Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Der Mechanismus von Karma: Die Darstellung des Mahayana
unter Ausschluss der Gelug-Prasangika-Schule

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 9-11 März 2001
im Januar 2004 ausführlich überarbeitet
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Unterrichtseinheit 2: Mentale Faktoren, die mit Karma verbunden sind

Zusammenfassende Übersicht

Gestern haben wir unsere Darstellung von Karma damit begonnen, dass wir die verschiedenen vorgefasste Meinungen oder Fehlauffassungen herausgestellt haben, die wir dem Karma gegenüber haben können. Dies betrifft spezifisch das Karma und, allgemeiner gesagt, warum uns geschieht, was uns geschieht. Wenn diese Fehlauffassungen beseitigt sind, befinden wir uns in einer besseren Position um die tatsächliche indisch-tibetische Erklärung von Karma zu betrachten, ohne irrelevante Vorstellungen darauf zu projizieren.

Ich habe erwähnt, dass es im indo-tibetischen Buddhismus verschiedene Erörterungen des Karma gibt. Ich sollte auch sagen, dass sie alle gegenüber der Art, in der der Theravada das Funktionieren von Karma darstellt, recht verschieden sind. Innerhalb des tibetischen Buddhismus gibt es drei grundlegende Erklärungen. Hiervon werden wir nur eine besprechen, nämlich die, die am wenigsten kompliziert ist – sie ist schon kompliziert genug!

Dies ist die Darstellung, der die Kagyüs, Sakyas und Nyingmas als ihre allgemeine Erklärung folgen. Es ist ihre grundlegende Erklärung der indischen Lehrsysteme des Chittamatra und des Madhyamaka, wobei es entsprechend der verschiedenen Lehrsysteme dieser beiden Mahayana-Schulen leichte Varianten gibt. Die Gelugpas akzeptieren diese Darstellung auch für diese indischen Schulen, mit einer Ausnahme im Madhyamaka: sie sagen, dass diese nur vom Svatantrika-Madhyamaka vertreten wird. In unserer Erörterung dieses weniger komplizierten Systems werden wir dort, wo es zwischen den Gelugs und den Nicht-Gelugs Diskrepanzen gibt, der Gelug-Darstellung der philosophischen Details folgen.

Nach dieser Erklärung ist Karma als Impuls ausschließlich ein geistiger Faktor. Ein geistiger Faktor ist eine Art, etwas zu erleben. Hier handelt es sich spezifisch um den geistigen Faktor eines Dranges. Es ist der Impuls oder Drang, der uns zu einer bestimmten Handlung treibt – etwas zu tun, zu sagen oder zu denken. Es ist auch der Impuls oder der Drang, eine Handlung zu beginnen, sie aufrechtzuerhalten und sie schließlich zu beenden.

Kategorien der Phänomene im Buddhismus

Ich glaube, dass es hilfreich sein kann, die verschiedenen Kategorien von Phänomenen, die im Buddhismus vorgestellt werden, kurz zu wiederholen, um zu verstehen, welche Arten von Phänomenen in der Diskussion des Karma eine Rolle spielen.

Wir können in Begriffen von dem, was existiert und dem was nicht existiert sprechen. Das, was existiert, kann in gültiger Weise erkannt werden – egal ob das Erkennen in Anwesenheit oder Abwesenheit von etwas stattfindet. Alles, was nicht gültig erkannt werden kann, existiert nicht. Etwas, das es existiert, kann von unserer normalen Geistesverfassung möglicherweise nicht leicht erkannt werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Leerheit. Doch solange diese Dinge auf irgendeiner Ebene des Geistes in gültiger Weise erkannt werden können, existieren sie. Hühnerlippen existieren nicht, da wir sie nicht gültig erkennen können. Wir können uns ein Huhn mit menschliche Lippen vorstellen oder ein Komikbild von einem Huhn mit Lippen, doch wir können uns nicht in einer gültigen Weise ein Huhn mit Hühnerlippen vorstellen, da es so etwas nicht gibt. Jede Art, sich dies vorzustellen, wäre eine ungültige Wahrnehmung.

Das, was in gültiger Weise erkannt werden kann (d.h. was existiert) wird in statische und nichtstatische Phänomene unterteilt – zwei Begriffe, die normalerweise mit „ beständige Phänomene“ und „unbeständige Phänomene“ übersetzt werden. Die Unterscheidung hier betrifft allerdings nicht die Dauer der Existenz eines Objektes, ob es ewig oder nur einen kurzen Moment lang existiert. Es geht hier vielmehr um die Frage, ob sich etwas während es existiert verändert. In sehr einfachen Begriffen gesagt sind statische Phänomene wie Tatsachen, die sich nicht verändern: eins plus eins gleich zwei. Die Tatsache wird von nichts verursacht, ist aus nichts anderem erwachsen, produziert keine Wirkung – es ist einfach eine Tatsache.

Nichtstatische Phänomene sind diejenigen, die sich vom Moment zu Moment verändern. Sie entstehen aus Ursachen und produzieren Wirkungen. Es gibt drei Kategorien: die Formen physische Phänomene (tib. gzugs); die Weisen, in denen man sich etwas gewahr ist (tib. shes-pa) und nichtstatische Abstraktionen die weder das eine noch das andere sind (tib. ldan-min ‘du-byed, nicht gemeinsam teilende beinflussende Variabeln).

[Siehe: Gemeinsam teilende und nicht gemeinsam teilende beinflussende Variabeln .]

Es sind diese drei Arten nichtstatischer Phänomene, die jeden Augenblick unserer Erfahrung ausmachen, und jeder Augenblick unserer Erfahrung ist leicht anders. Mit anderen Worten verändert sich unsere Erfahrung von Moment zu Moment. Die Bestandteile jedes Erfahrungsmoments können den fünf Aggregaten zugeordnet werden, doch wir werden dies heute nicht tun. Lassen Sie uns das Thema auf einfachere Weise behandeln.

[Siehe: Das grundlegende Schema der fünf Aggregatfaktoren der Erfahrung .]

Grundsätzlich gesagt wird in jedem Augenblick irgend eine Form von körperlichen Phänomenen vorhanden sein – Objekte des Sehens, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, körperliche Empfindungen – und ebenfalls die kognitiven Sensoren der Sinnesorgane, der Körper und so weiter – die lichtempfindlichen Zellen der Augen, die geräuschempfindlichen Zellen der Ohren, und so weiter.

Dann gibt es die Weisen, in denen man sich etwas gewahr ist oder in der man etwas erlebt. Auf diese bezieht man sich normalerweise mit der Bezeichnung „geistige Phänomene“, doch dies ist wirklich ein ziemlich irreleitender Begriff, da dies im westlichen Kontext Geistesobjekte mit einschließen würde, die nicht in diese Kategorie fallen. Tatsächlich sind alle Bestandteile dieser Kategorie verschiedene Arten geistiger Aktivität. Um es einfach zu halten kann die Art, Dinge zu erfahren in zwei unterteilt werden: in Primärbewusstsein und Geistesfaktoren.

