, dass es hilfreich ist, Gefühlsblockaden zu lösen. Genau genommen ist dies die einzige Weise, sie zu lösen. Wir müssen in der Lage sein, uns zu entspannen, damit diese Gefühle ohne Hindernisse fließen können. Und hier geht es nicht um neurotische, störende Gefühle. Im Westen benutzen wir das Wort „Gefühle“ für „Emotionen“.

Wir wollen also alle Ablenkungen, Sorgen, Ängste, geistiges Abschweifen, Dumpfheit, Anhaftung, Feindseligkeit, Naivität und Gefühle der Selbstbezogenheit beseitigen, wodurch wir von diesen imaginären Wänden umschlossen sind. Sich einfach nur vorzustellen, diese Dinge schrittweise loslassen zu können, kann hilfreich sein, soweit zur Ruhe zu kommen, um etwas empfinden zu können.

Eine andere Sache, die ich in diesem Training mache, ist, körperliche Empfindungen als Hilfsmittel zu nutzen, um mit den eigenen Gefühlen klarzukommen. Oft haben Menschen Angst davor, Liebe und Mitgefühl zu empfinden, weil es einfach „zu viel“ ist. Sie haben das Gefühl, davon überwältigt zu werden. Dabei denke in an das Beispiel einer meiner Tanten. Sie stand ihrer Mutter, also meiner Großmutter, wirklich sehr nahe. Als meine Großmutter jedoch ins Pflegeheim kam – zu dem Punkt hatte sie bereits Krebs im Endstadium und war in keinem guten Zustand – ging meine Tante nie zu ihr, um sie zu besuchen. Laut ihr war der Grund dafür, dass es einfach zu viel für sie war – emotional wäre es verheerend für sie gewesen, ihre Mutter in dieser Situation zu sehen. Sie war so auf sich selbst bezogen, dass sie ihre Mutter nicht einmal in dem Pflegeheim besuchte. Ich weiß nicht genau, ob sie wirklich nie hingegangen ist, aber soweit ich es verstanden habe, hat sie sie nicht mehr besucht. Interessant ist, dass sie, als ich sie vor ein paar Jahren traf, sagte, dass sie jeden Tag an ihre Mutter denkt, die viele Jahre zuvor gestorben ist. Es war also nicht so, dass sie keine Liebe für ihre Mutter empfand. Sie hatte einfach nur Angst vor den Emotionen und davor, dass sie sie überwältigen würden.

Die Art der Übung, die ich mit solchen Menschen mache, besteht darin, zuerst ihre Hände zu kitzeln, sie dann zu kratzen oder fest zu kneifen und sie schließlich einfach nur zu halten. Dann frage ich sie: „Was ist der Unterschied?“ Es ist nur eine körperliche Empfindung. Es ist nicht mehr als das. Etwas schwieriger ist es, wenn ein anderer unsere Hände kitzelt, kneift oder hält; das ist etwas herausfordernder. Tun wir es jedoch selbst, fragen wir uns am Ende: „Was damit? Es ist nur eine körperliche Empfindung, sonst nichts.“ Daraus können wir dann die Schlussfolgerung ziehen, dass es mit emotionalen Gefühlen dasselbe ist. Ein Gefühl ist nur ein Gefühl. Ob es Traurigkeit, Glücklichsein, Wärme oder was auch immer ist, es gibt nichts, wovor wir Angst haben müssten. Es ist nur ein Gefühl. Es ist keine große Sache, nichts Besonderes. Das hilft uns, Gefühlsblockaden zu lösen, besonders Ängste davor, von Gefühlen überwältigt zu werden.

Haben wir Gefühlsblockaden, ist es wichtig zu versuchen, die Blockaden zu lösen – sie zunächst zu identifizieren und dann Methoden anzuwenden, um sie aufzulösen.

Eine weitere Sache, die bei diesen Meditationen über Mitgefühl empfohlen wird, besteht darin, zuerst an unser eigenes Leid zu denken (hier könnten wir auch die Gefühlsblockaden nehmen) und zu fühlen, wie furchtbar sie sind und wie sehr wir davon frei werden und Entsagung entwickeln wollen. Haben wir diesen Wunsch, selbst frei von Leiden zu sein, richten wir ihn auf andere Menschen. Damit gehen wir nicht nur davon aus, selbst zu verstehen, dass wir alle gleich sind – gleich in dem Sinn, dass jeder den gleichen Wunsch hat, glücklich und nicht unglücklich zu sein – sondern auch, dass wir gegenüber uns selbst einfacher emotionale Gefühle entstehen lassen können, als gegenüber anderen. Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Es gibt viele Menschen, die viel mehr für andere empfinden und sich selbst vernachlässigen. Manchen Menschen mag diese Methode also helfen, ihre Gefühlsblockaden zu lösen, anderen hingegen nicht.

Vielleicht habt ihr etwas zu dieser Thematik der Gefühlsblockaden zu sagen. Ich denke, dass dies ein ausgesprochen wichtiges Thema ist, das zur Sprache gebracht werden muss, um mit diesen Meditationen über Liebe, Mitgefühl, Bodhichitta usw. zu arbeiten. Auch wenn etwas Weisheit zusammen mit dieser Methode oder der Seite des Mitgefühls hilft, die Schritte stabiler zu machen, werden wir ohne die Warmherzigkeit der emotionalen Seite nicht in der Lage sein, dieses Mitgefühl – den Wunsch, andere mögen frei von Leiden und dessen Ursachen sein – auf eine von Herzen kommende Weise hervorzubringen.

Möchte jemand von euch etwas dazu beitragen oder gibt es irgendwelche Fragen hierzu?

Ich frage mich, ob unterschiedliche Charaktere Emotionen auf unterschiedliche Weise zeigen?

Hier geht es darum, dass es ein Teil der Persönlichkeit zu sein scheint, die Emotionen beispielsweise nicht zu zeigen und es nicht so ist, dass die Emotionen blockiert sind. Damit kommen wir zu der Variablen der Kontrolle – die Emotionen zu kontrollieren, anstatt sie zu blockieren. Ich denke, das bringt uns zu einem wichtigen Punkt, nämlich, dass es einen Unterschied gibt, ob man etwas fühlt oder etwas ausdrückt. Jemand könnte vielleicht viele positive Emotionen empfinden, aber sie aufgrund der momentanen Situation nicht zeigen.

Besuchen wir zum Beispiel Menschen in einem Pflegeheim, die krank sind und im Bett liegen, wollen wir vielleicht unsere Besorgnis zum Ausdruck bringen, indem wir ihre Hände halten. Manche würden das wohl wertschätzen; andere hingegen nicht. Es gibt Menschen, die eine Aversion gegen körperlichen Kontakt haben, und obwohl wir gleichermaßen Warmherzigkeit gegenüber allen empfinden könnten, würden wir uns kontrollieren und die Hand der Person nicht halten, die nicht berührt werden möchte, weil es unangenehm für sie ist.  Hier würde man also eine bestimmte Kontrolle ausüben, die nicht unbedingt etwas mit blockierten Gefühlen zu tun hat.

Kontrolle kann sich auch auf etwas beziehen, worüber ich bereits gesprochen habe – die Angst vor Gefühlen, die uns überwältigen könnten. Eine andere Art der Kontrolle kann sich auf den Respekt gegenüber den Sitten der Gesellschaft beziehen. Das ähnelt dem, worüber ich mit dem Beispiel der Person im Pflegeheim gesprochen habe.

