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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die sechzehn Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten und die sechzehn falschen Weisen, sie zu begreifen

Alexander Berzin, 1974
Ergänzt im September 2006 auf der Grundlage von Erklärungen von Geshe Jampa Gyatso
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Einleitung

Die wichtigsten Meditationsobjekte, auf die sich die fünf Ebenen des Pfadgeistes (tib. lam-lnga, fünf Pfade) der Shravakas, Pratyekabuddhas und Bodhisattvas konzentrieren, sind die sechzehn Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten (tib. bden-bzhi rnam-pa bcu-drug). Mit dem unterscheidenden Gewahrsein (tib. shes-rab, Skt. prajna, Weisheit) der spezifischen Details dieser sechzehn Aspekte befreien sie sich von den sechzehn falschen Weisen, die Vier Wahrheiten zu begreifen (tib. log-zhugs bcu-drug). Ferner benutzen die Übenden das unterscheidende Gewahrsein des Nichtvorhandensein einer unmöglichen „Seele“ (tib. bdag-med, Skt. anatma, Selbstlosigkeit, Identitätslosigkeit) in Bezug auf jede der sechzehn, um auch die emotionalen Schleier (tib. nyon-sgrib) loszuwerden, die ihre Befreiung verhindern. Im Kontext des Mahayana befreien sie sich außerdem auch von den kognitiven Schleiern (tib. shes-sgrib), die ihre allwissenden Erleuchtung verhindern.

[Siehe: Die Fünf Ebenen des Pfadgeistes (Fünf Pfade): grundlegende Darstellung.]

Hier werden wir den Erklärungen der Gelug-Tradition folgen, wie sie von Gyeltsab Je (tib. rGyal-tshab rJe Dar-ma rin-chen) im Text „Filigranschmuck der Erklärungen der Essenz von (Haribhadras) ‚Kommentar zu (Maitreyas) „Filigranwerk der Verwirklichungen“ der die Bedeutung klärt’“ dargestellt wird.

Die Sechzehn Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten

Wahre Leiden

„Wahre Leiden“ (tib. sdug-bsngal bden-pa, Skt. dukha-satya) bezieht sich auf die fünf befleckten Aggregat-Faktoren der Erfahrung (tib. zag-bcas-kyi phung-po lnga, fünf verunreinigte Skandhas). Die fünf Aggregat-Faktoren sind: Formen physischer Phänomene, Empfinden eines Grades an Glücklichsein oder Unglücklichsein, Unterscheiden (Erkennen), andere beeinflussende Variablen (Willensregungen) und Bewusstseinstypen. „Befleckt“ bedeutet, dass sie aus störenden Emotionen und Geisteshaltungen (tib. nyon-mongs, Skt. klesha, plagenden Emotionen) entstehen.

[Siehe: Das grundlegende Schema der fünf Aggregatfaktoren der Erfahrung. Siehe auch: Befleckte und unbefleckte Phänomene.]

Die Vier Aspekte der wahren Leiden sind:

  1. Nichtstatische Phänomene (tib. mi-rtag-pa, Skt. anitya, Unbeständigkeit). Die fünf befleckten Aggregat-Faktoren sind nichtstatische Phänomene, die zeitweilig sind und sich von Augenblick zu Augenblick verändern. Jedes beliebige Set der fünf Aggregate eines bestimmten Lebens kommt schließlich zu einem Ende und in jedem Augenblick bewegt es sich näher auf dieses Ende zu.

  2. Leidvolle Phänomene (tib. sdug-bsngal-ba, Skt. dukha, Leiden). Die fünf befleckten Aggregat-Faktoren sind Phänomene, die ohne Unterbrechung einer oder mehreren der drei Arten von Leiden ausgesetzt sind. Sie sind also „leidvolle Phänomene“, da sie unter der Kontrolle anderer Faktoren stehen (nämlich den wahren Ursprüngen des Leiden), die sie befleckt sein lassen. Die drei Arten von Leiden sind das Unglücklichsein, die Veränderung (was sich auf beflecktes Glück bezieht), and das alles-umfassende Leiden (was sich darauf bezieht, dass die fünf Aggregate die Basis der ersten beiden Arten von Leiden sind).