Die erste Unterteilung ist die des Primärbewusstseins (tib. rnam-shes). Dies kann ein Sinnesbewusstsein sein, wie beim Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder wenn man einen körperlichen Sinneseindruck wie Hitze, Kälte, Schmerz, Bewegung und so weiter erfährt. Oder es kann ein geistiges Bewusstsein sein, wie beim Denken, Träumen und so weiter. Grundsätzlich gesagt ist Primärbewusstsein der „Kanal“ auf dem sich die Erfahrung abspielt, wie im Falle eines Fernsehkanals. Es gibt den Sehkanal, den Hörkanal und so weiter.

Jedes Primärbewusstsein tritt immer mit begleitenden Geistesfaktoren auf. Ich bezeichne diese manchmal als „Arten von Nebenbewusstsein“. Es gibt viele davon: die geläufigen Listen nennen je nach Text achtundvierzig oder einundfünfzig solcher Geistesfaktoren. Doch dies sind nur die nennenswerten; es gibt noch viel mehr. Diese Geistesfaktoren qualifizieren die Art, in der wir etwas erfahren. Das Primärbewusstsein erfährt nur, zu welcher Art von Phänomenen das Objekt gehört, – d.h. ob es sich um ein Objekt des Sehens, oder um ein Geräusch, etc., handelt. Die anderen Faktoren, wie etwa der Grad der Aufmerksamkeit und des Interesses oder die Emotionen, qualifizieren die Erfahrung des Objekts durch weitere Details.

Wie wir gesehen haben ist ein karmischer Impuls ein Drang, und ein Drang ist ein Geistesfaktor. Die Art, ein Objekt zu erfahren zieht uns zu diesem Objekt oder zum nächsten Objekt hin. Es gibt den Drang, etwas anzuschauen, den Drang, etwas anzuhören, den Drang etwas zu tun, und so weiter.

Ich denke nicht, dass es jetzt angebracht wäre, alle geistigen Faktoren einzeln durchzugehen. Betrachten wir daher nur noch einen von ihnen: die Empfindung (tib. tshor-ba). Dieser Fachterminus bezieht sich ausschließlich auf das Empfinden eines Grades an Glücklichsein, Unglücklichsein oder ein neutrales Gefühl. Es könnte sich irgendwo auf diesem Spektrum befinden. Wann auch immer wir etwas erfahren, wird dies durch das Erleben eines gewissen Grades von Glücklichsein begleitet. Bei den Emotionen handelt es sich um andere Geistesfaktoren. Es kann sich um störenden oder nichtstörende Emotionen handeln, um destruktive oder konstruktive Emotionen. Wir machen die Erfahrung, jemanden mit Wut zu sehen oder jemanden mit Liebe zu sehen, wir sind glücklich oder unglücklich, sie zu sehen und dann kommt der starke Drang oder Impuls auf, ihnen etwas Liebes oder etwas Hässliches zu sagen.

[Siehe: Geist und Geistesfaktoren: Die einundfünfzig Arten von Nebenbewusstsein .]

Fragen bezüglich der mentalen Faktoren, die mit dem Karma verbunden sind

Karma als Impuls, etwas zu tun

Frage: Handelt es sich bei diesem Impuls immer um Karma?

Ja, Karma bezieht sich auf diesen Impuls. Die Gesetze vom Karma erklären, warum in unserem Geist der Impuls entsteht, eine Person oder eine andere anzuschauen, etwas bestimmtes und nicht etwas anderes zu sagen, oder warum der Impuls entsteht, uns in eine Situation zu begeben oder eine neue Person kennenzulernen. Es braucht keine bewusste Absicht zu sein, loszuziehen und jemandem zu begegnen, den man zuvor nicht getroffen hat.

Frage: Ist der Impuls meinen Kindern zu helfen auch Karma?

Ja, es ist der Impuls, der im Gegensatz zu dem der Spinnenmutter, die eigenen Kinder aufzufressen, steht.

Frage: Sind sowohl positive als auch negative Impulse Karma?

Richtig, sie sind es ebenso wie die neutralen Impulse (z.B. der Impuls, sich am Kopf zu kratzen). Man sollte sich Folgendes vor Augen halten: in allgemeinen Darstellungen steht das Wort Karma für das Gesamtthema der Dinge, die geschehen und der Gründe dafür, warum sie geschehen. Aber spezifischer gesagt bezieht sich das Wort Karma innerhalb dieses Gesamtthemas auf den Impuls. All die verschiedenen Aspekte des Prozesses werden mit verschiedenen Namen bezeichnet.

Manchmal können wir das Wort „Karma“ als „Handlung“ übersetzt lesen. Dies ist eine sehr weitgefasste Art, den Begriff zu übersetzen, was in einigen allgemeinen Behandlungen des Themas nützlich sein mag, aber unpräzise ist. In dem philosophischen System, das wir hier erläutern, ist das Karma nie eine Handlung. Es ist vielmehr der Impuls, der uns zu einer Handlung führt   nicht die Handlung selbst. Im Vaibhashika-Sautrantika-System und im Gelug-Prasangika-System umfasst der Begriff des Karmas nicht nur körperliche und verbale Handlungen, sondern auch die feinstoffliche Energie, die unsere körperlichen und verbalen Handlungen auf unserem geistigen Kontinuum hinterlassen. Doch selbst in diesen beiden Systemen schließt Karma nie die geistige Handlung des Denkens mit ein. Daher scheint mir, dass es besser ist, das Wort Handlung nicht als Übersetzung von Karma zu benutzen.

Der Impuls etwas zu tun und die sehnsuchtsvolle Begierde danach

Frage: Ist ein Impuls auf etwas hin dasselbe wie Anhaftung dieser Sache gegenüber?

Die Anhaftung (tib. ‘dod-chags) ist ein anderer geistiger Faktor. Etwas gerne zu tun und Lust zu haben, etwas zu tun, sind wieder andere geistige Faktoren. Wir müssen eigentlich zwei Bedeutungen des hier stehenden tibetischen Fachbegriffs dochag unterscheiden: Anhaftung und sehnsuchtsvolle Begierde. „Anhaftung“ bezieht sich auf etwas, das wir bereits besitzen und das wir nicht loslassen wollen. „Sehnsuchtsvolle Begierde“ bezieht sich auf etwas, das wir zur Zeit nicht haben und wonach wir uns sehnen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Impuls und sehnsuchtsvoller Begierde?