Dazu fällt mir ein Beispiel einer Frau ein, die meine Schülerin in Deutschland ist. Sie stammt aus Kolumbien, Südamerika, wo die Menschen sehr ausdrucksstark in Bezug auf ihre Emotionen sind. Sie ist mit einem deutschen Mann verheiratet, dessen Eltern emotional völlig reserviert sind und stattet sie ihnen, zusammen mit ihrem Mann, einen Besuch ab, muss sie sich wirklich zusammenreißen, was das Zeigen ihrer Emotionen betrifft. Auf diese Weise üben wir uns in bewusster Kontrolle – wiederum mit Rücksicht gegenüber einer anderen Kultur.

Es gilt zu untersuchen: Warum sollten wir unsere Emotionen kontrollieren? Jemand, wie eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger müsste seine Emotionen kontrollieren, wenn er oder sie sich um andere Menschen kümmert. Sie müssten einen klaren Kopf behalten und können nicht weinen oder sich aufregen, wenn sie fürchterliche Verletzungen bei Menschen sehen. In solchen Situationen kontrollieren wir die Emotionen. Kontrollieren wir nur deren Ausdruck oder kontrollieren wir die Gefühle selbst? Dies ist zwar kein so schönes Dharma-Beispiel, aber befänden wir uns beispielsweise im Krieg in einer Schlacht und würde man unseren besten Freund neben uns töten, könnten wir nicht einfach anfangen zu weinen und uns deswegen aufregen. Wir müssten unsere Emotionen kontrollieren, sie sozusagen irgendwo in unserem Herzen verstecken und uns weiter mit der Ausnahmesituation beschäftigen.

Da gibt es, glaube ich, viele verschiedene Situationen hier. 

Die Gesellschaft ruft uns dazu auf, unsere Emotionen im Zaum zu halten, aber geht es in dieser Meditation nicht darum, sie freizusetzen?

Das ist ein wirklich guter Punkt. Die Gesellschaft, insbesondere in den USA, ruft uns dazu auf, den Ausdruck unserer Gefühle einzuschränken, da andere uns verklagen könnten, weil sie denken, wir hätten sie beleidigt oder sexistische Bemerkungen gemacht, obwohl wir ihnen vielleicht einfach nur ein Kompliment machen wollten, indem wir sagten: „Das ist ein schönes Kleid, das sie tragen.“ Wie dem auch sei, bieten uns Meditationen wie diese nicht einen Weg, unsere Emotionen rauszulassen?

In gewissem Sinne stimmt das. In Anbetracht der Erfahrungen von mir und anderen ist es jedoch so, dass wir, wenn wir uns in der Meditation ausreichend entspannen, die Tür nicht nur für positive sondern auch für jede Menge negative Emotionen öffnen. Das ist ein Phänomen, welches die meisten erleben, wenn sie sich in einem langen Retreat befinden. All das emotionale Zeug kommt hoch und wir haben dann die Gelegenheit, uns damit auseinanderzusetzen. Öffnen wir aber die emotionalen Türen, können wir nicht wirklich vorhersehen, was hochkommen wird. Das ist etwas, dessen wir uns gewahr sein müssen, besonders wenn wir vorhaben, in ein Retreat zu gehen, und erst recht, wenn es sich um ein langes Retreat handelt. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass eine Menge verschiedener Arten von Emotionen an die Oberfläche treten werden, und wenn wir nicht die emotionale Reife haben, uns damit zu konfrontieren, ist es keine gute Idee, in ein Retreat zu gehen. 

Aus meiner Erfahrung ist es viel natürlicher und einfacher, Mitgefühl für alle anderen zu kultivieren, als für mich selbst.

Dafür habe ich wieder eine Methode, die zwar nicht spezifisch aus dem Dharma stammt, aber dort empfohlen wird, und die ich auch im Sensibilitätstraining benutzt habe. Hier geht es darum, die so genannte „fürsorgliche Geisteshaltung“ zu entwickeln, was meine Übersetzung des tibetischen Wortes für den vorbereitenden Schritt zum Entwickeln ethischer Disziplin ist. Shantideva hat dem ein ganzes Kapitel gewidmet. Es gibt bei im zwei Kapitel zur ethischen Disziplin und im ersten geht es um diesen speziellen Geistesfaktor, die fürsorgliche Geisteshaltung.

Andere Leute übersetzen den Begriff zuweilen mit „Sorgfalt“ oder „Gewissenhaftigkeit“ aber ich denke, das geht am Punkt vorbei. Im Wesentlichen hat es etwas damit zu tun, Ursache und Wirkung ernst zu nehmen und sich bewusst darüber zu sein, dass „dies passieren kann, wenn ich jenes tue“, sowie die Resultate zu berücksichtigen und sich um sich selbst zu kümmern. Auf dieser Grundlage üben wir uns in ethischer Selbstdisziplin. Kümmern wir uns nicht darum und sind uns die Auswirkungen unseres Verhaltens egal, warum sollten wir uns dann jemals in Selbstdisziplin üben? Shantideva widmet also dem Kultivieren dieser fürsorglichen Geisteshaltung mit Bedacht ein ganzes Kapitel.

Im Sensibilitätstraining gibt es eine ganze Reihe von Überlegungen zum Entwickeln der fürsorglichen Geisteshaltung gegenüber anderen, die wir, wenn wir an uns selbst arbeiten, an uns richten: „Du bist ein menschliches Wesen. Du hast Gefühle, genau wie ich. Die Weise, wie ich dich behandle und wie ich mit dir spreche, wird einen Einfluss auf deine Gefühle haben, genau wie auch die Weise, wie du mit mir redest und wie du mich behandelst, meine Gefühle beeinflussen wird. So, wie ich es gern hätte, wenn du mich ernst nehmen, respektieren und dich um meine Gefühle kümmern würdest, werde ich dich ernst nehmen, respektieren und mich um deine Gefühle kümmern.“

Arbeiten wir mit uns selbst, beginnen wir mit einem Spiegel. Wir sehen in den Spiegel und sagen zu uns selbst: „Ich bin ein menschliches Wesen, wie alle anderen auch. Ich habe Gefühle, wie alle anderen auch. Die Weise, wie ich mich behandele und mit mir in meinem Inneren rede, hat einen Einfluss auf meine Gefühle, genau wie auch die Weise, wie andere Menschen mit mir reden und mich behandeln, meine Gefühle beeinflussen wird“ – viele von uns beschimpfen sich selbst als Idioten und ähnliches – „So, wie ich es gern hätte, dass andere mich mit Respekt behandeln und feinfühlig gegenüber meinen Gefühlen sind, werde ich mich selbst mit Respekt behandeln und feinfühlig gegenüber meinen Gefühlen sein. Ich kümmere mich um mich selbst. Ich kümmere mich um meine Gefühle.“

Der nächste Schritte findet dann ohne Spiegel statt. Wir betrachten uns selbst nicht so oft im Spiegel, aber einen Spiegel zu benutzen ist hilfreich, sich besser auf sich selbst zu fokussieren. Ohne den Spiegel denken wir dann: „Ich bin ein menschliches Wesen. Ich habe Gefühle“ usw.

