Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Buddhanatur – Erster Tag einer Vortragsreihe über das „Uttaratantra“

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Bodh Gaya, Indien, 17. Januar 1982
übersetzt von Alexander Berzin, überarbeitet im Januar 2008
[mit erklärenden Anmerkungen, gekennzeichnet in violetter Farbe in eckigen Klammern]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil Eins: Erörterung des Hintergrunds

Heute sind wir an einem sehr besonderen Ort zusammengekommen , in Bodh Gaya, derjenigen Stätte in Indien, wo der kundigste, mitfühlende und liebevolle universelle Lehrer Buddha Shakyamuni seine Erleuchtung verwirklichte.

Die Dharma-Lehre, mit der wir uns zu dieser Gelegenheit hier beschäftigen werden, ist eine, die der glorreiche Maitreya verkündete, der Buddha, der die Zukunft mit seinem leitenden Licht erhellen wird und der unser fünfter universeller spiritueller Anführer sein wird. Er verfasste drei lange und zwei kurze Texte, die zusammen als „Die fünf Dharma-Texte von Maitreya“ bekannt sind. Während der kommenden Tage werde ich einen davon erörtern, die Abhandlung mit dem Titel „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ (tib. rGyud bla-ma, Skt. Uttaratantra).

Die erhabenen Texte handeln von einer sicheren Ausrichtung im Leben (Zuflucht) und von der Basis unseres geistigen Kontinuums, welche uns die Verwirklichung des höchsten Zustands der Erleuchtung ermöglicht, nämlich von der Buddhanatur. Mit anderen Worten: das Thema, um das es hier geht, ist die Basis, auch als „Gebärmutter“ bezeichnet, die es allen Buddhas in der Vergangenheit möglich machte, fortzuschreiten und den Zustand ihrer Verwirklichung zu erreichen, und die es auch Menschen wie uns in der Zukunft ermöglicht, völlige geistige Klarheit zu erlangen und uns zur Vollkommenheit zu entwickeln wie ein Buddha. Die Fachausdrücke für Buddhanatur lauten „Quelle“ (Skt. dhatu), „Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“ (Skt. tathagata-garbha), „Gebärmutter, die den glückselig Gegangenen“ (Skt. sugata-garbha) und „Familienmerkmal eines Buddha“ (Skt. buddhagotra). Weil er ein so besonderes und wichtiges Thema wie dieses erörtert, ist dieser Text „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ wahrhaftig einer der größten buddhistischen Klassiker aller Zeiten.

Motivation

Alle von uns, die heute hier zusammengekommen sind, sind Individuen, die glücklich sein möchten und keine Probleme wünschen. Überdies haben wir unser Leben, solange es bisher gedauert hat, bis jetzt damit verbracht, verschiedene Anstrengungen zu unternehmen, um den Frieden und das Glück, das wir ersehnen, herbeizuführen und unerwünschte Probleme zu beseitigen. Und nicht nur das, sondern wir haben seit anfangslosen früheren Leben bis jetzt immer mit dem Gedanken gelebt: „Möge ich glücklich sein, und möge ich frei von Problemen sein“. Darauf beruhend hat jeder von uns gedacht: „ Wenn ich diese Methode anwende, werde ich das Glück erreichen und wenn ich jener Methode folge, meine Probleme loswerden“. So haben wir alle bisher nach unseren verschiedenen Vorstellungen und Ideen gelebt, was die wirksamsten Mittel sind, das zu bewerkstelligen.

Nun sind wir als menschliche Wesen am Leben, und unter all den Menschen, die je gelebt haben, sind wir Menschen, die in einer Zeit großer Fortschritte in der Welt leben, welche sowohl die äußere als auch die innere Ebene der Menschheit betreffen. Wie am Beispiel rühriger Unternehmungen in verschiedenen Ländern ersichtlich ist, gab es sowohl äußere, materielle als auch innere Fortschritte bei Wissen und Fähigkeiten. Doch trotz all dieser äußeren und inneren Fortschritte ist noch nicht die tiefste Ebene von geistigem Glück und Frieden des Geistes erlangt, aufgrund derer wir nie mehr ängstlich oder nervös sein müssten und all unsere Wünsche für Glück erfüllt sein würden, oder? Auch wenn wir nur uns selbst betrachten, haben wir immer noch nicht wirkliche, letztendliche Befriedigung des Geistes erreicht, ganz gleich, welche ausgeklügelten Techniken, denen die Menschen im allgemeinen folgen, wir bis jetzt ausprobiert haben. Ebenso wenig haben wir das sichere Gefühl von einer tiefsten Ebene geistigen Glücks und von Frieden des Geistes erreicht, sodass wir nie mehr irgendwelche Probleme oder Sorgen haben würden. Das ist bei uns selbst so, und ganz gleich, wen wir als Beispiel heranziehen, niemand hat durch Anwendung der allgemein üblichen Methoden zur Problemlösung und zum Glücklichwerden wirklich den Punkt erreicht, dass er oder sie mit dem Glück zufrieden ist, das man sich ersehnt hat, und sich nie wieder über etwas Sorgen zu machen braucht. So jemanden sehen wir nirgends, stimmt‘s? Soviel ist gewiss, oder? Da es sich so verhält, ist das, worüber wir nachdenken und was wir untersuchen sollten, ob es irgendeine andere Methode als diejenige gibt, mit der die Menschen im allgemeinen versuchen, ihre Probleme zu lösen und glücklich zu werden. Sind das die einzigen Möglichkeiten, die uns zugänglich sind, oder gibt es noch etwas Anderes?

Nun, wir alle möchten glücklich sein und keine Probleme haben oder Leiden. Wäre es aber so, dass es als Methoden, um Glück zu erlangen und Probleme auszuschalten, keine anderen Mittel gäbe, als Vorräte und Reichtum anzuhäufen – auf der inneren Ebene Wissen und Fähigkeiten zugunsten der eigenen Vorhaben und Bemühungen und auf der äußeren Ebene Geld, um sich materiell zu verbessern -, wenn wir sagen müssten, dass es keine anderen Methoden als diese gäbe, dann ließe sich nichts machen. Wenn man zum Beispiel sein Feld bepflanzt und eine Missernte erlebt, so ist das eben naturbedingt, man kann es nicht ändern und es hilft nichts, zu hadern. Es verhielte sich allgemein genauso wie in diesem Beispiel. So viele Probleme und Leiden treffen uns, und das Glück, das wir uns wünschen, kommt nie zustande. Doch wenn man nichts daran ändern könnte, dann hätte es keinen Sinn, sich wegen unterschiedlicher Methoden den Kopf zu zerbrechen oder sich neue Entwürfe auszudenken. Es wäre besser, sich einfach damit abzufinden, mag uns auch elend zumute sein, und still zu sein. Aber so ist es nicht.