Es handelt sich um unterschiedliche geistige Faktoren. Sie können zusammen auftreten, tun dies aber nicht notwendigerweise. Genau wie es die Anhaftung tut, übertreibt auch die sehnsuchtsvolle Begierde die guten Eigenschaften der Dinge. Wir könnten Schokolade sehen und sagen: „Wow! Das ist das köstlichste Ding auf Erden!“ und trotzdem nicht den geringsten Impuls haben, sie jetzt zu essen, da wir satt sind.

Frage: Kann es einen Impuls ohne sehnsuchtsvolles Begehren geben? Was ist die Beziehung zwischen den beiden?

Ein Impuls begleitet jeden Augenblick unserer Erfahrung. Das sehnsuchtsvolle Begehren als eine spezifische störende Emotion tritt dagegen in Abständen auf. Statt von sehnsuchtsvollem Begehren könnte ein Impuls beispielsweise von Wut begleitet werden. Er könnte auch von Liebe begleitet werden. Impulse dagegen entstehen jeden Augenblick – nicht nur während unserer wachen Stunden, sondern auch wenn wir schlafen. Es sind die Impulse, die uns veranlassen, einen Traum zu haben, uns umzudrehen, weiterzuschlafen oder aufzuwachen. Wir können unserem Karma gegenüber nie eine „Auszeit“ einlegen. Es tritt in jedem Augenblick in Erscheinung.

Der Impuls etwas zu tun und die Absicht, etwas zu tun

Wir müssen auch zwischen einem Impuls und einer Absicht (tib. ‘dun-pa) unterscheiden, denn es handelt sich um zwei verschiedene geistige Faktoren. Ein Impuls ist einfach das, was uns zu einem bestimmten Objekt oder zu einer bestimmten Handlung drängt. Eine Absicht ist der Wunsch, dem Objekt etwas anzutun oder etwas mit dem Objekt zu tun, oder die Handlung tatsächlich auszuführen oder nicht auszuführen.

Ein Impuls und eine Absicht stehen immer miteinander in Beziehung. Deshalb sagt man immer, dass das Karma intentional ist. Dies bedeutet allerdings nicht notwendigerweise, dass ich die Absicht habe, zu schaden oder zu helfen. Es kann sein, dass wir nicht wissen, ob unsere Handlungen schädlich oder nützlich sein werden. Es könnte sich einfach um die Absicht handeln, jemanden anzuschauen oder um die Absicht, in die Richtung von jemandem zu laufen. Es gibt den Impuls zu laufen und die Absicht zu laufen, und die beiden sind verschieden.

Teilnehmer: Würden die Begriffe des Impulses und der Absicht also das implizieren, was wir als freien Willen bezeichnen?

Wie Sie es beschreiben ist Ihre Wahl. Ich denke allerdings nicht, dass es hier fruchtbar ist, die Begriffe des freien Willens oder der Vorbestimmung zu unterscheiden, da dies bedeuten würde, etwas aus einem anderen begrifflichen Rahmen hier hereinzubringen.

Frage: Wie arbeiten ein Impuls und eine Absicht zusammen?

Sie sind stets im Einklang miteinander. Wir können nicht sagen, dass wir einen Drang oder einen Impuls dazu haben, im Bett zu bleiben und dass unsere begleitende Absicht jedoch ist, heute Morgen in den Unterricht zu kommen. Diese beiden geistigen Faktoren könnten nicht gleichzeitig vorhanden sein. In jedem gegeben Moment konzentrieren sich die zwei Faktoren auf dasselbe Objekt oder auf dieselbe Handlung und passen harmonisch zusammen. Es gibt den Impuls, der uns dazu drängt, zu kommen, und die begleitende Absicht, tatsächlich zu kommen. Oder es gibt den Impuls, nicht zu kommen, und die begleitende Absicht nicht zu kommen. Wir können natürlich in einer unentschlossenen Weise zwischen den beiden Möglichkeiten hin und herschwanken, bis wir schließlich entscheiden, was wir tun wollen. Unentschlossenes Schwanken (tib. the-tshoms) ist ein anderer geistiger Faktor, der einen Impuls und eine Absicht begleiten kann.

Der Impuls und die Absicht, die uns dazu brachten, aus dem Bett aufzustehen oder der Impuls und die Absicht, die uns dazu brachten, im Bett zu bleiben, können mit Anhaftung verbunden sein oder auch nicht. Auch hier übertreibt die Anhaftung die guten Qualitäten einer Sache, und aufgrund dieser Anhaftung möchten wir es bekommen. „Dies wird die wundervollste Vorlesung der Welt sein und wenn ich sie verpasse, verpasse ich wirklich etwas Gutes.“ „Im Bett zu liegen wird die angenehmste Sache der Welt sein“. Das ist Anhaftung.

Ein weiterer Punkt, an den man sich erinnern sollte ist folgender: wenn wir all diese geistigen Faktoren erleben, treten sie alle zusammen in „einem Packet“ auf; sie interagieren alle miteinander wie ein Netzwerk. Wir könnten mit Logik einen geistigen Faktor vom anderen isolieren; aber tatsächlich sind sie alle in einem Akt der Wahrnehmung miteinander vermischt.

Sich einer Sache bewusst sein und sie sich vergegenwärtigen

Frage: Ist der Impuls bewusst oder nicht?

Er ist nicht bewusst. „Bewusst“ und „unbewusst“ sind Variablen, die in einer westlichen Analyse eine Rolle spielen würden. Hier sprechen wir über etwas, das sich auf einer äußerst feinen Ebene abspielt und das in jedem Moment unserer Erfahrung geschieht. Es ist das, was uns zum nächsten Moment der Erfahrung hinzieht. Wir sprechen hier über etwas sehr grundlegendes. Jedes Lebewesen hat dies in jedem Augenblick.

Frage: Entspricht der westliche Begriff bewusst dem buddhistischen Begriff der Achtsamkeit?

In der westlichen Darstellung müssen wir etwas genauer sein in Hinblick darauf, von welchen geistigen Faktoren wir sprechen, wie etwa von der Vergegenwärtigung (engl. mindfulness, Achtsamkeit). Was von uns Westlern im Allgemeinen als „Achtsamkeitsmeditation“ bezeichnet wird, betrifft nicht tatsächlich den geistigen Faktor der Vergegenwärtigung (tib. dran-pa), sondern vollkommen andere geistige Faktoren. Wenn wir die westliche Darstellung gründlich analysieren, stellen wir fest, dass sie über verschiedene geistige Faktoren spricht. Da ist der Impuls, der uns zu einem spezifischen Objekt der Ausrichtung zieht, etwa auf unsere Augenbrauen statt auf unsere Hände. Das ist das Karma. Da ist auch die Absicht, sich darauf zu konzentrieren und die Aufmerksamkeit (tib. yid-la byed-pa), die uns damit beschäftigt, sie anzuschauen. All diese Faktoren treten zusammen „in einer Packung“ auf. Vergegenwärtigung ist das, was meine Aufmerksamkeit an Ihren Augenbrauen festhält, statt mich an etwas anderes denken zu lassen. Es ist ein „geistiger Klebstoff“ , der sich ebenfalls in derselben Packung befindet. Diese Packung kann auch andere geistige Faktoren umschließen, wie Liebe – der Wunsch, dass Sie glücklich sein können   und Unglücklichsein, da Ihre Art, Ihre Augenbrauen zusammenzukneifen, mich unglücklich macht.