Der emotional bewegendste Teil der ganzen Übung ist, wenn wir eine Reihe von Fotos von uns selbst in den verschiedenen Stadien unseres Lebens haben. Besonders hilfreich ist es, ein Foto von uns zu haben, welches in einer Zeit des emotionalen Aufruhrs aufgenommen wurde, in der wir beispielsweise eine Scheidung oder etwas anderes durchgegangen sind. Es funktioniert natürlich auch, wenn wir uns daran erinnern, aber mit einem Foto klappt es noch besser. Wir sehen uns dann das „Ich“ der Vergangenheit an und sagen:
„Damals war ich ein menschliches Wesen. Ich hatte Gefühle und die Weise, wie andere mich behandelt und mit mir gesprochen haben, hat diese Gefühle beeinflusst. So, wie ich nicht möchte, dass sich das Ich der Zukunft schämt, wenn es auf das heutige Ich zurückblickt, werde ich mich auch nicht schämen, wenn ich mir das Ich der Vergangenheit betrachte, denn das Ich der Vergangenheit würde nicht wollen, wenn sich das Ich der Zukunft schämt. Ich war damals ein menschliches Wesen und hatte Gefühle. Ich habe mein Bestes gegeben – was alle hier zu Tränen rührt! Es bewegt euer Herz.

Und das ist es, womit wir arbeiten: die Gefühle, die wir gegenüber uns selbst haben, zu lösen.

Zu Beginn haben sie erwähnt, dass es dafür ein tibetisches Wort gibt. Um welches Wort handelt es sich?

Der tibetische Begriff, den ich als „fürsorgliche Geisteshaltung“ übersetze, ist „Bag-yo“ (tib. bag-yod). Die negative Form des Wortes ist „Bag-mey“ (tib. bag-med) und bezieht sich darauf, sich nicht zu kümmern – was ein recht bedauerlicher Geisteszustand ist, nicht wahr? Uns ist es ganz einfach egal, was passiert.

Nehmen wir uns einen Moment Zeit, um dies einwirken zu lassen.

[Meditation]

Ich würde vorschlagen, dass wir der üblichen Meditation über Gleichmut den Teil des Beruhigens geistiger Unruhe, Dumpfheit usw. mit hinzunehmen – was sowieso Teil einer jeden Meditation ist, was wir jedoch zuweilen vergessen – sowie etwas Verständnis über das Fehlen eines soliden „Ichs“, damit es keine Mauern gibt, die uns davon abhalten, etwas zu fühlen. Mit dem Gleichmut als Basis denken wir dann daran, dass jeder schon einmal unsere Mutter gewesen ist. Wir denken an die Güte, die sie uns gezeigt hat, als sie unsere Mutter war – zuerst erkennen wir die Güte, die unsere eigenen Mütter uns gezeigt haben und dann jene, die uns von allen Wesen zuteil geworden sind. Ganz natürlich entwickeln wir dann Gefühle der Dankbarkeit; wir empfinden Wertschätzung für all die Dinge, die sie getan und die Möglichkeiten, die wir so bekommen haben.

In den Anweisungen heißt es, dass wir nichts Besonderes tun müssen, um diese Art der Dankbarkeit oder Wertschätzung zu entwickeln. Und ob es auch einen Aspekt des Zurückzahlens dieser Güte geben sollte, als würde man in gewissem Sinne einen Kredit abbezahlen, scheint mir, wie gesagt, zweifelhaft. Ich glaube nicht, dass dies der Schwerpunkt ist. Wichtig ist es, besonders für jene von uns, die in einer Kultur der Schuld aufgewachsen sind, die Meditation nicht in diese Richtung abdriften zu lassen, denn dies führt, wie ich bereits gestern sagte, dazu, in die Rolle eines Märtyrers zu fallen. 

Schritt Dreieinhalb: Herzerwärmende Liebe 

Es ist wunderbar, wie Buddhisten Dinge auf eine Weise nummerieren, die nichts mit dem Zahlensystem zu tun hat! Zuerst gab es eine Null und nun haben wir auch eine halbe Nummer, Schritt dreieinhalb. Auf jeden Fall wird dieser Schritt „herzerwärmende Liebe“ genannt und es handelt sich hierbei um das, was wir vor der eigentlichen Meditation über Liebe entwickeln. Herzerwärmende Liebe ist ein sich liebevolles Kümmern. Wir schätzen jemanden und kümmern uns um sein oder ihr Wohlergehen – wir wären traurig, wenn dieser Person etwas Schlimmes passieren würde. Treffen wir sie, freuen wir uns und sind glücklich, und empfinden ganz automatisch ein Gefühl der Nähe. Das sind die Beschreibungen dieses Geisteszustandes oder Herzens – wie auch immer man es benennen will.

Wieder heißt es, dass wir nichts Besonderes tun müssen, um diese herzerwärmende Liebe zu entwickeln; sie entsteht ganz von selbst aus dem vorherigen Schritt. Aus diesem Grund glaube ich, dass die Betonung in den vorherigen Schritten nicht darin liegt, die Güte zurückzahlen zu wollen, sondern vielmehr auf dem Gefühl der Dankbarkeit und Wertschätzung der Güte dieser Person, dass wir ganz automatisch herzerwärmende Liebe empfinden. Wir sorgen uns um das Wohlergehen dieser Person und sind traurig, wenn ihr irgendetwas Schlimmes passiert. Wir sind glücklich, diese Person zu treffen und fühlen uns ihr ganz von selbst nahe. Für mich ergibt es einen Sinn, dass dies der Weg ist, diese herzerwärmende Liebe zu entwickeln. Und, um auf das Thema zurückzukommen, in dem es darum ging etwas zu fühlen, können wir erkennen, dass es in einer Reihenfolge präsentiert wird, die nahelegt, nun ganz gewiss etwas zu empfinden, falls es bis jetzt noch nicht geschehen ist.

Wir haben also diese herzerwärmende Liebe. Wörtlich geht es in dem Begriff um die Liebe, „mit der man ein Gefühl der Nähe und Wärme gegenüber einem anderen hat“. Die Person kommt dem Geist und dem Herzen nahe. 

Schritt Vier: Liebe 

Dann kommen wir zur Meditation über die Liebe. Liebe wird definiert als „Wunsch, andere mögen glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen.“ Natürlich richten wir diese Liebe von Beginn an auf alle. Im Theravada wird jedoch empfohlen, beim Entwickeln von Liebe mit uns selbst zu beginnen und Liebe für uns selbst hervorzubringen. Diese Liebe weiten wir dann auf jene aus, die uns nahe stehen, dann auf unsere Nachbarn, die Menschen in unserer Stadt und so weiter. Wir weiten sie schrittweise immer weiter aus. Es gibt auch Meditationen, wie in der Chenrezig-Meditation, in der wir diese Liebe auf die Wesen in den verschiedenen Bereichen sowie auf alle fühlenden Wesen ausweiten. 

Alle fühlenden Wesen

Das ist eine heikle Sache – nicht diese Liebe, sondern alle fühlenden Wesen. Ich dachte immer, wir könnten persönliche Beziehungen als Beispiele in unseren Meditationen benutzen, um die Dinge zu entwickeln, um die es uns im Dharma geht, wie beispielsweise: „Wenn ich warmherzig, liebevoll, mitfühlend und großzügig gegenüber einer bestimmen Person sein kann“ – wie jemanden, in den wir verliebt sind, unseren Partner, unsere Kinder oder wer auch immer – „kann ich lernen, diese Gefühle auf andere auszuweiten.“ Für mich schien das recht vernünftig – nicht mit „allen fühlenden Wesen“ anzufangen. Das fand ich etwas zu vage.