Lassen Sie uns nicht nur über eine einzelne Person nachdenken, sondern über die Art und Weise, wie die Welt zustande kam. Wenn wir mehr darüber nachdenken, merken wir, dass sich die äußere Umgebung und alle Lebensformen darin in Abhängigkeit von Ursachen und Umständen entwickelt haben. Als Ursachen und Bedingungen zusammenkamen, die für dessen Entwicklung förderlich waren, entstand etwas, und wenn die Bedingungen dessen Lebenserhalt entgegenstanden, verschwand es. Auf der Grundlage einer solchen Situation findet Entstehen und Vergehen von etwas statt, korrekt? Die Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen ist es, aufgrund derer alles entsteht und verschwindet.

Da dem so ist, geschah es – wie im Beispiel der Evolution sowohl der belebten als auch der unbelebten Welt – nicht aus unserem eigenen inneren Wissen und unseren Fähigkeiten heraus, dass die Welt zustande kam oder hervorgebracht wurde. Es war nicht so, dass die Welt geschaffen wurde, weil eine Menge materieller Objekte zusammengebracht wurden. Die physische Welt und die Lebewesen darin entstanden nicht durch eine unternehmerische Anstrengung auf einer inneren Ebene des Wissens und der Fähigkeit und auch nicht durch eine ähnliche Anstrengung auf äußerer Ebene durch materielle Objekte, nicht wahr?

Denken wir in Richtung dieses Beispiels der Evolution der Welt weiter. Wenn es keine anderen Ursachen und Bedingungen als die heute verwendeten Methoden gäbe, so wäre es nicht möglich, dass die Welt – nur auf der Grundlage der gegenwärtig üblichen Methoden als Ursachen und Bedingungen - hätte erschaffen oder zerstört werden können. Gut, falls massive Nuklearwaffen zum Einsatz kämen, ist es anscheinend möglich, dass wir sie zerstören können. Aber wenn wir darüber nachdenken, wie die Welt anfänglich entstanden ist – ohne das den Kategorien entweder eines einfachen materiellen Objekts oder einer Fähigkeit des Wissens zuzuordnen -, so wird deutlich, dass dies nicht durch eine unternehmerische Anstrengung von Wissen und Fähigkeiten geschah, nicht durch unternehmerische Anstrengungen mit materiellen Objekten. Also muss es notwendigerweise andere Ursachen und Bedingungen gegeben haben. Es muss andere Faktoren gegeben haben, die das bewirkt haben. Das können wir als sicher annehmen, nicht wahr?

Wir selbst sind, allgemein gesprochen, Phänomene, die aus bestimmten Umständen entstanden sind, Phänomene, die sich verändern und dann vergehen, Phänomene, die von Bedingungen abhängen. Wir sind alle entstanden und leben weiter in Abhängigkeit von vielen Ursachen und Bedingungen. Da dies der Fall ist, basiert unser ersehntes Glück und basieren unsere ungewollten Probleme also in diesem Rahmen, in Verbindung mit uns, ebenso auf Ursachen und Bedingungen. Beide sind von Ursachen und Bedingungen abhängig.

Was nun diese Ursachen und Bedingungen betrifft, so gibt es, wie ich eben erklärt habe, ein Erreichen von Glück und Eliminieren von Problemen nicht allein beruhend auf der Kraft materieller Objekte oder allein aufgrund irgendeines Wissens oder einer Fähigkeit. Da dem so ist, könnten wir uns fragen, welche andere Methode als diese es gibt, wie es denn anders sein könnte. In Beantwortung dieser Frage können wir eine Situation in Erwägung ziehen, in der eine andere Denkweise hervortritt als die bei den meisten Menschen allgemein übliche, eine Denkweise, die dieser entgegensteht und darüber hinausgeht, und so kommen wir zu der Darstellung von Dharma, den vorbeugenden geistigen Maßnahmen.

Heute sind wir nun alle in Bodh Gaya in einer großen Versammlung zusammengekommen, und zwar nicht, weil hier eine große Show veranstaltet wird. Sie sind nicht hierhergekommen, weil ich eine Vorstellung geben werde, weil ich ein begnadeter Unterhalter, Schauspieler oder Musiker bin. Sie kamen doch nicht, weil sie eine Show sehen wollen, oder? Und sie kamen wohl auch nicht, etwa, weil der Dalai Lama Hörner eines Hasen am Kopf hat, also um irgendeine seltsame Art von Mensch zu betrachten wie in einem Zoo oder einer Zirkus-Vorführung, oder? Sie kamen wohl auch nicht, weil sie gratis Waren einsammeln wollten, die ausgegeben werden, oder? Sie kamen vermutlich nicht wegen des vorzüglichen Essens in Bodh Gaya oder der bequemen Hotels und auch nicht der wunderschönen Picknickplätze wegen, oder? Warum sie hierhergekommen sind, ist, um etwas über spirituelle Angelegenheiten zu hören. Sie haben vom Dharma gehört, es blieb in ihrem Geist hängen und sie sind froh darüber. Das ist der Grund, warum Sie sich alle hier in Bodh Gaya eingefunden haben.

Die mündliche Übertragungslinie und die Kommentare, denen die Erklärungen folgen

Was die spirituellen Meister betrifft, von denen ich die mündliche Übertragung der „Fünf Dharma-Texte von Maitreya“ erhalten habe, so habe ich diejenige des „Filigranschmucks der Verwirklichungen“ (Skt. Abhisamayalamkara) sowie die Übertragung von [Haribhadras] „Kommentar, der die Bedeutung erklärt“ von Yongdzin Ling Rinpoche bekommen. Yongdzin Ling Rinpoche erhielt die Übertragung des „Filigranschmucks der Verwirklichungen“ zusammen mit derjenigen des „Kompendiums der Sutras“ von Chöne Lama Rinpoche und diejenige von [Haribhadras] „Kommentar, der die Bedeutung erklärt“ von Minyag Rinpoche von Kumbum. Die anderen vier Texte von Maitreya wurden mir von Kunu Lama Rinpoche, Gen Rigdzin-tenpa, übertragen, der die Übermittlung von Morchog Rinpoche erhielt. Das ist meine Überlieferungslinie.

