Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Was erkennt ein Buddha, wenn er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erkennt?

Alexander Berzin
Oktober 2007
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn und Albert Pichlmaier
Überarbeitet von Cornelia Krause

Teil eins: Zeitlich verbundene Phänomene

Einführung

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind bedeutende Themen, die es auf dem buddhistischen Pfad zu studieren gilt. Für die Bereinigung von Karma ist es hilfreich, die Natur vergangener destruktiver Handlungen, die wir begangen haben, und ihre zukünftigen karmischen Ergebnisse zu verstehen. Mit einem von Bodhichitta motivierten Ziel müssen wir uns auch auf unsere künftige Erleuchtung ausrichten, die wir erreichen wollen. Existieren irgendwelche dieser Phänomene jetzt? Gibt es so etwas wie „die Vergangenheit“ oder „die Zukunft“, die wir jetzt wissen können? Wenn es so ist, auf welche Weise existieren sie? Geschehen sie jetzt? Wie können wir uns darauf ausrichten?

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

  • In der westlichen Gedankenwelt wird Zeit in Begriffen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklärt. Diese Formulierung bezieht sich auf die Abfolge der drei Zeiten aus der Perspektive der Gegenwart. Zum Beispiel aus der Perspektive des gegenwärtigen Jahres 2007 verhält es sich folgendermaßen:
  • Die Vergangenheit bezieht sich auf das vergangene Jahr 2006.
  • Die Gegenwart bezieht sich auf das gegenwärtige Jahr 2007.
  • Die Zukunft bezieht sich auf das kommende Jahr 2008.

In der buddhistischen Terminologie wird solch eine Abfolge so formuliert:

  • das Nicht-mehr-Stattfinden (tib. ´das-pa) oder vergangene Stattfinden von etwas – sei es ein Objekt, ein Geschehen oder die Erfahrung von einem der beiden.
  • das gegenwärtige Stattfinden (tib. da-lta-ba) von etwas anderem, das dem Nicht-mehr-Stattfinden von etwas Vorherigem folgt.
  • das Noch-nicht-Stattfinden (tib. ma-‘ong-ba) von etwas noch anderem, das dem gegenwärtigen Stattfinden von etwas Vorhergehendem folgt.

Im Buddhismus spricht man auch vom „Schon-Zerfallensein“ (tib. zhig-pa) von etwas. Im Lehrsystem des Prasangika-Madhyamaka gemäß Gelug-Tradition ist das gleichbedeutend mit dem „Nicht-mehr-Stattfinden“ von etwas.

Eine gebräuchlichere Variante im Buddhismus, die drei Zeiten begrifflich zu erfassen und auszudrücken, ist bezogen auf ein und dasselbe Objekt, Geschehen oder die Erfahrung davon – zum Beispiel das Jahr 2007 – bevor, während und nachdem es stattfindet. In dem Fall ist die Reihenfolge der Perspektiven der Zeit umgekehrt. In westlicher Terminologie ausgedrückt:

  • Zuerst, nämlich bevor es stattfindet, ist das Jahr 2007 in der Zukunft.
  • Während das Jahr 2007 stattfindet, ist es in der Gegenwart.
  • Nachdem es stattgefunden hat, ist das Jahr 2007 in der Vergangenheit.

In der buddhistischen Terminologie werden diese Perspektiven der Zeit so ausgedrückt:

  • das Noch-nicht-Stattfinden von etwas.
  • das gegenwärtige Stattfinden von etwas.
  • das Nicht-mehr-Stattfinden oder vergangene Stattfinden von etwas oder auch das Schon-Zerfallensein von etwas.

Auf diese Abfolge werden wir nun unsere Aufmerksamkeit richten.

Die drei Zeiten in Verbindung mit einem Phänomen, das seine eigene wesentliche Natur beibehält

Die Definition eines Phänomens (tib. chos, Skt. dharma) ist ein gültiges Erkenntnisobjekt, das seine eigene wesentliche Natur (tib. ngo-bo) beibehält.

Nehmen wir das Phänomen Joghurt. Gemäß den Aussagen des Gelug-Prasangika-Systems ist es so, dass wir, wenn wir eine visuelle Wahrnehmung eines Moments der farbigen Form von Joghurt haben, auch das üblicherweise in der Welt wohlbekannte (tib. ´jig-rten-la grags-pa) Joghurt wahrnehmen.

