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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die zwei Wahrheiten gemäß dem Vaibhashika- und Sautrantika-System

Alexander Berzin
März 2001, überarbeitet im September 2002 und im Juli 2006
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Ursprung der Lehrsysteme

Im indischen Buddhismus, der nach Tibet überliefert wurde, gab es vier große Schulen philosophischer Lehrinhalte (grub-mtha’). Der Tradition zufolge gehen sie alle auf Buddha zurück. Verschiedene indische Meister verfassten die großen Abhandlungen, die die Ansichten der vier Lehrsysteme darlegen.

Zwei der Lehrsysteme – das Vaibhashika- (bye-brag smra-ba) und das Sautrantika-System (mdo-sde-pa) – gehören zum Hinayana (theg-dman), die beiden anderen – das Chittamatra- (sems-tsam-pa) und das Madhyamaka-System (dbu-ma-pa) – gehören zum Mahayana (theg-chen). Jedes von ihnen ist in mehrere Untergruppen unterteilt. Hier wollen wir lediglich die vier Lehrsysteme im Allgemeinen besprechen.

Innerhalb der 18 Hinayana-Schulen gehören das Vaibhashika- und das Sautrantika-System zum Sarvastivada (thams-cad yod-par smra-ba), einer Sanskrit-Tradition, die sich von der Pali-Tradition des Theravada (gnas-brtan smra-ba) unterscheidet. Die tibetische Überlieferungslinie der Mönchsgelübde stammt aus einer anderen Unterschule, dem Mula-Sarvastivada (gzhi thams-cad yod-par smra-ba).

Es ist unklar, welche der vier Schulen in Indien tatsächlich als getrennte Traditionen unter diesen Namen existierten. Bei einigen war es möglicherweise der Fall, und sie wurden dann in separaten Klöstern studiert, wo ihre wichtigsten Autoren lebten und lehrten. Die Tatsache, dass die Chinesen getrennte auf dem Chittamatra- und dem Madhyamaka-System basierende Traditionen gründeten, lässt das vermuten. In späterer Zeit wurden an indischen Klosteruniversitäten wie z.B. Nalanda vermutlich alle vier Lehrsysteme studiert, so, wie es auch in Tibet üblich geworden ist.

Verschiedene tibetische Meister schrieben dann Kommentare zu den großen indischen Texten, und dementsprechend legen die verschiedenen tibetischen Überlieferungslinien die Lehrsysteme (grub-mtha’) der vier Schulen unterschiedlich aus. Sogar innerhalb einer einzigen tibetischen Überlieferungslinie haben mehrere verschiedene Autoren die Lehrsysteme unterschiedlich erklärt. Hier werden wir die Version der Gelug-Tradition darstellen, wobei wir uns innerhalb der Gelug-Tradition hauptsächlich an die Erklärungen halten werden, die der Lehrbuchtradition (yig-cha) von Jetsun Chökyi-Gyeltsen (rJe-btsun Chos-kyi rgyal-mtshan) entsprechen, der man in den Klöstern Sera Je (Se-ra Byes) und Ganden Jangtse (dGa’-ldan Byang-rtse) folgt. Gelegentlich werden wir auf einige davon abweichende Ansichten hinweisen, die sich in der Lehrbuchtradition (yig-cha) von Panchen Sonam-Dragpa (Pan-chen bSod-nams grags-pa) finden, der man in den Klöstern Drepung Loseling (‘ Bras-dpungs Blo-gsal gling) und Ganden Shartse (dGa’-ldan Shar-rtse) folgt.

Gelegentlich werden wir auch einige der Hauptunterschiede erwähnen, die sich in den tibetischen Überlieferungslinien finden, welche nicht der Gelug-Tradition entsprechen. Um diese Überlieferungslinien zu repräsentieren, werden wir uns hauptsächlich auf die Erklärungen des Sakya-Meisters Gorampa (Go-ram bSod-nams seng-ge) stützen.

Das Studium der beiden Wahrheiten

Alle Hinayana- und Mahayana-Lehrsysteme akzeptieren zwei Wahrheiten“ (bden-pa gnyis). Unabhängig davon, wie diese von den Lehrsystemen definiert und beschrieben werden, bilden die beiden Wahrheiten immer eine Dichotomie (dngos-‘gal). Das heißt, alle erkennbaren Phänomene müssen entweder zu der einen oder zu der anderen Gruppe wahrer Phänomene gehören, und es kann kein erkennbares Phänomen geben, das zu beiden Gruppen oder zu keiner beiden Gruppen gehört. Das bedeutet also, dass das Verständnis der beiden Wahrheiten das Verständnis aller erkennbaren Phänomene umfassst.

Nur die Mahayana-Schulen vertreten die Existenz von kognitiven Schleiern (shes-sgrib), welche die Allwissenheit (kun-mkhyen) verhindern. „Allwissenheit” bedeutet die gleichzeitige Wahrnehmung aller erkennbaren Phänomene. Die gleichzeitige Wahrnehmung aller erkennbaren Phänomene erfordert ihrerseits ein vollständiges und fehlerfreies Verstehen aller erkennbaren Phänomene – mit anderen Worten, das vollständige und fehlerfreie gleichzeitige Verstehen der beiden Wahrheiten. Damit wir uns von den kognitiven Schleiern befreien und Erleuchtung verwirklichen können, brauchen wir also ein vollständiges und fehlerfreies Verständnis davon, welche Phänomene zu welcher der beiden Wahrheiten gehören und wie diese Phänomene existieren bzw. nicht existieren.

Eine der Methoden, die die verschiedenen Traditionen des tibetische Buddhismus verwenden, um zu diesem Verständnis zu gelangen, besteht darin, die Erklärungen, die alle vier Lehrsysteme über die beiden Wahrheiten geben, auf umfassende Weise zu studieren. Der Grund dafür ist, dass die tibetische Tradition diese Erklärungen als eine schrittweise Abfolge zunehmend differenzierterer Darstellungen betrachtet. Wenn man die Anschauungen der weniger differenzierten Lehrsysteme versteht, dann bildet dies die Grundlage dafür, dass man die komplexeren versteht. Indem die Mahayana-Praktizierenden alle vier Lehrsysteme studieren, arbeiten sie sich damit schrittweise voran bis zum tiefsten Verstehen der beiden Wahrheiten, um sich auf diese Weise von ihren kognitiven Schleiern zu befreien und schließlich den allwissenden Zustand eines Buddhas erreichen zu können.

Mein Lehrer, Tsenzhab Serkong Rinpoche, warnte uns: Die Tatsache, dass die differenzierteren Lehrsysteme die weniger differenzierten widerlegen, sollte uns nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass letztere sinnlos oder nutzlos wären. Der Tradition zufolge hat Buddha all diese Systeme gelehrt, wobei er jedes von ihnen nicht nur auf eine bestimmte Zuhörerschaft abstimmte, sondern auch auf eine spezielle Ebene der Entwicklung bestimmter Übender. Bedeutender spiritueller Fortschritt erfolgt dann, wenn man schrittweise das unterscheidende Gewahrsein (shes-rab, Weisheit) aller Phänomene im Sinne jedes dieser Systems erlangt – so, wie man während des Stufenweges (lam rim) auch über drei Ebenen der Motivation voranschreitet.

Die buddhistische Einteilung der Phänomene

Um die beiden Wahrheiten zu verstehen, müssen wir verstehen, wie im Buddhismus die Phänomene unterteilt sind.

Alles kann erkannt werden. Existierende Phänomene (yod-pa) können durch gültige Wahrnehmung (tshad-ma) erkannt werden. Durch ungültige, verzerrte Wahrnehmung (log-shes) können nicht existierende Phänomene (med-pa) erkannt werden, wie z.B. Halluzinationen, Schildkrötenhaare und unmögliche Existenzweisen. Wenn diese wahrgenommen werden, sind es nicht die nicht existierenden Phänomene selbst, die der verkehrten Wahrnehmung erscheinen, da sie ja nicht wirklich existieren. Im Sautrantika- und in den Mahayana-Systemen wird erklärt, dass das Bewusstsein, das sie wahrnimmt, lediglich einen geistigen Aspekt (rnam-pa) annimmt, der sie repräsentiert – so etwas wie ein geistiges Hologramm.

Existierende Phänomene werden unterteilt in:

  • nichtstatische (unbeständige) Phänomene (mi-rtag-pa)
  • statische (beständige) Phänomene ( rtag-pa),

Sowohl nichtstatische als auch statische Phänomene können ein Anfang und ein Ende haben, oder auch keinen Anfang und kein Ende, oder auch einen Anfang, aber kein Ende, oder keinen Anfang, aber ein Ende haben. Die Unterscheidung zwischen statischen und nichtstatischen Phänomenen hat also nichts damit zu tun, wie lange ein Phänomen besteht. Die Unterscheidung beruht vielmehr darauf, ob sich etwas während seines Bestehens von Moment zu Moment verändert oder nicht. Nichtstatische Phänomene entstehen aus Ursachen und Bedingungen, werden von anderen Phänomenen beeinflusst, verändern sich von Moment zu Moment und erzeugen Wirkungen. Statische Phänomene entstehen nicht aus Ursachen und Bedingungen, werden nicht von anderen Phänomenen beeinflusst, verändern sich nicht von Augenblick zu Augenblick und erzeugen keine Wirkungen.

