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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Fortschritte auf dem spirituellen Weg machen: die Netzwerktheorie

Alexander Berzin
München, Deutschland, 7.-8. Juli 2001
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt

1 Lineare und nicht-lineare Modelle von Fortschritt

Einleitung

Wir alle möchten auf dem spirituellen Pfad Fortschritte machen, doch weil wir unrealistische Vorstellungen davon haben, wie der Fortschritt stattfindet, sind wir frustriert. Viele erwarten sofortige und bleibende Ergebnisse, und diese stellen sich nicht ein. Infolgedessen sind viele nach einer anfänglichen Phase von enthusiastischem Idealismus entmutigt und geben vielleicht sogar auf. Um eine realistische Geisteshaltung zu gewinnen, müssen wir verstehen, dass Fortschritt nur durch einen langsamen Prozesses vonstatten geht, in dem die Dinge von Tag zu Tag auf und ab gehen. Das liegt daran, dass wir sowohl positive wie negative karmische Nachwirkungen unseres konstruktiven und destruktiven Verhaltens besitzen, und unser ständiges Greifen nach unmöglichen Existenzweisen jeden Augenblick unterschiedliche Potenziale für Empfindungen von Glück, Unglück, Erfolg oder Misserfolg aktiviert.

Fortschritt geschieht durch eine Kombination sowohl linearer als auch nicht-linearer Modelle. Das lineare Modell benutzt abgestufte Pfade und das nicht-lineare verwendet Netzwerke. Wir wollen hier die Quellen dieser Netzwerke in den Lehren untersuchen sowie die Art und Weise, wie sie zusammenpassen.

Die drei Runden der Übertragung

Das Mahayana gliedert die buddhistischen Lehren in drei Runden von Dharma-Belehrungen (tib. chos-skor gsum, dreifaches Drehen des Dharma-Rades) – eine Hinayana- und zwei Mahayana-Runden.

Obgleich unterschiedliche tibetische Traditionen meist darin übereinstimmen, welcher Text zu welcher Runde gehört, unterscheiden sich doch ihre Erklärungen, wie sich jede Runde definiert. Tsonkhapa, der Gründer der Gelug-Tradition, vertritt, dass das Schema nicht auf der zeitlichen Abfolge, sondern auf den Themen basiert. Wenn wir als Thema die Lehrsysteme in ihrer Sicht der Leerheit zugrunde legen, so werden sie von der Gelug-Schule und denjenigen, die nicht der Gelug-Tradition angehören, unterschiedlich definiert.

Gemäß der Gelug-Schule beinhalten die drei Runden:

  1. Hinayana-Lehren
  2. Madhyamaka
  3. Chittamatra.

Für die Schulen, die die „Leerheit von anderem“ (tib. gzhan-stong) vertreten und nicht der Gelug-Tradition angehören, sind die drei Runden:

  1. Hinayana-Lehren
  2. die Madhyamaka-Philosophie der Leerheit von eigenem [Wesen] (tib. rang-stong),
  3. die Madhyamaka-Philosophie der Leerheit von anderem.

Wenn wir die drei Runden jedoch auf eine Weise definieren, die für alle Schulen akzeptabel ist, sind die Hauptthemen der drei:

  1. für Hinayana die vier edlen Wahrheiten
  2. für Mahayana die Literatur zum Prajnaparamita (weitreichendes unterscheidendes Gewahrsein, Vollendung der Weisheit) – welche sich auf die Leerheit und die Stufen ihrer Erkenntnis bezieht, und
  3. die Literatur zur Buddhanatur.

Wir wollen hier dieses letztere Schema verwenden.

Die Hinayana-Runde als linear und die Mahayana-Runden als nicht-linear

Die Hinayana-Lehren sind die Basis für die Mahayana-Lehren, die umfassend und weiter reichend sind. Wir können dies in Bezug auf die Motivation und das Ziel verstehen. Die Hinayana-Motivation ist Entsagung und das Ziel ist Befreiung; die Mahayana-Motivation ist Bodhicitta und das Ziel ist Erleuchtung. Auf der Basis von Entsagung entwickeln wir eine weiter reichende Motivation: Bodhicitta; und auf der Basis der Befreiung erreicht man ein weiter reichendes Ziel: Erleuchtung.

Auf ähnliche Weise basiert die Mahayana-Art, die Lehren zu präsentieren, auf etwas, das weiter geht als die Hinayana-Art. Dies ist in den Lehren der drei Runden zu sehen.

  • Das Hinayana lehrt die vier edlen Wahrheiten auf lineare Weise. Wahre Probleme entstehen aus ihren wahren Ursachen – karmischen Impulsen und den störenden Emotionen und Geisteshaltungen – und beide stammen aus Nichtgewahrsein (Unwissenheit). Ihr wahres Aufhören (wahre Beendigung) entsteht aus wahren Arten von Pfadgeist (wahren Pfaden), durch die die Unwissenheit endgültig beseitigt wird – nämlich durch unbegriffliche Wahrnehmung der unmöglichen Existenzweise einer „Seele“ in Personen (tib. gang-zag-gi bdag-med, Selbstlosigkeit von Personen).
  • Die zwei Mahayana-Runden lehren ihre Themen in Form von Basis, Pfad und Resultat (tib. gzhi-lam-‘bras-bu gsum), die als Netzwerke dargestellt werden, und beschreiben den Pfad sowohl auf lineare wie auf nicht-lineare Weise.

