Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Der Mechanismus von Karma: Die Darstellung des Mahayana
unter Ausschluss der Gelug-Prasangika-Schule

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, 9-11 März 2001
im Januar 2004 ausführlich überarbeitet
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Unterrichtseinheit 1: Nicht zum Buddhismus gehörende Vorstellungen über Karma ausräumen

Einleitung

Wir werden über ein sehr großes Thema sprechen: das Karma. Heute Abend werde ich hierzu eine allgemeine Einleitung geben und wir werden eine allgemeine Diskussion führen, da viele von uns jetzt, am Tages- und Wochenende müde sind. Morgen werden wir dann mehr ins Detail gehen.

Es gibt Meditationen, die damit in Verbindung stehen, sich von negativen Handlungen zurückzuhalten, doch dafür haben wir hier keinen Raum. Wir werden dagegen nach jedem Hauptpunkt eine Pause einlegen, damit wir etwas Zeit haben, um darüber nachzudenken und das Gesagte zu verdauen.

Karma betrifft das, was uns geschieht sowie die gesamte Fragstellung der Ethik. Selbstverständlich ist es ein extrem komplexes Thema. Tatsächlich wird es in den buddhistischen Lehren als das komplexeste Thema angesehen. Es gibt unzählige Wesen und all diese unzähligen Wesen haben seit anfangsloser Zeit Wiedergeburten erfahren und miteinander interagiert, so dass all diese verschiedenen Faktoren, die wirklich Einfluss auf jeden haben, alle verbunden sind. Daher umfasst die volle Kenntnis des Karmas nicht bloß das Karma eines einzelnen Wesens. Nur der allwissende Geist eines Buddhas kann das Gesamtbild erfassen. Eine solche Reichweite hat nur der Geist eines Buddha, während der Geist aller anderen beschränkt ist. Nichtsdestotrotz können wir versuchen, uns über die verschiedenen Faktoren, die im Karmaprozess eine Rolle spielen, zu informieren und sie zu verstehen. So können wir ein Allgemeinverständnis darüber gewinnen, wie Karma funktioniert und wie wir es beeinflussen können.

Westliche Erklärungen von Karma und Ethik

Um jemandem beizubringen, was etwas ist, folgt man im Buddhismus im Allgemeinen der Methode, ihm zuerst zu erklären, was dieses Ding nicht ist. Indem man so alles beiseite räumt, was das Ding nicht ist, entwickelt man eine klarere Vorstellung davon, was es tatsächlich ist. Hinter dieser Methode steht die Erkenntnis, dass viele von uns Vorurteile haben. Unsere Vorurteile können sich beispielsweise darauf richten, was Karma ist oder darauf, wie wir die Dinge, die uns geschehen, erklären können. Möglicherweise richten sie sich auf die Ethik und darauf, wie die buddhistische Ethik funktioniert. Wenn wir eine Erklärung über Karma hören, dann wird diese Erklärung natürlich zur Projektionsfläche unserer Vorurteile. Dies macht es sehr schwierig, ein korrektes buddhistisches Verständnis zu entwickeln. Als erstes müssen wir daher all diese falschen Vorstellungen über die Bedeutung von Karma loswerden, um unseren Geist empfänglicher und offener zu machen, und dann ein korrektes Verständnis zu erlangen. Diese allgemeine Vorgehensweise wird nicht nur im Hinblick auf Karma, sondern bei allen großen Themen angewandt.

In diesem Geist möchte ich hier einige nichtbuddhistische Erklärungsweisen der Ethik, des Karmas und dessen, was uns geschieht, besprechen. Indem wir diese Erklärungsweisen ausschließen, können wir ein viel klareres Verständnis der buddhistischen Karmalehren gewinnen.

Zufall oder Wahrscheinlichkeit

Eine Sicht ist die, wonach alles, was uns zustößt, einfach aus Zufall passiert. Es gibt keinen bestimmten Grund dafür, dass wir glücklich oder unglücklich sind, dafür, dass wir jemanden treffen, oder dafür, dass uns dieses oder jenes passiert. Diese Aussagen findet man im Buddhismus mit Sicherheit nicht. Hier wird vielmehr gesagt, dass es Ursachen gibt; die Dinge geschehen nicht in chaotischer Weise.

Eine Variante hierzu wäre die Erklärung der westlichen Wissenschaft, wonach was uns passiert eine Funktion der Wahrscheinlichkeit ist, eine mathematische Formel der Wahrscheinlichkeit. Wenn man alle Umstände in einer Situation kennen würde, würde man mathematisch voraussagen können, was passieren wird. Der Buddhismus sagt auch dies nicht.

Glück

Eine andere Erklärung wäre, dass die Dinge aus Glück geschehen. Diese Person hat im Lotto gewonnen, sie hatte Glück. Jene Person hat auf dem Aktienmarkt verloren, sie hatte Pech. Was dahinter vermutet wird ist irgend eine inhärente Kraft; jemand ist in inhärenter Weise eine glücksbegabte Person. Wir sagen „Dies ist mein Glückstag” als ob etwas Inhärentes den Tag zu einem glücklichen machen würde. “Eine Hasenpfote mit mir herumzutragen bringt mir Glück“. Der Buddhismus sagt dies sicherlich nicht, obwohl man einen solchen Eindruck gewinnen könnte, wenn man Menschen sieht, die rote Bänder tragen, oder, wie in südostasiatischen Ländern, Menschen, die sich Amulette beschaffen, die um den Hals getragen werden. Dies ist nicht die buddhistische Lehre.

Schicksal oder Vorsehung

Eine andere Theorie besagt, dass was passiert Schicksal oder Vorsehung ist. Dieses wiederum kann als persönlich oder unpersönlich angesehen werden. Wenn es in einer unpersönlichen Weise erklärt wird: so ist es einfach. Dies ist dein Schicksal, so steht es in einem Buch irgendwo im Himmel geschrieben, dies ist die Akasha-Chronik, die irgendwo in einer Höhle aufbewahrt wird oder etwas in dieser Art. Dies ist nicht der buddhistische Sichtweise.

