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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die zwei erleuchtungsbildenden Netzwerke (Die zwei Ansammlungen)

Alexander Berzin
Auf Grundlage einer Erklärung von Geshe Wangchen
Mundgod, Indien, 30. August 2001

Tibetische Übersetzung des Sanskrit-Begriffes Sambhara

Gemäß des Werks des indischen Meisters Haribhadra gegen Ende des achten Jahrhunderts, Ein Kommentar zur Klärung der Bedeutung (tib. ‘ Grel-ba don-gsal), das Maitreyas Ornament der Verwirklichungen (tib. mNgon-rtogs rgyan, Skt. Abhisamaya-alamkara) kommentiert, bedeutet der Sanskrit-Begriff sambhara auf Tibetisch yang-dag-par sgrub-pa, Reines-Bildendes.

Aus der Perspektive dieses Kommentars ist die tibetische Übersetzung als tshogs, Ansammlungen oder Netzwerke ungenau. Statt punyasambhara und jnanasambhara als „ein Netzwerk positiver Kraft“ (tib. bsod-rnams-kyi tshogs, Ansammlung von Verdienst, Ansammlung von positivem Potential) und „ ein Netzwerk tiefen Gewahrseins“ (tib. ye-shes-kyi tshogs, Ansammlung von Weisheit) zu übersetzen, werden sie akkurater als „ Reines-bildende positive Kraft“ und „Reines-bildendes tiefes Gewahrsein“ wiedergegeben.

Ob wir den Begriff sambhara auch als „Netzwerke“ verstehen können oder nicht, ist eine andere Frage, der wir uns im Nachfolgenden zuwenden werden.

Zwei Arten von Reines-Bildendes

Es gibt zwei Arten von Reines-Bildendes:

  1. Jene, die mithilfe des Shravaka- oder Pratyekabuddha-Pfads nach Befreiung streben, sammeln gewöhnliches Reines-Bildendes an.
  2. Jene, die mithilfe der Bodhisattva-Pfade nach Erleuchtung streben, sammeln vollständig der Definition entsprechendes Reines-Bildendes an.

Nennen wir um der Klarheit willen Ersteres „Befreiungsbildendes“ und Letzteres „ Erleuchtungsbildendes“.

Samsara-Bildendes und Reines-Bildendes

Positive Kraft (tib. bsod-nams, Verdienst, positives Potential) und tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes, Weisheit, Einsicht) haben beide sowohl Samsara-bildende als auch Reines-bildende Formen. Der Unterschied ergibt sich aus

  • der Motivation (tib. kun-slong), mit der wir die konstruktive Handlung (tib. dge-ba, tugendhafte Handlung) oder meditative Konzentration (tib. mnyam-bzhag, meditative Ausgewogenheit) über die sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten, mit der die positive Kraft bzw. das tiefe Gewahrsein aufgebaut werden, durchführen
  • der anschließenden Widmung (tib. bsngo-ba).

Im Buddhismus bedeutet der Begriff Motivation die Intention oder Absicht (tib. ‘ dun-pa) – mit anderen Worten der Zweck einer Handlung oder das, was wir durch sie erzielen möchten. Er bezieht sich nicht auf die positiven oder negativen Emotionen wie Mitgefühl oder Eifersucht, die die Intention begleiten mögen. Samsara ist sich unkontrollierbar wiederholende Wiedergeburt aufgrund der Einflüsse zwanghaften karmischen Verhaltens und störender Emotionen und Geisteshaltungen, und zeichnet sich aus durch Leid.

Führen wir derartige Handlungen oder Meditationen aus, mit einer weltlichen Motivation oder keiner bestimmten Motivation im Sinn, und widmen wir sie im Anschluss der Erfüllung dieses weltlichen Ziels oder überhaupt nicht, fungieren die damit verbundene positive Kraft und das tiefe Gewahrsein als Samsara-bildend. Sie dienen lediglich als Ursachen, um gemäß den Gesetzen des Karma eine der besseren samsarischen Situationen, samsarisches Glück und samsarische Klugheit zu erleben. Es verhält sich wie bei der Standardeinstellung eines Computers. Sie tragen automatisch zur Verbesserung des Samsara bei, es sei denn, wir ändern unsere Grundeinstellung und setzen uns bewusst ein anderes Ziel und widmen sie dementsprechend.

