Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Der Mechanismus von Karma: Die Darstellung des Mahayana
unter Ausschluss der Gelug-Prasangika-Schule

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 9-11 März 2001
im Januar 2004 ausführlich überarbeitet
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Unterrichtseinheit 4: weiteres Samsara

Wiederholung

In dieser Formulierung, die aus der Perspektive der indischen Lehrsysteme des Mahayanas und aller von diesen abgeleiteten tibetischen Traditionen, außer Gelug Prasangika, stammt, ist Karma ausschließlich ein geistiger Faktor, ein Impuls. Es ist der Impuls, der uns zu einer spezifischen Erfahrung oder zu einem spezifischen Objekt hinzieht. Spezifischer ist es der Impuls, der uns zu einer Aktivität führt, sei es, dass man etwas tut, sagt oder denkt. Es wird von zahlreichen anderen geistigen Faktoren begleitet, doch insbesondere von dreien. Sie bilden den motivierenden geistigen Rahmen.

Der erste dieser geistigen Faktoren ist das Unterscheiden eines spezifischen Objekts, auf das unsere Handlung abzielt. Der zweite ist das motivierende Ziel oder die Absicht, die das Ziel oder die Absicht unserer Handlung ist, das, was wir mit diesem Objekt zu tun beabsichtigen. Der dritte schließlich ist die begleitende motivierende Emotion. Bei dieser kann es sich um eine destruktive Emotion handeln (z.B. Wut, Gier oder Naivität), die normalerweise den Impuls, eine destruktive Handlung auszuführen, begleiten. Oder es kann sich um eine störende Geisteshaltung handeln: um das Identifizieren der sich ständig verändernden Aggregatsfaktoren mit unserer Erfahrung eines soliden „ Ichs“, die jede Art von Handlung begleitet – sei sie destruktiv, konstruktiv oder neutral. Konstruktive Handlungen werden normalerweise auch von positiven Emotionen begleitet, wie der Liebe und dem Mitgefühl.

Die motivierenden Emotionen sind aber auch manchmal entgegengesetzt. Wir können beispielsweise eine destruktive Handlung wie das Töten einer Mücke mit einer positiven Emotion wie der Liebe, die unser Baby beschützen will, ausführen. Wir können aber auch eine konstruktive Handlung mit einer störenden Emotion ausführen, etwa jemandem ein sehr teures Geschenk machen, da wir an ihr anhaften und gierig danach sind, dass sie uns dafür lieben wird. Die störenden Geisteshaltungen begleiten alle karmischen Handlungen.

Wir unterscheiden hier zwischen den Augenblicken unmittelbar bevor man etwas tut, sagt oder denkt und der Phase, in der man die Handlung tatsächlich ausführt. Der karmische Impuls während dieser ersten kausalen Phase zieht uns allgemein zu Handlung hin; während der karmische Impuls während der zweiten gleichzeitigen Phase uns die Handlung tatsächlich beginnen lässt und sie in einer spezifischen Weise fortführen lässt. In keinem der beiden Fälle handelt es sich beim karmischen Impuls um die Handlung selbst.

Im Übergang von der ersten zur zweiten Phase kann sich der motivierende geistige Rahmen verändern, speziell, was das motivierende Ziel und die motivierende Emotion angeht. Während er kausalen Phase der Handlung, bei der wir jemanden schlagen, kann unsere Absicht lediglich gewesen sein, der anderen Person Angst zu machen. Doch während man anfängt zu schlagen, kann sich die gleichzeitig motivierende Absicht verändern und wir haben nun das Ziel, der anderen Person wirklich weh zu tun. Bezogen auf unsere motivierende Emotion kann es vorkommen, dass wir die Mücke anfänglich aus Mitgefühl für unser Baby töten wollten. Doch als wir die Handlung begannen und tatsächlich herum rannten, um sie zu töten, kamen auch Wut und Feindseligkeit auf.

Es gibt drei Arten karmischer Hinterlassenschaften, die auf das Ende der karmischen Handlung folgen: karmische Potenziale, karmische Tendenzen und karmische ständige Gewohnheiten. Die Handlung selbst ist eine karmische Kraft, die entweder positiv oder negativ ist und normalerweise „Verdienst“ oder „Sünde“ genannt wird. Mit anderen Worten ist die Handlung selbst eine positive oder negative Art karmischer Energie. Wenn die Handlung endet nimmt ihre karmische Kraft die Natur einer Tendenz an. Wir haben sie ein „karmisches Potenzial“ genannt. Wie die karmische Tendenz, ist auch das karmische Potenzial eine Abstraktion; doch im Unterschied zur karmischen Tendenz ist es weiterhin entweder konstruktiv oder destruktiv, da es weiterhin eine positive oder negative karmische Kraft ist.

Ein Kontinuum karmischer Energie und karmischer Potenziale gehen zusammen eine netzwerkartige Verbindung ein. Dies ist ähnlich wie wenn wir ein Kontinuum von Minuten haben und dieses Kontinuum als Stunde bezeichnen. So haben wir ein Kontinuum von karmischer Energie und karmischem Potenzial und schreiben diesem ein Netzwerk karmischer Kraft zu. Ein Netzwerk karmischer Kraft umfasst also eine Sequenz karmischer Ursachen und Wirkungen: die Phase der karmischen Energie ist eine Ursache und die Phase des karmischen Potenzials ist das, was daraus resultiert.

Das Netzwerk beinhaltet die karmischen Ergebnisse, die von dieser karmischen Hinterlassenschaft reifen werden, sogar wenn sie noch nicht gereift sind. Dies liegt daran, dass „ karmische Kraft“ und „karmisches Potenzial“ sich nur auf eine Kraft beziehen, die tatsächlich einen weitere Wirkung erzielen wird bzw. auf ein Potenzial, tatsächlich diese Wirkung zu erzielen. Außerdem können karmische Netzwerke an Kraft zunehmen, während wir weitere ähnliche karmische Handlungen ausführen und dadurch mehr karmische Kraft aufbauen. Die Basis, auf deren Grundlage wir das Netzwerk zuschreiben können wird größer.

Aus der buddhistischen Perspektive heraus gesehen existieren nichtstatische Phänomene nur solange, wie sie dazu in der Lage sind, eine Funktion auszuüben. Wenn etwas Veränderliches keine Wirkung mehr erzielen kann, dann existiert es nicht mehr. Wenn also ein Potenzial, eine Tendenz, oder eine Gewohnheit uns nicht mehr dazu bringen können, dass wir uns in einer bestimmten Weise verhalten oder dass wir etwas in einer bestimmten Weise erleben, dann sind sie beendet: sie existieren nicht mehr als gegenwärtiges Potenzial etc. Das Potenzial, die Tendenz, oder die Gewohnheit wird etwas, das der Vergangenheit angehört. Zuvor hatten wir diese Gewohnheit, doch nun haben wir sie nicht mehr. Wir haben bloß eine ehemalige Gewohnheit, keine gegenwärtige mehr. Sie ist beendet.

Die meisten buddhistischen Wahrheiten sind selbstverständlich, wenn man sie durchdenkt. Ein statisches Phänomen erzielt keine Wirkung. Eins plus eins ist zwei. Das ist eine Tatsache. Sie ist statisch. Wenn andererseits jemand beispielsweise weiterhin ab und zu ein lebendes Exemplar einer bestimmten Tierart sieht, dann bedeutet dies, dass weiterhin Potenzial und Tendenz für dieses nichtstatische unbeständige vergängliche Phänomen – das Sehen dieser Tierart – bei ihm weiterhin vorhanden sind. Das Potenzial und die Tendenz existieren, weil sie Ergebnisse erzielen: das Sehen lebendiger Tiere dieser Spezies. Wenn das Tier ausstirbt, dann können wir nie wieder ein lebendiges Exemplar davon sehen. Dann können wir nicht mehr sagen, dass wir ein Potenzial oder eine Tendenz haben, eines zu sehen, oder? Wenn das Potenzial für etwas nie wieder aktualisiert werden kann, dann wird dieses Potenzial zu einem vergangenen Potenzial und ist keine gegenwärtiges Potenzial mehr.

Eine bestimmte Tierart zu sehen, hängt von der Anwesenheit bestimmter Bedingungen ab, wie beispielsweise das notwendige ökologische System (lassen wir einmal die Möglichkeit beiseite, das Tier im Zoo zu sehen). Wenn wir für immer das notwendige Ökosystem zerstören, dann werden damit nicht nur die Tiere und die Möglichkeit, sie zu sehen ausgelöscht – auch das Potenzial, ein solches Tier zu sehen, „erlischt”: es gibt keine Möglichkeit mehr, je wieder eines zu sehen. Sie werden alle zu Dingen der Vergangenheit und sind nicht mehr gegenwärtig. In einer ähnlichen Weise, wenn wir uns für immer von der Verwirrung befreien – von der Hauptbedingung dafür, dass karmische Potenziale usw. reifen und Ergebnisse produzieren können – dann werden nicht nur die Ergebnisse ausgelöscht, sondern auch das karmische Potenzial. Das bedeutet, dass das Karma weg ist. Das ist eine vereinfachte Beschreibung der Art, wie man Karma bereinigt.

