Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Der Mechanismus von Karma: Die Darstellung des Mahayana
unter Ausschluss der Gelug-Prasangika-Schule

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 9-11 März 2001
im Januar 2004 ausführlich überarbeitet
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Unterrichtseinheit 3: Die Hinterlassenschaft von Karma

Nach der karmischen Handlung: die karmische Hinterlassenschaft

Wir haben die ersten beiden Phasen besprochen, d.h. die Phase unmittelbar bevor wir etwas tun, sagen oder denken und die Phase während wir tatsächlich etwas tun, sagen oder denken. Nun werden wir untersuchen was nach Abschluss der karmischen Handlung geschieht.

Nach Aussage der beiden Mahayana-Lehrsysteme – dem Chittamatra und dem Madhyamaka – folgen drei Dinge auf den Abschluss einer karmischen Handlung. Da es keinen übergreifenden Begriff gibt, unter dem diese drei Dinge gemeinsam zusammengefasst werden, habe ich hierfür die Bezeichnung karmische Hinterlassenschaft geprägt. Wir haben bereits über nichtstatische Abstraktionen gesprochen. Wir haben nun ein Netzwerk karmischer Kräfte, karmischer Tendenzen (tib. sa-bon, Skt. bija, Samen) und karmischer ständige Gewohnheiten (tib. bag-chags, Skt. vasana). Dies sind alles Abstraktionen.

Nach der karmischen Handlung
(Karmische Hinterlassenschaft)

Netzwerke karmischer Kraft Karmische Tendenz Karmische ständige Gewohnheit

Da es ein Hinayana-System ist, vertritt das Vaibhashika nicht die Existenz karmischer ständiger Gewohnheitsmuster. Daher gibt es für die Vertreter dieser Schule nur zwei Arten von karmischer Hinterlassenschaft: die Netzwerke karmischer Kraft und die karmischen Tendenzen. Wir wollen unsere Diskussion auf die Mahayana-Systeme einschränken. Erinnern Sie sich bitte, dass wir hier die allgemeine Darstellung besprechen, die von allen Lehrsystemen des Mahayana akzeptiert wird, wie sie – mit Ausnahme der Gelug-Prasangika – von allen vier tibetischen Traditionen erklärt werden.

Netzwerke karmischer Kraft

Die karmische Kraft hat zwei Aspekte, von denen jeweils einer mit einer ihrer beiden Phasen einhergeht. Die erste Phase der karmischen Kraft ist die Handlung selbst. Die zweite ist die karmische Kraft, die die essentielle Natur, eine karmischen Tendenz zu sein (tib. sa-bon-gyi ngo-bor gyur-ba) angenommen hat. Diese ist allerdings nicht identisch mit der zweiten Art von karmischer Hinterlassenschaft, nämlich den tatsächlichen karmischen Tendenzen. Diese zweite Phase karmischer Kraft ist weiterhin entweder positiv oder negativ, weiterhin entweder konstruktiv oder destruktiv. Die tatsächlichen karmischen Tendenzen andererseits sind nicht spezifiziert hinsichtlich konstruktiv oder destruktiv: sie sind ethisch neutral.

Mir ist nie irgendein System oder Text begegnet, der neutrale karmische Kraft bespricht, und soweit ich weiß gibt es hierfür keinen Fachbegriff. Doch ich denke, dass es aus Gründen der Analogie auch eine neutrale karmische Kraft geben muss, die die selben zwei Phasen der karmischen Energie und des karmischen Potenzials hat, wie es bei den positiven und negativen karmischen Kräften der Fall ist. Normalerweise besprechen die Darstellungen des Karmas lediglich das Karma von destruktiven oder konstruktiven Handlungen, wobei sie hauptsächlich den Akzent auf die Form von Karma legen, die aus destruktivem Verhalten resultiert. Am Ende einer solchen Darstellungen steht normalerweise der Hinweis, dass man den karmischen Mechanismus des konstruktiven Verhaltens auf analoge Weise verstehen kann. Aus diesem Grund scheint mir, dass man denselben analogen Mechanismus auch auf das neutrale Karma anwenden kann. Doch wir wollen uns nicht auf das neutrale Karma konzentrieren.

Um dies leichter verständlich zu machen, wollen wir die erste Phase der karmischen Kraft „ positive oder negative karmische Energie“ und die zweite Phase „positives oder negatives karmische Potenzial“ nennen.

Die Bezeichnung Netzwerk positiver Kraft (tib. bsod-nams-kyi tshogs, Ansammlung von Verdienst) erscheint als Fachbegriff nur in Bezug auf ein erleuchtungsbildendes Netzwerk positiver Potenziale, das mit Bodhichitta aufgebaut wird und die Erleuchtung zum Resultat hat. Um die Darstellung des Karma-Mechanismus leichter verständlich zu machen denke ich, dass wir auch von einem „samsarabildenden Netzwerk negativer Kraft“ sprechen können, und so für beide Fälle den allgemeinen Begriff eines „Netzwerks karmischer Kraft“ benutzen können. Der Begriff „Netzwerk karmischer Kraft“ umfasst dann beide Phasen der karmischen Kraft: wenn die karmische Kraft eine karmische Energie ist und wenn sie ein karmisches Potenzial ist.

Mir scheint, dass der Begriff des „Netzwerks“ ein klareres Verständnis vermittelt als der Begriff der „Sammlung“. Ein Netzwerk verbindet zahlreiche verschiedene Punkte so dass es zu einer Art gemeinsamer Interaktion kommt. All diese Punkte sind miteinander in verschiedenen Weise verbunden.

[Siehe: Die beiden erleuchtungsbildenden Netzwerke (Die zwei Sammlungen) .]

Wir wollen die Netzwerke näher betrachten. Wir könnten von einem Netzwerk sprechen, das gleichzeitig verschiedene physikalische Punkte verbindet, wie etwa all die verschiedenen Teile einer Maschine. Das ist die Art, in der wir uns normalerweise ein Netzwerk vorstellen, oder? Hier wollen wir die Dimension wechseln und uns ein Netzwerk vorstellen, das innerhalb der Zeit die verschiedenen Momente verbindet: erst haben wir so gehandelt, dann so. Ich habe damals jemanden angeschrieen, dann ein anderes Mal, und dann hab ich nochmals jemanden angeschrieen. Jede Handlung hat eine karmische Kraft, sowohl bevor sie stattgefunden hat als danach. Die karmische Kraft der Handlung (die karmische Energie) besteht aus einem Kontinuum von Momenten, die nur solange andauern, wie die Handlung selbst andauert. Während der Dauer der Handlung verbinden sich die karmischen Energien jedes Augenblicks netzwerkartig miteinander. Je länger die Handlung anhält, desto stärker wird daher das Netzwerk der karmischen Kraft. Behalten Sie bitte dabei vor Augen, dass es sich hier um eine netzwerkartige Verbindung von Momenten von etwas handelt und dass natürlich jeweils nur ein Moment auf einmal geschieht.

Wenn die Handlung zum Ende kommt verändert das Kontinuum der karmischen Kraft seine essentielle Natur: die weiteren Momente des Kontinuums haben hat nicht länger die Natur einer karmischen Energie, sondern vielmehr eines karmischen Potenzials. Als eine Art von Tendenz ist ein karmisches Potenzial lediglich eine Abstraktion, die dem geistigen Kontinuum zugeschrieben wird. Ihr Kontinuum beginnt in dem Augenblick, in dem das Kontinuum der karmischen Energie (die Handlung) aufhört und weitere Momente generiert, bis es entweder aufhört, seine Ergebnisse zu produzieren oder aber gereinigt wird. „Gereinigt“ bedeutet, dass es eliminiert wird ohne einen karmischen Effekt zu produzieren. Beachten Sie bitte, dass eine karmische Handlung als ein karmischer Effekt oder als eine Reihe karmischer Effekte zur Reifung kommen kann.

Solange sie aufeinander folgen, verbinden sich die Momente der Kontinuität dieses karmischen Potenzials ebenfalls netzwerkartig, so dass sie eine kumulative Wirkung haben. Es verhält sich allerdings nicht so, dass die Netzwerke räumlich größer werden, da es sich bei ihnen lediglich um Abstraktionen handelt. Netzwerke haben keine physische Form.

Die Ergebnisse, die von einem solchen Netzwerk heranreifen können, können über die Zeit hinweg ebenfalls an Kraft zunehmen, wie im Beispiel der negativen Kraft des Streitens mit unserem Partner, die immer stärker wird, solange wir uns nicht entschuldigen. Ihre Kraft kann auch abnehmen, wie in dem Fall, in dem wir unserer negativen karmischen Kraft etwas entgegensetzen, indem wir durch konstruktives Handeln positive karmische Kraft aufbauen.

Das Netzwerk karmischer Kraft, das sich aus einer karmischen Handlung ergibt, umfasst beide Phasen – die Phase der karmischen Energie und die Phase des karmisches Potenzials. Ferner sind es nicht nur die Kontinuitäten der karmischen Energie und der karmischen Potenzialität einer karmischen Handlung, die sich im Laufe der Zeit netzwerkartig miteinander verbinden: zur selben Art der Verbindung kommt es auch zwischen den karmischen Kräften zahlreicher ähnlicher Handlungen. Jedes Mal wenn ich mich zum Beispiel beschwere, geht die karmische Kraft dieser Handlung eine netzwerkartige Verbindung mit den karmischen Kräften der vorangehenden Male ein, in denen ich mich beschwert habe. Je öfter ich mich beschwere, desto stärker wird das Netzwerk der karmischen Kraft des sich Beschwerens und desto stärker können seine Wirkungen werden. Hier werden die Abstraktionen zu dem, was wir im Westen als ein „karmisches Muster“ bezeichnen könnten.

Dies ist es, was wir mit „karmischen Netzwerken“ meinen, und ich glaube, dass diese Erklärungsweise sehr viel mehr Sinn ergibt als das Bild vom Karma, das wir entwerfen, wenn wir Formulierungen wie „Ansammlung von Verdienst“ benutzen. Beim Karma handelt es sich mit Sicherheit nicht um eine Sammlung von Punkten, die wir in einem Buch notieren, und wenn wir genug Punkte oder „ Verdienst“ gesammelt haben, gewinnen wir einen Preis. Nehmen wir uns einen Augenblick Zeit, um dies zu verdauen.

[Meditation]

Fragen bezüglich der Netzwerke karmischer Kraft

Teilnehmer: Bis jetzt habe ich es mir so vorgestellt, dass, wenn ich eine negative Handlung ausführe, diese zum Netzwerk dazukommt und es größer und größer macht.

In einem gewissen Sinne ist es so, aber versuchen Sie, es sich nicht auf räumliche Weise vorzustellen.

Teilnehmer: Es ist nicht so, dass eins zum anderen addiert wird, sondern vielmehr so, dass das eine das andere verstärkt oder kräftigt. Wenn ich eine Handlung wiederhole, dann wird sie stärker, weil sie die zweite, dritte und vierte Wiederholung mit einschließt.