Der Wille Gottes

Eine Variante hierzu besagt, das Schicksal oder die Vorsehung komme aus einer persönlichen Quelle. In anderen Worten, es ist der Wille Gottes. Dies wird im Islam Kismet genannt. Zur Zeit des Späthinduismus in Indien, der sehr stark von dieser islamischen Vorstellung beeinflusst wurde, gab es einen starken Glauben an den Willen Gottes, der sich mit dem hinduistischen Verständnis des Karma vermischte. Dies beschränkt sich nicht auf diese Kultur, es findet sich ebenfalls in anderen Kulturen. „Wenn du krank bist und keine Medizin nimmst, ist es der Wille Gottes, ob du gesund wirst oder nicht.” Diese Vorstellungsweise ist die fundamentalistische biblische Sichtweise.

Fortuna

Dann haben wir eine altrömische Sicht, die Vorstellung von Erfolg und der Göttin Fortuna. Wenn einem etwas gelingt ist dies ein Zeichen dafür, dass die Göttin Fortuna einem Erfolg verliehen hat. Daher „gibt Macht Recht“. Wenn ein Diktator daherkommt und erfolgreich ist, egal, wie grausam er ist, stand die Göttin Fortuna auf seiner Seite, und daher ist es gut. Erfolg basiert auf dem Sieger. Wenn man im Kolosseum den Löwen überlebt war dies eine Gabe der Göttin Fortuna. Wenn die Löwen einen auffressen hatte die Göttin Fortuna einem nicht das Glück zu überleben verliehen. Dies ist eine sehr erfolgsorientierte Geisteshaltung. Unsere Geschäftsmentalität enthält viel hiervon. Wenn jemand mit seinen Geschäften verdient oder Erfolg hat, ist er ein guter Geschäftsmann. „Er hat ein Vermögen (engl. „fortune“) gemacht!“ Auf Englisch wird das Wort „fortune“ für Reichtümer und Erfolg benutzt. Es handelt sich nicht bloß um einen antiken Glauben; wir haben Anteil an diesem Erbe. Im Buddhismus wird mit Sicherheit nicht angenommen, dass Ethik auf Gewalt, Macht und Kraft basiert.

Belohnung und Strafe aufgrund des Befolgens von Gesetzen

Eine andere Theorie besagt, dass was uns geschieht auf dem Befolgen von Gesetzen beruht. Mit anderen Worten, Belohnung und Strafe. Eine Theorie wäre, dass es Gesetze gibt, die von irgendeiner höheren Autorität im Himmel, von Gott, vorgegeben werden. Wenn man den Gesetzen folgt wird man belohnt und wird glücklich sein; wenn man die Gesetze bricht, wird man bestraft und wird unglücklich sein. Was uns passiert ist eine Frage des Gehorsams, eine Frage davon, in welchem Umfang wir den Gesetzen gehorchen. Daher beruht Ethik ausschließlich auf Gehorsam.

Eine abendländische Variante hierzu stammt von den alten Griechen. Sie wurzelt auf der Vorstellung von Gesetzen, die allerdings nicht im Himmel geschaffen werden, sondern durch eine gesetzgebende Versammlung, durch Menschen. Dies ist ein säkulares System, das jedoch wiederum auf der Grundlage von Belohnung und Strafe funktioniert. Wenn man den Bürgergesetzen folgt, ist man ein guter Bürger, du wirst glücklich sein und die ganze Gesellschaft wird glücklich sein. Wenn du die Gesetze brichst, wirst du unglücklich sein, die Gesellschaft wird Probleme haben und du wirst bestraft werden.

Lassen Sie uns hier einen Augenblick eine Pause einlegen. Wir haben den ersten Teil der nichtbuddhistischen Vorstellungen durchgenommen: die westlichen Vorstellungen. Nun werden wir die asiatischen Vorstellungen betrachten, die sich von der indisch-tibetischen Darstellung unterscheiden. Es ist hilfreich, zu prüfen oder nachzudenken, ob wir instinktmäßig oder auf einer emotionalen Ebene irgendeine dieser vorgefassten Meinungen oder Ansichten haben. Denken wir, dass was uns geschieht uns einfach aus Zufall passiert? Dass es sich um eine mathematische Wahrscheinlichkeit handelt? Glück? Schicksal? Macht? Dass wir glücklicher währen, wenn wir am meisten Geld verdienen würden, oder dass wir glücklich werden, wenn wir entweder die himmlischen oder die gesellschaftlichen Gesetze befolgen? Denken Sie bitte einen Augenblick darüber nach. Dies sind unsere westlichen Vorurteile. Es mag mehr davon geben, doch dies sind die einzigen, an die ich im Augenblick denken konnte.

[Meditation]

Wir müssen ganz spezifisch analysieren, warum wir uns jetzt wohl fühlen, warum wir glücklich oder unglücklich sind. Ist es Zufall, Schicksal, Glück, oder etwas anderes, dass die Dinge für mich gut oder schlecht laufen?

[Meditation]

Ich denke, dass für viele von uns die Antwort in einer Kombination von mehreren dieser Faktoren besteht. Wenn wir befördert werden oder eine Gehaltserhöhung erhalten, können wir sagen „Dies ist geschehen, weil ich allen Gesetzen gefolgt bin, ich war erfolgreich und hatte Glück. Es war eine Glückssträhne.” Manchmal denken wir, es habe sich um Schicksal gehandelt: „Es war Schicksal, dass ich meinen Job verloren habe.“ Keine dieser Vorstellungen entspricht der buddhistischen Auffassung.

Asiatische Erklärungen von Karma und Ethik

Hinduismus: das Befolgen der eigenen Pflicht

Aus hinduistischer Sicht verbindet sich Karma mit einer Form von Pflicht oder Schicksal. Wir werden in eine bestimmte Kaste und in bestimmte soziale Umstände geboren – als Mann oder Frau, als Herrscher, Diener oder Soldat – und jede dieser Kasten und sozialen Rollen ist mit einer spezifischen Gruppe von Standarthandlungen verbunden. Es gibt eine bestimmte Weise, in der sich eine Ehefrau oder ein Diener verhalten soll. Diese verschiedenen Rollen werden in den großen Epen durch Hanuman, Sita, Ram und so weiter personifiziert. Wenn wir unserer Pflicht und der sozialen Rolle entsprechen, in die wir hineingeboren wurden, dann wird alles gut gehen und wir werden eine bessere Wiedergeburt erlangen. Wenn wir als Frau geboren werden und eine gute Hausfrau sind, werden wir glücklich sein und wir können in unserem nächsten Leben sogar als „etwas besseres“ wiedergeboren werden.