Diese drei karmischen Hinterlassenschaften, diese drei Abstraktionen, werden auf der Grundlage der unterschiedlichen Ergebnisse, die sie hervorrufen und der Häufigkeit, mit der sie sie hervorrufen, unterschieden. Zwei von ihnen – die Netzwerke der karmischen Kraft und die karmischen Tendenzen – rufen ihre Ergebnisse intermittierend hervor. Die karmischen ständigen Gewohnheiten dagegen produzieren ihre Ergebnisse in einer fortlaufenden Weise.

Die beiden intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften werden unterschieden anhand des Zeitpunktes, an dem sie in Existenz treten, und anhand ihres ethischen Status. Die karmische Kraft beginnt zur Zeit der Handlung und hält weiter an, nachdem die Handlung beendet wurde. Im Laufe ihrer gesamten Kontinuität ist die karmische Kraft entweder konstruktiv oder destruktiv. Die karmischen Tendenzen dagegen beginnen nur nach dem Abschluss einer Handlung. Sie sind ethisch neutral, d.h. sie sind in unspezifiert bezüglich konstruktiv oder destruktiv.

Die intermittierend reifende karmische Hinterlassenschaft reift in Form befleckter glücklicher, unglücklicher oder neutraler Gefühle, die alle aus der Verwirrung entstehen. Sie sind problematisch. Sie halten nicht an. Wir wissen nicht, was als Nächstes kommen wird und sie befriedigen uns nicht. Sie reifen auch in Form unserer Erfahrung einer befleckten Umwelt, eines befleckten Körpers und eines befleckten Geistes und in der Form, dass uns ähnliche Dinge passieren, wie wir sie zuvor getan haben und ebenfalls dass uns danach ist, die Dinge, die wir in der Vergangenheit getan haben, zu wiederholen.

Diese Dinge, die von den karmischen Tendenzen und Netzwerken karmischer Kraft reifen, reifen intermittierend, d.h. sie reifen in manchen Momenten und nicht ständig. Aus unserer gewöhnlichen Sichtweise heraus können wir nicht voraussagen, was im nächsten Moment geschehen wird. Wir wissen nicht, ob wir in der nächsten Minute glücklich oder unglücklich sein werden, ebensowenig wie wir wissen, nach welcher Handlung uns dann der Sinn stehen wird. Das ist es, was das Karma so schrecklich sein lässt. Es geht auf und ab. Das kommt von diesen intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften.

Vorraussagen darüber, was uns persönlich geschehen wird

Frage: Man kann also nicht voraussagen, was geschehen wird?

Nur ein Buddha ist dazu in der Lage, dies vorauszusehen. Aus unserer persönlichen Perspektive heraus haben wir keine Ahnung.

Teilnehmer: Ich kann voraussagen, dass ich mich immer wohl fühlen werde, wenn ich in den Bergen wandere.

Das wird nicht notwendigerweise immer der Fall sein. Ist es eine Frage der Wahrscheinlichkeit? Geschehen uns die Dinge bloß aufgrund von mathematischer Wahrscheinlichkeit oder was? Das einzige, was wir sagen können, ist das wir uns normalerweise beim Wandern wohlfühlen, doch wir können nicht im voraussagen, dass es diesmal auch so sein wird. Wir können uns beispielsweise dazu entschließen, in die Berge zu fahren, und uns dann inmitten eines schrecklichen Sturmes wiederfinden, obwohl der Wetterbericht ganz etwas anderes gesagt hatte. Hierbei würde es sich um einen Fall handeln, in dem wir Umständen begegnen, die der Vergangenheit ähneln, und eine Umgebung erleben. All diese Dinge erklären unsere Erfahrung.

Es ist nicht so, dass es als Folge meines persönlichen Karmas regnet. Die Umwelt entsteht als Ergebnis aufgrund der Reifung des kollektiven Karmas, das zahlreiche Wesen gemeinsam haben. Doch das ist ein kompliziertes Thema, lassen wir sie daher beiseite, da hier zahlreiche andere Ursachen miteinfließen, nicht nur karmische Faktoren. Der wesentliche Punkt ist hier, dass ich aufgrund meines persönlichen Karmas zu einem bestimmten Zeitpunkt Lust bekommen habe, in die Berge zu gehen, und dass es aufgrund des kollektiven Karmas, das ich mit zahlreichen anderen Wesen gemeinsam habe, geregnet hat, als ich dort war. Ferner bin ich aufgrund meines persönlichen Karmas voll in den Regen geraten. Der Regen ist ein Objekt meiner Erfahrung geworden, daher war er ein Resultat meines Karmas. Das ist, was aus meinen verschiedenen Arten von persönlichem Karma, ebenso wie vom Karma der anderen und von zahlreichen anderen Kausalfaktoren reift.

Ein Ergebnis des Karmas ist, dass wir uns in Situationen wiederfinden, in denen uns etwas geschieht, das dem ähnelt, was wir selbst in der Vergangenheit getan haben. Eine Person die ermordet wird, braucht nicht notwendigerweise in diesem Leben selbst jemanden ermordet zu haben, doch sie muss in der Vergangenheit irgendeine Form den Nehmens von Leben verursacht haben. Es könnte eine Million Leben zurückliegen. Die Frage, die wir uns stellen können, ist: „Was sind die anderen möglichen Erklärungen?“ Darüber haben wir während des ersten Abends gesprochen. Geschehen uns die Dinge grundlos, oder aus Glück, oder aus Zufall?

Teilnehmer: Der Mörder handelt unter dem Einfluss des Karmas, doch nicht das Opfer. Das Opfer wird nur aus Zufall getötet.

Nun, wenn uns die Dinge aus Zufall geschehen würden, dann könnten wir absolut nichts dagegen tun und dann gäbe es absolut keinen Grund, irgendeiner Art von spirituellem Pfad zu folgen. Wenn jemand an so etwas glauben will – nun gut. Doch was ist die Folge dieser Weltanschauung? Wir wären absolut unfähig, die Dinge, die uns geschehen, zu beeinflussen. Aus einer buddhistischen Perspektive gibt es Dinge, die wir tun können.

Teilnehmer: Die Qualität der Erfahrung – das ist es, was karmisch ist.

Genau. Deshalb unterscheiden wir das Erleben der Umwelt vom Erleben von Empfindungen des Glücklichseins oder des Unglücklichseins. All diese Komponenten stammen nicht von derselben karmischen Ursache. Jede Komponente der Erfahrung kommt von unterschiedlichen Ursachen, die alle in einer einzigen Erfahrung zusammenkommen. Dass man gerade dann in die Berge geht, wenn es regnen wird, hat eine karmische Ursache, während sich glücklich oder unglücklich zu fühlen eine andere karmische Ursache hat und die Lust, dort zu bleiben oder wegzugehen wieder eine andere karmische Ursache hat.

Behalten Sie daher bitte folgende Tatsache im Blick: selbst wenn wir die karmische Ursache haben, in den Regen zu geraten, selbst wenn wir gerade an einem bestimmten Moment Lust bekomme haben zu gehen, selbst wenn wir dann auch tatsächlich gegangen sind, ist dies keine Garantie dafür, dass wir dann tatsächlich in den Regen geraten. Es ist nicht so, dass das Ergebnis bereits in den Ursachen existiert und dann plötzlich herausspringen wird, sobald wir diese „ karmische Schachtel“ öffnen. Zahlreiche andere karmische Faktoren könnten reifen und die Situation jederzeit beeinflussen, bevor es tatsächlich zum Ergebnis kommt.

Teilnehmer: Doch der Regen entsteht nicht aufgrund einer karmischen Ursache.

Wir sagen nicht, dass der Regen aus einer persönlichen karmischen Ursache entsteht. Wir sagen, dass es sich bei einem der Kausalfaktoren, die zum Regen beitragen, um das kollektive Karma alle Wesen handelt, die in dieser Umwelt geboren wurden. Das Leben auf diesem Planeten konnten sich nur als Wasser benötigende Lebensformen in Verbindung mit einem Ökosystem entwickelte, dass dieses Wasser liefern kann, entwickeln. Also entsteht sowohl die Evolution einer bestimmten Reihe von Lebensformen und als auch die Evolution der Umwelt, in der sie leben können, in untrennbarer Weise durch ein kollektives Karma. Es handelt sich hierbei um das kollektive Karma der Wesen, die in dieser unterstützenden Umwelt in einer dieser unterstützten Lebensformen geboren werden. Aus unserem persönlichen Karma kommt die Lust, in diesem speziellen Moment in die Berge zu gehen, unser persönliches Erleben des Regens und der Regen, wie wir ihn persönlich erleben.