[Siehe: Statische und nichtstatische Phänomene.]

Nichtstatische Phänomene werden unterteilt in:

  • die Arten physischer Phänomene (gzugs),
  • die Arten, wie man sich etwas gewahr ist ( shes-pa),

· nicht [mit den beiden vorgenannten Kategorien] kongruente Einflussvariablen (ldan-min ‘du-byed, nicht [den obigen Kategorien] zugeordnete gestaltende Faktoren). Diese werden allgemein als nichtstatische Phänomene definiert, die weder Arten physischer Phänomene sind, noch Arten, wie man sich etwas gewahr ist – zum Beispiel Erwerbungen (thob-pa), Entstehung (skye-ba), Altern (rga-ba) und Zerfall (‘ jig-pa). Die nicht kongruenten Einflussvariablen weisen nicht die fünf Übereinstimmungen (mtshungs-ldan lnga) mit dem Primärbewusstsein (rnam-shes) und den begleitenden Nebengewahrseinsarten (sems-byung, Geistesfaktoren) auf [die letzteren beiden gemeinsam sind].

Im Vaibhashika -System sind nur 14 nicht kongruente Einflussvariablen erwähnt, doch es fallen auch noch andere nichtstatische Phänomene in diese Kategorie, wie etwa

  • Zeit,
  • Anordnung,
  • Zahl,
  • Bewegung,
  • Nicht-Statisch-Sein,
  • karmische Tendenzen ( sa-bon, Samen),
  • Gewohnheiten ( bag-chags),
  • Personen ( gang-zag).

[Siehe: Kongruente und nicht-kongruente Einflussvariablen.]

Statische Phänomene umfassen

  • Raum (nam-mkha’),
  • analytische Beendigungen (so-sor brtags-pa’i ‘gog-pa),
  • nicht-analytische Beendigungen (so-sor brtags-pa min-pa’i ‘ gog-pa).

Im Vaibhashika-System werden nur die drei oben genannten statischen Phänomene erwähnt, aber in den anderen Lehrsystemen wird auch Folgendes als statisch akzeptiert:

  • Die Abwesenheit einer Seele, wie sie unmöglich existieren kann (bdag-med, Selbstlosigkeit, Identitätslosigkeit),
  • Leerheiten (tib. stong-nyid, Skt. shunyata, Leere),
  • Negationen, die nichts anderes implizieren ( med-dgag, nicht-bestätigende Negationen, absolute Negierungen),
  • Hörkategorien (tib. sgra-spyi, Klang-Allgemeines),
  • Bedeutungs-/Objekt-Kategorien (tib. don-spyi, Bedeutungs-/Objekt-Allgemeines).

Raum ist die Abwesenheit von behinderndem Kontakt, mit anderen Worten: die Abwesenheit eines jeglichen materiellen Objekts an einem Ort, das irgendetwas daran hindern würde, die dortigen drei Dimensionen einzunehmen. Es handelt sich um eine statische Tatsache bezüglich eines materiellen Objektes, die die Voraussetzung für dessen Existenz in den drei Dimensionen ist, ohne dass diese Tatsache jedoch Ursache dafür ist, dass es die drei Dimensionen einnimmt. Raum ist auch eine statische Tatsache in Bezug auf Zwischenräume (bar-snang) – offene Bereiche zwischen zwei materiellen Objekten, wie etwa zwischen den beiden Seiten einer Türöffnung. Der Raum, der einem solchen Bereich zugeschrieben werden kann, ist Voraussetzung dafür, dass ein materielles Objekt sich entweder in diesem Bereich befinden oder diesen Bereich durchqueren kann. Es ist nicht so, dass der Raum als Ursache die Wirkung hervorbringt, dass sich das Objekt irgendwo befindet oder irgendwohin bewegt. „Raum“ bezieht sich also nicht auf den Raum, den ein Objekt einnimmt, oder auf den Raum innerhalb eines Objektes oder um ein Objekt herum oder auf den offenen Raum zwischen einem Objekt und etwas anderem.

Eine analytische Beendigung ist eine wahre Beendigung (‘ gog-bden) eines Teils der emotionalen Schleier (nyon-sgrib) oder der kognitiven Schleier, so dass dieser Teil nie wieder auftreten wird. Sie ist ein statisches, anhaltendes Scheiden (bral-ba) von diesem Bestandteil der Schleier und wird durch analytisches Erkennen der vier Edlen Wahrheiten verwirklicht.

Eine nichtanalytische Beendigung ist das statische, anhaltende Scheiden vom Auftreten eines bestimmten Ergebnisses aus einer bestimmten Ursache, sobald das Ergebnis sich aus einer anderen Ursache ergeben hat. Ein Beispiel dafür ist die nichtanalytische Beendigung von „Heute mit dem Auto zur Arbeit Kommen“, wenn Sie heute mit dem Bus zur Arbeit gekommen sind. Wenn Sie heute nun einmal per Bus gekommen sind, wird sich Ihr heutiges Ankommen per Auto nie ergeben. Diese Tatsache – dass es nie geschehen wird – wird sich nie verändern und kann durch nichts beeinflusst werden.

Eine Leerheit ist eine statische Tatsache bezüglich irgendeines Phänomens. Es ist die statische Tatsache der völligen Abwesenheit einer unmöglichen Existenzweise in einem Phänomen. Obwohl der Ausdruck „Leerheit“ vor allem in den Mahayana-Systemen auftaucht, können wir den Begriff im weiteren Sinne benutzen, um die Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele in Personen (gang-zag-gi bdag-med, Selbstlosigkeit/Identitätslosigkeit der Person) oder Phänomenen (chos-kyi bdag-med, Selbstlosigkeit/Identitätslosigkeit der Phänomenen) zu bezeichnen. Jedes Lehrsystem spezifiziert im Kontext seiner eigenen Definitionen die Arten von Existenz und von „Seelen“, die unmöglich existieren können.

  • Nur die Lehrsysteme des Mahayanas vertreten die Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele der Phänomene.
  • Das Vaibhashika-System führt zwar nur drei statische Phänomene auf, aber es müsste auch akzeptieren, dass die Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele der Person ein statisches Phänomen ist. Als solches müsste diese Abwesenheit mit in die Kategorie der analytischen Beendigungen eingeschlossen werden, obwohl sie nicht als dasselbe angesehen wird wie eine analytische Beendigung.
  • Eine wichtiger Unterschied, der zu beachten ist, besteht darin, dass Raum die Abwesenheit von etwas ist, das existiert, während Leerheit und Abwesenheit einer unmöglichen Seele die Abwesenheit von etwas sind, das nicht existiert, nie existiert hat und nie existieren wird.

Eine nichtimplizierende Negation ist ein Phänomen, mit dem, nachdem der Klang der negierenden Wörter das zu negierende Objekt (dgag-bya) eliminiert hat, keine bestätigten Phänomene (sgrub-pa) hinterlassen oder impliziert werden.

  • Mit Ausnahme des Vaibhashika-Systems vertreten alle Lehrsysteme den Standpunkt, dass sowohl Raum als auch Leerheiten und die Abwesenheit von unmöglich existierenden Seelen nicht-implizierende negierende Phänomene sind. Das Vaibhashika-System akzeptiert die Existenz solcher Negationen nicht. Gemäß dem Vaibhashika-System sind Raum und die Abwesenheit unmöglich existierender Seelen negierende Phänome, die zugleich etwas implizieren (ma-yin dgag, bestätigende Negationen). Ein implizierendes negierendes Phänomen ist eines, mit dem, nachdem der Klang der negierenden Wörter das zu negierende Objekt eliminiert hat, sowohl etwas Bestätigtes als auch etwas Negiertes hinterlassen oder impliziert wird.

[Siehe: Bestätigungen, Negierungen, fassbare und nicht fassbare letztendliche Phänomene.]

Eine begriffliche Kategorie (spyi) ist etwas Allgemeines, das einer Gruppe individueller Gegenstände zugeschrieben wird, welche eine gemeinsame Eigenschaft haben, sodass alle Gegenstände der Gruppe so verstanden werden können, dass sie zum selben allgemeinen Typ von Gegenstand gehören.

  • Die individuellen Dinge, die zu einer Hörkategorie gehören, sind die Töne eines Wortes, die mit einer beliebigen Stimme, Lautstärke und beliebigem Akzent ausgesprochen werden, aber nicht notwendigerweise irgendeine Bedeutung haben, die darunter verstanden wird. Wenn jemand „Tisch“ sagt, dann spricht diese Person ganz gleich, ob sie die Bedeutung dieses akustischen Musters versteht oder nicht Laute aus, die in die Hörkategorie des Wortes „Tisch“ passen.
  • Die individuellen Dinge, die zu einer Kategorie der Bedeutung/des Objekts gehören, sind die Dinge, die mit den Tönen eines Wortes gemeint sind bzw. das, was sie bedeuten. Alle individuellen Objekte mit einer flachen Oberfläche, die von Beinen gestützt wird, passen in die Bedeutungs-/Objektkategorie „Tisch“.