Aber dann hörte ich eine Erklärung von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, der meinte, dass es wirklich wichtig wäre, sich auf alle fühlenden Wesen zu richten. Aber warum ist das so? Nun, was das Verwenden von persönlichen Beziehungen als Beispiel betrifft, hatte ich vergessen, dass all dies auf Gleichmut beruht – darauf, gegenüber allen offen zu sein – was viele Stufen vor der Meditation über Liebe kam. Gehen wir nun also urplötzlich zurück zu diesem Gefühl gegenüber einer Person, der wir uns wirklich nahe fühlen, was für gewöhnlich mit großer Anhaftung verbunden ist, verstoßen wir gegen das Prinzip, welches wir ganz zu Anfang festgelegt hatten, nämlich offen gegenüber allen zu sein.

Ich muss sagen, dass es nicht einfach ist, die emotionalen Wahrheiten dieser zwei Herangehensweisen zu kombinieren, denn wenn wir die Meditation im Sinne aller fühlenden Wesen machen, ist sie oft zu vage und bedeutungslos. Wir nehmen „alle fühlenden Wesen“ nicht richtig ernst. Was mir als mögliche Lösung für dieses Dilemma – oder die Dialektik, um es fachlich auszudrücken – einfällt, ist, sich nach einer Vorgabe zu richten, die Tsongkhapa in „Ein Brief mit praktischen Ratschlägen zu Sutra und Tantra“ gibt. Hierbei handelt es sich um einen Text, den ich vor vielen Jahren übersetzt habe und zu dem ich beginnen werde, Belehrungen zu geben, wenn ich wieder zurück in Berlin bin.

In diesem Text, der ein wunderbares Werk mit praktischen Ratschlägen ist, spricht Tsongkhapa darüber, wie man in der Tantra-Praxis visualisiert. Laut ihm besteht die Methode, sich selbst als Buddha-Gestalt zu visualisieren, darin, zunächst ein allgemeines Bild der gesamten Visualisierung, also der ganzen Buddha-Gestalt, zu haben. Um damit zu beginnen, visualisieren wir zunächst nur andeutungsweise, denn am Anfang werden wir es ganz augenscheinlich nicht mit vollendeter Klarheit tun können. Wenn wir dann ein allgemeines Bild haben, fügen wir ein Detail nach dem anderen hinzu, wobei wir mit den Augen beginnen, denn wir neigen dazu, uns recht innig mit den Augen zu identifizieren. Auf diese Weise verlieren wir nicht den Überblick über das Ganze, was wir laut ihm auf keinen Fall tun sollten. Im Rahmen des Ganzen fügen wir dann also die Einzelheiten hinzu und wenn wir es auf diese Weise üben, werden wir in der Lage sein, die Visualisierung korrekt auszuführen.

Vielleicht ist das eine Richtlinie, die wir auch hier anwenden könnten. Zuerst öffnen wir uns gegenüber allen fühlenden Wesen. Dann, ohne den Kontext aller Wesen zu verlieren, fokussieren wir uns auf bestimmte Menschen und beginnen – wie empfohlen – mit uns selbst. Sogar im Sieben-Punkte-Lojong, der Schulung der Geisteshaltungen, wird gesagt, dass wir in unserer Praxis des Tonglen, des Gebens und Nehmens, mit uns selbst beginnen sollten. Im Kontext dieses größeren Rahmens aller Wesen entwickeln wir Liebe für einzelne Wesen – zunächst für uns selbst, dann für Menschen, denen wir nahestehen und schließlich für Fremde und Menschen, die wir nicht mögen. Vielleicht können wir diese Dialektik zwischen der gleichen Liebe für alle und jenen, die tatsächlich unser Herz berühren, auf diese Weise lösen.

Hat jemand eine Bemerkung hierzu? Kann jemand etwas aus seiner oder ihrer eigenen Erfahrung mit dieser Art der Meditation sagen? Wie funktioniert es für euch, mit „allen fühlenden Wesen“ zu arbeiten? 

Fragen 

Wenn wir mit diesen problematischen Lebensformen, wie beispielsweise Kakerlaken, arbeiten, finde ich es hilfreich zu denken: „Das ist lediglich das Resultat des Karmas dieses geistigen Kontinuums und nur in diesem Leben manifestiert es sich als Kakerlake.“

Ja, das ist recht hilfreich. Es geht zurück auf die Meditation über Gleichmut, bei der wir alle als anfangs- und endlose geistige Kontinua betrachten. So sollte es durchaus geübt werden: sich darüber bewusst zu sein, dass dieses Wesen sich nur in diesem spezifischen Leben aufgrund von Karma in dieser Form manifestiert.

Ich erinnere mich, dass es für mich nicht einfach war, bei meinem ersten Aufenthalt in Indien mit all den Insekten klarzukommen. Da gab es diese riesigen Wolfsspinnen, die so groß wie eine Hand waren und mich sehr nervös machten. Ich erwähnte sie gegenüber meinem Lehrer, den ich in der Zeit hatte, und bemerkte, wie hässlich und beängstigend sie aussahen. Er meinte dazu: „Nun, von ihrem Blickwinkel aus betrachtet, bist du der Hässliche und Furchterregende.“ Das war ziemlich hilfreich.

Es gibt auch eine andere Technik, die ich benutzte. Ich rede hier von einer Zeit, in der mir der Dharma noch nicht so vertraut war. Ich war stets ein „Trekky“ (ein Star-Trek-Fan) und davor ein Science-Fiction-Fan, und so stellte ich mir vor, auf einem anderen Planeten zu sein. Dort gab es Lebensformen auf diesem Planeten, die so aussahen, wie diese Wolfspinne. Würde nun meine einzige Reaktion gegenüber der Lebensform auf diesem Planeten darin bestehen, auf sie zu treten, wäre das nicht sehr diplomatisch. Das half mir, Respekt gegenüber dieser Lebensform zu entwickeln. 

Danke, vielen Dank! In unserem Haus herrscht gerade Spinnen-Saison und dieses Jahr habe ich sie nicht getötet.

Sehr gut. Du hast also auch ein Problem mit Spinnen. 

Es ist nicht leicht, die Meditationen über Liebe und Mitgefühl für all die Wesen in den anderen Bereichen zu machen, sowohl in den schlechteren als auch in den besseren Bereichen, weil sie für uns unsichtbar sind. Wie gehen wir dann damit um?

Darüber habe ich neulich gesprochen – wir können sie im Sinne der Bereiche verschiedener Sinnesinformationen betrachten, wie körperliche Empfindungen, Gefühle von Glück und Leid usw. 

Für die Meditation über die höllische Art der Wiedergeburt finde ich es zum Beispiel hilfreich, sich Bilder anzusehen, wie jene Zeichnungen, die von Überlebenden der Nuklearschläge auf Hiroshima angefertigt wurden. Sie stellen wirklich furchtbare Dinge dar, die an höllische Wiedergeburten erinnern.

Wie bereits erwähnt, kann es auch Reste aus früheren Wiedergeburten geben, die sich als menschliche Erfahrung äußern und diese Überlebenden könnten durchaus Reste von höllischen Wiedergeburten erfahren haben.

