Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Allgemeine Erläuterung zur „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“

Alexander Berzin
Katowize, Polen, Dezember 1999
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Teil drei: Punkt Sieben

Punkt Sieben: Punkte, die zu üben sind, um unsere Geisteshaltungen zu reinigen

Punkt sieben, der letzte, besteht aus zweiundzwanzig Unterpunkten, die wir üben können, um unsere Geisteshaltungen zu reinigen. Wir wollen sie nacheinander durchgehen. Ich werde dabei versuchen, die Liste nicht einfach mechanisch durchzugehen, da sie tatsächlich sehr hilfreich sind.

(1) Übe alle Yogas mit einem

Dies bedeutet, dass man alles, was man tut mit der Absicht tun sollte, fähig zu sein, den anderen zu helfen. Ein oft zitiertes Beispiel ist folgender Wunsch: „Wenn ich esse, möge ich die Mikroorganismen in meinem Körper nähren.“ Dies wird oft in Indien benutzt, wo die Menschen häufig Würmer haben. Auch wenn wir diese Art von Motivation nicht das ganze Essen hindurch aufrechterhalten, beginnen wir so. Deshalb ist der Widmungsvers, den Nagarjuna schrieb, immer sehr hilfreich: „Ich nehme diese Nahrung nicht aus Anhaftung und Gier zu mir, sondern als eine Medizin, um den anderen zu helfen.“

(2) Erledige das Zurückweisenvon allem Verdrehten mit der einen.

Auch diese Zeile kann auf verschiedene Weisen erklärt werden. Eine ist, dass wir uns von allen störenden Emotionen und Geisteshaltungen befreien, die wir haben, indem wir eine Praxis benutzen: das Tonglen – das Auf-Uns-Nehmen aller störenden Emotionen und allen Leidens der anderen. Dies bedeutet nicht, dass wir selbst wütender oder verwirrter werden, wenn wir die Wut oder die Verwirrung der anderen auf uns nehmen. Wie es alle Tonglen-Lehren sagen, halten wir, was wir von den andere nehmen, nicht in einer soliden Weise in uns fest. Wir benutzen vielmehr unsere Fähigkeit diese Dinge zu überwinden – sie wirklich zu überwinden.

Eine andere hilfreiche Weise, diese Zeile zu verstehen: man kann es als ein gutes Zeichen ansehen, wenn unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen aufsteigen; denn damit wir uns von störenden Emotionen befreien können, die in uns verborgen sind, müssen diese erst an die Oberfläche kommen. Es ist für uns also durchaus wünschenswert, dass unsere ganze unterdrückte Wut und die versteckten Dinge in uns hochkommen, damit wir uns von ihnen befreien können. Es ist auch wie die Praxis des Shines: wenn wir versuchen, Ruhe in uns zu schaffen stellen wir zunächst mehr und mehr geistiges Wandern fest. Es ist nicht so, dass wirklich plötzlich mehr diskursive Gedanken in unserem Geist vorhanden sind. Es ist bloß, dass wir sie zuvor nie bemerkt hatten. Ähnlich verhält es sich, wenn wir beim Üben des Reinigens und Trainierens unserer Geisteshaltungen ruhiger werden und beginnen, unseren Geist tatsächlich zu beobachten: wir entdecken ein großes Ausmaß an Wut und Anhaftung, die wir zuvor nie richtig bemerkt hatten. Es ist dasselbe: es ist einfach so, dass wir zuvor nie besonders genau darauf geachtet hatten. Es ist ein sehr gutes Zeichen.

(3) Führe am Anfang und am Ende die beiden Handlungen aus.

Die zwei Handlungen sind am Anfang die Absicht, den anderen zu helfen und am Ende das Widmen der positiven Kraft. Das kann wieder mit Geshe Ben Küngyal und seinen schwarzen und weißen Steinen illustriert werden. Sobald wir morgens aufwachen oder bevor wir etwas Schwieriges unternehmen, sollten wir die starke Absicht in uns erzeugen, uns immer die anderen zu Herzen zu nehmen und nicht egoistisch zu sein. Am Ende des Tages prüfen wir dann, wie wir dabei abgeschnitten haben. Das positive Potential, das aus unseren konstruktiven Handlungen entsteht, widmen wir. Die negativen Handlungen dagegen werden bereut und dann reinigt man sich von ihnen.

(4) Welche der beiden auch immer erscheint, handle geduldig.

Dies bezieht sich auf Folgendes: egal ob sich Glück oder Unglück und Leiden ergeben, egal ob die Umstände günstig oder ungünstig sind, wir sollten mit Geduld handeln, in fortwährend den anderen Glück wünschen und ihre Schwierigkeiten auf uns nehmen. Wenn die Dinge gut laufen ist es wichtig, nicht so stolz, Arrogant und selbstzufrieden zu werden, dass wir nichts mehr tun, um den anderen zu helfen. Und wenn wir durch schlechte Zeiten gehen ist es wichtig, nicht depressiv zu werden und uns nicht vollkommen machtlos zu fühlen. Wenn wir reich sind können wir unsere Ressourcen benutzen, um den anderen auf materiellem Wege zu helfen. Und wenn wir nichts haben, dann können wir zumindest unsere Einbildungskraft benutzen, damit wir unter beiden Umständen Tonglen, das Geben und Nehmen, üben können.

(5) Bechütze die zwei auf Kosten deines Lebens.

Dies bezieht sich auf die allgemeinen Verpflichtungen, die wir auf uns nehmen, speziell auf die eng bindenden Praktiken und die Übungen zum Reinigen unserer Geisteshaltungen. Wir müssen diese Dinge sehr stark beschützen – es wird gesagt, sogar um den Preis unseres Lebens. Es ist sehr wichtig, dass wir die verschiedenen buddhistischen Gelübde immer prüfen, um sicher zu gehen, dass wir sie halten können, bevor wir sie annehmen. Viele Menschen „springen“ in fortgeschrittene Praktiken und Initiationen ohne sich auch nur eine Vorstellung davon gemacht zu haben, was die Verpflichtungen sind, die sie damit eingehen, und ohne sich auf ehrliche Weise geprüft zu haben, um zu sehen, ob sie dazu in der Lage sind, sie einzuhalten. Sie wollen einfach mitmachen, weil alle anderen es tun und weil wir „fortgeschrittene“ Praktizierende sein wollen.