Ich werde diesen Klassiker anhand des Grundtextes erklären, und da ich mit dem

Text „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ nicht so sehr vertraut bin, habe ich einige Kommentare dazu durchgesehen. Um die Bedeutung nur kurz gefasst zu erklären, gibt es kurze Anmerkungen dazu von [dem Nyingma-Meister] Kenpo Zhenga, die eine traditionsübergreifende Erklärung des Textes bilden. Sie sind sehr komprimiert, und da sie so kurz sind, ist es schwierig, allein auf ihrer Grundlage zu entschiedenen Schlüssen über die Bedeutung zu kommen. Nichtsdestoweniger habe ich mir diese Anmerkungen ein wenig angesehen. Ein Kommentar, den der Bodhisattva von Ngulchu, [der Sakya-Meister] Togme Sangpo verfasste, erklärt den Text vom Gesichtspunkt des Sutra aus und behandelt nur den Grundtext selbst. Er ist sehr gut und ich habe auch ihn etwas angesehen. Dann gibt es noch „Eine gründliche Erklärung des ‚weitest gehenden, immer währenden Kontinuums‘“ von [einem anderen Sakya-Meister,] Rongtön Sheja-Künrig. Er ist wirklich sehr belesen. Es gibt da verschiedene schwierige Punkte in Bezug auf die Buddhanatur, über die verschiedene gelehrte Meister verschiedener Meinung sind und die sie etwas unterschiedlich erklärten; und der Kommentar von Rongtön ist wirklich ein professioneller und gelehrter Text. Daher habe ich auch diesen ein wenig durchgesehen.

Des Weiteren gibt es einen Kommentar von dem kostbaren [Sakya-Meister und Verfasser von Enzyklopädien] Butön Rinpoche [„Ein Schmuck, der den Schoß erklärt, welcher den glückselig Gegangenen enthält“], der zwar eigentlich kein Kommentar zu „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ ist, aber viele Quellen aus Buddhas Sutras erwähnt, die dasselbe Thema erläutern. Dazu gehören das „Das Sutra über die Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“ (Skt. Tathagatagarbha Sutra, „Sutra über die Buddhanatur“) und „Das Sutra vom großen Seidenband für die dreitausend (Weltensysteme)“ . Auf der Grundlage dieser Zitate widerlegt Butön, dass die Buddhanatur etwas wäre, das beständig bleibt, feststehend ist und wahre, nicht zugeschriebene Existenz hat. Auch da habe ich hineingeschaut.

Überdies gibt es den „ Kommentar zum ‚Weitest gehenden, immer währenden Kontinuum‘“ des universell weisen [Gelug-Meisters] Gyaltsab Je, der sich sowohl auf den Grundtext als auch auf dessen Erklärung seitens des höchst erkenntnisreichen Arya Asanga bezieht. Dies ist der ausführlichste und entscheidende Kommentar. Zusätzlich gibt es noch eine Erklärung namens „Der unbezwingbare Ruf des Löwen: Ein Kommentar zum ‘weitest gehenden, immer währenden Kontinuum‘“ von [dem Rime-Meister] Kongtrül Yönten Gyatso, der den Text erörtert, indem er die Sicht der Leerheit von Anderem (zhen-tong) zum wesentlichen Thema macht. Grundsätzlich sagt er aus, dass die früheren Kommentare, die den Text im Zusammenhang mit den Sutras erklärten, gut seien, dass aber die Sicht der Leerheit von Anderem, wie sie von dem universell weisen [Dritten Karmapa] Rangjung Dorje und [den Jonang-Meistern] Dolpopa und Taranatha erklärt wurde, überragend sei.

Viele hervorragende, gelehrte tibetische Meister der Vergangenheit haben eindrucksvolle Widerlegungen jener Ansicht der Leerheit von Anderem verfasst. Selbst zahlreiche gebildete Meister der Sakya-Tradition [innerhalb derer sich die Jonang-Tradition entwickelte] haben ebenfalls solche Widerlegungen verfasst. Der überaus gelehrte Panchen Shakya Chogden zum Beispiel [der eine Ansicht vertrat, die Ähnlichkeiten mit derjenigen der Leerheit von Anderem aufwies], sagte, dass die Ansicht der Leerheit von Anderem nicht zur Darlegung der drei immer währenden Kontinua der glorreichen Sakya-Lehren vom Pfad und seinen Ergebnissen (lam-dre) gehört. Sogar innerhalb der Sakya-Tradition haben also viele gelehrte Meister Widerlegungen der Leerheit von Anderem geschrieben. Auf jeden Fall ist es eine Tatsache, dass viele unvoreingenommene, gebildete Meister in Tibet jene Position zurückgewiesen haben, die mit dem Namen „Leerheit von Anderem“ bezeichnet wurde.

Nun waren der umfassend weise Dolpopa und andere sowie auch die Quelle, von der diese Ansicht ausging, nämlich Yumo Mikyö Dorje, der als Yogi des Kalachakra berühmt war, geheiligte Meister. Sie hatten ihre eigenen individuellen Wege innerer Praxis. Nichtsdestotrotz sind die Arten, wie sie ihre Erkenntnisse zeigten, eine ganz andere Angelegenheit. Wir können nicht sagen, was die eigentliche Bedeutung war, die sie im Sinn hatten. Die beabsichtigte Bedeutung, die hinter einem Text steht, kann sehr unterschiedlich sein von derjenigen, die durch die Worte vermittelt wird, in denen der Text geschrieben ist. Es gibt auch viele Menschen, die Erkenntnisse dadurch gewonnen haben, dass sie Praktiken umgekehrt durchführten.

Jonang Taranatha beispielsweise war wirklich ein erhabener Meister, jemand, der eine hohe Ebene der Erkenntnis erreicht hatte. Dies ist aus der erhellenden Biographie ersichtlich, die [der Gelug-Meister] Segyu Konchog Yarpel über ihn schrieb. Spätere Generationen erinnerten sich an ihn als „Taranatha, den verwirklichten Körper“, eine Bezeichnung mit der Bedeutung, dass jemand sehr hohe Erkenntnisse erlangt hat, tatsächlich Kräfte außersinnlicher Wahrnehmung besitzt und die Grenzen der Vorstellungskraft überschreitet. Auch wenn die Erkenntnisse im erleuchtenden Geist solcher geheiligten Meister jenseits des Vorstellungsbereichs liegen, ist es jedoch eine ganz andere Angelegenheit, wenn wir ihre Sprechweise betrachten.