Ich nehme dies absichtlich als Beispiel, da hier so viele Frauen sind. Ich denke, dass Sie sich vorstellen können, wie man sich angesichts einer solchen Denkweise fühlt und was ihre Folgen sind. Man sieht es besonders deutlich in der Bhagavad Gita. Arjuna ist ein Krieger, der gegen seine Verwandten in den Krieg ziehen muss und deshalb innerlich stark schwankt, was er tun soll. Krishna rät ihm zu kämpfen. Es ist besser, zu kämpfen und die eigene Pflicht zu tun, als die eigenen Pflicht als Krieger nicht zu erfüllen. Dann wird man glücklich sein und alles wird gut gehen. Obwohl die Buddhisten das selbe Wort „Karma“ benutzen hat es eine vollkommen andere Bedeutung.

Konfuzianismus: In Harmonie sein und sich dem Prozess der Veränderung anpassen

Wie verhält es sich mit der chinesischen Denkweise? Wir haben die klassische chinesische Sichtweise des Konfuzianismus, der einen großen Einfluss auf die Denkweise in der Volksrepublik China hat. Es gibt bestimmte Rollenmodelle und wenn jeder seinem Rollenmodell korrekt folgt – der Vater ist der Vater, der Sohn der Sohn, der Herrscher ist der Herrscher, die Untertanen sind die Untertanen, die Parteimitglieder sind die Parteimitglieder, die Proletarier die Proletarier – dann wird alles harmonisch verlaufen. Man muss mit dem Prozess der Veränderung mitfließen und in Harmonie mit ihm sein. Daher ist in Kriegszeiten das Kämpfen angebracht und alle werden glücklich sein. Wenn man zu Kriegszeiten nicht kämpft, so geht dies wider die Harmonie, was schrecklich ist und zum Unglück führen wird – man wird bestraft werden. Kämpft man nicht, so ist dies also untugendhaft und wenn man kämpft ist dies tugendhaft. In derselben Weise ist es – wenn sich die Zeiten geändert haben – in Friedenszeiten untugendhaft zu kämpfen und tugendhaft, friedlich zu sein.

Woran konnten die Menschen erkennen, ob sich die Zeiten geändert hatten oder nicht? Der Kaiser bestimmte es. Heute haben wir genau die selbe Situation: der kommunistische Parteisekretär sagt, dass es Zeit für die Rote Garde ist. Wenn man dann ein Rotgardist ist, ist dies gut, wenn man aber dann kein Rotgardist ist und nicht alles zerstört, so ist dies wirklich falsch. Wenn der Parteisekretär sagt, dass es an der Zeit ist, Geld zu verdienen, dann fließt man harmonisch mit dem Prozess der Veränderung, wenn man Geld verdient; wenn man dies aber nicht tut, dann fällt man aus dem Schritt. Dies ist die traditionelle chinesische Denkweise bezüglich der Dinge, die Glück bringen: sich in die Gesellschaft einpassen und dem, was die Regierung sagt, folgen.

Dies ist nicht eine ausschließlich chinesische Denkweise. Wir kennen dies auch im Westen. Wenn wir der aktuellen Mode entsprechen und die Kleider, die wir tragen, diese Länge statt jener Länge haben, dann werden wir glücklich und angepasst sein. Wenn unsere Kleider dagegen eine andere Länge haben, werden wir unmodisch sein und nicht glücklich werden. Der Kaiser oder die Kaiserin der Mode diktiert uns, was dieses Jahr modisch sein wird. Das ist nicht die buddhistische Auffassung. Wie stark beeinflusst dies unsere Denkweise! Sie beeinflusst die Art von Musik, die die Teenager hören, die Art, wie sie ihre Haare tragen, ob sie Tätowierungen und Piercings tragen. Es ist wirklich eine recht verbreitete Denkweise.

Chinesischer Populärbuddhismus: Gute Taten als Geschäftsinvestition

Eine andere chinesische Sichtweise ist die des chinesischen Buddhismus, die stark von der chinesischen Kultur beeinflusst ist; es handelt sich überhaupt nicht um dieselbe Sicht wie die indisch-tibetische buddhistische Sicht. Um fair zu sein: es handelt sich um die volkstümliche chinesische Sicht des Karmas, und nicht um die differenzierteste Sicht. Es liegt am Übersetzungsbegriff. Dies ist ein sehr gutes Beispiel für etwas, das ich sehr stark empfinde: dass das Wort, das benutzt wird, um einen buddhistischen Begriff zu übersetzen die Weise, in der wir den Begriff verstehen, äußerst stark beeinflusst. Daher ist es von zentraler Bedeutung, das Wort auszusuchen, das am wenigsten in die Irre führt.

Die alten Chinesen übersetzten das Wort Karma mit dem chinesischen Zeichen, das immer in zusammengesetzten Worten gebraucht wird, die mit Geschäftlichem zu tun haben. Daher bekamen sie die Assoziation, dass Karma wie eine Geschäftsinvestition sei. Gute Taten zu vollbringen ist, wie eine Investition zu platzieren, aus der man viel Verdienste gewinnt. Wir haben eine gute Investition gemacht und nun müssen wir diese Investition einer Bank geben, damit wir einen guten Gewinnrückfluss (Verdienst) daraus haben. Deshalb versuchen wir, sogenannte „gute Taten“ zu vollbringen: um einen großen Gewinn oder Geld (Verdienst) daraus zu schlagen. Menschen mit dieser Denkweise kalkulieren: „Ich werde dem Tempel eine Spende geben, ich werde eine Statue bauen, weil dies eine gute Investition ist. Ich werde viel Verdienste bekommen und als Ergebnis hieraus werde ich Glück und Erfolg erhalten.“ Wenn man die Gelegenheit verpasst, dem Tempel eine Spende zu geben, ist man kein guter Geschäftsmann, da man die Gelegenheit verpasst hat, eine gute Investition zu machen.

