Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Wesensart der Zeit als ein Zeitintervall

Alexander Berzin, Oktober 2007
Übersetzung ins Deutsche: Albert Pichlmaier

Definition der Zeit

Im Buddhismus betrachtet man Zeit nicht als ein absolutes Behältnis, in dem Ereignisse auftreten, und das unabhängig von diesen Ereignissen existiert. Daher erklärt der Buddhismus Raum und Zeit auch nicht als ein Hintergrundraster, das die Raum/Zeit-Koordinaten der in ihm enthaltenen Objekte liefert. Zeit (tib. dus, Skt. kala) ist eine nichtkongruente Einflussvariable (tib. ldan-min `du-byed) – oder anders gesagt: es ist ein nichtstatisches Phänomen, das weder eine Form von physischem Phänomen ist noch eine Art, sich etwas gewahr zu sein, und das einem nichtstatischen Kontinuum konzeptuell zuschreibbar ist.

[Siehe: Kongruente und nichtkongruente Einflussvariablen.]

Insbesondere gilt: Zeit ist ein Intervall, zugeschrieben auf oder gemessen an dem Kontinuum des Auftretens einer Sequenz von Ursache und Wirkung. Weil Zeit konzeptuell zuschreibbar ist, ist Zeit eine Funktion des Geistes – und mithin relativ zu diesem Geist – der sie konzeptuell zuschreibt.

  • Das bedeutet nicht, wenn wir aufhören, Zeit konzeptuell zuzuschreiben und in einen völlig nichtkonzeptuellen Zustand eintreten, dass dann Zeit nicht mehr existiert, sei es objektiv oder subjektiv. Zeit ist konzeptuell zuschreibbar, aber das bedeutet weder, dass sie nur existiert, wenn jemand sie zuschreibt, noch dass Zeit oder ein Zeitintervall nur konzeptuell wahrgenommen werden kann. Wir nehmen Zeit sehr wohl nichtkonzeptuell wahr. Wenn wir ein Glas vom Tisch fallen und am Boden zerbrechen sehen, so sehen wir nicht bloss eine Folge von Standbildern – wie auf einer Filmrolle – und formen diese konzeptuell in ein Ereignis. Zeitgleich damit, dass wir das Glas in seinen verschiedenen Positionen sehen, sehen wir das Fallen des Glases, die Unbeständigkeit des Glases und den Moment seines Fallens.
  • Unbeständigkeit, Nichtstatischsein oder Veränderung impliziert Ursache und Wirkung, und Ursache und Wirkung implizieren Zeit als das messbare Intervall zwischen einer Ursache und einer Wirkung. Obwohl Leerheit (Leere) als ein statisches Phänomen und die tiefste Wahrheit (tib. don-dam bden-pa, letztendliche Wahrheit) von allem nicht Ursache und Wirkung unterliegt, bedeutet dies nicht, dass es die tiefste Wahrheit von allem ist, dass alles eigentlich unabhängig von der Zeit existiert. Wenn alles tatsächlich in dieser Weise existieren würde, gäbe es Ursache und Wirkung nicht.
  • In ähnlicher Weise gilt: wenn wir uns tiefster Wahrheit nähern als etwas jenseits der Kategorien von wahrhaft existierend, wahrhaft nicht existierend, beidem, und keinem von beidem, und dass sie unausdrückbar ist, so macht dies Zeit immer noch nicht völlig nicht existierend. Wir müssen verstehen, dass Zeit, wie alle gültig erkennbaren Phänomene, frei von unmöglichen Existenzweisen existiert. Sie existiert, aber ihre Existenz ist nur durch die Worte oder Konzepte begründet, derer wir uns für sie bedienen – sie ist das Bezugsobjekt (tib. btags-chos) der Worte oder Konzepte für sie, zuschreibbar auf einer Sequenz von Ursache und Wirkung.

Es gibt mehrere Auffassungen über Zeit in den verschiedenen indisch-tibetischen Traditionen des Buddhismus. In allen buddhistischen Systemen ist Zeit jedoch ein nichtstatisches Phänomen, konzeptuell zuschreibbar auf ein geistiges Kontinuum. Oder anders gesagt: Zeit ist ein geistig konstruiertes Messen von Veränderungen, die im Kontinuum der Erfahrungen eines individuellen Wesens auftreten. Genauer gesagt: Zeit ist als ein Maß oder eine Länge eines Intervalls definiert, gemessen entlang eines individuellen geistigen Kontinuums, zwischen dem Auftreten einer kausalen Handlung, die von diesem Individuum ausgeführt wird, und dem Erfahren ihres Resultats durch das selbe Individuum. In gewissem Sinne ist es eine Entfernung, gemessen in der Dimension „Zeit“, zwischen zwei Punkten auf dem geistigen Kontinuum eines bestimmten Individuums.