Wenn wir auf der anderen Seite konstruktive Handlungen oder meditative Versenkung über die Aspekte der vier edlen Wahrheiten in Verbindung mit der Motivation der Entsagung (tib. nges-‘ byung) ausführen – der Entschlossenheit, frei von Samsara zu sein und Befreiung zu erlangen – und sie anschließend dem Erreichen dieses Ziels widmen, fungieren die sie begleitende positive Kraft und das tiefe Gewahrsein als Befreiungs-bildend. Sie führen zur Befreiung von Samsara und dem Erlangen des Glücks und des tiefen Gewahrseins der Befreiung. Auf dem Weg zur Befreiung reifen die Befreiungs-bildende positive Kraft und das tiefe Gewahrsein auch zu kostbaren menschlichen Wiedergeburten mit dem Glück und der Intelligenz, die für das Erlangen der Befreiung förderlich sind.

Führen wir konstruktive Handlungen oder meditative Versenkung in Verbindung mit einer Bodhichitta-Motivation aus und widmen sie anschließend dem Erreichen der Erleuchtung zum Wohle aller Wesen, fungieren die sie begleitende positive Kraft und das tiefe Gewahrsein als Erleuchtungs-bildend. Sie führen zum Erlangen der Erleuchtung der Fähigkeit, anderen mit dem glückseligen Gewahrsein, tiefen Gewahrsein und den erleuchtenden Fähigkeiten eines Buddhas so weitgehend wie möglich zu helfen. Auf dem Weg zur Erleuchtung reifen die Erleuchtungs-bildende positive Kraft und das tiefe Gewahrsein auch zu Umständen und Möglichkeiten, die es erleichtern, anderen zu helfen, und die für das Erlangen der Erleuchtung förderlich sind.

Zwei Ebenen der zwei Arten von Reines-Bildendem

Sowohl Befreiungs-Bildendes wie Erleuchtungs-Bildendes hat zwei Ebenen:

  1. Nachgeahmtes Reines-Bildendes (naturgetreue Nachbildung des tatsächlichen Reines-Bildenden), bevor man einen aufbauenden Pfadgeist (tib. tshogs-lam, Pfad der Ansammlung) erlangt hat, den ersten der fünf Arten von Pfadgeist, die zu Befreiung oder Erleuchtung führen.
  2. Tatsächliches Reines-Bildendes, vom ersten Erlangen eines aufbauenden Pfadgeistes bis zum letzten Moment des vierten Pfadgeistes, einem sich gewöhnenden Pfadgeist (tib. sgom-lam, Pfad der Meditation) direkt vor dem Erlangen der Befreiung oder Erleuchtung.

Um die angenäherte Ebene handelt es sich, wenn Entsagung und Bodhichitta durch Bemühung entstehen (tib. rtsol-bcas), das heißt, wenn sie erzeugt werden, indem man sich ihnen mithilfe von Logik und Argumentation in Schritten nähert. Im Falle von Bodhichitta kann die Argumentation die der siebenteiligen Methode der Ursache und Wirkung sein oder die des Gleichsetzens und Austauschens unserer Geisteshaltungen in Bezug auf uns selbst und andere. Selbst wenn Entsagung und Bodhichitta durch Anstrengung erzeugt sind, können sie dennoch ernsthaft empfunden werden.

Was das tatsächliche Reines-Bildende betrifft, müssen Entsagung und Bodhichitta mühelos (tib. rtsol-med) sein. Sie müssen entstehen, ohne dass man sich zu ihnen in eben erwähnter Weise vorarbeitet. Gemäß der Panchen- (tib. Pan-chen bSod-nams grags-pa) Textbücher, denen man im Drepung Loseling- (tib. ‘ Bras-spungs Blo-gsal gling Grva-tshang) und Ganden Shartse- (tib. dGa’-ldan Shar-rtse Grva-tshang) Kloster folgt, sind sowohl bemühtes als auch müheloses Bodhichitta tatsächliches Bodhichitta. Gemäß der Jetsunpa- (tib. rJe-btsun Chos-kyi rgyal-mtshan) Textbücher, denen man im Sera Je (tib. Se-ra Byas Grava-tshang) und Ganden Jangtse- (tib. dGa’-ldan Byang-rtse Grva-tshang) Kloster folgt, ist nur müheloses Bodhichitta tatsächliches Bodhichitta.