Kategorien werden im Rahmen von Wörtern, Definitionen und Begriffen formuliert, doch sie werden nicht durch Worte usw. geschaffen. Sie entstehen nicht aus einem Wort oder einer Definition wie eine Pflanze, die mit Hilfe von Wasser aus einem Samen entsteht. Außerdem verändern sich Kategorien nicht von Moment zu Moment. Eine neue Kategorie wie z.B. die Hörkategorie und die Bedeutungs-/Objektkategorie „Computer“ kann einen Beginn haben. Doch selbst wenn neue individuelle Gegenstände (neue Modelle) entwickelt und gebaut werden, können diese weiterhin in die Kategorie „ Computer“ mit eingeschlossen werden, solange sie die jeweiligen definierenden charakteristischen Zeichen aufweisen, die gemäß konventioneller Übereinkunft als das gelten, was einen „Computer“ ausmacht. Die Kategorie „Computer“ selbst verändert sich nicht und tut überhaupt nichts.

  • Das Vaibhashika-System akzeptiert nicht, dass Hörkategorien und Bedeutungs /Objektkategorien statische Phänomene sind. Gemäß der Sicht des Vaibhashika-Systems handelt es sich dabei um nichtstatische Phänomene, genauer gesagt, nicht [mit Form oder Bewusstsein] kongruente Einflussvariablen.

Die allgemeine Bedeutung der zwei Wahrheiten

Die zwei Wahrheiten (zwei wahre Phänomene) sind die oberflächliche Wahrheit (tib. kun-rdzob bden-pa, Skt. samvrtisatya, relative, konventionelle Wahrheit) und die tiefste Wahrheit (tib. don-dam bden-pa, Skt. paramarthasatya, letztendliche Wahrheit).

Gemäß den Aussagen des indischen Meisters Chandrakirti, in seinem Werk Klare Worte (tib. Tshig-gsal, Skt. Prasannapada) hat der Ausruck, der hier als „oberflächlich” (tib. kun-rdzob, Skt. samvrti) übersetzt wird, drei Bedeutungen:

etwas, das verhindert, dass man [die Dinge] entsprechend der Natur der Realität (de-bzhin-nyid, Soheit) sieht – d.h. was verhindert, dass man die Realität der vier edlen Wahrheiten erkennt,

etwas, das von etwas anderem abhängig ist (gzhan-la ltos-pa),

etwas, das eine weltliche Konvention ist (tha-snyed-pa).

Im Vaibhashika-System wird „oberflächlich“ im zweiten Sinne verwendet, bezogen auf die Dinge, die von Teilen oder von einer Grundlage der Zuschreibung (gdags-gzhi) abhängig sind. Wenn sie eingehender analysiert werden, stellt sich heraus. dass es ihnen an einer Selbstnatur fehlt, durch die sie aus sich selbst heraus bestehen könnten (rang-la tshugs-thub-kyi rang-bzhin med-pa).

Das Sautrantika-System tendiert dazu „oberflächlich“ im dritten Sinne zu gebrauchen, d.h. vor allem bezogen auf weltliche Konventionen, die man objektiven Entitäten zuschreiben kann.

Die Mahayana-Systeme verwenden „oberflächlich“ im ersten Sinne: Es bezieht sich auf eine Wahrheit über bestimmte Phänomene, die zugleich einen tieferen Aspekt dieses Phänomens entweder teilweise oder ganz verschleiert. Die tiefste Wahrheit über ein Phänomen ist etwas, das durch die obige Wahrheit teilweise oder vollkommen verborgen wird. Im Allgemeinen ist die oberflächliche Wahrheit über etwas dessen Erscheinung – das, was es zu sein scheint. Seine tiefste Wahrheit ist, wie es tatsächlich existiert.

In gewisser Weise könnte man sagen, dass oberflächlich wahre Phänomene auch gemäß der zweiten und dritten Bedeutung die zutiefst wahren Phänomene verschleiern. Alles, was von Teilen abhängig ist, verbirgt oder verschleiert die letztendlich kleinsten Bestandteile, von denen es abhängt, und weltliche Konventionen verschleiern die objektiven Entitäten, die durch sie erkannt werden.

Keines dieser Lehrsysteme behauptet jedoch, dass eine der beiden Wahrheiten die absolute oder tatsächliche Wahrheit ist, wahrer als die andere. Vielmehr ist jede für die gültige Wahrnehmung (tshad-ma) wahr, die sie als eines ihrer kognitiven Objekte erfasst. Mit anderen Worten: Im Buddhismus werden nicht zwei Wahrheiten dargestellt, wie es in extremen transzendenten Religionen oder Philosophien der Fall ist, welche die beiden als völlig getrennt voneinander betrachten. Er hat nichts mit philosophischen Grundsätzen gemein, die nahelegen, dass man diese Welt verwerfen und nur die jenseitige Welt ernst nehmen soll. Er behauptet auch nicht, dass es Ebenen der Realität gäbe, die unabhängig voneinander existieren, wie es etwa der Fall ist, wenn ein transzendenter Gott schon vor dem Universum existiert und dann das Universum erschafft. Im Buddhismus sind die beiden Wahrheiten interdependent.

Die Anordnung der Darstellungen des Hinayana und Mahayana zu einem Stufensystem

Der Hauptunterschied zwischen den Darstellungen der beiden Wahrheiten im Hinayana und im Mahayana betrifft die Frage, ob die beiden Wahrheiten dieselbe essentielle Natur haben oder nicht. Die essentielle Natur (ngo-bo) ist die wesentliche Art eines Phänomen, z.B. dass es ein visueller Anblick, ein Ton oder eine Art von Gewahrsein ist.

  • Gemäß den Hinayana-Systemen – Vaibhashika und Sautrantika – sind die beiden Wahrheiten zwei Gruppen wahrer Phänomene, die, technisch ausgedrückt, von verschiedener essentieller Natur (ngo-bo tha-dad) sind. Es handelt sich um zwei Dinge von verschiedener Wesensart.
  • Gemäß den Mahayana-Systemen – Chittamatra und Madhyamaka – haben die beiden Wahrheiten dieselbe essentielle Natur ( ngo-bo gcig). Es handelt sich um zwei wahre Tatsachen in Bezug auf denselben Aspekt eines bestimmten Phänomens, etwa in Bezug auf den Anblick von etwas oder den Klang von etwas.

Trotz dieses grundlegenden Unterschieds können wir einen einleitenden Überblick über die beiden Wahrheiten gewinnen, der sowohl die Systeme des Hinayanas als auch des Mahayanas umfasst, indem wir die Hinayana-Darstellung in den Begriffen der Mahayana-Formulierung betrachten. Um dies zu tun, wollen wir nicht alle Aspekte der Darstellung der beiden Wahrheiten in jedem System betrachten, sondern einfach untersuchen, wie die jeweilige Darstellung die Wahrnehmung eines Gegenstands beschreibt – beispielsweise ein physisches Phänomene, etwa eine Hand.

Im Allgemeinen gilt:

  • in den Hinayana-Systemem Folgendes: Wenn wir eine Hand mit einem Geist betrachten, der für die Wahrnehmung von oberflächlich wahren Phänomenen gültig ist, dann nehmen wir eine bestimmte Art von Phänomen wahr. Wenn wir sie hingegen mit einem Geist betrachten, der für die Wahrnehmung von zutiefst wahren Phänomenen gültig ist, dann nehmen wir eine andere Art von Phänomen war. Kurz: Gemäß dem Vaibhashika-System nehmen wir in dem einen Fall die materielle Hand wahr, im anderen Fall die kleinsten Partikel, aus denen sie besteht; gemäß dem Sautrantika-System nehmen wir im einen Fall die Kategorie „Hand“ wahr, im anderen die materielle Hand. Laut Vaibhashika verschleiert die materielle Hand die Partikel; laut Sautrantika verschleiert die Kategorie die materielle Hand.
  • in den Mahayana-Systemen: Wenn wir eine Hand mit einem Geist betrachten, der für die Wahrnehmung von oberflächlich wahren Phänomenen gültig ist, dann nehmen wir wahr, was ein Objekt zu sein scheint und wie es zu existieren scheint. Wenn wir eine Hand mit einem Geist betrachten, der für die Wahrnehmung der tiefsten Wahrheit gültig ist, dann nehmen wir wahr, wie ein Objekt tatsächlich existiert. Kurz: Laut Chittamatra- und Madhyamaka-System nehmen wir in dem einen Fall eine Hand, im anderen ihre Leerheit von einer unmöglichen Existenzweise wahr.

Das, was etwas zu sein scheint – der Anblick einer Hand – kann entweder korrekt (tshul-bcas) oder inkorekt (tshul-min) sein, je nachdem, ob es durch weitere gültige Wahrnehmungen dessen, was die Dinge konventionell sind, bestätigt werden kann oder nicht. Ähnlich gilt: Wie etwas zu existieren scheint, kann entweder rein (dag-pa) oder unrein (ma-dag-pa) sein, je nach dem, ob die Art, wie etwas zu existieren scheint, der Art entspricht, wie es wirklich existiert.

