Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Allgemeine Erläuterung zur „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“

Alexander Berzin
Katowize, Polen, Dezember 1999
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Teil zwei: Punkte fünf und sechs

Punkt fünf: Das Ausmaß, in dem wir unsere Geisteshaltungen geschult haben

In Punkt fünf geht es um das Ermessen des Grades, in dem wir unsere Geisteshaltungen gereinigt und geschult haben.

Wenn all deine Dharmapraxis zu einer Absicht zusammen kommt,

 

 

Diese Absicht ist, die Selbstbezogenheit zu beseitigen. All die verschiedenen Aspekte der gesamten Schriften über die Sieben Punkte zum Reinigen und Trainieren unserer Geisteshaltungen und all die anderen Lojong-Texte zielen tatsächlich darauf ab, unseren Egoismus und die (neurotische) Beschäftigung mit dem ich zu überwinden. Wir erkennen, dass wir in die richtige Richtung gehen und dass unser Üben erfolgreich ist wenn all unsere Dharmapraktiken diese eine Absicht verfolgen: unsere Selbstbezogenheit vermindern. Das ist ein Zeichen, dass wir einen gewissen Fortschritt machen und dass alles gut verläuft.

Doch wir müssen zuerst verstehen, was mit dem Begriff des „Fortschrittes” gemeint wird. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, Folgendes zu verstehen: wenn wir über Fortschritt auf dem Pfad sprechen, dann handelt es sich hierbei nicht um etwas Lineares. Wir sind organische Wesen die in einer organischen Welt leben und nichts geschieht in einer linearen Weise. Eine lineare Weise wäre etwa, dass wir unsere Übungen machen und dass es von Tag zu Tag besser wird. Da wir mit systematischen Darstellungen wie den Stadien des Pfades, den fünf Pfaden, den zehn Bodhisattva-Stadien, und so weiter, vertraut sind, haben wir den Eindruck, dass es linear verlaufen sollte. Natürlich schreiten wir von einem Stadium zum nächsten fort, doch dieser Prozess spielt sich nicht in Form eines Fortschrittes, der von Tag zu Tag regelmäßig verläuft, ab. An manchen Tagen geht unser Üben gut, an anderen nicht. Das ist normal, daher ist es sehr wichtig, sich weder entmutigen zu lassen noch unrealistische Erwartungen zu haben. Dies wird in allen Meditationsanleitungen betont. Was wir betrachten wollen sind langfristige Trends. Der langfristige Trend besteht darin, dass langfristig alles, was wir tun, unseren Egoismus vermindern wird, auch wenn es von Tag zu Tag auf und ab geht. Das ist ein Zeichen dafür, dass wir in der richtigen Art und Weise üben.

Wenn wir unsere regelmäßigen Übungen machen sollte unser Hauptziel sein, unsere Selbstbezogenheit und unseren Egoismus zu überwinden. Tatsächlich haben alle Praktiken diese Absicht, nicht bloß diejenigen, die wir hier besprechen. Wenn wir beispielsweise Shine (tib. zhinay, Skt. shamatha) üben, um einen friedlichen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand zu entwickeln, dann muss dies zu dem Zweck geschehen, dass wir Konzentration und Vergegenwärtigung entwickeln, damit wir nicht egoistisch sind. Dass man sich auf den Atem konzentriert und eine perfekte Konzentration auf den Atem hat ist in sich selbst kein Ziel. Es gibt Nicht-Buddhisten, die in dieser Weise Shine üben. Es ist eine Übung, die viele Nutzen hat, doch hier ist der Nutzen der, dass wir uns unserer Aufmerksamkeit gewahr sein können, damit wenn unsere Aufmerksamkeit zu Gedanken wandert, bei denen man nur „Ich, Ich, Ich“ denkt, wir unsere Aufmerksamkeit wieder anderen zuwenden können.

Das zeigt sich recht deutlich an der Struktur von Shantidevas „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (Skr. Bodhisattvacharya-avatara) . In diesem Werk bespricht er die Lehren über das Verwandeln unserer Geisteshaltungen gegenüber uns selbst und den anderen im Kapitel zur meditativen Konzentration. „Meditative Konzentration“ ist eigentlich keine sehr gute Übersetzung. Was wirklich gemeint ist, ist ein stabiler Geisteszustand, d.h. ein Geist, der stabil im Bodhichitta ist und der den anderen in einer stabilen Weise mit Liebe zugewandt ist. Das ist es, wofür wir Konzentration brauchen; das ist es, was wir uns vergegenwärtig halten müssen. Dass wir die Praxis des Shines richtig üben erkennen wir daran, dass wir sie in unserem tatsächlichen Leben anwenden und dass wir uns so der anderen zunehmend bewusster werden. Dieses Prinzip gilt übrigens unabhängig davon, was unsere zentrale Dharmapraxis ist: unser Üben ist immer dann erfolgreich, wenn es uns hilft, weniger egoistisch zu sein. Das bedeutet also, dass es sehr wichtig für uns ist, zu wissen, wie wir die verschiedenen Lehren auf das Alltagsleben anwenden können. Wir müssen unseren Geist vollständig vom konzeptuellen Denken befreien, speziell vom konzeptuellen Denken, das auf „ Ich, Ich, Ich“ abzielt. Wenn uns die Selbsttransformation in diesen Praktiken dabei hilft, weniger selbstbezogen zu sein und wir einen größeren Akzent darauf legen, den anderen zu helfen, dann ist dies ein Zeichen, dass wir in einer richtigen Art und Weise üben.

Dann fährt der Text fort:

Wenn du von den zwei Zeugen
den Maßgeblichen nimmst;

 

 

Die „zwei Zeugen“, an die wir uns wenden können, um zu erfahren, ob wir tatsächlich Fortschritte machen, sind erstens andere Menschen und zweitens wir selbst. Der wichtigere der „beiden Zeugen“ sind allerdings wir selbst. Wir brauchen weder unseren Lehrer noch die Menschen um uns herum zu fragen, ob wir richtig üben. Wir wissen es selbst, da wir es an den inneren Zeichen erkennen können, und um diese Zeichen geht es bei diesem Punkt. Die Kommentare sprechen also davon, dass wir uns selbst gegenüber ein Zeuge sein sollen, um zu sehen, ob wir die fünf Zeichen der Größe erreicht haben.

Das erste Zeichen der Größe ist es, „ein Großherziger“ zu sein. Dies wird normalerweise als „ großer Geist“ übersetzt, doch tatsächlich bezieht es sich auf das Herz. Sind wir also jemand, der den anderen mehr Beachtung schenkt als sich selbst? Eine solche Person ist jemand mit einem großen Herzen. Das Sanskrit-Wort, das wir beispielsweise im „Herzsutra“ finden, ist „Mahasattva“. Wir wissen es selbst; die anderen können nicht wirklich wissen, was in uns vorgeht. Wir selbst wissen, ob wir vor allem an die anderen oder vor allem an uns selbst denken. Wenn es etwa einen leckeren Kuchen zum Nachtisch gibt, denken wir dann daran, wie wunderbar es für die anderen im Saal wäre, diesen Kuchen zu genießen? Oder denken wir eher „Klasse! Ich liebe diese Art von Kuchen. Ich hoffe niemand anderes mag ihn.”? Wenn in einem Laden oder im Kino eine lange Schlange steht, wünschen wir dann den Menschen vor uns, dass sie vorne gute Plätze finden, oder wollen wir einfach selbst nach vorne kommen, um für uns einen guten Platz zu ergattern? Es ist überhaupt nicht einfach, dieses Stadium der Großherzigkeit zu erreichen! Natürlich ist es wichtig, dass wir uns nicht selbst betrügen. Seien wir ehrlich in Bezug darauf, wo wir stehen.

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass die Dinge hier ohne Schuldgefühle und Verurteilungen von statten geht. Wir denken nicht „Ich verhalte mich weiterhin egoistisch, deshalb bin ich ein schlechter Mensch“ oder „Ich mache es nicht richtig.“. Es gibt hier keine Moralurteile, wie wenn man sagen würde, dass man an die anderen denken muss und nicht an sich selbst denken darf. Das Konzept des „Müssens“ gibt es im Buddhismus nicht. Es ist einfach nützlicher, mehr an die anderen zu denken: es führt zu weniger Problemen und Leiden.