  • Das allgemein bekannte Joghurt ist ein konventionelles Objekt der Erfahrung (tib. tha-snyad spyod-yul), ein gültig erkennbares Objekt, das für eine bestimmten Gruppe von Wesen, die es gültig wahrnehmen, seine eigene, spezielle wesentliche Natur als Joghurt, und nicht als etwas anderes, beibehält. Zum Beispiel von Menschen wird es gültig als Joghurt wahrgenommen. Auch wenn andere Gruppen von Wesen es als etwas anderes wahrnehmen – zum Beispiel Klammergeister (hungrige Geister) es als Eiter und himmlische Wesen (Götter) es als Nektar wahrnehmen – behält das allgemein bekannte Objekt weiterhin seine eigene wesentliche Natur bei, in diesen Fällen als Eiter oder als Nektar.
  • Als allgemein bekanntes Objekt umfasst es Lokalisierungen aller vier Sinnesdaten für Menschen – farbige Form, Geruch, Geschmack und Tastempfindung – und bleibt während des zeitlichen Kontinuums der gegenwärtig stattfindenden Momente bestehen, während derer es seine wesentliche Natur als Joghurt beibehält.
  • Das gegenwärtige Vorhandensein des Joghurts bezieht sich nicht nur auf den unmittelbar gegenwärtigen Moment, sondern erstreckt sich auf das zeitweise Kontinuum gegenwärtig stattfindender Momente, nämlich so lange, wie die wesentliche Natur des Objekts als Joghurt beibehalten wird. Mit anderen Worten: Das gegenwärtige Stattfinden des Joghurts ist das zeitliche Intervall zwischen dem Entstehen und dem Enden des allgemein bekannten Objekts, dessen wesentliche Natur Joghurt ist.
  • Das Nicht-mehr-Vorhandensein des Joghurts beginnt dann, wenn das Kontinuum der wesentlichen Natur des Joghurts als Joghurt endet, zum Beispiel wenn aus dem Joghurt Quark entsteht. Das Nicht-mehr-Vorhandensein des Joghurts beginnt nicht mit dem Ende des gegenwärtig stattfindenden Moments des allgemein bekannten Joghurts und dem Entstehen des nächsten Moments des allgemein bekannten Joghurts.
  • Das zeitliche Kontinuum der gegenwärtig stattfindenden Momente von etwas ist also nicht dasselbe wie das zeitliche Kontinuum von Noch-nicht-Stattfinden, gegenwärtigem Stattfinden und Nicht-mehr-Stattfinden [bzw., wenn es sich nicht um Ereignisse, sondern um Objekte handelt, von Noch-nicht-Vorhandensein, gegenwärtigem Vorhandensein und Nicht-mehr-Vorhandensein von etwas].

Die obige Darstellung des gegenwärtigen Vorhandenseins von Joghurt als einem Kontinuum gegenwärtig stattfindender Momente von etwas, das seine wesentliche Natur als Joghurt beibehält, ist vielleicht leichter zu verstehen, wenn man das Ganze auf das gegenwärtige Stattfinden des Jahres 2007 bezieht. Auf den ersten Moment des gegenwärtigen Stattfindens des Jahres 2007 folgt ja nicht das Nicht-mehr-Stattfinden des Jahres 2007. Etwas gröber formuliert: Das Jahr 2007 wird nicht nach nur einem Moment des Jahres 2007 zum vergangenen Jahr. Aus der Perspektive jedes Moments vom Beginn des 1. Januars bis zum Ende des 31. Dezembers findet das Jahr 2007 gegenwärtig statt.

Bestätigungs-Phänomene und Negierungs-Phänomene

Das gegenwärtige Stattfinden von etwas ist ein Bestätigungs-Phänomen. Das Noch-nicht-Stattfinden von etwas, das Nicht-mehr-Stattfinden von etwas und das Schon-Zerfallensein von etwas hingegen sind Negierungs-Phänomene.

Ein Bestätigungs-Phänomen (tib. sgrub-pa, bestätigend erkanntes Phänomen) ist ein gültig erkennbares Phänomen, welches auf die Art und Weise erfasst wird, dass die Töne, die das Phänomen zum Ausdruck bringen, nicht explizit ein zu negierendes Objekt (tib. dgag-bya) ausschließen, ausklammern, verwerfen oder zurückweisen.

