Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Allgemeine Erläuterung zur „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“

Alexander Berzin
Katowize, Polen, Dezember 1999
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Teil eins: Die ersten vier Punkte

Heute wurde ich gebeten, über einen Lojong-Text zu sprechen, der aus sieben Punkten besteht. Die meisten geben „Lojong” mit „Geistestraining“ wieder, was keine besonders gute Übersetzung ist. Für die meisten klingt „Geistestraining“ nämlich nach einer ausschließlich intellektuellen Aktivität. Tatsächlich bedeutet Lo „Geisteshaltung“, während jong „reinigen“ und „trainieren“ bedeutet in dem Sinne, dass man die negativen und destruktiven Geisteshaltungen reinigt oder beseitigt und positivere aufbaut. Der eigentliche Zweck der Lojong-Praktiken ist es also, unseren Geist und unser Herz von negativen Geisteshaltungen zu reinigen und sie durch positive zu ersetzen, die man sich antrainiert. Im Unterschied zu anderen Malen, bei denen ich die ersten Punkte stärker betont habe als die letzten, werde ich jetzt der Erklärung der letzten drei Punkte mehr Zeit widmen. Natürlich wäre es unangebracht, in der Mitte des Textes anzufangen und deshalb werde ich die ersten Punkte schnell durchgehen. Bei dieser Wiederholung werde ich mich auf einige ihrer schwierigeren Aspekte konzentrieren.

Die Lojong-Praktiken sind mit Atisha aus Indien nach Tibet in die Kadam-Tradition gekommen und wurden dann in alle vier Schulen des tibetischen Buddhismus aufgenommen. Tatsächlich ist dies eine der grundlegenden Lehren, die all diese Traditionen miteinander verbindet. Der einzige wesentliche Unterschied, in dem sich die Kommentare der verschiedenen Schulen unterscheiden betrifft die Art, die Leerheit zu erklären. Jede der Schulen erklärt die auf die Leerheit bezogenen Zeilen dieses Textes entsprechend ihres eigenen Ansatzes.

Atisha erhielt die Übertragung der Lojong-Tradition von seinem Lehrer in Sumatra, Dharmarakshita, der auch als Serlingpa bekannt ist. Dharmarakshita ist der Autor des Textes „Rad der Scharfen Waffen“. „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“ wurde etwa ein Jahrhundert später vom Kadam-Geshe Chekawa verfasst. Von seinem Schüler Geshe Lhadingpa gehen zwei Übertragungslinien aus. Die eine geht zu Togmey-Zangpo, dem Autor des Textes „Siebenunddreißig Praktiken eines Bodhisattvas“. Ihr folgen die Kagyü-, die Sakya- und die Nyingma-Schulen. Die andere erreichte fast drei Jahrhunderte später Tsongkhapa und wird in seiner Gelug-Schule benutzt. Die beiden Übertragungslinien unterscheiden sich in der Reihenfolge mehrerer Verszeilen und darin, dass mehrere Verszeilen, die sich in der einen Übertragungslinie finden, nicht in der anderen enthalten sind. Sogar innerhalb jeder Übertragungslinie gibt es zahlreiche Editionen oder Versionen des Textes, die sich untereinander in dieser Weise unterscheiden. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat erklärt, dass solche Dinge gelegentlich geschehen, besonders im Kontext eines Themas wie des Lojongs, und dass die Unterschiede in den verschiedenen Versionen unbedeutend sind. Die beabsichtigte Bedeutung ist in allen Versionen dieselbe. Die Version, die ich hier benutze, ist die Togmey-zangpo-Version. Ich folge den Erklärungen, die ich von Serkong Rinpoche erhalten habe und ergänze diese durch einige Punkte, die von Geshe Ngawang Dhargyey erläutert wurden.

Punkt Eins: Die vorbereitenden Übungen

Verneigung vor dem großen Mitgefühl.
Übe dich zuerst in den vorbereitenden Übungen.

Der erste der sieben Punkte besteht in den Lehren zu den vorbereitenden Übungen. Es handelt sich um die allgemeinen vorbereitenden Übungen, die die Grundlage aller Mahayana-Lehren sind: das kostbare menschliche Leben, die Vergänglichkeit und der Tod, und dann, was normalerweise als „ Zuflucht“ bezeichnet wird, einen Begriff, den ich allerdings etwas zu passiv finde. Es ist nicht so, dass wir einfach zu Buddha, Dharma und Sangha aufschauen und sagen: „Oh, rettet mich!“ Vielmehr ist die „Zufluchtnahme“ ein aktiver Geisteszustand mit dem wir unser Leben in eine sichere und positive Richtung bewegen – in eine Richtung, die uns Buddha, Dharma und Sangha weisen. Als weitere vorbereitende Übung kommen die Lehren zum Karma, den Ursachen und Wirkungen des Verhaltens. Schließlich geht es um die die Nachteile von Samsara. Das Wort Samsara bezieht sich auf die Lebenssituationen, die sich unkontrollierbar wiederholen, speziell in Bezug auf die Wiedergeburt. Da wir unter dem Einfluss störender Emotionen und Geisteshaltungen stehen, die zu impulsivem Verhalten, bzw. zu Karma, führen, schaffen wir uns in diesem und in den zukünftigen Leben immer und immer wieder Probleme.