Es gibt Stadien, die wir durchlaufen müssen, um diese Tonglen-Praxis zu erreichen, bei der wir unsere Geisteshaltungen uns selbst und den anderen gegenüber ändern. Das Stadium vor dem Tonglen besteht darin, dass wir über die Nachteile nachdenken, die uns die Selbstbezogenheit beschert, und über die Vorteile, die es hat, sich die anderen zu Herzen zu nehmen. Es basiert auf der Erkenntnis, dass egoistisches Handeln uns bloß mehr Probleme schaffen wird. Wenn wir zum Beispiel depressiv sind und als Ergebnis hiervon Selbstmitleid empfinden, dann vergrößert dies unser Leiden bloß. Wenn wir andererseits trotz unserer Depression jemanden anrufen oder versuchen, etwas zu tun, um den anderen zu helfen, dann werden wir uns viel besser fühlen. Es geht hier also bloß darum, dass wir die Vorteile der einen Verhaltensweise und die Nachteile der anderen erkennen und dann für uns selbst entscheiden, was wir wollen. Bei der Reinigung unserer Geisteshaltungen sind also das schlechtes Gewissen und unsere Moralurteile zwei der Dinge, die wir loswerden müssen. Das ist sehr wichtig. Ansonsten geht dieses ganze Training in eine falsche Richtung. Soweit zum ersten Zeichen der Größe.

Das zweite Zeichen der Größe ist, im konstruktiven Verhalten trainiert zu sein. Auch dies können wir selbst feststellen: handle ich in irgendeiner der destruktiven Weisen? Es ist sehr wichtig ein umfassendes Verständnis der zehn destruktiven Handlungen zu haben. Es beschränkt sich nicht bloß darauf, dass wir daran denken, loszuziehen um irgendjemanden zu ermorden; es beginnt schon damit, dass wir daran denken, uns einer Person gegenüber in irgendeiner Weise körperlich destruktiv zu verhalten. Sogar wenn wir körperlich rau zu eine älteren Person sind, indem wir beispielsweise zu schnell laufen, so dass sie nicht mit uns Fuß halten kann, ist dies eine destruktive Handlung, die darauf beruht, dass wir nur an uns selbst denken und nicht an die andere Person. Wir handeln destruktiv, da wir nur an uns selbst denken. Wenn wir uns dagegen konstruktiv verhalten, uns grundlegend davon zurückhalten, anderen zu schaden, dann ist das ein Zeichen des Fortschrittes. Wir selbst sind hierfür die besten Zeugen.

Die dritte Art von Größe ist es, Schwierigkeiten ertragen zu können. Die Schwierigkeiten, die hier gemeint sind, sind diejenigen, die sich ergeben, wenn wir versuchen, unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen zu überwinden. Noch einmal: wir selbst wissen am besten, wie gut wir darin sind. Arbeite ich wirklich hart und gehe durch alle Schwierigkeiten, die ich habe, hindurch, ohne unter dem Einfluss von Wut und Begierde zu handeln? Wenn wir unter dem Einfluss dieser geistigen Gifte handeln, dann denken wir an uns selbst statt an die anderen. Wenn wir wirklich an die anderen denken, dann müssen wir wirklich die harte Arbeit unternehmen, die notwendig ist, um uns von unseren störenden Geisteshaltungen zu befreien.

Die vierte Art von Größe ist die des großen Halters der Disziplin (Selbst-Disziplin). „Disziplin“ bedeutet, dass wir unsere Gelübde halten. Es gibt die verschiedenen Pratimoksha-Gelübde (die Gelübde für die individuelle Befreiung), die man sowohl als Mönch als auch als Laie ablegen kann. Diese Gelübde beinhalten, dass man das Leben von anderen Wesen nicht nimmt, dass man nicht stiehlt, nicht lügt, ein unangebrachtes Sexualverhalten vermeidet, und kein Alkohol oder andere Rauschmittel zu sich nimmt. Dann gibt es die Bodhisattava-Gelübde, bei denen es grundsätzlich gesagt darum geht, dass man sich von den verschiedenen Verhaltensweisen und Geisteshaltungen zurückhält, die uns daran hindern, anderen zu helfen. Schließlich kommen die tantrischen Gelübde, die beinhalten, dass wir uns von den Verhaltensformen zurückzuhalten, die dafür Hindernisse schaffen würden, dass wir auf dem tantrischen Pfad die Erleuchtung erreichen. Der Zweck all dieser Arten von Disziplin ist es, uns von destruktiven Handlungen zurückzuhalten, die uns daran hindern, den anderen zu helfen und die Erleuchtung zu erlangen. Es ist wirklich sehr wichtig, diesen Zweck zu verstehen. Es ist etwas anderes, als wenn Gott sagt „ Du sollst dies nicht tun“ und wir müssen gehorchen, ohne Fragen stellen zu dürfen. Das ist kein Buddhismus. Es gibt keinen Zwang, Gelübde abzulegen. Wenn wir aber die Erleuchtung erreichen wollen um dazu in der Lage zu sein, den anderen in der bestmöglichen Weise zu helfen, dann gibt es konstruktive Verhaltensweisen, die uns helfen können, dies zu verwirklichen. Das bedeutet, dass wir wirklich an diese destruktiven Handlungen denken müssen und verstehen müssen, wie sie uns daran hindern würden, den anderen zu helfen. Auch hier sind wir selbst die besten Zeugen um zu beurteilen, ob wir unsere Gelübde wirklich einhalten.

Die fünfte Art von großen Wesen ist der große Yogi, jemand, der sich mit Bodhichitta vereinigt hat. Unser Geist, unser Herz, unser Verhalten und alles andere ist vollkommen eins mit dem Bodhichitta. Auch hier sind wir selbst die besten Zeugen. Besonders vorsichtig müssen wir sein, damit wir nicht stolz werden während wir üben, indem wir etwa denken: „Oh, ich helfe den anderen; ich verbringe soviel Zeit im Krankenhaus. Was für ein Bodhisattva ich doch bin.“ Wenn wir denken, dass wir den anderen helfen, weil wir so großartig sind, ist ein klares Zeichen dafür, dass wir es nicht richtig machen. Es liegt vielmehr an der Inspiration durch unsere Lehrer und durch die anderen großen Linienhalter – doch sollte diese Hingabe auf ausgeglichene Art und Weise geschehen, nicht in dem Sinne das wir denken: „Ich bin nichts, ich bin ein Wurm und alles liegt an deiner Güte.“ Sich auf solch ausgewogene Weise zu bemühen und dabei nicht stolz zu sein ist ein Zeichen, dass wir Fortschritte machen.

Es gibt viele anderen Zeichen des Fortschritts. Eines entsteht daraus, dass wir über die Kostbarkeit unseres menschlichen Lebens nachdenken: wir haben das Gefühl, dass es ein Desaster wäre, diese Gelegenheit zu verpassen, um den anderen zu helfen. Ebenso ist es ein gutes Zeichen, wenn uns die Jagd nach Reichtum und Besitz in diesem Leben nicht anzieht und wir uns vielmehr für unsere zukünftigen Leben die Umstände sichern wollen, die es uns erlauben werden, den anderen zu helfen. Natürlich brauchen wir in diesem Leben ein gewisses Maß an materiellem Wohlstand und an günstigen Umständen, um den anderen helfen zu können. Doch es ist wichtig, diese Dinge nicht als Zweck an sich anzusehen. Wir müssen eine langfristige Sicht einnehmen und im Hinblick auf alle Leben denken, die uns bis zur Erleuchtung führen werden. In all diesen Leben brauchen wir gute Umstände, um den anderen zu helfen. Wir müssen unsere Bedürfnisse mäßigen, indem wir an die anderen denken. Ein Beispiel wäre, das Ziel zu haben, genug Geld zu besitzen, um den anderen helfen zu können, oder ein Haus zu haben, das groß genug ist, um Menschen, die einen Platz zum wohnen brauchen, beherbergen zu können.

Ein weiteres Zeichen ist es, wenn uns das materielle Streben abstößt und unser Hauptziel darin besteht, die Befreiung von störenden Emotionen und Geisteshaltungen zu erlangen. Was bedeutet das konkret? Es bedeutet zum Beispiel, dass wir nicht wirklich daran hängen, an einem bestimmten Ort zu leben oder mit bestimmten Menschen zusammen zu sein, da wir erkennen, dass es, was Vorteile und Nachteile angeht, überall im Leben gleich ist; wo auch immer wir uns befinden und mit wem auch immer wir zusammen sind, es besteht immer die Gefahr, dass wir in Anhaftung oder Abneigung verfallen, und dies wird uns daran hindern, den anderen wirklich zu helfen. Dies bedeutet nicht, dass wir keine Beziehung zu den Menschen in unserem Umfeld haben. Natürlich haben wir Verbindungen, doch es geht hierbei nur darum, dass wir den anderen helfen können und nicht darum, welchen Vorteil wir daraus schlagen können.

