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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Gelug-Definitionen zu Phänomenen der Bestätigung und der Negierung

Alexander Berzin, März 2004
Basierend auf Erklärungen von Geshe Tenzin Zangpo (Tutor von Tsenzhab Serkong Rinpoche II), und Geshe Wangchen (Tutor von Ling Rinpoche VII)
Übersetzung ins Deutsche: Albert Pichlmaier

Die verschiedenen Traditionen des tibetischen Buddhismus, und verschiedene Gelehrte innerhalb jeder Tradition, geben eine große Bandbreite an Erklärungen zu Bestätigungs-Phänomenen (tib. sgrub-pa, bestätigend erkannte Phänomene, Bestätigungen) und Negierungs-Phänomenen (tib. dgag-pa, durch Negierung erkannte Phänomene, Negierungen). Sie alle gründen ihren Standpunkt auf den Werken der großen indischen Meister der Epistemologie: Dignaga und Dharmakirti. Jede Position hat weitreichende Verzweigungen, die uns helfen können, die anderen Aussagen dieser Position zu verstehen.

Hier werden wir uns auf die Gelug-Darlegung beschränken und einige ihrer Verzweigungen aufzeigen, die die Gelug-Prasangika-Ansicht der gültigen Wahrnehmung, insbesondere zu Nichtstatischsein (Unbeständigkeit) und Leerheit, betreffen. Insbesondere werden wir den Definitionen von Bestätigungs- und Negierungs-Phänomenen folgen, die von Purchog (tib. Phur-cog Ngag-dbang byams-pa rgya-mtsho) gegeben wurden, dem Autor von mehreren Lehrtexten, die von der Jetsünpa-Linie (tib. rJe-btsun Chos-kyi rgyal-mtshan) von Interpretationen innerhalb der Gelug-Tradition abstammen. Sie vertiefen frühere Gelug-Darlegungen, wie etwa jene von Kedrubje (tib. mKhas-grub rJe) und dem Ersten Dalai Lama (tib. dGe-‘dun grub). Purchogs Erklärungen repräsentieren die sogenannte Gelug-Ansicht der Mehrheit.

Arten von Phänomenen und Wege, sie zu begreifen

Existierende Phänomene (tib. yod-pa) werden als jene Phänomene definiert, die gültig erkennbar (tib. shes-bya) sind. Nicht existierende Phänomene (tib. med-pa) sind jene, die nicht von einem Geist gültig erkannt werden können, sei es konventionell (tib. tha-snyad) oder letztendlich (tib. mthar-thug). Dabei handelt es sich um einen Geist, der sich entweder auf oberflächliche Wahrheiten (tib. kun-rdzob bden-pa) oder tiefste Wahrheiten (tib. don-dam bden-pa) fokussiert. Zum Beispiel:

  • Hühnerlippen können nicht von einem Geist gültig wahrgenommen werden, der sich auf die oberflächliche Wahrheit von irgend etwas fokussiert – oder anders gesagt, von einem Geist, der sich darauf fokussiert, was irgend etwas ist, und zwar gemäß der Konvention, die von einer Gruppe von Personen mit einem gültigen Geist gelegt wurde.

  • Wahre Existenz (tib. bden-par grub-pa, wahrhaft begründete Existenz) kann nicht von einem Geist gültig wahrgenommen werden, der sich auf die tiefste Wahrheit von irgend etwas fokussiert – oder anders gesagt, von einem Geist, der sich darauf fokussiert, was denn die Existenz von irgend etwas begründet oder beweist. Gelug-Prasangika definiert wahre Existenz als Existenz begründet durch die Kraft von etwas auf der Seite eines Objekts, entweder durch sich selbst oder in Verbindung damit, etwas zu sein, was einer Basis zuschreibbar ist.

Existierende Phänomene beinhalten sowohl nichtstatische (tib. mi-rtag-pa, unbeständige) als auch statische (tib. rtag-pa, beständige) Phänomene. Nichtstatische Phänomene werden von Ursachen und Bedingungen beeinflusst und sind daher als "beeinflusste Phänomene" bekannt (tib. ‘dus-byas, beeinflusste Variablen, bedingte Phänomene). Sie verändern sich von Moment zu Moment und wirken im Hervorbringen von Wirkungen, und daher werden sie auch „wirksame Phänomene“ (tib. dngos-po) genannt. Statische Phänomene sind unbeeinflusst von Ursachen und Bedingungen, und daher werden sie auch „unbeeinflusste Phänomene“ (tib. ‘ dus ma-byas , unbedingte Phänomene) genannt. Sie verändern sich nicht von Moment zu Moment und wirken nicht im Hervorbringen von Wirkungen. Folglich werden sie „unwirksame Phänomene“ (tib. dngos-med) genannt. Zum Beispiel:

  • Ein menschlicher Körper ist nichtstatisch.

  • Eine Kategorie, wie etwa „Äpfel“, ist statisch.