[Siehe: Die Vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden.]

Das wichtige an den vorbereitenden Übungen ist, dass sie eine besondere Geisteshaltung dem Leben gegenüber fördern, die als Fundament für alle darauffolgenden Lehren dient. Wir entwickeln eine Wertschätzung der verschiedenen Möglichkeiten, die uns dieses Leben bietet und verstehen, dass diese uns nicht ewig zur Verfügung stehen werden. Deshalb müssen wir die günstigen Gelegenheiten, die uns jetzt gegeben sind, ausnutzen, indem wir uns von all unseren Problemen und ihren Ursachen befreien, und von der Verwirrung und dem Leiden, die diese verursachen. Statt bloß zu beten, dass wir irgendein Ziel erreichen, ohne irgendetwas dafür zu tun, müssen wir mit den Ursachen und Wirkungen des Verhaltens arbeiten. Wir sollten nicht bloß versuchen, Samsara etwas besser für uns zu gestalten – denn wenn wir ehrlich sind, läuft es für die meisten von uns gerade darauf hinaus. Tatsächlich haben wir ein viel höheres Ziel: wir wollen unsere zukünftigen Leben verbessern, um sie nutzen zu können als Stufen auf dem Weg zur vollständigen Befreiung von all unseren Fehlern, Schwierigkeiten und Verwirrung – egal, wie viele Leben es hierzu brauchen wird.

Für die meisten von uns ist dies wirklich recht schwierig. Erstens glauben die meisten von uns nicht wirklich an zukünftige Leben geschweige denn im haben sie dem Wiedergeburtenzyklus im Sinn. Wie können wir uns die Befreiung von der Wiedergeburt zum Ziel nehmen, wenn wir nicht an die Existenz der Wiedergeburt glauben? Und wenn wir nicht an die Wiedergeburt glauben, wie können wir uns dann wünschen, die Erleuchtung zu erlangen, um allen dabei zu helfen, sich aus dem unkontrollierbaren Wiedergeburtenzyklus zu befreien? Wenn wir nicht tief von der Existenz der Wiedergeburt überzeugt sind, ist es schwierig.

Wenn wir uns fragen, was wir als Westler diesbezüglich tun können, würde ich sagen, dass wir als erstes versuchen sollten zu verstehen, was es mit der buddhistischen Erklärung der Wiedergeburt auf sich hat. Auch wenn unsere Motivation tatsächlich eher darauf abzielt, unser jetziges Leben zu verbessern, können wir zumindest offen für die Vorstellung einer Wiedergeburt sein. Wir können darüber nachdenken, dass es die Wiedergeburt gibt, dass wir uns von ihr befreien wollen und dass wir den anderen dabei helfen wollen, sie zu überwinden. Wir sollten die Ausgeklügeltheit der buddhistischen Erklärungsweise erfassen. Wir sollten verstehen, wie schwierig und wie wichtig es ist, die Erklärungen über Wiedergeburt zu verstehen. Wir sollten uns für dieses Thema interessieren, damit wir genügend lernen und meditieren bis wir ein korrektes Verständnis gewinnen.

Ich sage all diese Dinge weil die Lojong-Lehren äußerst fortgeschritten sind. Es handelt sich überhaupt nicht um Anfängerlehren! Es gibt beispielweise eine Belehrung, dass wir zur Zeit des Todes beten müssen, in einer der Höllen wiedergeboren zu werden. Sich so etwas zu eigen zu machen ist ziemlich schwierig, oder? Bei jeder Zugangsweise zu den Dharmalehren ist es wichtig, sehr ehrlich in Bezug auf unseren gegenwärtigen Entwicklungsstand zu sein und eine klare Vorstellung davon zu haben, was der tatsächliche Pfad ist und nicht so zu tun, als ob wir fortgeschrittener wären, als wir es sind. Dieser Text lehrt die Geisteshaltung, mit der man sich wirklich wünscht, alle Kakerlaken zur Erleuchtung zu führen. Die meisten von uns stehen mit Sicherheit nicht auf dieser Ebene. Was auch immer unser Grad des Verständnisses ist, wir müssen wirklich versuchen zu verstehen, dass die Praxis des Lojongs sehr tief und sehr weit geht. Es handelt sich um eine sehr langfristige Praxis. Wir können jetzt damit anfangen und ein gewissen Grad an Nutzen daraus ziehen. Da die Praxis aber graduell ist sollten wir den Blick dafür behalten, dass wir während unseres Fortschrittes auf einige Punkte immer und immer wieder zurückkehren sollten, um tiefer in sie einzudringen.