Das Erreichen von Entsagung oder Bodhichitta ohne Bemühung ist ein Zeichen dafür, dass man einen aufbauenden Pfadgeist erlangt hat. Zudem sind die Entsagung und das Bodhichitta eines aufbauenden Pfadgeists in ihrer Kontinuität ungebrochen. Ob wir uns ihrer bewusst bleiben oder nicht, wir verlieren nie unsere Intention, Befreiung von unserem Leid oder auch Erleuchtung zu erlangen, um allen anderen dabei zu helfen, sich ihres Leids zu entledigen.

[Siehe: Die Fünf Arten von Pfadgeist (fünf Pfade).]

Zudem muss Reines-bildendes tiefes Gewahrsein nicht die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der vier edlen Wahrheiten oder von Leerheit sein, mit der wir einen sehenden Pfadgeist erlangen (Pfad des Sehens). Es kann eine konzeptuelle meditative Vertiefung auf eines von ihnen sein, zum Beispiel mit den vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung (tib. dran-pa nyer-bzhag, Pali: satipattana). Daher muss die Vertieftheit nicht unbedingt mit einsgerichteter Konzentration (tib. ting-nge-‘dzin, Skt. samadhi) einhergehen.

Die Notwendigkeit für beides Reines-Bildendes gemeinsam

Nur ein Reines-Bildendes ohne das andere zu haben reicht nicht aus, um das Ziel zu erlangen. Ohne die Kraft tiefen Gewahrseins kann positive Kraft aus konstruktiven Handlungen, die entweder der Befreiung oder der Erleuchtung gewidmet sind, kein wahres Aufhören (wahre Beendigung) des Leids und seiner Ursachen bewirken. Das kann es nur in Verbindung mit tiefem Gewahrsein, dem tatsächlichen Gegenspieler, der Samsara an seiner Wurzel packt, dem Unwissenheit (Ignoranz).

Auf ähnliche Weise ist tiefes Gewahrsein, selbst wenn es der Befreiung oder Erleuchtung gewidmet ist, ebenfalls unzureichend, um diese Ziele zu erreichen. Es braucht die positive Kraft aus konstruktivem Verhalten, um die inneren und äußeren Umstände zu schaffen, die der Meditation zuträglich sind, von erfolgreicher Meditation ganz zu schweigen.

Daher dient die positive Kraft aus konstruktiven Handlungen als die herbeiführende Ursache (tib.nyer-len-gyi rgyu, materielle Ursache) für den Körper und das Glück eines befreiten Wesens oder eines erleuchteten Wesens. Das tiefe Gewahrsein aus der meditativen Vertiefung über die sechzehn Aspekte der vier edlen Wahrheiten fungiert hingegen als die gleichzeitig wirkende Bedingung (tib. lhan-cig byed-rkyen, begleitende Umstände) für diese Errungenschaft. Für den Geist und das tiefe Gewahrsein eines befreiten Wesens oder eines erleuchteten Wesens ist es anders herum.

Zwei Auslegungen für Reines-Bildendes

Gemäß einer Auslegung von Haribhadras Erklärung wird der Begriff sambhara in Verbindung mit den Begriffen positive Kraft und tiefes Gewahrsein nur in dem Fall benutzt, wenn beide direkt Reines-bildend sind. Zudem beziehen sie sich auf eine einzige konstruktive Handlung von positiver Kraft oder einer einzigen Meditation über tiefes Gewahrsein und nicht auf ein Netzwerk von vielen. Ist eine derartige Handlung oder Meditation Samsara-bildend, nennt man sie nicht sambhara.

Wir können sambhara auch im Kontext der Buddhanatur-Lehren auslegen, in welchem Fall positive Kraft und tiefes Gewahrsein Buddhanatur-Faktoren sind. In diesem Zusammenhang müssen wir von Netzwerken von positiver Kraft und tiefem Gewahrsein sprechen (unabhängig davon, ob es akkurat ist, sambhara auf Tibetisch als tshogs zu übersetzen oder nicht), und nicht nur von einzelnen Handlungen oder einzelnen Meditationssitzungen.