Wir können dies sogar heutzutage beobachten. Wer gibt das meiste Geld, wenn die Tibeter Tempel oder große Statuen bauen? Die Chinesen. Dies liegt an dieser Mentalität. Die Chinesen sind in der klassischen Geschichte tatsächlich diejenigen, die die meisten Spenden gaben, um die riesigen Klöster in Tibet zu bauen. Die Verfolgungen, die vor Jahrhunderten in China gegen den Buddhismus unternommen wurden, wie während der Ming-Dynastie (vierzehntes bis siebzehntes Jahrhundert) waren grundsätzlich dadurch motiviert, dass die Regierung zuviel Geld für die Tempel ausgab und die Menschen zuviel Geld spendeten. Deshalb gab es Verfolgungen gegen den Buddhismus und sogar Bewegungen gegen die Regierung. Diese Geschäftsmentalität haben wir auch im Westen: „Ich kann mein Glück kaufen.”

Westlicher Humanismus: Glück stammt daher, andere glücklich zu machen und ihnen kein Leid zuzufügen

Die letzte Sicht, die nicht aus dem tibetischen Buddhismus stammt, ist nicht spezifisch asiatisch. Sie besteht vor allem im Westen und wird „humanistische Ethik“ genannt. „Schade den anderen nicht und mache die anderen nicht unglücklich; versuche alle glücklich zu machen.“ Dies ist das ganze ethische System. „Ethik“ bedeutet, dass man versucht, der größtmöglichen Zahl von Menschen das größte Glück zu verschaffen. „Benutzt die Tiere nicht in Laborexperimenten um Medizin zu entwickeln“ und solche Dinge. Dies ist sehr verbreitet.

Auch dies entspricht nicht wirklich der buddhistischen Lehre. Dies liegt vor allem daran, dass wir keine Ahnung haben, ob unsere Handlung die andere Person tatsächlich glücklich machen wird. Wir können die besten Absichten der Welt haben, wie wenn wir etwas kochen und es unserem guten Freund servieren. Doch er könnte sich daran verschlucken und sterben. Dies ist ein Extrembeispiel, doch es ist interessant, da wir uns dann schrecklich schuldig fühlen würden: „Es war meine Schuld! Ich war ein schlechter Mensch!” Es ist sehr merkwürdig, Ethik hierauf zu begründen. Wer ist letztendlich verantwortlich für den Tod meines Freundes?

Die ethische Vorstellung der meisten fortschrittlich denkenden, „spirituellen“ westlichen Menschen ist diese humanitäre Sicht. Normalerweise denken wir nicht, dass es uns glücklich machen wird, der Mode zu folgen, oder dass wir unser Glück kaufen können, oder dass es uns glücklich machen wird, eine gute Hausfrau zu sein. Wir denken aber, dass wir ein ethischer Mensch sind und dass die Dinge sich gut für uns entwickeln werden, wenn wir andere glücklich machen.

Ein anderes Beispiel: wir kümmern uns um jemanden und diese Person erkrankt und stirbt. Wir haben das Gefühl, es sei unsere Schuld und denken: „Ich hätte es schaffen müssen, sie glücklich zu machen und sie zu heilen“, als ob das, was einer anderen Person passiert, vollkommen von uns abhinge. Wir können zum Gang der Dinge beitragen, doch wir sind nicht die einzige Kraft, die ihn bestimmt.

Wir versuchen anderen nicht zu schaden, doch aus der buddhistischen Sichtweise heraus sprechen wir von unserer Motivation, nicht von der Wirkung, die unsere Handlung hat. Wir haben die Motivation, zu versuchen, keinen Schaden anzurichten, doch wir haben keine Ahnung welche Wirkung dies auf die andere Person haben wird. Im Buddhismus basiert die Ethik nicht auf der Wirkung, die man für die andere Person verursacht; sie basiert auf der Motivation, die man hat. Man kann, was gut, schlecht, tugendhaft oder untugendhaft ist, nicht anhand der Wirkung bestimmen, die es auf andere hat, da man darüber keine Kontrolle hat. Man hat bloß über die eigene Motivation die Kontrolle.

Es gibt auch Kombinationen dieser nichtbuddhistischen Vorstellungen. „Wie werde ich glücklich werden? Wenn ich verheiratet bin und den richtigen Partner habe, einen guten Job bekomme, ein Haus habe, viel Geld verdiene (da dies das ist, was eine gebildete Person tun sollte) und versuche, ein guter Mensch zu sein und niemandem zu schaden, dann werde ich glücklich sein. Dies ist die höchste Tugend.“ Dies ist, was uns unsere Eltern erzählen! Und, „Wenn es Krieg gibt, dann gehe und tue deine Pflicht.“ Was ist die Botschaft der Propaganda in unserer Gesellschaft? „Folge der Mode.“ „ Sei erfolgreich.“ „Pass dich an.“ Der Buddhismus pflichtet dem nicht bei, er behauptet nicht, dass unser Glück oder Unglück sich aus irgendeinem dieser Dinge ergibt. Ich denke, die eben gegebene Übersicht über andere Möglichkeiten ist hilfreich, um unsere normalen vorgefassten Meinungen, das, was wir normalerweise denken, zu verdeutlichen.

Das indisch-tibetische Verständnis von Karma

Nun, da wir einige nicht zum Buddhismus gehörende Konzepte beseitigt haben, können wir uns fragen, wie das Karma und die Dinge, die uns passieren, entsprechend dem indisch-tibetischen Verständnis erklärt werden.

Gemäß der indisch-tibetischen Sichtweise wird eine destruktive Handlung unter dem Einfluss irgendeiner störender Emotion wie Wut, Gier oder Unwissenheit begangen – wobei die Unwissenheit beispielsweise darin bestehen kann, zu denken, dass unsere Handlungen wirkungslos seien und dass es daher unwichtig sei, was wir tun. Diese Sichtweise verursacht Leiden. Es geht hier nicht um das Leiden, das diese Sichtweise für die anderen verursacht, sondern um das Leiden, das sie uns selbst verschafft; es bezieht sich auf unsere eigenen zukünftigen Erfahrungen. Anders gesagt sind die Dinge, die wir in diesem Leben erleben, das Ergebnis der Geisteshaltungen und Emotionen, die uns dazu motivieren, zu tun, was wir tun.