Richtig. Die karmische Kraft der ersten Handlung geht mit den karmischen Kräften der zweiten, dritten und vierten Wiederholung eine netzwerkartige Verbindung ein. Und nicht nur das: selbstverständlich ist jede Wiederholung einer Handlung leicht verschieden – es handelt sich nicht um exakten Wiederholungen. Deshalb ist das Wort „Muster“ hier ein nützlicher Begriff – es geht in diese Richtung. Es ist etwas anderes, als wenn man einen Sack mit immer und immer mehr Reis füllt, wie bei einer „Annsammlung“ von Reis.

Teilnehmer: Genau so habe ich mir bis vor zwei Minuten Verdienst vorgestellt.

Das liegt daran, dass wir uns die Dinge in Begriffen der Raumdimension und als materielle Phänomene vorstellten. Hier allerdings arbeiten wir mit Momenten, in denen man etwas tut und mit dem, was über die Zeit hinweg geschieht. Wir müssen die Dimension wechseln. Wir sprechen hier von Momenten. Die Dauer und die Wiederholungszahl verstärken ein karmisches Muster.

Frage: Handelt es sich bei diesen Netzwerken um eine Art Energie?

Nein, die Netzwerke karmischer Kraft sind nicht Formen von Energie. Es handelt sich um nichtstatische Abstraktionen, die einem Kontinuum zugeschrieben werden. Im Falle körperlicher und verbaler karmischer Handlungen – das ist es, was wir hier beschrieben haben – besteht eine der beiden Phasen des Kontinuums, welchem ein Netzwerk karmischer Kraft zugeschrieben wird, aus karmischer Energie. Die andere Phase dagegen ist ein karmisches Potenzial, das seinerseits eine Abstraktion ist.

In der komplexeren Darstellung des Gelug-Prasangika-Systems wird das aus körperlichen oder verbalen karmischen Handlungen entstehende Netzwerk karmischer Kraft einem in drei Phasen ablaufenden Kontinuum zugeschrieben. Die erste Phase ist die der groben karmischen Energie, die zweite die der subtilen karmischen Energie und die dritte die des karmischen Potenzials.

[Siehe: Die Zwölf Glieder des abhängigen Entstehens .]

In beiden Erklärungssystemen wird das Netzwerk der karmischen Kraft, das aus einer geistigen Handlung entsteht, einem zweiphasigen Kontinuum zugeschrieben: eine dieser Phasen besteht aus karmischer geistiger Energie (Augenblicke einer Art der Wahrnehmung) und die andere aus karmischem Potenzial.

In allen Fällen sind die Netzwerken nichtstatische Abstraktionen, die Kontinua zugeschrieben werden wobei diese Kontinua aus Momenten karmischer Kraft bestehen, die zwei oder drei Phasen haben, wobei jede Phase eine andere essentielle Natur hat. Jede Phase der karmischen Kraft ist eine andere Form von Substanz, genau wie eine Kontinuität von Wasser aus Phasen von Wasser und Eis bestehen kann, oder aus Phasen von Dampf, Wasser und Eis. Jede Phase ist Wasser als eine andere Art von Substanz: gasförmig, flüssig oder fest.

Die Umwandlung der Phasen des Wassers von einem gasförmigen zu einem flüssigen und schließlich zu einem festen Zustand wird vom Erreichen einer bestimmten Wassertemperatur ausgelöst. Ähnlich ist es bei der karmischen Kraft körperlicher und verbaler Handlungen, die wir besprochen haben. Hier wird die Umwandlung der Phasen von karmischer Energie zu karmischem Potenzial durch das Ende der Handlung ausgelöst.

Frage: Ich bräuchte ein Bild oder eine Analogie, um besser verstehen zu können, was Sie meinen, wenn Sie sagen, dass ein Netzwerk eine Abstraktion ist.

Wir wollen als erstes festhalten, das wir hier nicht von “Abstraktionen“ im Sinne von etwas vagem sprechen. Ferner: auch wenn eine Abstraktion von einer Idee repräsentiert werden kann, ist sie doch etwas anderes als eine Idee. Wir können an eine Abstraktion denken; in diesem Fall repräsentieren wir sie einfach durch eine Idee. Wenn wir nicht mehr an die Abstraktion denken, wenn wir sie nicht mehr „zuschreiben“, dann hört sie damit nicht auf zu existieren. Es ist nicht so, wie wenn wir ein Wort aus einer Fremdsprache vergessen und dann keine Ahnung mehr haben, was es bedeutet.

Was ist in diesem Zusammenhang dann eine Abstraktion? Nehmen wir das Beispiel einer geraden Linie. Wir könnten eine Reihe von Punkten verbinden und hierdurch eine Linie bilden. Die Linie ist wie eine Abstraktion, in dem Sinne, dass sie das ist, was wir konstruieren, um diese Punkte zu verbinden. In der Infinitesimalrechnung würden wir die Linie als das erste Integral bezeichnen – für diejenigen von euch, die mit Mathematik vertraut sind. Die Linie ist allerdings nicht bloß die Vorstellung einer Linie.

Jetzt wollen wir die Dimension wechseln und über Zeit sprechen. Wir haben verschiedene Punkte in der Zeit – Momente. Was ergibt sich, wenn wir sie verbinden? Ein Muster. Ein Netzwerk karmischer Kräfte. Es ist eine Abstraktion, eine Art, verschiedene Zeitpunkte zu verbinden. Es ist das, worauf wir auf der Grundlage dieser verschiedenen Momente ähnlicher Handlungen schließen können. Und doch ist ein Muster nicht die Idee eines Musters, oder? Ebenso wenig ist es etwas vages.

Vielleicht kann man durch die Analogie einer Stunde verstehen, wie man eine Abstraktion bildet, indem man eine zeitliche Abfolge von Momenten zusammenfügt. Es findet eine Abfolge von sechzig Minuten statt. Die Minuten finden nicht alle gleichzeitig statt, nicht wahr? Zu einem gegebenen Zeitpunkt läuft eine Minute ab, und dann läuft sie nicht mehr ab – sie ist zu Ende. Wir können allerdings als eine geistige Bezeichnung all diese Minuten zusammenfassen und von einer Stunde sprechen. Eine Stunde ist eine Abstraktion, die auf einer Abfolge von Minuten basiert, von denen jede nur einen Augenblick andauert und dann nicht mehr da ist. Dies ist wieder wie das erste Integral, doch diesmal bestehend aus zeitlichen Punkten und nicht aus räumlichen.

Es ist nicht so merkwürdig oder unüblich. Wir bilden oder „schreiben“ diese geistigen Abstraktionen ständig zu. In einer ähnlichen Weise bezeichnen wir ein Netzwerk oder Muster oder schreiben es zu auf einer Abfolge des Auftretens eines ähnlichen Typs von Handlungen basierend, von denen jede eine Abfolge von Momenten andauerte. Eine Stunde ist nicht bloß eine Idee. Wir können sagen, dass eine Stunde tatsächlich existiert, oder? Dasselbe gilt für diese Abstraktionen.

Was die Basis angeht, auf deren Grundlage ein Netzwerk karmischer Kraft bezeichnet wird: nur während den Phasen der karmischen Energie haben wir eine Abfolge von Momenten einer bestimmten Art von Handlung. Indem wir hier eine Reihe ähnlicher Handlungen als Netzwerk bezeichnen, bezeichnen wir es nicht bloß die auf Abfolge von Momenten, in denen wir uns in dieser Weise verhalten haben. Wir bezeichnen damit auch die Abfolge von Momenten des „Nicht-Länger-So-Stattfindens“ (tib. 'das-pa) unserer Handlung auf diese Weise. Da es Wiederholungen eines ähnlichen Handlungstyps gegeben hat, müssen wir sagen, dass es in den Perioden zwischen den sich wiederholenden Episoden, in denen wir so gehandelt haben, Abfolgen von Momenten des Potenzials für diese Art von Verhalten gegeben hat. Wenn wir eine Reihe von Punkten verbinden, um eine Linie zu bilden, dann überbrückt diese Linie auch den Raum zwischen den Punkten, oder? Dasselbe gilt auch hier, doch es findet in der zeitlichen Dimension statt, nicht in der räumlichen.

Was ist die durchgehende Basis, die durch die gesamte Dauer der Perioden ähnlichen Verhaltens und der Perioden dazwischen eine Kontinuität gewährleistet? Es ist die Abfolge von Momente eines individuellen geistigen Kontinuums. Eigentlich behauptet hier jedes der indischen Lehrsysteme etwas leicht Verschiedenes, aber lassen Sie und allgemein bleiben. Das karmische Potenzial während der Momente, in denen wir uns nicht mehr in einer bestimmten Weise verhalten – zwischen einer vergangenen Periode (tib. ‘das-pa) in der wir uns so verhalten haben und einer noch nicht eingetretenen Periode (tib. ma-‘ong-pa) in der wir uns erneut so verhalten werden – ist ebenfalls eine Abstraktion. Sie wird dem geistigen Kontinuum zugeschrieben.

Der Komplex verhaltensbedingter Ursachen und Wirkungen ist eine Abstraktion

Lassen Sie uns die Diskussion ausweiten. Im Allgemeinen sprechen wir mit dem Wort „Karma“ von Ursache und Wirkung, bzw. vom Verhalten und seiner Wirkung. Wenn wir über verhaltensbedingte Ursachen und Wirkungen sprechen, handelt es sich ebenfalls um eine Abstraktion, die sich über die Zeit erstreckt. Es handelt sich allerdings nicht darum, dass wir bloß Momente eines ähnlichen Verhaltens und die zwischen diesen Momenten liegenden Perioden, in denen wir uns nicht so verhalten (doch weiterhin das Potenzial haben, uns erneut so zu verhalten), zu verbinden. Darüber hinaus verbinden wir ebenfalls die Momente der vorangehenden Impulse, die zu dieser Handlung führten und die Momente der Ergebnisse dieser Handlungen in unserer zukünftigen Erfahrung.

Das ist der Komplex von verhaltensbedingter Ursache und Wirkung. Es handelt sich bei ihm um eine Abstraktion, die auf der Basis einer gesamten Sequenz von Ursache und Wirkung gemacht wird. In jedem gegebenen Augenblick geschieht nur ein Moment der karmischen Sequenz von Ursache und Wirkung, doch wir können die Abstraktion des Prozess jederzeit zuschreiben.

Vor einer Handlung haben wir ein Kontinuum eines karmischen Impulses und zur Zeit der Handlung haben wir ein Kontinuum karmischer Energie. Nach der Handlung haben wir ein Kontinuum von karmischen Hinterlassenschaften in Form von Netzwerken karmischer Kraft, die dem Kontinuum der Momente sowohl der Phase karmischer Energie als auch der Phase karmischen Potenzials zugeschrieben werden. Die karmische Hinterlassenschaft umfasst auch das Kontinuum der karmischen Tendenzen und der karmischen ständigen Gewohnheitsmuster. Dann haben wir das Kontinuum karmischer Ergebnisse, die sich aufgrund der karmischen Hinterlassenschaft ergeben, etwa wenn wir Momente erleben, in denen wir die Handlung wiederholen oder Momente von Glücklichsein oder Unglücklichsein empfinden. Die karmischen Ergebnisse, die sich aus einem „Paket“ von karmische Hinterlassenschaften ergeben, können nur einmal auftauchen, oder auch mehrmals, nach unterschiedlich langen Unterbrechungen.