Als Buddhanatur-Faktoren sind die beiden Netzwerke Erleuchtungs-bildend auf allen drei Stufen:

  1. auf der grundlegenden Stufe, wenn sie ungereinigt sind und direkt als Samsara-bildend für die Wiedergeburtszustände fungieren, die förderlicher dafür sind, auf die Erleuchtung hin zu arbeiten
  2. auf der Stufe des Pfads, wenn sie teilweise ungereinigt und teilweise gereinigt sind und teils direkt als Samsara-bildend oder Befreiungs-bildend agieren und teilweise direkt als Erleuchtungs-bildend
  3. auf der Ergebnisstufe, wenn sie vollkommen gereinigt sind und als die Formkörper (Skt. rupakaya) und der erleuchtende Geist (Skt. dharmakaya) eines Buddha funktionieren.

Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins

Von welcher Auslegung von Sambhara wir auch ausgehen, wir müssen ein Verständnis haben von der Beziehung zwischen:

  • einzelnen konstruktiven Handlungen und Meditationen
  • Karma (tib. las, karmische Impulse)
  • positiver Kraft
  • Netzwerken positiver Kraft.

Es gibt zwei hauptsächliche Sichtweisen im Madhyamaka:

  • die Sicht, die von Gelug-Svatantrika, Nicht-Gelug-Svatantrik und Nicht-Gelug-Prasangika geteilt wird
  • die Gelug-Prasangika-Sicht.

Die Sicht, die von Gelug-Svatantrika, Nicht-Gelug-Svatantrik und Nicht-Gelug-Prasangika geteilt wird

Diese Sicht führt auf den Chittamatra-Text Eine Anthologie spezieller Themen des Wissens (tib. Chos mngon-pa kun-las btus-pa, Skt: Abhidharma-samuccaya) von Asanga, dem indischen Meisters des dritten Jahrhunderts, zurück. Gemäß dieser Sicht ist ein karmischer Impuls ausschließlich eine Art, sich etwas bewusst zu sein (tib. shes-pa): ein Nebenbewusstsein (tib. sems-byung, Geistesfaktor), das ein Primärbewusstsein (tib. rnam-shes), zum Beispiel das Augenbewusstsein oder geistige Bewusstsein, begleitet.

Im Besonderen ist geistiges Karma der antreibende Impuls (tib. sems-pa’i las), der zu einer physischen, verbalen oder geistigen Handlung führt. Im Falle einer geistigen Handlung, zum Beispiel auf eine bestimmte Weise zu denken, begleitet der antreibende Impuls den Gedankengang und hält ihn aufrecht. Physisches und verbales Karma sind der angetriebene Impuls (tib. bsam-pa’i las), der die physische oder verbale Handlung auslöst, begleitet und aufrechterhält. Das Karma einer Handlung ist daher nicht dasselbe wie die Handlung selbst. Im Falle einer konstruktiven geistigen Handlung ist der antreibende Impuls die positive Kraft der Handlung; im Falle einer konstruktiven physischen oder verbalen Handlung ist der angetriebene Impuls die positive Kraft der Handlung.

Ist die Handlung beendet, existiert die positive Kraft nicht länger als eine Weise, sich einer Sache bewusst zu sein. Sie setzt sich als nicht gleichzeitige beeinflussende Variable (tib. ldan-min ‘du-byed) fort, das heißt als eine Variable, die unsere Erfahrung beeinflusst und die weder eine Form von physischem Phänomen ist, noch eine Art, sich einer Sache bewusst zu sein. Mit anderen Worten, die positive Kraft setzt sich als ein nichtstatisches abstraktes Phänomen fort. Sie ist einem geistigen Kontinuum zugeschrieben, entsteht aus Ursachen und produziert eine Wirkung. Wir können uns diese zweite Phase als ein positives Potential vorstellen, auch wenn der tibetische Fachbegriff dafür „eine positive Kraft, die sich in etwas verwandelt hat, dass die essentielle Natur einer Tendenz (Samen) besitzt” (tib. sa-bon-gyi ngo-bor gyur-ba) lautet. Ein positives Potential ist jedoch nicht dasselbe wie eine Tendenz, da Tendenzen neutrale Phänomene (tib. lung ma-bstan) sind, die vom Buddha unspezifisch als konstruktiv oder destruktiv bezeichnet wurden.