Bevor wir die Meister um fortgeschrittene Praktiken bitten sollten wir uns selbst nach unserer Moral fragen. Sind wir tatsächlich dazu in der Lage, Selbstdisziplin zu üben? Sind wir tatsächlich dazu in der Lage, Gelübde einzuhalten? Wenn nicht, dann sollten wir definitiv nicht um fortgeschrittene Praktiken bitten. Viele Menschen machen beispielsweise einmal in der Woche die Chenresig-Puja (Avalokiteshvara-Puja) und finden es wirklich mühsam und sie haben überhaupt nicht viel Lust dazu, damit weiterzumachen. Doch wenn ein hoher Lama mit einer großen Initiation daherkommt, sind sie ganz heiß darauf, sie zu nehmen, sogar wenn die Verpflichtung dann darin besteht, denn Rest ihres Lebens lang jeden Tag eine große, lange Sadhana-Praxis zu machen. Wenn wir es beschwerlich finden, etwas einmal in der Woche zu tun, wie könnten wir es dann täglich tun?

(6) Übe dich in den drei schwierigen Dingen.

Wenn störende Emotionen und egoistische Gedanken aufkommen, dann ist das erste „schwierige Ding“ , sich die Gegenkräfte zu vergegenwärtigen, d.h. die störenden Emotionen zu erkennen und sich zu erinnern, durch welche Gegenkräfte sie sich beseitigen lassen. Das zweite schwierige Ding ist es, die Gegenkräfte tatsächlich anzuwenden. Das dritte schwierige Ding ist es, die Anwendung dieser Gegenkräfte geistig aufrechtzuerhalten, damit die störenden Emotionen nicht weiter entstehen; mit anderen Worten: wir müssen die Kontinuität der störenden Emotionen und Geisteshaltungen unterbrechen. Beispiele störender Emotionen sind Wut und Gier, während der Egoismus eine störende Geisteshaltung ist.

(7) Nimm die drei Hauptursachen.

Die drei Hauptursachen sind die Ursachen, die es uns erlauben, dieses Training unserer Geisteshaltungen zu üben. Die erste Ursache ist, einem spirituellen Lehrer zu begegnen, der uns die Lehren vermittelt und uns dazu inspiriert, ihnen zu folgen. Die zweite Ursache ist, dieSchulung tatsächlich zu üben. Die dritte Ursache ist, die günstigen Umstände zu haben, um die Schulung zu üben. Günstige Umstände bestehen grundsätzlich darin, dass man mit bescheidenem Essen, einer bescheidenen Behausung und so weiter zufrieden ist und sich nicht bloß Sorgen darüber macht, wie „ Ich mehr für mich“ bekommen kann. Wenn wir beispielsweise ausreichend Geld verdienen, dann sollten wir uns damit zufrieden geben, damit wir unsere Energien dazu einsetzen können, anderen zu helfen, statt zu denken, dass wir mehr und mehr brauchen – denn wenn ich das denke, dann denke ich grundsätzlich nur an „ mich

(8) Meditiere über die drei nicht-verfallenden Dinge

Das erste Ding, das nicht verfällt, ist die Überzeugung von den guten Qualitäten des eigenen Lehrers und die Wertschätzung seiner oder ihrer Gütigkeit. Das wird normalerweise übersetzt als „ nicht verfallender Glaube an den Guru“, doch das gibt eigentlich eine falsche Konnotation. Was es bedeutet ist, dass man die tatsächlichen guten Qualitäten des eigenen Lehrers sehen soll und fest von dieser Tatsache überzeugt sein soll, und dann anerkennend über die Gütigkeit des Lehrers nachdenken soll. Wenn wir diese Anerkennung haben, können wir sie auch auf alle anderen übertragen. Wir können die guten Qualitäten erkennen, die andere Menschen tatsächlich besitzen und ein festes Vertrauen in diese Qualitäten haben, damit wir sie respektieren. Wir können auch die Güte der anderen anerkennen – sogar dann, wenn sie nichts für uns tun. Dann helfen sie uns nämlich einfach dadurch, dass sie da sind, damit wir ihnen helfen können.

Eines der Dinge, die uns daran hindern, Bodhichitta zu entwickeln, ist, dass wir oft auf die anderen herabschauen. Wir sehen nur ihre schlechten Qualitäten und denken, wir seien besser als sie. Wenn beispielsweise ein großer Gelehrter oder ein großer Professor sehr gelehrt, aber auch sehr arrogant ist, dann wird das Wissen dieser Person niemandem nutzen – noch nicht einmal der Person selbst, geschweige denn den anderen. Alle werden vom Stolz und der Arroganz des Gelehrten abgestoßen und werden ihm noch nicht einmal zuhören. Wenn wir die Gedanken und Meinungen anderer Menschen voller Stolz von uns weisen, dann sind wir nicht offen, um von irgendjemand anderem etwas zu lernen. Wir drängen den anderen unsere Meinung auf, auch wenn wir falsch liegen, und verwerfen die Ratschläge der anderen. Wenn wir dagegen bescheiden sind und den anderen zuhören, dann können wir sogar von Menschen etwas lernen, die sehr wenig Bildung haben, wie etwa von Kindern. Wenn wir die guten Qualitäten einer anderen Person betrachten, sogar die eines Kindes, dann sind wir dazu in der Lage, es zu schätzen, wenn das Kind etwas sagt, dass viel Sinn macht. Die guten Qualitäten zu betrachten und die Freundlichkeit zu schätzen öffnet uns dazu, von allen zu lernen. Das Gegenteil besteht darin, die Worte anderer Menschen zu ignorieren oder zurückzuweisen und einfach unsere eigene Position schützen oder verteidigen zu wollen.