Ich habe zum Beispiel einen Text über Kalachakra gelesen, der von Dharmeshvara, dem geistigen Sohn von Yumo Mikyö Dorje, geschrieben wurde. In diesem Text schreibt er, dass die Erklärungen und Kommentare des höchst gelehrten Nagarjuna, die in Übereinstimmung mit der Absicht der mittleren Runde der Übermittlung des Dharma stehen, eine äußerst nichtswürdige Ansicht der Realität darstellen. Er sprach von ihnen mit derart abfälligen Worten. In Werken über die Leerheit von Anderem wie demjenigen des spirituellen Sohnes Dharmeshvara scheint es also, als wären die Absichten der mittleren Runde von Dharma-Übermittlung inakzeptabel und nur die letzte Runde der Dharma-Übermittlung gültig. Sie besagen, dass die Selbst-Leerheit, die bei der Gelegenheit der mittleren Runde der Dharma-Übermittlung dargelegt wurde, die Leerheit bzw. Abwesenheit von absolut allem ist, mit anderen Worten ein totales Nichts. Deswegen sehen sie sie als verächtlich an. Und sie behaupten, dass die Buddhanatur, die Quelle angemessenen Fortschritts zur Erleuchtung, statisch, unveränderlich und wahrhaft, nicht auf zugeschriebene Weise, existent sei. Das geht ganz und gar nicht. Zu diesen Punkten haben dann zahlreiche unvoreingenommene, gelehrte Meister in Tibet Widerlegungen geschrieben.

Auch [der Nyingma-Meister] Kenpo Zhenga zum Beispiel wies diese Ansicht der Leerheit von Anderem zurück. Ich denke, weil einige gelehrte Meister von einst etwas geschrieben hatten, das unvernünftig war, war es schwierig, das auf eine annehmbare Weise mit den Absichten der Sakya-, Kagyü-, Gelug- und Nyingma-Dzogchen-Traditionen in Übereinstimmung zu bringen. Die gelehrten Meister früherer Tage [die die Art und Weise widerlegten, wie einige Meister die Position der Leerheit von Anderem erklärt hatten] hatten den Sinn der erleuchtenden Sprache des Buddha erkannt. Daher schätzten sie aufgrund ihres Wissens, was hervorragend und was abgründig war, bestimmte Aussagen höher bzw. niedriger ein. Ihre Art, Widerlegungen zu schreiben, bestand nicht darin, etwas als höher oder niedriger zu beurteilen, ohne zu wissen, welche Aussagen überragend und welche abgründig waren, nicht wahr? So sieht die Lage im Hinblick auf die Ansicht der Leerheit von Anderem aus.

Dem Werk von Kongtrul Yönten Gyatso folgend, verfasste dann der allumfassend weise [Nyingma-Meister] Mipam einen „Kommentar zum ‚weitest gehenden, immer währenden Kontinuum‘“ sowie eine Schrift namens „Der Ruf des Löwen: Die große (Sammlung) Tausender von Punkten in Bezug auf die Gebärmutter, die den glückselig Gegangenen enthält“. In diesen klassischen Werken erklärt Mipam den Text im Sinne einer Kombination der mittleren und letzten Runde der Dharma-Übermittlung. Er spricht von einer Buddhanatur, die die erleuchtenden Qualitäten eines Buddha als potenzielle Fähigkeiten bzw. Samen enthält, und die eine wirkliche Natur hat, welche durch nichts beeinflusst wird. Er bekundet jedoch nichts anderes als eine Buddhanatur, die ohne wahrhafte, nicht zugeschriebene Existenz ist und behauptet keineswegs, dass sie als wahrhafte und nicht zugeschriebene Existenz erwiesen wäre. Da seine Erklärung die Absicht der mittleren Runde der Dharma-Übermittlung in sich vereint und Buddha in der mittleren Runde erklärte, dass alle Phänomene ohne inhärent auffindbare Existenz sind, macht dieser allwissende Meister auch bezüglich der essenziellen Faktoren der Buddhanatur davon keine Ausnahme. Er sagt also, dass die Faktoren der Buddhanatur in ihrer eigentlichen Natur ohne wahrhafte, nicht zugeschriebene Existenz sind. Somit ist seine Erklärung sinnvoll und nichts, was von Unvernunft geläutert werden müsste.

Ich habe mir solche Kommentare wie diese angesehen, allerdings nur in groben Zügen, und ich kenne sie nicht in all ihren tiefgründigen Einzelheiten. Überdies hatte ich nicht die Zeit und meine Intelligenz reicht dafür nicht aus. Trotzdem habe ich sie in der wenigen Zeit, die ich hatte, überflogen. Die Art und Weise, wie ich den Text während der nächsten Tage erklären werde, wird ein Wort-für-Wort-Kommentar sein, der an einigen Stellen auf den Erklärungen des allumfassend weisen Rongtön beruht, weil diese einfach zusammenzufügen sind. An einigen Stellen werde ich sie im Sinne dessen erklären, was Gyaltsab Je in seiner allumfassenden Weisheit gesagt hat, weil es beweiskräftig ist. Dies sind die Kommentare, auf die ich mich in meinen Erklärungen stützen werde, und die Art und Weise, wie sie sich daraus herleiten.

Immer währende Kontinua in Sutra und Tantra

Die kostbare Arbeit von Gyaltsab Je befasst sich vorwiegend mit den wesentlichen Faktoren der Buddhanatur und erörtert sie ausschließlich im Sinne der Sutras. Sie widmet sich nicht der Art und Weise, wie diese Faktoren in der Tradition des geheimen Mantra erörtert werden, bzw., genauer gesagt, in der Tradition der höchsten Klasse des Tantra, dem Anuttarayoga.

Der Begriff „Immer währendes Kontinuum“ (Skt. tantra) hat viele Bedeutungen. Wenn in der Tradition des geheimen Mantra immer währende Kontinua erwähnt werden, bezieht sich das auf Phänomene, die kontinuierlich weitergehen. Und es gibt die Darstellung dreier immer währender Kontinua, der Kontinua von Basis, Pfad und Ergebnis, nicht wahr? Wenn zum Beispiel in den glorreichen Sakya-Lehren über die Pfade und ihre Ergebnisse drei immer währende Kontinua dargestellt werden, schließen sie das ursächliche immer währende Kontinuum des alaya ein, die allumfassende Grundlage. Natürlich tauchen in den Werken der gelehrten Sakya-Meister einige Unterschiede auf, zum Beispiel in den „Anmerkungen zu den Pfaden und ihren Ergebnissen“ von Kyentse Wangchug und in einem Text gleichen Namens von Mangto Ludrub Gyatso. Wenn es um den Punkt der Identifizierung bzw. Erkennung der allumfassenden Grundlage geht, unterscheiden sich die gelehrten Meister von früher offensichtlich in ihren Erklärungen. Jedenfalls gibt es Arten, die immer währenden Kontinua in Verbindung mit den Tantras zu erklären und solche, die sie ausschließlich im Zusammenhang mit den Sutras erörtern. Ich werde diesen Klassiker also erklären, indem ich in groben Zügen diesen Kommentaren folge.