Die vier Tatsachen des Lebens

All dies wird in den Begriffen der Vier Edlen Wahrheiten, die ich die Vier Tatsachen des Lebens nenne, erklärt oder verstanden. Dies sind vier Tatsachen, die jeder, der die Realität klar sieht, als wahr erkennen kann; gewöhnliche Menschen werden nicht wirklich erkennen, dass sie wahr sind.

In einfachen Worten ausgedrückt ist die erste Tatsache, dass das Leben schwierig und voller Probleme ist. Viele Menschen sind nicht dazu bereit, sich dies einzugestehen oder es auch nur in Betracht zu ziehen. Diese Aussage („das Leben ist voller Probleme“) bezieht sich auf jeden Moment unseres gewöhnlichen Lebens. Manchmal fühlen wir uns unglücklich. Dies ist nicht sehr angenehm; es ist ein Problem. Manchmal fühlen wir uns glücklich, doch das Glück ist mit Problemen und Verwirrung vermischt. Das Problem dabei ist, dass es weder anhält noch irgendein Problem dauerhaft löst: nach einer Mahlzeit beispielsweise empfinden wir das Glücksgefühl, satt zu sein, doch dies hindert uns nicht daran, aufs neue hungrig zu werden. Ein weiteres Problem ist, dass wir nicht voraussehen können, was als nächstes passieren wird. Werden wir über etwas anderes glücklich sein? Werden wir unglücklich sein? Werden wir einschlafen und neutrale Empfindungen haben? Wir haben keine Ahnung davon, was wir als nächstes empfinden werden. Diese Form vergänglichen Glücks kann uns keinerlei Sicherheit geben.

Wenn wir unglücklich sind, sind wir darüber natürlich unzufrieden und werden davon abgestoßen. Wir wollen das Unglück einfach los werden, da es uns stört. Wenn wir glücklich sind, entwickeln wir hierfür Anhaftung. Wir wünschen uns, dass das Gefühl nie aufhören möge, wir sind nicht zufrieden; wir sind gierig, wir wollen, dass es stärker ist. Es ist, wie wenn wir durch die Fernsehkanäle surfen: wir finden etwas, doch da wir gierig sind, denken wir „Nun, vielleicht gibt es auf einem anderen Sender etwas Besseres.“ Keine Befriedigung. Diese Erfahrungen sind problematisch.

Wir haben auch eine neutrale Empfindung, bei der nicht viel passiert. Sie macht uns stumpfsinnig und naiv. Wir denken, dass es für immer anhalten wird: „Jetzt empfinde ich den Frieden des Schlafs. Nun ist alles in Ordnung.” Doch es hält nicht an.

All dies bezieht sich auf die erste Tatsache des Lebens, auf die erste Edle Wahrheit.

Die zweite Tatsache ist, dass diese unbefriedigenden Erfahrungen eine Ursache haben. Normalerweise denken wir, dass dies einfach so ist, wie es ist, und dass es hierfür keine Ursache gibt oder dass es aufgrund einer der Vorstellungen geschieht, die wir vorher erwähnt haben – Zufall, Glück oder was auch immer. Nach Buddhas Aussage liegt die tiefste Ursache, die wirkliche Ursache, im Karma und den störenden Emotionen und Geisteshaltungen. Beide entstehen aus Verwirrung. „Verwirrung“ bedeutet hier nicht Demenz oder Alzheimer, sondern vielmehr, dass wir entweder nicht wissen, was passiert, oder dass wir eine falsche Vorstellung von dem haben, was passiert. Die erste Lebenstatsache ist das Ergebnis des Karmas; und die Ursache, die zweite Tatsache, besteht im Karma und den störenden Emotionen.

Die dritte Tatsache ist, dass es möglich ist, all diese Dinge vollständig zu beenden, was bedeutet, dass sie nie wiederkehren werden. Es bedeutet nicht bloß, dass man sie unterdrückt, so dass sie eine lange Zeit lang nicht mehr erscheinen. Obwohl man so etwas möglicherweise tun kann, ist hier nicht davon die Rede. Die buddhistische Lehre sagt, dass wir uns von ihnen befreien können, so dass sie nie wieder auftreten.

Die vierte Tatsache ist, dass man etwas tun muss, um dies zu verwirklichen; es wird nicht einfach aus Glück oder was auch immer geschehen. Wir müssen unsere Geisteshaltungen ändern, um die Verwirrung und das Karma loszuwerden. Das destruktive Verhalten, das Unglück verursacht, entsteht aus störenden Emotionen wie Wut, Gier und so weiter. All diese Formen von konstruktiven, destruktiven oder neutralen Handlungen, die uns Unglück, Glück (unbefriedigendes Glück) beziehungsweise neutrale Gefühle verschaffen, kommen von störenden Geisteshaltungen, in Bezug auf „ mich“, Verwirrung darüber, wie das „Ich“ und die Realität existieren.

Was bedeutet dies? Im Allgemeinen sprechen wir von Karma als der Ursache unserer Erfahrungen. Wir behaupten nicht, dass es von einer äußeren Kraft verursacht wird. Es kommt nicht vom Teufel oder von Dämonen, die uns dieses schlechte Karma geben oder schicken, wie in der Behauptung „Der Teufel hat mich dazu verleitet.“ Karma und all diese Dinge entstehen aus unserer eigenen Verwirrung. Diese Verwirrung ist nicht Teil unserer Natur und kommt nicht von Gott. Gott hat uns nicht so geschaffen. Es entstand nicht wegen der Ursünde. Diese Verwirrung hat aus buddhistischer Sicht keinen Anfang. Es ist die Schuld von niemandem; man kann niemanden dafür verantwortlich machen.

Karma ist immer mit störenden Emotionen und Geisteshaltungen verbunden. Es existiert nicht unabhängig von seiner eigenen Seite her und beeinflusst nicht durch eine eigene inhärente Kraft was uns geschieht. Es kommt nicht von außen und wir können es niemand anderem vorwerfen, auch nicht uns selbst. Wir können auch wegen der Ursünde kein schlechtes Gewissen deswegen haben – wie in der Aussage „Ich bin ein schlechter Mensch“. Es handelt sich einfach um ein anfangsloses Phänomen, nicht um die tatsächliche Natur dessen, was wir sind.