  • Viele der Systeme, die nicht der Gelug-Tradition angehören, zählen nur unreine Erscheinungen zu den oberflächlichen Wahrheiten. Aufgrund ihres Standpunktes, dass Leerheit und Erscheinung untrennbar sind, zählen sie die reinen Erscheinungen zu den tiefsten Wahrheiten.

Unreine oberflächliche Wahrheiten scheinen auf eine Art und Weise zu existieren, die es unmöglich geben kann. Die tatsächliche Art und Weise, wie die oberflächlichen Wahrheiten existieren, ist leer von diesen unmöglichen, scheinbaren Existenzweisen. Das Chittamatra- und Madhyamaka-System unterscheiden sich in Bezug darauf, was diese unmöglichen Arten und Weisen sind:

  • Das Chittamatra-System behauptet, dass es zwei unreine Erscheinungen der Hand gibt: (1) die dualistische Erscheinung (gnyis-snang), dass die Hand und die gültige Wahrnehmung der Hand aus unterschiedlichen Ursprungsquellen (rdzas) stammen, mit anderen Worten: die Erscheinung, dass die Hand als äußeres Objekt (phyi-don) existiert; und (2) die Erscheinung, dass die Existenz der Hand als „Hand“ durch ihr eigenes, sie definierendes, charakteristisches Merkmal erwiesen ist, das auf Seiten der Hand zu finden ist, und das als die Grundlage dient, der man den Klang des Wortes „Hand“ zuordnet.
  • Das Svatantrika-Madhyamaka-System behauptet: Die unreine Erscheinung der Hand besteht darin, dass sie als ein kognitives Objekt erscheint, welches von der Seite der Hand her durch ihre eigene, besondere Bestehensweise erwiesen ist, ohne dass es auch durch die Kraft von etwas festgelegt wird, das durch den Geist hinzugefügt wird.
  • Das Prasangika-Madhyamaka-System behauptet: Die unreine Erscheinung der Hand besteht darin, dass sie so erscheint, als sei ihre Existenz als kognitives Objekt dadurch erwiesen, dass man, wenn man nach dem „Ding“ ( btags-don) sucht, auf das man sich mit dem entsprechenden Namen und Begriff „Hand“ bezieht, dieses Bezugs-Ding auf Seiten der Hand auffindbar ist.

Die Darstellungder beiden wahren Phänomene im Vaibhashika-System

Im Vaibhashika-System gilt:

  • Oberflächlich wahre Phänomene sind Dinge, deren konventionelle Identität (tha-snyad-du yod-pa’i bdag) wir nicht mehr wahrnehmen können, wenn wir sie mit physischen Mitteln zerlegen oder durch genaue geistige Überprüfung analysieren.
  • Zutiefst wahre Phänomene sind solche, deren konventionelle Identität wir auch dann weiterhin wahrnehmen können, wenn wir sie zerlegen oder analysieren.

Es gibt drei Varianten von oberflächlich wahren Phänomenen:

  • Formen physischer Phänomene die von räumlichen und zeitlichen Teilen abhängig sind, wie z.B. eine Hand oder der Ton von jemandem, der spricht. Wenn wir eine Hand zerlegen und die Muskeln, Venen, Nerven und Knochen betrachten, oder wenn wir ohne sie physisch zu zerlegen an die einzelnen Atome der Hand denken, nehmen wir die Identität der Hand nicht mehr wahr. Wenn wir den Ton der Sprache von jemandem in die Vokale und Konsonanten zerlegen, aus denen er besteht, oder wenn wir auf jeden dieser Bestandteile einzeln hören, nehmen wir nicht mehr die Identität der Wörter oder Sätze wahr, die von ihnen gebildet werden. Wir verstehen ihre Bedeutung nicht mehr.
  • Arten von Gewahrsein, die von zeitlichen Teilen abhängen, wie z.B. ein verbaler Gedankengang. Wenn wir an die einzelnen Mikrosekunden eines Gedankenganges denken, nehmen wir nicht mehr die Identität (mit anderen Worten, die konventionelle Bedeutung) des gesamten Gedankenganges wahr.
  • Nichtstatische Phänomene, die weder physische Phänomene noch Gewahrsein sind, wie z.B. Erwerbungen, Entstehung usw. All diese Phänomene sind von einer Grundlage der Zuschreibung abhängig. Eine Erwerbung kann es nur in Abhängigkeit von etwas geben, das erworben wird; eine Entstehung kann es nur in Abhängigkeit von etwas geben, das entsteht, usw. Wenn wir eine Erwerbung oder eine Entstehung von etwas analysieren [geistig in ihre Bestandteile zerlegen], fallen die Erwerbung bzw. die Entstehung auseinander und es bleibt nur das Phänomen übrig, das erworben wurde oder das entstanden ist.

Wenn wir oberflächlich wahre Phänomene oder ihre Grundlagen der Zuschreibung bis in die kleinsten Einzelheiten untersuchen, stellen wir fest, dass sie letztendlich aus kleinsten Teilen zusammengesetzt sind, die selbst keine Teile mehr haben. Sie sind oberflächliche Wahrheiten in dem Sinne, dass sie etwas Tieferes völlig verbergen, nämlich ihre letztendlich kleinsten Teile.

Zutiefst wahre Phänomene umfassen:

  • die teilelosen Partikel (die kleinsten Materieeinheiten, die erkennbar sind), die physische Objekte wie z.B. eine Hand bilden,
  • die teilelosen Mikrosekunden (die kleinsten Einheiten von Veränderung, die erkennbar sind), die die Erfahrung einer Art von Gewahrsein bilden;
  • statische Phänomene wie z.B. Raum und die Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele in einer Person.

Wenn wir teilelose Partikel, teilelose Zeitmomente und statische Phänomene analysieren, können wir ihre konventionelle Identität weiterhin wahrnehmen.

In einem ganz allgemeinen Sinn sind oberflächliche Wahrheiten (oberflächlich wahre Phänomene) also die alltäglichen Objekte, die uns erscheinen, z.B. Hände und die Töne von Sprachsequenzen mit einer Bedeutung. Sie verbergen ganz und gar die tieferen Wahrheiten: teilelose Partikel, teilelose Momente und statische Tatsachen wie z.B. Raum. Ein weiteres Beispiel für eine oberflächliche Wahrheit ist eine Person. Sie verschleiert die tiefere Wahrheit über diese: das Fehlen einer unmöglich existierenden Seele in der Person.

Man beachte: Alle oberflächlich wahren Phänomene sind nichtstatisch, doch nicht alle nichtstatischen Phänomene sind oberflächlich wahre Phänomene. Denn teilelose Partikel und teilelose Mikrosekunden sind nichtstatische Phänomene und auch zutiefst wahre Phänomene. Mit anderen Worten: Alle statischen Phänomene sind zutiefst wahre Phänomene, aber nicht alle zutiefst wahren Phänomene sind statische Phänomene – zum Beispiel die teilelosen Partikel und teilelosen Mikrosekunden.

  Oberflächlich wahre Phänomene Zutiefst wahre Phänomene
Nichtstatische Phänomene

Formen physischer Phänomene, die räumliche und zeitliche Teile haben;

Arten von Gewahrsein, die zeitliche Teile haben;

nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruente Einflussvariablen

teilelose Partikel

Teilelose Mikrosekunden von Arten des Gewahrseins

Statische Phänomene – - alle statischen Phänomene


Existenzweisen der beiden Wahrheiten im Vaibhashika-System

Anders als die komplexeren Lehrsysteme vertritt das Vaibhashika-System nicht den Standpunkt, dass die beiden Wahrheiten auf unterschiedliche Weise existieren. Gemäß dem Vaibhashika-System haben sowohl die oberflächlichen als auch die tiefsten Wahrheiten substantiell erwiesene Existenz (rdzas-su grub-pa).

„Substantiell erwiesene Existenz“ ist eine Existenz, die dadurch erwiesen ist, dass etwas eine Funktion ausüben kann (don-byed nus-pa). Die Fähigkeit eines Phänomens, eine Funktion auszuüben, rührt daher, dass es eine substantielle Entität ist (rdzas). Eine Hand sowie die teilelosen Partikel, die sie bilden, und ihr Raum üben die Funktion aus, zumindest als kausale Bedingung für ihre Wahrnehmung zu wirken – denn sie alle können gültig erkannt werden. Somit vertritt das Vaibhashika -System als einziges den Standpunkt, dass alle existierenden Phänomene substantiell erwiesene Existenz haben. Es gibt also nichts, dessen Existenz bloß dadurch erwiesen wird, dass es durch begriffliche Wahrnehmung (rtog-pas btags-pa-tsam-du grub-pa) zugeschrieben wird – denn alle existierenden Phänomene sind substantiell erwiesen.

Ferner haben alle existenten Phänomene wahrhaft erwiesene Existenz (bden-par grub-pa, wahre Existenz). Denn gemäß dem Vaibhashika-System hat etwas wahrhaft erwiesene Existenz, wenn es die Fähigkeit hat, eine Funktion auszuüben, und alle existierenden Phänomene haben diese Fähigkeit.