Im Kontext dieses Textes gehen wir nicht bloß einmal durch die grundlegenden vorbereitenden Übungen. Es handelt sich nicht um etwas, das bloß einmal gemacht wird, um sie dann hinter sich zu lassen und interessantere Dinge zu tun. Dieser Text wird aus der Perspektive von Menschen geschrieben, die wirklich Bodhicitta haben. Bodhicitta ist ein Herz, dass sich unsere eigenen Erleuchtung zum Ziel nimmt – unsere Erleuchtung, die wir noch nicht erreicht haben, für deren Erreichen wir aber die notwendigen Qualitäten der Buddha-Natur in uns tragen. Bodhicitta zielt mit zwei Absichten auf die Erleuchtung. Die erste Absicht ist, die Erleuchtung zu erlangen und die zweite, hierdurch allen Wesen zu helfen. Obwohl die beiden Absichten in den Texten der mündlichen Überlieferung in dieser Reihenfolge dargestellt werden, ist es in der Praxis gerade andersherum. Die Hauptabsicht ist, den fühlenden Wesen zu helfen, und da wir dermaßen vom Mitgefühl und von der Sorge um die anderen bewegt werden, müssen wir ihnen helfen, ihr Leiden zu überwinden. Obwohl wir möglicherweise versuchen, ihnen jetzt sosehr wir können zu helfen, müssen wir, um ihnen wirklich zu helfen, all unsere Fehler überwinden und all unsere Potentiale verwirklichen. Wir müssen Buddhas werden um dazu in der Lage zu sein, so vollkommen wie möglich zu helfen. Der Wunsch, die Buddhaschaft zu erlangen kommt also erst als zweites – er entsteht aus dem ersten Wunsch, allen Wesen zu helfen.

Es ist wunderbar, ein kostbares menschliches Leben zu haben, die Gelegenheit zu haben, den anderen zu helfen. Doch dieses Leben ist unbeständig! Wir werden sterben und wir wissen nie wann. Das ist schrecklich! Das motiviert uns dazu, zu versuchen, jetzt, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Jetzt, noch bevor wir Alzheimer bekommen und noch nicht einmal mehr unseren Geist gebrauchen können und dann sterben. Um den anderen zu helfen müssen wir also in einer aufrichtigen Weise die sichere Richtung einschlagen bzw. zu Buddha, Dharma und Sangha Zuflucht nehmen und destruktives Verhalten vermeiden. Und aufgrund ihrer Nachteile müssen wir auch vermeiden, uns von der samsarischen Wiedergeburt im Allgemeinen ködern zu lassen. Das heißt, dass wir ihren vergänglichen Freuden gegenüber keine Anhaftung entwickeln und uns ebenso wenig von Schwierigkeiten aus der Fassung bringen lassen. Es ist eigentlich sehr einfach: wir versuchen den Leuten zu helfen und uns nicht in unseren störenden Emotionen zu verfangen. Die vorbereitenden Übungen müssen hier also im Kontext des Bodhicittas verstanden werden.

Punkt Zwei: Das eigentliche Einüben von Bodhicitta

Der zweite Punkt ist das eigentliche Bodhicitta-Training. Die Besprechung dieses Themas gliedert sich in zwei Teile: das tiefste Bodhicitta und das konventionelle Bodhicitta.

Reflektiere darüber, dass die Erscheinungen wie einen Traum sind.
Erkenne die grundlegende Natur des Gewahrseins, die kein Erscheinen hat.
Das Gegenmittel selbst befreit sich selbst am eigenen Ort.
Die essentielle Natur des Pfades ist es,
in einem Zustand der allumfassenden Grundlage zur Ruhe zu kommen.
Handle zwischen den Sitzungen wie eine illusionsgleiche Person.

Das tiefste Bodhicitta ist ein Geist, der auf die Leerheit bzw. auf die Realität gerichtet ist. Um die Erleuchtung zu verwirklichen müssen wir die Realität verstehen, um die Verwirrung zu beseitigen, die von Unzulänglichkeiten und Problemen und den Gewohnheiten dieser Verwirrung verursacht werden. „Leerheit“ bedeutet „Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen“. Was „unmögliche Existenzweisen“ sind, wird in den verschiedenen indischen Theorien und in den unterschiedlichen tibetisch-buddhistischen Schulen jeweils etwas anders definiert. Doch unabhängig davon, wie der Vers im Text in den verschiedenen Kommentaren erklärt wird, ist es wichtig im Prozess, in dem man anderen hilft keine „unmöglichen Existenzweisen“ zu projizieren. Wenn man anderen hilft ist es besonders wichtig, nicht zu denken, es gäbe hier auf dieser Seite ein solides Ich, das so wundervoll ist, da es diese Art von Übung unternimmt, während dort drüben ein armes, miserables, solides Du steht, dem ich helfe. Oder man denkt, dass hier ein armes Ich steht; wie könnte es also dir da drüben mit deinem Leiden helfen? Auch das ist eine „unmögliche Existenzweise“. Wir stehen in einer gegenseitigen Wechselwirkung; wir existieren nicht als isolierte Wesen in einem Vakuum. Wir interagieren miteinander – wir sind fähig dazu , einander zu helfen.