Solange sich ein Ergebnis noch nicht ereignet hat oder noch nicht aufgehört hat, auf der Grundlage eines bestimmten Kontinuums wieder aufzutreten, können wir sagen, dass dieses Kontinuum, als eine Abstraktion, ein Phänomen der Gegenwart ist. Wenn es einmal aufgehört hat, in Erscheinung zu treten, dann ist dieses spezifische Kontinuum nur noch ein Phänomen der Vergangenheit. Eine Stunde beispielsweise ist eine Abstraktion, die einer Sequenz von sechzig Minuten zugeschrieben wird. Bis das gesamte Kontinuum von sechzig Minuten abgelaufen ist, erleben wir weiterhin die Stunde – etwa diese Unterrichtsstunde. Die Stunde ist ein Phänomen der Gegenwart, das weiterhin stattfindet. Wenn diese sechzig Minuten einmal abgelaufen sind und wir uns jenseits dieser Zeit befinden, dann gibt es keine gegenwärtig existierende Minuten mehr, die als diese Stunde hier etikettiert werden können. Die Stunde ist nun nur noch eine vergangene Stunde. Genauso verhält es sich mit einem Netzwerk verhaltensbedingter Ursachen und Wirkungen. Wenn es einmal aufgehört hat, seine Ergebnisse zu hervorzubringen, dann ist es nicht mehr gegenwärtig; es gehört der Vergangenheit an.

Damit ein Ergebnis entstehen kann müssen bestimmte Umstände oder Bedingungen gegeben sein, die als Ursachen zur Entstehung beitragen. Im Fachjargon werden diese als „gleichzeitig wirkende Bedingungen“ (tib. lhan-cig byed-rkyen) bezeichnet. Auf einer Ebene können wir annäherungsweise sagen, dass das, was wir erleben und die Weise, in der wir das von uns Erlebte betrachten (tib. yid-la byed-pa, die Art des Aufmerksamkeit-Schenkens) als Auslöser dazu dienen, dass die karmische Hinterlassenschaft solche Ergebnisse wie das Empfinden von Glücklichsein oder Unglücklichsein produziert. Hinter unseren Geisteshaltungen steht allerdings das Greifen nach wahrer Existenz, die Verwirrung die sich speziell auf das „Ich“ bezieht und darauf, wie das „Ich“ existiert. Das ist die Hauptbedingung dafür, dass Netzwerke, welche Kontinua zugeschrieben werden, die den karmischen Impuls, die karmische Energie und die karmische Hinterlassenschaft umfassen, ihre Ergebnisse produzieren können. Wenn wir uns für immer von dieser Verwirrung befreien, dann werden die Netzwerke karmischer Ursachen und Wirkungen die unseren geistiges Kontinua zugeschrieben werden, zu bloßen Phänomenen der Vergangenheit. Sie sind dann keine jetzt gegenwärtigen Phänomene mehr, da sie keinerlei Ergebnisse mehr produzieren können. Es handelt sich bei ihnen dann um Abstraktionen, die lediglich den Kontinua von Momenten zugeschrieben werden, die vergangen sind.

Präziser gesagt: damit ein Kontinuum karmischer Ursachen und Wirkungen ein Phänomen der Gegenwart sein kann, muss seine Wirkung selbst ein gegenwärtig geschehendes Phänomen sein. Oder die Wirkung muss ein Phänomen sein, das sich noch nicht ereignet hat (ein Phänomen der Zukunft), das sich aber ereignen kann. Zwischen den vergangenen Ursachen und den zukünftigen Wirkungen muss es in der Gegenwart die karmischen Hinterlassenschaften geben, die die Kontinuität und die Verbindung gewährleisten. Wenn die zukünftige Wirkung niemals eintreten kann, dann liegt das daran, dass die karmische Hinterlassenschaft die die Gegenwart mit dieser zukünftigen Wirkung verknüpft haben könnte, lediglich der Vergangenheit angehört. D.h. die karmische Hinterlassenschaft gehört nicht mehr der Gegenwart an. Wenn wir also von karmischen Potenzialen und karmischen Tendenzen sprechen, dann sprechen wir von Potenzialen und Tendenzen, die tatsächlich Ergebnisse produzieren und nicht bloß von irgendwelchen hypothetischen Potenzialen oder Tendenzen.

Dies ist die Weise, in der wir Karma bereinigen. So lange ein Netzwerk karmischer Hinterlassenschaft tatsächlich ein Ergebnis produzieren kann und seine Ergebnisse noch nicht produziert oder noch nicht aufgehört hat, sie zu produzieren, kann es auf gültige Weise als ein Phänomen der Gegenwart bezeichnet werden: es ist auf einem geistigen Kontinuum als eine jetzt gegenwärtige Abstraktion anwesend. Wenn es damit abgeschlossen hat, seine Ergebnisse hervorzubringen oder es keine Möglichkeiten mehr dafür gibt, dass es tatsächlich irgendwelche Ergebnisse produziert, dann wird es zu etwas Vergangenem und ist nicht mehr gegenwärtig.

Aus diesem Grund ist es so wichtig, zu verstehen, dass der Komplex der verhaltensbedingten Ursachen und Wirkung eine Abstraktion ist. Sie basiert nicht einfach nur auf einem Verhaltensmuster. Sie ist eine Abstraktion, die auf der gesamten Sequenz von Momenten des Impulses basiert, der das Verhalten hervorgebracht hat, auf den Momenten des Verhaltens selbst, auf den Momenten der Hinterlassenschaft und auf allen Momenten des Ergebnisses des Verhaltens.

Karmische Beziehungen

Frage: Kann ich den Charakter eines Netzwerkes zwischen mir und einer anderen Person verändern, indem ich Mitgefühl für sie habe?

Mir scheint, wir müssen hier eine Unterscheidung treffen. Erstens: wir bauen ein Netzwerk karmischer Kraft nicht bloß durch diejenigen Handlungen auf, die wir einer spezifischen Person gegenüber unternehmen. Möglicherweise schreien wir viele Menschen an. Es ist nicht so, dass wir die Ergebnisse einer bestimmten Art von Handlung nur innerhalb der Beziehung erleben werden, die wir in zukünftigen Leben mit dieser einen Person haben werden. Diese Handlungsweise könnte vielmehr zahlreiche verschiedene Beziehungen zu Menschen, zu denen wir uns vorher ähnlich verhalten haben, beeinflussen.

Andererseits: selbstverständlich haben wir Netzwerke karmischer Kraft oder karmische Verbindungen zu individuellen Wesen. Soviel ist sicher. Doch bezogen auf jede Person, jedes Tier und jedes Wesen, mit dem wir interagieren, unternehmen wir durch unser Tun, Sprechen und Denken zahllose Handlungen. All diese Handlungen gehen eine netzwerkartige Verbindung miteinander ein und bilden so eine Beziehung – und auch bei dieser handelt es sich um eine Abstraktion. Wir können den Charakter dieses Netzwerkes mit Sicherheit verändern, indem wir das verändern, was wir in das Netzwerk hinein geben. Wir tun dies, indem wir unsere Handlungen, unsere Kommunikationsweise und unsere Gedanken verändern. Genau wie wir durch das Wiederholen einer Handlung ein Netzwerk negativer karmischer Kraft stärken können, können wir es auch schwächen, indem wir die Gegenkräfte anwenden. Statt eine Person anzuschreien können wir nett zu ihr sein.

Frage: Kann sich ein karmisches Netzwerk zu einer bestimmten Person verändern, wenn ich überhaupt keinen Input mehr gebe?

Nun, nein. Ich weiß nicht, ob wir dieses Wochenende dazu kommen werden, doch eines der Gesetze vom Karma ist, dass diese Kräfte nicht einfach aus sich selbst heraus alt werden und ihre Stärke verlieren. Allerdings: wenn Sie die Person ignorieren, dann ist dies ein Input. Ihn oder sie zu vermeiden ist eine Art von Handlung. Es ist ein Input.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Fall, in dem man jemanden ignoriert und dem, in dem man einfach nichts tut?

Wir müssen hier mehrere Möglichkeiten unterscheiden. Wenn man sich absichtlich bemüht, jemanden nicht zu treffen, oder keinerlei Anstrengungen macht, um jemanden zu treffen, dann ist das etwas anderes, als wenn es einfach passiert, dass man jemanden nicht trifft. In all diesen Fällen treffen wir die andere Person nicht. Aber nur in den zwei ersten Fällen geben wir in die Beziehung ein Input ein, das die Form unserer zukünftigen Interaktionen beeinflussen wird. Wenn es einfach geschehen ist, dass wir jemandem lange nicht begegnen und wir ihn oder sie dann wiedersehen, dann wird die Beziehung weitergehen, wenn die karmische Verbindung noch besteht. Natürlich wird diese Beziehung von dem beeinflusst werden, was jeder von uns in der Periode erlebt hat, in der wir uns nicht gesehen haben. Doch was uns geschehen ist, hat die karmisch Verbindung selbst nicht verändert, da unser jeweiliges Verhalten in dieser Zeit nicht auf den anderen gerichtet war. Nur ein Verhalten, das auf die Person gerichtet ist, mit der wir eine Beziehung haben, beeinflusst die karmische Verbindung zu dieser Person – auch wenn wir nur an ihn oder sie denken. Alles andere, was geschehen ist, stellt bloß die Umstände dafür bereit, wie die Beziehung sich manifestieren wird.

Frage: Wie steht es mit der Shamatha-Meditation, durch die wir uns beruhigen und Handlungen und Gedanken loslassen? Kann sie einen vom Karma befreien?

Shamatha dient bloß dazu, Konzentration zu entwickeln. Von sich aus führt diese Meditationsform nicht zur Überwindung des Karmas. Sie ist bloß ein Werkzeug, um eine vollkommen Konzentration zu erlangen, so dass wir dann in einer effektiveren Weise mit dem Verstehen der Realität arbeiten können – und dies ist es dann, was Karma beseitigen wird. Wir benutzen die Konzentration, die wir durch Shamatha gewonnen haben, um uns auf die Realität zu konzentrieren.

Karmische Tendenzen

Ein Netzwerk karmischer Kraft ist bloß eine der karmischen Hinterlassenschaften, die aus einer Handlung entstehen. Daneben gibt es zwei weitere Hinterlassenschaften: die karmischen Tendenzen („ karmische Samen“) und die karmischen ständigen Gewohnheiten. Um zu erläutern, was karmische Tendenzen sind, müssen wir wissen, wie sie sich von den anderen beiden Arten karmischer Hinterlassenschaften unterscheiden.

[Für eine detaillierte Besprechung, siehe: Logisches Durchdringen der Fachtermini für die verschiedenen Arten der karmischen Hinterlassenschaft .]