Die Mahayana-Darstellung der Netzwerke und des nicht-linearen Fortschritts sind am deutlichsten in den beiden Texten von Maitreya ersichtlich, welche die hauptsächlichen Kommentare zu den letzten beiden Runden der Dharma-Übermittlung sind, nämlich:

  1. zur Prajnaparamita-Lehre die Schrift „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ (tib. mNgon-rtogs rgyan, Skt. Abhisamaya-alamkara),
  2. zur Buddhanatur die Schrift „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ (tib. rGyud bla-ma, Skt. Uttaratantra) .

 Erstere präsentiert den Pfad und das Resultat, während letztere die Basis, den Pfad und das Resultat präsentiert, tiefer gehend jedoch auf Basis und Resultat fokussiert ist.

Die Darstellung der linearen und nicht-linearen Netzwerke im „Filigranschmuck der Verwirklichungen“

Im „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ präsentiert Maitreya den Pfad sowohl auf lineare als auch nicht-lineare Weise. Im linearen Prozess durchschreitet man fünf Arten von Pfadgeist (fünf Pfade) – ein Schema, das auch in der linearen Präsentation des Hinayana akzeptiert wird. Der nicht-lineare Fortschritt findet in Form von Netzwerken von acht miteinander verwobenen Reihen von Verwirklichungsreihen statt (tib. dngos-po brgyad). Der Text schließt, indem er das Resultat als ineinander verwobenes Netzwerk der vier Buddhakörper darstellt.

Die fünf Arten von Pfadgeist sind:

  1. Der aufbauende Pfadgeist (tib. tshogs-lam, Pfad der Ansammlung)
  2. Der anwendende Pfadgeist (tib. sbyor-lam, Pfad der Vorbereitung)
  3. Der sehende Pfadgeist (tib. mthong-lam, Pfad des Sehens)
  4. Der sich gewöhnende Pfadgeist (tib. sgom-lam, Pfad der Meditation)
  5. Der Pfadgeist, der keines weiteren Trainings bedarf (tib. mi-slob-lam, Pfad des Nicht-mehr-Lernens).

[Siehe: Die fünf Arten von Pfadgeist (fünf Pfade): Eine grundlegende Darstellung . Siehe auch: Überblick über die acht Arten von Verwirklichungen im Abhisamayalamkara .]

Die Darstellung der Netzwerke in der Schrift „Das weitest gehende immer währende Kontinuum“

In seinem Werk „Das weitest gehende immer währende Kontinuum“ präsentiert Maitreya die Basis für den Pfad, die Buddhanatur, als ein Netzwerk von Faktoren und das Resultat als ein Netzwerk nicht nur von Buddhakörpern (physischer Körper, Sprache und Geist eines Buddha), sondern auch den erleuchteten Qualitäten (tib. yon-tan) und der erleuchtenden Aktivität beziehungsweise dem erleuchtenden Einfluss (tib. ‘ phrin-las) eines Buddha.

[Siehe: Buddhanatur: Erster Tag eines Diskurses über das „Uttaratantra“ von Seiner Heiligkeit dem vierzehnten Dalai Lama.]

Somit

  1. ist die Basis, wie sie im Text „Das weitest gehende immer währende Kontinuum“ beschrieben wird, ein Netzwerk von Faktoren der Buddhanatur;
  2. ist der Pfad, wie er im Text „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ beschrieben wird, ein Netzwerk von Verwirklichungen, die sowohl linear als auch nicht-linear gewonnen werden;
  3. ist das Resultat, wie es in beiden beschrieben wird, ein Netzwerk von Buddhakörpern.

Basis, Pfad und resultierende Netzwerke in Bezug auf Buddhanatur

Das Netzwerk der Faktoren beziehungsweise Eigenschaften der Buddhanatur sind eine komplexe Verknüpfung von mehreren Netzwerken sich entwickelnder Eigenschaften (tib. rgyas-’g yur-gyi rigs) verflochten mit natürlich vorhandenen Eigenschaften (tib. rang-bzhin gnas-rigs).

  • Die Netzwerke der sich entwickelnden Eigenschaften entfalten sich zu Netzwerken nicht-statischer Buddhakörper (physischer Körper, Sprache und Geist eines Buddha).
  • Die natürlich vorhandenen Eigenschaften, wie die Leerheit des Geistes, der von Schleiern befleckt ist, und die Leerheit der Netzwerke der sich entwickelnden Eigenschaften, ermöglichen, dass Verwandlung geschehen kann.

Ein weiterer Faktor der Buddhanatur ist die Tatsache, dass die Netzwerke der sich entwickelnden Eigenschaften stimuliert oder inspiriert (tib. byin-rlabs, „gesegnet“) werden können, um sich zu Netzwerken von Buddhakörpern zu entfalten.

Das Netzwerk der Erkenntnisse, zusammen mit der Inspiration durch das Netzwerk der Quellen sicherer Richtung (der Drei kostbaren Juwelen) und das Netzwerk der eigenen spirituellen Mentoren, beeinflusst das Basisnetzwerk der Faktoren der Buddhanatur, sodass es sich entwickelt und zum resultierenden Netzwerk der Buddhakörper wird. Die Netzwerke der sich entwickelnden Eigenschaften als Basis, die Netzwerke dieser Eigenschaften auf den Pfaden und die Netzwerke der Buddhakörper als deren resultierenden Zustände bezeichnen somit alle dieselben Netzwerke, nur in unterschiedlichen Phasen.

Was ist ein Netzwerk?