  • „Ausschließen“ (tib. bcad-pa) umfasst die Bedeutung, dass das Objekt, das damit negiert wird, zuvor erfasst wurde, und, wenn es ein existierendes Phänomen ist, dass es aus der Gruppe aller gültig erkennbaren Phänomene ausgeschlossen wird, die anders sind als es selbst, oder, wenn es ein nicht existierendes Phänomen ist, dass es aus der ganzen Gruppe sämtlicher erkennbaren Phänomen überhaupt ausgeschlossen wird.Um das „gegenwärtig stattfindende Heute“ gültig zu erkennen, ist es nicht erforderlich, zuvor korrekt und entschieden ein Gestern oder Morgen zu erkennen, und die Töne, mit dem das „gegenwärtig stattfindende Heute“ zum Ausdruck gebracht wird, weisen nicht ausdrücklich „Gestern“ oder „Morgen“ zurück.

Ein Negierungs-Phänomen (tib. dgag-pa, negierend erkanntes Phänomen) ist ein gültig erkanntes Phänomen, welches auf die Art und Weise erfasst wird, dass das Objekt, das negiert werden soll, durch die begriffliche Wahrnehmung, die das Phänomen erkennt, ausdrücklich ausgeschlossen wird.

  • Um den Tag, der als „das nicht mehr stattfindende Gestern“ bezeichnet wird, oder den Tag, der als „das noch nicht stattfindende Morgen“ bezeichnet wird, gültig begrifflich zu erfassen, ist es erforderlich, zunächst ein „gegenwärtig stattfindendes Gestern“ oder „gegenwärtig stattfindendes Morgen“ zu konzeptualisieren und dann zu negieren, dass dies Tage sind, die jetzt stattfinden. Dazu ist es aber nicht erforderlich, Einzelheiten solch eines „gegenwärtig stattfindenden Gestern“ oder „ gegenwärtig stattfindenden Morgen“ zu kennen oder sich vorzustellen.
  • Um beispielsweise das „noch nicht stattfindende Mittagessen“ begrifflich zu erfassen, ist es erforderlich, zunächst ein „gegenwärtig stattfindendes Mittagessen“ zu konzeptualisieren und es dann zu negieren, aber es ist nicht erforderlich, die Gerichte des Speisezettels für das Mittagessen zu kennen oder sich vorzustellen.
  • Sobald wir ein Negierungs-Phänomen gültig begrifflich erkannt haben, können wir es unbegrifflich gültig erkennen. Die verschiedenen indischen buddhistischen Lehrsysteme erklären diesen Punkt jedoch jeweils unterschiedlich.

[Siehe: Bestätigungen und Negierungen, fassbare und nicht fassbare letztendliche Phänomene. Für weitere Einzelheiten siehe: Gelug-Definitionen zu Phänomenen der Bestätigung und der Negierung.]

Drei der achtzehn besonderen Merkmale, die nur ein Buddha aufweist (tib. sangs-rgyas-kyi chos ma ´dres-pa), sind, dass sein tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes) alles umfasst, dass er die noch nicht stattfindende Zeit, die gegenwärtig stattfindende Zeit und die nicht mehr stattfindende Zeit sieht, und dass all dies ohne jede Anhaftung (tib. chags-med) und völlig ungehindert (tib. thogs-med) geschieht.

  • Ein Buddha haftet nicht an dem, was er sehen kann, weil er sich von allen emotionalen Schleiern befreit hat.
  • Er ist ungehindert, weil er sich auch von allen kognitiven Schleiern (tib. shes-sgrib) befreit hat.

Aber was nimmt das allwissende tiefe Gewahrsein eines Buddha eigentlich wahr, wenn er die drei Zeiten erkennt?

Feine Unterscheidungen

Es gibt viele feine Unterscheidungen, die hier bezüglich der Zeit gemacht werden, und viele unterschiedliche Meinungen der verschiedenen buddhistischen Schulen und Meister. Lassen Sie uns jedoch lediglich nur einige davon betrachten und unser Augenmerk vor allem auf die karmischen Ursachen und erfahrenen Ergebnisse im geistigen Kontinuum eines Individuums betrachten.

Was die karmischen Ergebnisse betrifft, unterscheidet man im Buddhismus in Verbindung mit den Zeiten drei verschiedene gültig erkennbare Dinge. Um diese anhand eines Beispiels zu illustrieren, lassen Sie uns annehmen, wir würden eine Wiedergeburt (tib. yang-srid) als Frosch annehmen, egal, ob das zeitliche Kontinuum dieser Wiedergeburt nach einem Moment endet oder sich über die ganze normale Lebensspanne eines Froschs erstreckt.