Die Einsicht, dass niemand besonders ist, erlaubt es uns zu erkennen, dass alle besonders sind – niemand ist besser als irgendjemand anderes. Dies erlaubt uns, eine ausgeglichene Geisteshaltung entwickeln – d.h. den Gleichmut. Und diese Geisteshaltung wiederum erlaubt es uns, allen mit unserer vollen Energie zu helfen, egal an welchem Ort und mit wem wir zusammen sind. Wir können es an den größten Lamas sehen: wer auch immer mit ihnen zusammen ist wird für den Moment wie ihr bester Freund: sie behandeln die Person aus vollem Herzen. Und trotzdem ist niemand für sie etwas ausgesprochen besonderes. Dies ist noch ein anderes Zeichen dafür, dass die Lehren in uns Wurzel fassen.

Wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns vor unseren Lamas vor nichts zu schämen brauchen, wenn sie uns sehen, dann ist das ein gutes Seichen. Es bedeutet, dass wir ehrlich sind und dass wir daher innerlich entspannt sind.

Im Allgemeinen gesagt ist es ebenfalls ein sehr gutes Zeichen, wenn unsere Stimmung immer gut ist und nicht ständig auf und ab geht. Das bedeutet nicht, dass wir gar nicht auf die anderen reagieren. Wenn es angemessen ist, in einer bestimmten emotionalen Weise reagieren, dann sitzen Sie bitte nicht bloß still und mit ausdruckslosem Gesicht wie ein Stein da! Ich erinnere mich an eine Episode mit meiner Schwester, die mir immer sehr hilft. Nachdem ich gerade die ersten paar Jahre in Indien gewesen war, kam ich zurück in die USA und verbrachte etwas Zeit mit ihr. Nach einer Weile meinte sie: „Du bist so ruhig, dass ich kotzen könnte.“ Einfach nur ruhig zu sein und nicht wirklich zu reagieren ‐ das ist nicht die richtige Weise zu üben. Wir brauchen Enthusiasmus, um in einer lebendigen Weise da zu sein, nicht wie eine Statue. Die Ruhe liegt innen.

Der Text fährt fort,

Wenn du dich fortwährend auf deinen Geist verlassen kannst,
dass er nur glücklich ist;

 

 

Diese Zeile bedeutet folgendes: wenn wir uns selbst von schwierigen Situationen nicht niederschlagen lassen, sondern dazu in der Lage sind, sie geistig so umzuwandeln, dass wir unseren inneren Frieden und unser inneres Glück bewahren – und wir selbst können sehen, ob wir dies tun oder nicht – dann ist dies ein Zeichen dafür, dass wir in einer richtigen Weise üben. Die Tibeter lieben konkrete, bodenständige Beispiele. Wenn man uns etwa keinen Tee serviert, dann können wir darüber glücklich sein, dass wir deshalb nicht mitten in der Nacht aufstehen müssen, um zur Toilette zu gehen, statt schlechter Laune zu sein, weil man uns keinen Tee serviert hat. Wir können diese verschiedenen Tricks benutzen, die uns dabei helfen, die Dinge von der positiven Seite zu sehen statt von der negativen. So regen wir uns nicht auf, wenn die Dinge nicht so funktionieren, wie wir es uns gewünscht haben. Es ist ein Zeichen, dass es mit unserer Praxis gut steht, wenn wir dazu in der Lage sind, so etwas auf ganz natürliche Art und Weise zu tun.

Der letzte Punkt dieses Abschnittes ist dann:

Und selbst wenn du abgelenkt bist, noch in der Lage bist;
Dann hast du dein Übungsziel erreicht.

 

 

Es ist beispielsweise sehr leicht Auto zu fahren, wenn man konzentriert ist. Wenn man aber dazu in der Lage ist, Auto zu fahren, obwohl man vollkommen abgelenkt ist, dann bedeutet dies, dass man gut trainiert ist. In einer ähnlichen Weise ist es möglicherweise einfach, nicht selbstbezogen zu sein und an die anderen zu denken, wenn man konzentriert ist und die Situation ziemlich ruhig und einfach ist. Wenn wenige Leute am Zug stehen und noch viel Zeit ist, dann fällt es nicht schwer, jemandem beim Einsteigen zu helfen. Doch was passiert, wenn der Schaffner schon pfeift und der Zug gleich losfährt und noch fünf oder sechs Personen einsteigen müssen? Machen wir uns dann weiterhin Gedanken darum, dass alle anderen in den Zug kommen, oder drücken und drängeln wir uns einfach an den anderen vorbei, um sicherzugehen, dass wir in diesen Zug kommen? Sind wir sogar in solchen ablenkenden Situationen dazu in der Lage, uns weiterhin nicht hauptsächlich um uns selbst, sondern um die anderen zu kümmern? Wenn dies der Fall ist, dann haben wir wirklich unsere Geisteshaltungen verändert. Das ist der fünfte Punkt.

Punkt sechs: Praktiken der engen Bindung für die Schulung der Geisteshaltungen

Für den sechsten und siebten Punkt gibt es lange Listen. Der sechste Punkt besteht aus achtzehn Praktiken, die uns eng an diese Schulung der Geisteshaltung binden. Der siebte Punkt enthält zweiundzwanzig Unterpunkte um unsere Geisteshaltungen zu reinigen und zu trainieren. Es handelt sich hierbei um wundervolle Richtlinien darüber, wie man weniger egoistisch werden und sich die anderen mehr zu Herzen nehmen kann. Es ist besser diese Dinge hier nicht nur als lange Listen darzustellen, sondern etwas detaillierter auf die einzelnen Punkte einzugehen. Dies ist sicher sehr nützlich, da die tibetischen Bezeichnungen ziemlich unverständlich und schwierig sind. Es daher ohne eine gute Erklärung sehr schwer zu verstehen, worüber hier überhaupt geredet wird.

Auf Sanskrit und Tibetisch bezeichnet das Wort samaya (tib. dam-tshig) Praktiken, die ein enges Band oder eine enge Verbindung schaffen. Es handelt sich um verschiedene Arten von Praktiken oder von Dingen, die eine enge Verbindung zwischen uns und der Reinigung und der Schulung unserer Geisteshaltungen aufrecht erhalten. Bei einigen handelt es sich um verschiedene Handlungen, die wir vermeiden sollten, während es sich bei anderen um verschiedene Handlungen handelt, die wir unternehmen sollten.

(1-3) Übe dich stets in den drei allgemeinen Punkten.

Der erste dieser drei allgemeinen Punkte ist (1) Handle nicht im Widerspruch zu dem, was du versprochen hast. Dies hat zahlreiche Ebenen der Bedeutung und der Interpretation. Eine Erklärung für diesen Satz ist folgende: wenn wir die Praxis der Reinigung unserer Geisteshaltungen üben, müssen wir acht geben, dass wir uns nicht einbilden, wir könnten etwas wie die zehn konstruktiven Handlungen ignorieren. Jemand könnte denken „Ich praktiziere als Bodhisattva und daher kann ich alles tun,“ doch dies ist nicht wirklich angebracht.

Wenn wir dies näher betrachten wird es ein schwieriger und interessanter Punkt. Nehmen wir ein kontroverses Beispiel: eines der Pratimoksha-Gelübde eines Laien besteht darin, dass man es vermeidet, Alkohol zu trinken. Man könnte also sagen: „Ich bin ein Bodhisattva. Ich versuche, zu üben, anderen zu helfen. In meinem Land ist es eine soziale Gepflogenheit zu trinken. Wenn ich nicht mit meinen Freunden trinke, dann werden sie mir gegenüber nicht offen und aufnahmebereit sein. Deshalb kann ich dieses Lehre über das destruktive Verhalten ignorieren und Alkohol trinken, da ich ein Bodhisattva bin, der versucht den anderen zu helfen.“ Es kann natürlich Umstände geben, in denen diese Art zu Denken angebracht ist, doch wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir dies nicht als Entschuldigung fürs Alkoholtrinken benutzen. Und wir müssen sehr darauf achten, dass diese Geisteshaltung nicht bloß die Verkleidung dafür ist, dass wir mit den Lehren Buddhas in Bezug auf Alkohol nicht einverstanden sind und dass wir sie als dumm ansehen.

