Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die zweiundsechzig falschen Sichtweisen

Alexander Berzin
März 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

„Das Netz des Brahma Sutra“ (tib. Tshangs-pa‘i drva-ba‘i mdo, Skt. Brahmajvala Sutra), sowohl in den Mahayana- als auch in den Theravada-Versionen, präsentiert zweiundsechzig falsche Sichtweisen (tib. lta-ba ngan-pa, verwerfliche Sichtweisen), die von den achtzehn nicht-buddhistischen Extremisten (tib. mu-stegs, Skt. tirthika) vorgebracht wurden. Obwohl die zwei Versionen leicht unterschiedliche Listen präsentieren, basieren alle zweiundsechzig falschen Sichtweisen auf der Betrachtung des Selbst oder der „Seele“ einer Person (tib. gang-zag-gi bdag) als eigenständig erkennbar (tib. rang-rkya thub-pa‘i rdzas-yod) und das Universum als wahrhaft existent (tib. bden-par grub-pa).

Die achtzehn falschen Sichtweisen, welche die Vergangenheit und Gegenwart betreffen

Achtzehn der zweiundsechzig falschen Sichtweisen betreffen die Vergangenheit und die Gegenwart, welche von der Vergangenheit herrührt. Die Vergangenheit betrachtend und abhängig davon, wie weit in die Vergangenheit die Befürworter sehen können oder welche Ebenen sie sehen können, gibt es:

(1) Vier Befürworter der Ansicht, dass das Selbst in der jetzigen Wiedergeburt (zum Beispiel als langlebiger Gott) ewig (endlos) ist und das Universum ebenso.

(2) Vier Befürworter der Ansicht, dass einige Wesen in ihren spezifischen Wiedergeburtszuständen und einige Aspekte des Universums kein Ende haben und einige ein Ende haben.

(3) Zwei Befürworter der Ansicht, dass das Selbst in seinem jetzigen Wiedergeburtszustand keine Ursache hat. Die Pali-Version erklärt, dass sie annehmen, dass dieses zufällig passiert.

(4) Vier Befürworter der Ansicht, dass das Universum endlich ist, unendlich, beides ist oder keines von beiden ist.

(5) Vier Befürworter winden sich wie ein Aal und geben irrelevante Antworten. Werden sie gefragt, ob es die konstruktiven Handlungen sind, die Glück bringen und destruktive Handlungen Leid bringen, sagen sie, dass das Selbst sich von nichts mehr zu befreien hätte oder etwas aufgeben müsse, wenn es auf einer reinen Ebene sei. Die Pali-Version erklärt, dass diese ausweichend antworten, weil sie die Antwort nicht kennen und Angst vor einer Debatte haben.

Die vierundvierzig falschen Sichtweisen die Zukunft betreffend

Dann gibt es vierundvierzig falsche Sichtweisen über die Zukunft. Es sind dies:

(6) Sechzehn Befürworter eines eigenständig erkennbaren Selbst, das nach dem Tod noch Gewahrsein hat. Ihre Positionen sind so, dass ein Selbst nach dem Tod:

  • Form besitzt (Pali: materiell ist), keine Form hat (immateriell ist), beides hat oder keines von beiden hat.
  • Ein Ende hat (nicht ewig ist), kein Ende hat (ewig ist), beides hat oder keines von beiden hat.
  • Vergnügen empfindet, kein Vergnügen (nur Leid) empfindet, beides empfindet oder keines von beiden empfindet.
  • Nur eine Sache wahrnimmt und eintönig ist oder viele Dinge wahrnimmt und vielseitig ist – mit anderen Worten eine begrenzte Wahrnehmung besitzt oder eine Wahrnehmung, die unbegrenzt ist.

(7) Acht Befürworter eines eigenständig erkennbaren Selbst nehmen an, dass es nach dem Tod kein Gewahrsein hat. Ihre Positionen sind so, dass das Selbst nach dem Tod:

  • Form besitzt (Pali: materiell ist), keine Form hat, beides hat oder keines von beiden hat,
  • ein Ende hat (Pali: nicht ewig ist), kein Ende hat, beides hat oder keines von beiden hat.

(8) Acht Befürworter eines eigenständig erkennbaren Selbst nehmen an, dass es nach dem Tod weder Gewahrsein hat noch kein Gewahrsein hat. Ihre Positionen sind derart, dass so ein Selbst nach dem Tod

  • Form hat (Pali: materiell ist), keine Form hat, beides hat oder keines von beiden hat,
  • ein Ende hat (Pali: nicht ewig ist), kein Ende hat, beides hat oder keines von beiden hat.

(9) Es gibt sieben Befürworter des Verlöschens eines eigenständig erkennbaren Selbst. Ihre Positionen sind so, dass ein solches Selbst völlig nicht-existent wird nur nach einer Wiedergeburt als

  • ein Mensch,
  • ein göttliches Wesen (als Gott) auf der Ebene des Sinnenbegehrens (Bereichs des Begehrens),
  • ein göttliches Wesen auf der Ebene der ätherischen Formen (Bereich der Form),
  • ein göttliches Wesen in jeder der vier Abteilungen der Ebene der formlosen Wesen (formloser Bereich) wird.

(10) Fünf Befürworter der Befreiung in diesem Leben nehmen an, dass dies

  • durch Genießen von begehrenswerten Sinnesobjekten in diesem Leben geschieht,
  • durch Erreichen jeder der vier Zustände geistiger Stabilität (vier dhyanas) geschieht.