Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Nirvana

Alexander Berzin, 1978
Übersetzung ins Deutsche: Manuela Zimmer und Harald Kühr

Die Bedeutung des Wortes „Nirvana“

Nirvana (tib. mya-ngan ‘das, myang-'das, Skt. nirvana, Pali nibbana) im Sanskrit und Pali bedeutet wörtlich übersetzt „ausgelöschter Zustand“. Das dabei verwendete Bild ist das eines Feuers, das aus Mangel an Brennstoff erloschen ist. In seinem allgemeinen Gebrauch symbolisiert das Feuer die Leiden der unkontrollierbar sich wiederholenden Existenz (samsara); während der Brennstoff die störenden Emotionen (tib. nyon-mongs, Skt. klesha , Pali kilesa) und das Karma symbolisieren. Der tibetische Ausdruck für „Nirvana“ hat eine davon unterschiedene Konnotation. Er bedeutet wörtlich übersetzt einen „Zustand jenseits der Sorgen“ und bezieht sich auf einen Zustand des Freiseins von Leiden.

Die Arten von „Nirvana“

Gemäß der Gelug Erläuterung des Madhyamaka-Prasangika- Lehrsystems gibt es zwei Arten von Nirvana:

  • natürliches Nirvana (tib. rang-bzhin-gyi mya-ngan ‘das)
  • erlangtes Nirvana (tib. thob-pa’i mya-ngan ‘das).

Natürliches Nirvana ist ein anderer Begriff für Leerheit, der Zustand in dem alle Dinge existieren.

Es gibt drei Arten von erlangtem Nirvana, die verwirklicht werden können:

  • Nirvana mit Überrest (tib. lhag-bcas-pa’i mya-ngan ‘das, Skt. sopadhishesha-nirvana, Pali saupadi-sesa-nibbana, kilesa- parinibbana),
  • Nirvana ohne Überrest (tib. lhag-med-pa’i mya-ngan-’das, Skt. nirupadhishesha-nirvana, Pali anpadi-sesa-nibbana, khandha- parinibbana), auch Parinirvana (tib. yongs-su-mya-ngan-'das, Pali parinibbana),
  • nichtverweilendes  Nirvana (tib. mi-gnas-pa’i mya-ngan ‘das, Skt. apratisthitanirvana). 

Die Hinayana-Lehrsysteme und innerhalb des Mahayana das Chittamatra- und Madhyamaka-Svatantrika-System kennen kein natürliches Nirvana. Es taucht nur im Prasangika-System auf, wie es die Gelug-Tradition erläutert. Zusätzlich erklären die Hinayana- und verschiedene Mahayana-Traditionen die drei Arten von erlangtem Nirvana unterschiedlich. Lassen Sie uns nun einige dieser Traditionen untersuchen.

Die Hinayana Darstellung

Gemäß des Hinayana-Lehrsystems, wie es vom Mahayana dargestellt wird, erlangt man das Nirvana ohne Überreste, wenn man während des eigenen Lebens ein Arhat der Shravaka- oder Pratyekabuddha-Klasse oder ein Buddha wird. Das nennt man so, weil es noch einen Überrest der eigenen befleckten Aggregate gibt (tib. zag-bcas kyi phung-po). Es bleibt ein befleckter Rest übrig, weil – anders als im Mahayana-Lehrsystem – das Hinayana-Lehrsystem nichts Unbeflecktes annimmt, außer dem wahren Pfadgeist (die vierte edle Wahrheit) und statischen Phänomenen, zu denen die wahre Beendigung (die dritte edle Wahrheit) gehört. Deshalb akzeptieren diese Systeme nicht einmal, dass ein Buddha unbefleckte Aggregate haben könnte.

Mit dem Tode verwirklicht ein Arhat oder Buddha das Nirvana ohne Überreste, wenn der Kontinuitätsstrom seiner befleckten Aggregate abgeschnitten wird wie das Auslöschen einer Butterlampe. Dann ist nur eine wahre Beendigung vorhanden. Diese zwei Arten von Nirvana, mit und ohne Überreste zusammengenommen, nennt man Befreiung (tib. thar-pa, Skt. moksha , Pali mokkha).