Sowohl nichtstatische als auch statische Phänomene können (1) einen Anfang und ein Ende; (2) einen Anfang, aber kein Ende; (3) keinen Anfang, aber ein Ende; oder (4) keinen Anfang und kein Ende haben. Beispiele für jede der vier Varianten beinhalten jeweils:

  • unter den nichtstatischen Phänomenen: (1) ein menschlicher Körper; (2) die Emanationen, die ein Buddha nach Erreichen der Erleuchtung ausstrahlt; (3) Leid, das von einem geistigen Kontinuum erfahren wird; und (4) ein geistiges Kontinuum.
  • unter den statischen Phänomenen: (1) die Abwesenheit des Hundes in einem Zimmer, während er spazierengeführt wird; (2) die Abwesenheit des Hundes in einem Zimmer, nachdem er eingeäschert wurde; (3) die Abwesenheit des Hundes in einem Zimmer, bevor er empfangen wurde; und (4) die Abwesenheit der wahren auffindbaren Existenz eines geistigen Kontinuums.

Existierende, gültig erkennbare Phänomene können entweder Bestätigungs- oder Negierungs-Phänomene sein. Zum Beispiel:

  • „Ein Apfel“ ist ein Bestätigungs-Phänomen.

  • „Nicht-ein-Apfel“ („ein Nicht-Apfel“) ist ein Negierungs-Phänomen.

Sowohl Bestätigungs- als auch Negierungs-Phänomene können entweder nichtstatisch oder statisch sein; und beide können entweder durch eine konzeptuelle oder nichtkonzeptuelle Wahrnehmung begriffen (tib. rtogs-pa) werden. Zum Beispiel:

  • Wir können einen Apfel sehen oder an einen Apfel denken (ein nichtstatisches Bestätigungs-Phänomen), oder einen Nicht-Apfel sehen oder an einen Nicht-Apfel denken (ein nichtstatisches Negierungs-Phänomen).

  • Ein Arya kann, sei es nichtkonzeptuell oder konzeptuell, einen essentiellen Naturkörper eines Buddha (tib. ngo-bo-nyid-sku, Skt. svabhavakaya) wahrnehmen (ein statisches Bestätigungs-Phänomen).

  • Wir können die Abwesenheit des Hundes in einem Zimmer sehen oder daran denken (ein statisches Negierungs-Phänomen).

Es gibt keine gemeinsame Grundlage (tib. gzhi-mthun, gemeinsamer Nenner) zwischen Bestätigungs- und Negierungs-Phänomenen. Das bedeutet, dass kein gültig erkennbares Phänomen beides sein kann. Außerdem gibt es kein gültig erkennbares Phänomen, das keines von beiden ist. Bestätigungen und Negierungen formen eine echte Dichotomie (tib. dngos-‘gal); das heißt, dass alle existierenden Phänomene entweder das eine oder andere sein müssen. Sie schließen sich nicht bloß gegenseitig aus (tib. ‘gal-ba), wie etwa Katzen und Hunde, noch bilden sie Gegenpole einer Achse, wie etwa schwarz und weiß, mit vielen Zwischenschattierungen.

Ein Begreifen ist eine Wahrnehmung, die ihr beteiligtes Objekt (tib. ‘jug-yul) korrekt und entschieden wahrnimmt. Zum Beispiel:

  • gültige bloße Wahrnehmung (tib. mngon-sum tshad-ma), die gemäß Nicht-Prasangika ausschließlich nichtkonzeptuell ist, wie etwa das Sehen. Prasangika definiert diese gültige Art von Wahrnehmung als gültige, einfache Wahrnehmung, die entweder konzeptuell oder nichtkonzeptuell sein kann, abhängig davon, ob sie sich auf eine Argumentationskette im unmittelbar vorangehenden Moment einer Wahrnehmung stützt oder nicht.

  • gültige schlussfolgernde Wahrnehmung (tib. rjes-dpag tshad-ma), die ausschließlich konzeptuell ist, wie sie nur durch das Denken erfolgt.

  • gemäß Nicht-Prasangika, eine nachfolgende Wahrnehmung (tib. bcad-shes) von entweder einer gültigen bloßen Wahrnehmung oder einer gültigen schlussfolgernden Wahrnehmung, wenn die Wahrnehmung des Objekts nicht mehr frisch ist. Prasangika vertritt nicht die nachfolgende Wahrnehmung als eine Art der Wahrnehmung eines gültig erkennbaren Phänomens. Daher sind für Nicht-Prasangikas Begreifen und gültige Wahrnehmung nicht synonym, weil die nachfolgende Wahrnehmung das Objekt zwar begreift, es aber nicht gültig wahrnimmt. Für Prasangika hingegen sind Begreifen und gültige Wahrnehmung synonym.

Vermutende Wahrnehmung (tib. yid-dpyod), unentschlossene Wahrnehmung (tib. the-tshoms), unentschiedene Wahrnehmung (tib. snang-la ma-nges-pa) und verzerrte Wahrnehmung (tib. log-shes) begreifen ihre Objekte nicht.