Zeitintervalle

Buddhismus spricht somit nicht von „Zeit“ als einem Etwas, das verstreicht, vielmehr spricht er von „Zeitintervallen“. Zeitintervalle sind nichtstatisch, weil wir sie von Moment zu Moment erfahren können – wie etwa ein Jahr – , und jeder Moment, den wir von „das Jahr“ erfahren, ist anders. Aber sie sind nicht Formen physischer Phänomene und keine Arten, sich etwas gewahr zu sein.

  • Ein Zeitintervall ist messbar im Sinne von Sequenzen von karmischer Erfahrung, wie etwa das Intervall zwischen dem destruktiven Handeln von jemandem und dem Erleben des Unglücklichseins und Leidens der selben Person als Resultat, das daraus heranreift.
  • Es ist ebenfalls messbar im Sinne von kognitiven Sequenzen, wie etwa dem Intervall zwischen dem Sehen eines vom Baum fallenden Blattes und dem anschliessenden Sehen des Blattes auf dem Boden durch die selbe Person.
  • Weiterhin gilt: Zeit ist messbar im Sinne eines Kontinuums von Formen physischer Phänomene, die sich gemäß der physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung wandeln, wie etwa das Kontinuum des gerade erwähnten Blattes oder das Kontinuum einer Kanne voller Milch, welche sich in eine Kanne voller Joghurt transformiert.

Daher gilt: weil Zeit etwas ist, das auf einem Intervall innerhalb eines Kontinuums oder einer Sequenz von geistigen oder physischen Ereignissen messbar oder zuschreibbar ist, ist es klar, dass Zeit relativ zu und abhängig vom Beobachter ist. Das ist der Fall, sowohl vom Standpunkt der Erfahrung von zwei Ereignissen durch denselben Beobachter als auch vom Standpunkt der geistigen Bezeichnungen aus, die der Beobachter sowohl den Ereignissen als auch dem Intervall zwischen ihnen gibt.

  • Aber wir müssen im Hinterkopf behalten, dass Zeit ein nichtstatisches Phänomen ist, das weder eine Form von physischem Phänomen noch eine Art ist, sich etwas gewahr zu sein.
  • Eine Zeitspanne ist nicht das Gleiche wie die subjektive Wahrnehmung und das Konzeptualisieren einer Zeitspanne durch eine Person, denn dies ist eine Art, sich etwas gewahr zu sein.
  • Für die meisten Menschen scheint zum Beispiel das Intervall eines Jahres viel kürzer zu sein, wenn sie älter werden. Ein Jahr scheint einem 40-Jährigen schneller zu vergehen als einem 4-Jährigen. Das kommt daher, dass ein Jahr nur 2.5% des Lebens eines 40-Jährigen ausmacht, aber 25% des Lebens eines 4-Jährigen. Jedoch: von einem objektiven Standpunkt aus gesehen, da Zeit nicht ein „Etwas“ ist, das verstreicht, macht es keinen Sinn von unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu sprechen, mit denen Zeit vergeht, und die sich beschleunigt, während wir älter werden. Es ist, wie wenn wir von unterschiedlichen Geschwindigkeiten sprechen würden, mit denen der Sohn einer unfruchtbaren Frau sein Auto fährt.

Zeiteinheiten

Weil Zeit ein Intervall ist, geistig bezeichnet oder gemessen in Bezug auf ein nichtstatisches geistiges oder physisches Kontinuum, sind die Einheiten, mit denen Zeit gemessen wird, relativ und bloße Konventionen.

Ein „Jahr“

Ein spezifisches Intervall kann von ein und demselben Individuum auf viele verschiedene Arten bezeichnet werden, abhängig von den Konventionen, denen er oder sie folgt. Nehmen wir zum Beispiel die Bezeichnung „Jahr“. Ein „Jahr“ wird gewöhnlicherweise in Bezug auf Bewegungen und Positionen im Raum gemessen, sei es der Himmelskörper oder der Personen, die ein Jahr messen. Dies bringt natürlich das Thema der Beziehung zwischen Zeit und Raum auf den Tisch, aber wir wollen dies beiseite lassen.