Im Allgemeinen gibt es einerseits Dinge, die von Natur aus destruktiv sind und die jeder vermeiden sollte, und andererseits Dinge, von denen Buddha sagte, dass sie von denjenigen, die bestimme Ziele verfolgen, besser vermieden werden sollten. Dies sind die beiden Kategorien der Dinge, die uns Buddha zu vermeiden riet. Das Töten ist etwas, das von Natur aus destruktiv ist. Alle sollten es vermeiden. Was das Alkoholtrinken angeht, könnte man sowohl argumentieren, dass es in die eine wie in die andere Kategorie passt. Doch egal wie wir es klassifizieren: wenn wir den Einfluss der störenden Emotionen wie der Wut, der Begierde, der Anhaftung, der Naivität, des geistigen Benebeltseins und so weiter, überwinden wollen, dann müssen wir Alkohol vermeiden, da es uns anfälliger dafür macht, unter die Kontrolle dieser störenden Emotionen zu geraten. Die Wahl liegt also bei uns! Es hängt davon ab, was wir aus unserem Leben machen wollen. Wenn unser Hauptziel darin besteht, diese störenden Emotionen zu überwinden, dann sollten wir versuchen, Alkohol zu vermeiden. Wenn es uns einfach egal ist, was aus uns wird, dann tun wir halt alles was wir wollen. Wenn wir dazu in der Lage sein wollen, den anderen zu helfen und einen klaren Geist zu haben, dann ist es besser, nicht unter Alkoholeinfluss zu stehen.

Es ist also sehr wichtig, ehrlich zu uns selbst zu sein und die Motivationen zu untersuchen, aufgrund derer wir in Gesellschaft trinken. Verstehe ich wirklich, warum Buddha das, was er über Alkohol sagte, sagte? Und ist es wirklich die beste Form von Hilfe, wenn ich mit meinen Freunden trinke? Macht sie das wirklich entspannter oder gibt es andere Methoden, die effektiver wären und nicht so viele Nebenwirkungen haben? Das erscheint mir sehr wichtig. Wenn unsere Motivation für das Alkoholtrinken die ist, dass wir eine entspanntere Atmosphäre mit unseren Freunden haben wollen, dann gibt es andere Möglichkeiten, dies ohne all die Nachteile des Alkohols zu bewerkstelligen. Und wenn wir verschiedene Gelübde abgelegt haben, in denen wir beispielsweise versprochen haben, kein Alkohol zu trinken, dann ist es wichtig, sie nicht zu brechen. Ich weiß, dass dies ein kontroverser Punkt ist, doch mir scheint es wichtig, ihn ernsthaft zu betrachten.

Wenn wir uns dazu verpflichtet haben, uns selbst zu trainieren, damit wir dazu in der Lage sind, den anderen zu helfen, dann ist es wichtig, die Dinge sowohl auf der körperlichen wie auf der geistigen Ebene anzupacken. Viele Menschen sind dazu bereit, Opfergaben in Form von Wasserschüsselchen darzubringen oder sich vorzustellen, wie sie den anderen alles mögliche geben, doch sie tun auf der körperlich-konkreten Ebene nichts: sie schenken anderen nichts und helfen ihnen auch nicht. Manchen gefällt es, einfach nur zu meditieren und alles geistig zu tun. Sie denken, sie brauchten körperliche Übungen wie Niederwerfungen und Mandala-Opfer nicht zu praktizieren. Eine solche unausgeglichene Art des Übens wird durch diesen Punkt ebenfalls angesprochen. Was Niederwerfungen und Mandala-Opfer angeht sollten Sie versuchen, zu verstehen, wie sie in Beziehung zum täglichen Leben stehen. Es genügt nicht, einfach nur ein Mandala-Opfer darzubringen; wir müssen den anderen auch alles, was wir besitzen anbieten – einschließlich unserer Interessen, unserer Zeit und unserer Energie. Dasselbe gilt für die Niederwerfungen: wenn wir bloß einer Buddhastatue gegenüber respektvoll sind, und unseren Eltern oder anderen Menschen gegenüber nicht, dann ist unser Üben schlecht. Die Dinge müssen im täglichen Leben angewandt werden.

Der zweite der drei allgemeinen Punkte ist: (2) Gib dich nicht mit empörendem (Verhalten) ab. „Empörend“ (Engl. outrageous, abscheulich) bedeutet, dass man sich vollkommen lächerlich verhält. Wenn es zum Beispiel eine Belehrung durch einen hohen Lama gibt und eine junge Frau in einem Minirock erscheint, der ihre Beine zur Schau stellt – das wäre empörend, unangebracht. Denken Sie also nicht, dass wir, da wir diese Mahayana-Praxis der Schulung und Reinigen unserer Geisteshaltungen üben, empörende oder abscheuliche Dinge tun können wie einfach Bäume fällen und die Umwelt verschmutzen. Denken Sie auch nicht, dass wir vollkommen immun gegen jede Form von Schaden sein werden, da wir schadenbringende Situationen einfach in positive verwandeln können. Eine weitere Form des empörenden Verhaltens ist es, scheinheilig in Bezug auf die eigene Praxis zu sein. Mit anderen Worten: wir sind zwar äußerlich nett, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, doch zuhause, wenn eine Fliege oder eine Mücke im Zimmer ist, dann verfolgen wir sie, als wenn wir in Afrika auf einer Safari wären, bis wir das Tier getötet haben. Das ist mit abscheulichem Verhalten gemeint.

Der dritte allgemeine Punkt ist (3) Sei nicht parteiisch. „Parteiisch“ bedeutet, dass man nur seinen Freunden oder Verwandten gegenüber praktiziert oder übt, und die Menschen ignoriert, mit denen man Schwierigkeiten hat. Wenn wir unsere Geisteshaltungen verwandeln wollen, dann müssen wir auch mit schwierigen Situationen und mit schwierigen Personen arbeiten. Ein Beispiel der Parteilichkeit das die Tibeter oft benutzen ist folgendes: wenn wir von jemand kritisiert werden, der hierarchisch über uns steht, wie etwa unserem Chef auf der Arbeit, dann akzeptieren wir das anstandslos; wenn wir aber von jemandem kritisiert werden, der hierarchisch unter uns steht, dann verlieren wir vollkommen die Fassung. Normalerweise üben wir unserem Chef gegenüber die Geduld, da wir ansonsten unseren Job verlieren könnten. Bei jemandem in einer niedrigeren Position halten wir uns dagegen nicht zurück.

Die Tibeter sagen, dass es in vielen Hinsichten einfacher ist, mit Freunden und Verwandten zu üben als mit Fremden. Daher betonen sie immer, dass man mit Fremden in derselben Weise üben sollte wie mit Freunden und Verwandten. Bei vielen westlichen Menschen ist es gerade anders herum: für sie ist es schwieriger mit Verwandten, da diese uns weit stärker nerven als Fremde oder unsere Freunde. Um unparteiisch zu sein müssen wir dies in beide Richtungen anwenden, nicht bloß in die Richtung, in der die Tibeter die Schwierigkeitsgrade normalerweise erklären.

(4) Verwandle deine Absichten, aber bleibe normal.

Das bedeutet, dass wir in unserem Verhalten normal bleiben sollen. Zum Beispiel: wenn wir versucht haben, allen gegenüber Mitgefühl zu entwickeln und so weiter, und dann eine große Show aus diesem Mitgefühl machen, indem wir vor anderen weinen, dann kann das wichtigtuerisch erscheinen. Natürlich ist es lächerlich, wenn eine leidende Person uns trösten muss, anstatt dass wir sie trösten! Dieser Punkt lehrt uns also, nicht maßlos in unseren starken Emotionen zu schwelgen und sie nicht protzerisch den anderen vorzuführen, wenn es unangebracht ist. Am besten, man behält diese Emotionen für sich, wenn man sich in der Anwesenheit anderer befindet, auf die dies eine schlechte Wirkung haben könnten – wie wenn wir vollkommen unkontrolliert vor unseren Kindern weinen oder sie sehen lassen, wie verängstigt wir vielleicht sind.

Mir scheint, dass dies in einem westlichen Kontext näher erläutert werden muss. Wenn wir in Gesellschaft von jemandem sind, der uns eine traurige Geschichte erzählt, dann müssen wir irgendwelche Gefühle signalisieren und können nicht bloß mit einem ausdruckslosen Gesicht da sitzen. Wenn wir unsere Sympathie körperlich ausdrücken wollen, wie etwa, indem wir einen Arm um die andere Person legen, dann ist es sehr wichtig, sehr feinfühlig dafür zu sein, was der anderen Person angenehm wäre. Manche Menschen wünschen sich umarmt zu werden und eine Schulter, an der sie sich ausweinen können, während andere dagegen eine Abwehrreaktion hätten und nicht wünschen, dass irgendjemand Mitleid mit ihnen hat. Das wichtigste ist also, dass man die andere Person berücksichtigt. Deshalb wird in den Lehren über das Tonglen, das Geben und Nehmen, immer gesagt, man solle es nicht öffentlich üben, was bedeutet, dass weder die betroffene Person noch sonst irgendjemand wissen sollte, das wir es tun.