Eine weitere „unmögliche Existenzweise“ birgt die Vorstellung, dass wir die Probleme aller Wesen einfach blitzschnell beseitigen können, da wir allmächtig sind. Auch dies ist unmöglich. Damit die anderen ihre Probleme überwinden können, müssen sie die Ursachen ihrer Probleme beseitigen, die in der Verwirrung wurzeln. Und um die Verwirrung zu beseitigen muss man die Realität verstehen, doch niemand kann für jemand anderes die Realität verstehen. Wir können den anderen den Weg weisen und versuchen, ihnen das Leben etwas zu erleichtern, doch die Realität müssen sie selbst einsehen. Im Bezug auf das tiefste Bodhicitta ist der Knackpunkt hier, dass wir eine realistische Einstellung haben müssen, um den anderen zu helfen.

Der zweite Teil des zweiten Punktes ist dann das konventionelle oder relative Bodhicitta.

Übe dich abwechselnd im Geben und Nehmen,
Lass diese beiden auf dem Atem reiten.

Diese Zeilen beziehen sich auf unsere Meditationssitzung, bei der es sich primär um die Tonglen-Praxis handelt, die Praxis des Gebens und Nehmens. Wir haben jetzt keine Zeit, ins Detail zu gehen, doch Tonglen ist eine unglaublich fortgeschrittene Übung und es ist äußerst schwierig, sie ernsthaft auszuführen. Es ist ziemlich einfach zum Spiel so zu tun, als würde man Tonglen praktizieren, doch um das Leiden der anderen tatsächlich ernsthaft auf sich zu nehmen und dieses Leiden tatsächlich zu erleben ist sehr fortgeschritten. Es erfordert eine wirkliche Einsicht in die Natur des Schmerzes. Wenn wir die Natur von Schmerz und Leiden und ihr Verhältnis zum Geist nicht wirklich verstehen, dann werden wir uns schrecklich davor fürchten, den Krebs einer anderen Person oder den von Krebs verursachten Schmerz tatsächlich auf uns zu nehmen. Ich denke, dass dies der Grund ist, warum es so wichtig ist, die Natur der Realität und die Natur des Geistes zu verstehen. Wenn wir das Mitgefühl haben, das wünscht, dass die anderen von ihren Problemen frei sein mögen und wir bereit dazu sind, diese Probleme auf uns zu nehmen, dann bedeutet dies, dass wir dazu bereit sind, das Leiden selbst zu erfahren.

Dies bedeutet nicht, dass wir einfach ihr Leiden von ihnen wegnehmen und es wegschmeißen – wir müssen es tatsächlich durch uns hindurch fließen lassen. Wir müssen es selbst erleben. Auf der ersten Ebene bedeutet dies, vom Leiden anderer Menschen weder verängstigt noch traurig zu werden. Es ist traurig, wenn jemand Krebs oder Alzheimer hat. Es ist äußerst traurig! Es geht überhaupt nicht darum erst diese Art von Übung praktizieren, aber dann einfach eine Rüstung um unsere Gefühle legen, weil es doch etwas viel für uns ist. Wir müssen die Trauer und den Schmerz der anderen Person verspüren, und erkennen, dass auf der Ebene der grundlegenden Natur des Geistes, die Trauer und das Leiden einfach bloß Wellen sind. Die grundlegende Ebene des Geistes ist reine Erfahrung; sie hat Freude und Glück als ihre natürlichen Qualitäten. Dies ist die Basis auf deren Grundlage wir dazu fähig sind, anderen Wesen Glück zuzusenden. Doch ohne eine tatsächliche Verwirklichung der Leerheit und viel Übung in Mahamudra, ist es sehr schwierig, in einer aufrichtigen Weise Tonglen zu üben. Ich sage dies nicht, um irgendjemanden von der Übung von Tonglen zu entmutigen, denn es ist selbst auf früheren Ebenen der Entwicklung sehr hilfreich. Doch um fähig zu sein, das Leiden aufzunehmen, zu erleben und im natürlichen Glücklichsein des Geistes aufzulösen und dieses Glück nach außen zu senden ist eine äußerst fortgeschrittene Praxis. So ist funktioniert es tatsächlich. Wenn wir es so betrachten handelt es sich eigentlich um eine Mahamudra-Übung, die in einem gewissen Sinne uns selbst nutzt.