Ich möchte ihnen ein Beispiel geben, das einer Freundin von mir wirklich geschehen ist. Sie saß in einem Zug einer anderen Person gegenüber. Plötzlich kam ihr in den Sinn, die andere Person zu bitten, die Plätze mit ihr zu tauschen, was sie dann auch taten. Fünf Minuten später kam es zu einem Zugunglück und die Person, die nun auf ihrem Platz saß, wurde getötet und sie nicht. Das ist es, wovon wir sprechen: die Lust, sich in eine Situation zu begeben. Warum war ihr plötzlich danach, den Platz zu wechseln? Der Buddhismus besagt, dass so etwas kein Zufall ist.

In jenem Moment hat nichts, z.B. das Erlebnis sich auf diesem Zug zu befinden, irgendwelche karmischen Ursachen dafür ausgelöst., dass sie sterben würde. In einer sehr vereinfachten Weise kann man sagen, dass sie nicht das Karma hatte, dann und dort zu sterben. Doch ihr Erleben von etwas anderem (etwa dass sie im Schatten saß und Lust bekam, die Sonne auf ihrem Gesicht zu spüren) löste andere karmische Tendenzen aus, die sie hatte – zum Beispiel eine möglicherweise zum Teil egoistisch motivierte Tendenz, nicht schüchtern zu sein und jemand anderes darum zu bitten, den Platz zu wechseln. Das wäre ein Anfang, um den karmischen Prozess zu erklären.

Doch behalten Sie bitte vor Augen, dass die Lust, jemanden zu bitten, mit ihr den Sitz zu tauschen, nicht in einer inhärent existierenden Weise das Resultat in sich trug, dass sie im Unfall nicht sterben würde. Zwei verschiedene Reihen persönlicher karmischer Hinterlassenschaften reiften unter dem Einfluss des selben Umstandes: dass sie sich auf dem Zug befand. Die erste karmische Hinterlassenschaft reifte als ihre Lust, jemanden zu bitten, mit ihr den Sitz zu wechseln. Die andere reifte als die Erfahrung, einen Zugunfall zu erleben. Die Tatsache, dass sie sich auf dem Zug befand, wirkte allerdings für sie nicht als Umstand, der eine persönliche karmische Hinterlassenschaft zu sterben zur Reifung gebracht hätte. All diese Dinge geschahen gleichzeitig, und selbst die Tatsache, dass sie gleichzeitig stattfanden war kein Zufall. Sie hingen alle miteinander zusammen. Im buddhistischen Fachjargon ausgedrückt sind sie „in gegenseitiger Abhängigkeit entstanden“.

Niemand sagt, dass wir die buddhistische Erklärungsweise akzeptieren müssen. Doch es ist sehr hilfreich, die anderen Erklärungsweisen, an die wir glauben könnten, zu untersuchen, speziell daraufhin, welche Weltsicht und welchen Lebensstil sie nach sich ziehen.

Dinge, die aufgrund der physikalischen Naturgesetze geschehen

Ich habe Seine Heiligkeit den Dalai Lama einmal sagen gehört, dass nicht alles, was geschieht, notwendigerweise auf Karma beruht. Es gibt auch physikalische Naturgesetze. Er benutze das Beispiel von den Blättern, die von einem Baum fallen. Welche Blätter als erste fallen und in welcher Ordnung sie fallen und wo sie am Boden landen – das geschieht nicht aufgrund von Karma. Der Baum hat kein Karma. Die Blätter haben kein Karma. Hier folgen die Dinge physikalischen Gesetzen. Doch was einer Person geschieht, erfolgt aufgrund von Karma. Karma erklärt was wir erleben, die Dinge, die uns passieren.

Frage: Handelt es sich bei diesen Naturgesetzen um Zufall?

Seine Heiligkeit hat nicht gesagt, dass die Dinge aus Zufall geschehen, sondern aufgrund der Gesetze der Physik. Ich kenne etwas die Denkweise Seiner Heiligkeit. Mir scheint, dass er im Kontext der damaligen Diskussion – er sprach gerade mit Quantenphysikern, die die Ansicht vertraten, dass alles aus Wahrscheinlichkeit oder aus Chaos geschieht   Folgendes sagen wollte: aus der buddhistischen Perspektive muss man sagen, dass die Entstehung des Universums und die Art von Universum, das entsteht, mit seinen speziellen physikalischen Gesetzen und so weiter, ihre Ursache im kollektiven Karma aller Wesen haben, die noch nicht in diesem Universum wiedergeboren sind, aber die das Karma haben, unter solchen physikalischen Bedingungen wiedergeboren zu werden. Wenn ein Universum einmal aus kollektiven karmischen Ursachen entstanden ist, dann werden alle naturwissenschaftlichen Gesetze, alle physikalischen Gesetze folgen. Diese Gesetze werden bestimmen, was beim Fallen von Blättern, der Drehung der Planeten und so weiter tatsächlich geschieht.

Dies ist die Art, in der Seine Heiligkeit es normalerweise erklärt. Das kollektive Karma ist die Ursache für die Entstehung der Art von Universum, in dem wir uns befinden, und dann setzen die physikalischen Gesetze dieses Universums ein. Wenn ein Fels stürzt, ist es nicht das Karma des Felsens, zu stürzen, doch es ist mein Karma, das mich dazu veranlassen kann, genau zu diesem Zeitpunkt wandern zu gehen, genau wie es mein Karma sein kann, vom Fels getroffen zu werden. Wenn ich aber getroffen werde, dann geschieht dies nicht, weil dieses Ergebnis schon irgendwie in einer inhärenten Weise in meinem Wandern existiert hätte, oder in der karmischen Hinterlassenschaft, die zu der Lust, wandern zu gehen, gereift ist. Das kollektive Karma formt die Art von Universum, die aus einem „Big Bang“ hervorgeht. Was in diesem Universum physikalisch geschieht, beruht auf den Gesetzen der Physik. Was jedes Wesen erlebt kommt von seinem persönlichen Karma, den verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen.

Ein geistiges Kontinuum hat keine inhärente Identität

Unser geistiges Kontinuum oder Geistesstrom hat von einer Lebensform zur nächsten keine inhärente Identität. Deshalb sagen wir, dass die Erfahrung eines befleckten Körpers von einem Satz karmischer Hinterlassenschaft kommt. Wenn man ständig nervös ist, von einem Ding zum anderen geht und nie irgendwo Fuß fassen kann, dann wird die hieraus entstehende karmische Hinterlassenschaft als eine Körperform reifen, die zu dieser Art von Mentalität passen wird – zum Beispiel als eine Fliege. Dieses Beispiel stammt nicht aus einem Text. Die Beispiele aus den Texten könnten einige von Ihnen auf die Palme treiben. Die Ursachen dafür, in einem männlichen Körper wiedergeboren zu werden und die Geisteshaltung, die man Frauen gegenüber haben muss, um dies zu verwirklichen, gehen schlecht mit der westlichen Mentalität einher. Es wird gesagt, dass man als Mann wiedergeboren wird, wenn man die männliche Körperform bewundert und sich die Nachteile der weiblichen vor Augen hält.

Teilnehmer: Es ist fragwürdig, ob ein männlicher Körper wirklich so vorteilhaft ist.

Dasselbe gilt für einen weiblichen Körper. Warum wird man als Frau geboren? Die Gründe sind, dass man Anhaftung für den weiblichen Körper hat und denkt, der männliche Körper sei schrecklich. Die Texte erwähnen auch, dass Menschen, die sehr viel Anhaftung für ihren Körper haben, als Würmer wiedergeboren werden können, die ihren ehemaligen Körper dann fressen. Wir können derart viel Anhaftung für jemanden haben, dass wir als eine Laus in ihren Haaren oder als ein Wurm in ihrem Magen wiedergeboren werden können. Dies sind Beispiele, die man in den Texten findet. Man benutzt einfach Beispiele als pädagogische Mittel, um ein Prinzip zu verstehen. Dann kann man zu zunehmend komplizierteren Erklärungen übergehen.