Dies ist wirklich ein wichtiger Ratschlag. Viele Menschen, die mit dem tibetischen Buddhismus in Verbindung kommen, laufen dann mit einem Rosenkranz herum, denn sie am Arm oder am Hals tragen, als sei es ein Schmuckstück. Wenn sie mit jemandem zusammen sind, der Schwierigkeiten hat, dann setzen sie sich in eine Ecke und fangen an mit ihrem Rosenkranz „Om mani padme hum“ zu rezitieren, so dass die andere Person denkt, sie seien verrückt geworden. Das kann die andere Person sogar verärgern. Es ist also sehr wichtig, einfach normal zu bleiben. Wir können in unserem Kopf „Om mani padme hum“ rezitieren. Wir brauchen es nicht laut zu sagen und dabei einen Rosenkranz in der Hand zu halten.

Dann gibt es da auch das ganze Phänomen des Heilens, was immer ein sehr interessantes Thema ist. Wenn jemand Heilungspraktiken durchführt und eine große dramatische Show daraus macht, mit Handauflegen und solchen Dingen, dann schafft das nach Ansicht der Tibeter bloß Störeinflüsse. Wenn es nämlich nicht funktioniert – und in vielen Fällen funktioniert es nicht – dann haben wir uns total blamiert. Im Buddhismus ist die wichtigste Heilpraxis das Tonglen und wir sagen den anderen nicht, was wir tun. Wenn es funktioniert, dann gehen wir nicht zu den Leuten, um ihnen zu sagen „ Ich habe das für dich getan, also bitte bezahle mich jetzt oder danke mir oder streichle mir den Kopf oder sei voller Liebe für mich“ oder was auch immer. Und wenn es nicht funktioniert, dann haben wir uns nicht blamiert.

Das ist also ein guter Ratschlag, der sichert, dass wir mit der Praxis eng verbunden bleiben. Bleiben wir normal, damit niemand merkt, was wir tun. Das bezieht sich auch auf das Beten vor dem Essen und auf ähnliche Dinge: es ist immer besser, es still im eigenen Kopf zu tun. Wenn wir mit anderen Buddhisten zusammen sind, dann ist das eine andere Sache. Aber wenn wir vor unserer Familie lautstark mit „Om Ah Hum“ oder ähnlichen Dingen loslegen, dann schafft das bloß wieder schlechte Gefühle.

(5) Spreche nicht über die unzulänglichen oder verdorbenen Seiten (anderer).

Das Beispiel, das die Tibeter benutzen, ist, dass man einem Blinden nicht ins Gesicht sagen sollte, dass er blind ist. Genau wie man jemanden, der nicht sehr intelligent ist, nicht rundheraus zu sagen braucht, dass er dumm ist. Die Person weiß auch selbst, dass sie nicht sehr intelligent ist, wir brauchen also kein Salz in ihre Wunden zu streuen. Dieser Punkt ist interessant, da er uns zu dem ganzen Thema des Sarkasmus und des Humors bringt. Wir können den anderen gegenüber sehr sarkastisch sein und dabei denken, das sei sehr witzig, während es tatsächlich ihre Gefühle verletzt. Manche denken sogar, es sei ein Zeichen der Freundschaft miteinander sarkastisch zu sein. Ich glaube auch hier, dass man wirklich in einer tieferen Weise prüfen muss, was hier die Absicht ist.

In den Vereinigten Staaten sind die Leute sehr sarkastisch; sie lachen einander aus. Es gibt Witze darüber, wie groß deine Nase ist, oder wie hässlich deine Frau ist, und so weiter. Das findet sich auch in den Slapstick-Komödien: jemand fällt die Treppe runter und alle lachen. Du bekommst eine Torte ins Gesicht geworfen und alle lachen. Und es gibt sogar gewalttätige Zeichentrickfilme: ein großer Fels fällt auf die Katze, und wenn die Katze dann als nächstes etwas anderes macht, wird sie von einem Hammer platt geschlagen, und solche Dinge. Diese Trickfilme sind für Kinder! Was für eine Art Denken steht dahinter? Es ist wirklich eine merkwürdige Art von Denken.

Wie auch immer, „über die Unzulänglichkeiten der anderen zu sprechen“ bedeutet, das man sich über die anderen lustig macht, sarkastische Äußerungen über sie macht, und so weiter. Wir können uns einbilden, dies sei etwas ganz Unschuldiges und Lustiges. Doch tatsächlich verletzt es die Gefühle der anderen.

(6) Denke dir nichts bei den (Fehlern) anderer.

Grundsätzlich bedeutet dies, dass wir bei anderen nicht nach Fehlern suchen und sie nicht ständig kritisieren sollen. In unserer Beziehung zu einem spirituellen Lehrer zum Beispiel sollten wir uns auf seine guten Eigenschaften konzentrieren, da diese es sind, die uns inspirieren können. Wir leugnen seine negativen Eigenschaften nicht, doch wir fixieren uns nicht darauf, da uns dies nur dazu führt, uns zu beklagen und in die Mutlosigkeit zu sinken. Wenn wir die Mängel des Lehrers betrachten, dann wird empfohlen, sicherzustellen, dass es sich dabei nicht um unsere eigenen Projektionen handelt. Wenn etwa unsere Eltern uns zuwenig Beachtung geschenkt haben, dann können wir denken, dass sich auch unser Lehrer in derselben Weise verhält, auch wenn dies bloß daran liegt, dass er beschäftigt ist und viel reist. Und wenn wir uns von diesen projizierten Fehlern befreit haben und weiterhin einige wahren Fehler feststellen, lautet die Anweisung, dass wir uns eher auf seine positiven Eigenschaften als auf seine Fehler konzentrieren sollten.

Diese Vorgehensweise können wir allgemeiner in all unseren Beziehungen anwenden. Wenn wir uns auf die Fehler der anderen konzentrieren um zu versuchen, ihnen dabei zu helfen, sich davon zu befreien, dann ist das eine Sache. Im Allgemeinen sind wir allerdings über die Mängel der anderen bloß verärgert. Wenn wir uns auf die guten Qualitäten der anderen Person konzentrieren, dann können wir ihnen gegenüber eine sehr positive Geisteshaltung bewahren, auch wenn sie nicht soviel Zeit mit uns verbringen können, wie wir uns dies wünschen würden. Wenn unsere Hauptpraxis darin besteht, eine liebende Geisteshaltung den anderen gegenüber zu entwickeln und ihnen zu helfen, dann ist es nicht sehr hilfreich, sich immer über ihre Mängel zu beklagen. Wenn wir die guten Qualitäten der anderen sehen, dann motiviert uns das dazu, auf positive Weise über sie zu denken.

Die kritische Geisteshaltung ist sehr interessant. Oft sind wir am kritischsten in Bezug auf die Menschen, die uns am nächsten stehen. Manche erwarten beispielsweise von ihren Kindern oder ihren Eltern, dass sie perfekt sind; und wenn die Kindern und Eltern diesem Ideal dann nicht entsprechen, dann werden sie sehr kritisch. Niemand kann vollkommen sein. Deshalb ist es viel besser, wenn man sich auf ihre guten Qualitäten konzentriert, statt auf ihre Fehler. Das ergibt sich, wenn man eine realistische Sicht der anderen Person hat.

(7) Beseitige bei dir zuerst die störende Emotion, die am größten ist

Wir versuchen was auch immer unser größtes emotionales Problem ist (Wut, Anhaftung, Eifersucht...) als erstes zu überwinden oder zumindest zu schwächen. Wir wollen dazu in der Lage sein, den anderen zu helfen und unsere verschiedenen störenden Emotionen hindern uns daran, dies zu tun. Es ist sehr wichtig, ehrlich mit uns selbst zu sein und uns wirklich selbst zu prüfen um herauszufinden, was unser größtes emotionales Problem ist. Statt Angst zu haben, uns diesem Problem zu stellen müssen wir, wie es in den Tonglen-Anleitungen heißt, das Problem als erstes uns selbst abnehmen. Hierzu müssen wir viele Methoden lernen, die wir anwenden können – nicht bloß eine Methode. An manchen Tagen werden wir dazu in der Lage sein, eine bestimme Methode erfolgreich anzuwenden, und an anderen Tagen dagegen nicht. Deshalb ist es sehr wichtig eine Vielzahl an Methoden zur Verfügung zu haben, auf die man zurückgreifen kann.