Das zweite Ding, das nie verfällt, ist die Bereitschaft zu praktizieren. Es ist also wichtig, nicht zu denken, dass uns die Übung, uns die anderen zu Herzen zu nehmen, als Zwang auferlegt wird, etwa nach dem Motto. „Ich muss dies tun um ein guter Mensch zu sein, und wenn ich es nicht tue, dann bin ich ein schlechter Mensch“. Wenn die Menschen zu etwas gezwungen werden, dann rebellieren sie und handeln gerade andersherum. Wenn wir dagegen an die Vorteile denken, sich die anderen zu Herzen zu nehmen, und an die Nachteile des Egoismus, dann werden wir der Schulung gegenüber auf natürliche Weise einen großen Enthusiasmus haben und werden willens sein, sie voller Freude zu auszuüben.

Das dritte Ding, das nicht verfällt, ist, unsere Verpflichtungen und Praktiken, die uns eng an diese Art von Training binden, nicht verfallen zu lassen, sondern sie in einer stabilen und festen Weise zu üben.

(9) Besitze die drei Untrennbaren,

Dies bedeutet, dass wir mit Körper, Rede und Geist gewissenhaft sind und uns der Praxis widmen – der Praxis, den anderen zu helfen und an sie zu denken. Das Beispiel, das für den Körper benutzt wird, ist, dass man nicht immer zappelnd sitzen soll, sondern gegenwärtig und gesammelt sein soll. Erlauben Sie Ihrer Rede nicht, den ganzen Tag lang über Nonsens zu babbeln, sondern richten Sie sie darauf, den anderen zu helfen. Und der Geist muss gefüllt sein mit Gedanken, den anderen zu helfen, statt mit allen möglichen verrückten, dummen Überlegungen. Egal welche Aktivität wir unternehmen, ob es mit Körper, Rede oder Geist ist, es ist wichtig, dass irgendeine Verbindung zu etwas Positivem und Konstruktivem besteht.

Wie Sie wissen lieben die Tibeter Beispiele aus der Tierwelt; in diesem Zusammenhang sagen sie, dass man sich beim Schlafengehen nicht wie ein Ochse verhalten sollte, der einfach auf den Boden plumpst und das war’s dann. Wir sollten vielmehr vor dem Schlafengehen drei Niederwerfungen machen und neu bekräftigen, dass wir in die sichere Richtung von Buddha, Dharma und Sangha gehen, ebenso wie unsere Bodhichitta-Absicht. Wenn wir die Bestrebung haben „Möge mein Schlaf dazu dienen, dass ich erfrischt weiter in dieser Richtung gehen kann“, dann kann sogar das Schlafengehen nachts zu einer außergewöhnlichen Handlung werden. Aber selbst wenn wir die Gewohnheit haben, Abends vor dem Schlafengehen und Morgens beim Aufwachen drei Niederwerfungen zu machen – was als tägliche Praxis sehr stark empfohlen wird – dann ist es doch wichtig, es mit einer angebrachten Geisteshaltung zu tun und nicht einfach wie eine Maschine.

(10) Handle rein, ohne Patreilichkeit gegenüber den Objekten.

Dies ist ähnlich zu dem, was vorher in Bezug auf die dritte eng bindende Praxis in Punkt sechs gesagt wurde: man soll mit allen üben und nicht nur mit einer Gruppe von Freunden oder Verwandten. Dies bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere. Manche Menschen können sehr nett zu Katzen und Hunden sein, und haben ihnen gegenüber eine so wundervoll liebende Geisteshaltung. Doch sie können diese Geisteshaltung nicht auf Insekten übertragen. Das ist wieder Parteilichkeit. Wir sind nur zu den Tieren nett, die wir mögen. Diejenigen, die wir nicht mögen, lehnen wir ab oder sind aktiv feindlich gegen sie. Das wäre ein parteiisches Verhalten.

Dies ist natürlich sehr fortgeschritten und schwierig, doch wenn es uns darum geht, alle Wesen zur Erleuchtung zu bringen, dann ist es sehr wichtig, dass wir verstehen, dass die Wesen keine inhärente, permanente Identität haben in Bezug auf den speziellen Wiedergeburtszustand, in dem sie sich jetzt gerade befinden. Niemand ist inhärent ein menschliches Wesen, eine Kakerlacke, eine Frau oder ein Mann. Wir alle haben geistige Kontinua, Geistesströme, die anfangslos sind. In Abhängigkeit unseres Karmas haben wir alle unzählige Wiedergeburtszustände erlebt. Obwohl wir uns mit den anderen auf der konventionellen Ebene in einer Weise verhalten müssen, die dem entspricht, was sie jetzt sind – ein Mensch, ein Hund, eine Kackerlacke – erkennen wir doch auf einer tieferen Ebene, dass sie alle die Buddha-Natur haben. Dieses Wesen könnte in unserem letzten Leben unsere Mutter gewesen sein und könnte auch im nächsten Leben alles Mögliche sein. In dieser Weise beginnen wir, diese Praxis auf alle Wesen auszudehnen.

Wenn unser Denken sich um den Wunsch dreht, den anderen zu helfen und sie sich zu Herzen zu nehmen, dann ist es wirklich ziemlich wichtig dies damit zu verbinden, dass man immer an den anfangslosen Geist, die Buddha-Natur und so weiter denkt. Diese Dinge gehören zusammen. Dies ist der Grund weshalb diese Praxis sich die anderen zu Herzen zu nehmen und den Egoismus zu überwinden damit anfängt, dass man Bodhichitta und Gleichmut aufbaut, indem man alle als die eigene Mutter betrachtet. Dies bringt uns zurück zur Basis des anfangslosen Geistes und zur Tatsache, dass alle aus dieser Perspektive gleich sind.

(11) Schätze es, das weite und tiefe Training allem gegenüber (anzuwenden).

Dies ist ein wichtiger Ratschlag, um unsere Geisteshaltungen zu reinigen. Unsere Geisteshaltungen in einer weiten Weise zu reinigen bedeutet, dass wir das Trainig allem gegenüber anwenden, d.h. nicht nur Wesen, sondern auch unbelebten Objekten gegenüber. Dies bedeutet, dass man es nicht nur vermeidet, auf Menschen wütend zu werden, sondern auch auf das Auto, wenn es nicht anspringt oder auf den Bus, wenn er Verspätung hat. Vermeiden Sie es, nicht nur Menschen gegenüber Anhaftung zu entwickeln sondern auch der Eiskreme und dem Geld gegenüber. Unsere Geisteshaltungen in einer tiefen Weise zu reinigen bedeutet, dass wir es nicht bloß oberflächlich tun, sondern im Grunde unseres Herzens.