Der Aufbau des Textes

Die heiligen Werke, mündlich übermittelt durch den Würdenträger des siegreichen Buddhas, unser leitendes Licht Maitreya, wie der „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ und „Schmuck der Mahayana-Sutras“ haben ihre eigene, besondere, außergewöhnliche Art des Ausdrucks, nicht wahr? Sie weisen zuerst in Form zusammenfassender Verse, fast skizzenhaft, auf das Thema hin, und in der anschließenden Behandlung eines jeden Punktes daraus bieten sie eine kurze Angabe, eine ausführliche Erklärung und dann einen verkürzten Rückblick auf die Bedeutung. Dies ist nicht in jedem Abschnitt von „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ der Fall, aber abgesehen von wenigen Ausnahmen wird diese Struktur für fast alle Punkte verwendet.

„Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ ist ebenso gestaltet. Jedes Kapitel legt seine Hauptpunkte in einem Überblick dar und führt dann weiter, in dem sie erläutert werden. Diese Vorgehensweise findet sich in jedem der Werke Maitreyas, aber insbesondere in „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ erklärt Maitreya die Bedeutung mittels einer knappen Andeutung, einer umfassenden Erläuterung und dann einer verkürzten Rückschau. Wenn man den Text liest, ist es so, als würde plötzlich eine Ankündigung des nächsten Abschnitts auftauchen, die das Verständnis erleichtert und Klarheit schafft. Infolgedessen ist dies eine hervorragende Schrift.

Der Text besteht aus fünf Kapiteln. Das erste Kapitel verweist auf die Quelle. Es handelt von den drei Quellen, die dem Leben eine sichere Ausrichtung geben, und anschließend von der Buddhanatur als Quelle, als der „Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“. Im zweiten Kapitel geht es um die Erleuchtung. Es zeigt den sich ergebenden Zustand eines Buddha, in dem alle flüchtigen Makel, die mit dem Schoß der Buddhanatur verbunden sind, bereinigt sind. Es stellt das, was der Schoß enthält, in seiner vollständig gereinigten und ganz entfalteten Form dar. Daran schließt sich das Kapitel über die erleuchtenden Eigenschaften eines Buddhas an, die, frei von Makeln, die Bereinigung aller Unzulänglichkeiten sind. Darauf folgen die Kapitel über den erleuchtenden Einfluss und dann über den Nutzen. Diese fünf Kapitel bilden den eigentlichen Text.

Die Geschichte des Textes

Was die Entstehung dieses Klassikers betrifft, so war es der höchst erkenntnisreiche Arya Asanga, der diesen Text zusammengestellt hat. Asanga wusste, dass er sich voll und ganz an unser leitendes Licht Maitreya halten musste, um die Bedeutung der umfassenden und tiefgründigen Mahayana-Klassiker über weit reichendes unterscheidendes Gewahrsein (Skt. prajnaparamita, Vollkommenheit der Weisheit) zutiefst zu erkennen. Von dieser Notwendigkeit überzeugt, meditierte er viele Jahre lang, und als er schließlich wahre Liebe für alle Lebewesen entwickelt hatte, war er fähig, diese außergewöhnliche Buddha-Gestalt offenbar zu machen. Maitreya erschien tatsächlich vor ihm. Die Stärke von Maitreyas mitfühlender außerkörperlicher Kraft brachte Asanga dann auf wunderbare Weise in den freudvollen Buddha-Bereich Tushita, wo er von Maitreya selbst die Stufen der tiefgründigen und umfassenden Mahayana-Pfade hörte. Als er wieder auf unserer Welt der südlichen Insel erschien, enthüllte Asanga „Die fünf Dharma-Texte von Maitreya“. Diese Beschreibung ist von der großartigen Tradition der gelehrten indischen Meister überliefert.

Es scheint, dass Asanga von den fünf Dharma-Texten Maitreyas nur den „Filigranschmuck der Verwirklichungen“, den „Schmuck der Mahayana-Sutras“ und die „Unterscheidung der Mitte von den Extremen“ öffentlich gelehrt hat. „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ und „ Unterscheidung der Phänomene von ihrer tiefsten Natur“ versiegelte er später als Texte verborgene Schätze (terma). Die Texte dieser Schätze konnten Meister nur innerhalb eines Stupa Reliquienschrein) lehren und durften außerhalb davon nicht über sie sprechen. So lautet die Überlieferung. Etliche Übersetzer in Tibet, die mit ihrer Arbeit der Welt die Augen öffneten, scheinen diese Klassiker während der früheren Übertragungsperiode übersetzt zu haben.

Philosophische Ansichten über „Die fünf Dharma-Texte von Maitreya“

Der „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ der, wie ich gerade erklärt habe, einer der „Fünf Dharma-Texte von Maitreya“ ist, klärt die Stufen der Verwirklichung dessen, was in den „Mutter (Prajnaparamita)-Sutras“ verborgen ist, und dessen, was offensichtlich ist, nämlich, das weit reichende unterscheidende Gewahrsein, und ist eine bemerkenswerte, vortreffliche Erläuterung. Indem alles Falsche bereinigt ist, ist sie äußerst weitgefasst und ausführlich – ein wahrhaft bemerkenswertes Erklärungswerk. Was seine philosophische Sichtweise bzw. die Sicht der Wirklichkeit betrifft, so zeigt es an bestimmten Stellen das Letztendliche gemäß der Prasangika-Madhyamaka-Position, obwohl es im Grunde natürlich [vom Svatantrika-Madhyamaka-Standpunkt aus betrachtet] im Sinne der Art und Weise geschrieben ist, wie die drei Arten von Schülern ihre Praxis ausüben. Es ist also außerordentlich umfassend.

„Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ erklärt sein Thema auf die Art und Weise der letztendlichen Madhyamaka-Sicht der Wirklichkeit, während der „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ und die beiden Texte namens „Unterscheidung“ in erster Linie die Chittamatra-Ansicht behandeln. Einige belesene Gelehrte sagten, dass der Text „Unterscheidung der Phänomene von ihrer tiefsten Natur“ wie ein Kommentar zur Buddhanatur ist, wie diese in „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ erklärt wird. Das ist also ebenfalls eine Art, diesen Text zu erörtern.