Wir sollten allem gegenüber einen offenen Geist bewahren. Indem wir den Dharma lernen, versuchen wir die „drei Fehler eines Gefäßes“ zu beseitigen: wenn ein Gefäß am Boden ein Loch hat, dann wird was auch immer wir in es füllen wieder herausfließen – d.h., wir erinnern uns nicht daran. Der zweite Fehler: wenn ein Gefäß umgekehrt, d.h. mit dem Boden nach oben steht, dann ist es verschlossen und man kann nichts in es hineinfüllen. Dieses Bild entspricht beispielsweise unserer Haltung, wenn wir zu allem, was wir hören, sofort „Nein!“ sagen. Der dritte Fehler besteht darin, dass das Gefäß schmutzig ist: in einem solchen Fall wird was auch immer wir in es hineingeben ebenfalls schmutzig. Wenn wir alle möglichen Vorurteile haben, dann projizieren wir diese auf die Dinge, die wir hören. Wir hören nicht wirklich zu. Versuchen Sie bitte, eine Darstellung nicht zu verwerfen, bevor Sie sie gehört haben. Hören Sei sich das ganze System an. Versuchen Sie, es zu verstehen. Verwerfen Sie nicht einfach jeden schwierigen Punkt.

Frage: Wie kann ein Kleinkind, das misshandelt wird, irgendeine Schuld daran haben?

Das Problem ist hier, dieses geistige Kontinuum in einer fälschlichen Weise mit der speziellen Widergeburt zu identifizieren, in welcher das Karma reift. In jedem Leben reifen zahlreiche Dinge. Eine bestimmte Reihe karmischer Hinterlassenschaften oder eine Kombination aus ihnen wird eine bestimmte Wiedergeburt verursachen und Millionen weiterer Ansammlungen karmischer Hinterlassenschaften werden als die Dinge, die in diesem Leben geschehen, reifen. Jedes geistige Kontinuum ist anfangslos, was bedeutet, dass jedes geistige Kontinuum jede mögliche Lebensform erlebt und jede mögliche konstruktive oder destruktive Handlung ausführt. Wenn wir diese Misshandlung als: „Das arme kleine Mädchen hat dies nicht verdient“ betrachten, dann sehen wir die Dinge aus einer sehr beschränkten Perspektive, da wir das geistige Kontinuum, das in diesem Leben als kleines Mädchen erschienen ist, wirklich nur mit dem kleinen Mädchen identifizieren und denken, dass nichts von dem, was dieses geistige Kontinuum zuvor getan hat, das Leben der gegenwärtigen Wiedergeburt beeinflussen wird. Wenn man sagen würde, dass sie die Schuld an dem trägt, was ihr geschehen ist, dann würde dies weitere falsche Vorstellungen hinzufügen, nämlich die ganze Vorstellung von Schuld und Bestrafung, die der buddhistischen Sicht von Karma fremd ist. Wenn man sagt „sie hat es verdient“ dann impliziert dies die Vorstellung, dass jemand anderes sie bestraft hat. Der Buddhismus macht nie solche Aussagen.

Nur ein Buddha kennt das Karma vollständig

Teilnehmer: Da es eine Million Ursachen gibt, ist was passiert letztendlich Zufall.

Es handelt sich nicht um Zufall. Letztlich ist nur der allwissende Geist eines Buddhas dazu in der Lage, im ganzen Universum jeden einzelnen Faktor zu bedenken, der uns beeinflusst. Aus diesem Grund kann nur ein Buddha Karma wirklich verstehen. Dies bedeutet nicht, dass Buddha bestimmt, was passieren wird. Es liegt nicht in Buddhas Hand. Es ist nicht so, dass die Dinge prädeterminiert sind, was implizieren würde, dass jemand anderes entschieden hat, was passieren wird und dies nicht geändert werden kann. Es kann geändert werden. Buddha weiß, was wir tun müssen, um dazu in der Lage zu sein, die Dinge so zu verändern, dass wir durch eine winzige Veränderung enorme Konsequenzen jetzt für uns selbst, für alle künftigen Generationen und für alle, die uns begegnen, schaffen können. Es ist unglaublich.

Die geschickten Mittel beinhalten die Kenntnis, die ein Buddha von den Wirkungen hat, die eine Aussage oder ein Vorschlag haben wird. Wir geben auf unserer Ebene unser Bestes, doch wir sind durch unsere Periskopsicht beschränkt. Beispielsweise kennen wir nicht die volle Wirkungen einiger Aspekte der Erziehung unserer Kinder und wie sie dann mit ihren Freunden interagieren werden. Ja, es ist sehr kompliziert und ja, es sieht aus, als geschehe alles aus Zufall. Das ist es, was so schrecklich am Samsara ist: aus unserer Perspektive sieht es aus, als sei alles Zufall. Unser Geist lässt die Dinge in dieser beschränkten Weise erschienen, da die „Hardware“ – dieser beschränkte Körper und dieser beschränkte Geist – die Dinge in keiner anderen Weise erschienen lassen können. Unsere „Hardware“ ist mit Verwirrung vermischt. Wir denken, alles sei bloß Zufall, weil uns die Dinge so erscheinen, doch tatsächlich verhalten sich die Dinge anders. Was geschieht wird durch eine Million verschiedener Dinge beeinflusst. Es ist unglaublich komplex, da alles im Universum miteinander verbunden ist.

Im Universum gibt es keine inhärente Gerechtigkeit

Teilnehmer: Nach dieser Erklärung kann es geschehen, dass etwas Schreckliches reifen kann, obwohl ich ehrlich praktiziere, da es Millionen von Ursachen gibt. Mit meiner ganzen Güte bin ich nicht dazu in der Lage, irgendetwas an dem zu verändern, was passiert. Das ist beängstigend.

Das ist vollkommen richtig. Sehen Sie sich das Beispiel von all den ausgezeichneten Mönchen und Nonnen und Meistern aus Tibet an, die in Konzentrationslager geworfen und zu Tode gefoltert wurden. Viele von ihnen waren große Praktizierende.

Gestern haben wir darüber gesprochen, wie man sich von karmischen Reifungen befreien kann. Dies geschieht in drei Stadien. Das erste ist die Befreiung. Es ist ein unglaublich fortgeschrittenes Stadium. Es ist nicht nur der erste Augenblick der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit, wenn wir Aryas werden. Wir sprechen hier von der Befreiung aus Samsara. Dann müssen wir in diesem Leben sterben, um uns vom nächsten Teil zu befreien und schließlich müssen wir erleuchtet werden, um die ganze Sache loszuwerden. Wenn wir also bloß ein gutes Leben führen, meditieren und sogar ein Arya werden, könnten wir trotzdem in einem Autounfall sterben.

Das scheint ungerecht, da wir die Vorstellung haben, dass es eine dem Universum inhärente Gerechtigkeit gibt und die der Kontrolle von einer Art Richter oder von einer höheren Autorität unterliegt. Nach dieser Vorstellung sollte diese Autorität Recht sprechen, doch über uns hat der Richter ein falsches Urteil ausgesprochen. „Gerechtigkeit“ und „ Ungerechtigkeit“   dies sind Begriffe, die aus einem vollkommen unbuddhistischen konzeptuellen Rahmen stammen, der im westlichen Denken sehr stark vertreten ist. Die Konzepte der Unschuld, der Schuld, der Fairness und des Verzeihens stammen ebenfalls aus demselben Rahmen. Viele störende Geisteshaltungen entstehen aufgrund solcher konzeptueller Rahmen, die wir durch unsere Erziehung bekommen haben – durch unsere Familie, unsere Kultur, unsere Bildung, politische Propaganda, kommerzielle Werbung, durch die Medien, und so weiter. Einer dieser konzeptuellen Rahmen ist die Vorstellung, dass das Universum gerecht und fair sein sollte, und dass es etwas wie Gerechtigkeit gibt. Das ist eine kulturspezifische Vorstellung, und nicht ein universelles Gesetz. In der buddhistischen Analyse gibt es im Universum so etwas wie eine Gerechtigkeit, die in inhärenter Weise von ihrer eigenen Seite her existiert oder die dem Universum durch seinen Schöpfer eingesetzt wurde, nicht.

Frage: Wie steht es mit einem Baby, das stirbt?

Ein solches Ereignis ergibt überhaupt keinen Sinn, wenn wir es nur aus der Perspektive dieses einen Leben betrachten. Kein Baby sollte jemals sterben und alle Meditierenden sollten eine glückliches Ende haben, aber so funtkioniert das nicht. Dies ist eines der großen Dilemmas, die sich in der biblischen Denkweise ergeben. In unseren westlichen Traditionen gibt es so vile Diskussionen über das Buch Hiob. Hiob war ein so guter Mensch, warum wurde er von Gott bestraft? Warum gibt es Leiden, wenn es einen allmächtigen Gott gibt, der gerecht und fair ist? Das ist eines der Hauptprobleme im westlichen Denken. Die Antwort des Buddhismus darauf lautet: Allmacht ist unmöglich und es gibt keinen Grund dafür, dass die Dinge gerecht sein sollten. Wenn es einen allmächtigen Schöpfer gäbe, der auch barmherzig ist, dann ergeben solche Dinge, wie sie Hiob geschehen sind, absolut keinen Sinn.

Gibt es eine Ordnung im Universum?

Frage: Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, impliziert das dann nicht, dass es keine Ordnung gibt?