(12) Meditiere immer über die, die (als Nahestehende) ausgesondert wurden

Dies bedeutet, dass wir versuchen sollten, all diese Praktiken bei uns zuhause zu üben, im Umgang mit unseren Eltern und mit den Menschen, mit denen wir zusammenleben. Das ist sehr wichtig. Es gibt oft Menschen, die Meditation üben und Gefühle der Liebe für alle Wesen entwicklen, sich dann aber mit ihren Eltern nicht verstehen! Gerade gegenüber den Menschen, zu denen wir eine enge Verbindung haben, müssen wir den größten Einsatz bringen. Wir müssen auch mit den Menschen üben, von denen wir uns vom ersten Augenblick an angezogen oder abgestoßen fühlen, da wir irgendeine starke karmische Verbindung mit ihnen haben.

(13) Sei nicht abhängig von anderen Bedingungen.

Egal was passiert: wir müssen an unseren Geisteshaltungen arbeiten. Wenn wir auf die perfekten Umstände warten um zu üben werden wir möglicherweise für immer warten. Ein großer tibetischer Meister sagte, dass die Menschen einen spirituell aussehen, solange alles gut geht, aber unter schlechten Umständen zeigen sie ihr wahres Gesicht. Alles ist schön und einfach, wenn die Dinge gut flaufen. Wenn die Dinge dagegen miserabel gehen, dann werden wir vollkommen deprimiert und gehen uns betrinken, statt uns unserer Praxis zuzuwenden. Dies ist keine gute Art, zu üben! Egal wie die Dinge laufen, wir müssen beständig sein.

Wie Nagarjuna sagte können wir nicht aus Samsara gezogen werden wie ein Fisch von einem Angler aus dem Fluss gezogen wird. Und genauso können wir von den großen Lamas nicht aus schwierigen Situationen herausgezogen werden wie ein Fisch aus dem Wasser. Sie können uns nur helfen und inspirieren. Die Lamas können nicht irgendeinen Zaubertrick vollführen und plötzlich sind wir frei von unserem Egoismus; die Verantwortung liegt bei uns. Wir müssen auf unseren eigenen beiden Füssen stehen und uns bemühen, selbst unsere Geisteshaltungen zu verändern. Wenn wir nichts tun, um unsere Geisteshaltungen zu verändern und einfach erwarten, dass der Guru alles für uns tun wird, dann wird nicht viel passieren.

(14) Übe vor allem jetzt.

Dies bedeutet, dass wir, wie ein Lama gesagt hat, keine professionellen Samsara-Touristen werden sollten und nicht denken sollten, dass wir die Zeit haben, herumzulaufen und alles auszuprobieren. Schieben wir die Dinge nicht auf die lange Bank; versuchen wir vielmehr, jetzt an unsere Geisteshaltungen zu arbeiten, sie mit all unseren Kräften zu reinigen und zu schulen, Bodhichitta zu entwickeln und die Erleuchtung zu erlangen.

Oft sagen die Lamas, dass es recht hilfreich ist, uns selbst als jemanden anzusehen, dem bloß eine zeitweilige Beurlaubung von den niedrigeren Bereichen gewährt wurde – wir haben bloß eine temporäre Pause davon, eine Kakerlake oder ein Hund zu sein und wir müssen dies nutzen. Das bedeutet: unser zentrales Interesse ist der Dharma und die Arbeit an der Überwindung unseres Egoismus, nicht weltliche Ziele und das Steigern unseres Egoismus. Und ein wichtiges Ziel sollten unsere zukünftigen Leben sein. Dies bedeutet: wir sollten so handeln, dass wir sicher sein können, in all unseren zukünftigen Leben weiter in diese Richtung gehen zu können, und nicht nur in einer sehr beschränkten Weise in diesem Leben.

Das ist ein interessanter Punkt, da wir häufig nicht an zukünftige Leben denken; die meisten von uns glauben noch nicht einmal daran. Wenn wir in diesem Leben üben und denken, dass wir keine wirklichen Fortschritte machen, dann werden wir sehr entmutigt. Wenn wir uns vom Tantra angezogen fühlen und man uns sagt, dass wir die Erleuchtung in einem Leben erreichen können, dann gefällt uns dies, da wir nicht in Begriffen von mehreren Leben denken wollen. Doch die übergroße Mehrheit der Menschen, die sich mit Tantra befassen, werden die Erleuchtung nicht in diesem Leben erreichen; dies ist etwas sehr Seltenes. Obwohl wir uns darum bemühen, die Erleuchtung in diesem Leben zu erlangen, sollten wir nicht meinen, dass unsere Chance für immer vorbei ist, wenn wir es in diesem Leben nicht schaffen. Es ist wichtig zu denken „Nun, ich werde mein Allerbestes geben, um die Erleuchtung in diesem Leben zu erreichen“, doch wenn dies nicht geschieht, was wahrscheinlich ist, dann sollten wir daran denken, die Praxis langfristig, ein Leben nach dem anderen, fortzuführen. Es ist hier keine Frage von „alles oder nichts“, nach dem Motto „wenn wir nicht in diesem Leben erleuchtet werden, dann war’s das.“ Auch wenn wir nicht fest an zukünftige Leben glauben, sollten wir doch versuchen, in einer korrekten Weise zu verstehen, was der Buddhismus mit „ zukünftige Leben“ meint. Es ist wahrlich keine simplizistische Vorstellung. Und wir sollten versuchen, der Vorstellung zukünftiger Leben zumindest offen gegenüber zu sein, damit wir anfangen können, uns dieser Auffassung in einer realistischeren Weise zu nähern. Wir sollten auch versuchen, unser Hauptinteresse den anderen und nicht uns selbst zu widmen.

(15) Habe kein verkehrtes Verständnis.