  3. Leere Phänomene (tib. stong-pa, Skt. shunya, leer). Die fünf befleckten Aggregat-Faktoren sind leer von einer groben, unmöglichen „Seele“ – von einem statischen, monolithischen Selbst („Ich“) in Form einer getrennte Entität, die unabhängig von den fünf Aggregaten ist und sie kontrolliert und benutzt.

  4. Phänomene, denen eine unmögliche „Seele“ fehlt (tib. bdag-med-pa, Skt. anatmaka, Selbstlosigkeit). Den fünf befleckten Aggregat-Faktoren fehlt eine subtile, unmögliche „Seele“ – ein eigenständig erkennbares Selbst („Ich“) (tib. rang-rkya thub-pa’i rdzas-yod-kyi bdag), die bzw. das sie kontrolliert und benutzt.

Zum dritten und vierten Aspekt gibt es alternative Erklärungen. „Die fünf befleckten Aggregat-Faktoren sind leere Phänomene“ bedeutet, dass es in Bezug auf die fünf so etwas wie eine unmögliche „Seele“, die entweder vollkommen eins mit ihnen (ihnen vollkommen gleich) oder von ihnen vollkommen unterschiedlich (vollkommen getrennt) ist, nicht gibt. „Die fünf befleckten Aggregat-Faktoren sind Phänomene, denen eine unmögliche ,Seele’ fehlt“ impliziert das entscheidende Verständnis des vollkommenen Nichtvorhanderseins einer unmöglichen „Seele“, das auf dem Denkschritt des dritten Aspektes des wahren Leidens basiert. Das entscheidende Verständnis ist, dass den fünf befleckten Aggregat-Faktoren vollkommen eine unmögliche „Seele“ fehlt, da eine solche Seele nicht als genau dasselbe wie diese Aggregate oder etwas von ihnen unterschiedenes etabliert werden kann.

In dieser Formulierung ist die unmögliche „Seele“ im dritten und vierten Aspekt dasselbe. Je nach Lehrsystem kann es sich bei der unmöglichen „Seele“ um die subtile unmögliche „Seele“ einer Person handeln – nämlich um ein eigenständig erkennbares „Ich“ oder um die unmögliche „Seele“ aller Phänomene – entsprechend dem System , das sie definiert.

Wahre Ursprünge (Wahre Ursachen)

Wahre Ursprünge (tib. kun-‘byung bden-pa, Skt. samudaya-satya, wahre Ursachen) des Leidens bezieht sich im Allgemeinen auf störende Emotionen und Geisteshaltungen sowie auf karmische Impulse (Karma).

Genauer gesagt bezieht sich „störende Emotionen und Geisteshaltungen“ auf Begierde (tib. sred-pa, Skt. trshna), welche das achte der zwölf Glieder des abhängigen Entstehens (tib. rten-‘brel ‘byung-ba, Skt. pratityasamutpada) ist. Begierde ist gleichwertig mit Anhaftung (tib. chags-pa) und manifestiert sich als Klammern an folgenden Dingen: (a) nicht von gewöhnlichen Formen des Glücks getrennt sein; (b) von dem, was Angst macht, getrennt sein, d.h. von Schmerz und Unglück, (c) an der Weiterexistenz.

Die Bezeichnung „karmische Impulse“ bezieht sich hier spezifischer auf das zweite Glied des abhängigen Entstehens – auf die beeinflussenden Impulse (tib. ‘du-byed, Skt. samskara, Willensfaktoren) und auf das zehnte Glied – Weiterexistenz (tib. srid-pa, Skt. bhava, Werden). „Beeinflussende Impulse“ bezieht sich auf das werfende Karma (tib. ‘phen-byed-kyi las), welches aus karmischen Impulsen besteht, die stark von störenden Emotionen und Geisteshaltungen motiviert sind. Die karmische Hinterlassenschaft dieser Impulse (der positiven und negativen karmischen Kräfte und der positiven und negativen karmischen Tendenzen oder Samen) kann unser geistiges Kontinuum in weitere samsarische Wiedergeburten „werfen“. Begierde aktiviert diese karmische Hinterlassenschaft, während das Glied der Weiterexistenz sich auf diese aktivierte karmische Nachwirkung bezieht. Dieser Mechanismus ist die Ursache des alles-umfassenden Leidens, nämlich weiterhin befleckte Aggregat-Faktoren zu haben, die die Grundlage für das Leiden des Unglücks und der Veränderung sind.

