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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die vierzehn Fragen, auf die Buddha stumm blieb

Alexander Berzin
February 2007
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Es gibt vierzehn unspezifische Punkte (tib. lung-du ma-bstan-pa bcu-bzhi), auf die Buddha, als er gefragt wurde, keine spezifische Antwort gab. Diese Reihe der vierzehn Punkte wird oft als die „ vierzehn Fragen auf die Buddha stumm blieb“ bezeichnet.

Die Mahayana Version

Buddha gab denen, die an ein wahrhaft auffindbar existierendes „Ich“ oder „Selbst“ (tib. bdag, Skt. atman) und ein wahrhaft auffindbar existierendes Universum glaubten, keine Antwort als sie fragten ob das „Ich“, das „Selbst“ und das Universum

  • ewig seien,
  • nicht ewig seien, da sie grober Vergänglichkeit beim Zeitpunkt ihrer Auflösung unterworfen sind,
  • beides seien, in dem Sinn, dass einige Wesen und ihre Umgebung, wie der Schöpfer Brahma und sein Himmel, ewig seien; während alles andere, wie seine Geschöpfe, nicht ewig ist und zur Zeit ihrer Auflösung endet.
  • keines von beiden seien, da es unmöglich sei es zu wissen?

Sind das „Ich“ oder „Selbst“ und das Universum

  • endlich,
  • unendlich,
  • sowohl endlich als auch unendlich in dem Sinne, dass begrenzte Wesen (fühlende Wesen) in ihrer Anzahl unendlich sind, das Universum aber von begrenzter Größe ist,
  • nichts von alledem so sei, da es unmöglich sei es zu wissen?

Existiert das „Ich“ oder das „Selbst“ eines Buddha

  • nach dem Tod weiter,
  • nach dem Tod nicht weiter,
  • sowohl als auch in dem Sinn, dass der Körper nicht weiterbesteht, jedoch die Lebenskraft (tib. srog) weiterbesteht,
  • weder noch ?

Buddha beantwortete das nicht, da es so etwas wie ein wahrhaft auffindbar existierendes „Ich“ oder „Selbst“ weder für begrenzte Wesen (fühlende Wesen) oder einen Buddha gibt und auch nicht so etwas wie ein wahrhaft auffindbar existierendes Universum. Daher ist es sinnlos zu fragen, ob diese Dinge ewig oder nicht ewig sind, endlich oder unendlich. Es ist, als würde man fragen, ob Hasenhörner, Schildkrötenhaare oder Hühnerlippen für immer vorhanden wären oder nur kurzzeitig seien. Würde Buddha sagen, dass das „Ich“ usw. ewig wäre, würden diese Menschen die Position des Ewigkeitsglaubens einnehmen. Würde er sagen, dass sie nicht ewig seien, würden sie die Position des Nihilismus einnehmen, da sie seine Antwort nicht verstehen könnten. Daher war es geschickter, sich auf überhaupt keine Antwort festzulegen.

Denen, die an einen wahrhaft auffindbar existierenden Körper und an eine wahrhaft auffindbar existierende Lebenskraft glauben, antwortete Buddha nicht, als sie fragten, ob der Körper und die Lebenskraft

  • dieselbe Entität seien
  • völlig getrennte oder verschiedene Entitäten seien?

Er blieb aus denselben Gründen stumm, da sie nur alles missverstehen würden, was er sagte.

Die Theravada Version

Eine frühere, abgekürzte Liste von zehn nicht spezifizierten Punkten erscheint im Pali-Kanon, dem „Sutta der kurzen (Unterweisungen) für Malunkya“ (Pali: Cula-Malunkyovada Sutta) innerhalb der Textsammlung„Die Lehrreden des Buddha aus der mittleren Sammlung“ (Pali: Majjhima Nikaya). In dieser Version wurde der Mönch Malunkyaputta fortwährend von metaphysischen Spekulationen während seiner Meditation abgelenkt. Um ihn zu seiner intensiven Meditationspraxis zurückzubringen, blieb Buddha stumm als Malunkyaputta ihn fragte, ob

  • das Universum ewig ist,
  • das Universum nicht ewig ist,
  • das Universum endlich ist,
  • das Universum unbegrenzt ist,
  • ein Buddha nach dem Tod weiter existiert,
  • ein Buddha nach dem Tod nicht weiter existiert,
  • ein Buddha nach dem Tod sowohl weiter existiert und nicht weiter existiert,
  • ein Buddha nach dem Tod weder weiter existiert oder nicht weiter existiert,
  • der Körper und das „Selbst“ dieselbe Entität sind,
  • der Körper und das „Selbst“ völlig getrennte und verschiedene Entitäten sind.