Die drei Sichten des indisch-tibetischen Buddhismus

In den indisch-tibetischen Traditionen des Buddhismus finden sich drei grundlegende Darstellungen vom Karma. Die erste ist die der Vaibhashika- und Sautrantika-Schulen. Unter den vier indischen Lehrsystemen sind dies die beiden Hinayana-Schulen. Ihre Darstellung des Karmas basiert auf dem „ Abhidharmakosha“ (tib. „ Chos mngon-pa’i mdzod“, „Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“), ein indischer Abhidharmatext, der von Vasubandhu verfasst wurde. Die zweite Darstellung basiert auf dem „ Abhidharmasamuccaya“ (tib. „ Chos mngon-pa kun-las btus-pa“, „Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens“), ein Text, der von Vasubandhus Bruder Asanga verfasst wurde. Dieser Text ist ein Mahayana-Text. Genauer gesagt ist es ein Text aus der Sicht des Chittamatras , von dem die Darstellung des Madhyamakas wiederum eine leichte Variante ist. Alle vier tibetischen Traditionen stimmen über das bisher Gesagte überein. Die einzige Ausnahme findet sich in der Gelug-Tradition. Sie vertritt den Standpunkt, dass das Prasangika-Madhyamaka eine eigene Darstellung besitzt. Das Gelug-Prasangika folgt grundsätzlich Vasubandhus System, führt in dieses jedoch einige größere Änderungen ein.

Hier wollen wir nur Asangas System betrachten. Es ist dasjenige, das mit den wenigsten Schwierigkeiten verstanden werden kann.

Karma ist ein Impuls, nicht die Handlung selbst

Nach Asangas System ist das Karma (tib. las) ein geistiger Impuls. Es ist synonym mit dem mentalen Faktor eines Dranges oder Antriebs (tib. sems-pa). Ein Drang ist ein mentaler Faktor, der jeden Augenblick unserer Erfahrung begleitet. Es ist der geistige Faktor, der uns in die Richtung einer bestimmten Erfahrung führt, sei es, etwas anzuschauen oder etwas zu hören, oder, in diesem Fall, etwas damit zu tun oder in Beziehung dazu zu tun, es zu sagen, oder es zu denken. Ob es sich um körperliches, verbales oder geistiges Karma handelt: der karmische Impuls ist der mentale Faktor eines Dranges etwas zu tun, zu sagen oder zu denken. Zum Beispiel: der Impuls jemanden zu schlagen, die Wahrheit zu sagen, oder sehnsuchtsvolle Gedanken über eine geliebte Person zu haben. Es handelt sich ebenfalls um den geistigen Drang damit fortzufahren, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken, und ebenso um den geistigen Drang, diese Handlungen zu unterbrechen und etwas anderes zu tun, zu sagen oder zu denken. Normalerweise sind wir uns dieser geistigen Dränge oder Impulse überhaupt nicht bewusst. In der westlichen Terminologie würden wir sagen, dass sie normalerweise „unbewusst“ sind.

Frage: Ist Karma ein mechanisches geistiges Gesetz?

Nein, es ist kein „Gesetz“. Karma ist ein geistiger Faktor (tib. sems-byung), ein Nebengewahrsein, das unsere Erfahrung der Dinge begleitet. Es ist eine Weise, Dinge wahrzunehmen. Dies ist kompliziert und erfordert einige Erklärungen. In der Fachssprache sind geistige Faktoren, wie alle Kenntnisweisen, Arten geistiger Aktivität, in dem Sinne, dass es sich um die Aktivität handelt, die ein Objekt kognitiv aufnimmt. Tatsächlich sind sie sowohl die Aktivität als auch die Ausführenden der Aktivität (d.h. das, was die Aktivität ausführt).

Was ich hier als „Handlung“ bezeichne, wird auf Tibetisch als „Verlauf eines Impulses“ (tib. las-kyi lam) bezeichnet. Der Verlauf des Impuls, etwas zu tun, zu sagen oder zu denken ist die Abfolge von Augenblicken, in denen man dies tatsächlich tut, sagt oder denkt. Der Verlauf des Impuls ist selbst kein Impuls.

Ein Beispiel: wenn wir ein Stück Papier betrachten könnte beispielsweise ein Aspekt der Weise, in dem wir es betrachten, der Impuls sein, es zu zerreißen. Es ist ein geistiges Ereignis. Dieser geistige Impuls ist hier das Karma. Karma ist nicht die körperliche Handlung selbst; es ist das, was zur Handlung drängt, die Handlung initiiert und sie aufrecht erhält.

Wenn der Impuls aufkommt, ist dies das Karma. Auch wenn er manchmal äußerst mächtig ist haben immer die Wahl, ob wir aus diesem Impuls oder diesem Drang heraus handeln wollen oder nicht. Wenn wir aus dem Drang heraus handeln, wird die Handlung Konsequenzen für unsere eigene spätere Erfahrung haben. Wenn wir nicht aus dem Impuls heraus handeln, wir die Tatsache, dass wir bloß den Impuls selbst empfunden haben, keine karmischen Konsequenzen für die Zukunft haben.

Ergebnisse karmischer Handlungen

Was entsteht aus karmischen Handlungen – mit anderen Worten, was entsteht aus impulsivem Verhalten? Einiges dieser Ergebnisse umschließt das Empfinden verschiedener Grade von Glücklichsein oder Unglücklichsein, das Erfahren eines Wiedergeburtszustandes und eines Lebensumfelds, die Erfahrung, männlich oder weiblich, amerikanisch oder deutsch zu sein, sich an einem sauberen oder an einem schmutzigen Ort zu befinden, und so weiter. Ein anderes Ergebnis karmischer Handlungen ist der zwanghafter Wunsch (tib. ‘dod-pa, Verlangen) sich in einer ähnlichen Weise zu verhalten, wie man es zuvor getan hat. Dies ist ebenfalls ein geistiger Faktor, ein Nebenbewusstsein, der, wenn er auftritt, unsere Wahrnehmung begleitet. Wir würden gerne in dieser Weise handeln, es ist uns danach, in dieser Weise zu handeln, und wir möchten diese Handlung erneut ausführen. Ob wir dieses Gefühl beachten und es als sinnvoll empfinden, aus diesem Gefühl heraus zu handeln, hängt von zahlreichen weiteren Variablen ab, von denen die äußeren Umstände, in denen wir uns befinden, nicht die unwichtigsten sind. Die Erfahrung des Gefühls kann den Impuls, die Handlung zu wiederholen, hervorrufen, tut dies aber nicht notwendigerweise; und der Impuls kann dazu führen, dass man die Handlung tatsächlich wiederholt, oder auch nicht. Wenn der Impuls in jemandem aufsteigt, ist dieser Impuls ein anderes Karma.