Im Einklang mit dem System, das wir hier erklären gibt es eine dritte Art des Erfahrens, die jeden Augenblick begleitet. Es handelt sich um das reflexive Gewahrsein (tib. rang-rig), das Gewahrsein der Erfahrung selbst. Dies ist, was uns erlaubt, uns an etwas zu erinnern. Dies ist, worauf man sich beziehen würde, wenn man von „bewusst sein“ spricht. Mit anderen Worten: das reflexive Gewahrsein besteht darin, dass wir wissen, was geschieht, was unser Impuls ist, was unsere Absicht ist. Dieser Faktor kann sehr schwach sein und fast keine Gewissheit darüber haben, worauf er sich ausrichtet, so dass wir uns später überhaupt nicht mehr daran erinnern, oder er kann auch sehr stark sein.

Das Problem ist, dass unsere westlichen Wörter nicht den tibetischen entsprechen. Das Deutsche, das Englische und das Tibetische haben unterschiedliche Weisen „den Kuchen“ zu schneiden. Der wichtigste Punkt ist, dass man versteht, was die tibetischen Worte bedeuten. Die beste Vorgehensweise ist daher, nicht an den deutschen oder englischen Worten kleben zu bleiben, sondern zu versuchen, die Definitionen der Worte, über die wir sprechen, zu verstehen.

Impuls und Verhaltensmuster

Frage: Könnte man sagen, dass das Karma eine subtile Art von Gewohnheitsmuster ist?

Karma ist ein riesiges Thema. Das Wort Karma kann als ein allgemeines Wort benutzt werden. Gewohnheiten, Muster und so weiter sind andere Aspekte des Karma. Wir werden uns dieser Diskussion zuwenden.

Das ist eine sehr schöne Überleitung zur dritten Kategorie der nichtstatischen Phänomene, den nichtstatischen Abstraktionen. Die Beispiele, die Sie gegeben haben, sind hervorragende Beispiele: Verhaltensmuster, Gewohnheiten. Das sind Abstraktionen. Es sind Abstraktionen, die man aufgrund einer Reihe von Handlungen macht, so dass man sagt, dass es eine Gewohnheit oder ein Muster gibt. Offensichtlich können sich diese Gewohnheiten und Muster verändern. Ferner beeinflussen sie, was geschieht. Wenn wir später den gesamten Karma-Mechanismus detaillierter erörtern, werden wir ihn unter Benutzung dieser Kategorien verstehen.

Wie Karma funktioniert: unmittelbar vor einer Handlung

Versuchen wir etwas klarer herauszuarbeiten, wie Karma tatsächlich funktioniert. Hierzu muss man den Prozess in mehrere Zeitabschnitte unterteilen. Der erste Zeitabschnitt ist der Augenblick unmittelbar bevor man etwas tut, sagt oder denkt. An diesem Punkt haben wir einen Impuls, einen Geistesfaktor, der uns zur körperlichen, verbalen oder geistigen Handlung hinzieht. Je nach der Art von Handlung, zu der er uns hinzieht, handelt es sich um ein körperliches, verbales oder geistiges Karma. Dieser Impuls wird notwendigerweise von weiteren geistigen Faktoren begleitet. Diese werden zusammen als „motivierender geistiger Rahmen“ (tib. bsam-pa) bezeichnet.

Unmittelbar bevor man etwas tut, sagt oder denkt

Unmittelbar bevor man eine Handlung begeht, aufgrund karmischer Hinterlassenschaft, da man die gleiche Handlung früher schon einmal begangen hat
Impuls, eine Handlung zu begehen

(physisches, verbales oder geistiges Karma)

Motivierender geistiger Rahmen
  • Unterscheiden eines Objekts
  • Kausal motivierendes Ziel
  • Störende Emotion oder Geisteshaltung

 

[Vollständiges Diagramm siehe: Diagramm für das Verständnis von Karma .]

Ein Impuls, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken kann entweder konstruktiv (tib. dge-ba, tugendhaft) sein, destruktiv (tib. mi-dge-ba, untugendhaft) oder vom Buddha als unspezifisch (tib. lung-ma-bstan) d.h. weder als konstruktiv noch als destruktiv (neutral) bezeichnet.

Nehmen wir das Beispiel unseres Nachbarn von der Wohnung nebenan, der extrem laute Musik hört und der destruktiven karmischen Impulse, die sich hieraus ergeben können. Ein destruktives körperliches Karma könnte der Impuls sein, wild an seine Tür zu schlagen. Ein destruktives verbales Karma wäre der Impuls, ihn anzuschreien, damit er die Lautstärke runterdreht. Ein destruktives geistige Karma wäre der Impuls hässliche Gedanken über ihn zu entwickeln, oder daran zu denken, dass man an seine Tür gehen will um darauf zu schlagen und zu schreien. In jedem dieser Fälle bringt uns der Impuls auch dazu, uns auf unseren lauten Nachbarn zu fokussieren.

Antreibende und angetriebene Impulse

Geistiges Karma wird als „antreibender Impuls“ (tib. sems-pa’i las) bezeichnet, während körperliches und verbales Karma „angetriebene Impulse” (tib. bsam-pa’i las) genannt werden. Die terminologische Unterscheidung leitet sich davon ab, dass die Bereitschaft, zu körperlichen und verbalen Handlungen oft durch eine vorausgehende geistige Handlung die durchdenkt, wie man etwas tut oder sagt aufgebaut wird (tib. bsags-pa). Daraufhin wird die körperliche oder verbale Handlung dann tatsächlich ausgeführt (tib. byas-pa). Dies sind Handlungen, die man vorgeplant hat. Einige körperliche und verbale Handlungen sind allerdings nicht vorgeplant; die Bereitschaft, sie auszuführen wurde nicht im voraus dadurch aufgebaut, dass man daran gedacht hätte, etwas zu tun oder zu sagen. Trotzdem wird der Impuls, der uns zur Handlung führt, als „angetriebener Impuls“ bezeichnet.

Die Systeme des Vaibhashika-Sautrantika und des Gelug Prasangika benutzen die beiden Begriffe in einer etwas logischeren Weise. Der Impuls, der einem Tun, Sagen oder Denken unmittelbar vorausgeht, ist immer ein geistiges Karma und daher immer ein antreibender Impuls. Körperliches und verbales Karma sind die Handlungen des Tuns oder des Sagens selbst. Da diesen Handlungen stets ein antreibender Impuls vorausgeht, der sie hervorruft, sind es „ angetriebene Impulse“. Ob die körperlichen oder verbalen Handlungen zuvor durch Durchdenken abgewogen wurden oder nicht, macht keinen Unterschied.