[Siehe: Die Zwölf Glieder des abhängigen Entstehens.]

Die vier Aspekte wahrer Ursprünge sind:

  1. Ursachen (tib. rgyu, Skt. hetu). Zum Beispiel ist die Begierde eine Ursache für wahre Leiden in dem Sinne, dass sie zusammen mit einem Herbeiführer (tib. len-pa, Skt. upadana, grasping), dem neunten Glied des abhängigen Entstehens, werfendes Karma aktiviert. Das aktivierte werfende Karma reift dann als eine weitere samsarische Wiedergeburt. Daher wird Begierde oft als „Wurzel allen Leidens“ herausgestellt. „Herbeiführer“ beziehen sich auf ein Set störender Emotionen und Geisteshaltungen. Sie umschließen: (a) Verlangen nach irgendeinem Sinnesobjekt; (b) eine verblendete Sicht, eine extreme Ansicht oder die Haltung, mit der man eine verblendete Sicht als die höchste ansieht; (c) die Haltung, mit der man verblendete Moral oder verblendetes Verhalten als das höchste ansieht und (d) eine verblendete Sicht in Hinblick auf ein eines vergängliches Netzwerk.

  2. Ursprünge (tib. kun-‘byung, Skt. samudaya). Begierde, herbeiführende störende Emotionen und Geisteshaltungen und karmische Impulse sind die Ursprünge, aus denen immer und immer wieder alles wahre Leiden der wiederholten samsarischen Wiedergeburt entstehen.

  3. Starke Produzenten (tib. rab-skyes, Skt. prabhava). Begierde und karmische Impulse (sowohl im Allgemeinen als in ihren spezifischen Instanzen) produzieren stark die Ergebnisse großen (starken) Leidens.

  4. Bedingungen (tib. rkyen, Skt. pratyaya). Begierde und Herbeiführer sind die gleichzeitig wirkenden Bedingungen (tib. lhan-cig byed-pa'i rkyen, Skt. sahakaripratyaya) für das Entstehen von weiteren samsarischen Wiedergeburten und für das wahre Leiden, das solche Wiedergeburten nach sich ziehen. Dies bedeutet, dass Begierde und eine störende Emotion oder Geisteshaltung vorhanden sein müssen, damit die karmische Hinterlassenschaften aktiviert werden und als werfender karmischer Impuls wirken können. Dies ist wie die Notwendigkeit von Wasser und Dünger, damit ein Samen zu einem Schössling keimen kann.

Wahre Beendigungen (wahres Aufhören)

Zu wahren Beendigungen (tib. ‘gog-pa’i bden-pa, Skt. nirodha-satya, wahres Aufhören) von wahrem Leiden und seiner wahren Ursprünge kommt es im geistigen Kontinuum von Aryas (hochverwirklichten Übenden, die eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der sechzehn Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten haben) dadurch, dass sie Gegenkräfte anwenden. Wahre Beendigungen sind statische Phänomene, die sich nie verändern und für immer anhalten. Wenn sie im geistigen Kontinuum einer Person vorhanden sind, kommt es daher nie wieder zu wahrem Leiden und seinen wahren Ursprüngen. Genauer gesagt handelt sich um Beendigungen von Teilen der emotionalen oder kognitiven Schleier.

Die vier Aspekte der wahren Beendigungen sind:

  1. Beendigungen (tib. ‘gog-pa, Skt. nirodha). Wahre Beendigungen sind Beendigungen einer Portion wahrer Leiden und wahrer Ursprünge im geistigen Kontinuum einer Person. So bleibt aufgrund der Gegenkräfte, die angewandt wurden, damit die wahren Beendigungen erfolgen können nichts mehr auf dem Kontinuum, dass zu einer Wiederkehr dieser Portion Leiden oder seines Ursprungs führen kann.

