Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Das Aggregat der Formen
physischer Phänomene

Alexander Berzin, Juli 2006
Deutsch: Nailu Sari

[Siehe: Das Grundlegende Schema der fünf Aggregatsfaktoren der Erfahrung.]

Unter den fünf Aggregatsfaktoren der Erfahrung (tib. phung-po lnga, Skt. pancaskandha), umfasst das Aggregate der Formen physischer Phänomene (tib. gzugs-kyi phung-po):

  • Sinnesobjekte (tib. ‘ dod-yon, begehrenswerte Sinnesobjekte),
  • Körperliche Sensoren der Wahrnehmung (tib. dbang-po, Skt. indriya, Sinneskräfte),
  • Formen physischer Phänomene, die (ausschließlich) bei den kognitive Anreger enthalten sind, die (alle) Phänomene sind (tib. yid-kyi skye-mched-kyi gzugs).

Sinnesobjekte

Sinnesobjekte können sowohl von der Sinneswahrnehmung als auch von der geistigen Wahrnehmung erkannt werden. Sie umschließen:

  • Ansichten (tib. gzugs),
  • Geräusche (tib. sgra),
  • Gerüche (tib. dri),
  • Geschmäcker (tib. ro),
  • Taktile Empfindungen und andere Körperempfindungen (tib. reg-bya), wie Hitze, Kälte und Bewegung.

Unter „Ansichten“ fallen solche, die von gewöhnlichen menschlichen Augen gesehen werden können und solche, die so nicht gesehen werden können, wie die Körper von Geistern, Göttern und von Höllen- und Bardo-Wesen. In westlichen Begriffen umschließen sie also auch die Teile des Lichtspektrums, die dem menschlichen Auge unsichtbar sind, wie Infrarot und Ultraviolett. „ Ansichten“ umfasst auch die offenbarenden Formen (tib. rig-byed-kyi gzugs) konstruktiver und destruktiver körperlicher Handlungen. Die Gelug-Prasangika-Schule klassifiziert unter Ansichten auch Luftspiegelungen, von Zauberern geschaffene Illusionen und die Bilder, die bei einer gestörten Sicht erscheinen, wie wenn zum Beispiel eine schielende Person zwei Monde sieht.

In ähnlicher Weise umschließen Töne solche, die von gewöhnlichen menschlichen Ohren wahrgenommen werden können und solche, für die dies nicht gilt, wie Töne mit einer hohen Frequenz, die von Hunden gehört werden können. Sie umschließen sowohl Töne, die Informationen vermitteln – wie die Rede – als auch nichtkommunikative Töne, wie das Geräusch des Windes.

Obwohl die Texte bezüglich dieses Punktes nicht klar sind, ist es am wahrscheinlichsten, dass Sambhogakayas (tib. longs-sku, Körper  vollen Gebrauchs) eines Buddhas und Illusionskörper (tib. sgyu-lus), die auf der Vollständigkeitsstufe (tib. rdzogs-rim) des Anuttarayoga-Tantra erlangt werden, unter den Ansichten mit eingeschlossen werden müssten, da sie für das Sehbewusstsein der Arya-Bodhisattvas sichtbar sind.

Leerheit-Formen (tib. stong-gzugs), die man auf den ersten beiden Stufen der Kalachakra-Vollständigkeitsstufe erreicht, währen also auch Ansichten, da sie dem erhöhten Gewahrsein (tib. mngon-shes, gesteigertes Gewahrsein, außersinnliche Wahrnehmung) des Sehbewusstseins sichtbar sind. Diese Klassifizierung ist allerdings problematisch. In dem Text „Ein Schatzhaus spezieller  Themen des Wissens“ (tib. Chos mngon-pa’i mdzod, Skt. Abhidharmakosha) erklärt Vasubandhu, dass man auf der Grundlage von Sinnesbewusstsein erhöhtes Gewahrsein haben kann. In dem Text „Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“ (tib. Chos mngon-pa kun-las btus-pa, Skt. Abhidharmasamuccaya) erklärt Asanga allerdings, dass das erhöhte Gewahrsein auf geistigem Bewusstsein basiert, dass auf besonderen Kräfte der Sensoren der Augen (den photosensiblen Zellen der Augen) basiert.

Körperliche Wahrnehmungssensoren

Die körperlichen Sensoren der Wahrnehmung sind die dominanten Bedingungen (tib. bdag-rkyen) für ihre jeweiligen spezifischen Arten von Sinnesbewusstsein. Sie umschließen:

  • die photosensiblen Zellen der Augen (tib. mig-gi dbang-po),
  • die geräuschempfindlichen Zellen der Ohren (tib. rna’i dbang-po),
  • die geruchsempfindlichen Zellen der Nase (tib. sna’i dbang-po),
  • die geschmacksempfindlichen Zellen der Zunge (tib. lce’i dbang-po),
  • die Zellen des Körpers, die empfindlich auf die körperlichen Wahrnehmungen sind (tib. lus-kyi dbang-po).

Formen physischer Phänomene, die ausschließlich bei den kognitive Anreger enthalten sind, die alle Phänomene sind

Formen physischer Phänomene, die ausschließlich bei den kognitive Anreger enthalten sind, die alle Phänomene sind, können von der Sinneswahrnehmung nicht erkannt werden, sondern nur von der geistigen Wahrnehmung. Genau genommen können sie nicht zu den fünf äußeren kognitiven Anregern, welche sich auf die fünf Arten von Sinnesobjekten beziehen, gezählt werden, da solche Formen physischer Phänomene sowohl Objekte für das sensorische als auch für das geistige Bewusstsein sein können. Diese Formen der physischen Phänomene umschließen:

  • Formen physischer Phänomene, die andere Dinge bilden, indem sie sich ansammeln (tib. bsdus-pa-las gyur-pa'i gzugs), wie etwa Atome und subatomare Teilchen,
  • Formen physischer Phänomene, die in tatsächlichen Situationen existieren (tib. mngon-par skabs yod-pa'i gzugs), wie astronomische Entfernungen zwischen Sternen und mikroskopische Distanzen zwischen Atomen,
  • Formen physischer Phänomene, die daraus entstehen, dass man sie eindeutig annimmt (tib. yang-dag-par blangs-pa-las byung-ba'i gzugs), wie die subtilen nichtoffenbarenden Formen (tib. rnam-par rig-byed ma-yin-pa’i gzugs) der Gelübde und karmischer Handlungen, wie sie von der Vaibhashika- und Gelug-Prasangika Schule vertreten werden.
  • vollkommen imaginäre Formen physischer Phänomene (tib. kun-brtags-pa'i gzugs) wie die Sinnesobjekte in Träumen und die konzeptuell implizierten Objekte (tib. zhen-yul) bestimmter konzeptueller Wahrnehmungen. Beispiele hierfür wären  Knochen, die konzeptuell impliziert sind, wenn man sich vorstellt, wie der Boden mit Knochen übersät ist, aber ohne sie tatsächlich zu emanieren, oder Avalokiteshvara, der impliziert ist, wenn wir Avalokiteshvara konzeptuell visualisieren,
  • Formen physischer Phänomene, die entstehen, wenn man die Kontrolle über die Elemente erlangt (tib. dbang-‘byor-pa'i gzugs) wie das Feuer oder die Skelette, die man durch die Kraft vertiefter Konzentration (tib. ting-nge-‘dzin, Skt. samadhi) tatsächlich emanier