Die noch nicht stattfindende Zeit:

  • Das Noch-nicht-Stattfinden unserer Wiedergeburt (tib. yang-srid-kyi mi-‘ong-ba) als Frosch,
  • die noch nicht stattfindende Wiedergeburt (tib. yang-srid mi-‘ong-ba) als Frosch,
  • unsere Wiedergeburt als Frosch, die noch nicht stattgefunden hat (tib. ma-‘ong-ba‘i yang-srid), und, genauer, unsere Wiedergeburt als Frosch, die stattfinden kann oder wird, aber noch nicht stattfindet (tib. mi-‘ong-ba‘i skye-‘gyur-gyi yang-srid).

Die ersteren beiden sind Negierungs-Phänomene, während das dritte ein Bestätigungs-Phänomen ist.

  • Bei einer „noch nicht stattfindende Wiedergeburt“ handelt es sich um eine Einheit, die die wesentliche Natur beibehält, eine „noch nicht stattfindende Wiedergeburt“ zu sein. Falls ein Element in einer Einheit für sich genommen ein Negierungs-Phänomen ist, gilt die gesamte Einheit als Negierungs-Phänomen. Eine „noch nicht stattfindende Wiedergeburt als Frosch“ ist also als Gesamtheit ein Negierungs-Phänomen. Für dessen gültige Wahrnehmung ist es erforderlich, zuerst eine „gegenwärtig stattfindende Wiedergeburt als Frosch“ zu konzeptualisieren und dann zu negieren, dass sie jetzt stattfindet.
  • Eine „Wiedergeburt, die noch nicht stattfindet“ bezieht sich auf etwas, das die wesentliche Natur beibehält, eine „Wiedergeburt“ zu sein. Als Wiedergeburt ist dies ein Bestätigungs-Phänomen. Ihr „Noch-nicht-Stattfinden“ beschreibt diese Wiedergeburt nur.

Die Unterschiede zwischen diesen drei Dingen entsprechen in der westlichen Formulierung der Zeit den Unterschieden zwischen:

  • der Zukunft eines Objekts,
  • einem zukünftigen Objekt,
  • einem Objekt, das in der Zukunft liegt.

Die gegenwärtig stattfindende Zeit

Der Buddhismus unterscheidet auch:

  • das gegenwärtige Stattfinden unserer Wiedergeburt (tib. yang-srid-kyi da-lta-ba) als Frosch,
  • die gegenwärtig stattfindende Wiedergeburt (tib. yang-srid da-lta-ba) als Frosch,
  • unsere Wiedergeburt als Frosch, die gegenwärtig stattfindet (tib. da-lta-ba´i yang-srid).

Alle drei sind Bestätigungs-Phänomene und entsprechen der Unterscheidung zwischen der Gegenwart eines Objekts, einem gegenwärtigen Objekt und einem Objekt, das in der Gegenwart liegt. Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus sind alle drei gleichwertig.

Die nicht mehr stattfindende Zeit

Ebenso unterscheidet der Buddhismus die folgenden Paare:

  • das Nicht-mehr-Stattfinden unserer Wiedergeburt (tib. yang-srid-kyi ‘das-pa) als Frosch,
  • das Schon-Zerfallensein unserer Wiedergeburt als Frosch (tib. yang-srid-kyi zhig-pa);
  • die nicht mehr stattfindende Wiedergeburt (tib. yang-srid ´das-pa) als Frosch,
  • die schon zerfallene Wiedergeburt (tib. yang-srid zhig-pa) als Frosch;
  • unsere Wiedergeburt als Frosch, die nicht mehr stattfindet (tib. ‘ das-pa‘i yang-srid),
  • unsere Wiedergeburt als Frosch, die schon zerfallen ist (tib. zhig-pa‘i yang-srid).

Hier sind die ersten beiden Paare Negierungs-Phänomene, während es sich beim letzten Paar um Bestätigungs-Phänomene handelt. Diese Unterschiede entsprechen denjenigen zwischen der Vergangenheit eines Objekts, einem vergangenen Objekt und einem Objekt, das in der Vergangenheit liegt.

Existierende Phänomene und nicht existierende Phänomene

Die buddhistische Analyse unterscheidet auch existierende Phänomene von nicht existierenden Phänomenen.

Existierende Phänomene (tib. yod-pa) sind Objekte, die gültig erkannt werden können. Sie umfassen sowohl Bestätigungs- als auch Negierungs-Phänomene, und jedes davon kann statisch oder nicht-statisch sein.