[Siehe: Die Entwicklung einer ausgewogenen Sensibilität, Teil IV, Kapitel 15.]

Wie kommt es also, dass dies auch allen anderen nutzt? Jeder hat sein eigenes Karma, wie können wir also durch Tonglen das Karma einer anderen Person auf uns nehmen? Damit das Karma reifen kann, braucht es gewisse Umstände, und was wir tun können ist Umstände für andere Menschen zu schaffen, in denen sich ihr Karma schneller und in anderen Formen manifestieren kann. Wenn jemand krank ist, ist das Karma, diese Krankheit zu erfahren bereits als die Krankheit zur Reifung gekommen. Doch wenn es sich um eine Krankheit handelt, die geheilt werden kann, dann werden die Menschen nur dann geheilt werden, wenn sie die karmischen Ursachen dafür haben, geheilt zu werden. Was wir also tun können ist die äußeren Umstände zu schaffen, welche die Reifung ihrer positiven Potentiale erlauben.

Nehmen wir ein Beispiel: wie funktioniert die Praxis des Medizinbuddhas? Der Medizinbuddha ist nicht Gott; er kann uns nicht bloß aus eigener Kraft heilen. Doch indem wir Opfergaben darbringen und die Praxis ausführen, schaffen wir eine Bedingung dafür, dass das negative Karma, dass die Krankheit schafft, in einer viel kleineren Weise zur Reifung kommt. Tatsächlich ist die Inspiration, die wir vom Medizinbuddha erhalten, eine Inspiration, die von unserem eigenen individuellen Geist des klaren Lichtes kommt. Diese Inspiration hilft dabei, diese tieferen Potentiale an die Oberfläche und zur Reifung zu bringen. Diese Inspiration ist, was normalerweise als „Segen“ übersetzt wird: „Oh Medizinbuddha, segne mich, damit ich gesund werde!“ Unsere starke Motivation geheilt zu werden um allen zu helfen, wirkt als ein Umstand dafür, dass das negative Karma in uns in einer viel kleineren Weise zur Reifung kommt und dass das positive Karma danach zur Oberfläche kommen und reifen kann. Die Energie der Inspiration aus dem individuellen Geist des klaren Lichtes in uns, die durch den Medizinbuddha dargestellt wird, ist das, was den ganzen Prozess ermöglicht.

Genauso verhält es sich mit der Praxis des Tonglen. Sie schafft eine Bedingung dafür, dass das negative Karma der anderen Person in einer viel kleineren Weise und ihr positives Karma viel früher reift. Unser eigener Geist des klaren Lichtes wirkt inspirierend und die Empfänger brauchen nichts davon zu wissen – tatsächlich ist es am besten, wenn sie es nicht wissen. Um dazu fähig zu sein, das Leiden auf sich zu nehmen und es zu spüren, und es dann in der reinen Basis des Geistes des klaren Lichtes aufzulösen, braucht man die immense Energie des Bodhicittas, wie in jeder Praxis des Mahayana-Buddhismus, und die Inspiration durch unsere Lehrer. Bevor wir also Tonglen üben, müssen wir natürlich alle Stadien zur Entwicklung des Bodhicittas sehr stark entwickeln. Dies ist sehr wichtig. Natürlich müssen wir bereits ein Mindestmaß an Liebe und Mitgefühl mitbringen, um auch nur auf den Gedanken zu kommen, dass wir die Probleme der anderen auf uns nehmen wollen. Doch auf einer tieferen Ebene brauchen wir ein liebendes Mitgefühl, das nicht nur dazu bereit ist, die Probleme der anderen auf sich zu nehmen, sondern auch dazu fähig ist, zur Ebene des klaren Lichtes des Geistes zu gelangen. Wie ich bereits sagte, es handelt sich um eine sehr sehr tiefe Praxis.

Etwas Weiteres: Tonglen basiert auf einem Verständnis der Leerheit, des tiefsten Bodhicittas. Wen wir in den Begriffen eines soliden Ichs denken, dann werden wir zuviel Angst haben, um das Leiden einer anderen Person auf uns zu nehmen. Es ist sehr wichtig, dieses starke Gefühl eines „ Ichs“ aufzulösen, das uns vom Wunsch abhält, wirklich auf einer tiefen Ebene zu praktizieren. Dann können wir das Leiden der anderen auf uns nehmen, es tatsächlich erleben, und doch dazu in der Lage sein, damit umzugehen. Darum geht es. Wir haben ein Verständnis der Leerheit; wir haben einige Grundkenntnissse der Mahamudra-Praxis, bei der man das Leiden im Geist des klaren Lichtes auflöst. Wir halten weder fest am Leiden noch behalten wir es in uns. Und da wir die tatsächliche Quelle des Glücks in Form des Geistes des klaren Lichtes in uns haben, geben wir das Glück den anderen.