Eigenständig erkennbare Phänomene und durch Zuschreibung erkennbare Phänomene im Vaibhashika-System

Alle Phänomene, die oberflächliche oder tiefste Wahrheiten sind – und damit alle nichtstatischen und statischen Phänomene – haben substantiell erwiesene Existenz. Doch anhand einer anderen Unterscheidung können sie danach unterteilt werden, auf welche Weise sie erkennbar sind: Sie sind entweder durch Zuschreibung erkennbar oder eigenständig erkennbar.

Durch Zuschreibung erkennbare Phänomene (btags-yod, durch Zuschreibung existierende Phänomene) sind diejenigen gültig erkennbaren Phänomene, die von der tatsächlichen Wahrnehmung von oder durch etwas anderes abhängig sind. Ihre Wahrnehmung erfordert die Wahrnehmung der Teile, von denen sie abhängig sind.

Oberflächliche Phänomene, die Formen physischer Phänomene oder Arten von Gewahrsein sind, sind durch Zuschreibung erkennbar. Das Vaibhashika-System vertritt den Standpunkt, dass unbegriffliche Sinneswahrnehmung durch direkten Kontakt mit dem Objekt stattfindet, ohne dass ein geistigen Aspekt des Objekts als Medium dafür erforderlich wäre. Aus diesem Grund gilt: Wenn ein aus Teilen zusammengesetztes Objekt gültig erkannt wird, muss die Wahrnehmung zugleich die Teile, von denen das Objekt abhängig ist, als Objekt erfassen.

Eigenständig erkennbare Phänomene (rang-rkya thub-pa’i rdzas-yod, eigenständig substantiell existierende Phänomene) sind diejenigen erkennbaren Phänomene, die für ihre tatsächliche Wahrnehmung (dngos-bzung) nicht von der tatsächlichen Wahrnehmung von etwas anderem abhängig sind. Ihre Wahrnehmung ist nicht von der Wahrnehmung von Teilen oder der Grundlage der Zuschreibung abhängig.

Statische Phänomene, teillose Partikel, teillose Momente und nichtstatische Einflussvariablen, die nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruent sind, sind eigenständig erkennbar. Zum Beispiel, nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruente Einflussvariablen, z.B. der Erwerb eines neuen Hauses, sind von einer Grundlage der Zuschreibung abhängig – dem neuen Haus, das erworben wird. Außerdem gilt: Der Erwerb des neuen Hauses und das neu erworbene Haus beginnen gleichzeitig zu existieren (bzw. entstehen gleichzeitig). Trotzdem vertritt das Vaibhashika-System als einziges den Standpunkt, dass der Erwerb eine separat wahrnehmbare substantielle Entität (rdzas) ist. Der Grund dafür ist, dass der Erwerb laut Vaibhashika-System ein separates substantiell erwiesenes Phänomen ist, welches das neu zu erwerbende Haus bewirkt. Die Wahrnehmung des Erwerbs des neuen Hauses ist also nicht von der Wahrnehmung des neuen Hauses abhängig, das erworben wird.

Da auch Personen nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruente Einflussvariablen sind, sind auch sie eigenständig erkennbar. Die Anhänger des Vaibhashika-Systems vertreten, dass eine Person die bloße Ansammlung (ein Netzwerk) der fünf Aggregate ist, denen sie zugeschrieben wird. Die Person ist als solche eigenständig erkennbar, denn wenn man eine Person sieht, sieht man nicht die gesamte Ansammlung der Aggregate, der sie zugeschrieben wird. Umfassender gesagt, vertreten die Vaibhashikas die direkte Wahrnehmung von Phänomenen. Das heißt: Die Wahrnehmung eines Objekts erfordert ein Bewusstsein, das in direkten Kontakt damit tritt, und nicht eine Wahrnehmung mittels eines dazwischengeschalteten geistigen Hologramms (rnam-pa, geistiger Aspekt). Obwohl die Person der bloßen Ansammlung der Aggregate zugeschrieben wird, hat das Bewusstsein, wenn man eine Person wahrnimmt, also eine direkt damit in Kontakt tretende Wahrnehmung der Person und nicht eine Wahrnehmung der gesamten Ansammlung der fünf Aggregate, welche die Grundlage sind, der die Person zugeschrieben wird. Aus diesem Grund vertritt das Vaibhashika-System nur eine Ebene der Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele der Person, nämlich die Abwesenheit einer Existenz der Person, welche unabhängig von den Aggregaten, denen sie zugeschrieben wird, als statische, monolithische Entität erwiesen wäre (rtag-cig rang-dbang-can-gyis grub-pa). Das Vaibhashika-System vertritt nicht die subtile Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele der Person, d.h. die Abwesenheit einer Existenz der Person, welche als substantielles, eigenständig erkennbares Phänomen erwiesen wäre.

Kurz: Alle Phänomene, die tiefste Wahrheiten sind, sind eigenständig erkennbar, während jedoch nicht alle oberflächlich wahren Phänomene durch Zuschreibung erkennbar sind – einige oberflächlich wahren Phänomene, nämlich die nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruenten Einflussvariablen, sind auch eigenständig erkennbar.

  Oberflächlich wahre Phänomene Zutiefst wahre Phänomene
Eigenständig erkennbar nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruente Einflussvariablen (nichtstatisch)

teilelose Partikel (nichtstatisch)

teilelose Momente (nichtstatisch)

statische Phänomene

Durch Zuschreibung erkennbar

Formen physischer Phänomene, die Teile haben (nichtstatisch)

Arten von Gewahrsein, die Teile haben
(nichtstatisch)


– -

Die Unterteilung der beiden Wahrheiten im Sautrantika-System: Objektive Entitäten und metaphysische Entitäten

Es gibt zwei Sektionen von Vertretern des Sautrantika-Systems – die Sautrantika-Anhänger der Schriften (lung-gi rjes-‘brang-gi mdo-sde-pa) und die Sautrantika-Anhänger der Logik (rigs-pa’i rjes-‘brang-gi mdo-sde-pa). Die Sautrantika-Anhänger der Schriften beschreiben die beiden Wahrheiten auf dieselbe Weise wie die Vaibhashikas. Die Sautrantika-Anhänger der Logik entwickelten die Definitionen aus dem Vaibhashika-System dahingehend weiter, dass sich die beiden Wahrheiten auf zwei andere Gruppen von Phänomenen als im Vaibhashika-System beziehen. Betrachten wir nun ihre Darstellung. Um die Erläuterung zu vereinfachen, werden wir die Sautrantika-Anhänger der Logik einfach als Sautrantika bezeichnen.

Gemäß Sautrantika gilt:

  • Die Existenz oberflächlich wahrer Phänomene ist dadurch begründet, dass sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung (rtog-pas btags-pa-tsam-du grub-pa) zugeschrieben sind. Es fehlt ihnen die Fähigkeit, Funktionen auszuüben und somit fehlt ihnen die substantiell erwiesene Existenz. Die oberflächlich wahren Phänomene umfassen alle statischen Phänomene.
  • Die Existenz der zutiefst wahren Phänomene ist von der Seite ihrer eigenen jeweiligen Bestehensweise her begründet ( rang-gi sdod-lugs-kyi ngos-nas grub-pa), ohne davon abhängig zu sein, dass sie durch Worte oder begrifflicher Wahrnehmung zugeschrieben werden. Sie haben die Fähigkeit, Funktionen auszuüben, und somit substantiell erwiesene Existenz. Die zutiefst wahren Phänomene umfassen alle nichtstatischen Phänomene.

Oberflächlich wahre Phänomene werden als metaphysische Entitäten (spyi-mtshan, allgemein charakterisierte Phänomene) eingestuft – wörtlich: Phänomene mit allgemein definierenden Eigenschaften. Sie sind die erscheinenden Objekte (snang-yul) nur der begrifflichen Wahrnehmungen – obwohl sie nicht die tatsächlichen kognitiven Erscheinungen (snang-ba) in diesen Wahrnehmungen sind.

Das erscheinendes Objekt einer Wahrnehmung ist das direkte Objekt (dngos-yul), das in einer Wahrnehmung erscheint, als ob es sich direkt vor dem Bewusstsein befände (blo-ngor), das es wahrnimmt. Kategorien allerdings haben keine Gestalt oder Form und können daher nicht tatsächlich „erscheinen“. Sie sind wie statische Abstraktionen, die nur in einer begrifflichen Wahrnehmung erscheinen können, wenn sie einer Grundlage der Zuschreibung zugeordnet (darauf projiziert, als Bezeichnung hinzugefügt) werden, die eine Gestalt bzw. Form hat, z.B. einem Sinnesobjekt. Das Sinnesobjekt (ein zutiefst wahres Phänomen) ist also das, was tatsächlich erscheint, und zwar durch einen vollkommen transparenten geistigen Aspekt (ein geistiges Hologramm), der das Sinnesobjekt repräsentiert. Das Sinnesobjekt ist jedoch [in der begrifflichen Wahrnehmung] durch die teilweise transparente Kategorie verschleiert, denn das erscheinende Objekt direkt vor dem Bewusstsein ist die Kategorie.