  • Nicht-statische Phänomene (tib. mi-rtag-pa, unbeständige Phänomene), gleichbedeutend mit beeinflussten Phänomenen (tib. ´dus-byas-kyi chos, bedingte Phänomene), sind diejenigen existierenden Phänomene, die von Ursachen und Bedingungen beeinflusst werden und sich daher von Moment zu Moment ändern – jedoch nur so lange, wie sie existierende Phänomene bleiben, die ihre wesentliche Natur beibehalten.
  • Statische Phänomene (tib. rtag-pa, beständige Phänomene), gleichbedeutend mit unbeeinflussten Phänomenen (tib. ´dus ma-byas-kyi chos, nicht bedingte Phänomene), sind diejenigen existierenden Phänomene, die nicht von Ursachen und Bedingungen beeinflusst werden und sich daher nicht von Moment zu Moment ändern – aber ebenfalls nur so lange, wie sie existierende Phänomene bleiben, die ihre wesentliche Natur beibehalten.
  • Sobald ein statisches Phänomen aufhört zu existieren, ist die Variable, ob sich diese Phänomen zeit seiner Existenz von Moment zu Moment änderte oder nicht, nicht mehr relevant. Seine Beendigung bzw. sein Aufhören (tib. ´gog-pa) ist nichtsdestotrotz ein statisches Phänomen, das durch nichts beeinflusst wird und sich nicht von Moment zu Moment ändert.

Beide, nicht-statische und statische Phänomene, können entweder:

  • Anfang und Ende haben,
  • einen Anfang und kein Ende haben,
  • keinen Anfang, aber ein Ende haben
  • oder keinen Anfang und kein Ende haben.

[Siehe: Statische und nichtstatische Phänomene.]

Nicht existierende Phänomene (tib. med-pa), z.B. so etwas wie Schildkrötenhaar, können Objekte der Wahrnehmung, jedoch nicht Objekte gültiger Wahrnehmung sein.

All die Dinge, die im vorhergehenden Abschnitt erwähnt wurden – Noch-nicht-Stattfinden usw. -, sind existierende Phänomene. Sie alle können gültig erkannt werden.

Gültige und ungültige Phänomene

Eine andere Gruppe von Variablen sind die gültigen Phänomene und ungültigen Phänomene.

Ein gültiges Phänomen (tib. srid-pa) ist eines, das jetzt gültig erkannt werden kann.

Ein ungültiges Phänomen (tib. mi-srid-pa) ist eines, das jetzt nicht gültig erkannt werden kann. Solche Phänomene schließen sowohl existierende als auch nicht existierende Phänomene ein.

  • Ein existierendes ungültiges Phänomen ist eines, das möglicherweise jetzt kein Objekt gültiger Wahrnehmung (tib. tshad-ma) sein kann, aber zu einer anderen Zeit gültig wahrgenommen werden könnte.
  • Ein nicht existierendes ungültiges Phänomen ist eines, das unmöglich ein Objekt gültiger Wahrnehmung sein kann. Eine andere Bezeichnung für solch ein Phänomen könnte „niemals gültiges Phänomen“ sein.

Analyse im Hinblick auf die drei Zeiten

Lassen Sie uns die Dinge analysieren, die während der zeitweiligen Abfolge beteiligt sind, in der Milch als Ursache für Joghurt dient und dann Joghurt als Ursache für Quark. Wir sehen von dem Fall ab, dass jemand die Milch trinkt oder verschüttet usw., bevor sie zu Joghurt wird, oder jemand den Joghurt isst oder verschüttet usw., bevor er zu Quark wird. Die verschiedenen buddhistischen Lehrsysteme unterscheiden sich in ihren Analysen in Bezug darauf, ob einige dieser Phänomene, die wir aufzählen werden, als statische oder nicht-statische Phänomene gelten. Wir werden ihre Sichtweisen später in diesem Artikel darstellen.

Untersuchen wir zunächst das existierende Bestätigungs-Phänomen „gegenwärtiges Stattfinden von Joghurt im Topf“ .