  • Ein Sonnenjahr ist das Zeitintervall, das in Bezug auf eine Umkreisung der Erde um die Sonne gemessen wird. Traditionellerweise wurde dies von der Perspektive der Erde aus gemessen, und zwar gemäß dem Durchlaufen der Sonne von entweder den zwölf Sternzeichen (tib. khyim) oder den 27 Mondkonstellationen (tib. zla-skar, Mondhäuser) des Tierkreises (tib. khor-lo). Diese Zeichen oder Mondkonstellationen sind Galaxien jenseits unserer Milchstrasse. Da jedoch die Sonne das Zentrum der Milchstrassengalaxie umkreist, während die anderen Galaxien sich auf verschiedene Arten bewegen und dabei vom Blickpunkt der Erde aus relativ stationär erscheinen, wird das Intervall zwischen aufeinanderfolgenden Malen, zu denen eine gewisse Galaxie im Hintergrund der aufgehenden Sonne erscheint, mit jedem Jahr variieren. Aufgrund dieses Phänomens haben wir Schaltjahre und Schalttage. Daher ist die Dauer von Sonnenjahren variabel.
  • Ein Mondjahr wird gemäß der zwölf Zyklen der Mondphasen gemessen – zum Beispiel von Neumond bis Neumond oder Vollmond bis Vollmond. Dieses Intervall variiert ebenfalls von Jahr zu Jahr, weil Neu- und Vollmond von der Position der Sonne relativ zur Position des Mondes abhängen. Wenn der Mond zwischen der Erde und der Sonne steht, ist es Neumond (tib. zla-stong), und wenn der Mond auf der anderen Seite der Erde steht, ist es Vollmond (tib. zla-gang). Und weil das Intervall zwischen zwei aufeinanderfolgenden Malen variiert, zu denen die Sonne am Beginn einer bestimmten Galaxie, wie etwa dem Sternbild Widder (tib. lug), steht, wird auch das Intervall zwischen zwei aufeinanderfolgenden Malen variieren, zu denen der Neumond auftritt und die Sonne am Beginn des Widders steht. Aufgrund dieses Phänomens werden im buddhistischen und hinduistischen Kalender regelmäßig Zwischenmonate (tib. zla-bzhol, Schaltmonate) eingefügt, um das Mond- und Sonnen-Neu-Jahr zu korrelieren.
  • Darüberhinaus kann eine Person den zwölf Zyklen der Mondphasen die Bezeichnung „ein Jahr“ geben, aber die gleiche Person oder jemand anderes könnte ihnen auch die Bezeichnung „weniger als ein Jahr“ geben, wenn die gleiche Zeitspanne mittels Sonnenjahren gemessen würde. Und das Intervall wird verschieden sein, abhängig davon, wann die Person es misst.
  • Von einem relativistischen Standpunkt aus gesehen ist das Intervall eines Jahres außerdem relativ zur Geschwindigkeit, mit der sich die Person bewegt, auf deren geistiges Kontinuum bezogen das Jahr gemessen wird, und zur Geschwindigkeit, mit der sich die messende Person bewegt. Je mehr sich die Person der Lichgeschwindigkeit nähert, desto länger wird die Dauer zwischen dem 29. und 30. Geburtstag dieser Person sein, wenn sie durch einen Beobachter mit langsamerer Geschwindigkeit gemessen wird. Wir müssen uns erneut bewusst machen, dass wir hier nicht über das Erfahren der beiden Geburtstage durch die beiden Personen sprechen, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen, was eine Art des Sich-Gewahr-Seins eines Jahres wäre, sondern über das Intervall zwischen den beiden Geburtstagen selbst, das als “ein Jahr” bezeichnet werden kann.