Der Begriff positive Kraft bezieht sich also auf beide Phasen, einmal als eine Art, sich der Dinge gewahr zu sein und einmal als eine nichtstatische Abstraktion, ein positives Potential. In beiden Phasen ist die positive Kraft ein konstruktives Phänomen, genau wie die Handlung, mit der sie verbunden ist.

Die Momente positiver Kraft von jeglicher konstruktiver Tat verknüpfen sich genau wie die Kontinua positiver Kraft von vielen konstruktiven Handlungen sich untereinander verbinden und sich gegenseitig stärken können und somit an Kraft gewinnen. Daher können wir ihnen ein Netzwerk (eine Ansammlung) von positiver Kraft zuschreiben. Es ist auch eine nichtstatische Abstraktion.

Um es zusammenzufassen: Gemäß dieser Formulierung ist die positive Kraft einer konstruktiven physischen, verbalen oder mentalen Handlung nicht die konstruktive Handlung selbst. Sie beinhaltet zwei Phasen, eine vor der Handlung, nämlich die des antreibende Impulses oder des angetriebenen Impulses, die Handlung auszulösen, zu begleiten und aufrechtzuerhalten, und die zweite Phase, die eines positiven Potentials nach der Handlung. Nur die erste Phase ist das Karma (der karmische Impuls) der Handlung, die zweite ist nicht Karma.

Die positive Kraft konstruktiver physischer, verbaler
und mentaler Handlungen
 

Vor und während der Handlung

der antreibende Impuls oder der angetriebene Impuls = Karma

Nach der Handlung

Zugeschriebene nichtstatische Abstraktion = positives Potential


[Siehe: Der Mechanismus des Karma. Die Darstellung im Mahayana ausgenommen der Gelug-Prasangika-Sichtweise.]

 Die Gelug-Prasangika-Sicht

Diese Sicht entstammt dem Vaibhashika-Text Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens (tib. Chos mngon-pa’i mdzod, Skt. Abhidharma-kosha), verfasst von Vasubandhu, dem indischen Meister des dritten Jahrhunderts. Gemäß dieser Sicht wird das mit einer geistigen Handlung verbundene Karma, die positive Kraft und das positives Potential genauso dargestellt wie zuvor.

Im Falle einer physischen und verbalen Handlung ist Karma jedoch strikt eine Form von physischem Phänomen (tib. gzugs). Es handelt sich immer noch um einen angetriebenen Impuls, nun jedoch in Form eines Energieimpulses und nicht so sehr in Form eines geistigen Drangs. Dieses Karma physischer und verbaler Handlungen hat zwei Aspekte:

  1. Die enthüllende Form (tib. rnam-par rig-byed-kyi gzugs) der Handlung, bei der es sich entweder um die Form einer Bewegung oder den Klang von Worten handelt. Sie kann vom Seh- oder Hörbewusstsein wahrgenommen werden und ist in dem Sinne enthüllend, als sie die Motivation enthüllt. Sie dauert nur so lange an wie die physische oder verbale Handlung andauert.
  2. Die nicht-enthüllende Form (tib. rnam-par rig-byed ma-yin-pa’i gzugs) der Handlung, das heißt ihre subtile Energie. Sie kann nur vom Geistesbewusstsein wahrgenommen werden und ist nicht-enthüllend, da sie die Motivation nicht enthüllt. Sie beginnt mit den ersten Anfängen der Handlung, setzt sich aber mit dem geistigen Kontinuum fort, nachdem die Handlung aufgehört hat, und zwar so lange wie die Intention vorhanden ist, die Handlung zu wiederholen. Sie hört auf, wenn die Intention entsteht, die Handlung nicht mehr zu wiederholen. In westlichen Begriffen lässt sich die nicht-enthüllende Form einer physischen oder verbalen Handlung wie eine energetische Schwingung (Energieschwingung) verstehen.