Ein Netzwerk ist nicht einfach eine Ansammlung der Dinge, aus denen es besteht, sondern das interaktive Gewebe aller Dinge, die es ausmachen und die sich auf vielfache Weise miteinander verbinden, in Interaktion treten und harmonisch zusammenwirken. In buddhistischer Terminologie ist es eine nicht deckungsgleiche beeinflussende Variable (tib. ldan-min ‘du-byed, ein gestaltender Faktor, der weder ein physisches Phänomen noch Bewusstsein ist). Es ist lediglich eine Zuschreibung – mit anderen Worten, etwas Abstraktes, das nichtsdestotrotz funktioniert und Wirkung hervorbringt.

Somit rufen die Netzwerke von Faktoren der Buddhanatur auf ihrer Basis-, Pfad- und resultierenden Stufe immer Wirkungen hervor, zum Beispiel zum Nutzen von uns selbst und anderen. Die Wirkungen, die die Netzwerke hervorrufen, sind entsprechend der Stufe ihrer Reinigung, ihrem Ausmaß bzw. ihrer Größe sowie ihrer Stärke größer oder geringer.

Zudem müssen wir, um auf dem Pfad voranzuschreiten, zunehmend mehr Dinge in den Netzwerken der Basis und des Pfades miteinander verknüpfen. Auf dem Pfad müssen wir unterschiedliche Kombinationen von ihnen anwenden, die für spezifische Situationen in uns selbst (um störende Emotionen und Geisteshaltungen zu überwinden) und in anderen angemessen sind (um ihnen zu helfen, dasselbe zu tun).

Man sollte dabei anmerken, dass es uns – auch wenn die meisten Bestandteile der Netzwerke Faktoren der seit jeher vorhandenen Buddhanatur sind – möglich ist, den Netzwerken Elemente hinzuzufügen, die zuvor nicht darin enthalten waren. Beispiele sind der erste Moment des Hervorbringens von Bodhicitta und die erste korrekte Wahrnehmung von Leerheit.

Wirkung Ebenen von Netzwerken

In seinem Werk „Das weitest gehende immer währende Kontinuum“ beschreibt Maitreya den Unterschied zwischen den verschiedenen Wirkungsebenen dieser Netzwerkeigenschaften, indem er erklärt, dass diese Eigenschaften folgendermaßen sein können:

  1. ungereinigt – die Basissituation, in der die Buddhanetzwerke von Verwirrung verschleiert sind
  2. teilweise ungereinigt und teilweise gereinigt – auf dem Pfad, wenn ein Teil der Verwirrung beseitigt ist
  3. vollständig gereinigt – auf der resultierenden Stufe, wenn alle Verwirrung und ihre Gewohnheiten vollständig und endgültig beseitigt sind.

Rufen wir uns in den Sinn, dass die Gelug-Tradition die Vorbereitungen (tib. mngon-‘gro) als „ansammelnd und läuternd“ (tib. bsags-sbyang) bezeichnet. Dies bezieht sich auf den Prozess des Reinigens der Netzwerke von Verwirrung (Nichtgewahrsein, Ignoranz) und das Erweitern und Stärken der Netzwerke der Buddhanatur. Dieser Prozess setzt sich auf dem gesamten Pfad zur Erleuchtung fort.

2. Sich entwickelnde Eigenschaften

Drei Systeme

Betrachten wir nun die drei wichtigsten Systeme von sich entwickelnden Merkmalen:

  1. Die verschiedenen positiven Qualitäten (tib. yon-tan) des Geistes/Herzens (geistige Aktivität), etwa, dass sie Erscheinungen von Objekten entstehen lassen (tib. gsal, Klarheit), Objekte wahrnehmen (tib. rig, Gewahrsein), einfühlsam auf andere eingehen können (tib. snying-rje, Mitgefühl), ihre Wärme, ihr Verständnis und ihre Fürsorge für andere. Wir können auch konstruktive (tugendhafte) Geistesfaktoren wie Großzügigkeit, Liebe, Geduld und so weiter mit einschließen.
  2. Das Netzwerk positiver Kraft (tib. bsod-nams-kyi tshogs, Ansammlung von Verdienst), hervorgehend aus konstruktiven Handlungen
  3. Das Netzwerk tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes-kyi tshogs, Ansammlung von Einsicht bzw. Weisheit).

Das Netzwerk guter Eigenschaften

Positive Qualitäten wie Warmherzigkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit und so weiter können Momente des Gewahrseins und Verhaltens begleiten. Selbst wenn diese Momente vorbei sind, können wir ihnen ein Netzwerk positiver Qualitäten zuschreiben. Zudem verknüpfen sich all unsere positiven Qualitäten untereinander, treten in Interaktion und wirken gemeinsam als Netzwerk. Je reiner und stärker jede der positiven Qualitäten ist und je häufiger diese unsere Wahrnehmung und unser Verhalten begleiten, desto stärker wird das ihnen zugeschriebene Netzwerk sein, und umso stärker und häufiger wird zudem die Funktion und Wirkung dieses Netzwerks sein, das heißt die zukünftige Präsenz und Stärke dieser positiven Qualitäten, welche unsere Arten zu denken, zu sprechen und zu handeln begleiten.

Wenn sie befleckt (tib. zag-bcas, vermischt mit Verwirrung, „kontaminiert”) und daher ungereinigt (unrein) sind, funktionieren die positiven Qualitäten nur schwach oder selten. Zudem können sie zu negativen Eigenschaften werden, zum Beispiel indem man taktlos ist oder überempfindlich reagiert, emotional kalt wird, kein Verständnis hat, selbstsüchtig nur an sich denkt und so weiter.