Nein, das tut es nicht. Der Buddhismus hat keine Problem damit, zu sagen, dass es eine Ordnung im Universum gibt. Ordnung ist nicht das Gleiche wie Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet, dass jemand ein Urteil trifft. Sie impliziert die Existenz eines Richters, der das richtige oder falsche Urteil fällen könnte. So ist es nicht. Die Ursachen sind anfangslos; wenn man also nur dieses Leben betrachtet, kann man nicht erklären, was passiert. Langfristig gesehen gibt es eine Ordnung, die durch Ursachen und Wirkungen strukturiert wird. Aber Gerechtigkeit bringt einen Richter ins Spiel – und es gibt keinen Richter.

Teilnehmer: Das fühlt sich ungerecht an.

Genau. Es fühlt sich an als sei alles Zufall oder als ob es gerecht sein sollte, oder als ob ich armer Tropf die falsche Strafe erhalten hätte. So fühlt es sich an. Das ist, was so schrecklich ist. Dies ist es, was eine „Erscheinung von wahrer Existenz“ genannt wird.

Es ist unmöglich, dass es keine Ordnung im Universum gibt, doch wenn man die Vorstellung von Gerechtigkeit einführt, dann können die Dinge, die geschehen, ungerecht sein. Im Falle Hiobs starb seine ganze Familie und ihm passierten all die schrecklichen Dinge und doch bewahrte er weiterhin seinen Glauben an Gott. „Warum hast du mir all dieses geschickt, wenn du barmherzig bist?“ Dann gibt es Theorien, dass Gott mich prüft um zu sehen, ob ich weiterhin an ihn glaube und ihm weiterhin vertraue. Es gibt diese ganze Reihe von jüdisch-christlichen Lösungen für diesen Widerspruch in diesem Denksystem.

Teilnehmer: Aus der Sicht des Neuen Testaments hat Jesus die Sünden der Welt auf Seine Schultern genommen, so dass wir, um geprüft zu werden, nicht so sehr leiden müssen.

Genau das ist der Punkt: diese Gerechtigkeitsvorstellung existiert ausschließlich aus der Perspektive eines Systems, das an „Gott den Richter“ glaubt: Gott ist es, der, was immer Ihnen passiert, schickt. Die Vorstellung einer Ordnung im Universum hängt dagegen nicht von der Existenz eines Richters oder eines Gottes ab.

Lassen Sie mich dem noch etwas anfügen. Im Westen sind wir nicht nur die Erben eines biblischen Hintergrundes, sondern auch die Erben der altgriechischen Weltsicht. Von den alten Griechen haben wir die Vorstellung bürgerlicher Gerechtigkeit geerbt: die Vorstellung, dass die Dinge auf der bürgerlichen Ebene gerecht sein müssen. Um gut zu funktionieren, muss eine Gesellschaft nach dieser Ansicht auf Gesetzen fußen, die von einer Legislatur, d.h. vom Volk, erlassen wurden. Hier im Westen haben wir eine lange Geschichte der Auseinandersetzung zwischen bürgerlichem und göttlichem Gesetz.

Die Aktivierung der karmischen Hinterlassenschaft für weiteres Samsara

Betrachten wir nun den Mechanismus, durch den eine karmische Hinterlassenschaft reift. Im Falle der karmischen Hinterlassenschaft, die als die Aggregate einer zukünftigen Wiedergeburt reift, spielen hier drei Faktoren mit. Wie im Mechanismus der zwölf Glieder des abhängigen Entstehens erklärt wird, handelt es sich bei diesen drei um Begierde (tib. sred-pa), einen Herbeiführer (tib. len-pa, Greifen) und Weiterexistenz (tib. srid-pa, Werden) – d.h. um das achte, neunte und zehnte Glied.

[Siehe: Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens .]

Begierde

Die Begierde ist eine Form des sehnsüchtigen Verlangens (tib. ‘ dod-chags). Der ursprüngliche Sanskrit-Begriff, trshna, bedeutet „Durst“. Während wir während der Augenblicke unmittelbar vor unserem Tod irgendeinen Grad von beflecktem Glücklichsein, Unglücklichsein, oder eine neutrale Empfindung erleben, die unsere Kognition von etwas begleiten, begehren wir, in Zukunft etwas zu erleben: falls wir beflecktes Glücklichsein erleben, haben wir die Begierde, nicht davon getrennt zu sein – anders gesagt, es nicht zu verlieren. Wenn wir Schmerz oder Unglücklichsein empfinden, begehren wir, davon getrennt zu sein. Wenn wir ein neutrale Empfindung erleben, wie etwa, dass wir schlafen oder uns im Koma befinden, dann haben wir die Begierde, dass es nicht zu Ende gehen möge.

In jedem dieser Fälle ist unsere Begierde eine störende Emotion die eine Wahrnehmung begleitet, in der wir die karmischen Ergebnisse erleben, die aus irgendeiner vorangehenden karmischen Hinterlassenschaft gereift sind. Die karmischen Ergebnisse, die wir erleben, umfassen viel mehr als bloß die befleckten Empfindungen von Glücklichsein und so weiter, die unsere Wahrnehmung während der Momente unseres Sterbens begleiten. Sie umfassen auch das Erleben der anderen vier befleckten Aggregate (unser Körper und unser Geist), dass uns Dinge in einer ähnlichen Weise geschehen, wie wir sie in der Vergangenheit getan haben und so weiter. Unsere Begierde ist eine notwendige gleichzeitig wirkende Bedingung (tib. lhan-cig byed-rkyen) dafür, dass wir eine zukünftige Wiedergeburt erlangen.

Die Begierde dient als Unterstützung für einen Herbeiführer, bei dem es sich um eine andere gleichzeitig wirkende Bedingung handelt, die gegeben sein muss, damit man eine Wiedergeburt erhält. Ein Herbeiführer bezieht sich auf eine beliebige Reihe anderer störender Emotionen oder Geisteshaltungen die neben der Begierde unsere Erfahrung befleckter Aggregate begleiten. Die Anwesenheit eines dieser Herbeiführer bewirkt, dass unsere befleckten Aggregate in dieser Situation ebenfalls Aggregate herbeiführen.

Herbeiführer

Beim Herbeiführer kann es sich um die Anhaftung an irgendein wünschenswertes Sinnesobjekt handeln, das wir gerade erleben, oder um sehnsüchtiges Verlangen nach irgendeinem wünschenswerten Sinnesobjekt, das wir gegenwärtig nicht erleben. Alternativ hierzu kann es sich bei dem Herbeiführer um irgendeine der fünf störenden Geisteshaltungen handeln. Von diesen ist die herausstechendste die verblendete Auffassung in Bezug auf ein vergängliches Netzwerk (tib. ‘jig-lta). So konstituieren Empfindung, Begierde und ein Herbeiführer zusammen eine einzige Wahrnehmung. Bei diesem Moment der Wahrnehmung könnte es sich beispielsweise darum handeln, dass man auf dem Todesbett die Stimme einer geliebten Person hört, und das dies durch Folgendes begleitet wird:

  1. eine glückliche Empfindung,

  2. die Begierde, nicht von diesem Glück getrennt zu werden

  3. durch ein, zwei oder drei der folgenden Elemente:

  1. Anhaftung an den Klang der Stimme,

  2. sehnsüchtiges Verlangen nach der Berührung durch die Hand der geliebten Person,

  3. Greifen unseres Geistes nach dem, was wir erleben – die geliebte Person, dieses Glück und so weiter – als Teil der scheinbar soliden Identität eines scheinbar soliden „Ichs“.

Weiterexistenz

Als gleichzeitig wirkende Bedingungen aktivieren (tib. gsos-‘ debs) unsere Begierde und unser Herbeiführer das zehnte Glied des abhängigen Entstehens, Weiterexistenz, das normalerweise als „Werden“ übersetzt wird. Das Wort, das ich hier als „ Weiterexistenz“ übersetze, bedeutet wörtlich „Existenz“ und bezieht sich auf eine zukünftige Wiedergeburt. Hier wird der Name des Ergebnisses der Ursache gegeben. Bei dem, was die Begierde und ein Herbeiführer aktivieren, handelt es sich also um den Impuls – ein geistiges Karma – dar eine zukünftige Existenz realisiert, nämlich unsere nächste Wiedergeburt (tib. yang-srid sgrub-pa’i las).

Dieser Impuls, weiter zu existieren, der weiterhin von der Begierde und einem Herbeiführer begleitet wird, aktiviert (tib. nus-pa mthu-can-du byed-pa) die karmische Hinterlassenschaft eines werfenden Karmas (tib. ‘phen-byed-kyi las). Die aktivierte karmische Hinterlassenschaft reift dann in Form unserer nächsten Wiedergeburt mit ihren vier Phasen: Bardo-Existenz (tib. bar-do’i srid-pa), Empfängnis-Existenz (tib. skye-srid), Existenz vor dem Tode (tib. sngon-dus-kyi srid-pa) (die Periode zwischen dem Moment nach dem Empfängnis bis zum Tod) und Todes-Existenz (tib. ‘chi-srid).