Jedenfalls gibt es, da diese Klassiker wirklich wesentliche Werke und sehr umfassend sind, dazu sowohl Kommentare, die vom Chittamatra- als auch solche, die vom Madhyamaka-Gesichtspunkt aus geschrieben wurden; ebenso wie beispielsweise zu den „Vierhundert Versen“ von Aryadeva ist dies auch bei den Werken der Fall, die unser leitendes Licht Maitreya zum Ausdruck brachte, und die gleichfalls sehr wesentlich und tiefschürfend sind, und zu denen auch verschiedene Arten von Kommentaren geschrieben wurden. Dies ist die Art und Weise, wie „Die fünf Dharma-Texte von Maitreya“ dargestellt werden.

Die Beziehung zwischen „Ornament der Verwirklichungen“ und „Weitest gehendes immer währendes Kontinuum“

Hauptgegenstand des Textes „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ sind die Ebenen der Leerheit (die Abwesenheit unmöglicher Arten des Existierens) als das, was die „Prajnaparamita Sutras“ offensichtlich aufzeigen, und die Ebenen ihrer Verwirklichung als das, was diese Sutras auf verborgene Weise aufzeigen. Die verborgene Weise, in der diese Sutras auf diese Ebenen der Verwirklichung hinweisen, die durch Meditieren über die offensichtlich aufgezeigten Ebenen der Leerheit entstehen, ist dergestalt, dass sie als die Grundlagen erklärt werden, welche leer von jenen unmöglichen Arten des Existierens sind. Der „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ erhellt diese auf verborgene Weise aufgezeigten Stufen. Mit anderen Worten: Er erläutert auf klare Weise die unterscheidenden Besonderheiten und die Arten, wie diese Stufen der Verwirklichung nacheinander als Ebenen des Gewahrseins zu entwickeln sind, nicht wahr?

„Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ handelt von der Wurzel, aus der diese Stufen der Verwirklichung als Ebenen des Gewahrseins von Dingen entstehen können, nämlich von der Buddhanatur, der Quelle bzw. der Gebärmutter, die all die wesentlichen Faktoren für die Buddhaschaft enthält. Mit diesem Schoß als Grundlage, als Basis, kann man sich verwirklichen als jemand, in dem zuvor unentwickelte gute Eigenschaften neu entstehen und als jemand, in dem vorübergehende Fehler durch Gegenkräfte entfernt sind. Die Tatsache, dass der Text erklärt, wie auf der Grundlage des immer währenden geistigen Kontinuums eines Praktizierenden gute Eigenschaften entwickelt und Fehler entfernt werden können, ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass er den Titel „Das weitest gehende (oder: überragende) immer währende Kontinuum“ trägt. So können wir dem Titel ein gewisses Verständnis entnehmen.

Der Text in Verbindung mit den drei Runden der Dharma-Übermittlung

Aus einer hervorragenden Methode des großen Mitgefühls heraus setzte der universelle Lehrer Buddha die drei Runden der Übermittlung des Dharma in Gang, die die beiden wahren Phänomene (die zwei Wahrheiten) betreffen. Es gibt mehrere Arten, diese drei zu bekunden und einzuteilen- wir können sie einfach die erste, zweite und dritte nennen oder die Runden, die die vier wahren Tatsachen (die vier edlen Wahrheiten) betreffen und so weiter. Eine Art besteht darin, sie gemäß dem zu beschreiben, was Buddha in dem „Sutra, das die Absicht enträtselt“ (Skt. Samdhinirmocana Sutra) und an anderer Stelle beispielsweise in Bezug auf die Entwicklung von Bodhichitta erklärte.

Jedenfalls lehrte Buddha, um den wilden, undisziplinierten Geist zu zähmen, zuerst zum Wohl gewöhnlicher und einfacher Menschen. In Übereinstimmung mit der Ebene des Geistes der gewöhnlichen Schüler, die zu zähmen waren, lehrte er in Form der vier wahren Tatsachen. Diese Lehren bilden die erste Runde der Dharma-Übermittlung.

In der mittleren Runde, die an einem besonderen Ort namens Geierberg in Gegenwart scharfsinniger Schüler mit reinem Karma stattfand, zeigte Buddha in einer Reihe erleuchtender Worte die umfassenden, mittleren und gekürzten klassischen Darstellungen über Prajnaparamita, die weit reichende Geisteshaltung des unterscheidenden Gewahrseins, auf. Die Schüler verstanden diese erleuchtenden Worte jeweils entsprechend ihren Veranlagungen und Fähigkeiten auf verschiedenen Ebenen von Genauigkeit. Während Buddha weit reichendes unterscheidendes Gewahrsein auf diese Weise lehrte, legte er die Leerheit, die Abwesenheit unmöglicher Arten des Existierens, dar, indem er aufzeigte, dass alle Phänomene leer von wahrer, nicht zugeschriebener Existenz sind und daher in ihrer Natur völlig rein.

Die dritte Runde der Übermittlung hat mehrere Sutras als Quelle, z.B. „Das Sutra über die Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“ und andere dieser Art. In der zweiten Runde hatte Buddha die andauernde Natur aller Phänomene, nämlich Leerheit, die eigentliche Natur der Wirklichkeit, klares Licht, als etwas dargestellt, das vom Geist erfasst wird. Nachdem er das getan hatte, erklärte Buddha in der letzten Runde in einer sehr ausführlichen Darlegung den Geist, der dieses klare Licht (Leerheit) erfasst, den Geist, auf dessen Grundlage es möglich ist, alle Fehler zu entfernen und alle guten Eigenschaften zu entwickeln. Es scheint, als habe Maitreya diese Abhandlung, „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“, verfasst, indem er als dessen Quelle oder Wurzel die Sutras zugrunde legte, die diese Themen zum Inhalt hatten, etwa „Das Sutra über die Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“ und andere. So weit, so gut.