Der motivierende geistige Rahmen

Der Impuls wird stets von einem Verbund aus drei weiteren geistigen Faktoren begleitet, die zusammen als der „motivierende geistige Rahmen“ bekannt sind. Dies sind:

  • das Unterscheiden eines Objektes, auf das man die Handlung konzentriert,

  • das motivierende Ziel, das darin besteht, was wir mit dem Objekt tun wollen und

  • eine störende Emotion oder Geisteshaltung.

Unterscheiden (tib. ‘du-shes) ist der geistige Faktor, der normalerweise mit „Erkennen“ übersetzt wird. Seine Bedeutung ist, dass man beispielsweise eine Person ausmachen kann, oder dass man sie von allen anderen unterscheiden kann. „Unterscheiden“ bedeutet nicht, dass wir wissen, wer die Person ist oder dass wir sie erkennen würden, wenn wir sie im Foyer treffen würden. Möglicherweise haben wir den Typen nie zuvor getroffen. Möglicherweise wissen wir noch nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau ist, der nebenan die Musik so laut spielen hat. Als Teil unseres motivierenden Rahmens müssen wir ein Objekt ausmachen, auf das wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten. Wir müssen die Person ausmachen, bei der wir den Drang haben, an die Tür klopfen zu gehen, die wir anschreien wollen, oder der gegenüber wir den Drang verspüren, hässliche Gedanken zu denken.

Der zweite Geistesfaktor, der den Impuls begleitet, ist das motivierende Ziel (tib. kun-slong), das normalerweise einfach mit „Motivation“ übersetzt wird. Er bezieht sich auf den geistigen Faktor der Absicht (tib. ‘dun-pa) – die Absicht etwas zu tun, zu sagen oder zu denken. Das motivierende Ziel unmittelbar vor der Ausführung einer Handlung ist das „ursächliche motivierende Ziel“ (tib. rgyu’i kun-slong). Es besteht in der Absicht bzw. dem Zweck, den wir verfolgen, unmittelbar bevor wir beginnen, etwas zu tun und es bringt uns dazu, etwas zu tun.

Das westliche Konzept der Motivation unterscheidet sich von dem, was mit dem buddhistischen Begriff gemeint ist, der normalerweise als „Motivation“ übersetzt wird. Wenn wir im Buddhismus von unserer Motivation sprechen, meinen wir tatsächlich das Ziel, das uns motiviert, unsere Absicht. D.h. das, worauf wir zielen wenn wir irgendetwas tun. In einem gewissen Sinne impliziert es auch, was wir erreichen wollen, indem wir etwas tun. Die Absicht könnte hier sein, unseren Nachbarn tatsächlich anzuschreien, damit er seine laute Musik leiser dreht. Wie wenn wir zu Beginn einer Unterrichtsstunde sagen, dass unsere Motivation oder unser Ziel darin besteht, die Belehrungen zu hören, um Erleuchtung zu erlangen damit wir allen helfen können.

„Motivation“ ist hier nicht der beste Übersetzungsbegriff, da dieses Wort in unseren westlichen Sprachen den Akzent auf die motivierende Emotion legt, die mit dem Zweck oder dem Ziel einhergeht. Der Buddhismus sieht die motivierende Emotion ebenfalls als wichtig an und behandelt sie separat von der Motivation (dem „motivierenden Ziel“) als den dritten geistigen Faktor innerhalb des allgemeineren „motivierenden geistigen Netzwerks“. Das Wort kunlong (Motivation) wird also anders als in den westlichen Sprachen nicht für die motivierende Emotion gebraucht.

Der Impuls, eine destruktive Handlung auszuführen, wird stets von einer störenden motivierenden Emotion begleitet – im Beispiel mit unserem lauten Nachbarn waren dies Wut oder Mangel an Geduld. Der Impuls, eine konstruktive oder ethisch neutrale, unspezifizierte Handlung auszuführen, wird von Unwissenheit (Ignoranz) über die Art, wie alle Phänomene existieren, begleitet. So können wir beispielsweise jemandem helfen wobei unser Geist nach der Vorstellung greift, dass diese Person in einer soliden Weise als „unser wahrer Freund“ existiert, den ich, als ein solide existierendes „Ich“ , „wirklich liebe“. Manchmal kann eine störende Emotion auch eine konstruktive Handlung begleiten, wie das sehnsuchtsvolle Verlangen danach, dass die andere Person die eigene Liebe erwidert. Andererseits können wir an einem Fußballspiel teilnehmen, wobei unser Geist nach der Existenz eines solide existierenden „Ich“, das gewinnen muss, um „sich selbst zu beweisen“, greift. Eine störende Emotion kann auch eine unspezifizierte Handlung begleiten, wie wenn man am Spiel teilnimmt und voller Hass gegenüber der anderen Mannschaft ist.

Im System, das wir untersuchen, wird Unwissenheit bezüglich der Weise, in der alle Phänomene existieren, nicht als eine tatsächliche störende Emotion klassifiziert. Die Sakyaschule nennt es eine „nominelle störende Emotion“. Das Karma Kagyu allerdings stimmt mit dem Gelug Prasangika-System in diesem Punkt überein und betrachtet diese Art von Unwissenheit als eine tatsächliche störende Emotion.

Bevor man eine konstruktive Handlung unternimmt, können positive Emotionen das motivierenden Ziel und den Impuls, der uns zur Handlung hinzieht, begleiten. Die motivierenden Emotionen bevor man beispielsweise eine Dharmabelehrung hört, wären optimaler Weise die positiven Emotionen von Liebe und Mitgefühl. Das motivierende Ziel ist, die Erleuchtung zu erlangen um allen zu helfen. Warum? Wegen der Liebe, die wünscht, dass alle Wesen glücklich sind und dem Mitgefühl ihnen gegenüber, dass wünscht, dass sie nicht leiden. Bevor wir unserer Freundin tatsächlich helfen, müssen wir allerdings auch unterscheiden, ob sie unsere Hilfe wünscht oder nicht, und ob wir dazu in der Lage sind, ihr zu helfen oder nicht. Wir können bezüglich dieser Punkte korrekte oder inkorrekte Unterscheidungen (tib. shes-rab), einen weiterer geistigen Faktor, haben.

Eine positive Emotion kann auch das motivierende Ziel und den Impuls, etwas ethisch unspezifiziertes zu tun, begleiten. Wir können aus Liebe Kekse für unsere Kinder backen.