Karmische Tendenzen lassen ihre Ergebnisse nur intermittierend (in Abständen auftretend) entstehen, während karmische ständige Gewohnheiten ihre Ergebnisse in einer kontinuierlichen Weise ständig entstehen lassen. Auch die Netzwerke karmischer Kraft lassen ihre Ergebnisse nur intermittierend entstehen und ähneln in diesem Sinne den karmischen Tendenzen. Die karmischen Tendenzen und die Netzwerke karmischer Kraft lassen gemeinsam eine Gruppe von Ergebnissen entstehen, während die karmischen ständigen Gewohnheiten etwas anderes entstehen lassen.

Die Netzwerke karmischer Kraft sind allerdings entweder konstruktiv oder destruktiv. Karmische Tendenzen und karmische ständige Gewohnheiten sind nicht spezifiziert. Sie sind weder konstruktiv noch destruktiv; sie sind „neutral.“ So sind karmische Tendenzen intermittierend reifende neutrale Phänomene, während karmische ständige Gewohnheiten kontinuierlich reifende Phänomene sind.

Als intermittierend reifende Phänomene unterscheiden sich die karmischen Tendenzen und die Netzwerke karmischer Kraft nicht nur in Bezug auf ihren ethischen Status, sondern auch im Hinblick auf ein zweites Merkmal. Sie unterscheiden sich in der jeweiligen Weise, in denen sie gemeinsam in intermittierender Weise karmische Ergebnisse entstehen lassen. Dieser Punkt erfordert eine nähere Betrachtung.

Der Buddhismus unterscheidet mindestens sechs Arten von Ursachen und fünf Arten von Wirkungen. Manchmal werden sogar noch mehr verschiedene Arten von Ursachen und Wirkungen erwähnt, ganz zu schweigen von den verschiedenen Arten von Bedingungen oder Umständen, die ebenfalls zum Kausalprozess beitragen. Dies macht die Analyse von Ursache und Wirkung äußerst komplex. Da alles, was geschieht, das Ergebnis verschiedener Arten von Ursachen ist, die sich netzwerkartig verbinden, kann jedes Phänomen gleichzeitig viele verschiedene Arten von Ergebnis darstellen. Jede dieser Ergebnisarten, las die es existieren könnte, wäre das Resultat einer anderen Art von Ursache. In einer ähnlichen Weise, da jedes Phänomen als zahlreiche verschiedene Arten von Ursache fungieren kann, würde jede Art von Ursache, die es sein könnte, in Bezug auf die Ergebnisart, die sich aus ihm ergeben, beschrieben werden.

Auf diese Weise sind die karmischen Tendenzen und die Netzwerke karmischer Kraft die gemeinsamen Ursachen für verschiedene Arten von intermittierend entstehenden karmischen Ergebnissen. Obwohl jedes der Ergebnisse als eine bestimmte Art von karmischem Ergebnis bezeichnet wird, reflektiert die Bezeichnung einfach den herausstechendsten Aspekt des Ergebnisses, das jedes von ihnen darstellt. Für jedes Ergebnis wirken die karmische Tendenz und das Netzwerk karmischer Kraft, die hierbei beteiligt sind, als verschiedene Arten von Ursachen. Andere, nichtkarmische, Faktoren spielen ebenso eine kausale Rolle im Entstehen eines karmischen Resultats. Wie Buddha lehrte, entsteht eine Wirkung nicht bloß aus einer einzigen Ursache.

Zwei Arten des „Reifens“

Der allgemeine Fachbegriff für den Prozess, durch den karmische Tendenzen und Netzwerke karmischer Kraft karmische Ergebnisse entstehen lassen, ist „reifen lassen“ (tib. smin-pa).Wie mehrere andere Begriffe in der Darstellung des Karmas wird der Begriff „Minpa“ hier allerdings als übergreifender Begriff benutzt, der zwei verschiedene Weisen, ein Ergebnis herbeizuführen abdeckt und dann auch noch einmal für eine dieser Weisen benutzt wird. Die eine Weise ist, wenn eine Ursache reift und so ein Ergebnis herbeiführt. Diese erste Weise wird ebenfalls „Minpa“ genannt. „Reifen“ bedeutet, dass eine Ursache sich bis zu dem Punkt entwickelt oder wächst, and dem sie Früchte tragen kann, was bedeutet: ihr Ergebnis produzieren kann. Dies ist das Reifen in seinem wörtlichen Sinn. Die andere Weise ist, wenn sich eine Ursache erschöpft und endet (tib. rdzogs-pa) während sie ihre „Frucht“ produziert. Obwohl diese Weise ebenfalls als eine „ Reifung“ bezeichnet wird, handelt es sich hier nicht um eine Reifung per Definitionem. In der Besprechung des Karmas bezieht sich „reifen“ also nicht auf den Prozess, in dem unreifes Obst reif wird.

Beide Arten der intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften erschöpfen sich und enden, nachdem sie ihre Ergebnisse vollständig produziert haben. Karmische Tendenzen allerdings reifen nicht, sondern erschöpfen sich einfach. Benutzen wir ein stark vereinfachtes Beispiel um darzustellen, was damit gemeint ist, wenn man sagt, dass sich eine Ursache erschöpft während sie ihre Ergebnisse produziert. Eine karmische Tendenz ist wie eine bestimmte Menge Benzin im Tank eines Autos. Das Benzin fängt an, seine Wirkung zu produzieren, wenn es in den Motor fließt. Während er sich langsam leert, versorgt der Benzintank den Motor kontinuierlich mit einem Zufluss an Treibstoff, bis sich dieser schließlich vollständig erschöpft. An diesem Punkt kann man sagen, dass es nur in de Vergangenheit Benzin in diesem Tank gegeben hat, und nicht mehr in der Gegenwart. In einer ähnlichen Weise produzieren karmische Tendenzen weiterhin Ergebnisse, bis sie sich vollständig erschöpfen und enden.

Wenn Netzwerke karmischer Kraft reifen, produzieren sie ebenfalls in dieser Weise ein Ergebnis: sie „leeren“ und erschöpfen sich. Im Falle einer der verschiedenen Arten von Ergebnissen, die sie produzieren können, reifen diese Netzwerke allerdings auch, um dieses Ergebnis zu ergeben. Diese spezifische Art von Ergebnis wird ein „gereiftes Ergebnis“ (tib. rnam-smin-gyi ‘bras-bu) genannt. Obwohl die karmischen Tendenzen und die Netzwerke karmischer Kraft beide viele karmische Ergebnissen von der gleichen Art produzieren können, können karmische Tendenzen keine gereiften Ergebnisse entstehen lassen. Die gereiften Ergebnisse von Netzwerken karmischer Kraft sind die Aggregatsfaktoren, die jeden Augenblick unserer Erfahrung ausmachen – unsere fünf Aggregate – doch nur die unspezifizierten, aber nicht die destruktiven wie die Wut oder die konstruktiven wie die Geduld.

Eines der Karmagesetze besagt, dass wenn es nicht bereinigt oder anderweitig geschwächt wird die karmische Kraft einer Handlung ständig wächst. Dies bedeutet, dass das Netzwerk karmischer Kraft, das aus einer Handlung entsteht, ständig wächst, bis es reif genug wird, um Früchte zu tragen. Der Reifungsprozess dauert meist mehrere Leben an, während derer die karmischen Kräfte zahlreicher ähnlicher Handlungen sich netzwerkartig mit dieser Handlung verbinden können. So wächst das Netzwerk karmischer Kraft nicht nur aufgrund seiner natürlichen Entwicklung, sondern auch durch den Einfluss der anderen Dinge, die wir tun. Das Netzwerk der karmischen Kraft einer spezifischen Handlung geht weiter, um reif genug zu werden, um Früchte zu tragen bis es zu seiner Vollendung kommt und sich erschöpft.

Zusammenfassend gesagt, von einer Seite aus betrachtet, ähneln die karmischen Tendenzen den karmischen ständigen Gewohnheiten, da es sich bei beiden um unspezifizierte Phänomene handelt. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, unterscheiden sie sich von den karmischen ständigen Gewohnheiten, da sie in einer intermittierenden Weise Ergebnisse produzieren, und nicht in einer kontinuierlichen Weise; und außer in dem Fall, in dem wir, bevor sie sich erschöpfen und enden, eine wahre Beendigung von ihnen verwirklichen, werden sie zu einem natürlichen Ende kommen und nicht für immer weitergehen.

In einer Hinsicht ähneln die karmischen Tendenzen den Netzwerken karmischer Kräfte, da sie beide in einer intermittierenden Weise Ergebnisse produzieren – und tatsächlich tun sie dies gemeinsam. Ferner ist beiden gemeinsam, dass sie in einer natürlichen Weise enden werden, wenn wir nicht vorher ihre wahre Beendigung verwirklichen. In einer anderen Hinsicht unterscheiden sich die karmischen Tendenzen von den Netzwerken karmischer Kraft, da es sich bei diesen Netzwerken entweder um konstruktive oder destruktive Phänomene handelt, während die karmischen Tendenzen unspezifisch sind. Ein weiterer Punkt, in dem sie sich von diesen karmischen Netzwerken unterscheiden, ist folgender: Obwohl sie sich genau wie die Netzwerke karmischer Kraft erschöpfen, nachdem sie ihre Ergebnisse produziert haben, reifen karmische Tendenzen nicht um irgendeines ihrer Ergebnisse entstehen zu lassen. Dagegen reifen Netzwerke karmischer Kräfte um gereifte Ergebnisse entstehen zu lassen.

  Netzwerke karmischer Kraft Karmische Tendenzen Karmische ständige Gewohnheiten

Ethischer Status

Konstruktiv oder destruktiv unspezifisch unspezifisch
Häufigkeit, mit der sie karmische Ergebnisse entstehen lassen intermittierend intermittierend kontinuierlich

Weise, in der karmische Ergebnisse produziert werden

reifend

  • erschöpfen sich

  • reifen und produzieren ein gereiftes Ergebnis

reifend

  • erschöpfen sich

Werden nicht als „reifend“ bezeichnet

Weise, in der sie zu einem natürlichen Ende kommen

Erschöpfen sich Erschöpfen sich Kommen nie in einer natürlichen Weise zu einem Ende

Karmische ständige Gewohnheiten

Dann gibt es die dritte Art von karmischen Hinterlassenschaften, die karmischen ständigen Gewohnheiten. Wie die Netzwerke karmischer Kraft und die karmischen Tendenzen sind auch sie nichtstatische Abstraktionen. Doch im Unterschied zu den anderen Arten karmischer Hinterlassenschaften produzieren sie ihre Ergebnisse nicht intermittierend, sondern in einer kontinuierlichen Weise. Aufgrund dieses Unterschiedes wird die Art, in der die ständigen karmischen Gewohnheiten ihre Ergebnisse produzieren nicht als „Reifung“ bezeichnet. Darüber hinaus werden die karmischen ständigen Gewohnheiten nie in einer natürlichen Weise zu einem Ende kommen. Sie erschöpfen sich nie. Sie produzieren ihre Ergebnisse weiterhin in einer kontinuierlichen Weise, für immer – außer, wenn wir ihre wahre Beendigung verwirklichen.