Somit gilt: obwohl Bestätigungs- und Negierungs-Phänomene von allen sieben Arten der Wahrnehmung wahrgenommen werden können, werden sie nicht von ihnen allen begriffen.

[Siehe: Das Begreifen gültig erkennbarer Phänomene.]

Bestätigungs- und Negierungs-Phänomene sind Einzelkomponenten, die mehrere Elemente umfassen können

Bestätigungs- oder Negierungs-Phänomene können Sachen mit mehreren Eigenschaften oder Charakteristika sein. In diesen Fällen werden die Phänomene als Bestätigungen oder Negierungen in Form von Einzelkomponenten klassifiziert, die die Sachen und ihre Eigenschaften oder Charakteristika umfassen. Zum Beispiel:

  • „Ein Apfel auf dem Tisch“ und „ein roter Apfel auf dem Tisch“ sind Bestätigungs-Phänomene.

  • „Kein Apfel auf dem Tisch“ und „kein roter Apfel auf dem Tisch“ sind Negierungs-Phänomene.

Wenn ein Element der Einheit bereits seinerseits ein Negierungs-Phänomen ist, dann ist damit die gesamte Einheit ein Negierungs-Phänomen. Beispiele für solche Negierungs-Phänomene sind:

  • „Ein Tisch ohne Apfel drauf“.

  • „Ein ungebundener Schuh”.

Obwohl Negierungs-Phänomene existierende Phänomene sind, können sie Negierungen von nicht existierenden Phänomenen sein. Zum Beispiel:

  • „Keine Invasoren der fünften Dimension“.

  • „Ein Zimmer ohne Invasoren aus der fünften Dimension“.

  • “Keine wahre auffindbare Existenz”.

  • „Keine wahre auffindbare Existenz eines Tisches“.

  • „Ein Tisch, dem eine wahre auffindbarer Existenz fehlt“.

Die Definitionen für Bestätigungs- und Negierungs-Phänomene

Purchogs Definition eines Bestätigungs-Phänomens ist „ein (gültig erkennbares) Phänomen, das in einer Weise begriffen wird, dass ein zu negierendes Objekt (tib. dgag-bya) nicht explizit durch die Klänge, die das Phänomen ausdrücken, abgegrenzt (tib. dngos-su ma-bcad-pa, explizit abgespalten, verworfen, abgewiesen) wird“.

Seine Definition eines Negierungs-Phänomens ist „ein (gültig erkennbares) Phänomen, das in einer Weise begriffen wird, dass ein zu negierendes Objekt durch die konzeptuelle Wahrnehmung, welches das Phänomen wahrnimmt, explizit abgegrenzt wird“.

Um die Unterscheidung, die in den Definitionen gezogen wird, besser wertschätzen zu können, müssen wir erst „explizite Abgrenzung“ verstehen:

  • „Abgrenzung“ ist der konzeptuelle Prozess, bei welchem wir Mengen und ihre Komplementär-Mengen formulieren, unabhängig von der Anzahl der Elemente in jeder Menge.

  • Die Menge und ihre Komplementär-Menge, die durch Abgrenzung formuliert werden, sind nicht nur sich gegenseitig ausschließend (nichts kann ein Element beider Mengen sein), sondern sie sie bilden eine wirkliche Dichotomie (alle gültig erkennbaren Phänomene müssen entweder in der einen oder der andere Menge enthalten sein).

  • Die Menge und ihre Komplementär-Menge bilden eine wirkliche Dichotomie, selbst wenn eine der beiden Mengen eine leere Menge ist, die kein gültig erkennbares Phänomen enthält (wie etwa wahre Existenz und nicht-wahre Existenz).

  • „Abgrenzung“ impliziert das vorhergehende Begreifen eines zu negierenden Objekts und seines Ausschlusses aus der Menge aller gültig erkennbaren Phänomene, welche anders sind als es selbst (wenn das zu negierende Objekt ein existierendes Phänomen ist) oder von der Menge aller gültig erkennbaren Phänomene insgesamt (wenn das zu negierende Objekt ein nichtexistierendes Phänomen ist. In diesem letzteren Fall gilt: das, was ausgeschlossen wird, ist ein geistiges Abbild eines nichtexistierenden Phänomens und nicht das nichtexistierende Phänomen selbst. Das geistige Abbild kann begriffen werden, aber das nicht existierende Phänomen selbst nicht.)

  • „Explizit“ bedeutet, dass die Abgrenzung offensichtlich und nicht implizit ist.

  • Die Abgrenzung erfordert kein gleichzeitiges Begreifen aller erkennbaren Phänomene, dem dann ein Ausschließen eines Elements der Menge folgt.