Es ist interessant, dass uns in dieser Lehre wiederholte gesagt wird, dass wir uns selbst zum Zeugen nehmen sollen, wir kennen uns selbst am besten. Das bedeutet, dass wir sehr introspektiv sein müssen. Viele Menschen sind das natürlich nicht. Sie brauchen jemand anderes, der ihnen sagt, dass sie sich in einer egoistischen Weise verhalten, da sie es selbst nicht erkennen. Doch es ist ziemlich schwierig, diese Art von ehrlichem Feedback von anderen zu bekommen. Es erfordert eine sehr ehrliche und vertrauensvolle Beziehung. Wir können jemanden bitten, uns zu helfen, etwas feinfühliger zu werden in Bezug auf die Dinge, die in uns vorgehen. Doch wir müssen dabei die Absicht haben, weder wütend zu werden noch uns angegriffen zu fühlen, wenn dieser Mensch uns etwas sagt, das wir lieber nicht hören würden. Und selbst wenn wir uns an einen wirklich glaubwürdigen Freund wenden damit er uns hilft, uns selbst zu bewerten, ist dieser Mensch nicht der Hauptzeuge. Wenn er uns einmal einen Hinweis gegeben haben, müssen wir selberwirklich prüfen, ob was er sagte wahr oder falsch ist.

(8) Befreie dich von der Hoffnung auf Früchte.

Dies bezieht sich darauf, dass man dafür, dass man anderen hilft, etwas zurückerwartet. Das ist natürlich nicht einfach, da wir recht häufig anderen aufgrund subtiler störender Gründe helfen. Dies geschieht möglicherweise nicht in einer so groben Weise wie „Ich helfe dir, da ich will, dass du mir später hilfst“. Doch oft wollen wir geschätzt werden, wir wollen geliebt werden, und wir erwarten Dank. Manchmal helfen wir den anderen nur, weil wir uns gebraucht und nützlich fühlen wollen, speziell wenn wir Eltern von einem erwachsenen Kind sind. Manchmal fühlen sich die Eltern nicht mehr gebraucht oder gewollt. Die Motivation ist also mit etwas Selbstbezogenheit vermischt. Und wenn wir diese Art von Motivation haben und der andere Mensch uns nicht schätz oder uns sagt „ Ich brauche deine Hilfe nicht“, dann regen wir uns natürlich sehr auf.

Ich finde, dass bestimmte Bilder sehr hilfreich sind. Es gibt verschiedene Schulen indischer buddhistischer Philosophie; eine davon wird die Prasangika-Schule genannt. Ein Prasangika ist jemand, der mit einem prasanga argumentiert, was in der buddhistischen Logik ein Fachbegriff ist, der „absurde Folgerung“ bedeutet. Es ist oft hilfreich, unsere Geisteshaltung oder Verhaltensweisen zu ihrer extremen, absurden Folgerung zu führen und zu sehen, wie wir handeln. Hierbei sind oft Bilder aus dem Tierreich hilfreich.

Es ist beispielsweise interessant zu sehen, dass wir uns manchmal wie ein Hund verhalten. Wir kommen nach Hause und unser Hund wartet schon darauf, auf dem Kopf gestreichelt zu werden. Ist das die Art, wie wir uns verhalten, wenn wir etwas für jemanden gemacht haben? Stehen wir einfach da wie ein Hund, der darauf wartet, dass der Mensch ihm auf den Kopf streichelt und sagt „Danke, was du für mich getan hast war wirklich nett?“ Und wenn sie uns auf dem Kopf streicheln, was dann, werden wir dann mit dem Schwanz wedeln? Was haben wir erreicht, wenn wir auf dem Kopf getätschelt wurden? Wenn wir feststellen, dass wir darauf warten, geschätzt und gelobt zu werden, dann kann uns das Bild des Hundes, der darauf wartet, dass er am Kopf getätschelt wird, dabei helfen zu erkennen dass wir albern sind. Wenn wir tatsächlich etwas für die anderen tun wollen, dann ist es wichtig, dass wir es nur zum Wohl der anderen Person tun.

Hier werden die Dinge sehr delikat. Denken Sie zum Beispiel an Kinder: die Eltern machen alles für ihr Kind – Kleider, Zimmer, Essen einkaufen und so weiter – und was passiert dann? Oft schätzt das Kind das überhaupt nicht und nutzt sie nur aus, besonders in seinen Teenager-Jahren. Was wollen wir als Eltern? Wollen wir, dass unser Kind uns jedes Mal, wenn wir seine Kleider waschen dankt? Das ist ziemlich unrealistisch. Wenn das Kind irgendeine Verantwortung übernimmt und in manchen Punkten in einer reifen und überlegten Weise handelt, dann finden wird, dass das Kind schätzt, was wir tun. Wenn wir für die anderen etwas tun ist es auch wichtig sich so zu verhalten, dass die andere Person nicht abhängig von uns wird oder uns ständig ausnutzt. Dies bringt uns dazu zurück, dass wir prüfen müssen, ob wir der anderen Person helfen, weil wir uns notwendig und nützlich fühlen wollen oder weil wir ihr wirklich nutzen wollen. Wenn unsere Hilfe sie abhängig von uns macht, dann bringt sie keinen Nutzen.

(9) Gebe vergiftete Nahrung auf.

Dies bezieht sich darauf, dass wir unsere Praxis durch Selbstbezogenheit vergiften lassen. Selbst wenn wir einen konstruktiven Gedanken haben oder eine konstruktive Handlung ausführen: wenn wir spüren, dass diese Dinge mit Selbstbezogenheit vermischt sind, dann lautet der Ratschlag, die Handlung oder den Gedanken fallen zu lassen, unsere Motivation zu korrigieren und dann einen frischen Neubeginn zu machen. Wenn wir etwas für jemanden tun wollen, damit wir uns dann gebraucht und geschätzt fühlen, dann vergiftet dies die positive Handlung mit Selbstbezogenheit, da wir in ihr nach Selbstbestätigung suchen. Es ist dann am besten, wenn wir uns einen Schritt zurückzunehmen und unsere Motivation korrigieren. Dies führt uns dazu zurück, dass wir sehr ehrlich mit uns selbst zu sein müssen.

Wie erkennen wir also, dass unsere positiven Handlungen auf einer selbstbezogenen Geisteshaltung beruhen? Ich denke, eines der Zeichen ist die Definition einer störenden Emotion oder Geisteshaltung. Eine störende Emotion oder Geisteshaltung ist eine die, wenn sie auftritt, uns dazu führt, uns unwohl zu fühlen (daher „störend“) und unseren Geistesfrieden zu verlieren. Sie können auch machen, dass anderen Menschen, die bei uns sind, sich ebenfalls unwohl fühlen. Sie bewirken auch, dass wir die Kontrolle verlieren.

Das Unwohlsein oder das Verstörtsein können sehr, sehr subtil sein. „Verstört“ ist möglicherweise ein zu starkes Wort. Wie Shantideva in seinem Text sagt, wenn die Hand dem Fuß hilft, wie wenn wir einen Splitter unter dem Fuß haben und die Hand ihn entfernt, dann erwarten wir nicht, dass der Fuß der Hand dankt. Die Hand hilft dem Fuß, weil sie verbunden sind. In einer ähnlichen Weise, wenn wir den anderen helfen, wie wenn wir ihre Teller waschen, dann brauchen wir kein großes Trara daraus zu machen oder uns zu beschweren. Es gibt schmutzige Teller und sie müssen gewaschen werden. Dann können wir innerlich vollkommen ruhig sein. Eine giftige Geisteshaltung wäre es dagegen, wenn wir die Teller voller Ressentiments waschen, mit dem Gedanken „Du bist so schlampig, warum muss ich immer deine Teller waschen. Doch ich trainiere, um ein Bodhisattva zu werden, daher mach ich es lieber.“

Einige der anderen Lojong-Texte sagen, dass wir keine Erwartung oder Hoffnung darauf haben sollten, dass jemand, dem wir geholfen haben, uns im Gegenzug irgendetwas Nettes tun wird. Sich so zu verhalten bedeutet bloß, Spielchen zu spielen. Wenn wir wirklich beginnen, uns selbst gegenüber feinfühlig zu werden, dann können wir ein leichtes Unbehagen in uns verspüren das anzeigt, dass wir unter dem Einfluss der Selbstbezogenheit oder irgendeiner anderen störenden Emotion handeln. Dies kann uns dazu drängen, der anderen Person zu verkünden: „Ich hab deine Teller gewaschen“. Warum müssen wir ihnen das sagen? Und dann bemerken wir etwas Nervosität in unserem Magen gerade bevor wir es ihnen sagen. Das kann sehr subtil sein, doch mit etwas Übung können wir die unbewusste Selbstbezogenheit bemerken, die da ist. Dies zu erkennen – darin müssen wir uns üben. Es ist keine leichte Praxis, doch es ist von essentieller Wichtigkeit, es zu versuchen.