Unterscheiden, was intermittierend aus den karmischen Hinterlassenschaften entsteht

Um ein weiteres Verständnis des Unterschieds zwischen den karmischen ständigen Gewohnheiten und den intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften zu gewinnen, müssen wir unterscheiden, was sie jeweils entstehen lassen.

Eines der wichtigsten Dinge, die die karmischen Tendenzen und die Netzwerke karmischer Kraft gemeinsam in einer intermittierenden Weise entstehen lassen, ist unsere Erfahrung befleckter Empfindungen irgendeines Grades, sich unglücklich, glücklich oder neutral zu fühlen. „Befleckt“ (tib. zag-bcas, kontaminiert) bedeutet, dass sie aus der Unwissenheit (Ignoranz) entstehen und von ihr begleitet werden. Mit „Glücklichsein“ ist hier die problematische Form des Glücks gemeint – die Art von Glück, die nicht befriedigt, da wir nie genug haben und da wir nie wissen, was als nächstes kommen wird. All diese befleckten Empfindungen sind intermittierend. Sie verändern sich ständig, von Augenblick zu Augenblick, entweder in ihrer Intensität oder indem sie sich untereinander abwechseln, und so bleibt keine Empfindung je konstant.

Etwas Weiteres, das aus den Netzwerken karmischer Kraft und den karmischen Tendenzen entsteht, ist die Lust, sich in einer ähnlichen Weise zu verhalten, wie man sich zuvor verhalten hat. In der Fachsprache heißt dies ein „Ergebnis, das in dem, was man tut, seiner Ursache ähnelt“ (tib. byed-pa rgyu-mthun-gyi ‘bras-bu). Es ist ein geistiger Faktor: der Wunsch oder die Lust, etwas zu tun. Ich habe Lust zu rauchen; ich habe Lust zu schimpfen; ich habe Lust, freundlich zu jemandem zu sein. In diesem Zusammenhang bezieht sich die deutsche Formulierung „Lust haben zu“ (engl. feeling like ...) darauf, dass wir einen Wunsch oder ein Verlangen erleben. Auch dieses reift nur gelegentlich, nicht ständig. Aufgrund des wiederholten aber intermittierenden Auftretens einer Lust, etwas zu tun, wie etwa zu rauchen, schreiben wir ein Muster zu, das wir im Westen als eine „Präferenz“ oder ein „Mögen“ dieser Art von Handlung bezeichnen. Beispielsweise mögen wir es, zu rauchen. Aus der Sichtweise der buddhistischen Analyse heraus ist hier das Kontaktbewusstsein, das unser Sehen von Zigaretten begleitet, angenehm. Wenn wir Zigaretten sehen, „ mögen“ wir sie.

Es ist sehr amüsant. Wir wissen, dass karmische Tendenzen und Kräfte zu einem Ende kommen können, da wir erkennen können, wenn ihre Reifung abgeschlossen ist. Ein Beispiel: ich mag die indische Küche und habe oft Lust, indische Speisen zu essen. Wenn diese karmische Hinterlassenschaft reift, esse ich in wiederholter Weise indisches Essen. Dann endet dieses Karma schließlich. Ich habe genug indisches Essen gehabt und die Lust, dieses zu essen, steigt nicht mehr in mir auf. Aufgrund verschiedener Umstände (z.B. wenn ich mich in eine Inderin verliebe und sie heirate), könnte ich wieder eine ähnliche karmische Kraft aufbauen, indisches Essen zu essen. Die spezielle karmische Kraft von vorher ist jedoch bereits aufgebraucht worden. Dasselbe geschieht mit der Lust, mit jemandem zusammen zu sein.

Wenn sich unsere Lust etwas zu tun erschöpft, dann ist dies mit Sicherheit keine wahre Beendigung des Karmas. Es bedeutet einfach, das dieses spezielle Netzwerk karmischer Hinterlassenschaften vollständig gereift und zu einem Ende gekommen ist. Eine wahre Beendigung (wahre Aufhebung) von etwas bedeutet, dass es nie wieder geschehen wird und dass wir es nie wieder aufbauen werden. Die Tatsache, dass ein bestimmtes karmisches Paket seinen Reifungsprozess abgeschlossen hat, bedeutet nicht, dass wir kein ähnliches Paket mehr aufbauen werden. Es bedeutet einfach, dass dieses spezielle Paket zu einem Ende gekommen ist. Wahre Beendigungen entstehen nur aus der Kraft der Meditation. Sie ergeben sich nicht in einer natürlichen Weise.

Ein weiterer Punkt: Das Netzwerk karmischer Kraft und die karmische Tendenz, etwas zu tun, reifen gemeinsam in Form der Lust, diese Handlung zu wiederholen, Genauso reift auch das Netzwerk karmischer Kraft und die karmische Tendenz der Vermeidung einer Handlung gemeinsam in Form dessen, sich nicht danach zu fühlen, diese Handlung auszuführen. Hierauf wird durch die Symbolik des Kalachakra-Mandalas hingewiesen.

Das Kalachakra-Mandala enthält drei Ebenen, die respektive als das Körpermandala, das Mandala der Rede und das Geistmandala bekannt sind. Das Körpermandala und das Mandala der Rede enthalten jeweils sechsunddreißig Opfer darbringende Göttinnen. Im Mandala der Rede stellen sie die Lust dar, Dinge zu tun, die alle tun, während sie im Körpermandala die Lust darstellen, diese sechsunddreißig Dinge nicht zu tun – zum Beispiel die Lust zu singen, zu spucken, zu rennen oder sich hinzulegen, bzw. die Lust nicht zu singen, nicht zu spucken, nicht zu rennen oder sich nicht hinzulegen. So symbolisieren sie bestimmte intermittierende Reifungen von karmischen Hinterlassenschaften – d.h. zwanghafte, unkontrollierbare Empfindungen, etwas zu tun oder nicht zu tun – unter deren Kontrolle wir normalerweise stehen und die wir bereinigen und überwinden müssen. Beachte Sie bitte, dass die Lust, nicht zu singen – etwa während eines Rituals, wenn alle anderen es tun – nicht dasselbe ist wie das Nicht-Auftauchen der Lust zu singen, die immer dann vorhanden ist, wenn wir gerade nicht singen.

Teilnehmer: Wie passt hier die Anhaftung hinein? Möglicherweise hört man mit dem Rauchen auf, doch dann isst man Schokolade.

Möglicherweise haben wir Anhaftung an indisches Essen – mit anderen Worten, der geistige Faktor der Anhaftung kann unsere Lust, indisches Essen zu essen, begleiten. Sogar wenn ein bestimmter Satz von karmischen Hinterlassenschaften aufgehört hat zu reifen, kann die Anhaftung als ein allgemeiner geistiger Faktor weiterhin vorhanden sein. Positive und negative Emotionen entstehen ebenfalls aus ihren eigenen Tendenzen (Samen). Diese Tendenzen reifen ebenfalls in einer intermittierenden Weise, gleichzeitig mit dem Reifen verschiedener karmischer Tendenzen und Kräfte, nicht nur mit denen der Lust nach indischem Essen.

Eine andere Weise, in der karmische Tendenzen und Netzwerke karmischer Kraft reifen ist, dass wir ab und zu erleben, wie uns Dinge in einer ähnlichen Weise geschehen, wie wir sie zuvor anderen gegenüber getan haben. Dies wird als „Ergebnis, das in dem, was man erlebt, seiner Ursache ähnelt” (tib. myong-ba rgyu-mthun-gyi ‘bras-bu) bezeichnet. Beispielsweise kann ich in der Vergangenheit etwas gestohlen haben und mache nun die Erfahrung, dass andere mich bestehlen oder dass ich meinen Geldbeutel verliere, oder dass ich kein Geld mehr habe oder arm bin.

Etwas weiteres, das aus den Tendenzen und Netzwerken in intermittierender Weise reift, sind unsere befleckten Aggregate: unsere Körper, unsere geistigen Faktoren und so weiter. Dies bezieht sich nicht nur auf die Aggregate, mit denen wir geboren werden, sondern auch auf diejenigen, die in jedem Augenblick als Inhalt unserer Erfahrung reifen. Auch sie sind intermittierend. Wir werden beispielsweise nicht immer mit den Aggregaten eines Menschen wiedergeboren.

Formen physischer Phänomene als karmische Reifungen

Beachten Sie hier bitte Folgendes: wenn wir von unserem Körper und von anderen Formen physischer Phänomene, die Teil unseres Form-Aggregats sind (etwa von einem Tisch oder unserem Freund) sagen, dass sie aus unseren Netzwerken karmischer Kraft reifen, dann sprechen wir von ihnen nur im Sinne der konventionellen Objekte, die wir tatsächlich erleben, wenn wir sie wahrnehmen (tib. tha-snyad spyod-yul). In einem gewissen Sinne ist, was aus unserer karmischen Hinterlassenschaft reift, die Tatsache, dass sie zu Objekten unserer Erfahrung werden. Bevor wir sie sehen sind der Tisch oder unser Freund im Nebenzimmer nicht Teil unseres Formaggregats. Sie sind nicht von unserer karmischen Hinterlassenschaft gereift. Der Tisch den wir sehen, wenn wir ihn sehen, und unser Freund, wenn wir ihn sehen, sind in unserem Formaggregat miteingeschlossen.

Der Tisch, den wir sehen, und unser Sehen des Tisches sind beide gereifte Ergebnisse unserer Netzwerke karmischer Kraft. Dasselbe gilt von unserem Freund, den wir sehen, und von unserem Sehen unseres Freundes. Wenn wir über unsere Aggregate sprechen, sprechen wir über all die nichtstatischen Phänomene, die jeden Augenblick unserer Erfahrung ausmachen. Jede Form eines physischen Phänomens, wie ein Tisch oder unser Freund, die Teil dieses Augenblicks der Erfahrung ist, ist untrennbar davon, dass es von unserem Bewusstsein als Objekt wahrgenommen wird. Wir sprechen nicht vom Tisch oder von unserem Freund in irgendeiner anderen Situation oder einem anderen Kontext.

Da dies so leicht missverstanden werden kann möchte ich dies etwas weiter erklären obwohl es eher komplex ist. In diesen Fällen ist die Ursprungsquelle (tib. rdzas) unseres Sehens des Tisches oder unseres Freundes die karmische Tendenz einen Tisch oder einen Freund zu sehen. Die Ursprungsquelle eines Dings ist das, was es produziert oder von wo es herstammt – so ist etwa ein Ofen die Ursprungsquelle eines Laibes Brotes. Nur die Chittamatra-Schule macht die Aussage, dass der Tisch und der Freund, die wir sehen, auch karmischen Tendenzen als ihre Ursprungsquelle haben – tatsächlich sagt diese Schule, dass sie von der selben Ursprungsquelle herstammen wie unser Sehen von ihnen.