Wenn sie unbefleckt (tib. zag-med, frei von aller Verwirrung, „unkontaminiert“) und daher völlig gereinigt (rein) sind, wird das Netzwerk dieser positiven Qualitäten ohne Unterbrechung oder Schwankungen in seiner Stärke als Netzwerk der erleuchteten positiven Qualitäten eines Buddha.

Das Netzwerk positiver Kraft

Jede unserer konstruktiven Handlungen – seien sie physisch, verbal oder mental – wirkt als positive Kraft (positives Potenzial, Verdienst). Diese Kraft endet, wenn die Handlung endet, doch wir können ihr ein Netzwerk positiver Kraft zuschreiben. Die Stärke dieses Netzwerks steht in direktem Verhältnis zu den einzelnen konstruktiven Handlungen, die als Grundlage für seine Zuschreibung dienen. Sie steht auch im direkten Verhältnis zu den verschiedenen Faktoren, die die Stärke des Heranreifens von karmischen Handlungen beeinflussen, zum Beispiel zu den motivierenden Geistesfaktoren, die diese Handlungen aus dem Netzwerk der positiven Qualitäten heraus begleiten. Je stärker das Netzwerk positiver Kraft, desto stärker und häufiger werden die Resultate sein, die daraus heranreifen.

Wenn es nicht mit Bodhicitta als eine Ursache für Erleuchtung gewidmet wird, wirkt dieses Netzwerk als ein Samsara-bildendes Netzwerk, d.h. verschiedene Kombinationen von Elementen aus dem Netzwerk positiver Kraft reifen zu samsarischen Resultaten heran. Diese beinhalten die Erfahrung der Aggregat-Bestandteile eines samsarischen Wiedergeburtszustandes, der für die Erfahrung der anderen Dinge, die aus diesem Netzwerk heranreifen – sich glücklich zu fühlen und den Wunsch zu haben, die konstruktiven Handlungen zu wiederholen – am förderlichsten ist.

Wenn es mit Verwirrung über Ursachen und Wirkungen von Verhalten verbunden und daher ungereinigt, baut sich aus unserem destruktiven Verhalten ein Netzwerk negativer Kraft (tib. sdig-pa, negatives Potenzial, „Sünde“) auf. Auch dies ist ein Netzwerk, das zum Aufbau von Samsara führt und es reift zu den Aggregat-Bestandteilen einer samsarischen Wiedergeburt heran, welche für die Erfahrung förderlich ist, sich unglücklich zu fühlen und den Wunsch zu haben, die destruktive Handlungen zu wiederholen.

Selbst wenn das Netzwerk positiver Kraft dadurch befleckt ist, dass es mit Verwirrung hinsichtlich der Wirklichkeit (Nichtgewahrsein der Leerheit) vermischt ist, ist es, wenn Bestandteile darin mit Bodhicitta als Ursachen für Erleuchtung gewidmet werden, teilweise ungereinigt und teilweise gereinigt. Der gereinigte Aspekt wird ein Erleuchtungs-bildendes Netzwerk und wirkt als Ursache dafür, die gereinigten Aggregate eines Buddha zu erlangen. Der ungereinigte Aspekt wirkt immer noch Samsara-bildend, wobei er fortfährt, Umstände herbeizuführen, die dem Erlangen von Erleuchtung förderlich sind, wie zum Beispiel die kostbare menschliche Existenz. Wenn es mit Entsagung als Ursache für Befreiung aus Samsara gewidmet wird, wird das Netzwerk positiver Kraft Befreiungs-bildend.

[Siehe: Die zwei erleuchtungsbildenden Netzwerke (Die zwei Ansammlungen) .]

Ist es vollständig gereinigt, führt das Netzwerk gereinigter Kraft zu den Aggregaten des Körpers eines Buddha, und zwar im Speziellen zum Netzwerk aller Formkörper eines Buddha, das heißt sowohl Körper wie Sprache, plus ihre erleuchtenden Aktivitäten.

Das Netzwerk tiefen Gewahrseins

Definieren wir dieses Netzwerk im striktesten Sinne, so beinhaltet es nur Momente unbegrifflicher Wahrnehmung der sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten oder der Leerheit.

[Siehe: Die sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten und die sechzehn falschen Weisen, sie zu begreifen .]

Definieren wir es auf allgemeinere Weise, so beinhaltet es auch Momente begrifflicher Wahrnehmung der sechzehn Aspekte, Leerheit und Momente der fünf Arten tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes lnga, fünf Buddha-Weisheiten):

  1. spiegelgleiches tiefes Gewahrsein (tib. me-long lta-bu ye-shes),
  2. tiefes Gewahrsein der Gleichheit (tib. mnyam-nyid ye-shes),
  3. tiefes Gewahrsein der Besonderheiten (tib. sor-rtog ye-shes),
  4. vollbringendes (zuordnende) tiefes Gewahrsein (tib. sgrub-byed ye-shes),
  5. tiefes Gewahrsein der Sphäre der Wirklichkeit (tib. chos-dbyings ye-shes, Dharmadhatu- Weisheit). Sie beinhaltet tiefes Gewahrsein sowohl der oberflächlichen als auch der tiefsten wahren Tatsachen über die Dinge (konventionelle und letztendliche Wahrheit) – also Gewahrsein ihrer Erscheinung und ihrer Leerheit.

Momente tiefen Gewahrseins hören auf zu existieren, nachdem sie aufgetreten sind, genauso wie die Momente konstruktiven Verhaltens. Wir können ihnen jedoch ein Netzwerk tiefen Gewahrseins zuschreiben. Zudem sind all diese Arten von tiefem Gewahrsein des Miteinander verknüpft und wirken als Netzwerk.