Wie können wir tatsächlich das Leiden einer anderen Person erleben? Grundlegend gesagt wirkt der starke Wunsch, das Leiden auf uns zu nehmen und es zu erleben als eine Bedingung dafür, dass unser eigenes negatives Karma als Leiden reift. Wir wollen, dass dies geschieht, damit wir das negative Karma so abfackeln können. Dies ist noch eine andere Ebene, auf der wir in der Tonglen-Praxis arbeiten müssen. Es ist nicht so, dass wir einem Menschen sein Leiden abnehmen wie wir ihm sein Sandwich abnehmen könnten um es selbst zu essen. Es ist viel subtiler. Es funktioniert alles auf der Ebene von Umständen und Bedingungen.

Mein eigener Lehrer, Serkong Rinpoche, zitierte immer ein Beispiel, dass allen unangenehm war. Er benutzte das Beispiel eines großen Lamas, der diese Praxis übte und eine schreckliche Wunde oder Krankheit einer anderen Person auf sich nahm und daran starb. Er beschrieb dieses Beispiel jedes Mal wenn er über Tonglen unterrichtete, jedes Mal. Worauf es ihm ankam war, dass wir so ernsthaft und so bereit dazu sein müssen, das Leiden einer anderen Person auf uns zu nehmen, dass wir auch bereit dazu sein müssen, zu sterben. Wir fragten ihn dann „Rinpoche, wäre es nicht schade, wenn jemand wie Sie so etwas tun würde, etwa das Leiden eines Hundes auf sich nehmen und dann daran sterben?“. Er antwortete mit einem anderen Beispiel: wenn ein Astronaut im Weltraum das Leben verliert, dann wird er zu einem Helden und alle – die Bevölkerung und die Regierung – werden sich um seine Familie kümmern. In einer ähnlichen Weise, sagte Rinpoche, würde ein großer Meister, der aufgrund der Tonglen-Praxis das Leben verliert, durch die Kraft seines Mitgefühls und seines Bodhicittas die Erleuchtung entweder erlangen oder sie fast erlangen. Hierdurch würde der Meister durch seine Inspiration auch seinen Schülern helfen.

Was wirklich außerordentlich ist, ist, dass nachdem er dies so oft gelehrt hatte, mein Lehrer es auch tatsächlich tat. Er starb durch eine Tonglen-Praxis. Es gab ein ernsthaftes Hindernis für das Leben des Dalai Lamas, das Serkong Rinpoche sah. Er sagte einem seiner älteren tibetischen Schüler, dass es sehr gut wäre, wenn er selbst, Serkong Rinpoche, dieses Hindernis, das das Leben Seiner Heiligkeit gefährdete, auf sich nehmen könnte.

Ich hatte Serkong Rinpoche gerade ein paar Wochen zuvor zu einer medizinischen Kontrolle begleitet und er war in bester Gesundheit. Doch an dem besonderen Tag beendete Rinpoche eine Belehrung, die er in Spiti, einer abgelegenen Region auf der indischen Seite des Himalaya-Gebirges gegeben hatte, und begab sich ins Haus einer bestimmten Person. Auf dem Weg dorthin hielt er in einem Kloster, um Opfer darzubringen. Die Mönche luden ihn zum Bleiben ein, doch er antwortete: „ Nein, wenn ihr mich wiedersehen wollt, dann müsst ihr zu dem Haus kommen, zu dem ich gehe.“ In dem Haus angekommen machte er seine gewohnte äußerst intensive Abendpraxis. Er lud seinen älteren Schüler ein, in sein Zimmer zu kommen. Rinpoche saß in einer bestimmten Position – es war nicht die Position, in der er normalerweise einschlief und begann mit einer Praxis, bei der es sich offensichtlich um Tonglen handelte. Dann starb er einfach.