Wenn wir von „konstruktivem Verhalten“ sprechen, können wir zwei Arten unterscheiden: das eine ist mit Verwirrung – d.h. mit Selbstbezogenheit – vermischt, und das andere ist es nicht. Konstruktives Verhalten, das mit Selbstbezogenheit vermischt ist – die Geisteshaltung des „Ich tue dies, damit du mich magst und schätzt“ – kann als Ursache für eine bessere oder glückliche Wiedergeburt dienen, aber es verewigt dennoch Samsara. Andererseits bauen nicht mit Verwirrung vermischte konstruktive Handlungen, die positive Kraft oder das Potential auf, Befreiung und Erleuchtung zu verwirklichen. Wir alle haben aufgrund von konstruktivem Verhalten Netzwerke positiver Potentiale und wir wollen diese Netzwerke stärken. Doch wie reift positives Potential? Es reift als Glück. Wenn das positive Potential mit Verwirrung vermischt ist, dann führt dies zum Leiden der Veränderung – zu einer Form von Glück, die nicht anhält oder zur Frustration führt. Worauf wir wirklich letztendlich abzielen ist, frei von Verwirrung unse Netzwerk positiver Potentiale zu stärken.

(10) Verlasse dich nicht (auf deine störenden Gedanken) als deine hervorragende Hauptstütze.

Das bedeutet, dass wir die „zentrale Super-Autobahn unseres Geistes“ nicht unseren störenden Gedanken widmen sollten, sondern dass wir sie vielmehr den positiven Gedanken widmen sollten, mit denen wir uns die anderen zu Herzen nehmen. Sobald Wut, Anhaftung, Eifersucht oder Selbstbezogenheit auftauchen, dann „spielen“ Sie nicht mit ihnen herum. Versuchen Sie, sie sofort zu eliminieren. Wenn wir damit herumspielen und denken „Ich will es bei mir selbst locker nehmen“ oder „Es ist nicht so schlimm, wenn ich mich aufrege“, dann geben wir die wichtigste Autobahn unseres Geistes unseren störenden Emotionen frei. Sie werden nur stärker und stärker werden, so dass wir schließlich die Kontrolle verlieren und sie die Überhand bekommen. Wie eine Redewendung sagt: “Sei nicht nett zu den störenden Emotionen in deinem Geist sondern sei nett zu anderen Wesen.

Es ist sehr hilfreich, die Listen, die in Punkt sechs und sieben gegeben werden, als tägliche Praxis durchzugehen – einfach als Erinnerung. Genauso ist es eine sehr gute tägliche Praxis, unsere Bodhisattva-Gelübde und unsere tantrischen Gelübde zu rezitieren, damit wir uns an sie erinnern – falls wir sie abgelegt haben. Dies hilft uns dabei, uns diese Ratschläge die eine sehr gute Anleitung fürs Leben darstellen, zu vergegenwärtigen,. Und ein Teil unserer täglichen Praxis könnte darin bestehen, dass wir die Anleitungen nicht bloß lesen, sondern auch über eine oder zwei davon nachdenken: „Praktiziere ich dies hier wirklich, praktiziere ich jenes hier nicht?“. Außerdem denkt man an den Nutzen nach, den es bringt, diesen Anleitungen zu folgen. Sehr hilfreich. Doch es ist wichtig, es nicht zu schnell zu tun. Es ist leicht, in einer mechanischen Weise durch die Liste zu gehen, ohne wirklich auf die Bedeutung zu achten.

Es ist gut dies zweimal täglich zu üben, einmal am Morgen und einmal am Abend. Morgens gehen wir die Liste durch und fassen die starke Absicht, zu versuchen, diesen Dingen den ganzen Tag lang zu folgen. Und abends gehen wir noch einmal durch, wie erfolgreich wir während des Tages den Anleitungen gefolgt sind. Es gibt eine Geschichte über Geshe Ben Küngyal, der einen Stapel weißer Steine und einen Stapel schwarzer Steine hatte. Jedes mal, wenn er den Anleitungen tatsächlich folgte, legte er einen weißen Stein auf einen anderen Stapel; wenn er es dagegen nicht tat, einen schwarzen. Den ganzen Tag lang konnte er sich so ein sehr klares Bild seines Verhaltens machen.

Worum es geht, ist natürlich nicht, dass wir stolz werden, wenn wir gut abgeschnitten haben oder schuldig, wenn wir dies nicht getan haben. Es geht vielmehr darum, dass wir uns freuen, wenn wir uns gut geschlagen haben. Übertreiben Sie diese Art von Selbstprüfung nicht – doch wenn wir uns schlecht verhalten haben, dann ist es angebracht, dies zu bedauern und den Entschluss zu fassen, sich zu verbessern. Fortschritt geht nicht auf lineare Weise von statten. Manche Tage werden besser als andere sein. Das bedeutet nicht, dass wir gleichgültig bleiben. Es ist wichtig, so gut wie möglich zu versuchen, jeden Tag in einer positiven, weniger egoistischen Weise zu handeln. Übertreiben Sie einfach nicht mit Ihren Erwartungen oder Ihrer Niedergeschlagenheit, denn es ist ganz natürlich, dass manche Tage besser als andere sein werden.

(11) Lass dich nicht zu schlechtem Spiel verleiten

„Schlechtes Spiel“ ist, wenn wir zurückschlagen, wenn uns andere mit Schimpfworten bezichtigen oder uns schlagen oder sonst irgendetwas tun, das uns unangenehm ist. Wenn uns jemand beschimpft und hässliche Worte sagt, dann sollten wir nicht nach etwas noch Schlimmerem suchen, das wir erwidern können. Es gibt viele Weisen, dies zu tun. Ganz sicher wollen wir nicht einfach unsere Wut in uns behalten und sie unterdrücken. Erkennen Sie, dass wenn jemand uns etwas Hässliches sagt, dies bloß Töne sind, bloß Vibrationen der Luft, und wenn wir diese Worte hören, dann ist es bloß eine andere Erfahrung des Geistes. Das Entstehen des Klanges und das Hören des Klanges sind kein großes Problem. Die Wut und der Wunsch zurückzuschlagen ergeben sich erst, wenn wir dieser Klangerfahrung eine dualistische Auffassung aufstülpen: „ Du, eine schreckliche Person, die das gerade zu mir gesagt hat“. Wenn jemand einen Kampf mit uns anfängt und wir anfangen, zurückzukämpfen, dann schaden wir hierdurch in zahlreichen Weisen all den Dingen, die wir versuchen für die anderen zu tun. Wenn wir zurückschlagen, weil wir beleidigt wurden, dann denken wir bloß an uns selbst.

In dieser Art von Situationen sind die Bodhisattva-Gelübde sehr klar. Die Motivation dafür, dass wir uns an jemandem, der uns beleidigt hat, nicht rächen ist, dass wir vermeiden wollen, dieser Person Schaden zuzufügen und stattdessen versuchen wollen, ihr zu helfen. Bei solchen Situationen sollten wir selbstverständlich versuchen, so sehr wie möglich friedliche Mittel zu gebrauchen. Aber wenn friedliche Mittel – nachdem wir ihnen wirklich eine Chance gegeben haben – nicht funktionieren, dann wäre es ebenfalls ein Bruch der Bodhisattva-Gelübde wenn wir die Fähigkeit haben, die Gewalt in einer kraftvolleren Manier zu beenden und wir es nicht tun. Man sollte realistisch sein.

Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama werden oft Fragen in Bezug auf die Benutzung von Gewalt in Tibet gestellt. Er antwortet dann, dass es in dieser besonderen Situation zwar scheint, dass die friedlichen Methoden nicht funktionieren; und doch würden Gewalt und Terrorismus die Tibeter absolut nirgendwohin führen. Wenn wir hundert chinesische Soldaten töten würden, dann würden sie einfach zweihundert mehr schicken. Es gibt 1.2 Milliarden Chinesen; was auch immer die Tibeter an Gewalttätigkeit aufbringen könnten, sie würden absolut nichts damit erreichen. Also selbst wenn wir Gewalt, die andere verletzt, abwenden wollen, muss man intelligent sein und nicht nur zurückschlagen, damit wir nicht weich erscheinen oder schlecht aussehen.

(12) Liege nicht im Hinterhalt.

„Hinterhalt“ bedeutet, dass wir jemandem etwas heimzahlen wollen und deshalb darauf warten, dass diese Person verletzlich wird, und ihr dann irgendwie wehtun. Das bedeutet: wenn uns jemand verletzt, unternehmen wir jetzt nichts, da wir uns gegenwärtig nicht in einer starken Position befinden; doch wir hegen in uns Groll und warten darauf, bis die anderen schwach sind, um uns zu rächen. Bei diesem Punkt geht es darum, dass man keine Vergeltung sucht. Seine Heiligkeit sagt es sehr schön: wenn wir nicht zurückschlagen mögen wir zwar Angst haben, dass andere Menschen das als ein Zeichen der Schwäche ansehen, doch tatsächlich ist es ein Zeichen großer Stärke. Es ist schwach, sich von Wut mitreißen zu lassen und sich wie ein kleines Kind oder ein Tier zu verhalten, das sofort zurückschlägt. Wenn wir Geduld haben und Mitgefühl und Intelligenz gebrauchen, dann ist das ein Zeichen großer Stärke.