Da ein konstruktiver karmischer Impuls gleichbedeutend mit einer positiven Kraft ist, beinhaltet positive Kraft hier sowohl die enthüllenden als auch die nicht-enthüllenden Formen der Handlung. Für eine konstruktive physische Handlung entspricht der Aspekt der enthüllenden Form des karmischen Impulses während einer Handlung, grob gesagt, der Handlung selbst, wenn wir die Bewegung des Körpers während der Handlung als die Handlung selbst betrachten. Während einer verbalen Handlung, wenn wir zum Beispiel harsche Worte sprechen, ist der Aspekt der enthüllenden Form des karmischen Impulses jedoch der Klang der gesprochenen Worte, nicht die Bewegung des Stimmapparats beim Äußern der Laute.

Hört die nicht-enthüllende Form einer konstruktiven Handlung auf, weil sich die Intention entwickelt, die Handlung nicht wiederholen zu wollen, verändert sich die positive Kraft in die essentielle Natur einer Tendenz. Die subtile Energie wird ein positives Potential, eine nichtstatische Abstraktion. Hier können wir dann den groben und subtilen Energien, die die enthüllenden und nicht-enthüllenden Formen einer oder vieler unserer konstruktiven Handlungen ausmachen, plus ihrem positiven Potential, nachdem diese Energien aufgehört haben, ein Netzwerk positiver Kraft zuschreiben.

Zusammengefasst: Gemäß dieser Sichtweise erstreckt sich die positive Kraft einer konstruktiven physischen oder verbalen Handlung über drei Phasen. In der ersten, wenn die Handlung geschieht, beinhaltet sie die enthüllenden und nicht-enthüllenden Formen der Handlung. Als nächstes, nachdem die Handlung beendet ist, ist es nur die nicht-enthüllende Form. Die positive Kraft ist in beiden Phasen gleichbedeutend mit dem Karma (dem karmischen Impuls) der Handlung. Während der dritten Phase, nachdem die nicht-enthüllende Form aufgehört hat, setzt sich die positive Kraft als ein positives Potential fort, das nicht Karma ist. Die enthüllenden und nicht-enthüllenden Formen und das positive Potential sind alle konstruktive Phänomene.

Die positive Kraft konstruktiver physischer
und verbaler Handlungen
 

Während der Handlung

Enthüllende Form = die Handlung = Karma

Nicht-enthüllende Form = subtile Energie = Karma

Nach der Handlung

Nicht-enthüllende Form = subtile Energie = Karma

Nachdem die nicht-enthüllende Form aufgehört hat

Zugeschriebene nichtstatische Abstraktion = positives Potential


Netzwerke von Reines-bildender positiver Kraft

Die oben erwähnten beiden Analysen gelten für Samsara-bildende positive Kraft im Kontext von Karma. Schließlich ist es Karma, zusammen mit störenden Emotionen und Geisteshaltungen, das uns in Samsara auf und ab kreisen lässt, von einem Leben zum nächsten.

Reines-bildende positive Kraft ist kein Phänomen des Karma, da sie zu Befreiung und Erleuchtung führt und nicht zu Samsara. Daher haben die positive Kraft und das Potential aus konstruktiven Handlungen auf der Stufe des Pfades, wenn das Erleuchtungs-bildendende Netzwerk positiver Kraft teilweise ungereinigt und teilweise gereinigt ist, zwei Aspekte:

  1. Vom Standpunkt jeglicher störenden Emotionen oder dem Greifen nach wahrer Existenz, das die konstruktive Handlung begleitet, ist die positive Kraft Samsara-bildend durch den karmischen Prozess.
  2. Vom Standpunkt der Bodhichitta-Motivation und Widmung ist die positive Kraft Erleuchtungs-bildend und hat nichts mit dem karmischen Prozess zu tun.