  2. Befriedungen (tib. zhi-ba Skt. shanta). Wahre Beendigungen sind in folgendem Sinne eine Befriedung: da das geistige Kontinuum, auf dem sie stattfinden, vollkommen und für immer von einer Portion wahrer Leiden und wahrer Ursprünge befreit wurde, sind sie Zustände ewig andauernden Friedens. Man beachte, dass in der buddhistischen Fachterminologie ein Aufgeben (tib. spong-ba, Skt. hani) eine Trennung (tib. bral-ba, Skt. visamyoga) ist, die statisch ist – sie ist unveränderlich und hält für immer.

  3. Höhere Zustände (tib. gya-nom-pa, Skt. pranita). Wahre Beendigungen sind höhere Zustände, die unbefleckt sind, da sie für immer von einer Portion der störenden Emotionen und Geisteshaltungen getrennt sind. Außerdem sind sie voller Wonne, da sie für immer von den wahren Leiden getrennt sind, die durch diese Portion von störenden Emotionen und Geisteshaltungen herbeigeführt werden.

  4. Endgültige Austritte (tib. nges-‘byung, Skt. ni:sarana, Engl. definite emergences). Wahre Beendigungen sind endgültige Austritte aus dem Leiden des Samsara in dem Sinne, dass sie für immer anhalten.

Wahre Ebenen des Pfadgeistes (Wahre Pfade)

„Wahre Ebenen des Pfadgeistes“ (tib. lam-gyi bden-pa, Skt. marga-satya, wahre Pfade) bezieht sich auf die Ebenen des Pfadgeistes des Sehens (tib. mthong-lam, Pfad des Sehens), die Ebenen des Pfadgeistes des Sich-Gewöhnens (tib. sgom-lam, Pfad der Meditation) und die Ebenen des Pfadgeistes des Nicht-mehr-Übens (tib. mi-slob lam, Pfad des Nicht-mehr-Lernens) der Shravakas, Pratyekabuddhas und Bodhisattvas. Mit anderen Worten beziehen sie sich auf die Ebenen des Pfadgeistes aller Aryas. Die Ebenen des Pfadgeistes beziehen sich daher spezifischer auf die Ebenen des Geistes, die ein nichtkonzeptuelles unterscheidendes Gewahrsein der sechzehn Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten haben.

Die vier Aspekte der wahren Ebenen des Pfadgeistes sind:

  1. Ebenen des Pfadgeistes (tib. lam, Skt. marga). Wahre Ebenen des Pfadgeistes, welche nichtkonzeptuelle Wahrnehmungen des Nichtvorhandenseins einer unmöglichen „Seele“ sind, dienen als Pfad, auf dem man den Zustand eines gewöhnlichen Wesens verlässt und den Zustand eines Aryas und die weiteren Zustände erreicht. „Weitere Zustände“ bezieht sich auf das Fortschreiten bis zum Ziel der Befreiung als ein Shravaka- oder Pratyekabuddha-Arhat oder bis zur Erleuchtung als ein Buddha.

  2. Angebrachte Mittel (tib. rigs-pa, Skt. nyaya). Wahre Ebenen des Pfadgeistes haben das unterscheidende Gewahrsein der wahren Leiden und der wahren Urspünge, von denen es angebracht ist, sich zu befreien, und die wahren Gegenmittel, um sich für immer von ihnen zu befreien.

  3. Mittel für die Realisierungen (tib. sgrubs-pa, Skt. pratipatti). Wahre Ebenen des Pfadgeistes sind Mittel, um die korrekten nichtkonzeptuellen Verwirklichungen zu realisieren, um den verwirklichten Zustand eines Aryas und das Ziel der Erlösung oder der Erleuchtung zu realisieren. Im Mahayana-Kontext beinhaltet dies für die Bodhisattvas eine korrekte Verwirklichung der leeren Natur des Geistes.