Ist das Netzwerk mit Verwirrung über die Wirklichkeit verbunden und somit befleckt und ungereinigt, wirkt das Netzwerk der fünf Arten tiefen Gewahrsein nur auf begrenzte Weise. Wird es nicht mit Bodhicitta als Ursache für Erleuchtung gewidmet, so ist es Samsara-bildend. Es reift zur Basis-Ebene der fünf Arten tiefen Gewahrsein des in Form von Qualitäten eines Geistes, der entweder einem der drei besseren Wiedergeburtszustände oder einem der drei schlechteren entspricht. Dies geschieht in Verbindung mit dem Heranreifen des Samsara-bildenden Netzwerks positiver oder negativer Kraft. Zudem wirkt das ungereinigte Netwerk der fünf Arten tiefen Gewahrsein auch als Netzwerk störender Emotionen (tib. nyon-mongs, Skt. klesha, Leiden schaffende Emotionen). Entsprechend werden diese fünf dann zu Naivität (tib. gti-mug, Skt. moha, Engstirnigkeit), Stolz und Geiz, Habgier und Anhaftung, Eifersucht und Neid sowie Wut und Angst.

Wenn das Netzwerk der fünf Arten tiefen Gewahrsein noch mit Verwirrung hinsichtlich der Wirklichkeit verbunden und dadurch befleckt ist, aber mit Bodhicitta als Ursache für die Erleuchtung gewidmet wird, ist es teilweise ungereinigt und teilweise gereinigt. Der ungereinigte Aspekt ist Samsara-bildend, während der gereinigte Aspekt Erleuchtungsbildend ist und als Ursache dafür wirkt, die voll einsatzfähigen fünf Arten von tiefem Gewahrsein eines Buddha zu erlangen.

Was das Netzwerk tiefen Gewahrseins als ein Netzwerk von Momenten korrekter Wahrnehmung der Leerheit betrifft, so wird es, wenn diese Momente mit Bodhicitta als Ursache für die Erleuchtung gewidmet werden, zu einem Erleuchtungs-bildenden Netzwerk. Werden sie mit Entsagung als Ursachen für Befreiung aus Samsara gewidmet, so wird es zu einem Befreiungs-bildenden Netzwerk. Werden sie weder mit Entsagung noch mit Bodhicitta gewidmet, wird es ein Samsara-bildendes Netzwerk, das zu Intelligenz in einer samsarischen Wiedergeburt heranreift. In allen drei Fällen tragen die Momente der Wahrnehmung, selbst wenn sie begrifflich und in diesem Sinne ungereinigt sind, zu ihren spezifischen Resultaten bei.

Ist das Netzwerk tiefen Gewahrseins vollständig gereinigt, so verwandelt es sich in das erleuchtende Netzwerk tiefen Gewahrseins eines Buddha, das alles umfasst (tib. ye-shes chos-sku, Skt. jnanadharmakaya, Weisheits-Dharmakaya).

3. Wie wir Fortschritte machen

Reinigen, Stärken und verbinden

Fortschritt auf dem spirituellen Pfad kommt dadurch zu Stande, dass wir diese drei Netzwerke der Buddhanatur-Faktoren reinigen, aufbauen und stärken. Zudem müssen wir uns mit allen dreien zusammen beschäftigen und sie ebenfalls zu einem Netzwerk zusammenfügen, so als würden wir die Teile eines Puzzles zusammenfügen. Wenn die Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins korrekt mit Bodhicitta gewidmet wurden, führen sie gemeinsam zum Erlangen der erleuchtenden Netzwerke der Buddhakörper. Betrachten wir uns das etwas näher.

Das Stärken der Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins

Untersuchen wir wir die Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins etwas genauer, so stellt sich heraus, dass das Netzwerk positiver Kraft von einem Geisteszustand aufgebaut oder gestärkt wird, der sich auf die oberflächliche Wahrheit (tib. kun-rdzob bden-pa, konventionelle oder relative Wahrheit) über die Lebewesen richtet – ihre konventionelle Erscheinung – , während man sich ihnen gegenüber konstruktiv verhält.

Das Netzwerk tiefen Gewahrseins wird von einem Geisteszustand aufgebaut oder gestärkt, der unbegrifflich auf die tiefste Wahrheit (tib. don-dam bden-pa, letztendliche Wahrheit) über alle Phänomene gerichtet ist.

Gemäß der Darstellung der Gelug-Schule ist die tiefste Wahrheit bzw. Tatsache aller Phänomene einzig ihre Leerheit, doch gemäß der Schulen, die nicht der Gelug-Tradition angehören, ist die tiefste Wahrheit aller Phänomene ihre Leerheit untrennbar von ihrer Erscheinung – mit anderen Worten, die zwei Wahrheiten der Gelug-Schule untrennbar vereint, was sie ohnehin immer sind. Wenn wir das Netzwerk tiefen Gewahrseins im Hinblick auf die fünf Arten von tiefem Gewahrsein darstellen, so sind sie, sobald sie vollständig gereinigt sind, auch mit der Wahrnehmung beider Wahrheiten gemeinsam verbunden.