Einer meiner Freunde, der ein westlicher buddhistischer Lehrer ist, hilft seinen Studenten, ein Gefühl für das Leiden der höllischen Bereiche zu bekommen, indem er ihnen empfiehlt, über die Sache zu meditieren, die sie am meisten fürchten und sich vorzustellen, dass sie ihnen selbst passiert. Er tut dies, weil es normalerweise einen Widerstand gegenüber dieser Meditation gibt, der für gewöhnlich aus Furcht entsteht. Sich mit den eigenen Ängsten zu konfrontieren ist also eine Möglichkeit, sich mit den Meditationen über die höllischen Bereiche zu befassen.

Furcht oder die Angst davor, sich mit dem Leiden der anderen auseinanderzusetzen, ist eine wesentliche geistige und emotionale Blockade, die wir überwinden müssen. Wir denken: „Es ist zu furchtbar, ich kann damit nicht umgehen.“ Wir wollen es also nicht einmal sehen, was zu sprechen, sich damit zu befassen.
Somit gibt es zahlreiche Methoden, die uns helfen, die Leiden der höllischen Wiedergeburten zu visualisieren und sie ernst zu nehmen. 

Liebe (Fortsetzung) 

Liebe ist der Wunsch, andere mögen glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen. Das heißt, wir müssen die Art des Glücklichsein erkennen, um die es hier geht. Was ist das für ein Glück, das wir voller Liebe allen wünschen? Was ist es für ein Leid, von dem wir uns mit Mitgefühl wünschen, alle mögen frei davon sein? Und was ist es für ein Gefühl des Glücklichseins, das wir uns mit dem außergewöhnlichen Entschluss für alle wünschen – dem außergewöhnlichen Entschluss, der einer der Schritte ist, die in dem Prozess der Entwicklung als nächstes kommen. Bei jedem Schritt dieser Abfolge geht es nicht um die gleiche Art von Glücklichsein. Das würde nicht viel Sinn für mich ergeben.

Ich muss sagen, dass ich keine spezifischen Instruktionen darüber bekommen und auch nichts darüber gelesen habe. Es erscheint mir jedoch sinnvoll, dass wir mit Liebe und dem Wunsch, andere mögen glücklich sein, an normales weltliches Glück denken, aber dies ist nur meine eigene Vorstellung davon; nehmt es also nicht als schriftliche Autorität. In der Tonglen-Praxis des Gebens und Nehmens geht es uns darum, zunächst den anderen das Leiden zu nehmen, damit sie in der Lage sind, Glück zu genießen, aber hier ist die Reihenfolge umgekehrt. Warum ist das so? Mir scheint es logisch, dass es uns zuerst um ihr Glück geht. Mit anderen Worten wollen wir nicht, dass sie das Leid des Leidens erfahren. Dann wünschen wir uns mit Mitgefühl, dass sie frei von weltlichem Glück sind, also dem Leiden der Veränderung. Wir wollen also nicht nur, dass sie vom Leid des Leidens frei sind, sondern sogar von dem weltlichen Glück, das wir uns mit Liebe für sie wünschen. Schließlich geht es uns mit dem außergewöhnlichen Entschluss darum, ihnen zu helfen, das alles umfassende Leiden von Samsara zu überwinden. Auf diese Weise macht es, zumindest für mich, einen Sinn, dass diese drei Schritte so angeordnet sind.

Vielleicht stimmt es, ich habe es nie von einem meiner Lehrer überprüfen lassen, um zu sehen, ob es korrekt ist. Ich meine jedoch, dass wir, wenn wir lange genug Erfahrungen mit dem Dharma gesammelt haben, die verschiedenen Puzzleteile auf unterschiedliche Weise zusammensetzen können und versuchen müssen, zu sehen, was in Bezug auf die Darstellung der Dharmalehren einen Sinn ergibt, ohne jedoch damit den Dharma selbst zu verlassen. Das ist meine eigene Vorstellung davon.

Zunächst denken wir also: „Mögen alle glücklich sein“, was wie das Glück ist, welches man auf der anfänglichen Ebene anstrebt, das Glück besserer Wiedergeburten und so weiter, und dann: „die Ursachen des Glücklichseins besitzen“, was die ethische Disziplin ist, mit der wir schädliches Verhalten unterlassen. Anders ausgedrückt, sollten die Meditationen nicht so vage sein. 

Bei den vier Unermesslichen kommt das Glück vor dem Leid, ob wir nun mit Gleichmut beginnen oder nicht. Sagen Sie, dass das Glück in den vier Unermesslichen ebenfalls das Glück samsarischen Lebens ist?

Die Frage ist, ob der Gleichmut in den vier Unermesslichen an erster oder an letzter Stelle kommt. Du hast auch gefragt, ob das, was ich gerade gesagt habe, ebenfalls auf diese Unermesslichen angewendet werden könnte, wenn es Sinn macht, dies zu tun. Nun auf der einen Seite würde es einen Sinn ergeben, wenn wir es im Sinne der Mahayana-Darstellung der vier betrachten, jedoch ist es bei der Theravada-Darstellung nicht so. In der Mahayana-Darstellung ist die Freude der Wunsch, andere mögen die glückselige Freude der Erleuchtung besitzen, während die Freude in der Theravada-Darstellung an dem Sich-Freuen an positiven Dingen besteht, die andere getan haben. Das Gegenteil davon ist Eifersucht. Die Freude bedeutet also in der Theravada-Darstellung der vier Unermesslichen etwas anderes.

Jedenfalls denke ich, dass es sinnvoll wäre, dies auf die Mahayana-Darstellung der vier Unermesslichen anzuwenden, denn Liebe ist der Wunsch, andere mögen gewöhnliches Glück erleben, Mitgefühl der Wunsch, frei von dieser Art des Leidens zu sein und Freude der Wunsch, vollständige Befreiung und Erleuchtung zu besitzen. Hier haben wir also auch eine Reihenfolge. Wären sie nicht Teil einer Reihenfolge, wäre die Freude in dieser Mahayana-Darstellung bereits in der Liebe enthalten. Das habe ich mich immer gefragt: ist die Freude nicht schon in der Liebe enthalten? Wenn wir uns Glück für die anderen wünschen, wollen wir doch auch, dass sie Freude empfinden. Es ergibt jedoch einen Sinn, dass sie der Reihe nach entwickelt werden.

Steht der Gleichmut am Anfang dieser Reihenfolge, wird er als Wunsch betrachtet, selbst frei von Anhaftung, Abneigung und Naivität zu sein. Er ist dann die Grundlage für Liebe, Mitgefühl und Freude, die danach kommen. Kommt er am Ende, sieht man ihn als Wunsch, andere mögen diesen Gleichmut besitzen: „Mögen sie frei von Anhaftung, Abneigung usw. sein. Hier denken wir darüber nach, warum sie noch keine Erleuchtung erlangt haben – nämlich weil sie diese Probleme haben. Wir wünschen uns also: „Mögen sie frei davon sein“. Man könnte es jedoch auch anders sehen und meinen: „Ich wünsche es allen, ohne Anhaftung, Abneigung usw.“ oder „Mögen sie das Glück der Erleuchtung allen weiter geben können.“

Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, die vier unermesslichen Geisteshaltungen zu interpretieren und zu üben. Aber ich denke die Reihenfolge, in der man sie übt, ist nicht willkürlich – obgleich sie einem willkürlich erscheinen mag. In vielen unterschiedlichen Traditionen werden sie anders angeordnet und sogar verschiedenartig formuliert. Auf meiner Webseite gibt es einen Artikel dazu, in dem ich die unterschiedlichen Darstellungen der vier Unermesslichen untersuche.