Nichtverweilendes Nirvana ist der statische Zustand der vollständigen Erleuchtung, die durch einen Buddha noch zu seinen Lebzeiten erreicht wird. Weil in diesem Zustand ein Buddha weder im Extrem des fortgesetzten samsarischen Leidens noch im Extrem der Passivität des Nirvanas ohne Überrest eines Hinayana-Arhats verbleibt, nennt man es  „ nichtverweilendes“ Nirvana.

Die grundsätzliche Mahayana Darstellung

Obwohl es keine allgemeine Übereinstimmung gibt, verwirklichen entsprechend der grundsätzlichen Mahayana-Sicht, nur Shravakas und Pratyekabuddhas das Nirvana mit Überrest, wenn sie Arhatschaft während ihrer Lebenszeit erreichen. Sie haben immer noch einen Überrest ihrer befleckten Aggregate. Erst mit der Beendigung ihres Lebens, in dem sie Arhatschaft erreicht haben, verwirklichen die Shravaka- und Pratyekabuddha-Arhats das Nirvana ohne Überrest. Sie besitzen nicht länger befleckte Aggregate; jedoch verlöschen ihre geistigen Kontinua nicht wie vom Hinayana-Lehrsystem angenommen. Ihre geistigen Kontinua setzen sich ohne befleckte Aggregate fort – mit anderen Worten mit reinen Körpern und sie verbleiben zumeist in Buddhafeldern. Schließlich schreiten sie weiter fort zum Bodhisattva-Pfad. Auch diese zwei Arten von Nirvana bezogen auf die Hinayana-Arhats werden „ Befreiung“ genannt.

Die Begriffe Nirvana mit Überresten und Nirvana ohne Überreste gelten nicht für Buddhas. Zeitgleich mit der Verwirklichung der Erleuchtung haben Buddhas unbefleckte Aggregate. Ein Buddha erreicht nur nichtverweilendes Nirvana.

[Siehe: Details über die Körper von Buddhas und Arhats.]

Die Prasangika-Darstellung entsprechend der Gelug Tradition

Entsprechend der tibetischen Gelug-Tradition hat das Prasangika-Lehrsystem seine eigene Art die verschiedenen Nirvanas, die Erlangungen sind, zu definieren. Was ein Shravaka- und Pratyekabuddha-Arhat erlangt, wird immer noch „Befreiung“ genannt und was ein Buddha erlangt „ nichtverweilendes Nirvana“. Jedoch sind beide unterteilt in Nirvanas mit und ohne Überreste.

In Hinblick auf einen Shravaka- und Pratyekabuddha-Arhat bezieht sich Nirvana ohne Überrest auf ihren Zustand während der vollständigen Vertiefung (meditativer Ausgewogenheit) in die Leerheit, wenn keinerlei Hervorbringen von Erscheinungen von wahrhaft auffindbarer Existenz vorhanden ist. Nirvana mit Überresten bezieht sich auf ihren Zustand entweder während der nachfolgenden Phasen der Erlangung (Periode der Nachmeditation), wenn das Meditieren über einen anderen Gegenstand als Leerheit durchgeführt wird oder wenn man überhaupt nicht meditiert. Weil solche Arhats die kognitiven Hindernisse, die die Allwissenheit behindern, nicht überwunden haben – also  die gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen des Greifens nach einer wahrhaft auffindbaren Existenz, tritt das Hervorbringen von Erscheinungen solch eines unmöglichen Existenzmodus wieder auf. Deshalb ist Prasangika einzigartig in der Annahme, dass in diesem Sinne, Nirvana ohne Überrest vor dem Nirvana mit einem Überrest verwirklicht wird .

Wenn man sich jedoch auf einen Buddha bezieht, kann man die Unterscheidung zwischen Nirvana mit oder ohne Überrest in dem Sinne, ob es Hervorbringen von Erscheinungen wahrer Existenz gibt oder nicht, nicht anwenden. Ein Buddha hat die Gewohnheit der Unwissenheit, die zu einem solchen Erscheinungshervorbringen führt, überwunden und ist immer in totaler Vertiefung auf Leerheit, selbst wenn er handelt. Deshalb sind in Bezug auf die Buddhas das Nirvana mit oder ohne Überreste verschiedene Aspekte ihres Zustandes des nichtverweilenden Nirvanas. Das Erstgenannte bezieht sich auf einen Buddhakörper der erleuchtenden Formen (Rupakaya, Formkörper) und das letztgenannte auf einen Buddhakörper des tiefen allumfassenden Gewahrseins (Jnana-Dharmakaya, Weisheits-Dharmakaya).