Alle – sogar die Chittamatra-Schule – stimmen dagegen darin überein, dass obwohl die herbeiführende Ursache (tib. nyer-len-gyi rgyu) unseres Sehens von ihnen eine karmische Tendenz ist, die herbeiführende Ursache des Tisches, den wir sehen, der Baum ist und die herbeiführende Ursache unseres Freundes, den wir sehen, das Spermium und das Ei seiner Eltern sind. Die herbeiführende Ursache eines Dings ist das, was sich in dieses Ding verwandelt und dabei aufhört zu existieren. Wir müssen also sehr vorsichtig sein, damit wir nicht es missverstehen, wenn gesagt wird, dass unsere Körper die gereiften Ergebnisse unserer karmischen Hinterlassenschaften sind. Sie kommen weiterhin auch von dem Spermium und dem Ei unserer Eltern. Doch um dies wirklich zu verstehen und zu verdauen muss man viel nachdenken.

Die letzte Sache, die in einer intermittierenden Weise von den Netzwerken karmischer Kraft und von den karmischen Tendenzen reift, ist die befleckte Umgebung oder die allgemeine Situation des Ortes, an dem wir geboren werden oder leben. Auch hier bezieht es sich wieder auf das befleckte Umfeld, das wir erleben, wenn wir es tatsächlich erleben. Dies ist ein vorrangiges Ergebnis (tib. bdag-‘bras umfassendes Ergebnis). Es ist in dem Sinne vorrangig, dass es eine dominante vorrangige Rolle in dem spielt, was wir in dieser Umgebung erfahren und auch in dem Sinne, dass es sich auch auf all die anderen überträgt, die dieses Umgebung erfahren. Es reift nicht nur von unserer eigenen karmischen Hinterlassenschaft, sondern von den kollektiven karmischen Hinterlassenschaften, die viele Wesen miteinander teilen. Als Individuen erleben wir solche Umgebungen allerdings nur manchmal und nicht in all unseren Wiedergeburten und auch nicht notwendigerweise unser ganzes Leben lang während einer Wiedergeburt.

Unterscheiden, was kontinuierlich aus der karmischen Hinterlassenschaft entsteht

Was reift kontinuierlich aus unseren karmischen ständigen Gewohnheiten? Um es sehr einfach zu sagen: wir erleben das Leben durch ein Periskop. Wir sind beschränkt. Wir können nur sehen oder wahrnehmen, was vor unsere Nase liegt. Wir sind unfähig dazu zu sehen, welche Ursachen und Querverbindungen die Ereignisse haben, was für Ergebnisse sie nach sich ziehen, und so weiter. Wir sind nicht dazu in der Lage, die Beziehungen zu sehen, die jeder mit absolut jedem anderen Wesen hat, all die Einflüsse auf sie und so weiter. Wir nehmen nur einen kleinen Teil wahr. Dies gilt für wirklich jeden Augenblick unserer Existenz. Dieser Zustand setzt nie aus. Er wird sich nie vertreiben lassen, solange wir nicht die Erleuchtung erlangt haben.

Die Darstellung der Gelug-Schule fügt dem bloß hinzu, dass die Dinge, die wir durch das Periskop wahrnehmen, in einer unmöglichen Weise zu existieren scheinen – im Chittamatra-System haben sie die Erscheinung der Dualität (tib. gnyis-snang) und innerhalb des Svatantrika-Systems die Erscheinung wahrer nichtzugeschriebener Existenz (tib. bden-snang). Die Nicht-Gelug-Systeme vertreten den Standpunkt, dass die Dinge während der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung nicht in einer unmöglichen Weise zu existieren scheinen., sondern nur während der konzeptuellen Wahrnehmung. Beachten Sie bitte, dass die konzeptuelle Wahrnehmung normalerweise fast unmittelbar auf einen Augenblick der nichtkonzeptuellen Sinneswahrnehmung folgt. Allerdings lautet die allgemeine, von allen akzeptierte Darstellung, dass es sich bei unserer Wahrnehmung in jedem Augenblick um eine beschränkte Periskopwahrnehmung handelt.

Dies sind all die Hinterlassenschaften des karmischen Verhaltens. Sie alle sind Abstraktionen und ihre Kontinua als gegenwärtige Phänomene können weiterhin unserem Geist zugeschrieben werden, solange sie weiterhin ihre verschiedenen Ergebnisse produzieren können. Die karmisch intermittierend reifenden karmischen Hinterlassenschaften werden in einer natürlichen Weise als gegenwärtige Phänomene, die unseren Kontinua zugeschrieben werden, zu einem Ende kommen, wenn sie aufgehört haben, ihre Resultate zu produzieren und sich erschöpfen. Danach können wir nur vergangene Hinterlassenschaften dieser Art unseren geistigen Kontinua zuschreiben. Karmische ständige Gewohnheiten werden nie auf natürliche Weise ihre Existenz als gegenwärtige Phänomene, die unseren geistigen Kontinua zugeschrieben werden, beenden. Die einzige Möglichkeit, sich endgültig von den Netzwerken karmischer Kraft und den karmischen Tendenzen zu befreien, bevor sie zuende reifen, und die einzige Weise, sich für immer von karmischen ständigen Gewohnheiten zu befreien, ist die Meditation. Um eine wahre Beendigung von beiden zu verwirklichen müssen wir uns für immer von den Faktoren befreien, die ebenfalls auf unseren geistigen Kontinua vorhanden sind, die sie dazu bringen oder dazu stimulieren, ihre Ergebnisse zu produzieren.

Der wesentliche Faktor, der beide zum Reifen anregt, ist unsere Unwissenheit (tib. ma-rig-pa), unsere Verwirrung. Bei dieser kann es sich um Unwissenheit bezüglich der Ursachen und Wirkungen des Verhaltens oder auch bezüglich der wahren Weise, in der die Dinge existieren, handeln. Aus der Perspektive des Hinayanas geht es bei diesen beiden Formen der Unwissenheit nur um uns selbst. Nach den Lehren des Mahayanas dagegen betrifft unsere Unwissenheit jeden und alles, einschließlich unserer selbst.

Wenn eine notwendige Ursache dafür, dass die karmische Hinterlassenschaft tatsächlich ihre Ergebnisse produzieren kann, nämlich die Verwirrung, nie wieder auf unserem geistigen Kontinua entstehen kann, gibt es für keine der Hinterlassenschaften je wieder die Möglichkeit, irgendwelche Wirkungen zu produzieren. An diesem Punkt gibt es auch keine Möglichkeit, irgendwelche neuen karmischen Hinterlassenschaften zu produzieren, da es nur die Verwirrung ist, die unser impulsives karmisches Verhalten produziert und ein solches Verhalten seine Hinterlassenschaft bringt. Dies ist der Punkt, an dem wir die wahre Beendigung, die wahre Aufhebung des Karmas, dieses ganzen komplexen Pakets, erreicht haben.

Frage: Kann man zurückfallen, nachdem man die Erleuchtung erlangt hat?

Nein, „wahre Beendigung“ bedeutet, dass es nie wieder geschehen kann. Ansonsten handelt es sich um eine „zeitweilige Beendigung“.

Warum wir die Konsequenzen unseres karmischen Verhaltens beachten sollten

Gehen wir die karmischen Ergebnisse noch einmal durch, die in der Zukunft von den karmischen Hinterlassenschaften der ausgeführten Handlungen, welche durch karmische Impulse herbeigeführt wurden, reifen werden. Obwohl wir oft vom „Reifen des Karmas“ sprechen, ist es tatsächlich die karmische Hinterlassenschaft, die reift, und nicht das Karma selbst. Und im Falle der karmischen ständigen Gewohnheiten lassen sie ihre karmischen Ergebnisse entstehen, doch nicht durch einen Prozess des Reifens.

Teilnehmer: Ich dachte, dass wir nicht über die Zukunft nachdenken. Wir leben jetzt und vergessen die Zukunft. Warum sollten wir uns dann so viele Sorgen darüber machen, was dann passieren wird?

Wir leben im gegenwärtigen Augenblick. Das stimmt. Doch es ist äußerst wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass unser Verhalten für die Zukunft Konsequenzen hat. Wenn wir dieses Verständnis nicht haben, dann denken wir, dass es keine Rolle spielt, was wir tun. Wenn ich jetzt Lust hätte, Sie auf die Nase zu boxen, dann wäre das also in Ordnung. Der nächste Augenblick ist einfach der nächste Augenblick. Doch das ist nicht was wir mit “im gegenwärtigen Augenblick leben” meinen.

„Im gegenwärtigen Augenblick leben” bedeutet, dass wir keine Erwartungen für die Zukunft haben, nicht in der Vergangenheit verweilen und all diese Dinge. Die Naivität ist eine der störenden Emotionen. Eine der wichtigsten Formen der Naivität ist die Art von Naivität, die die Ursachen und Wirkungen des Verhaltens betrifft. Sie besteht in der Annahme, dass unser Verhalten keine Wirkung auf die anderen oder auf uns selbst haben wird. Diese Geisteshaltung kann eine destruktive Handlungsweise begleiten.

„Im gegenwärtigen Augenblick zu verweilen“ bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit hier behalten. Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt konzentriert halten, verstehen wir auch, dass, was wir tun, sagen oder denken, Konsequenzen haben wird, obwohl wir nicht geistig wandern, indem wir an die Konsequenzen denken. Das Verständnis dafür, dass unsere gegenwärtigen Handlungen zu Konsequenzen in der Zukunft führen, führt uns nicht weg vom gegenwärtigen Augenblick.

Naivität vermeiden

Frage: Was ist das tibetische Wort für Naivität?

Das tibetische Wort ist „timug” (tib. gti-mug) und auf Sanskrit lautet es moha. Es ist ein sehr schwierig zu übersetzendes Wort; im Laufe meiner Tätigkeit als Übersetzer habe ich versucht, es mit verschiedenen Begriffen wiederzugeben. Eine lange Zeit lang habe ich „geistige Verschlossenheit“ benutzt. Viele übersetzen es einfach mit dem englischen Begriff ignorance (Unwissenheit, Ignoranz), aber damit wird es nicht vom geistigen Faktor der Unwissenheit (engl. unawareness) unterschieden, der auf Tibetisch marigpa (tib. ma-rigs-pa) und auf Sanskrit avidya heißt. „Naivität” ist ebenfalls unpräzise.

Wie ich gerade erklärt habe, bezieht sich der Begriff „Unwissenheit“ auf zwei spezifische Dinge. Es geht hier nicht darum, dass man beispielsweise den Namen einer Person nicht kennt. Erstens bezeichnet der Begriff die Unwissenheit bezüglich der verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen – die etwas anderes sind, als die physikalischen Ursachen und Wirkungen (diese bestehen beispielweise darin, dass dieser Ball, wenn ich ihn trete, dort hinüber rollen wird). Zweitens bezeichnet der Begriff die Unwissenheit darüber, wie die Dinge existieren. Man kann auf zwei verschiedene Weisen unwissend sein: entweder man weiß etwas überhaupt nicht, oder man versteht es falsch. Diese Unwissenheit kann jede Art von Handlung oder Erfahrung begleiten, ob man sich destruktiv, konstruktiv oder einfach in einer neutralen Weise verhält (etwa wenn man sich am Kopf kratzt). Die Unwissenheit kann eine störende Emotion ebenso gut begleiten wie eine konstruktive (z.B. die Liebe). Ich kann zum Beispiel aus Liebe etwas Nettes für Sie tun, dabei aber weder die Wirkung meiner Handlung kennen, noch wissen, wie ich existiere, wie Sie existierst, und so weiter.