Dies ist die Analyse von dem, was passiert, wenn der Impuls, jemanden anzuschreien oder irgend etwas zu tun, zu sagen oder zu denken, in unserem Geist aufkommt. Es sind vier geistige Faktoren beteiligt, die alle zusammen in einer Art „Packung“ auftreten: ein Impuls zu schreien, ein Unterscheiden des Objektes, das angeschrieen werden soll, ein motivierendes Ziel dessen, was wir tun wollen und eine motivierende störende Emotion. Jeder dieser Faktoren ist klar unterschieden und von zentraler Wichtigkeit in einer jeden tiefgehenden Analyse des Karma. Daher ist es wichtig, dass wir den Impuls nicht mit diesen anderen Faktoren verwechseln, die das motivierende geistige Netzwerk bilden, das den Impuls begleitet.

In jedem der beiden ersten Faktoren können Fehler auftreten. Wir können die falsche Person ausmachen und den falschen Nachbarn anschreien. Wir können keine Absicht zu schreien haben, und doch passiert es einfach, wie aus Zufall, dass wir zu schreien beginnen, sobald wir anfangen, mit ihm zu sprechen. Im ersten Fall handelte es sich um einen Fehler. Beim zweiten handelt es sich um einen unkontrollierbaren Unfall, da wir es nicht beabsichtigten. Die motivierende störende Emotion könnte sehr stark oder sehr schwach sein, oder es könnte sich bloß um eine nominelle störende Geisteshandlung handeln. All dies wir die Ergebnisse des Impulse beeinflussen.

Während man die Handlung tatsächlich ausführt

Als erstes haben wir den Impuls, der uns in die Handlung hineinzieht und uns so dazu bringt, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken. Dies geschieht im Augenblick, der unserem Handlungenbeginn unmittelbar vorausgeht. Der nächste Schritt findet statt, wenn wir tatsächlich etwas tun, sagen oder denken. Im ersten Handlungenmoment haben wir den Impuls, mit dem wir zu handeln beginnen. Nach diesem Anfangsmoment und bis zum Augenblick, unmittelbar bevor wir die Handlung beenden, haben wir die nachfolgenden Impulse, mit der Handlung fortzufahren. Im letzten Augenblick der Handlung haben wir den Impuls, sie zu beenden. Diese Impulse während man eine Handlung ausführt, werden von den selben drei geistigen Faktoren des geistigen Netzwerks begleitet, wie unmittelbar bevor man damit beginnt.

Während man etwas tut, sagt oder denkt

Während man die Handlung begeht
Die Handlung selbst

(karmische Kraft)

Der Impuls, die Handlung zu beginnen und fortzuführen

(physisches, verbales oder geistiges Karma)

Begleitender geistiger Rahmen
  • Unterscheiden eines Objekts
  • Gleichzeitig motivierendes Ziel
  • Störende Emotion oder Geisteshaltung

as motivierende Ziel, das den Impuls, eine Handlung zu beginnen und weiter auszuführen begleitet, wird als „gleichzeitig stattfindendes motivierendes Ziel“ (tib. dus-kyi kun-slong) bezeichnet. Der ursächliche motivierende Zweck war die Absicht, eine bestimmt Handlung, wie etwa zu schreien, überhaupt auszuführen. Das gleichzeitig stattfindende motivierende Ziel ist die Absicht, während des tatsächlichen Sprechens, jedes einzelne Wort, das wir sagen wollen, auszusprechen. Für die körperliche Handlung des An-die-Tür-Schlagens ist das gleichzeitig stattfindende motivierende Ziel die Absicht, jede einzelne Bewegung auszuführen, die mit dem an die Tür Schlagen zusammenhängt, beginnend mit der Absicht, unsere Hand zu heben, um an die Tür zu schlagen. Im Falle geistiger Handlungen, wie wenn man hässliche Gedanken über den eigenen Nachbarn denkt oder daran denkt, zu ihm zu gehen, um ihn anzuschreien, werden ursächlich und gleichzeitig stattfindende motivierende Zwecke nicht unterschieden.

Im Falle körperlicher und verbaler Handlungen ist es möglich, dass das ursächliche und die gleichzeitig stattfindenden motivierende Ziel nicht miteinander im Einklang stehen. Dies geschieht normalerweise weil die motivierende Emotion sich verändert hat. Wir beabsichtigten beispielsweise, unseren Nachbarn anzuschreien und haben möglicherweise sogar die Sache durchgedacht bevor wir zu seiner Wohnungstür gegangen sind. Doch eine wunderschöne junge Frau öffnete die Tür und bezauberte uns derart, dass wir, als wir anfangen wollten zu sprechen, überhaupt nicht mehr dazu in der Lage waren, zu schreien.

In einem anderen Fall könnte es sich bei den motivierenden Emotionen, die unseren kausal motivierenden Zweck begleitete, als wir beabsichtigten, unseren Nachbarn anzuschreien, vielleicht um Liebe und Mitgefühl gehandelt haben. Wir waren voller Liebe und Mitgefühl für unser Baby, das zu schlafen versuchte, ebenso wie für die anderen Nachbarn. Ursprünglich handelte es sich also bei der Emotion nicht um Wut. Doch als wir dann anfingen, zu schreien, stieg die Wut zusammen mit der Erfahrung des Schreiens auf. Es ist schwierig zu schreien und die Emotion des Mitgefühls beizubehalten. Viel leichter ist es, in die Handlung hineingezogen und wütend zu werden. Aus diesem Grund müssen wir all diese verschiedenen Faktoren analysieren, wenn wir von den Ergebnissen einer Handlung sprechen: was war die ursächlich motivierende Emotion und was war die gleichzeitig stattfindende motivierende Emotion? Handelte es sich um dieselbe Emotion oder waren sie verschieden? Hat die motivierende Emotion im Laufe der Handlung ihre Intensität verändert? Und so weiter.

Karmische Kraft

Nun müssen wir zwei weitere Begriffe einführen. Sie werden normalerweise mit „ Verdienst“ (tib. bsod-nams, Skt. punya) und „Sünde“ (tib. sdig-pa, Skt. papa) übersetzt. Wie ihr wisst, schätze ich diese Übersetzungsbegriffe nicht, da sie Konnotationen aus nichtbuddhistischen Religionen in sich tragen, die hier nicht angebracht sind. Auf Tibetisch machen wir den Unterschied zwischen etwas Positivem und etwas Negativem. Wir brauchen ein Wort, das beides abdeckt, daher werden wir von einer „karmischen Kraft“ sprechen. „Verdienst“ wäre dann eine „positive karmische Kraft“ und „Sünde“ eine „negative karmische Kraft“. Im System, das wir hier betrachten, beziehen sich beide auf die Handlung selbst, auf die karmische Kraft der körperlichen, verbalen oder geistigen Handlung. Das Karma an sich (der Impuls, es zu tun, zu sagen oder zu denken) ist keine karmische Kraft.

