Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Buddhanatur gemäß Gelug-Chittamatra, Svatantrika und Prasangika

Tsenzhab Serkong Rinpoche II

übersetzt von Alexander Berzin

Graz, Österreich, Oktober 2002, überarbeitet Mai 2006

Übersetzung in Deutsche: Karin Behrendt und Monika Dräger

Einleitung

Der tibetische Begriff rigs, der „Kaste“ oder „Familie“ bedeutet, erscheint im Fachbegriff sangs-rgyas-kyi rigs (Buddha-Kaste, Buddha-Familie) und wird gewöhnlich als „ Buddhanatur“ übersetzt. Genauer genommen bedeutet er im Rahmen einer Diskussion über die Buddhanatur einen charakteristischen Zug oder ein Merkmal einer Kaste oder Familie.

Es gibt zwei Arten von Familienmerkmalen:

  • natürlich andauernde Familienmerkmale (tib. rang-bzhin gnas-rigs),

  • sich entwickelnde Familienmerkmale (tib. rgyas-‘gyur-gyi rigs).

Über Buddhanatur wird nur in den Mahayana-Schulen der indischen Lehresysteme gesprochen, nämlich im Chittamatra, Svatantrika-Madhyamaka und Prasangika-Madhyamaka. Jede dieser Lehrrichtungen interpretiert Buddhanatur auf eine andere Weise. Hier werden wir einige der grundlegenden Unterschiede betrachten, und zwar aus dem Blickwinkel der Gelug-Präsentation.

Chittamatra

Im Allgemeinen spricht die Chittamatra-Lehrrichtung von drei Hauptkasten oder -familien:

  • die Shravaka-Familie der Hörer der Lehren des Buddha

  • die Pratyekabuddha-Familie der Alleinentwickler

  • die Bodhisattva-Familie.

Gemäß dem Chittamatra sind die natürlich andauernden Familienmerkmale die Samen (tib. sa-bon), die anfangslos der Basis des befleckten Geistes eines jeden begrenzten Wesens (fühlenden Wesens) zugeschrieben werden können und die als Faktoren dienen, welche diesem Wesen ermöglichen, einen von drei gereinigten Zuständen (tib. byang-chub, Skt. bodhi) zu erlangen. Die gereinigten Zustände sind die eines Arhat (befreiten Wesens) – entweder eines Shravaka-Arhat oder Pratyekabuddha-Arhat – oder der eines erleuchteten Wesens (Bodhisattva-Arhat, Buddha).

Die sich entwickelnden Familienmerkmale sind die Samen, die durch das Hören, Kontemplieren oder Meditieren über die Lehren des Buddha neu erworben wurden und die der Basis des befleckten Geistes eines jeden begrenzten Wesens zugeschrieben werden können. Sie dienen als Faktoren, die es diesem Wesen ermöglichen, Arya-Arten von Pfadgeist (tib. ‘ phags-lam) in der Kategorie von Shravakas, Pratyekabuddhas oder Bodhisattvas zu erlangen. Die Arya-Arten von Pfadgeist sind Arten des Pfadgeistes des Sehens (Pfad des Sehens), des Pfadgeistes des Gewöhnens (Pfad der Meditation) und des Pfadgeistes, der keines weiteren Trainings mehr bedarf (Pfad des nicht mehr Lernens).

Ein Fahrzeug oder drei letztendliche Fahrzeuge des Geistes

Innerhalb der Chittamatra-Schule akzeptieren sowohl die Anhänger der Schriften (tib. lung-gi rjes-‘brang-gi sems-tsam-pa) als auch die Anhänger der Logik (tib. rigs-pa’i rjes-‘ brang-gi sems-tsam-pa) die vorausgegangenen Standpunkte, unterscheiden sich jedoch in weitergehenden Details.

Chittamatra-Anhänger der Schriften vertreten, dass es zusätzlich zu begrenzten Wesen der Shravaka-, Pratyekabuddha-, oder Bodhisattva-Familien Personen von ungewissen Familien und Personen ohne Familien gibt.

  • Personen von ungewissen Familien sind jene begrenzten Wesen, die natürlich andauernde Familienmerkmale haben, aber nicht spezifisch der Shravaka-, Pratyekabuddha- oder Bodhisattva-Kategorie angehören.

  • Personen ohne Familien sind jede begrenzten Wesen, deren natürlich andauernde Familienmerkmale durchtrennt sind, entweder vorübergehend oder für immer. Ganz gleich wie viele sich entwickelnde Merkmale sie aufbauen mögen, nachdem sie die Wurzeln ihrer positiven Kräfte (tib. dge-ba’i rtsa-ba) (Äquivalent für natürlich andauernde Familienmerkmale) durchschnitten haben, können sie nie Entsagung entwickeln und Befreiung erlangen.