Es gibt eine ziemlich gute Anleitung für die Meditation über die unermessliche Geisteshaltung der Liebe, die man hier anwenden könnte. Es handelt sich um einen Vorgang in vier Schritten, den man auf jede der vier unermesslichen Geisteshaltungen anwendet. Was die Geisteshaltung der Liebe betrifft, denken wir: 

  1. „Wie wunderbar wäre es, wenn jeder glücklich sein und die Ursache des Glücklichseins besitzen würde.“ 
  2. „Mögen sie glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen.“ 
  3. „Möge ich in der Lage sein, ihnen zu ihrem Glück und den Ursachen des Glücks zu verhelfen.“ Aus diesem Grund fügt Seine Heiligkeit schon hier, neben Liebe und Mitgefühl, einen Sinn von Verantwortung mit hinzu. Verantwortung ist nicht nur auf den außergewöhnlichen Entschluss begrenzt, welcher der Schritt nach dem Mitgefühl ist.
  4. Dann denken wir: „Gurus, bitte inspiriert mich, dies tun zu können.“

Das ist einer der Gründe, warum ich, glaube ich gestern, darauf hingewiesen habe, dass wir uns an den Guru wenden können, falls wir gar nichts empfinden, um uns von ihm inspirieren zu lassen. Das macht deutlich, wie wichtig die Inspiration vom Guru ist.

Darüber habe ich gerade gesprochen, als es darum ging, genügend Dharma-Methoden zur Hand zu haben. Der Dharma wird uns in Form von Puzzleteilen präsentiert, die wir dann zusammensetzen müssen. Sie formen ein Netzwerk von Dharma-Übungen, wobei sich „Netzwerk“ darauf bezieht, dass alles miteinander verbunden ist. Indem wir also die vielen verschiedenen komplementären Aspekte heranziehen und sie auf verschiedenartige Weise miteinander verbinden, können wir unsere Praxis umfassender machen.

Wir haben also Liebe – „Mögen alle glücklich sein.“ Ganz zum Schluss beginnen wir mit dem Wunsch, sie mögen das Glück besitzen, welches aus dem Freisein von groben Schmerz und Leid kommt. Natürlich könnten wir anderen auch andere Ebenen des Glücklichseins wünschen, wie jene, die wir durch Shamatha erlangen, den still geworden und zur Ruhe gekommen Geisteszustand, bei dem es im Grunde darum geht, frei von Dumpfheit, Erregtheit, Nervosität und all das zu sein. Es gibt auch das „unbefleckte Glücklichsein“, was manche mit „nicht verunreinigt oder kontaminiert“ übersetzen, was wirklich furchtbar klingt. „Kontaminiertes“ und „nicht kontaminiertes“ Glück bringt uns zurück zu Hiroshima. Es geht aber um „befleckt“ oder „unbefleckt“. Es ist befleckt mit Verwirrung oder unbefleckt von Verwirrung. Sind wir tatsächlich frei von Verwirrung und dem Greifen nach unmöglichen Existenzweisen, erfahren wir eine enorme Erleichterung. Es ist wie das Glücksgefühl, das man hat, wenn man sich die Schuhe auszieht, um einmal ein simples Beispiel anzuführen. Es gibt also diese Art des Glücks.

Wir könnten jedem wünschen, all diese Arten des Glücks zu besitzen, aber dies zu tun, scheint mir, wie bereits erwähnt, als würden wir die Grenzen zu den anderen Geisteshaltungen übertreten, die wir später in der siebenteiligen Reihenfolge und auch in der Reihenfolge der vier Unermesslichen entwickeln.

Wir haben also Liebe und richten sie auf alle Wesen. In diesem Rahmen aller Wesen fokussieren wir uns auf einzelne Individuen, beginnen dabei mit uns selbst und gehen dann schrittweise auf Freunde und so weiter über. Auf diese Weise füllen wir die Meditation aus. Das ist es, worauf Seine Heiligkeit meiner Meinung nach hingewiesen hat: Die Meditation sollte nicht auf der großen Anhaftung gegenüber einem Wesen beruhen, das wir lieben und dem wir Glück wünschen. Diese Grundlage ist nicht stabil, wenn es darauf gründen würde, sondern einseitig. 

Schritt Fünf: Mitgefühl 

Kommen wir zum Mitgefühl, dem Wunsch, andere mögen frei von Leiden und den Ursachen des Leidens sein. Hier geht es um großes Mitgefühl, was bedeutet, dass es gleichermaßen auf alle gerichtet ist. Üben wir diesen Schritt als Teil einer Abfolge der Entwicklung – hier folgt er auf den Schritt der Liebe – können wir uns vorstellen, dass das Leiden, von dem die anderen frei sein sollen, nicht nur das Leid des Leidens ist, sondern auch das Leiden der Veränderung, also das Leiden dieses unbefriedigenden weltlichen Glücks, welches nie andauert und uns keine Sicherheit bietet.

Es gibt viele verschiedene Arten des Mitgefühls. Großes Mitgefühl richtet sich auf alle Wesen, was dann auf bestimmte Wesen ausgeweitet werden kann. Laut der Darstellung des indischen Meisters Chandrakirit können wir uns darüber bewusst werden, dass die Ursachen ihrer Leiden darin bestehen, kein Verständnis von Ursache und Wirkung zu haben, was sie dann zu dem Leid des Leidens führt, sowie kein Verständnis der Leerheit zu haben, was sowohl das Leid des Leidens als auch das Leiden der Veränderung bewirkt, wobei man das alles umfassende Leiden hier ebenfalls mit ins Spiel bringen könnte.

Dann gibt es das unausgerichtete Mitgefühl. „Unausgerichtet“ heißt, dass es nicht auf ein bestimmtes Wesen gerichtet ist, welches eine solide, wahrhaft begründete Existenz besitzt. Unausgerichtetes Mitgefühl ist wie die Sonne. Mit ihm strahlen wir einfach Liebe und Mitgefühl aus. Das ist genau genommen die Weise, wie ein Buddha wirkt. Es ist der erleuchtende Einfluss eines Buddhas. Der „erleuchtende Einfluss“ bezieht sich auf den Begriff „trinlä“ (tib. ‘phrin-las), was als „Buddha-Aktivität“ übersetzt wird. Ein Buddha muss nichts tun. Der erleuchtende Einfluss strahlt einfach von ihm aus und jeder, der mit diesen Sonnenstrahlen in Berührung kommt, wird durch sie beeinflusst, wenn er dafür empfänglich ist. Unausgerichtete Liebe und unausgerichtetes Mitgefühl funktionieren auf diese Weise.