  4. Mittel für endgültige Beseitigungen (tib. nges-‘byin-pa, Skt. nairyanika). Wahre Ebenen des Pfadgeistes sind Mittel, um alle Schleier, die das Erreichen der obengenannten Ziele verhindern, endgültig zu entfernen.

Die sechzehn verzerrten Weisen, die Vier Edlen Wahrheiten zu begreifen

Wahres Leiden

Die vier verzerrten Weisen, wahres Leiden zu begreifen, sind:

  1. Man hält für rein was unrein ist. Obwohl die fünf befleckten Aggregat-Faktoren, beispielsweise der Körper, mit unreinen Substanzen gefüllt sind, beinhaltet diese irrige Sichtweise, dass man diese Aggregat-Faktoren als rein sieht. Solche Arten von falschen Ansichten entstehen daraus, dass man an die Existenz eines statischen, monolithischen „Ichs“ glaubt, dass getrennt und unabhängig von den Aggregaten existiert und die Aggregate benutzt und genießt. Wir glauben dann, dass die Aggregate, wie etwa der Körper, die von diesem unmöglichen „Ich“ genossen werden, sauber sein müssen; wie könnten wir sie ansonsten genießen? Das unterscheidende Gewahrsein des dritten Aspekts der wahren Leiden – es sind leere Phänomene – beseitigt diesen Fehler.

  2. Man hält für Glück was Leiden ist. Obwohl die fünf befleckten Aggregat-Faktoren von der Natur des alles-umfassenden Leidens sind, beinhaltet diese irrige Sichtweise, dass man sie fälschlicherweise als von der Natur des Glücks ansieht. Das unterscheidende Gewahrsein des zweiten Aspekts des wahren Leidens – sie sind leidvolle Phänomene – beseitigt diesen Fehler.

  3. Man hält für statisch was nicht statisch ist. Obwohl die fünf befleckten Aggregat-Faktoren nichtstatisch sind, da sie sich in jedem Moment verändern und da ihre Kontinuität in einem Leben nur eine kurze Zeit anhält, beinhaltet diese irrige Sicht, dass man sie fälschlicherweise als statisch ansieht, in dem Sinne, dass man sie für unveränderlich und ewig andauernd hält. Das unterscheidende Gewahrsein des ersten Aspekts des wahren Leiden – es sind nichtstatische Phänomene – beseitigt diesen Fehler.

  4. Man hält das für eine unmögliche „Seele“ was nicht als eine unmögliche „Seele“ begründet ist. Obwohl die fünf befleckten Aggregat-Faktoren leer davon sind, als eigenständig erkennbares „Ich“ begründet zu werden, beinhaltet diese irrtümliche Sicht, dass man sie als ein solches unmögliches „Ich“ ansieht. Das unterscheidende Gewahrsein des vierten Aspekts der wahren Leiden – sie sind Phänomenen ohne eine unmögliche „Seele“ – beseitigt diesen Fehler.

Wahre Ursprünge

Die vier verzerrten Weisen, wahre Ursprünge zu begreifen sind:

  1. Die erste verzerrte Weise, die wahren Ursprünge zu begreifen, beinhaltet zwei Aspekte.
    a) Der erste Aspekt ist die Annahme, dass das Leiden keine Ursache habe. Dies ist die falsche Sichtweise, dass das Leiden vollkommen grundlos entstehe, wie sie von der Charvaka-Schule der indischen Philosophie vertreten wird. Die Charvakas akzeptieren das Karma nicht.
    b) Der zweite Aspekt der ersten verzerrten Art, wahre Ursprünge anzunehmen, besteht in der Meinung, das Leiden habe eine widersprüchliche Ursache. Dies ist die falsche Sichtweise, dass das Leiden aus Ursachen entsteht, die mit dem Leiden nichts zu tun haben oder darauf bezogen irrelevant sind, wie wenn Chili aus Zuckerrohr-Samen entstehen würde statt aus Chilisamen. Ein Beispiel für diese irrige Sichtweise ist der Glaube, dass das Leiden von einer Störung (tib. rnam-‘gyur, Skt. vikara, Transformation) der Urmaterie (tib. gtso-bo, Skt. pradhana) kommt, wie es die Samkhya-Schule der indischen Philosophie behauptet.
    Das unterscheidende Gewahrsein des ersten Aspekts der wahren Ursprünge – Begierde und Karma sind die Ursachen allen Leidens – eliminiert beide Aspekte dieser ersten falschen Sichtsweise.