  • Obwohl die Abgrenzung ein Begreifen des zu negierenden Objekts erfordert, erfordert sie kein Begreifen von jedem einzelnen Element der Menge aller gültig erkennbaren Phänomene, von denen das Objekt ausgeschlossen wird. Um die Menge von „Nicht-Apfel“ herzuleiten muss man nicht erst alle Äpfel begreifen. Die Abgrenzung ist keine gewollte, bewusste geistige Handlung, die ein zu negierendes Objekt von jedem Element der Menge nacheinander aussondert. Ansonsten wäre es unmöglich, die Menge und ihre Komplementär-Menge zu formulieren.

  • Wenn die Abgrenzung einmal gemacht wurde, ereignet sich das Begreifen irgendeines Elements der Menge, die alles andere enthält, nicht gleichzeitig mit dem Begreifen des ausgeschlossenen Objekts.

Außerdem gilt:

  • Bestätigungs-Phänomene können ohne vorherige Abgrenzung eines zu negierenden Objekts begriffen werden. Das bedeutet, dass das Begreifen eines Bestätigungs-Phänomens nicht von einem vorhergehenden konzeptuellen Prozess abhängt, in welchem die Menge, zu der das Bestätigungs- Phänomen gehört, im Kontrast zu ihrer Komplementär-Menge gebildet wird.

  • Negierungs-Phänomene können nur begriffen werden, wenn erst eine vorherige konzeptuelle Abgrenzung gemacht wurde. Wenn die Menge und ihre Komplementär-Menge erst einmal durch eine explizite Abgrenzung formuliert sind, dann können Bestätigungs-Phänomene ebenfalls korrekt und entschieden als ein Element der angemessenen Menge begriffen werden.

Zum Beispiel kann ein neugeborenes Kleinkind die Milch seiner Mutter als „genießbar“ (Bestätigungs-Phänomen) wahrnehmen, ohne zuerst konzeptuell die Menge von „genießbare Dinge“ zu formulieren, indem es von dieser Menge die Komplementär-Menge der „ungenießbaren Dinge“ (ein Negierungs-Phänomen) abgrenzt. Das Kleinkind glaubt, dass alles essbar ist. Während es aufwächst lernt es jedoch, welche Dinge gültiger Weise zur jeweiligen Menge gehören. Allmählich, als Kleinkind, lernt es Brei als „genießbar“, nicht als „ungenießbar“ zu betrachten, und sein Spielzeug als „ungenießbar“, nicht als „genießbar“. Es begreift den Brei und sein Spielzeug erst dann als Elemente der jeweils korrekten Menge, wenn es Richtigkeit und Sicherheit hinsichtlich der Unterscheidung gewonnen hat. Es muss nicht versuchen, jedes existierende Phänomene zu essen, um beide Mengen zu begreifen.

Wie eine explizite Abgrenzung stattfindet

Hinsichtlich dessen, wie wir zuerst eine Menge und ihre Komplementär-Menge mittels Abgrenzung eines zu negierenden Objekts formulieren, ist es nicht so, dass die Abgrenzung vor dem ersten Moment einer konzeptuellen Wahrnehmung des Negierungs-Phänomens abläuft. Zwischen einem Moment des konzeptuellen Begreifens des zu negierenden Objekts und einem Moment des konzeptuellen Begreifens des Negierungs-Phänomens tritt kein Zwischenmoment einer konzeptuellen Wahrnehmung auf, in dem das zu negierende Objekt abgespalten wird. Die konzeptuelle Wahrnehmung selbst von dem Negierungs-Phänomen ist die Abgrenzung. Es ist nicht die treibende Kraft der Abgrenzung, weil die Abgrenzung keine bewusste, absichtliche geistige Handlung ist.

Dieser Prozess ähnelt dem Begreifen, wenn das Licht in einem Zimmer ein- und ausgeschaltet wird. Nachdem wir Licht begriffen haben, ist es nicht so, dass wir das Licht erst ausschalten müssen, und nur nachdem diese Handlung abgeschlossen ist, begreifen wir die Dunkelheit. Das Licht auszuschalten läuft gleichzeitig mit dem Begreifen der Abwesenheit des Lichtes ab.

Dem ersten Moment von entweder einem konzeptuellen oder nichtkonzeptuellen Begreifen eines Negierungs-Phänomens geht ein Moment (eine Phase) der konzeptuellen Wahrnehmung des zu negierenden Objekts voraus. Der anfängliche Moment eines konzeptuellen oder nichtkonzeptuellen Begreifens des Negierungs-Phänomens schließt das zu negierende Objekt aus. Dies ist ein entscheidender Punkt, der verstanden werden muss, um in korrekter Weise über die Leerheit zu meditieren.

Ein Moment (tib. skad-cig) des Auftretens von etwas ist der Zeitraum, der benötigt wird, damit seine essentielle Natur als es selbst (tib. rang-gi ngo-bo) gegenwärtig sein kann. Dieser Prozess erfordert oftmals eine Reihe von Momenten im westlichen Sinne einer kleinsten Zeiteinheit, oder sogar länger, wie etwa im Falle eines Sturms. Ein Sturm, der als ein gültig erkennbares Phänomen die essentielle Natur eines Sturmes besitzt, manifestiert sich nicht augenblicklich. Damit der Sturm als ein Sturm gegenwärtig sein kann und um sich dann von Moment zu Moment zu verändern, bedarf es eines Moments (einer Phase) des sich Aufbauens.