Zuvor habe ich den Begriff „karmisches Potenzial“ in diesem Zusammenhang als den allgemeinen Begriff benutzt, doch dies kann irreleitend sein. Nur eine Phase der karmischen Kraft ist tatsächlich ein Potenzial, doch davon später mehr. „Karmische Kraft“ ist als Allgemeinbegriff zur Bezeichnung aller Phasen des Karma in der Darstellung aller Erklärungssysteme besser geeignet.

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dieses Schema genauer zu verstehen. Oft herrscht darüber viel Verwirrung und es kommt zu Missverständnissen. In vielen Fällen liegt dies an der Ungenauigkeit der Begriffe, die benutzt werden. Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich hier die weniger komplizierte Darstellung erläutere. Wenn wir diese verstehen können, können wir uns später an die komplexere Gelug-Prasangika-Darstellung wagen. Grundsätzlich ist es dasselbe System, aber mit einigen Veränderungen.

Die Geistesfaktoren beobachten, die einen Impuls begleiten

Frage: Kann man lernen, all die Faktoren, die einen karmischen Impuls begleiten, zu beobachten, ohne dass man in einem Kloster lebt?

Dies geschieht ständig. Man braucht kein Mönch sein, der auf Retreats ist. Wir sind diese Analyse nicht gewohnt, doch dies bedeutet nicht, dass es unmöglich ist. Als erstes müssen wir wissen, was wir beobachten müssen. Wonach suchen wir? Der Impuls, zum Kühlschrank zu gehen steigt auf. Das motivierende Ziel oder die Absicht ist es, tatsächlich dorthin zu gehen und etwas zu essen zu finden. Was ist die motivierende Emotion? Es könnte sein, dass wir uns danach sehnen, den Hunger, den wir verspüren, loszuwerden und dass wir, was auch immer wir im Kühlschrank finden, essen werden. Oder es könnte Begierde sein: wir wollen etwas Schokolade, auch wenn wir nicht wirklich hungrig sind. Das motivierende Ziel könnte gewesen sein, den Kühlschrank zu putzen, doch als wir ihn öffneten, sahen wir diese köstlich aussehende Schokolade und eine andere Absicht stellte sich ein: sie zu essen! Die motivierende Emotion hat sich nun geändert: von der Emotion der Anhaftung daran, dass alles makellos sauber sein soll, zum Begehren von Schokolade. Es könnte sich nun sogar um eine naive Form des Mitgefühls handeln: „Das Verfallsdatum ist morgen und ich möchte nichts verschwenden, daher werde ich diese Schokolade essen. In Indien gibt es Menschen, die verhungern“. Die begleitenden motivierenden Emotionen können recht unterschiedlich sein.

Dies sind die Dinge, die wir beobachten. Natürlich erfordert dies, dass wir unser Tempo verlangsamen. Wenn wir unterscheiden können, dass diese beiden Faktoren vorliegen – das motivierende Ziel und die dahinterstehende motivierende Emotion – dann kann dies an sich alleine sehr hilfreich sein. Wenn unsere Absicht darin besteht, dass wir unterbinden wollen, dass unser Nachbar derart laut Musik hört, können wir an der motivierenden Emotion arbeiten, die dieses Ziel begleitet. Es ist nichts Falsches dabei, wenn unsere ursächliche Absicht bloß darauf abzielt, dass er seine Musik leiser dreht. Wir müssen aber darauf achten, dass beim Sprechen mit ihm unser gleichzeitig motivierendes Ziel das bleibt, höflich mit ihm zu sprechen, und dass es sich nicht zum Schreien abändert. Außerdem müssen wir sorgfältig unterscheiden, aus welcher Wohnung der Lärm stammt. Diese Beispiele geben uns eine Vorstellung von dem, was man prüfen muss. Ich denke nicht, dass man in mönchischer Zurückgezogenheit leben muss, um dies zu tun.

Der wirklich wichtige Punkt hier ist die Vergegenwärtigung (engl. mindfulness, Achtsamkeit), die darin besteht, dass man sich daran erinnert, dies zu tun. Und wenn man sich selbst beobachtet, hilft die Vergegenwärtigung dabei, dass man es nicht vergisst und nicht damit aufhört. Dies ist es, was wir meinen, wenn wir im Buddhismus von „Vergegenwärtigung“ sprechen. Wir erinnern uns daran, etwas zu tun und bleiben dabei. Unser großes Problem ist, dass wir uns nicht daran erinnern – wir vergessen es.

Frage: Ist es also so, dass „Karma“ selber nur ein Fachausdruck ist; was wir wirklich beobachten müssen ist also die Absicht?

Die wichtigsten Dinge, die wir beobachten müssen sind nicht nur unsere Absicht und unser motivierendes Ziel, sondern auch unsere motivierende Emotion. Der Impuls kommt automatisch auf. Hierüber haben wir keine Kontrolle – zumindest nicht auf unserem Niveau. Man muss sehr fortgeschritten sein um das zu beeinflussen. Dies ist, was wir „Samsara“ nennen. Wir haben den unkontrollierbaren Impuls dieses und jenes zu tun, und es geht auf und ab.

Frage: Man braucht sich also um den Impuls keine Sorgen zu machen?

Es ist nicht so, dass man sich um den Impuls nicht zu kümmern bräuchte. Ich werde darüber später sprechen. Der Impuls ist ein tieferliegendes Problem. Bleiben wir daher bei Dingen, an denen wir auf unserem jetzigen Niveau bereits arbeiten können. Wir müssen als erstes den Impuls erkennen und dann die Absicht und die begleitende Emotion. Alle drei geschehen zusammen.

Frage: Wenn ich leide, wie kann ich dem ein Ende setzten?

Wir versuchen, den Geistesfaktor der ethischen Disziplin (tib. tshul-khrims) zu entwickeln. Dies ist der Geistesfaktor, der uns davon zurückhält, destruktiv zu handeln. Dieser muss stets vorhanden sein, wenn wir unsere Absichten beobachten. Was ist die Absicht bzw. das motivierende Ziel, das wir verfolgen, wenn wir unsere Absichten beobachten? Aus einer buddhistischen Sichtweise heraus muss es der Wunsch sein, Leiden zu vermeiden. Es muss Entsagung sein – der Wunsch sich vom Leiden und seinen Ursachen zu befreien, der Wunsch, sie aufzugeben. Eine zusätzliche Absicht könnte sein, dazu fähig zu werden, den anderen besser helfen zu können, wenn wir weniger an unseren eigenen Problemen leiden.

Was sind die motivierenden Emotionen, die dies begleiten? Es könnte sich um Langeweile und Angewidertsein von unserem unkontrollierbar wiederkehrenden Leiden handeln, oder auch um Mitgefühl für die anderen. Andererseits könnte es sich um Angst vor Bestrafung in einer Hölle handeln, weil man schlecht ist.