Dies ist eine Liste von sechs verschiedenen Arten von verkehrtem Verständnis, die wir vermeiden sollten. Das erste Fehlverständnis ist verkehrtes Mitgefühl. Statt Mitgefühl für wohlbekleidete Menschen zu haben, die sich in einer destruktiven Weise verhalten haben wir verkehrterweise Mitgefühl mit schlechtgekleideten Übenden, die wirklich konstruktive Dinge tun: „ Oh, diese armen Meditierenden, die in Höhlen wohnen, sie haben nichts zu essen.“ Natürlich ist es sehr hilfreich, zu versuchen, ihnen etwas zu essen zu geben. Doch die Menschen, die wirkliche Schwierigkeiten haben sind die reichen Geschäftsleute, die herumgehen und alle reinlegen. Sie sind diejenigen, die sich in einer Weise verhalten, die ihnen mehr und mehr Leiden verschaffen wird; der Meditierende tut die Dinge, die ihm mehr Glück und letztendlich die Befreiung bringen werden. Es gibt eine Geschichte über drei reiche Damen, die Milarepa sahen und sagten „Oh, du tust uns so leid!“. Milarepa erwiederte; „Nein, eigentlich bin ich es, dem ihr Leid tut; ihr seid wahre Objekte des Mitgefühls, nicht ich.“

Verkehrte Geduld und Toleranz bestehen darin, dass wir unseren störenden Geisteshaltungen und unserem Egoismus gegenüber geduldig und tolerant sind, und nicht den anderen, die auf uns wütend werden. Viele Menschen haben nicht die Geduld, in einem Dharma-Vortrag zu sitzen oder eine Meditationsübung zu machen, doch wenn es darum geht, stundenlang in einem eiskalten Fluss zu stehen, um zu angeln, dann haben sie große Geduld. Oder sie haben die Geduld, Stunde über Stunde Schlange zu stehen, um in ein Rockkonzert zu gehen. Das ist verkehrte Geduld.

Verkehrte Absicht wäre etwa, wenn unsere Hauptabsicht darin besteht, weltliche Gewinne zu machen – Geld, Sinnesfreuden und so weiter – statt inneren Frieden zu gewinnen.

Verkehrter Geschmack ist, wenn man einen Geschmack von exotischen Drogen, exotischem Sex oder exotischen Orten irgendwo auf dem Globus gewinnen will, statt einen Geschmack von spiritueller Erfahrung, indem man die Lehren hört, über sie nachdenkt und meditiert.

Verkehrtes Interesse ist, wenn man die anderen nicht dazu ermutigt, sich für spirituelle Praktiken zu interessieren, sondern vielmehr dafür, im Geschäftsleben mehr Geld zu verdienen, und so weiter.

Der letzte Punkt, die verkehrte Freude, besteht darin, dass wir uns nicht an den positiven Handlungen freuen, die wir selbst und andere unternehmen, sondern uns freuen, wenn unser Feind oder jemand, den wir nicht mögen, in Schwierigkeiten gerät oder Probleme hat.

(16) Setze nicht (zeitweilig) aus

„Aussetzen“ bedeutet, dass man einen Tag übt und den nächsten nicht. Wir müssen beständig sein. Dies bedeutet – und das ist ein sehr wichtiger Punkt – dass wir nicht zur nächsten Praxis übergehen sollten, solange wir in der gegenwärtigen nicht gut geworden sind. Wir sollten vielmehr kontinuierlich sein, wie ein großer Fluss.

(17) Übe entschlossen.

Wenn wir an der Überwindung unseres Egoismus arbeiten wollen, dann sollten wir es in einer direkten Weise tun. Meine Mutter sagte immer: „Mache es einfach hoch und runter; mach es nicht seitwärts.“ Tun Sie es einfach. Es ist auch sehr wichtig, dass wir nicht in einer Geistesverfassung sind, bei der wir halb üben möchten, während wir es mit der anderen Hälfte nicht wollen. Wir sollten direkt zum Herzen der Praxis gehen und unsere Geisteshaltungen verändern und nicht bloß herumspielen.

(18) Befreie dich selbst sowohl durch Untersuchung als durch genaue Prüfung

Das bedeutet, dass wir auf der groben Ebene und auf der Ebene der Details genau prüfen müssen, ob wir wirklich unsere Geisteshaltungen verändert haben. Sehen Sie also genau hin und prüfen Sie, ob wir unseren Egoismus bloß unterdrücken oder ob wir ihn wirklich entwurzelt haben. Eine andere Bedeutung dieser Schulung ist, dass wir die Lehren in nicht auf oberflächlichen Weise prüfen sollten. Wenn wir die Dinge sowohl im Allgemeinen als auch in einer präziesen Weise betrachten, dann werden wir eine klare Vorstellung davon haben, was wir tun müssen. Und dann tun wir es ohne zu zögern.

(19) Meditiere nicht mit einem Gefühl des Verlustes

Nehmen wir an, wir geben in unserer Praxis geistig alles weg aber wenn im wahren Leben jemand kommt und uns um etwas bittet, dann halten wir an unseren Dingen fest. Dies ist das Üben „mit einem Gefühl des Verlustes“. Wenn wir anderen Menschen etwas geben, dann sollten wir dabei die Einstellung haben, dass die Dinge, die wir ihnen geben tatsächlich ihnen gehören und nicht mehr uns. Als ich in Indien lebte hatte ich einen Blumengarten. In meinen Meditationen brachte ich allen Blumen dar. Doch ich merkte, dass ich mich sehr verspannte, wenn die Kinder des Ortes kamen und die Blumen pflückten, um sie zu sich nach Hause zu nehmen. Dies ist es, was mit einem „Gefühl des Verlustes“ gemeint ist.

Diese Übung umschließt auch, dass wir die anderen nicht an Gefallen erinnern sollten, die wir ihnen getan haben, und dass wir nicht von den Opfern sprechen sollten, die wir auf uns genommen haben, um ihnen zu helfen. Das wäre „Meditation mit einem Gefühl des Verlustes“. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt: wir sollten nicht mit unserer Praxis angeben, indem wir beispielsweise herumerzählen, dass wir 100.000 Niederwerfungen gemacht haben. Wir bauen positive Kraft und positives Potential auf, indem wir die Niederwerfungen tatsächlich machen. Aber mit Sicherheit bauen wir keine weiteren positiven Potentiale damit auf, dass wir den anderen erzählen, dass wir sie gemacht haben. Wenn wir irgendein langes Retreat machen und dann nach unserer Rückkehr auf unsere alten Freunde herabschauen und sie bloß als „arme, mitleiderregende Kreaturen des Samsaras“ sehen, dann ist das überhaupt nicht angemessen. Üben Sie einfach in einer ehrlichen Weise, ohne Selbstmitleid und ohne aufgeblasen zu werden.