[Eine detallierte Analyse des Unterschieds zwishcen „Lust haben, etwas zu tun“ und „Etwas tun wollen“ findet sich in: „ Die Entwicklung einer ausgewogenen Sensibilität“, 16 Das Treffen von sensiblen Entscheidingen.]

Ein weiteres Ergebnis karmischer Handlungen ist es, etwas ähnliches zu erleben, wie man es zuvor anderen gegenüber getan hat. Wenn wir uns beispielsweise ständig beklagt haben treffen wir nun immer Menschen, die sich uns gegenüber beklagen.

Schließlich muss man sagen, dass unsere Wahrnehmung der Dinge sehr beschränkt ist. Wir sehen nur, was wir vor der Nase haben. Wir können nicht wirklich erkennen, warum eine Person in einer bestimmten Weise gehandelt hat oder was die Folgen unserer Handlungen sein werden. Ich nenne dies „ Periskopsicht“, da es ist, als schaue man durch das Periskop eines Unterseebootes. Wir erzeugen und erleben fortlaufend diese Periskop-Wahrnehmung.

All dies ist das Ergebnis davon, dass man die Impulse des Karma ausagiert. Es ist sehr komplex, da die Ergebnisse des karmischen Verhaltens ständig auf und ab gehen – in einem Augenblick sind wir glücklich, im nächsten unglücklich; jetzt passiert dies und dann passiert jenes; jetzt habe ich Lust dieses zu tun und dann habe ich Lust, jenes zu tun. Während unsere Erfahrungen auf und ab gehen, machen wir ebenfalls die Erfahrung der Periskopsicht, d.h. wir verstehen nicht wirklich, was passiert. Wir sehen etwas durch das Periskop und schon manifestiert sich der „Ich möchte gerne“ -Faktor. Wir sehen Schokolade und da wir sie mögen, empfinden wir Glück und möchten sie gerne essen.

„Etwas mögen“ ist, nebenbei gesagt, der geistige Faktor, der darin besteht, die Schokolade mit einem angenehmen Kontaktbewusstsein (tib. reg-pa) wahrzunehmen. Im Westen benutzen wir den Ausdruck „etwas mögen“ in einem abstrakteren Sinne als im Buddhismus. Im Buddhismus bezieht sich „etwas mögen“ auf den geistigen Faktor, der die Wahrnehmung von „etwas, das wir mögen“ begleitet. Auch dies ist ein Ergebnis, das sich aus dem Karma ergibt, das selbe wie das Empfinden eines bestimmten Maß an Glück oder Unglück.

Es ist beachtenswert, dass Schokolade zu mögen und die Neigung dazu zu empfinden, sie zu essen, keine störenden Emotionen (tib. nyon-mongs) sind. Sie können als ein Umstand für das Auftreten der störenden Emotion der sehnsuchtsvollen Begierde (tib. ‘dod-chags) nach Schokolade fungieren, müssen dies aber nicht. Die sehnsuchtsvolle Begierde übertreibt die guten Qualitäten von etwas. Das Mögen von Schokolade und die Lust, welche zu essen, können auch als Umständen für das Auftreten von Naivität (tib. gti-mug) dienen im Bezug auf die Wirkung, die es hat, unmittelbar vor dem Abendessen Schokolade zu verspeisen – ein weiterer störender Geisteszustand. Andererseits können sie auch als Umstände für das Auftreten des geistigen Faktors der ethischen Disziplin fungieren, die einen davon zurückhält, aufgrund von sehnsuchtsvoller Begierde oder von Unwissenheit zu handeln – ein konstruktiver Geisteszustand.

Nehmen wir an, dass sowohl sehnsuchtsvolle Begierde als auch Unwissenheit auftreten. Wir können dann aus dem Blick verlieren, dass wir gerade eine Diät machen, oder dass es uns nicht bekommt, oder was auch immer. Dies bedeutet, dass wir unsere Vergegenwärtigung (tib. dran-pa) bezüglich dieser Tatsache verlieren, was dasselbe ist, wie sich nicht daran zu erinnern.

Aufgrund all dieser beitragender Faktoren, die sich alle aus karmischen Handlungen ergeben, d. h. die Schokolade durch unser Periskop zu sehen; die Tatsache, dass wir sie mögen und unser Wunsch, sie zu essen, steigt dann der Impuls, die Schokolade zu essen, auf. Dieser Impuls ist ein neues Karma. Wir führen ihn dann aus und hieraus entstehen alle Folgen. Bei einigen der Folgen handelt es sich um mechanische Ergebnisse, wie etwa, dass man an Gewicht zulegt und so weiter. Andere Ergebnisse sind eher längerfristig, wie etwa die spätere Lust, etwas mehr zu essen. Es sind diese langfristigen Effekte, die wir loswerden wollen, wenn wir versuchen, das Karma zu bereinigen.

Dieses Wochenende werden wir über diesen gesamten Prozess sprechen. Wir haben an nur einem Wochenende nicht die Zeit dazu, in Detail zu untersuchen, wie wir all dies bereinigen können oder wie wir uns davon befreien können. Vielmehr werden wir uns darauf konzentrieren, wie es funktioniert.

Frage über die Intuition

Frage: Stammt Intuition aus dem Geist oder nicht?

Was wäre die Alternative?

Frage: Nun, ist sie eher mental oder ist sie eher Teil der Seele (engl. soul) und des Geistes (engl. spirit)?

Kommt sie eher aus der Seele als aus dem Geist? Der Buddhismus hat diese Auffassung einer „Seele“ , eines Geistes (engl. spirit) nicht wirklich. Auf Deutsch haben Sie das Wort „Geist“, der den beiden englischen Begriffen mind und spirit entspricht, daher wird es sogar noch komplizierter. Als Russe stellen sie Ihre Frage außerdem aus einem russischen konzeptuellen Rahmen heraus, der die Dinge wiederum anders unterteilt als das Englische oder das Tibetische.