Ein “Tag”

Betrachten wir einmal ein einzelnes Intervall, genannt ein “Jahr”: Handelt es sich hierbei um ein objektives Intervall, das von einer Person oder von zwei verschiedenen Personen unterschiedlich bezeichnet wird, selbst wenn sie sich am gleichen Ort befinden und relativ zueinander mit gleicher Geschwindigkeit bewegen? Wenn es solch ein objektives, zeitliches Intervall gäbe, müsste es etwas sein, das in Bezug auf Teile bezeichnet würde, wie etwa eine bestimmte Anzahl von Tagen. Die Bezeichnung „Tag“ kann jedoch verschiedene Definitionen haben, abhängig davon, wie gemessen wird: zum Beispiel gibt es drei Arten von Tagen, die in der tibetischen und hinduistischen Astrologie beschrieben werden. Abhängig davon, wie jemand einen Tag definiert und misst, könnte ein Tag folgendes sein:

  • Ein Sonnen-Tag (tib. nyin-zhag) – das Zeitintervall von einem Sonnenaufgang bis zum nächsten Sonnenaufgang. Dieses Intervall ist relativ zur Position der Person auf dem Planeten und variiert im Laufe eines Jahres, da die Sonne nach der Sommer-Sonnenwende immer später und nach der Winter-Sonnenwende immer früher aufgeht.
  • Ein Tierkreis-Tag (tib. khyim-zhag) – das Zeitintervall zwischen der Position der Sonne – von der Erdperspektive aus gesehen – an einem Grad und dann dem nächsten Grad beim Durchlaufen der 360 Grade (tib. dbyug) des Tierkreises. Diese Intervalle variieren ebenfalls im Laufe eines Jahres, weil die Laufbahn der Erde um die Sonne elliptisch ist und daher die Geschwindigkeit der Erde variiert, während sie die Sonne umkreist.
  • Ein Mondkalender-Tag (tib. tshes-zhag), der mit den Mondphasen korreliert. Wenn wir die Entfernung – relativ zum Tierkreis – zwischen der Mondposition zu Neumond und dem nächsten Neumond in 30 gleiche Segmente aufteilen, dann ist ein Mondkalendertag das Zeitintervall zwischen der Position des Mondes an einem Dreißigstelsegment und dann am nächsten. Dieses variiert ebenfalls im Laufe eines Monats und eines Jahres aufgrund der elliptischen Umlaufbahn des Mondes um die Erde und der elliptischen Umlaufbahn der Erde um die Sonne.
  • Ein Uhren-Tag – im Westen ist dies das Zeitintervall von dem Punkt auf halbem Weg zwischen einem Sonnenuntergang und Sonnenaufgang zu dem Punkt auf halbem Weg zwischen dem nächsten Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang werden natürlich im Zusammenhang mit der Position der Sonne relativ zum Ost- und Westhorizont der beobachtenden Person bezeichnet. Diese Punkte auf halbem Weg variieren nicht im Laufe eines Jahres, sind aber relativ zum jeweiligen Standort.

Eine „Stunde“

Gibt es eine bestimmte, absolute Anzahl von Stunden, die von diesen verschiedenen Bezeichnungen für Tage gemessen wird?

  • Der 24-Stunden-Tag war eine ägyptische Erfindung, die von dort zu den Juden, Griechen und Römern weitergetragen wurde. Für sie alle war jedoch solch ein Tag eine Einteilung eines Sonnen-Tages. Tag und Nacht wurden jeweils in zwölf Stunden aufgeteilt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, so dass die Länge einer Stunde als ein zwölftel des Tages oder der Nacht entsprechend der Jahreszeit und der Dauer des Tageslichts variierte, egal ob es eine Stunde des Tages oder eine Stunde der Nacht war, und freilich gemäß der eigenen Position auf dem Planeten. Hinduistische und buddhistische Astrologie teilen Tag und Nacht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang jeweils in sechs Stunden (tib. dus-tshan, dus-sbyor) ein. Eine gleich-dauernde Uhren-Stunde (tib. lag-`khorchu-tsod), mit 24 Standard-Stunden in einem Tag, wurde im westen Europas erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts mit der Erfindung der mechanischen Uhr eingeführt.
  • Sowohl Tierkreis- als auch Mond-Tage werden in der hinduistischen und buddhistischen Astrologie in 60 Stunden (tib. dbyug-gu) gleicher Dauer eingeteilt.

Wir können die gleiche Art von Analyse auf Minuten und Sekunden anwenden. Wie steht es mit atomaren Uhren, die als Standardmaß die Intervalle der atomaren Resonanz-Frequenz von Cäsium verwenden? Dieses Intervall wird ebenfalls variieren, abhängig von der Geschwindigkeit, mit der sich die Cäsium-Atome zum Beispiel in einem Raumschiff bewegen, und von der Gravitationskraft, der die Atome unterliegen.