Gleiches gilt im Falle eines Moments des Begreifens von etwas. Sein anfängliches Auftreten, mit der essentiellen Natur eines Begreifens eines spezifischen Objekts, erfordert mehr als eine winzige Zeiteinheit, um sich auszuformen. Daher erfordert das verbale konzeptuelle Begreifen eines Negierungs-Phänomens wie etwa „nicht ein Apfel“ mehrere winzige Zeiteinheiten, um sich selbst zu bilden. Wir müssen eins nach dem anderen, nacheinander denken: „nicht“ „ein“ „Ap“ „fel“. Der anfängliche Moment dieses Begreifens von „nicht ein Apfel“ dehnt sich über alle vier winzigen Zeiteinheiten aus. Wir denken verbal „nicht ein Apfel“, jedoch ist dies eine einzelne/singuläre Bedeutungseinheit; es ist keine unverknüpfte Folge von Gedankenmomenten. Schließlich ist der Moment, wenn wir an „nicht“ denken, nicht gleich dem bedeutungsvollen Gedanken „nicht ein Apfel.“ Auch ist das Denken von „fel“ nicht das Gleiche wie „nicht ein Apfel“ zu denken.

Die Rolle von Sprache bei der Abgrenzung eines zu negierenden Objekts

Frühere Gelug-Definitionen von Bestätigungs- und Negierungs-Phänomenen verweisen nicht darauf, was eine explizite Abgrenzung ausmacht. Daher ist die Rolle, die die Sprache in diesem Prozess spielt, offen für Interpretationen. Purchogs Definitionen helfen, diesen Punkt zu klären.

Um ein besseres Gefühl für die Gelug-Position der Mehrheit zu bekommen, wollen wir einige Beispiele bezüglich zu negierender Objekte überprüfen. Nehmen wir an, ich möchte meinem neuen Freund ein Bild von Tenzin in meinem Fotoalbum von meiner Reise nach Indien zeigen; mein Freund kennt jedoch niemanden in meinem Album. Mein Freund weiß nicht einmal, ob Tenzin ein Mann oder eine Frau ist, noch weiß er, ob Tenzin überhaupt ein Tibeter ist. Tenzin ist ein weit verbreiteter Name, den die Tibeter sowohl Männern als auch Frauen geben. Was meinen Freund anbetrifft, so könnte Tenzin gleichwohl der Name meines Hundes oder der Name eines Dorfes sein.

Wir blättern durch die Seiten. Wir kommen zu einer Seite ohne Foto von Tenzin. Mein Blick fällt auf ein Foto und ich denke „nicht Tenzin“, und mein Freund denkt ebenfalls „nicht Tenzin.“ Beide Gedanken sind korrekt, obwohl nur meiner gültig ist. Der Gedanke meines Freundes ist nur eine Vermutung, da er nicht sicher ist, wie Tenzin aussieht. Er hat lediglich richtig geraten. Dann kommen wir zu einem Foto von Tenzin, und da ich nicht aufmerksam bin, denke ich „nicht Tenzin“.’ Mein Freund denkt ebenfalls „nicht Tenzin“. Beide Gedanken sind inkorrekt und ungültig.

Waren die „Nicht-Tenzins“, an die wir beide in den zwei Beispielen gedacht haben, Negierungs-Phänomene? Wenn dem so wäre, was wäre dann in beiden Fällen das jeweils zu negierende Objekt? Der „Nicht-Tenzin“ in meinem Denken basierte darauf, dass die Person „Tenzin“ als das zu negierende Objekt vorher ausgeschlossen worden war. Ich formulierte mein Konzept der Menge von „ Nicht-Tenzins“ mit der Abgrenzung von „Tenzin“ von allen anderen Personen. Meine vorherige Abgrenzung war kognitiver Art hinsichtlich der Bedeutung der Klänge eines Wortes – die Bezugsperson des Namens – weil ich eine spezifische Person im Sinn hatte, auf die sich der Name „Tenzin“ bezog. Der „Nicht-Tenzin“, an den mein Freund dachte, basierte nicht auf einer solchen vorangehenden Art der Abgrenzung, weil er die spezifische Person, die ich durch die Nutzung der Worte nicht Tenzin ausgeschlossen oder abgewiesen habe, nicht kannte.

Laut Definition war der „Nicht-Tenzin“ meines Denkens ein Negierungs-Phänomen. Das Konzept von „ Nicht-Tenzin“, an das mein Freund dachte, wurde nicht dadurch abgeleitet, dass zuvor die Person „ Tenzin“, die ich im Sinn hatte, ausgeschlossen worden war. Er dachte bloß die Worte „nicht“ und „ Tenzin“ und wandte sie wahllos auf eine Person an. Er dachte nicht an eine spezifisch definierte Menge von Personen, „Nicht-Tenzins“.