Es war außerordentlich, da genau in dieser selben Stunde Seine Heiligkeit sich in einem Flugzeug nach Genf befand. Yasir Arafat flog zur selben Zeit ebenfalls nach Genf. Die Behörden waren wegen möglichen Terroranschlägen besorgt und hatten verlauten lassen, dass sie für die Sicherheit Seiner Heiligkeit nicht garantieren konnten. Während Rinpoche diese Praxis unternahm, war Arafat gerade dabei nach Genf zu fliegen, als er es sich plötzlich anders überlegte; sie wendeten mit dem Flugzeug und landeten nicht in Genf. Durch sein Eingreifen konnte Serkong Rinpoche bewirken, das dieses große Hindernis für das Leben Seiner Heiligkeit bloß in einer trivialen Weise zur Reifung kam. Als sie landeten, war am Flughafen viel Durcheinander; der Wagen Seiner Heiligkeit verfuhr sich und hatte einige Probleme. Doch dies war das einzige Hindernis, das Seine Heiligkeit erlebte. Das negative Karma reifte für Seine Heiligkeit als etwas sehr kleines und Serkong Rinpoches Tat wirkte als eine Bedingung dafür, dass sein eigenes Karma zu sterben an die Oberfläche kam; und so starb er. Er war 69 – nicht furchtbar alt. Doch er dachte, dass der größte Beitrag, den er machen könnte darin bestand, eine Bedingung dafür zu schaffen, dass Seine Heiligkeit länger leben könnte. Durch dieses Beispiel inspirierte er seine Schüler enorm. Ich frage mich immer, ob er tatsächlich nicht schon viele Jahre lang wusste, dass dies geschehen würde, da ich weiß, dass er außersinnliche Fähigkeiten hatte. Ich habe dies in meiner Beziehung zu ihm mehrmals erlebt.

[Siehe: Ein Porträt Tsenzhab Serkong Rinpoches.]

Tonglen kann in dieser Weise nur funktionieren, wenn wir eine starke karmische Verbindung haben. Offensichtlich haben wir eine solche Verbindung zu vielen Familienmitglieder und zu unseren engsten Freunden. Serkong Rinpoche hatte zu Seiner Heiligkeit eine solche Verbindung, da er seit dessen Kindheit einer seiner Lehrer gewesen war. Wichtig ist Folgendes: selbst wenn man die Krankheit einer engstehenden Person am eigenen Leib erfährt, muss man den Mut haben, sie zu akzeptieren, damit die Krankheit bei der anderen Person abnehmen kann.

Oft üben wir diese Tonglen-Praxis, wenn wir selbst krank sind. Wir denken dann, dass wir das Unwohlsein aller Wesen auf uns nehmen, die an derselben Krankheit leiden. Danach, während wir weiterhin unsere Krankheit und das Leiden, das sie verursacht, erleben, geht die Krankheit der anderen möglicherweise nicht weg. Doch wir können mit dem Schmerz und der geistigen Bedrückung in uns selbst mit Hilfe grundlegender Mahamudra-Methoden arbeiten, etwa indem wir uns selbst als den ganzen Ozean erleben und visualisieren, dass der Schmerz und das Leiden bloß Wellen auf der Oberfläche des Ozeans sind, die dessen Tiefen nicht aufrühren können.

Wenn wir Tonglen mit der Absicht üben, den Schnupfen aller Wesen auf uns zu nehmen, damit wir von unserem Schnupfen geheilt werden, dann funktioniert es nicht. Selbst wenn wir unbewusst in dieser Weise denken, wirkt es sich als ein größeres Hindernis dafür aus, dass es je funktionieren wird. Die Praxis muss wirklich auf der Grundlage reinen Mitgefühls stehen. Meistens funktioniert die Praxis nicht, weil wir keine starke karmische Verbindung zu den Menschen haben. Deshalb ist das Gebet „Möge ich dazu in der Lage sein, dass Leiden aller Wesen in allen Leben zu eliminieren“ sehr wichtig – es baut die Verbindung auf, die macht, dass diese Art von Praxis funktionieren wird.

Was ist das Ziel der Praxis? Auf einer Ebene ist das Ziel der Praxis sicherlich, den anderen zu helfen. Doch in den meisten Fällen wird dies nicht funktionieren. Ein zweites Ziel ist also, dass sie uns dabei helfen wird, die Erleuchtung zu erlangen. Wie? Die Praxis beinhaltet Bodhicitta, deshalb muss es sich um eine Methode handeln, um die Erleuchtung zu erlangen. Was uns helfen wird, die Erleuchtung zu erlangen ist, dass wir den Mut entwickeln, uns nicht mehr bloß um das eigene Wohl zu kümmern, wie wir es normalerweise tun, nach dem Motto „Verschon mich bloß mit deinen Problemen!“. Und wir entwickeln den Mut, dazu bereit zu sein, uns mit den Problemen aller zu beschäftigen. Als ein Bodhisattva und als ein Buddha, müssen wir dazu bereit sein, uns auch tatsächlich mit den furchtbarsten, schrecklichsten Problemen aller Wesen zu befassen. Tonglen hilft uns, die selbstbezogene Geisteshaltung zu überwinden, mit der wir denken: „Ich möchte mich nicht engagieren; ich will mir die Hände nicht schmutzig machen. Ich möchte nicht ins Altenheim gehen und mich um diese Alzheimer-Patienten kümmern, es ist einfach zu deprimierend und traurig. Ich kann es nicht ertragen.“ Wir müssen das Gefühl eines großen, starken, soliden Ichs überwinden, das unserer selbstbezogenen Geisteshaltung zugrunde liegt.