(20) Lasse dich durch Überempfindlichkeit nicht einschränken.

Dies bedeutet, dass wir versuchen sollten, nicht bei der geringsten Provokation wütend zu werden. Wir müssen dazu in der Lage sein, Beschimpfungen zu ertragen – sogar in der Öffentlichkeit. Shantideva hat hier einen guten Ratschlag gegeben: sogar wenn uns jemand anschreit sollten wir ruhig bleiben, wie ein Holzscheit. Er sagte, dass der anderen Person letztendlich die hässlichen Dinge ausgehen würden, die sie uns sagen kann, und dass sie sich schließlich langweilen und aufhören würde. Dies muss allerdings mit einer reinen Motivation getan werden, d.h. ohne Hintergedanken an eine spätere Rache.

(21) Handle nicht nur über einen kurzen Zeitraum hinweg

Dies bedeutet, dass man nicht sprunghaft sein sollte, dass wir uns nicht ständig verändern sollten – wie wenn uns das kleinste Lob „himmelhoch jauchzen“ lässt und es dann aber ausreicht, dass uns jemand schief anschaut, damit wir zutiefst betrübt sind. Wenn wir uns so verhalten, dann werden uns die anderen als instabil und unausgeglichen ansehen und es wird unsere Fähigkeit einschränken, ihnen zu helfen. Es ist Shantideva, der zu diesem ganzen Thema den besten Ratschlag gibt: seien Sie im Umgang mit den anderen locker; verbringen Sie nicht den ganzen Tag mit Tratschen und unnötigem Geschwätz aber bleiben Sie ebensowenig vollkommen still. Wenn wir mit den anderen Familienmitgliedern oder mit den Menschen, mit denen wir zusammenleben nicht sprechen und sie einfach ignorieren, dann kann dies weit störender sei, als wenn wir die Musik laut aufgedreht haben. Es ist wichtig, flexibel zu sein; so werden wir dazu in der Lage sein, unser gesamtes Leben lang zu üben, und nicht bloß eine kurze Weile.

(22) Wünsche dir nicht (irgendeinen) Dank

Dies bezieht sich auf was wir vorhin erwähnt haben, als wir sagten, man solle keinen Dank oder keine Anerkennung dafür erwarten, dass man den anderen hilft. Wir sollten auch versuchen, die acht vergänglichen Dinge des Lebens zu vermeiden, die manchmal als die acht weltlichen Dharmas oder die acht kindischen Gefühle bezeichnet werden. Diese acht bestehen aus vier Gegensatzpaaren: man wünscht sich Glück und keinerlei Leiden, Lob und keinerlei Kritik, Ruhm und keinen schlechten Ruf, Gewinn und keinerlei Verlust.

[Siehe: Unbehagen über die acht vergänglichen Angelegenheiten des Lebens zerstreuen.]

Das schließt den siebten Punkt ab.

Abschließende Verse

Geshe Chekawa, der Autor des Textes, kommt mit den nun folgenden Zeilen zum Schluss:

(In gleicher Weise) verwandle in einen Pfad zur Erleuchtung
diese (Zeit in der) die fünf (Formen des) Verfalls weitverbreitet sind,

  

Die erste der fünf Formen des Verfalls ist, dass die Lebensdauer immer kürzer wird. Dies kann in verschiedenen Weisen erklärt werden; eines der Tatsachen, auf die man dies beziehen kann ist, dass heute viele Menschen in einem jüngeren Alter sterben, etwa durch eine Überdosis von Heroin, Unfälle, AIDS und so weiter. Wir können sehen, dass die Kinder heutzutage nicht viel von ihrer Kindheit haben. Im Alter von dreizehn haben die meisten von ihnen schon Drogenerfahrung und Erfahrungen mit Sex, und viele andere Dinge, die die vorangehende Generation in diesem Alter noch nicht tat. In diesem Sinne wird die Lebensspanne viel kürzer, es ist nicht viel von der Kindheit übriggeblieben.

Dann gibt es die Verfall der störenden Geisteshaltungen. Sogar diejenigen, die Mönche und Nonnen werden haben weiterhin Wut, Begierde, Anhaftung und Naivität in einem starken Umfang. Verfall der Ansicht bedeutet, dass die Laien keinen Respekt vor den Mönchen und Nonnen haben. Es tatsächlich so, dass die Menschen überhaupt niemanden mehr besonders respektieren. Sogar Menschen in den höchsten politischen und spirituellen Ämtern sind in alle möglichen Skandale verwickelt.

Verfall der Wesen bezieht sich darauf, dass unsere Fähigkeitselbst für uns sorgen zu können, im Vergleich zur Vergangenheit zurückgegangen ist. Wir können dies daran erkennen, dass wir dermaßen abhängig von der Elektrizität, von Maschinen und vom Computer sind, dass wir mit dem kleinsten Aussetzen dieser Dinge nicht umgehen können. Vor fünfzig Jahren kamen wir noch völlig problemlos ohne Computer aus, und heute sind alle in Angst und Schrecken, dass unsere gesamte Zivilisation wegen dem 2000-Jahr-Virus in sich zusammenbrechen wird.

Fünftens gibt es den Verfall der Zeiten, was bedeutet, dass es mehr und mehr Naturkatastrophen gibt. Wir können dies am Treibhauseffekt erkennen, mit all den schrecklichen Hurrikanen und Naturkatastrophen, die sich ergeben. Wir leben also jetzt in einer Zeit, in der wir wirklich diese Art von Praxis brauchen, um alle schwierigen Situationen in Situationen umzuwandeln, die zur Erleuchtung führen.

Der Text fährt fort:

Diese Essenz des Nektars von Quintessenz-Lehren
Stammt aus der Übertragungslinie von Serlingpa.

„Quintessenz-Lehren“ bezieht sich auf diese Lehren über das Bodhichitta und so weiter. Sie werden als „Nektar“ bezeichnet, da sie die Unsterblichkeit schenken, indem sie zur Buddhaschaft führen. Dies steht in der Übertragungslinie von Serlingpa, einem aus Sumatra stammenden Lehrer Atishas. Atisha erhielt von ihm diese Lehren und brachte sie nach Tibet.