  2. Man nimmt an, das Leiden würde nur von einer einzigen Ursache geschaffen. Doch Ergebnisse wie das Leiden entstehen aus einer Vielzahl von Ursachen und Bedingungen, genau wie Schösslinge nicht nur aus den Samen entstehen, sondern aus einer Kombination beitragender Faktoren – Samen, Wasser, Dünger, Hitze, Licht, und so weiter. Das unterscheidende Gewahrsein des zweiten Aspekts der wahren Ursprünge – Begierde und Karma sind immer und immer wieder die Ursprünge allen Leidens – beseitigt diese falsche Sichtsweise.

  3. Man nimmt an, das Leiden wird geschaffen, indem es uns vom Geist eines anderen Wesens – wie etwa von Ishvara – geschickt wird. Entsprechend der Sicht der Vaisheshika-Schule der indischen Philosophie wird uns aufgrund eines vorgefassten Planes vom Geist des Schöpfergott Ishvara Leiden zugesandt. Demnach schafft und sendet Ishvara manchmal Leiden und manchmal nimmt er sich eine Pause von dieser Art von Aktivität. Das unterscheidende Gewahrsein des dritten Aspekts der wahren Ursprünge – Begierde und Karma sind die starken Produzenten von Leiden, egal, was irgendein Schöpfer auch tun mag – beseitigt diese falsche Sichtsweise.

  4. Man denkt, dass was die Ursache des Leidens angeht, es etwas gibt, das von seiner Natur her permanent ist, sich aber zeitweilig verändert, je nach Gelegenheit. Diese falsche Sichtweise bezieht sich auf die Behauptung der Jain-Schule der indischen Philosophie, derzufolge Lebewesen (tib. srog, Skt. jiva) von Natur aus ewige, vollkommene Seelen sind, die ewigen Frieden erfahren. Doch aufgrund ihrer Verbindung mit der Materie erleben sie zeitweiliges, veränderliches Leiden. Das unterscheidende Gewahrsein des vierten Aspekts der wahren Ursprünge – Begierde und Karma sind die Bedingungen für das Leiden – eliminiert diese falsche Sichtsweise.

Wahre Beendigungen

Die vier verzerrten Weisen, wahre Beendigungen zu begreifen, sind:

  1. Man denkt, dass es wo etwas wie Befreiung nicht gibt. Dies ist die falsche Sichtweise, die von der Charvaka-Schule der indischen Philosophie vertreten wird. Das unterscheidende Gewahrsein des ersten Aspekts der wahren Beendigungen – wahre Beendigungen sind ewige Beendigungen, die durch die Kraft der Gegenkräfte erfolgen – beseitigt diese verkehrte Sichtsweise.

  2. Man denkt, dass bestimmte befleckte Phänomene die Befreiung sind. Dies ist die verkehrte Sichtsweise, dass die balancierten Versenkungen (tib. snyoms-‘jug) der tatsächlichen Zustände (tib. dngos-gzhi) der vier Ebenen geistiger Stabilität (tib. bsam-gtan, Skt. dhyana) – die „vier Dhyanas“ die mit der Ebene der himmlischen Formen (Form-Reich) assoziiert sind und die balancierten Versenkungen die mit der Ebene der formlosen Wesen (formloses Reich) assoziiert sind Zustände letztendlicher Befreiung sind. Doch solche Meditationszustände sind weiterhin befleckt mit störenden Emotionen und Geisteshaltungen. Da nach diesen Zuständen weiterhin störende Emotionen und Geisteshaltungen auftreten, können diese ausbalancierten Versenkungen keine Zustände letztendlicher Befreiung sein. Das unterscheidende Gewahrsein des zweiten Aspekts der wahren Beendigungen – wahre Beendigungen sind Befriedung störender Emotionen und Geisteshaltungen – beseitigt diese falsche Sichtsweise.