Nach Aussage der Lehrsysteme des Chittamatras und des Madhyamakas beschreibt dieser Mechanismus ausschließlich die Aktivierung des werfenden Karmas, das in Form der Aggregate unserer zukünftigen Wiedergeburt reift. Im Zusammenhang mit der Diskussion der zwölf Glieder beziehen sich diese drei Glieder ausschließlich in einer spezifischen Weise auf das, was in den Momenten unmittelbar vor unserem Tod geschieht. Ich denke aber, dass wir dieselbe Darstellung benutzen können, um das Reifen unserer karmischen Hinterlassenschaften zu beschreiben, wie sie in jedem Moment stattfindeen, obwohl ich nie gelesen oder gehört habe, dass dies in dieser Weise erklärt wird.

Die Gründe, die mich dazu bewegen, dies zu denken, sind die Folgenden: die samsarische Existenz, in die man durch den Impuls, weiter zu existieren, geworfen wird, hat die vier Phasen der Existenz, von denen eine die Existenz vor dem Tod ist – d.h. jeder Augenblick unserer Existenz nach unserer Empfängnis bis wir sterben. Außerdem, weil die Lehren des Vaibhashika-Sautrantikas aussagen, dass alle zwölf Glieder in jedem Augenblick unserer samsarischen Existenz vollständig vorhanden sein können, obwohl die Vaibhashika-Sautrantika die zwölf Glieder in einer Weise definieren, die recht unterschiedlich von dieser Beschreibung ist. Daher habe ich oft erklärt, dass der Impuls, weiter zu existieren, der zwanghafte Impuls ist, der uns in den nächsten Augenblick hineinzieht, in welchem die karmische Hinterlassenschaft, die er aktiviert, ihre Ergebnisse erzielen wird.

Daher wollen wir diese Beschreibung benutzen, um zu erklären, wie wir unser Samsara in jedem Augenblick, nicht nur zur Zeit unseres Todes, fortsetzen. In Bezug darauf müssen wir ebenfalls verstehen, dass der spezifische Satz von karmischen Hinterlassenschaften, die in jedem gegebenen Augenblick aktiviert werden, von zahlreichen anderen geistigen Faktoren abhängt, die ebenfalls diesen Moment des Erlebens irgendeines vergangenen karmischen Reifens mit Begierde und einem Herbeiführer begleiten. Am wichtigsten unter ihnen ist die Art und Weise, mit der wir dem, was wir erleben, unsere Aufmerksamkeit schenken bzw. wie wir es ansehen. Dies beinhaltet den geistigen Faktor der Aufmerksamkeit bzw. der Beachtung (tib. yid-la byed-pa). 

Diagramm zum Verständnis der Erzeugung weiteren Samsaras

  Phase 1:  Der Zeitabschnitt vier Schritte bevor die Handlung #1b begangen wird
Handlung #1a, aufgrund karmischer Hinterlassenschaft #1a der Handlung #1 und resultierend in karmischer Hinterlassenschaft #1b   Karmische Hinterlassenschaft #2 einer völlig anderen Handlung #2
Begehen der Handlung #1a, was zur Tendenz führen wird, die Handlung #1 zu wiederholen   Tendenz für beflecktes Gefühl #2 einer gewissen Ebene des Glücklichseins

 

  Phase 2:  Der Zeitabschnitt drei Schritten bevor die Handlung #1b begangen wird
Karmische Hinterlassenschaft #1b   Erfahren des Heranreifens von karmischer Hinterlassenschaft #2 als Aktivatoren, die auf beflecktes Gefühl #2 abzielen, und die die karmische Hinterlassenschaft #1b aktivieren
Tendenz, die Handlung #1 zu wiederholen, was zu dem Drang führen wird, Handlung #1b zu begehen   Beflecktes Gefühl #2 einer gewissen Ebene des Glücklichseins
  • Beachtung
  • Begierde
  • Herbeiführer störender Geisteshaltung
  • Impuls zur Weiterexistenz

 

  Phase 3:  Der Zeitabschnitt zwei Schritten bevor die Handlung #1b begangen wird
Erfahren das Heranreifens der karmische Hinterlassenschaft #1b als
Drang, die Handlung #1 zu wiederholen, was zu dem Impuls führen wird, Handlung #1b zu begehen

 

  Phase 4:  Der Zeitabschnitt ein Schritt bevor die Handlung #1b begangen wird
Karma Kausaler motivierender geistiger Rahmen um die Handlung #1b zu begehen   Karmische Hinterlassenschaft #3 einer völlig anderen Handlung #3
Impuls, die Handlung #1b zu begehen, was zum Begehen der Handlung #1b führt
  • Unterscheiden eines Objekts
  • Kausales motivierendes Ziel
  • Störende Emotion oder Geisteshaltung
  Tendenz zu einem befleckten Gefühl #3 einer gewissen Ebene des Glücklichseins

 

  Phase 5:  Während die Handlung #1b begangen wird
Handlung #1b Zeitgleicher motivierender geistiger Rahmen während die Handlung #1b begangen wird   Erfahren des Heranreifens karmischer Hinterlassenschaft #3 als Aktivatoren, die auf beflecktes Gefühl #3 abzielen, und die die karmische Hinterlassenschaft #4 aktivieren Karmische Hinterlassenschaft #4 einer völlig anderen Handlung #4
Begehen von Handlung #1b, was zur Tendenz führen wird, Handlung #1 erneut zu begehen
  • Unterscheiden eines Objekts
  • Gleichzeitig motivierendes Ziel
  • Störende Emotion oder Geisteshaltung
  Beflecktes Gefühl #3 einer gewissen Ebene des Glücklichseins
  • Beachtung
  • Begierde
  • Herbeiführer störender Geisteshaltung
  • Impuls zur Weiterexistenz
Tendenz, die Handlung #4 zu wiederholen, was zu dem Drang führen wird, Handlung #4 zu wiederholen

 

  Phase 6:  Nachdem die Handlung#1b begangen wurde
Karmische Hinterlassenschaft #1c   Erfahren des Heranreifens karmischer Hinterlassenschaft #4 als
Karmische Tendenz, Handlung #1 erneut zu begehen   Drang, Handlung #4 zu wiederholen

Genauere Analyse

Betrachten wir die Dinge genauer. Im gegenwärtigen Augenblick erleben wir das Reifen von verschiedenen Sätzen vergangener karmischer Hinterlassenschaften. Wir erleben Glücklichsein oder Unglücklichsein, diesen Körper, Dinge, die uns in einer ähnlichen Weise geschehen, wie wir sie zuvor selbst anderen angetan haben, und so weiter. Eine der möglichen Konfigurationen karmischer Reifungen, die wir erleben können, könnte in den Begriffen der acht vergänglichen Angelegenheiten des Lebens (tib. ‘jig-rten chos-brgyad) erklärt werden, die normalerweise als „die acht weltlichen Dharmas“ übersetzt werden. Diese bestehen darin, dass man sich entsprechend glücklich oder unglücklich fühlt, wenn man gelobt oder getadelt wird, etwas Angenehmes oder Schmerzhaftes erlebt, etwas gewinnt oder verliert, oder gute bzw. schlechte Nachrichten hört, was auch bedeuten, dass die Dinge gut oder schlecht laufen. Bei all diesen Situationen – gelobt oder getadelt zu werden, und so weiter – handelt es sich um das Reifen eines Satzes intermittierend reifender karmischer Hinterlassenschaften; es sind Dinge, die uns in einer ähnlichen Weise geschehen, wie wir sie zuvor anderen gegenüber getan haben. Diese Dinge gehen auf und ab und wir können nicht voraussagen, was als Nächstes geschehen wird. Obwohl die Texte von acht solchen vergänglichen Angelegenheiten sprechen, bin ich sicher, dass man viel mehr davon auflisten könnte, genau wie die zehn destruktiven Handlungen oder die einundfünfzig Geistesfaktoren tatsächlich nicht auf die Zahl zehn oder einundfünfzig beschränkt sind.

[Siehe: Unbehagen über die acht vergänglichen Angelegenheiten des Lebens zerstreuen.]

Beim Glücklichsein oder Unglücklichsein, das unser Erleben des Gelobt- oder Getadeltwerdens, usw., begleitet, handelt es sich um das Reifen eines anderen Satzes intermittierend reifender karmischer Hinterlassenschaften. Auch diese Dinge gehen auf und ab. Das ist das Samsara, das ist, was wir erleben: das Reifen karmischer Hinterlassenschaften.