Gibt es ein allgemein-grundlegendes Zeitintervall?

Die Frage ist somit: „gibt es ein allgemein-grundlegendes Zeitintervall, das als die Basis für die Bezeichnung durch verschiedene Personen dient, mit vielen unterschiedlichen Bezeichnungen für Zeiteinheiten?“ Eine gemeinsame Grundlage (tib. gzhi-mthun, ein gemeinsamer Nenner) für zwei Phänomene ist etwas, das ein Beispiel für beide Phänomene darstellt: Z.B. ist ein Brotlaib eine gemeinsame Grundlage für ein Nahrungsmittel und für etwas im Ofen Gebackenes.

Es gibt mehrere buddhistische Ansichten hinsichtlich dieser Frage nach einer gemeinsamen Grundlage. Sie fallen in den Kreis der Chittamatra und Prasangika Debatte hinsichtlich der Existenz externer Phänomene (tib. phyi-don).

Die Chittamatra Position gemäß Tsongkhapas anfänglicher Ansicht

Im Chittamatra-Lehrsystem des indischen Buddhismus, gemäß Tsongkhapas Interpretation während seiner frühen Lebensphase, ist konventionell ein allgemein-grundlegender Tontopf beteiligt, wenn mehrere Personen einen Tontopf zur gleichen Zeit gültig sehen, aber jede aus einem anderen Blickwinkel und einer anderen Entfernung. Das Gleiche träfe zu für zwei Personen, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen und ein Zeitintervall beobachten, wie etwa das Jahr 2006. Jede würde ein Jahr 2006 erfahren und, konventionell, wäre es für beide das Jahr 2006. Letztendlich gibt es jedoch keinen allgemein-grundlegenden Tontopf oder allgemein-grundlegendes Jahr 2006, das einer anderen Ursprungsquelle (tib. rdzas) als ihrer Wahrnehmung durch jemanden entspringt. Ein allgemein-grundlegender Tontopf oder allgemein-grundlegendes Jahr 2006 könnte kein wahrgenommes Objekt für einen Arya in völliger Vertiefung (tib. mnyam-bzhag, meditative Ausgewogenheit) sein.

Die Chittamatra Position gemäß Tsongkhapas späterer Ansicht

In seinen späteren Schriften über Chittamatra interpretiert Tsongkapa die Chittamatra Ansicht neu und legt dar, dass es nicht einmal konventionell einen allgemein-grundlegenden Tontopf oder ein allgemein-grundlegendes Jahr 2006 gibt. Dies ist die allgemein akzeptierte Gelug-Chittamatra-Ansicht. Wenn zwei Personen gültig einen Tontopf zur gleichen Zeit sehen oder das Intervall erfahren, das sie als das Jahr 2006 bezeichen, so erlebt jede Person das Heranreifen der Tendenzen (tib. sa-Bön, Samen) von gemeinsamem oder kollektivem Karma (tib. thun-mong-gi las) auf seinem oder ihrem eigenen geistigen Kontinuum. Es ist nicht so, dass jede Person gültig einen allgemein-grundlegenden Tontopf sieht oder ein allgemein-grundlegendes Jahr 2006 erlebt.

Nichtsdestoweniger gilt gemäß Chittamatra: der Tontopf oder das Jahr 2006 ist auffindbar – beide Personen können auf der Grundlage dessen, was jede von ihnen gültig sieht, auf einen Tontopf zeigen. Tatsächlich ist es so: wenn beide gebeten werden, auf einen Tontopf zu zeigen, den sie zum Beispiel auf einem Tisch sehen, wird jede der beiden Personen gültig sehen, dass der/die andere auf den selben Tontopf weist, den er oder sie dort gültig sieht. In ähnlicher Weise gilt: beide Personen, wenn sie sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen, können auf die Veränderungen an ihren Körpern zeigen, die sie aufgrund des Alterns im Laufe des Jahres 2006 erlitten und gültig erfahren haben, und beide können gültig aussagen, dass diese Veränderungen während des Intervalls genannt „Jahr 2006“ auftraten. Und wenn die Person, die sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit bewegte und Veränderungen an ihrem Körper im Laufe des Jahres 2006 erfuhr, jene Person treffen würde, die das Jahr 2006 erfuhr, während sie sich mit viel langsamerer Geschwindigkeit bewegte und die irgendwie noch am Leben wäre, so könnte die sich mit langsamerer Geschwindigkeit bewegende Person ebenfalls auf die Veränderungen zeigen, die am Körper der sich mit schnellerer Geschwindigkeit bewegenden Person auftraten und korrekt aussagen, dass diese Veränderungen während des Intervalls namens “Jahr 2006“ aus Sicht der sich mit schnellerer Geschwindigkeit bewegenden Person auftraten. Sie würde dies jedoch nicht als das Intervall „Jahr 2006“ bezeichen, gemessen in Bezug auf die Veränderungen ihres eigenen Körpers.