  • Während des Zeitraums des „gegenwärtigen Stattfindens von Milch im Topf“ und des „gegenwärtigen Stattfindens von Quark im Topf“ ist das „gegenwärtige Stattfinden von Joghurt im Topf“ ein ungültiges Phänomen. Es kann zu diesen Zeiten kein Objekt gültiger Wahrnehmung sein.
  • Außerdem ist das „gegenwärtige Stattfinden von Joghurt im Topf“ auch während des Zeitraums des „Noch-nicht-Stattfindens von Joghurt im Topf“ und des „ Nicht-mehr-Stattfindens von Joghurt im Topf“ ein ungültiges Phänomen.
  • Das „gegenwärtige Stattfinden von Joghurt im Topf“ ist nur während des Zeitraums, den es mit dem „Nicht-mehr-Stattfinden von Milch im Topf“ und dem „ Noch-nicht-Stattfinden von Quark im Topf“ gemeinsam hat, ein gültiges Phänomen. Zu dieser Zeit kann das „gegenwärtige Stattfinden von Joghurt im Topf“ gültig wahrgenommen werden.
  • Und ähnlich sind nur während des Zeitraums des „gegenwärtigen Stattfindens von Joghurt im Topf“ auch das „gegenwärtig stattfinde Joghurt im Topf“ und das „ Joghurt, das gegenwärtig im Topf stattfindet“ gültige Phänomene. Sie können während dieses Zeitraums durch unbegriffliche einfache Wahrnehmung (tib. mngon-sum tshad-ma) gültig wahrgenommen werden.

Untersuchen wir als Nächstes das existierende Negierungs-Phänomen „Noch-nicht-Stattfinden von Joghurt im Topf“ .

  • Das „Noch-nicht-Stattfinden von Joghurt im Topf“ ist während des Zeitraums des „ Nicht-mehr-Stattfindens von Milch im Topf“ ein ungültiges Phänomen. Zu dieser Zeit kann es kein Objekt gültiger Wahrnehmung sein.
  • Das „Noch-nicht-Stattfinden von Joghurt im Topf“ ist zudem auch während des Zeitraums des „gegenwärtigen Stattfindens von Joghurt im Topf“ und während des Zeitraums des „Nicht-mehr-Stattfindens von Joghurt im Topf“ ein ungültiges Phänomen.
  • Nur während des Zeitraums von „gegenwärtigem Stattfinden von Milch im Topf“ ist das „Noch-nicht-Stattfinden von Joghurt im Topf“ ein gültiges Phänomen – zu dieser Zeit gültig wahrnehmbar.
  • Ähnlich sind nur während des Zeitraums des „ Noch-nicht-Stattfindens von Joghurt im Topf“ auch das „noch nicht stattfindende Joghurt im Topf“ und das „Joghurt, das noch nicht im Topf stattfindet“ gültige Phänomene. Sie können während dieses Zeitraums von gewöhnlichen Wesen mittels schlussfolgernder Wahrnehmung (tib. rjes-dpag tshad-ma) gültig begrifflich wahrgenommen werden, nämlich beruhend auf gültiger unbegrifflicher einfacher Wahrnehmung des „gegenwärtigen Stattfindens von Milch im Topf“ und einer Schlussfolgerung wie: „Wenn alle Bedingungen zusammengekommen sind, fungiert Milch als Ursache für die Entstehung von Joghurt“.
  • Wenn während des Zeitraums des „Noch-nicht-Stattfindens von Joghurt im Topf“ das „noch nicht stattfindende Joghurt im Topf“ und das „Joghurt im Topf, das noch nicht stattfindet“ gültig wahrgenommen werden, macht die gültige Wahrnehmung dies nicht zum „ gegenwärtigen Stattfinden von Joghurt“ oder „Joghurt, das gegenwärtig stattfindet“. Auch wenn gewöhnliche Wesen zur Zeit des „gegenwärtigem Stattfindens von Milch im Topf“ eine gültige schlussfolgernde Wahrnehmung des „Noch-nicht-Stattfindens von Joghurt im Topf“ haben, gibt es keine Garantie, dass das „gegenwärtig stattfindende Joghurt im Topf“ als Ergebnis der „gegenwärtig stattfindenden Milch im Topf“ jemals tatsächlich ein gültiges Objekt sein wird, das jetzt gültig wahrgenommen wird.

Untersuchen wir als Nächstes das existierende Negierungs-Phänomen „Nicht-mehr-Stattfinden von Joghurt im Topf“ .