Ein anderer Ansatz zum Entwickeln von Mitgefühl, den man auch in Chandrakirtis Darstellung findet, besteht darin zu erkennen, dass alle Wesen leiden, weil sie kein Verständnis von Ursache und Wirkung, sowie von Unbeständigkeit und solchen Dingen haben. Eigentlich geht es nicht so sehr darum, dass sie es nicht verstehen, sondern dass wir Mitgefühl für sie entwickeln, indem wir an Ursache und Wirkung, sowie an die Unbeständigkeit denken. Das passt gut zu deinem Beispiel mit der Kakerlake. Zu verstehen, dass es sich um keine beständige Kakerlake handelt, sondern dass sich das geistige Kontinuum aufgrund bestimmter negativer karmischer Kraft als die Wiedergeburt einer Kakerlake manifestiert, hilft uns, Mitgefühl für die Kakerlake zu entwickeln.

In ähnlicher Weise hilft uns das Verständnis der Leerheit der Kakerlake, Mitgefühl für sie zu entwickeln. Wir sehen, dass sie nicht inhärent und von sich aus eine Kakerlake ist; es handelt sich dabei nicht um ihre wahre Identität. Vielmehr erkennen wir, dass sie in Abhängigkeit zahlreicher Faktoren entstanden ist. Tatsächlich gibt es keine Lebensform, die eine inhärente Identität hat. Es gibt nichts Inhärentes in einem geistigen Kontinuum, dass es immer menschlich, tierisch, männlich, weiblich oder zu etwas anderem macht.

Wir können also viele verschiedene Aspekte und Herangehensweisen in Bezug auf das Mitgefühl nutzen. Und zweifellos muss Mitgefühl auf Respekt basieren. Wir reden hier nicht darüber, andere zu bemitleiden, auf sie herabzuschauen und zu denken: „ich bin so viel besser“, „du Armes“ usw. Diese Arten der Geisteshaltung sind ganz offensichtlich nicht Teil unserer Entwicklung von Mitgefühl. Und sollten wir etwas davon haben, hätten wir uns damit bereits auf der mittleren Ebene der Lam-rim-Praxis auseinandergesetzt, auf der wir daran arbeiten, störende Emotionen, wie Stolz, zu überwinden.

Eine andere Sache bezüglich störender Emotionen, die mir gerade in den Sinn kommt, ist etwas, das Shantideva im „Bodhicharyavatara, dem Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ anspricht, nämlich Eifersucht. Wenn wir uns in Mitgefühl üben, sollten wir sichergehen, dass wir nicht eifersüchtig sind. Das ist eine interessante Sache, die in seiner Abhandlung zum Sich-Freuen zur Rede kommt. Sehen wir, dass ein anderer sich um die leidende Person kümmern kann, sollten wir uns freuen und nicht eifersüchtig sein, weil wir meinen, wir müssten der Retter oder der Lehrer sein.

Es passiert häufig bei Dharma-Lehrern, dass sie eifersüchtig und verärgert reagieren, wenn ihre Schüler zu einem anderen Lehrer gehen. Es kann auch Eltern passieren, die dann vielleicht denken: „Ich muss doch derjenige sein, der sich stets um die Kinder kümmert.“ Sie mögen es nicht, wenn der Ehepartner es tut. Diese Art der störenden Emotion kann ein ziemliches Hindernis beim Entwickeln von Mitgefühl sein. Es ist aber nicht so, dass ich der Retter der Welt sein muss. Das ist eine interessante Sache, die wir berücksichtigen sollten, besonders was den nächsten Schritt, den außergewöhnlichen Entschluss, betrifft. 

Schritt Sechs: Außergewöhnlicher Entschluss 

Der außergewöhnliche Entschluss bezieht sich nicht nur darauf, Verantwortung zu übernehmen, denn dies war Teil von Liebe und Mitgefühl – einen gewissen Mut zu haben und zu denken: „Ich werde etwas tun, um dir zu helfen, grobes Leid zu überwinden, ich werde etwas tun, um dir zu helfen, das Leiden der Veränderung zu überwinden“ und ähnliches. Der außergewöhnliche Entschluss besteht darin, dem anderen zu helfen, Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. Es ist also viel mehr und das macht es zu etwas ziemlich Bemerkenswertem und Außergewöhnlichem. „Außergewöhnlich“ ist die erste Silbe des tibetischen Wortes lhag-bsam, das hier benutzt wird. Es geht darum, selbst die Verantwortung zu übernehmen, alle bis hin zur Befreiung und Erleuchtung zu führen.

An diesem Punkt kann nun die Gefahr entstehen, zu meinen: „Ich bin der Retter der Welt. Ich muss derjenige sein, der tatsächlich alle rettet.“ Obwohl Shantideva in seinem Kapitel über freudige Ausdauer darüber spricht, dass einer der notwendigen Faktoren die Einstellung sein muss: „Ich werde es allein tun. Mir ist es egal, wenn niemand sonst es tut. Auch wenn alle anderen es nicht tun, ich werde es tun“ – darf es kein Ego-Trip sein. Und wenn ein anderer es ebenfalls tut, freuen wir uns darüber.

Shantideva gibt uns enorm hilfreiche Ratschläge in Bezug auf so viele verschiedene Aspekte unserer Dharma-Praxis. Dies ist ein Text, mit dem wir uns als Teil unserer täglichen Meditation wirklich vertraut machen sollten. Die tägliche Praxis vieler Leute besteht aus dem Rezitieren von Sadhanas und Mantras, sowie aus dem Visualisieren der diversen Buddha-Gestalten und Gottheiten. Diese Dinge können natürlich hilfreich sein, aber was ich in vielerlei Hinsicht weit hilfreicher finde, ist, das Lesen zu einem Teil unserer täglichen Praxis zu machen. Sind wir gegenüber uns selbst ernst und aufrichtig im Hinblick darauf, was wir wirklich brauchen, so werden wir erkennen, dass dies viel nützlicher ist. Die Tibeter würden diese Sachen natürlich auswendig lernen, aber wir können die „Siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“, die „Acht Lojong-Verse“ oder die „Schulung der Geisteshaltung in Acht Versen“, die „Schulung der Geisteshaltung in Sieben Punkten“ oder den „Bodhicharyavatara“ lesen. Wir können entweder alles oder nur einen Teil davon lesen, vielleicht ein paar Verse, dann darüber nachdenken und dies Teil unserer täglichen Praxis machen. Das wäre wunderbar und ausgesprochen nützlich. Ich persönlich finde das so viel hilfreicher, als nur Mantras vor sich hinzumurmeln. 

Fragen 

Würden Sie vorschlagen, dies während einer Meditationssitzung zu tun?

Unbedingt während einer Meditationssitzung – auch wenn es nur ein Vers ist. Das wäre wunderbar. Wir können es zwischen dem siebenteiligen Gebet und der Mandala-Opferung zu Beginn und der Widmung am Ende einschieben. Das empfehle ich auch meinen Schülern für ihre Meditation, wenn sie eine tägliche Praxis zusammenstellen.

Viele meinen, bei der Praxis ginge es lediglich um Tantra-Praxis mit Gottheiten, aber ich denke, es ist ein Fehler, die Praxis darauf zu begrenzen. Ohne diese Basis ergibt die Praxis mit Gottheiten gar keinen Sinn und man könnte sich genauso gut auch als Micky Maus oder Minnie Maus visualisieren und alle in Disneyland führen. 

Ist unausgerichtetes Mitgefühl das, was oft häufig als „objektloses“ Mitgefühl übersetzt wird?

