Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Befleckte und unbefleckte Phänomene

Alexander Berzin, Juli 2005

Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Dräger

Gemäß den Abhidharma-Systemen von Vasubandhu und Asanga können Phänomene in befleckte (tib. zag-bcas, Skt. sashrava, verschmutzte) und unbefleckte (tib. zag-med, Skt. anashrava, unverschmutzte) Phänomene unterteilt werden. Im Allgemeinen machen befleckte Phänomene das aus, was „Samsara“ genannt wird, die sich unkontrollierbar wiederholenden Situationen von Wiedergeburt unter dem Einfluss von Impulsen (Karma) und störenden Emotionen und Geisteshaltungen, die Leid mit sich bringen. Unbefleckte Phänomene sind entweder frei von diesen Situation oder führen zu einer derartigen Freiheit.

Vasubandhus Präsentation gemäß dem Vaibhashika-System

In seinem Werk „Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“ (tib. Chos mngon-pa'i mdzod, Skt. Abhidharmakosha), definiert Vasubandhu befleckte Phänomene als jene, die dazu führen, dass befleckte Phänomene „anwachsen“. Mit anderen Worten, es sind jene Dinge, die verursachen, dass mehr befleckte Phänomene auftreten. Um diese Definition zu verstehen, müssen wir wissen, dass „befleckt“ im Allgemeinen etwas bezeichnet, das aus einer störenden Emotion oder Geisteshaltung erwächst. Werden derartige Dinge als Objekte entweder von unserem eigenen oder dem begrenzten Geist eines anderen wahrgenommen, resultieren sie in weiteren störenden Emotionen oder Geisteshaltungen im geistigen Kontinuum desjenigen, der sie wahrnimmt. Die fünf Aggregate, die störende Emotionen oder Geisteshaltungen begleiten, sind ebenfalls befleckt. Daher beschreibt Vasubhandu befleckte Phänomene alle als nichtstatische (unbeständige) Phänomene, außer denen, die zur vierten edlen Wahrheit gehören   das heißt außer all den wahren Pfaden des Geistes (wahre Pfade, nichtkonzeptuelle Erkenntnisse), die wir erreichen, sobald wir bloße, nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der vier edlen Wahrheiten erlangt haben. Wahre Pfade des Geistes und alle statischen (beständigen) Phänomene, wie Nirvana (Befreiung, Freiheit von allem Leid) und wahre Beendigungen (wahres Aufhören), sind unbefleckt.

Asangas Präsentation gemäß dem Chittamatra-System

In seinem Werk „Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“ (tib. Chos mngon-pa kun-las btus-pa, Skt. Abhidharmasamuccaya), definiert Asanga befleckte Phänomene als jene, die mit einem der sechs Pforten der Befleckung verbunden sind. Daher beschreibt Asanga sechs Kategorien von befleckten Phänomenen:

(1) Phänomene, die in ihrer Identitätsnatur eine Befleckung sind (tib. zag-pa'i bdag-nyid)   die sechs grundlegenden störenden Emotionen und Geisteshaltungen sowie die zwanzig zweitrangigen störenden Emotionen und Geisteshaltungen.

[Siehe: Geist und Geistesfaktoren: Die einundfünfzig Arten von Nebengewahrsein.]

(2) Phänomene, die mit Befleckungen verbunden sind (tib. zag-pa-dang 'brel-ba)   das Primärbewusstsein und andere Geistesfaktoren, die   in Bezug auf fünf Variablen   kongruent mit den grundlegenden und zweitrangigen störenden Emotionen und Geisteshaltungen sind, sowie die kognitiven Sensoren (tib. dbang-po), wie die lichtempfindlichen Zellen der Augen, die die dominanten Bedingungen (tib. bdag-rkyen) für ihr Entstehen sind. 

[Siehe: Kongruente und nichtkongruente Einflussvariablen.]

(3) Phänomene, die einen mit Befleckungen binden (tib. zag-pas bcings-pa)   die konstruktiven Phänomene, die einen in eine zukünftige samsarische Wiedergeburt werfen.

(4) Phänomene, die die Folge von Befleckungen sind (tib. zag-pa'i rjes-su 'brel-ba)   die gewöhnlichen Wesen auf der Ebene der ätherischen Formen (Formbereich) und der Ebene der formlosen Wesen (formloser Bereich), die durch befleckte karmische Vermächtnisse (tib. sa-bon, karmische Samen, karmische Tendenzen), die sie auf der Ebene der begehrenswerten Objekte (Bereich der Begierde) aufgebaut haben, in derartige Wiedergeburtszustände geworfen werden.

(5) Phänomene, die mit den Befleckungen in Einklang sind (tib. zag-pa'i rjes-su mthun-pa)   Objekte, die, wenn man sich auf sie fokussiert, störende Emotionen oder Geisteshaltungen auslösen können.

(6) Phänomene, die das Ergebnis von befleckten Ursachen sind (tib. zag-pa'i rgyu-las byung-ba)   die herangereiften Aggregate eines befreiten Wesens (tib. arhat), die die herangereiften Resultate (tib. rnam-smin-gyi 'bras-bu) von befleckten Ursachen sind, wie von Verlangen (tib. sred-pa). Dies bezieht sich auf Körper, Geist und so weiter eines Arhats während des verbleibenden Lebens, in der die Person Befreiung erlangt hat. Es bezieht sich auch auf die Aggregate jedes Wesens mit weniger Errungenschaften als ein Arhat. Unterscheidet man zwischen befleckten Aggregaten (tib. zag-bcas-kyi phung-po) und herbeiführenden Aggregaten (tib. nyer-len-gyi phung-po), wird „befleckt“ mit dieser Bedeutung benutzt. Herbeiführende Aggregate sind jene, die die Ursachen einschließen, durch die für die Person eine weitere karmische Wiedergeburt herbeiführen werden, wohingegen befleckte Aggregate jene sind, die aus samsarischen Ursachen herangereift sind. Daher sind Aggregate der zuvor erwähnten Arhats zwar befleckte, aber nicht herbeiführende Aggregate.

Asanga definiert unbefleckte Phänomene als jene, die nicht mit einer der sechs Pforten der Befleckung verbunden sind. Daher fallen unbefleckte Phänomene ebenfalls in sechs Kategorien. Eingeschlossen sind wahre Arten von Pfadgeist, wahre Beendigungen und alle statischen Phänomene wie der Raum, sowie die mit ihnen verbundenen Aggregate.

The Gelug-Prasangika-Präsentation

Gelug-Prasangika erklärt befleckte Phänomene als jene, die mit einer Erscheinung wahrer, auffindbarer Existenz vermischt sind. Die, die nicht mit einer solchen Erscheinung vermischt sind, wie die Aggregate von jemandem, der vollkommen nichtkonzeptuell in die Leerheit wahrer auffindbarer Existenz versunken ist, sind unbefleckt.