Teilnehmer: Auf Russisch verhält es sich wie auf Deutsch.

Auf jeden Fall kenne ich die Konnotationen der deutschen Begriffe nicht gut genug, halten wir uns daher an die tibetischen Begriffe. Das ist, was hier relevant ist.

Teilnehmer: Auf Russisch ist spirit unpersönlich und soul persönlich. Mind ist ein Instrument, mit dem man denkt.

Ich sage oft, dass man einen Kuchen in zwei oder drei Teile schneiden kann und dass es viele Weisen gibt, in denen man dies tun kann; in der selben Weise unterteilt jede Sprache die Dinge in zwei oder drei verschieden große Stücke. Wenn wir über unsere Erfahrungen sprechen, können wir diese unterteilen, wie Sie es getan haben – in spirit, soul und mind – oder wir können sie in der tibetischen Weise unterteilen, und diese beiden Weisen entsprechen sich überhaupt nicht. Lassen Sie mich erklären, wie man die Intuition aus einer tibetisch buddhistischen Sichtweise erklären würde.

Im Buddhismus sprechen wir davon, wie man etwas weiß. Unsere westliche Unterteilung, nach der man etwas entweder „intellektuell“ oder „durch Intuition“ wissen kann, entspricht nicht genau der tibetischen Weise, den Kuchen zu schneiden. In beiden Systemen erfolgt die Unterteilung entsprechend der Weise, in der wir etwas erkennen, das verborgener ist als was wir sehen.

Man betrachte den Fall, wie man die geistige Verfassung einer anderen Person erkennen kann. Aus buddhistischer Perspektive könnten wir diese Kenntnis gewinnen, indem wir eine Reihe von Schlussfolgerungen anwenden: „Diese Person spricht nicht mit mir und hat einen bestimmten Gesichtsausdruck. Normalerweise regt sich jemand, der so aussieht, über etwas auf. Daher regt sie sich über etwas auf.“ Dies würde dem entsprechen, was wir im Westen als „intellektuelles Wissen“ bezeichnen. Der Buddhismus nennt dies eine auf Schlussfolgerung beruhende Wahrnehmung (tib. rjes-dpag).

Alternativ hierzu wissen wir, ohne eine Schlussfolgerungskette anzuwenden, dass sie sich aufregt. Entweder wir nehmen einfach aufgrund unseres „Gefühls“, d.h. auf Grundlage unseres Denkens, an, dass sie sich aufregt. Im Buddhismus wird dies „Vermutung“ (tib. yid-dpyod) genannt, eine unzuverlässige Wissensweise. Unsere Vermutung, dass es wahr ist, mag korrekt sein oder auch nicht. Oder wir haben in der Vergangenheit so viel Erfahrung gewonnen, dass wir nur hinschauen müssen und schon „Bescheid wissen.“ Im Westen würden wir sagen, dass der zweite Fall ein Beispiel für intuitives Wissen ist, da wir nicht überlegen mussten. Der Buddhismus jedoch würde sagen, dass wir auch hier Folgerungen anwenden, obwohl diese nicht notwendigerweise verbal sein müssen. Aus der Erkenntnis einiger Zeichen folgern wir, dass sich die Person aufregt. Eine andere Möglichkeit, zu erkennen, dass sich jemand aufregt, wären außersinnliche Wahrnehmungen. Der Buddhismus identifiziert diese als eine Form der nichtkonzeptuellen direkten geistigen Wahrnehmung. Im Westen würde eine solche Erkenntnisweise als ein weiteres Beispiel dessen, was wir als „Intuition“ bezeichnen, verstanden werden.

Ein anderes Beispiel ist ein Verständnis der Leerheit, der Natur der Realität. Wir können diese aufgrund von Logik und Überlegungen verstehen, oder wir können sie automatisch aufgrund einer Gewohnheit verstehen, die auf zahlreichen Erfahrungen aus vergangenen Leben basiert. Vielleicht würde man die eine Zugangsweise in westlichen Begriffen als „intellektuell“ und die andere als „ intuitiv“ bezeichnen.

Aus einem anderen Blickwinkel gesehen: wenn wir im Westen sagen, dass wir bloß ein „ intellektuelles Verständnis“ der Leerheit haben, meinen wir normalerweise, dass unser Verständnis nicht tief „im Bauch“ verwurzelt ist; ein „intuitives Verständnis“ dagegen wird tief empfunden. Aus der analytischen Sicht des Buddhismus liegt der Unterschied zwischen diesen beiden Verstehensweisen im Grad der Überzeugung, die sie begleitet. Unabhängig davon, ob sie das Ergebnis einer Folgerungskette ist oder sich aus Gewohnheit und Vertrautheit ergibt, kann eine Wahrnehmung von Leerheit vom selben Überzeugungsgrad begleitet werden.

Dies ist die buddhistische Erklärungsweise. Wir benutzen keine Konzepte wie soul (dt. Seele) oder spirit. (dt. Geist) Die Erklärung erfolgt nicht in dem Sinne, dass man erforscht woher das Verständnis kommt, sondern vielmehr danach, wie es zustande kommt, welche Geistesfaktoren es begleiten, und welchen Intensitätsgrad diese Faktoren haben.

Ein letzter Punkt: genau wie ich das Karma erklärt habe, indem ich die verschiedenen begrifflichen Rahmensysteme erläutert habe, die hier nicht gemeint sind, müssten wir, um Ihre Frage zu beantworten, alle Dinge ausschließen, die nicht Teil der indo-tibetisch buddhistischen Erklärung sind, so wie soul, spirit und so weiter. Wir beschreiben eine Erfahrung; es ist bloß eine Frage davon, wie man sie erklärt. Es gibt verschiedene Systeme.

Schließen wir mit einer Widmung ab. Möge was auch immer wir an Verständnis gewonnen haben tiefer und tiefer werden, so dass wir langsam dazu fähig werden, die Dinge in dieser Weise zu sehen. Und mögen wir als Ergebnis hiervon beginnen, das, was uns geschehen wird, in einer positiven Weise zu beeinflussen.