Die Basis für die Zuschreibung von Netzwerken positiver Kraft, die sie in zukünftige Leben weiterträgt

Aufgrund des oben erwähnten Unterschieds beschreiben die Mahayana-Lehrsysteme wie Chittamatra und Yogachara Svatantrika-Madhyamaka, wenn sie von alayavijnana (tib. kun-gzhi rnam-shes, alles-umfassendes grundlegendes Gewahrsein, Speicherbewusstsein) sprechen, dieses als das grundlegende Gewahrsein, dem nur Samsara-bildende Kraft zugeschrieben wird. Das liegt daran, dass Alayavijnana ein rein samsarisches Phänomen ist und als solches die Netzwerke Samsara-bildender positiver und negativer karmischer Kraft in zukünftige samsarische Leben trägt. Je nach Auslegung endet die Kontinuität des Alayavijnana entweder mit der Befreiung oder mit der Erleuchtung.

Erleuchtungs-bildende positive Kraft wird nicht dem Alayavijnana zugeschrieben. Sie wird dem Raum der Wirklichkeit (tib. chos-kyi dbying, Skt. dharmadhatu) des Geistes zugeschrieben und durch seine Kontinuität in zukünftige Leben und bis zur Erleuchtung getragen.

Parallel zu dieser Unterscheidung bezeichnet das Nyingma-Dzogchen-System der Alaya für Gewohnheiten (tib. bag-chags-kyi kun-gzhi, alles-unfassende Grundlage für Gewohnheiten) als die Grundlage, der nur Samsara-bildende Kraft zugeschrieben wird, und die diese in zukünftige Leben weiterträgt. Erleuchtungs-bildende positive Kräfte und ihr Netzwerk sind als Buddhanatur-Faktoren strikt gesehen Phänomene, die dem ursprünglichen, tiefsten Alaya (tib. ye-don kun-gzhi, ursprüngliche, tiefste alles-umfassende Grundlage), einem Synonym für rigpa (tib. rig-pa, reines Gewahrsein), zugeschrieben werden, und welche auch die Qualitäten des Alaya sind.

Im Gelug-Prasangika-System setzen sich sowohl Samsara-bildende wie Erleuchtungs-bildende positive Kräfte als nicht-enthüllende Formen fort, nachdem die konstruktive Handlungen beendet sind, solange die Absicht, diese positiven Handlungen weiter auszuüben nicht verloren geht Das Netzwerk positiver Kraft ist den nicht-enthüllenden Formen zugeschrieben, welche die geistigen Kontinua begleiten. Im Falle von Samsara-bildender positiver Kraft wird das Netzwerk, welches der nicht-enthüllenden Form zugeschrieben wird – wenn die Absicht positive Handlungen auszuüben bewusst abgelehnt wird oder durch den eigenen Tod verloren geht – dann dem bloß gültig erkennbaren „Ich“ zugeschrieben. Im Falle von Erleuchtungs-bildenden positiven Kräften, die der Erleuchtung gewidmet sind, gehen ihre Kontinua in zukünftige Leben weiter, den ganzen Weg bis hin zur Erleuchtung, solang Bodhichitta nicht mit voller Absicht zurückgewiesen wird.

Obwohl ich keinen spezifischen Text mit dieser Analyse gesehen habe, wäre es im allgemeinen Anuttarayoga-Tantra dennoch angemessen, nicht-enthüllende Formen als Formen von Energiewind (tib. rlung) darzustellen. Samsara-bildende positive Kräfte wären dann subtile Formen von Energiewinden (samsarische Phänomene). In der Kalachakra-Terminologie wären die Samsara-bildenden positiven Kräfte die Winde des Karma (tib. las-kyi rlung). Die Erleuchtungs-bildenden positiven Kräfte auf der anderen Seite wären ausschließlich die Formen oder Gebilde der subtilsten Energiewinde, die dem Geist des klaren Lichts zugrunde liegen.

Diese Erklärung befände sich in Übereinstimmung mit den Theorien, die von getrennten Grundlagen für die Zuschreibung von Samsara-bildender und Erleuchtungs-bildender positiver Kraft sprechen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass sich nur der subtilste Energiewind durch das klare Licht des Todes in zukünftige Leben fortsetzt. Während des klaren Lichts des Todes lösen sich die Winde des Karma vorübergehend auf und nur ihre Gewohnheiten (tib. bag-chags, Instinkte) sind vorhanden, als nichtstatische Abstraktionen, die den Geist des klaren Lichts überlagern.