Unser Erleben dieser Momente karmischer Reifung wird vom Geistesfaktor der Begierde begleitet. Wir sind begierig danach, das Glücklichsein nicht zu verlieren, das wir jetzt erleben, während wir gelobt werden, Angenehmes empfinden, einen Gewinn machen oder gute Neuigkeiten hören. Oder wir sind begierig danach, uns vom Unglücklichsein zu befreien, das wir jetzt erleben, während wir etwas erhalten, was wir nicht mögen: Tadel, Schmerz, Verlust oder schlechte Neuigkeiten. Andererseits ist es uns möglicherweise egal, was die Leute sagen oder was uns geschieht. Doch auch dann sind wir möglicherweise danach begierig, dass diese neutrale Empfindung nicht zu Ende geht.

Unser Erleben dieser vergänglichen Angelegenheiten im Leben wird ferner von einer herbeiführenden störenden Emotion oder Geisteshaltung begleitet. Die häufigste Form, die diese annimmt, ist die einer verblendeten Auffassung in Bezug auf ein vergängliches Netzwerk. Bei dieser handelt es sich um eine störende Geisteshaltung, die unsere Aggregate – unseren Körper oder Geist – als ein solides „Ich“ oder als solide „mir gehörig“ ansieht. Grundsätzlich sehen wir das, was geschieht so an, als geschähe es einem soliden „Ich“, als „meine“ Erfahrung. Diese Person lobt „ mich“ oder tadelt „mich“.

Die Begierde und diese verblendete Auffassung lassen einen Impuls, weiter zu existieren, entstehen: den Impuls, im nächsten Moment weiterzuexistieren. Man beachte Folgendes: da wir ständig Begierde und diese verblendete Auffassung haben, erleben wir kontinuierlich einen Impuls, weiter zu existieren. Dieser Impuls, der weiterhin durch die Begierde und die verblendete Auffassung begleitet wird, aktiviert einen neuen Satz von intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften, die als unsere nächste Erfahrung reifen werden, sofort nachdem wir diesen Lob oder diesen Tadel gehört haben. Zum Beispiel, wird die nächste Konfiguration karmischer Hinterlassenschaften, die reifen werden aktiviert durch die Kombination aus (1) uns unglücklich zu fühlen, wenn wir Tadel hören, (2) uns danach sehnen, dieses Unglücklichsein loszuwerden and (3) uns mit einem anscheinend soliden „Ich“ zu indentifizieren, das frei von diesem Unglücklichsein fortbesteht .

Welcher spezifische Satz karmischer Hinterlassenschaften durch diese Kombination aktiviert wird, hängt von den anderen Geistesfaktoren ab, die unser Erleben dieses Lobes und dieses Tadels begleiten – speziell von der Art, wie wir auf dieses Erlebnis achten, wie wir es bewerten. Wir könnten beispielsweise Tadel mit einem Gefühl des Unglücklichseins anhören, während wir es als etwas Unerträgliches und Schreckliches betrachten und Ärger empfinden. Aber wir können es auch mit einem Gefühl des Glücklichseins hören, während wir es mit Geduld betrachten und es als eine Möglichkeit ansehen, etwas über unsere Fehler zu lernen und sie zu korrigieren. Diese zwei unterschiedlichen Gruppen geistiger Faktoren werden unsere Begierde und unseren Herbeiführer zum Aktivieren unterschiedlicher Sätze karmischer Hinterlassenschaften verursachen.

Ein weiteres Beispiel

Nehmen wir ein anderes Beispiel um sicherzugehen, dass wir das Prinzip richtig verstehen. Während irgendeine vergangene karmische Hinterlassenschaft heranreifte haben wir uns glücklich gefühlt und haben dann begehrt, dass wir dieses Glücklichsein nicht verlieren, während wir uns als ein solides „Ich“ mit der Erfahrung identifiziert haben. Was bewirkt dieses ängstliche Nichtbefriedigtwerden dieser Begierde? Sie fungiert als Bedingung dafür, dass ein Impuls, weiter zu existieren, aufkommt – ein Impuls, im nächsten Moment weiter zu existieren, damit dieses scheinbar solide existierende „Ich“ überleben und weiterhin dieses Glück empfinden kann, vor dessen Verlust wir uns fürchten. Dies aktiviert einen anderen Satz karmischer Hinterlassenschaften so dass im nächsten darauffolgenden Moment die Hinterlassenschaft reift und sich unsere Laune ändert. Nun fühlen wir uns möglicherweise unglücklich oder sonst wie.

Wenn ich hier sitze und mir vorstelle, dass ich als ein solides „ Ich“ existiere und mir wirklich wünsche, dass irgendein Glücksgefühl anhält, dann zerstöre ich es sehr oft dadurch, oder? Es ist, wie wenn ich mit einem guten Freund zusammen bin und sage „Was für einen Spaß haben wir doch!“ Im nächsten Augenblick bin ich unglücklich. Meine Laune ändert sich. Warum ändert sie sich? Warum hört mein Glücksgefühl auf? Warum haben wir in einem Augenblick Lust dazu, etwas zu tun, und im nächsten keine Lust mehr? Etwas anderes reift. Warum? Weil ich nach einem soliden „Ich“ greife und wünsche, dass dieses solide „Ich“ weiterhin existiert. Und dies bewirkt, dass etwas anderes reift. Jemand lobt uns und wir fühlen uns glücklich. Wir wollen, dass dies weiter anhält: „Ich, ich, ich, ich bin so wundervoll“. Dies aktiviert etwas: wir beginnen, an der Ehrlichkeit dieses Lobs zu zweifeln und denken uns, dass die andere Person es nicht ernst gemeint hat, und so weiter. In jedem Augenblick reift etwas anderes. Daher geht der Pegel unseres Glücklichseins oder Unglücklichseins ständig auf und ab. Es verändert sich. Ansonsten müsste der Glückspegel immer gleich bleiben oder aber schrittweise enden, wie eine Blume verwelkt. Doch es tut keins dieser beiden Dinge, oder? Das erklärt, wie das samsarische Auf und Ab entsteht.

Teilnehmer: Möglicherweise fühle ich mich wohl, wenn mich jemand lobt, doch dies kann sich ändern, wenn mich jemand schimpft.

Die Sache ist so, dass wir uns wohl fühlen und wir danach begierig sind, dieses Gefühl nicht zu verlieren. Wir wollen, dass es weiter anhält. Es könnte einen weiteren Moment des Glücklichseins oder des Unglücklichseins auslösen, oder aber ein neutrales Gefühl – unabhängig davon, ob wir ein Wort des Tadels hören. Die Erfahrung eines jeden Moments reift aus verschiedenen Sätzen von karmischer Hinterlassenschaften. Das Glück, das wir erlebt haben, war das Reifen irgendeines vergangenen karmischen Netzwerkes. Alle anderen Dinge, die wir erleben – die Wörter, die jemand uns gegenüber ausgesprochen hat und unser Hören dieser Wörter, die Tatsache, dass jemand gekommen ist und uns unterbrochen hat, das Klingeln des Telefons – bei all diesen Dingen handelt es sich um das Reifen von einer Million anderer Dinge. Unsere gesamte karmisch Hinterlassenschaft aktiviert sich und reift aufgrund des Folgenden: Begierde, eine herbeiführende Geisteshaltung wie die Identifikation mit einem soliden „Ich“ und einem Impuls, im nächsten Augenblick weiter zu existieren, um dieses scheinbar solide „Ich“ zu erhalten. Diese Analyse ist sehr tiefgehend.

Erinnern Sie sich bitte: Wir sprechen hier darüber, wie die karmische Hinterlassenschaft als eines der beiden folgenden Dinge reift: erstens als der nächste Moment des Glücklichseins oder des Unglücklichseins den wir erleben; zweitens als unser Erleben von dem, was auch immer diese befleckten Gefühle begleiten mögen. Wir erklären, wie z.B., wenn wir in einem Gespräch mit jemanden sind, unser Grad des Glücklichseins sich ständig verändert. Es bleibt nicht gleich. All dies ist die Aktivierung und das Reifen von karmischen Hinterlassenschaften und es entsteht alles, weil während jedes Augenblickes unserer Erfahrung des Gespräches die Folgenden vorhanden sind: Begierde, ein Herbeiführer, ein Impuls, weiter zu existieren, und eine bestimmte Art, in der wir das, was wir erfahren, betrachten.

Teilnehmer: Etwas kann auch so schön sein, dass es für uns unerträglich ist.

Das ist richtig, wir können unser Glück auf viele Weisen zerstören.

