Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Kongruente und nichtkongruente Einflussvariablen

Alexander Berzin
Januar 2001
Ergänzt im September 2002 und Juli 2006
Deutsch: Nailu Sari

[Als Hintergrund für diese Diskussion, siehe: Das grundlegende Schema der fünf Aggregatsfaktoren der Erfahrung.]

Das Aggregate der anderen Einflussvariablen

Unter den fünf Aggregatsfaktoren (tib. phung-po, Skt. skandha), die jeden Moment unserer Wahrnehmung ausmachen, enthält das „Aggregat der anderen Einflussvariablen“ (tib. ‘ du-byed-kyi phung-po, Skt. samskaraskandha, Aggregat karmischer Formationen, Aggregat der Willensregungen) zwei Arten von Einflussvariablen:

  1. kongruente Einflussvariablen (tib. ldan-pa’i ‘ du-byed),
  2. nichtkongruente teilende Einflussvariablen (tib. ldan-min ‘du-byed).

Kongruente Einflussvariablen teilen während dieses Moments der Wahrnehmung fünf kongruente Eigenschaften (tib. mtshungs-ldan lnga , fünf gemeinsame Dinge) mit dem Primärbewusstsein (tib. rnam-shes). Sie sind mit dem Primärbewusstsein nur kongruent (übereinstimmend) in Bezug auf diese fünf Variablen, aber nicht in Bezug auf alles kongruent. Sie sind nicht mit dem Primärbewusstsein, das sie begleiten übereinstimmend.

Die nichtkongruenten Einflussvariablen in diesem Aggregat begleiten die Wahrnehmung und haben einen Einfluss auf die Erfahrung, doch sie haben nicht die fünf kongruenten Eigenschaften mit dem Primärbewusstsein der Wahrnehmung gemeinsam.

Die fünf kongruenten Eigenschaften aus der Sicht der Vaibhashika-Lehre

Aus der Vaibhashika-Sicht von Vasubandhus „Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“ (tib. Chos mngon-pa’i mdzod, Skt. Abhidharmakosha), wie sie im siebzehnten Jahrhundert vom Gelug-Meister Yeshe-Gyaltsen (tib. Kha-chen Ye-shes rgyal-mtshan) in seinem Werk „Klare Darlegung der Arten des Primär- und des Nebenbewusstseins“ (tib. Sems-dang sems-byung-gi tshul gsal-bar bstan-pa) dargestellt werden, sind die fünf kongruenten Eigenschaften:

  1. Stütze (tib. rten, engl. reliance) – sie stützen sich auf den selben Wahrnehmungssensor (tib. dbang-po) als dominante Bedingung (tib. bdag-rkyen ) für ihr Entstehen,
  2. Objekt (tib. yul) – sie zielen kognitiv auf das selbe Objekt der Ausrichtung (tib. dmigs-yul), das die fokale Bedingung (tib. dmigs-rkyen , objektive Bedingung) für ihr Entstehen bildet,
  3. Geistiges Erscheinungsbild (tib. rnam-pa) – sie lassen den selben kognitiven Anschein des fokalen Objekts entstehen, als die Erscheinung des fokalen Objekts, die auf sie geworfen wird und die sie annehmen oder kognitiv aufnehmen,
  4. Zeit (tib. dus) – sie entstehen, verweilen und enden gleichzeitig,
  5. Ursprungsquelle (tib. rdzas , Ursprungssubstanz) – obwohl sie von ihren eigenen individuellen Ursprungsquellen kommen – was sich auf die individuellen karmischen Tendenzen (tib. sa-bon, karmische Samen, karmische Vermächtnisse) bezieht – kommen sie von Ursprungsquellen, die die selbe Neigung (tib. ris-mthun, engl. slant) haben. So arbeiten sie harmonisch zusammen, ohne aneinander zu stoßen – etwa innerhalb der Struktur eines einzigen Glaubens (tib. dad-pa) oder einer Absicht (tib. ‘ dun-pa).