Das Licht, das uns leitet, der höchst erkenntnisreiche Arya Nagarjuna, verfasste seine „ Sammlungen der Argumentation“ in Verbindung mit der beabsichtigten Bedeutung der mittleren Runde der Dharma-Übermittlung und die „Sammlungen der Lobpreisungen“ in Verbindung mit der beabsichtigten Bedeutung der letzten Runde. In den „Sammlungen der Lobpreisungen“, die Nagarjuna verfasste, findet sich im „Lobpreis der Sphäre der Wirklichkeit“, dem „Lobpreis des Vajra-Geistes“ und anderen eine Art der Erläuterung, die derjenigen in „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ sehr ähnlich ist, stimmt‘s? Kunu Lama Tenzin Gyaltsen pflegte zu sagen, dass die „Sammlungen der Lobpreisungen“ in Verbindung mit der beabsichtigten Bedeutung der letzten Runde der Übermittlung stehen, nicht wahr?

Wenn wir von der letzten Runde der Dharma-Übermittlung sprechen, müssen wir diese also nicht notwendigerweise ausschließlich mit dem „Sutra, das die Absicht enträtselt“ identifizieren, [wie die meisten Kommentare aus der Gelug-Tradition es tun]. Zurletzten Runde gehören viele Lehren, und hier befassen wir uns mit dem „Sutra über die Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“. Etliche Texte innerhalb der Literatur, die die Buddhanatur betrifft, wie dieses „Sutra über die Gebärmutter, die den So-Gegangenen enthält“, erfordern eine Erklärung, dass sie interpretationsbedürftige Bedeutungen beinhalten, die dazu dienen, uns zu tieferen Bedeutungen hinzuführen.

Wenn wir Gelegenheit gehabt hätten, vor unserer Zusammenkunft hier den Kangyur (die Übersetzungen der erleuchtenden Worte Buddhas) zu lesen und genau hingesehen hätten, hätten wir eine Menge zu diesem Thema entdecken können. Ich persönlich hatte aber nicht die Zeit dazu. Ich habe nur zwei Augen, nicht mehr, und ich kann mir nicht dafür frei nehmen. Ich habe großes Interesse am Lesen und wenn ich einen ruhigen, abgeschiedenen Ort hätte und etwas Freizeit, würde ich gern weiter lesen. Aber dazu kommt es nie, stimmt‘s? Der Dalai Lama ist immer beschäftigt und hat keine Zeit übrig. Aber es gibt hier ein paar Geshes, daher müsst ihr diese ansehen. Schaut nun mit glühenden Augen, hört ihr? (viel Gelächter). Habt ihr mich verstanden?

Kurz gesagt, werde ich also nur ausgehend von der Tradition sprechen, was immer mir in meinen Sinn kommt. Ich habe nichts Professionelles vorbereitet. Erstens ist die Materie sehr schwierig, und zweitens gibt es nicht allzu viel, was ich erklären könnte, weil ich nicht die Zeit hatte, alles dazu durchzusehen. Da ich trotzdem etwas sagen muss, ist das alles, worauf meine Erklärungen zurückgehen.

Geist im Zusammenhang mit den drei Runden der Dharma-Übermittlung

Wie es häufig in den Sutras heißt, ist „Geist frei von Geist, und die funktionelle Natur des Geistes ist klares Licht“. Wenn wir dazu kommen, den Geist bzw. das Gewahrsein von Objekten zu identifizieren, sehen wir, dass es der Geist ist, der alle zwanghaft immer wiederkehrenden Phänomene (Samsara) auftreten lässt sowie auch alle Phänomene, die von solchen Beschränkungen befreit sind (Nirvana). Ist der Geist gezähmt, kommt Glück zustande, und ist der Geist ungezähmt, treten Probleme auf. Da die Bezähmung des wilden, undisziplinierten Geistes aus dem Nachdenken über die wesentlichen Punkte hervorgeht, was angesichts der vier edlen Wahrheiten bzw. der vier wahren Tatsachen anzunehmen oder zurückzuweisen ist, erklärte Buddha in der erste Runde der Übermittlung also die vier Tatsachen.

Was die Aussage betrifft, dass „der Geist ist, so erklärte Buddha die essenzielle Natur der Realität des Geistes als Leerheit: Sie ist bar aller unmöglichen Arten, zu existieren. Daher erklärte Buddha in der mittleren Runde der Dharma-Übermittlung mit solchen Worten wie „der Geist ist frei von Geist“, dass die essenzielle Natur des Geistes seine Leerheit ist.

Im Hinblick auf die Aussage „Die funktionelle Natur des Geistes ist klares Licht“ gibt es zwei Arten, diese funktionelle Natur des Geistes, die klares Licht ist, zu verstehen. Wir können das klare Licht als die eigentliche Natur betrachten, die alles umfasst [mit anderen Worten: als Leerheit] oder als etwas, das diese eigentliche tatsächliche Natur hat, mit anderen Worten: als den Geist [der von Natur aus leer ist]. Buddha erläuterte diese zwei Arten, die Aussage „ Die funktionelle Natur des Geistes ist klares Licht“ zu verstehen, auf außergewöhnliche Weise in der letzten Runde der Dharma-Übermittlung. So war es. Die letzte Runde beinhaltete zweifellos solche Texte wie „Das Sutra über die Gebärmutter, die den So-Gelangten enthält“ und weitere, die die schriftlichen Quellen für das Thema bilden, welches in „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ erörtert wird.

Da dem so ist, ist es nötig, zunächst über die wesentlichen Punkte nachzudenken, die zur Zähmung des groben, fehlerhaften Benehmens des Geistes führen. Anschließend müssen wir versuchen, die andauernde Natur der Wirklichkeit des Geistes zu erkennen. Und der letzte Punkt, den wir brauchen, um den Geist zu verstehen, steht in Bezug zum geheimen Mantra, den verborgenen Maßnahmen, um den Geist zu schützen, mit anderen Worten: in Bezug zum Tantra. Ich denke, für ein genaues und vollständiges Verständnis der Buddhanatur, dem Hauptgegenstand hier in „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ müssen wir uns zweifellos auf die klassischen Texte des Tantra stützen. Genauso, wie es beispielsweise heißt, dass man zur Erklärung dessen, was vollkommen und fehlerfrei ist, die Klassiker des Tantra heranziehen muss, müssen wir – so meine ich – auch in einer tief greifenden und vollständigen Erklärung zum Verständnis der Buddhanatur, diese auch im Zusammenhang mit dem Tantra erklären.

Buddhanatur in Verbindung mit Tantra

Wenn die gelehrten Sakya-Meister das ursächliche immer währende Kontinuum der alles umfassenden Grundlage erklären – ein Teil dieser gelehrten Meister gibt der bloßen Klarheit und dem Gewahrsein des Geistes den Namen „allumfassende Grundlage“ (Skt. alaya) oder „ursächliches immer währendes Kontinuum der allumfassenden Grundlage“ – dann nehmen sie letztlich an, dass dieses der ursprüngliche, gleichzeitig auftretende Geist des klaren Lichts ist. Denn der Geist des klaren Lichts ist genau das, was als Grundlage aller Phänomene des Samsara und Nirvana verbleibt. Jegliches Phänomen von Samsara und Nirvana beruht auf dem klaren Licht als Grundlage.