Die Verbindung aus motivierender Absicht und motivierender Emotion begleitet also den Impuls, zu beobachten, worin unsere motivierenden Absichten und Emotionen etwas zu tun, zu sagen oder zu denken, bestehen. Diese Verbindung begleitet ebenfalls die tatsächliche Handlung, durch die wir sie beobachten. Die Handlung des Beobachtens ist somit ebenfalls eine karmische Kraft. Und auch diese karmische Kraft hat Wirkungen.

Teilnehmer: Wir sprechen davon, was wir tun können, um uns selbst zurückzuhalten. Was das Beispiel mit der Schokolade im Kühlschrank angeht: Ich glaube nicht, dass es normalerweise ausreicht, wenn man sich des Impulses, die Schokolade zu holen und zu essen bewusst ist, um dann nicht aus diesem Impuls heraus zu handeln.

Richtig. Wenn dies geschieht liegt es normalerweise daran, dass die begleitende motivierende Emotion für das Sich-Zurückhalten nicht stark genug war.

Teilnehmer: Daher verstehe ich dieses ganze Thema so, dass man eine Chance hat, wenn man sowohl die motivierende Absicht als auch die motivierende Emotion beobachtet. Ich kann sehen, was ich tue, was die Motivation ist. Möglicherweise ist immer Begehren vorhanden. Es steigt langsam auf. Möglicherweise möchte ich etwas Freude oder so etwas. Es ist wie im Vipassana. Wenn man es aufmerksam betrachtet, verschwindet es wieder.

Ich bin mir nicht sicher, ob es notwendigerweise verschwindet, wenn man es sorgfältig betrachtet. Es gibt andere Vorgehensweisen, die die Gedanken zum Verschwinden bringen, wie die Mahamudra-Methode, Gedanken als Wolken zu betrachten, die durch den Himmel ziehen. Es kann aber auch vorkommen, dass die Vipassana- oder Mahamudrapraktiken aus dem egozentrischen Denken kommen: „ Ich bin unglücklich. Ich Armer. Ich möchte glücklich sein.“ Dies leitet über zu dem, was wir später bei der Analyse besprechen werden, nämlich welches die Faktoren sind, die das Reifen der karmischen Hinterlassenschaft (engl. aftermath) und die darauffolgende Sequenz, durch die ein Impuls überhaupt aufkommt.

Meine Erfahrung ist, dass es nicht ausreichend ist, die Dinge bloß zu beobachten. Wir müssen etwas tun. Wir können zwar die Dinge beobachten, doch wir werden wenig vollbringen, wenn wir keine ausreichend starke Motivation haben, auch etwas zu tun in Bezug auf die Dinge, die wir beobachten. Sogar wenn dieser spezielle Moment der Gier nach Schokolade in einer natürlichen Weise aufhören wird – wir brauchen nichts zu tun, damit er aufhört – dann wird dies trotzdem nicht verhindern, dass die Gier nach Schokolade im nächsten Augenblick wieder aufsteigen kann. Wir müssen unsere Vergegenwärtigung steigern, d.h. unseren geistigen Klebstoff, damit wir die Zurückhaltung bewahren können, die Disziplin, die Schokolade nicht zu essen. Eine Diät funktioniert, wenn wir die Entschlossenheit besitzen, keine Schokolade zu essen und wenn unser motivierendes Ziel ist, Gewicht zu verlieren. Es muss ein motivierendes Ziel geben. Was wollen wir erreichen?

Teilnehmer: Die motivierende Emotion könnte eine andere sein.

Ja, wir sollten prüfen, was die motivierende Emotion ist, die unser Ziel, Gewicht zu verlieren, begleitet. Ist es Eitelkeit? Ist es, dass wir gesünder werden und länger leben wollen, um den anderen zu helfen?

Bitte beachten Sie, dass wir hier, für den Fall, dass wir unsere Diät beiseite werfen und uns mit der ganzen Tafel Schokolade voll stopfen, weder das Wort Sünde noch das Wort Verbrechen benutzen. Eine negative karmische Kraft ist eine destruktive Handlung, die von einer störenden Emotion motiviert wird und die als eine Erfahrung des Unglücks reifen wird. Mit „ negativer karmischer Kraft“ meinen wir nicht, dass wir ein göttliches Gebot oder einen zivilrechtliche Regelung brechen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig zu erkennen, dass es in der buddhistischen Diskussion von Karma nicht darum geht, ob man „gut“ oder „schlecht“ ist.

Zusammenfassung

Im Buddhismus dreht sich die ganze Ethikdiskussion um das motivierende Ziel und die motivierende Emotion, die eine Handlung begleiten. Dieses Ziel und diese Emotion sind die wichtigsten Einflussfaktoren für die karmischen Ergebnisse der Handlung. Das ist der entscheidende Punkt. Die ganze buddhistische Ethikdiskussion ist tatsächlich eine Diskussion des motivierenden geistigen Rahmens, mit der wir eine Handlung ausführen. Es gibt diese komplette Packung: das Unterscheiden eines Objekts, das motivierende Ziel oder die Absicht, diesem Objekt gegenüber etwas zu tun und die motivierende Emotion die hinter dem Ziel steht. Im Westen nennen wir diese letzten beiden Faktoren die „Motivation“. Im Buddhismus versuchen wir ständig „unsere Motivation zu prüfen.“

Die Ursachen des Leidens sind Karma (als zwanghafte Impulse) und die hiermit einhergehenden störenden Emotionen, welche alle miteinander interagieren. Beide sind im vierten Aggregat eingeschlossen, im Aggregat der anderen beinflussenden Variablen (tib. ‘du-byed-kyi phung-po, Skt. samskara skandha). Genauer gesagt ist es die Kombination aus einem zwanghaften Impuls, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken, unter Begleitung einer störenden Emotion, die das karmische Verhalten verursacht, welches das Leiden zum Ergebnis hat.

Ich denke, es ist gut, wenn wir langsam vorgehen. Besser ist es meiner Meinung nach, diese grundlegenden Prinzipien zu verstehen, statt zu versuchen, möglichst viel Stoff durchzunehmen. Selbst wenn es uns dieses Wochenende bloß gelingt, ein kleines Verständnis dieses ganzen Systems zu entwickeln, ist dies gut.

Versuchen wir über das Gehörte nachzudenken und es in uns einsinken zu lassen. Dies ist nicht einfach ein nettes intellektuelles Schema. Es ist eine sehr praktische Art zu verstehen, was uns geschieht – was wir erfahren und was wir impulsiv tun. Es ist sehr hilfreich und praktisch, da es uns einen Hinweis dafür gibt, wie wir verändern können, was uns passiert, damit wir nicht nur für uns selbst mehr Glück herbeiführen können, sondern auch für alle anderen.

[Meditation.]