Im Augenblick sprechen wir nur darüber, was verursacht, dass eine karmische Hinterlassenschaft aktiviert wird und reift. Eine nicht aktivierte karmische Hinterlassenschaft ist kein Karma. Ein anderer karmischer Impuls, einen Impuls, weiter zu exitieren, ist nötig, um sie zu aktivieren. Und auch eine aktivierte karmische Hinterlassenschaft ist immer noch kein Karma. Und selbst was aus der aktivierten karmischen Hinterlassenschaft reift, ist auch kein Karma. Karma, im Sinne von „ karmischer Hinterlassenschaft“, reift nie als Karma.

Was reift aus dem Karma? Glücklichsein, alles was wir erleben, was uns passiert, und das, worauf wir Lust haben, es zu tun. Je nachdem, wie wir das, was uns im Augenblick geschieht, ansehen, lassen die beiden weiter anhaltenden Elemente der Begierde und der herbeiführenden Geisteshaltung einen Impuls, weiter zu existieren, entstehen. Dieser Impuls, weiter zu existieren aktiviert dann ein anderes Set karmischer Hinterlassenschaft. Dann erleben wir als nächste karmische Reifung etwa anderes. An jedem Punkt kann das, wonach uns der Sinn steht, es zu tun (wobei es sich um das Reifen einer karmischen Hinterlassenschaft handelt) zu einem Impuls führen, die Handlung tatsächlich auszuführen (ein weiteres Karma), und dann dazu, dass wir sie tatsächlich ausführen. Es ist nicht so, dass wir einfach handeln.

Das Entstehen weiterer karmischer Impulse

Lassen Sie mich auf etwas genauere Weise beschreiben, wie weitere karmische Impulse entstehen. Nehmen wir an, dass wir das Reifen irgendwelcher vorangehender Sätze karmischer Hinterlassenschaften erleben – einer ist zum Beispiel als das Hören eines lauten, vom Nachbarn verursachten Geräusches gereift, während ein anderes so gereift ist, dass wir den Lärm mit einem unglücklichen Gefühl erleben. Wahrscheinlich haben wir in einem vergangenen Leben andere durch unser Lärmen gestört. Die daraus entstehende karmische Hinterlassenschaft ist bereits zuvor in der Form gereift, dass wir Lust bekommen haben, in eine Wohnung zu ziehen, die laute Nachbarn hat. Wir haben uns nicht nur danach gefühlt, dorthin zu ziehen, sondern sind aufgrund von zahlreichen anderen mitwirkenden Ursachen und Umständen tatsächlich dorthin gezogen. Während wir voller Unglücklichsein den Lärm hören, empfinden wir die Begierde, dieses Unglücklichsein loszuwerden. Wir haben auch eine herbeiführende störende Geisteshaltung: wir identifizieren uns mit einem soliden „ Ich“, das die Situation nicht ertragen kann, und dies löst einen Weiterexistenzimpuls aus, weiterhin auf solide Weise frei davon zu existieren.

Wozu führt die Kombination all dieser Elemente? Sie aktiviert einen anderen Satz karmischer Hinterlassenschaften und aus diesem Grund reift irgendeine Tendenz und irgendein Potenzial, eine große Szene zu machen, als die Lust, an die Tür unseres Nachbarn zu hämmern und ihn anzuschreien. Dieser Moment der Wahrnehmung wird von zahlreichen Geistesfaktoren begleitet. In diesem Kontext ist einer der wichtigsten Faktoren die Art und Weise, in der wir dem lauten Lärm Aufmerksamkeit schenken, während wir die Lust verspüren, eine große Szene zu machen. Möglicherweise betrachten wir diesen Lärm als einen schrecklichen Angriff gegen unseren Geistesfrieden, oder aber wir betrachten ihn als eine willkommene Herausforderung zum Üben von Toleranz und Geduld. Dies verstärkt die vorangehenden Tendenzen, die wir aufgebaut haben.

Die Tatsachen, dass den Lärm unseres Nachbarn als einen Angriff ansehen, dass wir uns weiterhin als ein solides “Ich” ansehen und dass wir die Begierde haben, weiterhin lärmfrei zu leben, wirken zusammen als Umstände dafür, dass ein anderer Satz von karmischen Potenzialen und Tendenzen aktiviert wird. Das Potenzial und die Tendenz dazu, in solchen Situationen unglücklich zu sein, würde dazu reifen, dass wir uns weiterhin unglücklich fühlen. Wenn wir den Lärm andererseits als eine Herausforderung ansehen, würde gemeinsam mit anderen Faktoren über den gleichen Mechanismus dazu führen, dass wir das Gleiche tun, um uns glücklich zu fühlen, da wir die Herausforderung willkommen heißen.

Unser Erleben des Gefühles, dass uns danach ist, an die Tür zu hämmern, wird im ersten Fall von der Ansicht begleitet, dass es nützlich wäre, an die Tür zu hämmern; im zweiten Fall dagegen von der Ansicht, dass es schädlich wäre. Wenn wir es im ersten Fall weiterhin als eine gute Lösung ansehen, an die Tür zu hämmern, wenn wir uns weiterhin mit einem soliden „Ich“ identifizieren und weiterhin die Begierde haben, von diesem Unglücklichsein, das wir erleben, getrennt zu sein, dann wird unsere Lust, an Tür zu hämmern, einen Impuls hervorbringen, tatsächlich hinzugehen und es zu tun. Wenn dieser Impuls weiterhin von dieser Begierde, diesem Herbeiführer und dieser Ansichtsweise begleitet ist, bewirkt er, dass wir schließlich tatsächlich an die Tür hämmern.

In dem Fall, in dem wir den Lärm als eine willkommene Herausforderung ansehen, uns glücklich fühlen, das An-die-Tür-Schlagen nicht als hilfreiche Lösung ansehen und unseren Impuls, weiterhin als ein solides „Ich“ zu existieren, mit geistigem Frieden betrachten, werden all diese Elemente einen anderen Satz von Potenzialen und Tendenzen aktivieren. Möglicherweise aktivieren sie das Potenzial und die Tendenz, uns davon zurückzuhalten, eine Szene zu machen. Dieses aktivierte Potenzial und diese aktivierte Tendenz werden dann dazu reifen, dass uns danach ist, uns davon zurückzuhalten, an die Tür zu hämmern. Die Lust, uns zurückzuhalten, bringt den Impuls hervor, uns am Riemen zu reißen, und schließlich lehnen wir uns tatsächlich zurück und gehen nicht mehr hin. Der Mechanismus ist derselbe wie im Falle, in dem wir schließlich gehen und hämmern.

Wir sehen also, dass die Begierde und die herbeiführende Geisteshaltung, speziell die Identifikation mit einem soliden „Ich“, in der Aktivierung und Reifung der karmischen Hinterlassenschaft ebenso die Schlüsselrolle spielen wie beim Hervorrufen weiterer karmischer Impulse. Wenn wir uns von der Begierde und diesem Herbeiführer befreien, die aus dem ersten der zwölf Glieder entstehen – der Unwissenheit bzw. der Verwirrung über unsere Existenzweise – so dass sie sich nie wieder ereignen, dann gibt es keine weiteren Aktivierungen und Reifungen karmischer Hinterlassenschaften und keine Produktion weiteren Karmas mehr. So kann man dieses ganze System angreifen, dies ist sein schwacher Punkt. Wir müssen uns von unserer Identifikation mit einem soliden „Ich“ befreien, die hinter unserer Begierde und unserer herbeiführenden störenden Emotion steht. Um uns von der Identifikation mit einem soliden „Ich“ zu befreien, müssen wir uns von unserem Greifen nach einem soliden „Ich“ befreien. Dies können wir nur erreichen, wenn wir vollständig verwirklichen, dass es ein solches Ding nicht gibt. Wir müssen die Leerheit verwirklichen, d.h. die Tatsache, dass unser konventionell existierendes „Ich“ vollkommen leer von unmöglichen Existenzweisen ist.

Nehmen wir uns einige Augenblicke um zu versuchen, dies zu verdauen.

[Meditation]

Abschluss

Die Zeit unseres Wochenendseminars ist abgelaufen und ich muss mich entschuldigen. Ich hatte viel mehr Material für dieses Wochenende vorbereitet, doch mir scheint, dass es für den Anfang hilfreich ist, wenn Sie ein grundlegendes Verständnis der von mir dargestellten Dinge gewinnen können. Nur wenn wir das System des Karmas einschließlich der Schwäche verstehen können, die ihm innewohnt – das Begehren danach, vom Glück nicht getrennt zu werden und vom Leiden getrennt zu sein, und eine herbeiführende störende Geisteshaltung, wie die Identifizierung mit einem soliden „ Ich“ – können wir den Prozess der Reinigung verstehen.

Wir wollen mit einer Widmung enden. Was auch immer wir gelernt haben, möge es tiefer und tiefer gehen. Möge es als eine Ursache dafür dienen, dass wir uns schließlich davon befreien, vom Karmamechanismus kontrolliert zu werden, damit wir die Erleuchtung verwirklichen und allen bestmöglich helfen können.