Dann schließt der Autor ab:

Aus dem Erwachen von karmischer Überbleibseln
Vorangehenden Übens
Ist meine
[1] Bewunderung (für diese Praxis) im Überfluss vorhanden.
Und infolge dieser Ursache,
Leiden und Spott ignorierend,
Bat ich um diese richtungsweisenden Anleitungen
Um mein Greifen nach einem Selbst zu zähmen.
Nun werde ich, selbst wenn ich sterbe,
keinerlei Bedauern verspüren.

Wenn wir uns wirklich selbst geschult haben und unsere Geisteshaltungen vom Egoismus und der Selbstbezogenheit befreit haben, dann können wir glücklich sterben, da wir die notwendigen Ursachen aufgebaut haben, um in künftigen Leben weiter anderen helfen zu können. Auf einer unmittelbaren Ebene werden wir dazu in der Lage sein, in einem entspannten Geisteszustand oder zumindest ohne Bedauern zu sterben. In welcher Situation auch immer wir uns befinden mögen ist es also wichtig, dass wir versuchen, unsere Selbstbezogenheit zu überwinden und Bodhichitta zu entwickeln. Wenn wir eine realistische Geisteshaltung haben und wissen, worin die Schwierigkeiten auf dem Pfad bestehen, dann werden wir in unserem Umgang mit diesen Schwierigkeiten sorgfältig genug sein, um die hier beschriebenen Möglichkeiten, mit Problemen umzugehen, anzuwenden. So werden wir dazu in der Lage sein, über einen langen Zeitraum kontinuierlich Fortschritte zu machen.

Das sind die Lehren über die „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“, die ich viele Male von meinen verschiedenen Lehrern hörte: von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, von seinem Lehrer Serkong Rinpoche und von Geshe Ngawang Dhargyey. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Gelegenheit hatte, sie euch zu erläutern.

Fragen

Haben Sie irgendwelche Fragen?

Teilnehmer: Wie passen diese Praktiken mit dem Tantra zusammen?

Alex: Es ist sehr wichtig, Tantra nicht ohne die richtige Motivation zu praktizieren. Atisha, der diese Lehren nach Tibet brachte, hat diesen Punkt behandelt. Er sagte Folgendes: wenn wir verschiedene Yidams üben, ohne Bodhichitta bzw. den Wunsch, den anderen wirklich umfassend zu dienen, und ohne ein Verständnis der Leerheit bzw. der Realität, so dass wir am Yidam sehr anhaften, dann wirkt die Tantrapraxis als eine Ursache dafür, dass wir als Geist in Yidamform wiedergeboren werden.

Mir erschien diese Aussage immer etwas merkwürdig und ich verstand sie nicht wirklich. Dann besuchte ich Malaysia, Singapur und Indonesien – Gebiete, in denen Atisha studiert hatte und wo er diese Lehren erhalten hatte. Dies sind Orte, an denen Tantra vor zahlreichen Jahrhunderten in Blüte stand, doch zahlreiche Menschen praktizierten es nicht in der reinsten Weise. Heute ist eine der herausstechendesten Praktiken bei den dortigen Buddhisten das „Channeling“. Es gibt ganze Gruppen, die zusammenkommen und in Trance fallen, um für den Lachenden Buddha oder Maitreya-Buddha als Medien zu dienen. Hierbei wirkt ein Geist, bei dem es sich offensichtlich um einen Geist in Yidamform handelt, durch sie und spricht. Das ist eine der wichtigsten buddhistischen Aktivitäten in jenem Erdteil! Atishas Ratschlag klärt den Hintergrund dieses Phänomens, das in Südostasien weit verbreitet ist. Dies gilt besonders, da diese Geister versuchen, den Menschen zu helfen – man sucht diese Medien auf, wie westlichen Menschen einen Psychotherapeuten aufsuchen würden, um Ratschläge zu erhalten und so weiter. Diese alten tantrischen Übenden hatten also nicht die richtige Motivation, obwohl sie in einem gewissen Umfang die Motivation besaßen, den anderen zu helfen. Das ist sehr interessant. Keine Anhaftung den Yidams gegenüber zu haben bedeutet also, Tantra nicht als einen Ego-Trip zu üben, sondern vielmehr mit einer richtigen Motivation und einem richtigen Verständnis der Realität.

Teilnehmer: Was ist, wenn wir Angst haben, einige dieser Lehren zu üben?

Alex: Als allererstes: diese Lehren sind sehr fortgeschritten – sie sind nicht für Anfänger gedacht. Das bedeutet zum Beispiel, dass man ein gesundes Ego haben muss, um niedriges Selbstbewusstsein zu überwinden, bevor man sie unternimmt. Wenn wir die Reihenfolge betrachten, die sich in Gampopas Text „Der Kostbare Schmuck der Befreiung“ (Juwelenornament der Befreiung) findet, so stellen wir fest, dass er mit der Buddha-Natur anfängt. Mit anderen Worten: der Ausgangspunkt liegt darin, dass wir die Überzeugung gewinnen, dass wir wirklich alle notwendigen Qualitäten und Eigenschaften in uns haben, um die Buddhaschaft zu erlangen. Diese Erkenntnis ist eine große Hilfe, um ein niedriges Selbstbewusstsein zu überwinden. Ohne diese Grundlage ist es nicht besonders ratsam, zu fortgeschritteneren Praktiken weiterzugehen.

Wir müssen zwischen einem gesunden Ego und einem aufgeblähten Ego unterscheiden. Im Buddhismus versuchen wir, uns vom aufgeblähten Ego zu befreien. Das gesunde Ego ist die Basis, auf deren Grundlage wir uns um unser Leben und um unsere Praxis kümmern – z.B. morgens aufstehen um zu arbeiten und zu meditieren. Ohne ein gesundes Ego könnten wir in der Welt nicht bestehen. Ohne ein gesundes Ego würden wir den Dharma nicht üben, da wir nicht daran glauben würden, dass wir es können und dass wir damit eine Wirkung erzielen können. Das aufgeblähte Ego ist eine Verzerrung dieser gesunden Haltung, nach dem Motto: „Ich bin am wichtigsten auf der Welt; es muss immer nach meinem Kopf gehen.“ Das ist es, wovon wir uns befreien müssen.