Ja, „objektloses“ Mitgefühl ist dasselbe wie „unausgerichtetes“ Mitgefühl. Diese zwei Übersetzungen beziehen sich auf den gleichen Begriff, dessen wörtliche Bedeutung „ohne ein Objekte der Ausrichtung“ ist. Wir könnten mit Hinblick auf die Erkenntnistheorie fragen: „Kann man eine Wahrnehmung ohne ein Objekt der Ausrichtung haben?“ Wir wollen nicht auf die Meinungsunterschiede von Chittamatra und Madhyamaka eingehen, aber es geht darum, dass ein Objekt der Ausrichtung eine unmögliche Existenzweise, eine so genannte wahrhaft begründete Existenz, hat.

Aus diesem Grund füge ich dem gern das Wort „begründet“ hinzu. Es ist ziemlich verwirrend, den Begriff „wahre Existenz“ zu benutzen und dann klarstellen zu müssen, dass wahre Existenz im Grunde falsche Existenz ist – dass es dies überhaupt nicht gibt. Wahrhaft begründete Existenz ist hingegen etwas, das wahrhaft begründet ist.

Sind wir mit diesem außergewöhnlichen Entschluss nicht etwas paternalistisch oder anmaßend? Wir sagen: „Ich weiß, was gut oder am besten für dich ist, und so werde ich dir helfen, dies zu erreichen. Ich werde ich dies geben.“

Hier kommt ein wunderbarer Punkt, der eigentlich eine schöne Überleitung zum nächsten Schritt der Meditation ist.

Wegen unserem begrenzten Verständnis gehen wir vom außergewöhnlichen Entschluss zu Bodhichitta. Wir erkennen, dass die einzige Möglichkeit, wirklich zu verstehen, was das Beste für alle ist, darin besteht, allwissende Buddhas zu werden. Ansonsten sind all unsere Bemühungen nur Vermutungen. Aber warum? Weil wir nicht die gesamte Vergangenheit und all die Ursachen der spezifischen Probleme kennen, die jemand hat. Wir sehen die Gegenwart nicht auf vollständige Weise und sind nicht in der Lage, alle Ursachen zu erkennen, die zu den Schwierigkeiten geführt haben. Auch sind wir uns nicht bewusst darüber, was die Auswirkungen dessen, was wir jemandem vorschlagen, sein werden, weder was die Person selbst betrifft, noch alle anderen, mit der die Person danach zu tun haben wird. Daher ist es notwendig, allwissende Buddhas zu werden. Allerdings bedeutet dies nicht, dass wir damit warten müssen anderen zu helfen, bis wir Buddhas geworden sind. Wir geben unser Bestes – und das ist alles, was wir tun können – ohne so zu tun, als wären wir allwissend.

Ich muss sagen, dass dies ein äußerst schwieriges Problem ist. Betrachten wir es am Beispiel eines Arztes. Sagt ein Arzt zu einem Patienten: „Nun, ich bin mir nicht so ganz sicher, was Ihnen fehlt und weiß nicht genau, ob diese Medizin helfen wird oder nicht, aber warum versuchen sie es nicht einfach damit?“ – ist dies für einen Kranken keine große Hilfe. Ein wichtiger Faktor, was die Effektivität eines Arztes in Bezug auf seine oder ihre Fähigkeiten betrifft, besteht darin, Vertrauen in den Patienten zu wecken. So funktioniert auch ein Placebo: es beruht auf dem Vertrauen, dass etwas wirksam sein wird. Der Geist und die Geisteshaltung haben einen riesigen Anteil am Heilungsprozess.

Versuchen wir anderen zu helfen – nicht als Arzt, sondern ganz allgemein –, stellt sich die Frage, welche Methode wir anwenden sollten. Das ist keine leichte Sache. Zu sagen: „Nun, ich bin mir nicht ganz sicher, aber warum versuchst du nicht dieses?“ ist wahrscheinlich nicht gerade hilfreich. Unsere Herangehensweise hängt glaube ich von der Person ab, mit der wir es zu tun haben. Ein Kind oder ein Jugendlicher benötigt ein gewisses Vertrauen, dass die Eltern oder Lehrer wissen, wovon sie reden – je nachdem, wer die ältere Person ist. Hier glaube ich nicht, dass es hilfreich wäre, Unsicherheit zu zeigen. Ist die Person ein Ebenbürtiger oder Älterer, müssen wir vielleicht etwas anders vorgehen. Anstatt zu sagen: „Ich weiß es nicht, aber warum versuchst du nicht dies“, könnten wir sagen: „Ich würde Folgendes vorschlagen. Vielleicht wird es hilfreich sein, aber ich kann nichts garantieren.“ Es ist also relativ. Gegenüber einem Kind wäre das nicht die passende Antwort, aber einer älteren Person würden wir es so sagen. 

Wäre die korrekte Motivation, hilfreich zu sein, nicht eine gute Richtlinie, in einer Situation, in der wir nicht wirklich wissen, was das Beste ist?

Das erinnert mich an den Spruch: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Ich denke, hier muss man darauf achten, keine falschen oder verzerrten Ansichten zu haben. Ich bin mir sicher, dass die Motivationen derjenigen, welche den Einmarsch in Irak und Afghanistan befehligten, darin bestand, den Menschen dort zu helfen und dass sie ernsthaft glaubten, sie würden damit anderen von Nutzen sein. Und auch was die Missionare betrifft, so geschieht der Eingriff, den sie vornehmen, mit guter Absicht und einer guten Motivation.

Wie wissen wir, dass unser Handeln aus buddhistischer Sichtweise und unser Folgen der Richtlinien des Buddhas mit der Motivation, anderen zu nützen, uns dazu befähigen wird, anderen tatsächlich zu helfen? Wie wissen wir denn, dass die Richtlinien, denen wir mit guter Motivation folgen, nicht Teil eines skrupellosen Planes sind und uns nicht wirklich helfen werden, anderen von Nutzen zu sein? Dafür ist es notwendig, die Lehren Buddhas zu untersuchen und zu versuchen, unsere Ratschläge auf umfangreichen Erfahrungen und großer Kenntnis der Lehren aufzubauen. Eine gute Motivation ist also ausgesprochen wichtig, wenn es darum geht zu entscheiden, welchen Rat wir anderen am besten geben sollten, aber eine korrekte Sichtweise und ausreichende Informationen sind ebenfalls von großer Bedeutung.

Das führt uns zu dem Thema, was wir als Buddhas tun können, aber vielleicht lassen wir das für den Nachmittag. Ausschlaggebend ist hier jedoch, sich bewusst darüber zu sein, dass wir nicht Gott sind. Ein Buddha zu sein heißt nicht, ein allmächtiger Gott zu sein. Sogar ein Buddha kann nicht einfach mit seinen oder ihren Fingern schnipsen und so alle Probleme lösen. Damit kommen wir zum Verständnis über Ursache und Wirkung, sowie die Leerheit von Ursache und Wirkung. Um in der Lage zu sein, anderen auf klar denkende Weise helfen zu können, müssen wir die Leerheit von Ursache und Wirkung verstehen. Über all das werden wir jedoch am Nachmittag reden, wenn es um Bodhichitta selbst geht.

Lasst uns mit einer Widmung enden: „Mögen alle positive Kraft und alles Verständnis, die hieraus entstanden sind, sich immer weiter vertiefen und als Ursache dafür dienen, dass alle zum Wohle aller Wesen Erleuchtung erlangen.“ Das Wichtige ist hier, dass es nicht nur um mich geht, sondern um alle: Wir alle wollen Erleuchtung erlangen.

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