Zutiefst wahre Phänomene sind objektive Entitäten (rang-mtshan, individuell charakterisierte Phänomene) – wörtlich: Phänomene mit individuell definierenden Eigenschaften. Sie sind die erscheinenden Objekte ausschließlich der unbegrifflichen Wahrnehmungen – obwohl sie das sind, was sowohl in der unbegrifflichen als auch in der begrifflichen Wahrnehmung erscheint.

Ferner sind oberflächlich wahre Phänomene etwas, dessen Existenzweise einer logischen Analyse nicht standhält. Wenn wir z.B. die Kategorien analysieren, mit denen wir an den Ort denken, wo wir leben – etwa als „mein Zuhause“, „gemütlich“, „schön“, „teuer“ usw. – dann stellen wir fest wir, dass sie nicht auffindbar sind, nicht objektiv außerhalb unseres begrifflichen Denkprozesses existieren. So eliminiert die Analyse unsere Projektionen und wir finden diese oberflächlichen Wahrheiten nicht mehr.

Die zutiefst wahren Phänomene sind etwas, dessen Existenzweise der logischen Analyse standhält. Der Ort selbst, an dem wir leben, hält der Analyse stand. Ganz gleich, wie viel wir analysieren – die Analyse zerstört nicht den tatsächlichen Ort, an dem wir leben. Nachdem wir mit Logik analysiert haben, stellen wir fest, dass dieser Ort weiterhin auffindbar und objektiv außerhalb unseres begrifflichen Denkprozesses existiert.

Zu den zutiefst wahren Phänomenen gehören nicht nur Sinnesobjekte wie farbige Formen, Gerüche, Geschmack und physische Empfindungen, sondern auch alltägliche, allgemein bekannte Objekte (‘ jig-rten-la grags-pa), die Daten verschiedener Sinneswahrnehmungen umfassen, wie z.B. eine Hand. Und ebenso umfassen die zutiefst wahren Phänomene nicht nur einzelne Momente der Sinneswahrnehmung oder momentane Töne von Vokalen und Konsonanten, sondern auch alltägliche, allgemein bekannte Objekte, die sich über einen gewissen Zeitraum erstrecken, sowie Wörter und Sätze, die sich über Sequenzen von momentanen Geräuschen erstrecken.

  • Das Sautrantika-System akzeptiert, ebenso wie das Vaibhashika-System, teilelose Partikel und teilelose Momente von Gewahrsein, doch das Sautrantika-System vertritt den Standpunkt, dass sie dieselbe Art wahrer Phänomenen sind wie die Formen physischer Phänomene und Gewahrseinsarten, die sie umfassen, nämlich zutiefst wahre Phänomene.
  • Gemäß den anderen Traditionen – denjenigen, die nicht der Gelug-Tradition angehören – sind hier die alltäglichen, allgemein bekannten Objekte, die sich über verschiedene Sinnesdaten und über einen gewissen Zeitraum erstrecken, oberflächlich wahre Phänomene.

Eigenständig erkennbare Phänomene und durch Zuschreibung erkennbare Phänomene im Sautrantika-System

Wie wir gesehen haben, unterscheidet das Sautrantika-System die zweierlei wahren Phänomene danach, ob ihre Existenz durch ihre Fähigkeit, eine Funktion auszuüben, substantiell erwiesen werden kann. Die Existenz jener Phänomene, die keine Funktion ausüben können, haben eine Existenz, die dadurch erwiesen ist, dass sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben werden. Diese Unterscheidung deckt sich jedoch nicht mit der Unterteilung in eigenständig erkennbare Phänomene und durch Zuschreibung erkennbare Phänomenen.

Das Sautrantika-System definiert die eigenständig erkennbaren und durch Zuschreibung erkennbaren Phänomene auf dieselbe Weise wie das Vaibhashika-System, doch es interpretiert die Definitionen ganz anders. Die eigenständig erkennbaren Phänomene werden als gültig erkennbare Phänomene definiert, deren tatsächliche Wahrnehmung (dngos-bzung) sich nicht auf die tatsächliche Wahrnehmung von etwas anderem oder durch etwas anderes stützen muss. Durch Zuschreibung erkennbare Phänomene sind diejenigen gültig erkennbaren Phänomene, die für ihre tatsächliche Wahrnehmung von der tatsächlichen Wahrnehmung von etwas anderem oder durch etwas anderes abhängig sind. Ihre Wahrnehmung erfordert eine unmittelbar vorhergehende oder gleichzeitige Wahrnehmung ihrer Grundlagen der Zuschreibung.

  • „Tatsächliche Wahrnehmung“ bezieht sich auf manifeste (mngon-gyur) Wahrnehmung, ganz gleich, ob sie dabei explizit (dngos-su rtogs-pa) oder implizit (shugs-la rtogs-pa) begriffen werden.
  • In der manifesten Wahrnehmung eines kognitiven Objekts lässt das Bewusstsein einen geistigen Aspekt entstehen, der das Objekt repräsentiert. Das kognitive Objekt erscheint durch diesen Aspekt sowohl der Person als auch dem Bewusstsein der manifesten Wahrnehmung. Sowohl die Person als auch das manifeste Bewusstsein nehmen das Objekt wahr.
  • Ein Objekt zu „begreifen“ bedeutet, es korrekt und mit Gewissheit als „dieses“ und nicht „jenes“ zu bestimmen ( nges-pa). Beim explizitem Begreifen erscheint in der Wahrnehmung der geistige Aspekt des begriffenen Objekts; beim implizitem Begreifen erscheint ein derartiger geistiger Aspekt nicht. Im Vaibhashika-System wird kein solcher Unterschied zwischen explizitem und implizitem Begreifen gemacht, da es den Standpunkt vertritt, dass die Wahrnehmung direkt mit ihrem Objekt in Kontakt tritt und es in dieser Weise direkt wahrnimmt. Das Sautrantika-System dagegen vertritt den Standpunkt, dass die Wahrnehmung, in der ein Objekt erscheint, mittels eines geistigen Aspekts des erscheinenden Objekts stattfinden muss – so etwas wie ein geistiges Hologramm des Objekts.
  • „Tatsächliche Wahrnehmung von etwas anderem“ bezieht sich z.B. darauf, dass man sowohl unmittelbar vor als gleichzeitig mit der Wahrnehmung des Phänomens tatsächlich die Grundlage der Zuschreibung des Phänomens wahrnimmt.

Weil also das Sautrantika-System gegenüber dem Vaibhashika-System eine derart veränderte Interpretation der Definitionen der beiden Arten erkennbarer Phänomene und der beiden wahren Phänomene vornimmt, kommt das Sautrantika-System zu einer nahezu gegenteiligen Auffassung davon, welche Phänomene als eigenständig erkennbare Phänomene gelten.

Physische Phänomene und Gewahrseinsarten sind eigenständig erkennbare Phänomene. Sie werden wahrgenommen, ohne dass sich die Wahrnehmung dafür auf vorangehende oder gleichzeitige Wahrnehmung von irgendetwas anderem zu stützen braucht. Wir können z.B. eine Hand sehen oder an eine Hand denken, ohne dass unsere visuelle Wahrnehmung oder unsere begriffliche geistige Wahrnehmung der Hand erst eine farbige Form oder fünf Finger wahrnehmen muss, bevor sie eine Hand erkennt. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir eine Hand wahrnehmen können, ohne gleichzeitig einige sinnlich wahrnehmbare Qualitäten (yon-tan) oder einige physische Teile wahrzunehmen. Es bedeutet nur, dass es nicht notwendig ist, einige Sinnesqualitäten oder physikalische Teile zu erkennen, bevor wir eine Hand erkennen.

  • Nach Ansicht der Lehrbuch-Tradition von Jetsunpa sind das Ganze, seine Teile und seine sinnliche Qualitäten separate, unterschiedliche substantielle Entitäten. Wenn dies nicht der Fall wäre und sie alle eine einzige substantielle Entität wären, dann würde dies zu der absurden Folgerung führen, dass eine Wahrnehmung, z.B. eine visuelle Wahrnehmung, eine Hand mit all ihren sinnlichen Qualitäten gleichzeitig erkennen müsste – nicht nur eine farbige Form, sondern auch taktile Beschaffenheit, Geruch, Geschmack und [ggf.] Klang. Oder wir müssten, wenn wir eine Hand sehen, notwendigerweise all ihre Teile sehen – und wenn wir nur einen Teil einer Hand sähen, dann würden wir keine Hand sehen.
  • Nach Ansicht der Lehrbuch-Tradition von Panchen sind das Ganze, seine Teile und die sinnlichen Qualitäten dieselbe substantielle Entität. Andernfalls würde sich die absurde Folgerung ergeben, dass man eine Hand ganz allein für sich wahrnehmen könnte, unabhängig davon, dass man eine ihrer sinnlichen Qualitäten oder einen ihrer Teile wahrnimmt.

Nicht [mit Form oder Bewusstsein] kongruente Einflussvariablen und statische Phänomene sind durch Zuschreibung erkennbare Phänomene.