Beide Netzwerke als Ursachen und Bedingungen für Buddhakörper

Das Netzwerk Erleuchtungs-bildender positiver Kraft ist die Ursache (tib. nyer-len-gyi rgyu, materielle Ursache), durch die ein Netzwerk erleuchtender Formen (tib. gzugs-sku, Skt. rupakaya) erlangt wird. Das Netzwerk Erleuchtungs-bildenden tiefen Gewahrseins ist die Ursache, durch die ein Netzwerk erleuchtenden tiefen Gewahrseins erlangt wird, das alles umfasst.

Die Ursache, durch die etwas erlangt wird, ist das, woraus das Resultat entsteht. Sie wirkt als die Geburtsquelle (tib. rdzas), die als ihren Nachfolger das Resultat entstehen lässt, und hört gleichzeitig mit dem Entstehen des Resultats auf zu existieren.

Um ihr Resultat hervorzubringen, braucht die Ursache, die etwas erlangt, jedoch gleichzeitig mitwirkende Bedingungen (tib. lhan-cig byed-rkyen, begleitende Umstände). Resultate stammen nicht nur aus einer Ursache allein. Jedes der beiden Netzwerke dient als gleichzeitig mitwirkende Bedingung für das andere, wenn dieses als erlangende Ursache fungiert. Die gleichzeitig mitwirkende Bedingung wirkt mit der erlangenden Ursache zusammen, um das Resultat hervorzubringen, doch sie ist nicht die Geburtsquelle für das Resultat. Wie sollen wir dies verstehen?

Das Netzwerk erleuchtender Formen besteht aus einem Netzwerk subtiler Formen (tib. longs-sku, Skt. sambhogakaya) und einem Netzwerk gröberer Formen, die von ihnen ausstrahlen (tib. sprul-sku, Skt. nirmanakaya). All die subtilen Formen und die höchsten Emanationsformen (tib. mchog-gi sprul-sku) (zum Beispiel Buddha Shakyamuni) besitzen ein Netzwerk von zweiunddreißig Qualitäten, welche Ergebnisse eines Reifungsprozesses sind (tib. rnam-smin-gyi yon-tan). Damit sind Netzwerke von zweiunddreißig körperlichen Zeichen (tib. mtshan-bzang, Hauptmerkmale) gemeint, die aus ihren Ursachen, nämlich erleuchtungsbildenden Netzwerken positiver Kraft, heranreifen und ein Zeichen für diese sind. So haben diese erleuchtenden Gestalten beispielsweise als Zeichen, dass sie sich um andere kümmern wie ein Muttertier, das seine Jungen leckt, eine lange Zunge.

Obgleich das Netzwerk von zweiunddreißig Qualitäten, die durch Reifung entstanden sind, aus einem Netzwerk positiver Kraft als seiner erlangenden Ursache resultiert, muss diese erlangende Ursache als ihre gleichzeitig mitwirkende Bedingung Momente von Wahrnehmung von Leerheit als Netzwerk tiefen Gewahrseins besitzen. Sonst wird die positive Kraft konstruktiver Handlungen, die ohne vorige Wahrnehmung von Leerheit ausgeführt werden, lediglich zu einer glücklichen Wiedergeburt in Samsara führen. Die Momente der Wahrnehmung der Leerheit müssen also nicht gleichzeitig mit den konstruktiven Handlungen auftreten, die die positiven Kräfte ausmachen.

Das Netzwerk des tiefen Gewahrseins-Dharmakaya besteht aus dem Netzwerk von zweiunddreißig Qualitäten eines Buddha, welche Zustände des Freiseins [von Beeinträchtigungen] sind (tib. bral-ba’i yon-tan). Dies sind die Qualitäten des allwissenden Gewahrseins eines Buddha (tib. rnam-mkhyen), die das Resultat der Beseitigung oder des wahren Aufhörens der zwei Verdunklungen sind und die zehn Kräfte, vier furchtlosen Verkündigungen und achtzehn untrennbaren Qualitäten umfassen.

Wahre Beendigungen entstehen aus unbegrifflicher Wahrnehmung der Leerheit. Doch da es sich bei den zweiunddreißig Qualitäten, die Zustände des Freiseins [von Beeinträchtigungen] sind, um Gewahrsein nicht nur der Leerheit, sondern der ungetrennten zwei Wahrheiten handelt, braucht man als gleichzeitig mitwirkende Bedingung auch die Wahrnehmungen von oberflächlich wahren Tatsachen mitsamt dem Aufbau eines Netzwerks positiver Kraft.

Begleitende positive Qualitäten

Wir müssen nicht nur daran arbeiten, die Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins gemeinsam (und gemäß dem Tantra sogar in ein und demselben Moment des Geistes) zu reinigen und zu stärken, sondern auch daran, dass die Wahrnehmung der Erscheinungen oder der Leerheit von verschiedenen Elementen des Netzwerks guter Eigenschaften begleitet ist. Diese begleitenden positiven Qualitäten beinhalten die drei Ebenen von Motivation, die auch für den lam-rim (Stufenpfad) kennzeichnend sind, nämlich den Wunsch nach einer Wiedergeburt in einem der besseren Zustände (insbesondere in Form eines kostbaren menschlichen Lebens), Entsagung und Bodhicitta – dementsprechend fungieren die Netzwerke als Gestalter von verbesserten Zuständen in Samsara, von Befreiung oder von Erleuchtung.

Um alle drei dieser Ziele erreichen zu können, müssen die begleitenden positiven Qualitäten auch das beinhalten, was im Mahayana-Kontext die sechs weit reichenden Geisteshaltungen (tib. phar-phyin, Skt. paramita, Vollkommenheiten) genannt wird. Die sechs Geisteshaltungen sind nur dann weit reichend – das bedeutet, dass sie zum Erlangen der Erleuchtung führen – wenn sie von Bodhicitta begleitet werden. Sind sie nicht von Bodhicitta begleitet, sondern nur von dem Wunsch nach einem verbesserten Zustand in Samsara oder nach Befreiung, sind sie nicht „weit reichend“.