Eine Unterkategorie der Unwissenheit ist timug, eine der drei giftigen Geisteshaltungen. Zu ihr kommt es, wenn die Unwissenheit eine destruktive Handlung begleitet, was notwendigerweise bedeutet, dass sie auch eine störende Emotion begleitet. In unseren Sprachen haben wir nicht wirklich ein eigenes Wort für diese spezifische Kategorie der Unwissenheit. Auf Englisch und Deutsch kann die Naivität sowohl eine konstruktive als auch eine destruktive Handlung begleiten. Hier dagegen geht es nur um diejenige Form der Naivität, die eine destruktive Handlung begleitet.

Ich habe bei der Suche nach einem präzisen Wort für timug große Schwierigkeiten gehabt. Wie ich es oft sage, schneidet man in verschiedenen kulturellen Umfeldern den Kuchen der Erfahrung nicht in der selben Weise in konzeptuelle Kategorien und Wörter. Wir müssen versuchen, die Definition des Wortes timug zu verstehen, anstatt uns große Gedanken um das Wort timug zu machen. Wenn wir die Definition verstehen, dann verstehen wir, was das Wort bedeutet und worüber der Buddhismus spricht, wenn er es benutzt. Der Grund dafür, dass es so viele Missverständnisse über den Buddhismus gibt, ist, dass es nicht nur im Falle von einem oder zwei Wörtern zu Schwierigkeiten kommt: fast alle buddhistischen Fachbegriffe haben keine exakte Entsprechung in unserem Wortschatz.

Wir sind nicht die einzigen, die dieses Problem haben. Die Chinesen sahen sich derselben Schwierigkeit gegenüber. Die Tibeter hatten den Vorteil, zuvor keine sehr ausgefeilte Fachsprache zuhaben, und so prägten sie zahlreiche Wörter neu. Das ist die Art und Weise, wie die tibetische Sprache funktioniert. Sie konnten zwei verschiedene Silben zusammenfügen, von denen jede ihre eigene Bedeutung hatte, und so einen neuen Ausdruck prägen. Die Tibeter benutzten auch ein anderes System, bei dem sie die Einzelteile der Sanskritwörter vollkommen wörtlich übersetzten, wie wenn man „unternehmen“ als „unter“ und „nehmen“ übersetzt. Auf Tibetisch ergaben diese neu geschaffenen Wörter überhaupt keinen Sinn. Dies ist die Art, in der die Tibeter dieses Problem weitgehend vermieden. In den meisten zentralasiatischen Sprachen einschließlich dem Mongolischen übernahm man schließlich einfach Sanskritwörter.

Das Reifen der karmischen Hinterlassenschaft

Kehren wir zurück zur Besprechung des Reifens der karmischen Hinterlassenschaft in der Zukunft. Erinnern Sie sich bitte, „Reifen“ ist hier ein übergreifender Begriff, der verschiedene Weisen abdeckt, in denen eine Wirkung hervorgerufen werden kann. In unserem System hier müssen wir drei zeitliche Abschnitte betrachten: erstens die Periode bis wir die Befreiung vom Samsara erlangen wenn wir Arhats werden, dann die Periode nach der Befreiung bis zum Tod und schließlich die Periode bis zur Erleuchtung, wenn wir Buddhas werden.

Als Hinayana-Systeme lassen das Vaibhashika und das Sautrantika die dritte Phase aus, da aus der Sicht der Lehrsysteme des Hinayana das geistige Kontinuum mit dem Tod des Lebens endet, in dem man die Befreiung erlangt hat. Das Gelug-Prasangika lässt die zweite Phase aus. Nach seinen Lehren entledigen wir uns, wenn wir die Befreiung erlangen, gleichzeitig von den zwei Sätzen, von denen in unserem System hier gesagt wird, dass sie in zwei Etappen überwunden werden.

Nach der karmischen Handlung

Die karmische Hinterlassenschaft

Karmische Hinterlassenschaft der Handlung, die auf dem geistigen Kontinuum hinterlassen wird, sobald die Handlung abgeschlossen ist
  • Netzwerk karmischer Kraft
  • Karmische Tendenz
  • Karmische ständige Gewohnheit
Als was die karmische Hinterlassenschaft der Handlung in der Zukunft heranreifen wird
Heranreifen bis zur Befreiung als:
  • Eine Erfahrung befleckter Gefühle einer gewissen Ebene des Glücklichseins
  • Ein Drang, die Handlung zu wiederholen


Heranreifen bis zum Tode nach der Befreiung als:
  • Die Erfahrung, dass die Dinge in einer ähnlichen Weise wie in der Vergangenheit geschehen
  • Die Erfahrung befleckter Aggregate und einer befleckten Umwelt
Heranreifen bis zur Erleuchtung als:
  • Eine ständig beschränkte Wahrnehmung

Die zwei intermittierend reifenden Hinterlassenschaften – die Netzwerke karmischer Kraft und die karmischen Tendenzen – lassen gemeinsam folgende Dinge entstehen: unsere Erfahrung befleckter Empfindungen eines bestimmten Glücksgrades, das Erleben der Lust, etwas erneut in derselben Weise wie vergangene karmische Handlungen zu tun, das Erleben, dass die Dinge uns in einer Weise geschehen, die unseren vergangenen karmischen Handlungen ähneln, und das Erfahren befleckter Aggregate und eines befleckten Umfeldes. Die karmischen ständigen Gewohnheiten führen zu einer anhaltenden, beschränkten Wahrnehmung.

Bei den befleckten Gefühlen handelt es sich um den geistigen Faktor, der sich aus Unglücklichsein, verwirrendem Glücklichsein und verwirrenden neutralen Empfindungen zusammengesetzt ist. „Befleckt” (tib. zag-bcas), wird normalerweise als kontaminiert übersetzt und bedeutet, dass sie von der Verwirrung befleckt sind, was bedeutet, dass sie alle aus der Verwirrung entstehen. Die Lust, etwas erneut zu tun oder der Wunsch, es erneut zu tun, ist ein anderer geistiger Faktor. Erinnern Sie sich an unser Beispiel der Lust, indische Speisen zu essen. Die Lust, indische Gerichte zu essen, ist ein geistiger Faktor, den wir erleben könne, während wir die körperliche Erfahrung des Hungers verspüren. Allerdings kann die Lust, etwas zu tun, den Impuls es zu tun – was ein weiteres Karma wäre – hervorrufen, oder auch nicht. Doch die karmische Hinterlassenschaft selbst reift nicht als Karma; die Hinterlassenschaft des Karmas reift immer in Form irgendeines nichtstatischen Phänomens, bei dem es sich nicht um Karma handelt.

Mit anderen Worten: die karmische Kraft und die Tendenz, indische Gerichte zu essen, reift nicht unmittelbar als ein Impuls diese Art von Gerichten erneut zu essen. Sei reift als die gelegentliche Erfahrung, Lust dazu zu haben, indische Gerichte zu essen. Das Erleben dieses geistigen Faktors der Lust, etwas zu tun, das dem ähnelt, was wir zuvor getan haben, etwa indische Gerichte zu essen, kann dann zu einem neuen Impuls, indische Gerichte zu essen, führen – einem neuen Karma.

Dies ist eigentlich ziemlich raffiniert: Während wir in Samsara umherwandern – was bedeutet, dass wir zwanghaft von einer unkontrollierbar wiederkehrenden Wiedergeburt zur andern wandern – erleben wir all diese Reifungen des Karmas. Unsere befleckten Empfindungen gehen auf und ab. Dies bedeutet, dass unsere Empfindungen von Unglücklichsein, Glücklichsein und unsere neutralen Empfindungen auf und ab gehen. Gleichzeitig erleben wir Momente, in denen wir Lust haben, ähnliche Handlungen zu wiederholen, wie zuvor, und dass uns Situationen passieren, die denen ähneln, die wir andere haben erleben lassen. Wir haben andere angeschrieen und nun schreien sie uns an. Wir sind nett zu anderen gewesen und nun sind sie nett zu uns. Es funktioniert in beide Richtungen. Doch diese Dinge geschehen nicht ständig – nur manchmal.

Wir machen auch die Erfahrung, befleckte Aggregate zu haben (wie unseren Körper und unseren Geist) und uns in einer befleckten Umwelt zu befinden. Erinnern Sie sich bitte, dass „befleckt“ bedeutet, dass diese Dinge aus der Verwirrung entstehen. Dies bezieht sich normalerweise auf die Situation unserer samsarischen Wiedergeburt. Wir können ebenso gut die Erfahrung machen, einen menschlichen Körper und einen menschlichen Geist zu haben wie auch den Körper und Geist eines Hundes oder eines Insekts, ebenso wie die Erfahrung eines behinderten Körpers oder eines behinderten Geistes, und so weiter. Wir können die Erfahrung machen, in einem sehr reichen Land wiedergeboren zu werden, oder in einem sehr armen Land, oder in einem Land, in dem wiederholt Kriege wüten, oder in einem Land in dem anhaltend Frieden herrscht.

Bis zur Befreiung sind unsere Erfahrungen der Aggregate auch mit Verwirrung vermischt und führen zu noch mehr Verwirrung – weitere unkontrollierbar wiederkehrende Wiedergeburten. Nach der Befreiung aus dem Samsara und bis wir am Ende des Lebens sind, indem wir die Befreiung erlangt haben, erleben wir weiterhin die Körper und Umgebungen, in die wir geboren wurden. Obwohl sie weiterhin in dem Sinne befleckt sind, dass sie aus der Verwirrung gereift sind, sind sie nicht mehr mit Verwirrung vermischt und führen nicht zu weiterer Verwirrung. Es handelt sich bei ihnen nicht länger um sogenannte „herbeiführende Aggregate“ (tib. nyer-len-gyi phung-po). Bitte entschuldigen Sie das Wort herbeiführend: ich weiß, es ist unhandlich, doch ich kann an kein anderes Wort denken, dass die Bedeutung präziser wiedergibt.

Bei den „herbeiführenden Aggregaten” handelt es sich um diejenigen, die mit Verwirrung vermischt sind und die daher zu mehr Verwirrung führen. Folglich “führen sie“ für uns zu mehr Leiden und weiteren karmische Wiedergeburten. Bevor wir die Befreiung aus Samsara erlangen, sind unsere Aggregaten sowohl befleckt als herbeiführend. Nachdem wir die Befreiung erlangt haben und bevor wir am Ende des Lebens, in dem wir die Befreiung erlangt haben, sterben, sind unsere Aggregate nur noch befleckt und nicht mehr herbeiführend.