  • Das „Nicht-mehr-Stattfinden von Joghurt im Topf“ ist während des Zeitraums des „gegenwärtigen Stattfindens von Milch im Topf“ und während des Zeitraums des „Noch-nicht-Stattfindens von Quark im Topf“ ein ungültiges Phänomen. Zu diesen Zeiten kann es nicht gültig wahrgenommen werden.
  • Überdies ist das „Nicht-mehr-Stattfinden von Joghurt im Topf“ auch während des Zeitraums des „Noch-nicht-Stattfindens von Joghurt im Topf“ und während des Zeitraums des „gegenwärtigen Stattfindens von Joghurt im Topf“ ein ungültiges Phänomen.
  • Nur während des Zeitraums des „gegenwärtigen Stattfindens von Quark im Topf“ ist das „nicht mehr stattfindende Joghurt im Topf“ gültig wahrnehmbar.
  • Ähnlich sind nur während des Zeitraums des „nicht mehr stattfindenden Joghurts im Topf“ das „nicht mehr stattfindende Joghurt im Topf“ und des „Joghurts im Topf, das nicht mehr stattfindet“ gültige Phänomene. Sie könnten während dieses Zeitraums von gewöhnlichen Wesen mittels gültiger schlussfolgernder Wahrnehmung gültig wahrgenommen werden, beruhend auf gültiger, unbegrifflicher, einfacher Wahrnehmung des „gegenwärtigen Stattfindens von Quark im Topf“ und einer Schlussfolgerung wie: „Wenn alle Bedingungen zusammengekommen sind, fungiert Joghurt als Ursache für die Entstehung von Quark“.
  • Wenn während des Zeitraums des „Nicht-mehr-Stattfindens von Joghurt im Topf“ das „nicht länger stattfindende Joghurt im Topf“ und das „Joghurt im Topf, das nicht länger stattfindet“ gültig erkannt werden, macht diese gültige Wahrnehmung sie nicht zum „ gegenwärtig stattfindenden Joghurt“ oder „Joghurt, das gegenwärtig stattfindet“.

Vom Standpunkt des Madhyamaka-Lehrsystems aus ist ein „wahrhaft existierendes Joghurt im Topf“ ein nicht existierendes Phänomen.

  • Das „Noch-nicht-Stattfinden“, „gegenwärtige Stattfinden“ und „Nicht-mehr-Stattfinden von wirklich existierendem Joghurt im Topf“ sind keine gültigen Phänomene und können niemals Objekte gültiger Wahrnehmung sein.
  • Ähnlich sind auch das „noch nicht stattfindende“, „gegenwärtig stattfindende“ und „nicht mehr stattfindende wahrhaft existierende Joghurt im Topf“ und das „ wahrhaft existierende Joghurt im Topf, das noch nicht stattfindet“, „das gegenwärtig stattfindet“ und „das nicht mehr stattfindet“ niemals gültige Phänomene und niemals gültig zu erkennen.

Andere zeitlichverbundene existierende Phänomene

Der Buddhismus erörtert drei andere zeitlich verbundene existierende Phänomene, und alle drei sind gemäß allen indischen buddhistischen Lehrsystemen statische Phänomene. Lassen Sie uns auch sie in Bezug auf die Variablen gültig oder ungültig untersuchen.

Nicht-analytische Beendigung

Untersuchen wir das „Nie-Geschehen“ eines potenziellen Ereignisses, sobald stattdessen etwas anderes eingetreten ist“ – zum Beispiel unsere Wiedergeburt in diesem Leben als Frosch in Indien, sobald wir in diesem Leben als Frosch in Amerika wiedergeboren sind. Der Zustand, von jenem Ereignis im geistigen Kontinuum „getrennt zu sein“ (tib. bral-ba), wird als eine „nicht-analytische Beendigung“ (tib. so-sor brtags-pa min-pa´i ´gog-pa) bezeichnet. Sie ist ein statisches Phänomen, das einem geistigen Kontinuum nur zugeschrieben ist und für immer währt.

Betrachten wir nun den Zeitraum des „gegenwärtigen Stattfindens“ der karmischen Tendenz in unserem geistigen Kontinuum, die (1) sowohl die Fähigkeit hat, unsere Wiedergeburt in diesem Leben als Frosch in Indien hervorzubringen, als auch (2) die Fähigkeit hat, unsere Wiedergeburt in diesem Leben als Frosch in Amerika hervorzubringen. Während dieses Zeitraums [des gegenwärtigen Stattfindens dieser Tendenz] ist das „Nie-Geschehen unserer Wiedergeburt in diesem Leben als Frosch in Indien, sobald wir in diesem Leben als Frosch in Amerika wiedergeboren sind“ ein ungültiges Phänomen in unserem geistigen Kontinuum und kann nicht gültig wahrgenommen werden.