  • Allgemein lässt sich sagen: Die weit reichenden Geisteshaltungen der Großzügigkeit, der ethischen Disziplin und der Geduld, die darin besteht, nicht über Schwierigkeiten mit anderen und über eigene Probleme wütend zu werden, tragen zum Netzwerk positiver Kraft bei bzw. stärken es, wenn sie die Wahrnehmung konventioneller Erscheinungen während unseres konstruktiven Verhaltens begleiten.
  • Die weit reichenden Geisteshaltungen des unterscheidenden Gewahrseins, der geistigen Stabilität (Konzentration) und der Geduld, die darin besteht, sich von Schwierigkeiten bei der Übung im Dharma nicht entmutigen zu lassen, tragen zum Netzwerk tiefen Gewahrseins bei, wenn sie unsere Wahrnehmung der Leerheit begleiten.
  • Die weit reichende Geisteshaltung freudiger Ausdauer trägt zu beiden Netzwerken bei bzw. stärkt diese. Die vier Faktoren, die freudiger Ausdauer unterstützen, sind:
    1. die Intention, unsere Ziele zu erreichen und die Ursachen dafür zu schaffen
    2. Selbstvertrauen und Standfestigkeit
    3. Freude
    4. Ruhepausen einzulegen, wenn es nötig ist.
  • Die beiden Kräfte, die sie verstärken, sind:
    1. zu akzeptieren, dass wir, um unsere Ziele zu erreichen, dies oder jenes tun müssen, und zu akzeptieren, dass unsere samsarische Erfahrung bis zum Erlangen der Befreiung von ständigem Auf und Ab geprägt sein wird.
    2. Eigeninitiative bzw. Selbstverantwortung zu übernehmen.

Obgleich die verschiedenen weit reichenden Geisteshaltungen dazu beitragen, unterschiedliche Netzwerke zu stärken, versuchen wir, stets alle sechs einzubeziehen, sodass sie untereinander als Netzwerk funktionieren können.

Zusammenfassung

  • Wir machen Fortschritte auf dem Pfad, indem wir daran arbeiten, das Netzwerk tiefen Gewahrseins zu stärken, nämlich während der Wahrnehmung der Leerheit in völliger Vertiefung (tib. mnyam-bzhag, meditative Ausgewogenheit), und das Netzwerk positiver Kraft zu stärken, während wir in der Phase der erlangten Erkenntnis im Anschluss an die Meditation (tib. rjes-thob, „Nach-Meditation“) und zwischen den Sitzungen anderen helfen. Diese beiden Komponenten werden zusammenwirken.
  • Zudem versuchen wir, die Erfahrungen und Einsichten all dieser Phasen wie Teile eines multidimensionalen Puzzles zusammenzufügen, sodass sie ein vielschichtiges Netzwerk bilden.
  • Gleichzeitig arbeiten wir daran, das Netzwerk negativer Kraft (aufgebaut aus negativen Handlungen) völlig außer Kraft zu setzen und das Netzwerk ungereinigter positiver Kraft (aufgebaut aus konstruktiven Handlungen, die mit Verwirrung verbunden sind) zu reinigen, sodass diese nicht samsarische Wiedergeburten und die samsarische Situation der Ungewissheit mit ihrem ständigen Auf und Ab entstehen lassen.
  • Ebenfalls gleichzeitig arbeiten wir daran, das Netzwerk ungereinigten tiefen Gewahrseins zu reinigen, indem wir nicht nur Verwirrung beseitigen, die dieses begleitet, sondern auch deren Gewohnheiten, während wir von begriffliche zum unbegrifflicher Wahrnehmung der Leerheit und schließlich zur Beseitigung der Erscheinungen von wahrer Existenz voranschreiten.

Inspiration

Aufgrund der Eigenschaft der Buddha-Natur, dass die Basis-Netzwerke dazu angeregt werden können zu wachsen, machen wir zudem auch Fortschritte, indem wir das „Ansammeln und Reinigen“ mit der Inspiration durch die Drei Kostbaren Juwelen und den spirituellen Mentor verknüpfen. Wir gewinnen Inspiration durch die Überzeugung, dass sie positive Qualitäten besitzen und dass die Stärke dieser positiven Qualitäten aus bestimmten Ursachen hervorgeht, und dass auch wir diese entwickeln können, sowie aus der Wertschätzung der Güte, mit der sie uns helfen.

Auf der Ebene des Tantra kommt hinzu

  • dass die Eigenschaften der Buddha-Natur durch Ermächtigung aktiviert werden.
  • Wir können sie auch dazu anregen zu wachsen, indem wir Mantras rezitieren und uns in bildlicher Form vorstellen, wie uns Inspiration von Buddha-Gestalten (tib. yi-dam) zufließt.
  • Zudem repräsentieren Buddhagestalten mit all ihren Gesichtern, Armen und Beinen – die die positiven Qualitäten, die Arten tiefen Gewahrseins usw. symbolisieren – auf anschauliche Weise ein Netzwerk. Das gleiche gilt auch für ein Mandala aus Gestalten. Auch das ist eine Quelle von Inspiration. Uns selbst in dieser Form zu visualisieren hilft, alles miteinander zu verknüpfen.