Im Laufe dieses ganzen Prozesses, machen wir in jedem Augenblick ununterbrochen die Erfahrung beschränkter Wahrnehmung. Daher erleben wir, während wir in Samsara sind, Empfindungen von Glücklichsein und Unglücklichsein, die Lust, uns in einer ähnlich Weise zu verhalten, wie wir es zuvor getan haben, unterschiedliche Arten von Körpern, unterschiedliche Arten von Umgebung und dass uns Dinge geschehen, die denen ähneln, die wir anderen angetan haben – und all dies geht auf und ab und wird alles wie durch ein Periskop wahrgenommen. Das ist das karmische „Paket“. Das ist die erste edle Wahrheit, wahres Leidens. Es ist widerlich. Dies ist es, aus dem wir heraus wollen. Es ist wirklich langweilig! So ist es seit anfangsloser Zeit gegangen und so wird es endlos weitergehen, außer wenn wir etwas tun.

Die Stadien der Befreiung von den karmischen Hinterlassenschaften

Wir werden die karmischen Hinterlassenschaften in mehreren Stadien los. Wenn wir die Befreiung erreichen, werden wir unsere befleckten Gefühle, die auf und ab gehen, los. An diesem Punkt empfinden wir kein Leiden mehr und auch keine zwanghaften Wünsche, dieses oder jenes in einer ähnlichen Weise wie zuvor zu tun.

In dem Leben, indem wir die Befreiung erreichen und bis zum Zeitpunkt, an dem wir am Ende jenes Lebens sterben, haben wir allerdings weiterhin die anderen vier Aggregate, außer den Empfindungen – d.h. einen befleckten Körper, einen befleckten Geist und so weiter – die aus der Verwirrung entstanden sind. Die Empfindungen, die wir nun erleben, sind unbefleckt (tib. zag-med). Sie entstehen nicht aus der Verwirrung. Während der Zeiten vollkommener Vertiefung (tib. mnyam-bzhag, meditatives Gleichgewicht) auf die Leerheit machen wir die Erfahrung unbefleckten Glücklichseins (bzw. unbefleckter Glückseligkeit); ansonsten können wir auch die Erfahrung unbefleckter neutraler Empfindungen machen.

Als Arhats erleben wir auch weiterhin die befleckte Umwelt, in der wir uns befinden. Ebenso geschehen uns auch weiterhin die Dinge in einer Weise, die unseren vorangehenden Handlungen ähnelt. Arhats können erleben, dass andere Menschen sie mit Dingen bewerfen, sie schlagen und so weiter, obwohl ihnen das kein Leiden verursacht und keine zwanghaften Gedanken in ihnen aufkommen, etwas zurückzuwerfen. Außerdem, obwohl sie weder leiden noch die Lust verspüren, zurückzuschlagen, erleben Arhats doch, dass ihre Körper verletzt werden ebenso wie, dass sie in einer Umwelt leben, in denen verletzenden Dinge geschehen können. Beides entsteht aus der Verwirrung.

Doch wenn wir am Ende des Lebens, in dem wir die Befreiung erlangt haben, sterben, dann werden wir für immer unsere Netzwerken karmischer Kraft und unsere karmischen Tendenzen los. Wir erleben nicht mehr, dass uns Dinge in einer ähnlichen Weise geschehen, wie die karmischen Handlungen, die wir früher getan haben – nicht einmal gelegentlich – und wir machen nicht einmal mehr die Erfahrung befleckter Aggregate oder einer befleckten Umgebung. Nach Aussage der Hinayana-Lehren endet das geistige Kontinuum eines Arhats an diesem Punkt, indem es „wie eine Kerze erlischt“. Nach Aussage des Mahayanas dagegen geht das geistige Kontinuum weiter.

Beachten Sie bitte. Wenn wir sagen, dass die Arhats für immer von den Netzwerken ihrer karmischen Kräfte befreit werden, dann bezieht sich das für den Fall der Netzwerke positiver Kraft (welche auch als „Ansammlung der Verdienst“ bezeichnet werden), auf Netzwerken samsarabildender positiver Kraft, nicht auf Netzwerke erleuchtungsbildender positiver Kraft. Letztere Art von Netzwerk entsteht aus der positiven Kraft konstruktiver Handlungen die wir mit Bodhichitta dem Erlangen der Erleuchtung widmen, um allen Wesen so sehr wie möglich helfen zu können. Eine positive Kraft, die nicht in dieser Weise gewidmet wird oder nicht unserer Befreiung gewidmet wird ist lediglich eine samsarabildende Kraft – und nur diese Art positiver Kraft ist eine karmische Kraft. Außerdem gibt es Stadien von Bodhichitta: ein Teil davon ist mit Verwirrung vermischt, ein Teil nicht. Sogar die positive Kraft, die mit Verwirrung vermischt ist, ist erleuchtungsbildend, wenn es mit Bodhichitta gewidmet wird. Dies ist eine sehr komplizierte Diskussion.

[Siehe: Die beiden erleuchtungsbildenden Netzwerke (Die zwei Ansammlungen) .]

Teilnehmer: Das ist so kompliziert!

Das Leben ist kompliziert. Was haben Sie erwartet? Wenn man sich ansieht, wie der menschliche Körper funktioniert, dann ist dies ebenfalls kompliziert.

Nach Aussage der Mahayana-Lehren werden Arhats nachdem sie am Ende des Lebens, in dem sie die Befreiung erlangt haben, sterben, in reinen Ländern mit Körpern, die aus Licht bestehen, wiedergeboren. Sie haben keine befleckten Aggregate mehr, wie einen Körper, und leben ebenso wenig in einer befleckten Umgebung, die aus der Verwirrung entsteht. Selbstverständlich haben sie keine befleckten Empfindungen mehr. Ihnen geschieht nichts, das ihren vorangehenden karmischen Verhalten ähnelt, und sie haben natürlich keine Neigung dazu, irgendeine ihrer vergangenen karmischen Muster zu wiederholen. Ihre Netzwerke karmischer Kraft und ihre karmischen Tendenzen sind vollkommen beendet. Doch sie werden in diesen reinen Ländern weiterhin alles wie durch ein Periskop erleben. Sie sind sich nicht des Karmas aller oder der Ursachen und Konsequenzen jeder Handlung bewusst. Sie kennen die unzähligen vergangenen Leben und all die anderen Dinge, die nur Buddhas kennen nicht. Warum? Weil sie weiterhin die ständigen karmischen Gewohnheiten haben. Erst wenn wir die ständigen karmischen Gewohnheiten loswerden, befreien wir uns von der Periskopsicht. Und dies geschieht erst bei der Erleuchtung.

Frage: Handelt es sich bei den reinen Ländern der Arhats um die Götterreiche?

Nein, es sind keine Götterreiche. Es handelt sich um reine Länder wie Tushita oder das Land der Dakinis. Ein Götterreich ist eine befleckte Wiedergeburt mit einer befleckten Umwelt. Es entsteht aus der Verwirrung. Es wird durch eine Art von Glückserfahrungen charakterisiert, die nicht befriedigend sind und bei denen man nie weiß, was als nächstes kommen wird – es gibt keine Garantie.

Frage: Werden wir die Periskopsicht los, wenn wir die Leerheit direkt wahrnehmen?

Diese Frage ist eigentlich sehr schwierig zu beantworten, da die verschiedenen Mahayana-Lehrsysteme in recht unterschiedlichen Weisen beschreiben, wie der Prozess und die Schritte ablaufen, durch die uns die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit von den verschiedenen Schleiern befreit, die Befreiung bzw. Erleuchtung verhindern. Lassen wir jedoch all diese Unterschiede beiseite und vereinfachen wir die Besprechung, um Ihre Frage jetzt zu beantworten. Unsere Diskussion war ohnehin schon kompliziert genug.

[Für eine detailliertere Diskussion der verschiedenen Darstellungen, siehe: Die Fünf Arten von Pfadgeist (Fünf Pfade) .]

Kurz gesagt braucht man mehr als den ersten Augenblick der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit, um sich von dieser Periskopwahrnehmung zu befreien. Man muss sich sehr, sehr lange mit der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit vertraut machen. Sie muss durch eine viel stärkere Kraft gestützt werden. Diese Kraft kann in derselben Weise aufgebaut werden, in der auch die Netzwerke karmischer Kraft wachsen. Wir erleben Augenblicke, in denen wir Leerheit wahrnehmen, und wenn ein solcher Augenblick vorbei ist, dann ist er vorbei. Doch mit jedem zusätzlichen Augenblick der Wahrnehmung von Leerheit wird das Netzwerk dieser Augenblicke gestärkt. Das Ergebnis dieses Prozess wird normalerweise mit der Übersetzung „Ansammlung der Weisheit“ (tib. ye-shes-kyi tshogs) bezeichnet. Ich nenne es ein „Netzwerk des tiefen Gewahrseins“. Wir müssen eine enorme Kraft aufbauen, um unsere nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit zu stützen, damit uns diese vom Periskop befreien kann. Wenn wir die Leerheit zum ersten Mal in einer nichtkonzeptuellen Weise sehen, ist das nicht stark genug.

Wir werden morgen weitermachen. Im nächsten Schritt werden wir sehen, wie das Samsara aus dem bisher gesagten weitergeht. Wie entsteht aus dem bisher gesagten neues Karma? Wir müssen verstehen, wie dies von statten geht, da der Prozess ansonsten unkontrolliert weiterlaufen wird. Das angestrebte Endergebnis dieser ganzen Darstellung ist, dass uns klar ist, wie dumm dies eigentlich alles ist. Wenn uns klar wird, wie dumm es ist, erlangen wir die Entsagung.

Widmung

Lassen Sie uns mit einer Widmung enden. Mögen wir hierdurch das Karma und die Funktionsweise von Samsara immer besser und besser verstehen und dadurch eine Vorstellung davon gewinnen, wie wir daraus heraus kommen können und wie wir dem Pfad, den Buddha gezeigt hat, tatsächlich folgen können, um die Erleuchtung zu erlangen und allen die bestmögliche Hilfe bieten können.

Wie können wir den anderen bestmöglich helfen, wenn unsere Empfindungen von Glücklichsein und Unglücklichsein täglich von Minute zu Minute auf und ab gehen? Wir können nicht voraussagen, in welcher Stimmung wir in einigen Minuten sein werden. Wie können wir den anderen helfen, wenn uns ständig lauter Dinge geschehen, die denen ähneln, die wir selbst getan haben – andere Menschen greifen uns an und kritisieren uns, wir verlieren unsere Arbeit und so weiter? Wie können wir den anderen helfen, wenn unser Körper eine solche Last darstellt – wir müssen ihn ernähren, säubern, schlafen legen, und so weiter? Wie können wir den anderen helfen, wenn wir mit einem derart beschränkten Körper und einem derart beschränkten Geist geboren wurden? Wir verstehen weder alle Sprachen noch all das, was geschieht. Wir können die Probleme der anderen nicht verstehen. Wir können unseren Körper nicht millionenfach vermehren um allen gleichzeitig zu helfen. Es gibt so viele Dinge, die wir gerne tun würden, um den anderen zu helfen, doch wir sind nicht dazu in der Lage, da wir derart beschränkt sind. Wir wollen uns wirklich von diesem ganzen karmischen Paket, von dieser ganzen karmischen Hinterlassenschaft befreien. Möge dieses Verständnis wachsen, damit wir diesen ganzen Prozess wenigstens kennen und ehrlich empfinden, dass wir daraus ausbrechen müssen, um den anderen die bestmögliche Hilfe geben zu können.