  3. Man denkt, dass einige spezifische leidhafte Zustände die Befreiung sind. Dies ist die falsche Sichtweise, wonach das Erlangen der Aggregate eines formlosen Wesens ein Zustand letztendlicher Befreiung sei. Die beschränkten Wesen, die auf der Ebene der formlosen Wesen wiedergeboren werden, haben nur vier Aggregat-Faktoren: sie haben kein Aggregat der Formen, keinen groben Körper. Obwohl sie während dieses bestimmten Lebens auch weder das Leiden des Unglücks noch das Leiden der Veränderung haben, erleben sie doch weiterhin das alles-umfassende Leiden befleckte Aggregate zu haben. Das unterscheidende Gewahrsein des dritten Aspekts wahrer Beendigungen – wahre Beendigungen sind höhere Zustände – beseitigt diese falsche Sichtsweise.

  4. Man denkt, dass das Leiden zwar vermindert werden kann, doch dass es wiederkehren wird. Das unterscheidende Gewahrsein des vierten Aspekts wahrer Beendigungen – wahre Beendigungen sind endgültige Austritte aus dem samsarischen Leiden – beseitigt diese falsche Sichtsweise.

Wahre Ebenen des Pfadgeistes

Die vier verzerrten Weisen, die wahren Ebenen des Pfadgeistes zu begreifen sind:

  1. Man denkt, dass es so etwas wie einen Pfadgeist, der zur Befreiung führt, nicht gibt. Das unterscheidende Gewahrsein des ersten Aspekts der wahren Ebenen des Pfadgeistes – das nichtkonzeptuelle unterscheidende Gewahrsein des Nichtvorhandenseins einer unmögliche „Seele“ ist ein Pfadgeist, der zur Befreiung führt – beseitigt diese falsche Sichtweise.

  2. Man denkt, dass der Pfadgeist der Meditation über das Nichtvorhandensein einer unmögliche „Seele“ unangebracht ist. Das unterscheidende Gewahrsein des zweiten Aspekts der Ebenen des wahren Pfadgeistes – das nichtkonzeptuelle unterscheidende Gewahrsein des Nichtvorhandenseins einer unmöglichen „Seele“, ist ein angebrachtes Mittel, um die wahren Leiden und die wahren Ursprünge für immer zu beenden – beseitigt diese falsche Sichtweise.

  3. Man denkt, dass spezifische Zustände geistiger Stabilität an und für sich Ebenen des Pfadgeistes sind, die zur Befreiung führen. Zwar kann das nichtkonzeptuelle unterscheidende Gewahrsein des Nichtvorhandenseins einer unmöglichen „Seele“ aufrechterhalten werden in zahlreichen Zuständen geistiger Stabilität, wie sie in Verbindung mit einem Geist auf der Ebene der ätherischen Formen vorkommen. Aber die inkorrekte Sicht besteht in der Annahme, dass diese Zustände geistiger Stabilität in sich selbst Ebenen des Pfadgeistes, der zur Befreiung führt, sind. Das unterscheidende Gewahrsein des dritten Aspekts der wahren Ebenen des Pfadgeistes – das nichtkonzeptuelle unterscheidende Gewahrsein des Nichtvorhandenseins einer unmöglichen „Seele“ ist das Mittel zur Verwirklichung des Arya-Zustandes und des Zustandes der Befreiung – beseitigt diese falsche Sichtweise.

  4. Man denkt, dass es so etwas wie einen Pfadgeist nicht gibt, der die Wiederkehr des Leidens beenden kann. Das unterscheidende Gewahrsein des vierten Aspekts der wahren Ebenen des Pfadgeistes – nichtkonzeptuelles unterscheidendes Gewahrsein des Nichtvorhandenseins einer unmögliche „Seele“ – ist das Mittel für das definitive, endgültige Beseitigen des wahren Leidens und der wahren Ursprünge – beseitigt diese falsche Sichtweise.