  • Wir können beispielsweise die Bewegung einer Hand nicht sehen oder an sie denken, ohne eine unmittelbar vorhergehende Wahrnehmung der Hand in einer Position und eine gleichzeitige Wahrnehmung der Hand in einer zweiten Position wahrzunehmen.
  • Wir können nicht in Begriffen der statischen Hörkategorie und der statischen Bedeutungs-/Objektkategorie „Hand“ an ein individuell substantiell existierendes Objekt mit fünf Fingern denken, ohne zuerst den individuellen Gegenstand mit fünf Fingern wahrzunehmen und dann sowohl den individuellen Gegenstand und die Kategorie „Hand“ wahrzunehmen.
  • Die Hand und die Bewegung der Hand sind dieselbe substantielle Entität, wohingegen die Hörkategorie und die Bedeutungs-/Objektkategorie weder dieselbe substantielle Entität wie die Hand noch eine andere substantielle Entität als die Hand sind. Der Grund dafür ist, dass die Bewegung substantiell erwiesene Existenz hat: Sie hat die Fähigkeit, eine Funktion zu erfüllen. Kategorien hingegen haben eine Existenz, die nicht substantiell erwiesen ist: Es fehlt ihnen die Fähigkeit, eine Funktion auszuführen.

Somit sind alle oberflächlich wahren Phänomene durch Zuschreibung erkennbar, doch sind nicht alle zutiefst wahren Phänomene eigenständig erkennbar. Einige zutiefst wahre Phänomene, nämlich die nicht [mit Form oder Bewusstsein] kongruente Einflussvariablen, sind auch durch Zuschreibung erkennbar.

  Oberflächlich wahre Phänomene Zutiefst wahre Phänomene
Eigenständig erkennbar – -

Formen physischer Phänomene (nichtstatisch)

Arten des Gewahrseins (nichtstatisch)

Durch Zuschreibung erkennbar statische Phänomene nicht [mit Form oder Bewusstsein] kongruente Einflussvariablen
(nichtstatisch)

Existenzweisen der beiden Wahrheiten im Sautrantika-System

Existenz, die durch die Selbstnatur von etwas begründet ist und Existenz, die von der eigenen Seite [des Phänomens] aus begründet ist

„Existenz, die durch die Selbstnatur [des Phänomens] begründet ist“ (rang-bzhin-gyis grub-pa, auffindbar erwiesene Existenz, inhärente Existenz) und „Existenz, die von der eigenen Seite [des Phänomens] aus begründet ist“ (rang-ngos-nas grub-pa) sind synonyme Fachbegriffe (don-gcig). Wenn ein Phänomen eine dieser beiden Arten von Existenz hat, dann hat es auch die andere und umgekehrt. Beide Existenzweisen werden definiert als Existenz, die dadurch begründet ist, dass man das Bezugsobjekt – das tatsächliche „Ding“ auf das sich ein Name oder Begriff bezieht (btags-don) – auffindbar ist, wenn man danach sucht, und zwar auffindbar auf Seiten des Objekts, das benannt wird. Diese Definition wird von allen Lehrsystemen akzeptiert.

Gemäß dem Sautrantika-System haben alle gültig erkennbaren Phänomene – sowohl oberflächlich wahre als auch zutiefst wahre Phänomene – eine Existenz, die durch ihre Selbstnatur und von ihrer eigenen Seite her begründet ist. Wenn wir nach dem eigentlichen „Ding“ suchen, auf das man sich mit dem Namen oder der Kategorie „Hand“ bezieht, dann finden wir auf Seiten der Hand oder der Kategorie eine tatsächliche Hand oder eine tatsächliche Kategorie „Hand“, die benannt wird und deren Existenz als gültig erkennbares Phänomen dort von ihrer eigenen Seite aus begründet ist.

Durch individuell definierende Eigenschaften begründete Existenz

Ferner wird die Existenz der oberflächlich wahren und der zutiefst wahren Phänomene durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet (rang-gi mtshan-nyid-kyis grub-pa), die auf ihrer eigenen Seite auffindbar sind. Diese individuell definierenden charakteristischen Merkmale dienen als Grundlage dafür, dass sie mit den Namen, Wörtern und Begriffen für die jeweiligen Phänomene und ihre Qualitäten benannt werden können.

Man beachte: Obwohl die Existenz der oberflächlich wahren Phänomene (metaphysischen Entitäten) dadurch begründet ist, das sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben werden, schließt dies nicht aus, dass ihre Existenz sowohl durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, die auf ihrer eigenen Seite auffindbar sind, als auch dadurch, dass sie bloß durch konzeptuelle Wahrnehmung zugeschrieben sind. Das Wort „bloß“ schließt hier nur aus: „nicht durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben“.

Existenz, die als individuell charakterisiert begründet ist

Nach der Lehrbuch-Tradition von Jetsunpa ist im Sautrantika-System die durch individuell definierende Eigenschaften begründete Existenz nicht gleichbedeutend mit Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist (rang-mtshan-gyis grub-pa). Der Begriff „individuell charakterisiert“ ist derselbe wie derjenige, der oben als „objektive Entitäten“ übersetzt wurde. Nur individuell charakterisierte Phänomene (objektive Entitäten, zutiefst wahre Phänomene) haben eine Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist. Obwohl die Existenz metaphysischer Entitäten (oberflächlich wahre Phänomene, allgemein charakterisierte Entitäten) durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, ist ihre Existenz nicht als individuell charakterisiert begründet.

Nach der Lehrbuch-Tradition von Panchen ist im Sautrantika-System die Existenz, die durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, gleichbedeutend mit der Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist. Panchen benutzt hier den Begriff „ individuell charakterisiert“ in einem allgemeineren Sinne nicht nur für objektive Entitäten (zutiefst wahre Phänomene), sondern auch für metaphysische Entitäten (oberflächliche wahre Phänomene, allgemein charakterisierte Entitäten).

Als wahrhaft begründete Existenz und Existenz, die als zutiefst wahres Phänomen begründet ist

Laut Lehrbuch-Tradition von Jetsunpa gilt im Sautrantika-System:

  • Als wahrhaft begründete Existenz (bden-par grub-pa, wahre Existenz) ist gleichbedeutend mit Existenz, die als letztendliches Phänomen erwiesen ist (don-dam-par grub-pa); und letztendliche Phänomene (don-dam-pa) sind synonym mit zutiefst wahren Phänomenen (don-dam bden-pa). Alle zutiefst wahren Phänomene (objektive Entitäten, nichtstatische Phänomene) haben also als wahrhaft begründete Existenz (erwiesene Existenz als wahre Phänomene). Sie alle können eine Funktion ausüben.
  • Die Existenz oberflächlich wahrer Phänomene (metaphysische Entitäten, statische Phänomene) dagegen ist nicht als wahrhaft begründet ( bden-par ma-grub-pa, nicht-wahre Existenz). Es fehlt ihnen an wahrer Existenz, da sie nicht als letztendliche Phänomene erwiesen sind ( don-dam-par ma-grub-pa). Der Grund dafür ist, dass sie keine Funktion ausüben können und bloß durch Worte und Begriffe zugeschrieben sind. Aus diesem Grund haben oberflächliche Phänomene eine als fälschlich begründete Existenz ( rdzun-par grub-pa, falsche Existenz) – mit anderen Worten, ihre Existenz ist als Existenz fälschlicher Phänomene erwiesen.

Laut Lehrbuch-Tradition von Panchen gilt im Sautrantika-System:

  • Als wahrhaft begründete Existenz ist gleichbedeutend mit Existenz, die von der eigenen Seite [des Phänomens] aus begründet ist. Also ist sowohl die Existenz der oberflächlich wahren als auch die der zutiefst wahren Phänomene als wahrhaft begründet. Diese Art, den Begriff „als wahrhaft begründete Existenz“ zu verwenden, ist dieselbe wie im Vaibhashika-System.

Zusammenfassung der Darstellung des Sautrantika-Systems gemäß Gelug-Tradition in Tabellenform

Zutiefst wahre Phänomene Oberflächlich wahre Phänomene
nichtstatisch statisch
substantiell etablierte Existenz nein
objektive Entitäten
(individuell charakterisiert)
metaphysische Entitäten
(allgemein charakterisiert)
Existenz, die durch Selbstnatur begründet ist
(= auf ihrer eigenen Seite auffindbar als das „Ding“, auf das sich das Wort dafür bezieht)
ja
Existenz, die von ihrer eigenen Seite aus begründet ist ja
Existenz, die durch individuell definierende Eigenschaften begründet ist (auf ihrer eigenen Seite auffindbar) ja
Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist

nein (gemäß Jetsunpa)

ja (gemäß Panchen)

Existenz, die nur von ihrer eigenen Seite etabliert wird, ohne bloß zugeschrieben zu sein nein (= Existenz, die sowohl von ihrer eigenen Seite aus als auch durch bloße Zuschreibung begründet ist)

Formen und Gewahrsein
= eigenständig erkennbar;

nicht [mit Form oder Gewahrsein] kongruente Einflussvariablen
= durch Zuschreibung erkennbar

durch Zuschreibung erkennbar
erscheinende Objekte der unbegrifflichen Wahrnehmung erscheinende Objekte der begrifflichen Wahrnehmung
als wahrhaft begründete Existenz (gemäß Jetsunpa = erwiesene Existenz als letztendliche Phänomene)

nein (gemäß Jetsunpa = als fälschlich erwiesene Existenz)

ja (gemäß Panchen)

Vergleich mit den Mahayana-Lehrsystemen

Wie oben erwähnt, dient das Verständnis der Aussagen des Vaibhashika- und des Sautrantika-Systems über die beiden Wahrheiten und die Existenzweise, die jede Art von wahrem Phänomen hat bzw. nicht hat, als Trittstein für das Verstehen der Mahayana-Lehrsysteme. Wir wollen diesen Punkt veranschaulichen im Hinblick auf das Verstehen der Existenz, die dadurch begründet ist, dass etwas bloß durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben ist, und insbesondere die Bedeutung des Wortes „bloß“ in diesem Kontext.