(13) Demütige (niemanden) aufgrund seines Schwachpunktes

Dies bedeutet, dass man die Fehler oder Schwächen einer Person in einer Versammlung herausstreicht, um sie absichtlich in Verlegenheit zu bringen. Es gibt viele Weisen, Menschen in einer effektiven Weise zu unterrichten, ohne sie vor irgendjemandem in Verlegenheit zu bringen. Ich erinnere mich, wie ich einmal in Indien Schwierigkeiten hatte. Zu dieser Zeit war ich in Bodhgaya um einen Kommentar Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas zu Shantidevas Bodhisattvacharya-avatara zu übersetzen. Ich hatte meinen Lehrer Serkong Rinpoche mehrere Monate lang nicht gesehen – er war in Nepal gewesen. Ich besuchte ihn natürlich. Er öffnete den Text Shantidevas, zeigte auf drei Wörter und fragte mich, ob ich wusste, was sie bedeuteten. Es waren tatsächlich drei sehr schwierige Wörter. Ich kannte ihre korrekte Bedeutung nicht und er erklärte sie mir. Tatsächlich bestand die Schwierigkeit, die ich zu jener Zeit hatte genau in den drei störenden Geisteshaltungen, die diese drei Wörter bezeichnen. Diese indirekte Weise kann also oft viel effektiver sein, um etwa auszudrücken. In der Kommentarliteratur heißt es auch an einigen Stellen, dass dies bedeutet, dass wir keine außersinnlichen Kräfte benutzen sollten (wenn wir sie besitzen) um andere durch schwarze Magie oder ähnliches zu stören – was aber für die meisten von uns nicht so relevant ist!

(14) Belade einen Ochsen nicht mit der Last eines Dzo.

In Tibet gibt es ein Tier, das Dzo genannt wird. Es ist die männliche Kreuzung eines Yaks und einer Kuh. Es ist ein sehr großes und starkes Tier, viel stärker als ein Ochse. Diese Anweisung bezieht sich also darauf, dass wir eine Aufgabe, die für eine sehr viel stärkere Person angebracht wäre, nicht einer schwächeren Person aufbrummen sollten, die nicht in der Lage ist, sie auszuführen.

Dies hat mehrere Bedeutungen. Eine davon ist, dass wir die Verantwortung für unsere Fehler übernehmen sollen, statt zu versuchen, die Schuld auf andere abzuladen. Eine andere ist, dass wir unsere „Drecksarbeit“ wie Tellerwaschen oder Putzen, nicht den anderen aufbürden sollten sollten. Oder wenn mehrere Sitze zur Wahl stehen, sollten wir nicht den schlechtesten den anderen überlassen und selbst den besten nehmen. Mit anderen Worten: bei dieser ganzen Schulung, die wir machen, sind wir der Dzo. Das ist, was es bedeutet, „die Last des Dzo auf den Ochsen umzuladen.“

(15) Mache kein Wettrennen.

Dies bezieht sich auf ein Wettrennen, bei dem wir versuchen, den besten Platz im Theater oder die beste Essenportion für uns selbst zu ergattern. Wir wollen selbst das Beste ergattern und wollen nicht, dass es die anderen bekommen. Viel besser ist es, die anderen vorzulassen und selbst das letzte oder das schlechteste Stück zu bekommen. Aber ohne protzig zu werden, indem man etwa sagt: „Oh, nimm du das gute Stück, ich werde das schlechte nehmen, es macht mir nichts aus!“ So ganz sicher nicht. Man sollte es auf natürliche Weise tun, ganz wie Eltern, die dem Kind die beste Portion des Essens geben würden und denen es nichts ausmachen würde, den Teil zu nehmen, der angebrannt ist oder so.

Die traditionelle tibetische Geschichte, die hier erzählt wird, ist sehr schön. Sie dreht sich um Geshe Ben Küngyal, den Mann mit den schwarzen und weißen Steinen. Einmal begab er sich zusammen mit einer Gruppe von anderen Mönchen und Übenden zu einem Mäzen, der zum Essen geladen hatte. Der Mäzen servierte das Essen, bei dem es sich in diesem Fall um Yoghurt handelte, und Geshe Ben saß hinten. Während er beobachtete, wie der Mäzen das Yoghurt an alle verteilte – eine seiner Lieblingsspeisen – wurde der Geshe immer besorgter und aufgeregter: „Er verteilt zu große Portionen und für mich wird nicht genug übrig bleiben.“ Doch dann bemerkte er, was seine Geisteshaltung war; als der Mäzen ihn erreichte, drehte Geshe Ben seine Schüssel um und sagte: „Ich hab meine Portion schon bekommen“. Dies wird oft als Beispiel für diese spezielle eng bindende Praxis genannt. Statt sich Sorgen zu machen nach dem Motto „für mich wird nicht genug übrig bleiben“ sollten wir uns vielmehr Sorgen darum machen, dass für die anderen nicht genug übrig bleibt.

(16) Drehe das Amulett nicht um.

Ein Amulett dient dazu, schädlich Geister zu vertreiben. Das Amulett ist somit eine Metapher für das Geistestraining, mit dem wir unsere Geisteshaltungen reinigen, damit wir uns die anderen zu Herzen nehmen können. Wenn wir die Praxis dagegen nur machen, um uns selbst wichtig zu fühlen, dann ist das, als ob wir das Amulett falsch herum halten würden.

Es gibt eine Reihe von Beispielen, die uns helfen können, dieses Thema zu verstehen. Wenn wir zum Beispiel einen zeitweiligen Verlust akzeptieren, weil wir wissen, dass dies andere Leute beeindrucken wird und dass wir hierdurch schließlich einen Gewinn machen werden, dann benutzen wir die Lehren falsch herum. Wenn wir uns in einer bescheidenen Weise verhalten und immer sehr rücksichtsvoll zu jemanden sind, den wir beeindrucken wollen, damit er uns in Zukunft hilft – auch dies ist ein verkehrtes Anwenden des Trainings – das einzige, was sich daraus ergibt, ist unsere Selbstbezogenheit zu stärken. Ein weiteres Beispiel wäre, wenn wir diese Art von Praktiken, bei denen wir den anderen helfen und an sie denken, einfach deshalb unternehmen, weil wir wollen, dass uns die anderen mögen. Auch das entspräche einer verkehrten Weise, die Lehren zu benutzen, da wir sie dann aus einem grundsätzlichen Eigeninteresse heraus machen würden.

(17) Veranlasse nicht, dass ein Gott sich in einen Dämon verwandelt.

Dies wäre, noch einmal, dass wir unsere Praktiken mit Selbstbezogenheit mischen: Dharma Praktiken zu üben, damit wir uns selbstgerecht und arrogant fühlen, mit der Attitüde des „Ich bin heiliger als du“. Ein gutes Beispiel hierfür wäre wenn wir ein Meditations-Retreat machen und draußen ein Schild aufhängen, auf dem steht „Bitte nicht stören, hier weilt ein großer Meditierender“, damit alle denken, dass wir heilig sind.

Die Tibeter zitieren als Beispiel das jemand ein dreijähriges Retreat macht, damit ihn die Menschen danach als Lama ansehen und er dadurch Anhänger, Ruhm und Geschenke bekommt. Es ist immer wichtig, bescheiden zu bleiben. Wie ein Paktizierender sagte: „Wenn ich Texte über die verschiedenen Fehler und Mängel lese, dann erkenne ich sie in mir selbst, und wenn ich über gute Qualitäten lese, dann erkenne ich sie in anderen.“ Dies entspricht mit Sicherheit der Praxis der Reinigung unserer Geisteshaltungen.

(18) Erstrebe nicht das Leiden (anderer) als Element (deines) Glücks.

Beispiele hierfür umschließen die Hoffnung darauf, dass unsere Konkurrenten in der Geschäftswelt Pleite gehen könnten, damit wir voran kommen, oder dass die Leute in unserem Büro in Rente gehen damit wir befördert werden, oder dass reiche Verwandte bald sterben werden, damit wir schnell ihr Geld und ihren Besitz erben. Statt den anderen zu wünschen, dass sie ein Unglück ereilt lautet der Ratschlag, natürlich, dass wir uns immer am Wohlergehen der anderen freuen sollten und dass wir ihnen wünschen sollten, lange zu leben und ihr Geld und ihre Position zu genießen.

Dies beendet die achtzehn eng bindenden Praktiken von Punkt sechs.