Ausdauer während der Höhen und Tiefen

Was die Art und Weise betrifft, wie diese Netzwerke auf dem Pfad und zum Zeitpunkt des Resultats heranreifen, so ist zu betonen: Sie reifen – ähnlich den Gesetzen der Systemanalyse – nicht auf lineare Weise heran. Deshalb erleben wir, auch wenn wir langfristig linear von einem Pfad zum nächsten voranschreiten, nichtsdestotrotz innerhalb eines jeden der fünf Pfade von Stunde zu Stunde ein ständiges Auf und Ab. Das ist eines der Charakteristika von Samsara – keine Gewissheit darüber, was als nächstes heranreift.

Somit brauchen wir Geduld, um schwierige Zeiten zu überstehen, ohne uns entmutigen zu lassen, und eine freudige, rüstungsgleiche Beharrlichkeit, unsere Bemühungen fortzusetzen, so schwierig und langwierig der Prozess auch sein mag und wenn uns nicht danach ist zu üben. Ob einem danach zu Mute ist zu üben (tib. ‘ dod-pa) oder nicht ist schließlich auch nur ein Geistesfaktor, der aus den Netzwerken positiver oder negativer Kraft zur Reife kommt.

Quanten-Sprünge auf dem Mahayana-Pfad

Aus der Systemanalyse ist ersichtlich, dass solche Netzwerke organische Systeme, d.h. offene Systeme sind: ständig kommt etwas hinzu, wird Teil davon und verlässt es wieder. Somit haben sie die Eigenschaft, sich selbst zu organisieren (tib. rang-byung, selbst-auftretend). Das bedeutet, dass ein Netzwerk, wenn es eine bestimmte kritische Masse erreicht hat, einen Quantensprung auf eine andere Ebene macht und sich neu organisiert, um auf dieser neuen Ebene zu funktionieren.

Auf der Basis-Ebene treten Quantensprünge jedes Mal auf, wenn wir sterben. Wenn des Karma, das uns in die nächste Wiedergeburt wirft, zur Reife kommt, reorganisieren sich all unsere Netzwerksysteme, sodass sie die fünf Aggregats-Bestandteile der Erfahrung (fünf Aggregate) unseres nächsten Lebens entstehen lassen.

Gemäß dem Schema, wie es die Gelug-Schule in der Darstellung des Prasangika beschreibt, sind die wichtigsten Sprünge auf der Pfadebene des Mahayana:

  • Der Übergang von einem Anfänger zu jemandem, der einen aufbauenden Pfadgeist erlangt hat. Er findet dann statt, wenn wir müheloses (tib. rtsol-med) Bodhicitta als vorrangige Motivation entwickelt haben.
  • Der Sprung zum Erlangen eines anwendenden Pfadgeists. Dieser findet statt, wenn wir einen begrifflichen Zustand von Shamatha (tib. zhi-gnas, ein gelassener, stiller und zur Ruhe gebrachter Geist, ruhiges Verweilen) erlangen, der auf die Leerheit und die sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten gerichtet ist.
  • Der Sprung zum Erlangen eines sehenden Pfadgeists und damit der Übergang von einem gewöhnlichen Wesen zu einem Arya. Dieser Übergang geschieht, wenn wir unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit und der sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten erlangen, sodass wir endgültig von unseren auf Doktrinen beruhenden störenden Emotionen und Geisteshaltungen sowie unserem dementsprechenden Greifen nach wahrer Existenz (tib. bden-‘dzin) ablassen.
  • Der Sprung zum Erlangen des Geisteszustands auf der achten Ebene der Bodhisattva- Bhumis im Rahmen des sich gewöhnenden Pfadgeistes, d.h. der Übergang von den ungereinigten zu den gereinigten Ebenen der Bodhisattva- Bhumis und von einem Arhat zu einem befreiten Arhat. Dieser geschieht, wenn unsere unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit und der sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten auch die automatisch entstehenden störenden Emotionen und Geisteshaltungen sowie das automatische Greifen nach wahrer Existenz. An diesem Punkt haben wir die emotionalen Schleier (tib. nyon-sgrib) der störenden Emotionen und Geisteshaltungen, die Befreiung verhindern, endgültig beseitigt. Es ist nichts mehr da, was unsere karmischen Hinterlassenschaften (tib. sa-bon, Samen, Tendenzen) aktivieren könnte, und damit sind wir auch von Karma befreit. Somit sind wir befreit von Samsara.
  • Der Sprung von einem Arhat zum Erlangen der Buddhaschaft. Dieser findet statt, wenn unsere unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit und der sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten die kognitiven Schleier (tib. shes-sgrib) in Bezug auf alles, das man wissen kann, beseitigt – d.h. diejenigen Schleier, die Allwissenheit verhindern. Diese Art von Schleiern schließen die Gewohnheiten des Greifens nach wahrer Existenz mit ein, die das Entstehen der kognitiven Erscheinungen von wahrer Existenz (tib. bden-snang) verursachen und die gleichzeitige Wahrnehmung der zwei Wahrheiten (tib. bden-gnyis) verhindern.

Aufgrund ihrer unterschiedlichen Auffassungen von den zwei Arten von Schleiern erklären die verschiedenen tibetischen Traditionen die Erkenntnisse und Verwirklichungen sowie das, was jeweils aufgegeben wird, um die Quantensprünge von einer Stufe des Pfades zur nächsten zu machen, auf leicht unterschiedliche Weise. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei, wie der Quantensprung von der begrifflichen zur unbegrifflichen Wahrnehmung der Leerheit zustande kommt.