Die Begriffe „Existenz, die durch die Selbstnatur [des Phänomens] begründet ist“, „Existenz, die von der eigenen Seite [des Phänomens] aus begründet ist“ und „Existenz, die durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist“ tauchen im Allgemeinen in der Vaibhashika-Darstellung nicht auf. Es entspricht jedoch den Aussagen des Vaibhashika-Systems, dass sowohl die Existenz der zutiefst wahren als auch der oberflächlich wahren Phänomene auf diese Arten begründet wird. Das Vaibhashika-System vertritt auch, dass nichts eine Existenz hat, die bloß dadurch begründet ist, dass sie zugeschrieben werden kann, da alle Phänomene substantiell erwiesene Existenz haben.

Das Sautrantika-System vertritt, dass sowohl die Existenz der zutiefst wahren als auch der oberflächlich wahren Phänomene durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, welche auf Seiten der Phänomene auffindbar sind. Es vertritt auch, dass die Existenz oberflächlich wahrer Phänomene dadurch begründet ist, dass sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zuschreibbar ist. Im Sautrantika-System schließt der Begriff „bloß“ nur aus: „nicht durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben“.

  • Das Svatantrika-System stimmt mit dem Sautrantika-System darin überein, was durch das Wort „ bloß“ ausgeschlossen wird.
  • Gemäß dem Chittamatra- und dem Prasangika-System schließt das Wort „bloß“ auch aus, dass etwas eine Existenz hat, die durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist.

Auf der Grundlage dieser Unterscheidung bezüglich der Bedeutung von „bloß“ wollen wir die Durchdringung zwischen folgenden Punkten untersuchen: Phänomene, (1) deren Existenz durch individuell definierende Eigenschaften begründet ist, die auf ihrer eigenen Seite auffindbar sind, und Phänomene, (2) deren Existenz dadurch begründet ist, dass sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zuschreibbar ist.

Das Vaibhashika-System behauptet, dass alle Phänomene die Existenzweise (1) haben und Existenzweise (2) nicht haben.

Das Sautrantika-System akzeptiert Folgendes:

  • Phänomene, die Existenzweise (1), aber nicht Existenzweise (2) haben – nämlich die zutiefst wahren Phänomene (objektive Entitäten)
  • Phänomene die Existenzweise (1) und (2) haben – nämlich die oberflächlich wahre Phänomene (metaphysische Entitäten).
  • Es gibt keine Phänomene, die nicht Existenzweise (1), aber Existenzweise (2) haben.
  • Es gibt keine Phänomene, die weder Existenzweise (1) noch Existenzweise (2) haben.

Somit vertritt das Sautrantika-System den Standpunkt, dass alle Phänomene Existenzweise (1) haben. Doch oberflächliche wahre Phänomene haben auch Existenzweise (2), während zutiefst wahre Phänomene Existenzweise (2) nicht haben.

Das Chittamatra-System akzeptiert Phänomene, die nicht Existenzweise (1), aber Existenzweise (2) haben, nämlich oberflächlich wahre Phänomene – was sich in diesem System auf vollständig begriffliche Phänomene (kun-brtags) bezieht (alle statischen Phänomene außer Leerheiten). Das Sautrantika-System vertritt den Standpunkt, dass Existenz (1) nicht zu haben und nur Existenz (2) zu haben eine unmögliche Existenzweise ist.

Das Svatantrika-System vertritt den Standpunkt, dass alle Phänomene Existenzweise (1) haben und Existenzweise (2) nicht haben. Das Vaibhashika-System vertritt dieselbe Ansicht, behauptet aber zusätzlich, dass nichts eine Existenz hat, die dadurch begründet, dass sie durch begriffliche Wahrnehmung zuschreibbar ist. Das Svatantrika-System hingegen vertritt den Standpunkt, dass alle existierenden Phänomene eine Existenz haben, die dadurch begründet ist, dass sie durch begriffliche Wahrnehmung zuschreibbar ist.

Das Prasangika-System behauptet, dass alle Phänomene nicht Existenzweise (1), sondern (2) haben. Das Sautrantika-System stimmt also mit dem Prasangika-System darin überein, dass wenn etwas nicht Existenzweise (2) hat, es Existenzweise (1) haben muss. Es ist [gemäß Prasangika-System] unmöglich, dass irgendetwas Existenzweise (1) und auch (2) hat. Das Prasangika-System behauptet, dass sowohl Existenz (2) als auch (1) zu haben eine unmögliche Existenzweise ist, während das Sautrantika-System behauptet, dass alle zutiefst wahren Phänomene sowohl Existenzweise (1) als auch (2) haben.

Die folgende Tabelle fasst diese Punkte zusammen. Aus Gründen der Klarheit werden wir folgende Abkürzungen verwenden:

  • charakteristisches Merkmal = Existenz die durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist
  • bloß zugeschrieben = Existenz, die dadurch begründet ist, dass sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben ist
  • Oberflächliche = oberflächlich wahre Phänomene
  • Tiefste = zutiefst wahre Phänomene
 

Charakteristisches Merkmal
+ bloß zugeschrieben

Charakteristisches Merkmal
+ nicht bloß zugeschrieben

Kein charakteristisches Merkmal
+ bloß zugeschrieben

Kein charakteristisches Merkmal
+ nicht bloß zugeschrieben

Vaibhashika nicht existent Tiefste
+ Oberflächliche
nicht existent nicht existent
Sautrantika Oberflächliche Tiefste nicht existent nicht existent
Chittamatra nicht existent Tiefste Oberflächliche nicht existent
Svatantrika nicht existent Tiefste
+ Oberflächliche
nicht existent nicht existent
Prasangika nicht existent nicht existent Tiefste
+ Oberflächliche
nicht existent
 
Die fortschreitenden Schritte des Verstehens verlaufen also folgendermaßen:
  • Alle Lehrsysteme stimmen darin überein, dass etwas, wenn es durch seine Selbstnatur begründete Existenz hat, auf seiner eigenen Seite als das „Ding“ auffindbar ist, auf das man sich mit dem Namen oder Begriff bezieht, der dafür steht.
  • Im Vaibhashika-System gilt: Wenn etwas in dieser Weise auffindbar ist, hat es auf seiner eigenen Seite individuell definierende Eigenschaften, die seine Existenz durch ihre eigene Kraft erweisen. Nichts hat eine Existenz, die auch dadurch begründet ist, dass sie bloß zuschreibbar ist oder auch nur überhaupt zuschreibbar ist.
  • Im Sautrantika-System gilt: Wenn etwas in dieser Weise auffindbar ist, hat es auf seiner eigenen Seite individuell definierende Eigenschaften, die seine Existenz durch ihre eigene Kraft erweisen, sei es in Verbindung damit, dass seine Existenz auch durch bloße Zuschreibung begründet ist, oder nicht.
  • Im Chittamatra-System gilt: Wenn etwas in dieser Weise auffindbar ist, braucht es nicht notwendigerweise solche individuell definierenden charakteristischen Merkmale zu haben. Solche Merkmale hat es nur, wenn seine Existenz nicht dadurch begründet ist, dass es bloß zugeschrieben ist. Ferner: Die Phänomene, die solche Merkmale haben, haben nur auffindbare Merkmale, die ihre Existenz als gültig erkennbare Phänomene begründen. Es fehlen ihnen die auffindbaren Merkmale, die als Grundlage dafür dienen, die verschiedenen Namen oder Qualitäten des Phänomens zuzuschreiben.
  • Im Svatantrika-System gilt: Wenn etwas in dieser Weise auffindbar ist, hat es notwendigerweise solche individuell definierenden charakteristischen Merkmale. Nichts ist bloß zuschreibbar, unabhängig von solchen individuellen Merkmale die auf der Seite der Grundlage der Zuschreibung auffindbar sind. Nichtsdestotrotz ist die Existenz aller Phänomene dadurch bebgründet, dass sie zuschreibbar sind.
  • Im Prasangika-System ist nichts in dieser Weise auffindbar. Alles ist bloß zuschreibbar. Nichts hat eine Existenz, die durch die Kraft auffindbarer, individuell definierender charakteristischer Merkmale auf der Seite des Objektes begründet ist – sei es durch die Kraft dieser Merkmale allein oder durch ihre Kraft in Verbindung mit der Kraft einer Zuschreibung – , da solche auffindbaren charakteristischen Merkmale nicht existieren.