  • Nur während des Zeitraums, den das „Nicht-mehr-Stattfinden dieser karmischen Tendenz“ und das „ gegenwärtige Stattfinden“ oder „Nicht-mehr-Stattfinden unserer Wiedergeburt in diesem Leben als ein Frosch in Amerika“ in unserem geistigen Kontinuum gemeinsam haben, ist das „Nie-Geschehen unserer Wiedergeburt in diesem Leben als Frosch in Indien, sobald wir in diesem Leben als Frosch in Amerika wiedergeboren sind“ ein gültiges Phänomen und gültig erkennbar.
  • Dieses „Nie-Geschehen“ ist ein statisches Phänomen, das mit dem Entstehen des „gegenwärtigen Stattfindens unserer Wiedergeburt in diesem Leben als Frosch in Amerika“ in unserem geistigen Kontinuum beginnt und dann ohne sich zu ändern oder durch irgendetwas beeinflusst zu sein, in unserem geistigen Kontinuum für immer währt.
  • Eine ähnliche Analyse könnte auch durchgeführt werden für das „ Nie-Geschehen unseres Sehens von ‘gegenwärtig stattfindendem Joghurt im Topf‘ “, sobald wir mit gültiger Wahrnehmung das „gegenwärtige Stattfinden von jemandem, der die ‘gegenwärtig stattfindende Milch im Topf‘ trinkt“ gesehen haben.

Analytische Beendigungen

Betrachten wir nun das „Nie-Geschehen eines potenziellen Ereignisses, sobald die Ursachen dafür durch Gegenkräfte bereinigt wurden“ – z.B. weitere samsarische Wiedergeburten in unserem geistigen Kontinuum, sobald wir ein Arhat, ein befreites Wesen geworden sind. Die wahre Beendigung (tib. ´gog-bden, wahres Aufhören) solcher karmischer Reifungen, die durch den Bewusstseinszustand eines wahren Pfades (tib. lam-bden, wahrer Pfad) erreicht wird, wird als „analytische Beendigung“ (tib. so-sor brtags-pa´i gog -pa) bezeichnet. Auch sie ist ein statisches Phänomen, das einem geistigen Kontinuum nur zugeschrieben ist, und auch sie währt für immer.

  • Während des Zeitraums, den das „gegenwärtige Stattfinden der karmischen Tendenzen in unserem geistigen Kontinuum, die die Fähigkeit haben, unsere weiteren samsarischen Wiedergeburten hervorzubringen“ und das „Noch-nicht-Stattfinden weiterer samsarischer Wiedergeburten“ in unserem geistigen Kontinuum gemeinsam haben, ist das „Nie-Geschehen unserer weiteren samsarischen Wiedergeburten, sobald wir ein Arhat geworden sind“ ein ungültiges Phänomen in unserem geistigen Kontinuum und kann nicht gültig wahrgenommen werden.
  • Nur während des Zeitraums des „Nicht-mehr-Stattfindens der karmischen Tendenzen in unserem geistigen Kontinuum, die die Fähigkeit haben, unsere weiteren samsarischen Wiedergeburten hervorzubringen“ ist das „Nie-Geschehen unserer weiteren samsarischen Wiedergeburten, sobald wir Arhat geworden sind“ ein gültiges Phänomen in unserem Kontinuum und gültig erkennbar.
  • Dieses „Nie Geschehen“ ist ein statisches Phänomen, das mit dem Entstehen des „gegenwärtigen Stattfindens unseres Erreichens der Arhatschaft“ beginnt, in unserem geistigen Kontinuum der Fall zu sein, und dann ohne sich zu verändern oder von irgendetwas beeinflusst zu sein für immer in unserem geistigen Kontinuum andauert.

Leerheit

Betrachten wir nun noch das „Nie-Geschehen einer Art von Existenz, die niemals der Fall sein könnte“, z.B., gemäß der Madhyamaka-Lehre, die wahrhafte Existenz unserer Wiedergeburt als Frosch. Die völlige Abwesenheit solch einer unmöglichen Art und Weise der Existenz als Frosch wird als die „ Abwesenheit einer unmöglichen ‘Seele‘ einer Person“ (tib. gang-zag-gi bdag-med, Freiheit vom Selbst einer Person, Identitätslosigkeit einer Person) und als eine Leerheit (tib. stong-pa-nyid, Leere) bezeichnet. Sie ist ein statisches gültiges Phänomen, das zu jeder Zeit gültig wahrgenommen werden kann und auf der Grundlage eines jeden existierenden Phänomens zugeschrieben werden kann, solange dieses Phänomen seine wesentliche Natur beibehält.