Die Anhänger der Schriften vertreten, dass unter den Shravaka- und Pratyekabuddha-Arhats, die Nirvana mit Überrest erreicht haben (tib. lhag-bcas-kyi mya-ngan-‘das), einige den Bodhisattva-Pfad betreten und andere es vorziehen können, ihn nicht zu betreten. Sind diese Arhats aus dem Leben, in dem sie Arhatschaft erlangt haben, dahingeschieden – mit anderen Worten, haben sie einmal Nirvana ohne Überrest erlangt (tib. lhag-bcas-kyi mya-ngan-‘das), sind sie nicht mehr in der Lage, den Bodhisattva-Pfad zu betreten. Daher sprechen die Chittamatra-Anhänger der Schriften von drei letztendlichen Fahrzeugen des Geistes (tib. mthar-thug theg-pa, letztendliche Fahrzeuge) – Shravaka-, Pratyekabuddha- und Bodhisattvayana. Mit anderen Worten, sie vertreten, dass es drei letztendliche Ziele gibt, die erreicht werden können und dann für immer andauern – Shravaka-Arhatschaft, Pratyekabuddha-Arhatschaft und Buddhaschaft.

Die Chittamatra-Anhänger der Logik akzeptieren nicht, dass irgendjemandes Wurzel der positiven Kraft vollkommen durchschnitten werden kann. Daher vertreten sie nicht, dass es begrenzte Wesen ohne Familie gibt. Darüber hinaus sprechen sie von nur einem letztendlichen Fahrzeug des Geistes. Daher werden alle Shravaka- und Pratyekabuddha-Arhats, selbst nachdem sie Nirvana ohne Überrest erlangt haben, irgendwann Bodhichitta entwickeln und den Bodhisattva-Pfad einschlagen. Das einzige Ziel, das für immer andauert, ist Buddhaschaft.

Svatantrika-Madhyamaka

Gemäß Svatantrika-Madhyamaka sind die natürlich andauernden Familienmerkmale die Leerheiten (tib. chos-nyid, tatsächliche Natur), die man der Basis des befleckten Geists eines jeden begrenzten Wesens beifügen kann.

Die sich entwickelnden Familienmerkmale sind die Faktoren, die der Basis des befleckten Geists eines jeden begrenzten Wesens zugeschrieben werden können und die dazu geeignet sind, die essentielle Natur (tib. ngo-bo ‘gyur-rung) eines tiefen Gewahrseins-Dharmakaya (tib. ye-shes chos-sku) zu werden.

Ein Ganzes beruht auf seinen Teilen und etwas Allgemeines oder Kollektives hängt von den individuellen Dingen ab, die es enthält. Ein befleckter Geist, als etwas Kollektives oder Ganzes, beruht auf Greifen nach wahrer Existenz (tib. bden-‘dzin) als einem der individuellen Dinge oder Teile, aus denen er besteht. Nichtsdestotrotz ist das Greifen nach wahrer Existenz nicht dazu geeignet, die essentielle Natur eines Dharmakaya des tiefen Gewahrseins zu werden. Nur das erleuchtungsbildende Netzwerk des tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes-kyi tshogs, Ansammlung der Weisheit), aufgebaut durch völlige Vertiefung in Leerheit, frei vom Greifen nach wahrer Existenz, ist ein sich entwickelndes Familienmerkmal.

Daher lässt sich ein tatsächliches erleuchtungsbildendes Netzwerk von tiefem Gewahrsein der Basis eines befleckten Geistes als ganzem zuschreiben – sobald das geistige Kontinuum dieses Geistes einen Mahayana-Pfad des Aufbauens (Pfad der Ansammlung) erreicht hat. Dennoch kann es nicht der Basis des Greifens nach wahrer Existenz zugeschrieben werden, das im Kontinuum dieses befleckten Geistes beinhaltet ist.

[Siehe: Die zwei erleuchtungsbildenden Netzwerke (die zwei Ansammlungen) .]

Prasangika-Madhyamaka

Gemäß Prasangika-Madhyamaka sind die natürlich andauernden Familienmerkmale die Leerheiten, die der Basis des befleckten Geists eines jeden begrenzten Wesens zugeschrieben werden können. Das ist dasselbe wie die Svatantrika-Madhyamaka-Darstellung, davon abgesehen, dass die Darstellung der Leerheit anders ist.

Die sich entwickelnden Familienmerkmale sind die Faktoren, die der Basis des befleckten Geists eines jeden begrenzten Wesens zugeschrieben werden können und die dazu geeignet sind, die essentiellen Naturen der Buddhakörper zu werden, die beeinflusste (bedingte) Phänomene sind. Hier beinhalten die Buddhakörper nicht nur den Dharmakaya des tiefen Gewahrseins, sondern auch die Formkörper (Skt. rupakaya) eines Buddha, den das begrenzte Wesen erreichen wird. Daher beinhalten die sich entwickelnden Familienmerkmale die tatsächlichen erleuchtungsbildenden Netzwerke von sowohl tiefem Gewahrsein als auch positiver Kraft (Ansammlung von Verdienst) die der Basis des befleckten Geists eines jeden begrenzten Wesens zugeschrieben werden können, wenn dieses Wesen einen Pfadgeist des Aufbauens (Pfad der Ansammlung) erlangt hat.