Der Buddhismus ist immer der mittlere Pfad; das berühmteste „Logo“ des Buddhismus ist: „der mittlere Pfad“. Was das Ego angeht besteht der mittlere Pfad im gesunden Ego; nicht im Ego, dass sich zu der Haltung aufbläst „Ich bin das Zentrum des Universums“, und ebensowenig im Ego, aus dem alle Luft raus ist, mit dem wir uns nach dem Motto: „Ich kann nichts tun, ich kann mich noch nicht einmal um mich selbst kümmern“ vollkommen unzulänglich und hoffnungslos fühlen. Das ist genauso gefährlich wie das Extrem eines aufgeblasenen Egos. Wir sprechen immer davon, dass wir die beiden Extreme vermeiden müssen, mit denen wir einerseits alles zu soliden ewigen Dingen machen oder andererseits alles vollkommen negieren und in eine nihilistische Sicht verfallen.

Teilnehmer: Wie können wir erkennen, ob wir ein gesundes Ego haben oder nicht?

Alex: Wenn wir kein gesundes Ego haben ist es sehr gefährlich, sofort mit Übungen loszulegen. Es kann zu wirklichen psychologischen Schäden führen. Wir müssen uns erst etwas prüfen, indem wir fragen, ob wir wirklich gut auf uns selbst achten. Wir müssen das nicht auf egoistische Weise tun, aber achten wir auf die Dinge, die wir erleben, auf unsere Gefühle und so weiter, oder haben wir ein so niedriges Selbstbewusstsein, dass es uns einfach egal ist? Wenn es uns egal ist, dann denken wir auch, dass es keine Rolle spielt, wenn wir uns destruktiv verhalten. Die Einstellung „alles ist egal“ ist etwas anderes als eine Geisteshaltung des Gleichmutes. Wir fangen an, ein gesundes Ego zu entwickeln, wenn wir einen gewissen Grad an Verantwortung für unser Leben übernehmen, wenn wir anfangen, uns selbst, unsere Gefühle und unsere Handlungen ernst zu nehmen.

Ich glaube nicht, dass man ein niedriges Selbstbewusstsein vollkommen überwinden muss um dazu in der Lage zu sein, mit der Dharmapraxis zu beginnen. Es vollkommen zu überwinden ist ein sehr langer und schwieriger Prozess. Doch wir müssen mindestens dazu in der Lage sein, diese störende Geisteshaltung als eine Quelle des Leidens zu erkennen. Betrachten Sie ein niedriges Selbstbewusstsein als Leiden, als ein Problem; versuchen Sie, seine Ursachen zu erkennen und behalteen Sie im Hinterkopf, dass Sie es überwinden müssen. Und wir müssen die Überzeugung entwickeln, dass wir es überwinden können. Wir beginnen, die buddhistische Praxis zu üben, um es zu überwinden.

Sönam-tsemo, einer der fünf Begründer der Sakya-Tradition, schrieb einen sehr wichtigen Text: „ Das Tor zum Eintritt in den Dharma“. Er war ein Zeitgenosse Gampopas und lehrte, dass drei Dinge vorhanden sein müssen, damit wir uns wirklich auf den Dharma einlassen können. Erstens sollten wir das Leiden und die Probleme in unserem Leben erkennen; zweitens sollten wir ein gewisses Maß an Entschlossenheit haben, frei zu sein; drittens sollten wir einige Grundkenntnis des Dharmas haben. Wir sollten wissen, welche grundlegenden Methoden und Lehren uns dabei helfen können, die Dinge zu beseitigen, die wir nicht wollen. Mit dieser Grundlage können wir uns wirklich auf den Dharma einlassen, da wir unsere Probleme erkennen und dazu motiviert sind, uns von ihnen zu befreien. So wissen wir, worauf wir uns einlassen. Warum sollten wir uns ansonsten darauf einlassen?

Um das Leiden in unserem Leben zu erkennen und den Wunsch zu entwickeln, uns davon zu befreien, brauchen wir ein gesundes Ego. Wenn wir ein solches nicht haben, dann ist uns alles egal und wie suchen nicht nach Möglichkeiten, uns zu verbessern. Mir scheint also, dass unser Selbstbewusstsein ausreichend gesund ist, um sich mit den Lehren zu befassen, wenn wir die drei Bedingungen erfüllen, die in diesem Shakya-Text erwähnt werden.

Wir versuchen irgendwie unsere Situation zu verbessern. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig, da wir in den Texten lesen können „Übe ohne Hoffnung und Erwartungen zu haben“. Das bezieht sich darauf, dass wir es vermeiden sollten, den Dharma mit einem aufgeblähten Ego zu üben, bloß für „ mich, mich, mich“. Es bedeutet jedoch nicht, dass wir in das andere Extrem verfallen und überhaupt kein gesundes Ego mehr haben sollten, denn dann würden wir überhaupt nichts tun. Wir sollten die Einstellung haben „Ich werde mich nicht darüber aufregen, dass die Dinge, während ich übe, auf und ab gehen, aber ich nehme mir die Sache ausreichend zu Herzen, um mit meiner Praxis fortzufahren, da ich die Erleuchtung anstrebe.“ Ohne ein gesundes Ego können wir unmöglich auf ein Ziel wie die Befreiung oder die Erleuchtung hinarbeiten. Es geht weder darum, dass wir diese Ziele mit einem aufgeblähten Ego anpeilen, noch darum, dass wir sie überhaupt nicht anvisieren, denn dann würden wir gar nichts erreichen.

 


[1] Anmerkung der Lektorin: Im Englischen wird in allen Verse der Imperativ (Befehlsform) benutzt, bei einigen Zeilen aber mit „mir“ oder „mein“, es sind also Anweisungen, die man sich selber gibt. Das ist im Deutschen sprachlich schwieriger wiederzugeben, weshalb wir uns entschlossen, durchgängig Imperativ, aber zusätzlich „du“, „dein“ und „dich“ zu benutzen, nur hier im letzten Vers haben wir die „Ich-Form“ beibehalten.