Die Gelug-Prasangika Position

Das Gelug-Prasangika-Lehrsystem stimmt Tsongkhapas späterer Interpretation des Chittamatra dahingehend zu, dass es weder von der Warte der oberflächlichen Wahrheit noch der tiefsten Wahrheit aus gesehen einen allgemein-grundlegenden Tontopf oder ein allgemein-grundlegendes Jahr 2006 gibt, welches von zwei verschiedenen Personen erfahren wird, die sich entweder an verschiedenen Orten befinden oder sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen. Jedoch ist das Verständnis hiervon anders.

Prasangika stimmt Chittamatra zu, dass die Erscheinung von etwas, wie etwa „Tontopf“ oder „Jahr 2006“, nicht von der Seite dieses gültig erkennbaren Objekts her begründet werden kann, sondern von dem Geist, der die Erscheinung wahrnimmt, abhängt. Aber für Prasangika ist dies so, weil es kein auffindbares Bezugs-„Ding“ (tib. btags-don) auf der Seite eines gültig erkennbaren Objektes gibt, das mit den Namen oder Bezeichnungen, die wir ihm geben, korreliert. Daher sind das Jahr 2006, das von der Person erfahren wird, die sich mit schnellerer Geschwindigkeit bewegt, und das Jahr 2006, das von der Person erfahren wird, die sich mit langsamerer Geschwindigkeit bewegt, weder das Gleiche noch Verschiedenes – weder eins noch viele. Das kommt daher, weil es kein solches Ding wie ein wahrhaft existierendes auffindbares „Jahr 2006“ gibt. Aber – anders als Chittamatra – vertritt Prasangika, dass es äußere Objekte gibt – gültig erkennbare Objekte, wie etwa einen Tontopf und das Jahr 2006, welche andere Ursprungsquellen und andere essentielle Wesensarten besitzen, als die Wahrnehmungen von ihnen.

Gelug-Prasangika legt außerdem dar, dass die Existenz eines Tontopfes oder des Jahres 2006 nicht durch ein allgemein-grundlegendes definierendes charakteristisches Merkmal (tib. mtshan-nyid) auf der Seite des Tontopfes oder des Jahres 2006 begründet werden kann. Dies kommt daher, dass es kein solches Ding wie ein auffindbares allgemein-grundlegendes definierendes Charakteristikum gibt, das von seiner eigenen Seite her die Kraft besitzt, die Existenz von irgendetwas als das zu begründen, was es konventionell ist. Daher gibt es nicht so etwas wie eine oder mehre Grundlagen, die ein auffindbares definierendes charakteristisches Merkmal (tib. mtshan-gzhi) auf ihrer eigenen Seite haben oder miteinander teilen, das sie begründet oder zu dem macht, was sie konventionell sind. Die Existenz eines „zeitlichen Intervalls“, wie etwa des Jahres 2006, ist nur in Bezug darauf begründet, worauf eine gültige geistige Bezeichnung dafür verweist – egal, ob es nur eine gültige geistige Bezeichnung oder viele gültige Bezeichnungen gibt, und ob die vielen gültigen Bezeichnungen durch ein Individuum oder viele verschiedene Individuen verwendet werden. Erinnern wir uns, dass gemäß Chandrakirtis Erklärung eine gültige Bezeichnung eine solche ist, die

  • durch eine Konvention (tib. tha-snyed) begründet ist,
  • nicht von anderen widerlegt wird, die die gleiche Bezeichnung im Sinne der oberflächlichen Wahrheit gültig messen und verwenden,
  • nicht von anderen widerlegt wird, die die gleiche Bezeichnung im Sinne der tiefsten Wahrheit gültig messen und verwenden.

[Siehe: Einführung in Leerheit und geistiges Bezeichnen.]