Fünf kongruente Eigenschaften entsprechend der Chittamatra-Lehre

Aus der Chittamatra-Sicht von Asangas Text „Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“ (tib.Chos mngon-pa kun-las btus-pa, Skt. Abhidharmasamuccaya), wie sie von Yeshe-Gyaltsen erklärt wird, sind die fünf kongruenten Eigenschaften:

  1. Ursprungsquelle (tib. rdzas) – die kongruenten Einflussvariablen, die ein Primärbewusstsein begleiten entstehen alle aus einer einzigen Ursprungsquelle (aus einer einzigen karmischen Tendenz), welche die selbe Neigung wie die des Primärbewusstseins hat – und nicht aus verschiedenen Ursprungsquellen mit derselben Neigung.
  2. Fokales Erscheinungsbild (tib. dmigs-rnam) – da das Chittamatra nicht den Standpunkt akzeptiert, wonach die Wahrnehmung aus einer fokalen Bedingung entsteht oder ein tatsächliches Objekt der Ausrichtung besitzt, bezieht sich diese kongruente Eigenschaft darauf, dass sie das selbe kognitive Erscheinungsbild annehmen, wie das, worauf sie kognitiv zielen.
  3. Essentielle Natur (tib. ngo-bo) – dies bezeichnet die Art von Phänomenen, die Weisen sind, etwas wahrzunehmen und zwar destruktive, konstruktive und unspezifizierte Weisen.
  4. Zeit (tib. dus) – sie entstehen, verweilen und enden gleichzeitig,
  5. Ebene (tib. khams, Reich) und Bhumi-Ebene des Geistes (tib. sa, Skt. bhumi) – sie sind Elemente innerhalb der selben Ebene samsarischer Existenz oder innerhalb der selben Bhumi-Ebene des Geistes eines Arya Bodhisattvas. Es gibt drei Ebenen der samsarischen Existenz: die Ebene der wünschenswerten Formen physischer Phänomene (tib. ‘ dod-khams , Bereich der Begierde), die Ebene subtiler Formen physikalischer Phänomene (tib. gzugs-khams , Bereich der Formen) und die Ebene, der grobe und subtile Formen physischer Phänomene fehlen (tib. gzugs-med khams , Formloses Reich). Es gibt zehn Bhumi-Ebenen des Geistes eines Arya Bodhisattvas (jene, die eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit haben), die den Pfadgeist des Sehens (tib. mthong-lam, Pfad des Sehens) und den Pfadgeist des Gewöhnens (tib. sgom-lam , Pfad der Meditation) umspannen. 

Kongruente Einflussvariablen

Die kongruenten Einflussvariablen bestehen aus allen Arten von Nebengewahrsein eines Objekts (tib. sems-byung, Geistesfaktor, Nebengewahrsein) außer dem Empfinden einer Ebene von Glück (tib. tshor-ba) und dem Unterscheiden (tib. ‘ du-shes, Erkennen). Obwohl die letzten beiden Formen von Nebengewahrsein fünf kongruente Eigenschaften mit dem Primärbewusstsein, das sie begleiten, gemeinsam haben, bilden sie ihre eigenen individuellen Aggregatsfaktoren.

Nichtkongruente Einflussvariablen

Nichtkongruente Einflussvariablen sind nichtstatische (unbeständige) Phänomene, bei denen es sich weder um die Formen physischer Phänomene (tib. gzugs) handelt, noch um Weisen, sich etwas gewahr zu sein (tib. shes-pa). Wenn sie einem geistigen Kontinuum zugeschrieben werden, produzieren sie auf diesem Kontinuum eine Wirkung. Beispiele hierfür umfassen Vermächtnisse (Samen, Tendenzen) von vorangehenden Handlungen, störende Emotionen und Geisteshaltungen (tib. nyon-mongs), Gewohnheiten (tib. bag-chags) und das konventionelle „Ich“ (tib. nga).