Wenn der „nicht Tenzin“ seines Denkens keine Negierung der Bedeutung der Worte in einem bestimmten Kontext war, sondern sein „nicht Tenzin“ bloße Worte waren, wie die eines Papagei, war dann sein „nicht Tenzin“ immer noch ein Negierungs-Phänomen? Der Klang des Wortes „nicht“ in seinem Denken von „nicht Tenzin“ negierte zwar das Wort „Tenzin“, aber ist es hilfreich, seine verbale Abgrenzung oder das Abspalten des Wortes „Tenzin“ als eine Art von Abgrenzung zu klassifizieren, die signifikant genug ist, um die Trennlinie zwischen Bestätigungs- und Negierungs-Phänomenen zu ziehen? Dies ist genau der Punkt, der offen für Interpretationen ist. Die Antwort hat viele Verzweigungen hinsichtlich der relativen Wichtigkeit der Worte oder ihrer Bedeutungen, wenn man über ein Negierungs-Phänomen wie etwa die Leerheit meditiert.

Wie sieht es denn aus, wenn mein Freund dachte, dass der „Tenzin“, den ich meinte, sich auf eine andere Person namens „Tenzin“ bezog, die er kennt? Er betrachtete ein Foto in meinem Album und sah es entweder als eines meiner „Nicht-Tenzins“, oder aber er sah gar jene Person, die nicht mein „ Nicht-Tenzin“ war, nämlich meinen „Tenzin“. Er dachte „Nicht-Tenzin“, aber das Konzept von „ Nicht-Tenzin“, welches er dachte, war davon abgeleitet, dass er seinen „Tenzin“ ausgeschlossen hatte, nicht meinen. Laut Definition einer Negierung waren die „Nicht-Tenzins“, an die jeder von uns dachte, Negierungen. Jedoch waren sie nicht dasselbe Negierungs-Phänomen, weil die negierten Objekte verschieden waren.

Die Rolle von Sprache beim Begreifen eines Bestätigungs-Phänomens

Angenommen wir kommen zu dem Foto des „Tenzin“, den ich meinte und noch bevor ich irgendetwas sage denkt mein Freund, der niemanden mit dem Namen „Tenzin“ kennt, „Tenzin“. Wieder ist seine Wahrnehmung eine Vermutung, ein zutreffendes Raten. Aber ist der „Tenzin“, an den er denkt, ein Bestätigungs-Phänomen? Das Denken an ihn ist keine Abgrenzung eines zu negierenden Objekts, welches zuerst ein Denken an das zu negierende Objekt erfordert. Deshalb muss es laut der Definition einer Bestätigung ein Bestätigungs-Phänomen sein.

Aber was ist dasjenige Objekt, das die Bestätigung begründet? Ist es die Person „Tenzin“ oder nur das Wort „Tenzin“? Oder ist es beides? Schließlich existieren Worte und andere kommunizierende Klänge (zum Beispiel der Klang des Morse-Codes, Seufzen und Musik) nicht unabhängig von ihren Bezugsobjekten oder Bedeutungen. Wenn sie kommunikativ sind, dann bedeuten sie etwas für ihr ursprünglich intendiertes Publikum, selbst wenn ein Papagei sie spricht.

Angenommen mein Freund kannte eine andere Person namens „Tenzin“. Nehmen wir weiterhin an, dass er, als er das Foto des „Tenzin“ sah, den ich im Sinn hatte, ihn fälschlich für den „Tenzin“ hielt, den er kannte und dabei „Tenzin“ dachte. Ist seine konzeptuelle Wahrnehmung von „Tenzin“ gültig? Er schreibt einer Person denselben Namen zu wie der korrekten Person; somit ist von diesem Standpunkt aus, bloß den Namen „Tenzin“ zu denken, korrekt. Jedoch vom Standpunkt der Bezugsperson oder Bedeutung des Namens „Tenzin“ ist seine konzeptuelle Wahrnehmung inkorrekt.

Die Gelug-Position der Mehrheit

Die Gelug-Position der Mehrheit hinsichtlich der Rolle von Sprache bei der Unterscheidung zwischen Bestätigungen und Negierungen, wird offensichtlich, wenn Purchogs Definition eines Bestätigungs-Phänomens weiter ausgeführt wird. Zum Zeitpunkt des konzeptuellen Begreifens eines Bestätigungs-Phänomens haben die Klänge der Worte, die die Bestätigung ausdrücken – was auch immer diese Worte sein mögen – nichts mit der Art von Abgrenzung zu tun, die in der Definition eines Negierungs-Phänomens gemeint ist. „Abgrenzung“ in beiden Definitionen betrifft, als zu verneindende Objekte, ausschließlich die Bezugsobjekte oder Bedeutungen von Worten.