In Zusammenhang mit Mahamudra, der großen besiegelnden Natur des Geistes, ist das grundlegende Phänomen, das festzustellen ist, ebenfalls das, was aus dem Erkennen bzw. Identifizieren des ursprünglichen, gleichzeitig auftretenden Geist des klaren Lichts entsteht. Auch in der Erklärung des Dzogchen, der großen Vollendung, ist es der ursprüngliche, gleichzeitig auftretende Geist des klaren Lichts, der als reines Gewahrsein (rigpa) untrennbar von Leerheit erkannt wird.

Demnach können wir – da die mittlere Runde die Leerheit und die letzte Runde den Zustand des reinen Gewahrseins aufzeigt – zu dem Schluss kommen, dass das, was durch die Verbindung dieser beiden zu verstehen ist – sei es in [der Alten Übersetzungstradition (Nyingma)] im Sinne der Einheit von reinem Gewahrsein und Leerheit oder im Sinne einer Sphäre der Wirklichkeit (Skt: Dharmadhatu) untrennbar von reinem Gewahrsein – und das, was mittels dessen verstanden werden soll, was die Tantras der Neuen Übersetzungstradition „glückseliges Gewahrsein untrennbar von Leerheit“ nennen, auf ein und dasselbe hinausläuft.

Wenn in den Tantras von dem äußerst glückseligen, tiefen Gewahrsein oder dem gleichzeitig auftretenden glückseligen Gewahrsein die Rede ist, sollten wir dabei an das glückselige Gewahrsein im Kontext des tiefen Gewahrseins (ye-she) des ursprünglichen, gleichzeitig auftretenden Geistes des klaren Lichts denken. Glückseliges Gewahrsein bezieht sich in diesem Kontext immer auf diese Ebene des Geistes. Ob wir es nun [in der Gelug-Tradition] die Einheit von glückseligem Gewahrsein und Leerheit nennen oder [in der Sakya-Tradition] die Einheit von Klarheit und Leerheit oder [in der Nyingma-Tradition] die Einheit von reinem Gewahrsein und Leerheit, immer läuft der grundlegende Punkt, um den es bei all dem geht, auf dasselbe hinaus.

Aber auch wenn die Erklärung der Buddhanatur, wie sie in „Das weitest gehende, immer währende Kontinuum“ zu finden ist, letztlich auf dasselbe hinausläuft wie in der Erklärung der Intention des Anuttaratantra, ist doch die Art, wie dies aufgezeigt wird, etwas unterschiedlich. Der edle Tsongkhapa zum Beispiel erklärt in seinem Text „Lampe zum Erhellen der fünf Stufen (der Vollständigkeitsstufe des Guhyasamaja)“, wie er dies auch in seinem Werk „Eine umfassende Darstellung der aufeinander folgenden Stufen des geheimen Mantra-Pfades“ erörtert, dass wenn im Charya-Tantra „Vairochana-abhisambodhi“ vom Regenbogenkörper die Rede ist, das, was letztlich gemeint ist, der Illusionskörper ist. Tsongkhapa führt also für den Illusionskörper [der ausschließlich Thema des Anuttarayoga-Tantra ist] eine Quelle an, die aus der Praxis von Charya-Tantra [der zweiten Tantra-Klasse] stammt. Auf den ersten Augenschein ist jedoch im Charya-Tantra-Text nicht vom Illusionskörper die Rede, oder? Dennoch können wir verstehen, dass das, was gemeint ist, letztlich auf den Illusionskörper hinausläuft. Ebenso, wie es sich in dem Fall mit einem Text aus der Klasse des Charya-Tantra verhält, muss zweifellos auch hier das, was bezüglich der Buddhanatur letztlich gemeint ist, in Verbindung mit den klassischen Texten des Tantra verstanden werden.

Wenn ich diesen Text im Zusammenhang damit erkläre, was ein angemessenes Verständnis auf den Ebenen von Sutra und Tantra ist, und ganz klar zwischen den beiden unterscheide, ist das eine Erklärungsweise, die zwei verschiedene Arten des Verständnisses nicht vermischt und durcheinander bringt. Würde man hingegen den Text erklären, indem man beide miteinander vermengt, so würde in vielerlei Hinsicht nichts anderes dabei herauskommen, als eine Art Eklektizismus, der Gegensätzliches zusammenstückelt, als wäre es übereinstimmend.

Die vier tibetischen Traditionen gelangen zu demselben Punkt

Wenn ich, wie ich es meistens tue, erkläre, dass die Sakya-, Gelug-, Kagyü- und Nyingma-Tradition alle denselben beabsichtigten Punkt erreichen, so habe ich das im Sinn. Die Meister der Gelug-Tradition befassen sich mit dem, was die klassischen Madhyamaka-Texte erörtern, und erklären es als Thema, über das im Hinblick auf die korrekte Sicht der Realität zu meditieren ist, aber sie tun das für gewöhnlich in der Art von Meditation gemäß dem Sutra. Im Mahamudra und im Dzogchen hingegen werden Arten erklärt, über diese Sicht in Zusammenhang mit der höchsten Klasse des Tantra zu meditieren. Da dies der Fall ist, ist es etwas unbequem, dann zu sagen, die Art, diese Sicht gemäß dem Sutra festzustellen und darüber zu meditieren, und die Art, wie dies im Tantra geschieht, seien gleichbedeutend.

Wenn Sie daher fragen, wie das zu erklären ist, so lautet die Antwort: Wenn wir die Erklärung der Gelug-Tradition heranziehen, wie man über die Madhyamaka-Sicht der Realität im Zusammenhang mit den Methoden des Anuttarayoga-Tantra meditiert, und sie mit den Methoden zusammenfügen, die im Mahamudra, im Dzogchen und in der glorreichen Sakya-Tradition hinsichtlich der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana angewendet werden, sprechen wir von Methoden, die alle auf der gleichen Ebene sind. Insofern gelangen die Sakya-, Gelug-, Kagyü- und Nyingma-Tradition in ihren Erörterungen der Methoden, wie die korrekte Sicht der Realität festzustellen ist, alle zu demselben beabsichtigten Punkt.