Die Klänge von Worten, Ausdrücken, Präfixe oder Suffixe grenzen andere Klänge von Worten aus. Beispiele auf Deutsch hierfür sind „nicht“, „kein“, „anders als“, „es gibt kein“, „kein solches Dinge wie“, „Abwesenheit“, „leer“, „Fehlen von“, „ohne“, „weder…noch“, „nicht mehr“, „noch nicht“, „ vergangen“, „entgegen“, „invers“, „umgekehrt“, „negativ/verneinend“, „nicht-“, „un-“, „in- “, „a-“ , „de-“, „anti-“, „kontra-“, „-los“ und so weiter. Ohne spezifische Bezugsobjekte oder Bedeutungen grenzen jedoch die Klänge dieser Worte, Ausdrücke, Präfixe oder Suffixe der Negierung keinerlei Bezugsobjekte oder Bedeutungen aus. Ihnen fehlt diese Kraft, für sich genommen, ob sie nun ein Bestätigungs- oder ein Negierungs-Phänomen ausdrücken.

Die Klänge, die ein Negierungs-Phänomen ausdrücken, beinhalten notwendigerweise die Klänge von Worten, Ausdrücken, Präfixe oder Suffixe der Negierung. Die Klänge, die ein Bestätigungs-Phänomen ausdrücken, können solche Klänge beinhalten oder auch nicht. Ein Bestätigungs-Phänomen kann bloß ein Wort oder das Bezugsobjekt oder die Bedeutung eines Wortes sein. Ein Negierungs-Phänomen ist ausschließlich das Bezugsobjekt oder die Bedeutung eines Wortes.

In dem weiter oben genutzten Beispiel dachte ich somit an „ein Nicht-Tenzin“, und mein Freund, der niemanden namens Tenzin kannte, dachte lediglich die Worte „nicht“ und „Tenzin“ nacheinander. Mein „Nicht-Tenzin“ war eine Negierung der Person „Tenzin“; sein „nicht Tenzin“ war bloß eine Bestätigung der Worte „nicht“ und „Tenzin“. Mein Freund, der jemanden anderen namens „Tenzin“ kannte, dachte ebenfalls an „ein Nicht-Tenzin“ basierend auf der Negierung einer Person. Aber sein „ Nicht-Tenzin“ und mein „Nicht-Tenzin“ waren zwei verschiedene Negierungs-Phänomene, nicht dieselben, da sie auf der Abgrenzung von zwei verschiedenen zu negierenden Objekten basierten.

Als ich „ein Tenzin“ dachte und mein Freund, der niemanden namens „Tenzin“ kannte, lediglich „ Tenzin“ dachte, war mein „Tenzin“ eine Bestätigung einer Person; sein „Tenzin“ war eine Bestätigung des Wortes „Tenzin“. Sie waren verschiedene Bestätigungs-Phänomene. Als mein Freund, der an jemanden anderen mit dem Namen „Tenzin“ dachte, an „ein Tenzin“ dachte, waren sein „Tenzin“ und mein „Tenzin“ verschiedene Bestätigungs-Phänomene.

Ausgenommen der Lehrbuch-Tradition der späteren Künkyen (tib. Kun-mkhyen ‘Jam-dbyangs bzhad-pa) akzeptieren alle anderen Gelug-Lehrbuch-Traditionen diese Interpretation.

Die Gelug-Position der Minderheit

Die Gelug-Interpretation der Minderheit, formuliert von Künkyen, stimmt dem nicht zu. Als ein konzeptueller Prozess kann sich die Abgrenzung entweder einfach nur auf ein anderes Wort oder aber auch auf das Bezugsobjekt oder die Bedeutung dieses Wortes richten.

Gemäß Künkyen dürfen die Klänge der Worte, die eine Bestätigung in einer gültigen konzeptuellen Wahrnehmung ausdrücken, keinerlei Abgrenzung von anderen Worten bilden. Daher:

  • Negierungen basieren auf der Abgrenzung von spezifischen Bezugsobjekten oder Bedeutungen von Worten und werden vermittels der Klänge von Worten ausgedrückt, die andere Worte abgrenzen.

  • Bestätigungen basieren auf keiner Abgrenzung von spezifischen Bezugsobjekten oder Bedeutungen von Worten und werden vermittels der Klänge von Worten ausgedrückt, die andere Worte nicht abgrenzen.

Daher sind ein Denken von „ein Nicht-Tenzin“ und von „nicht Tenzin“ beides Gedanken von Negierungen, obwohl sie nicht Gedanken desselben Negierungs-Phänomens sind. Ersteres ist die Negierung eines Bezugsobjekts oder Bedeutung eines Wortes; letzteres ist eine Negierung eines Wortes. Jedoch, wie die Gelug-Position der Mehrheit es vertritt, sind das Denken von „ein Tenzin“ und von „Tenzin“ beides zwar Bestätigungen, aber verschiedene Bestätigungen. Ersteres ist eine Bestätigung eines Bezugsobjekts oder Bedeutung eines Wortes; letzteres ist eine Bestätigung eines Wortes.

Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Gelug-Interpretationen ist somit:

  • Gemäß der Ansicht der Mehrheit: wenn die Worte, die ein Phänomen ausdrücken, mit einem Wort, Ausdruck, Präfix oder Suffix einer Negierung ausgedrückt werden, dann ist es nur dann ein Negierungs-Phänomen, wenn das Konzept dafür dadurch formuliert wird, dass ein spezifisches Bezugsobjekt oder Bedeutung des zu negierenden Wortes abgegrenzt wird.

  • Gemäß der Ansicht der Minderheit: wenn die Worte, die ein Phänomen ausdrücken, mit einem Wort, Ausdruck, Präfix oder Suffix einer Negierung ausgedrückt werden, dann ist es ein Negierungs-Phänomen, egal ob das Konzept dafür dadurch formuliert wird, dass ein spezifisches Bezugsobjekt oder Bedeutung des zu negierenden Wortes abgegrenzt wird oder nicht.

  • Aufgrund dieses Unterschiedes sind für die Ansicht der Mehrheit „Unbeständigkeit“ und „ Nichtstatischsein“ Bestätigungs-Phänomene, während sie für die Ansicht der Minderheit Negierungs-Phänomene sind. Das kommt daher, dass die Konzepte dafür dadurch formuliert werden, dass bloß die Klänge der Worte Beständigkeit und Statischsein abgegrenzt werden, aber nicht deren jeweilige Bedeutung. Wir brauchen die Bedeutung von „beständig“ oder „statisch“ nicht zu kennen, um zu wissen, dass etwas unbeständig ist, wenn wir sehen, dass es zerbricht.

Im Folgenden werden wir nur die Position der Mehrheit etwas genauer betrachten.

Begreifen eines Bestätigungs-Objekts

Folgende Frage könnte nun auftauchen. Wenn das Begreifen eines Negierungs-Phänomens erfordert, dass zuvor das zu negierende Objekt zu begreifen ist, und wenn das Begreifen eines Bestätigungs-Phänomens nicht die gleiche Anforderung stellt, erfordert dann das Begreifen eines Negierungs- oder eines Bestätigungs-Phänomens ein vorhergehendes Begreifen dieses Negierungs- oder Bestätigungs-Phänomens selbst?

Es ist wahr, dass wir ein Objekt, das sich vor uns befindet, nicht bezeichnen und „ein Apfel“ denken können, ohne im unmittelbar vorangehenden Moment eine physische Form gesehen, einen Geruch gerochen oder einen Geschmack geschmeckt und dann erst die geistige Bezeichnung Apfel angewendet zu haben. Solche Objekte, wie eine physische Form und so weiter, sind eine Basis für Bezeichnungen oder für eine Zuschreibung (tib. gdags-gzhi). In ähnlicher Weise gilt: selbst wenn sich kein solches Objekt vor uns befindet, können wir nicht an einen Apfel denken, ohne zuvor einen Apfel gesehen, gerochen, geschmeckt oder auch nur davon gehört zu haben. Als Baby können wir nicht einmal das geistige Wort Apfel denken, ohne es zuerst gelernt zu haben, indem wir den Klang Apfel hören. Aber: muss ein Baby zuerst einen Apfel gesehen haben, um „ ein Apfel“ lernen zu können, oder kann man einem Baby etwas zeigen, was es niemals zuvor gesehen hat, und es lernt direkt, was es ist? Kann ein Baby ein neues Wort lernen, das es niemals zuvor gehört hat?

Die Antwort ist „ja“. Sonst ließe sich die absurde Schlussfolgerung ziehen, dass es niemals irgendwelche neuen Erfindungen und neuen Worte dafür geben könnte, weil wir sie zuvor schon kennen müssten zumindest in einer vorangehenden Lebensspanne. Und jedes Wort in jeder Sprache müsste ewig sein und sich niemals verändert haben.

Somit erfordert das Begreifen eines Bestätigungs-Phänomens nicht ein vorhergehendes Begreifen des Bestätigungs-Phänomens. Wir können neue Dinge zum ersten Mal begreifen, z.B. wenn wir zum ersten Mal von einer neuen Erfindung hören oder sie sehen, und wir können neue Worte lernen, ohne zuerst irgendetwas gekannt haben zu müssen. Wir brauchen nicht einmal die Definition oder die Bedeutung von neuem Vokabular oder die Worte eines tibetischen, lateinischen, hebräischen oder arabischen Gebets zu kennen, das wir zu rezitieren lernen, bevor wir die Worte korrekt wissen können. Alles, was wir benötigen, ist ein gültiger Geist.

In ähnlicher Weise erfordert das Begreifen eines Negierungs-Phänomens kein vorhergehendes Begreifen des Negierungs-Phänomens. Wenn ein Kleinkind denkt, dass alles genießbar ist, so kann es das Konzept ungenießbar erlernen, wenn es das erste Mal versucht, etwas zu essen, was seinen Hunger nicht stillt.

[Siehe: Die Begründung der Existenz gültig erkennbarer Phänomene.]