Ich weiß nicht, welche Visualisierungen Sie im Zusammenhang mit Tonglen gelernt haben, doch die, die Serkong Rinpoche und Seine Heiligkeit der Dalai Lama lehren, sind wirklich schrecklich und sehr, sehr wirksam. Alle Traditionen dieser Übung erläutern sie so, dass man sie im Zusammenhang mit dem Atem übt. Mit Mitgefühl – d.h. dem Wunsch, dass die anderen von ihren Schwierigkeiten und den Ursachen ihrer Schwierigkeiten befreit sein mögen – stellen wir uns vor, dass diese Schwierigkeiten in irgendeiner bildlichen Form in uns einströmen, während wir einatmen. Mit Liebe – d.h. dem Wunsch, dass sie das Glück und die Ursachen des Glücks haben mögen – senden wir ihnen in visualisierten Formen alles, was sie brauchen können. Doch mit diesen fortgeschrittenen Methoden, die Rinpoche und Seine Heiligkeit lehren, visualisieren wir nicht einfach schwarzes Licht, das in uns eindringt: wir visualisieren schmutzige Substanzen, wie dickes Motoröl, Fett und Schmutz, welche in uns einströmen, so dass wir daran arbeiten können, unseren Wunsch, selbst nicht schmutzig zu werden zu überwinden. Das ist der erste Schritt. Dann stellen wir uns vor, dass das tatsächliche Leiden in Form von Urin, Durchfall, Erbrochenem, Blut und Eingeweiden in uns einströmt. Dies hilft uns, das Gefühl der Gleichgültigkeit zu überwinden, mit dem wir etwa denken: „Oh nein, da liegt jemand, der gerade von einem Auto überfahren wurde auf der Strasse. Ich will überhaupt nicht hinschauen, es ist zu grauenhaft und eklig.“

Um dies zu überwinden fangen wir damit an, dass wir uns daran gewöhnen, mit weniger schrecklichen Dingen umzugehen, wie etwa mit Durchfall und Gebrochenem. Diese Art von Praxis ist sehr stark, sehr hilfreich. Dann stellen wir uns vor, dass das Leiden in Form der Dinge auf uns zu kommt, vor denen wir am meisten Angst haben: Spinnen, Skorpione, Kakerlaken, Schlangen, Ratten, oder was auch immer es sein mag. Wir stellen uns vor, dass wir sie einatmen und dass sie hinab bis zu unserem Herz kommen. Wir arbeiten also wirklich sehr stark an dem soliden Ego in uns, dass sagt: „ Auf keinen Fall will ich mich damit auseinandersetzen!“ Aus dem Grund sage ich, dass die Tonglen-Praxis unglaublich tief und fortgeschritten ist. Um wirklich zu dieser Ebene des klaren Lichtes vorzudringen müssen wir dazu in der Lage sein, all unsere Ängste, die Verteidigungen unseres Egos zusätzlich zu dem ganzen tatsächlichen Schmerz und den Ängsten der anderen, loszulassen und aufzulösen.

Selbst in früheren Stadien kann die Praxis sehr nützlich sein, da sie uns hilft, die Probleme des anderen Menschen Ernst zu nehmen. Das ist der erste Schritt: sie ernst zu nehmen. Indem wir das Problem auf uns nehmen, entsteht die Geisteshaltung, dass wir damit umgehen werden, als sei es unser Problem. Nehmen Sie zum Beispiel einen Obdachlosen, der im Winter auf der Straße leben muss, der hungrig ist und es kalt hat, der weder eine Arbeit noch ein Zuhause hat, und der krank und voller Schmerzen ist. Versuchen wir, uns vorzustellen, wie es wäre, so zu sein, damit wir das Leiden spüren können. Versuchen wir, irgendeine Lösung zu finden, wie wir damit umgehen können. Wenn unsere Freunde uns von ihren Problemen erzählen, dann nehmen wir sie ernst. Wenn man schon nur auf dieser Ebene übt, dann ist das sehr nützlich. Denken Sie aber nicht, dass dies die einzige Ebene ist. Es gibt viele, viele tiefere Ebenen.

Wenn wir das Leiden der anderen auf uns nehmen müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht in das Extrem fallen, ein Märtyrer zu werden, etwa nach dem Motto: „Ich werde zum größeren Ruhm Buddhas das Leiden aller Wesen auf mich nehmen!“ So sollte man wirklich nicht üben. Ebenso wenig sollte man denken, dass der Pfad der Erleuchtung darin besteht, dass man alles Leiden auf sich nimmt. Auch diese Vorgehensweise würde nicht dem buddhistischen Pfad entsprechen. Man muss auch sehr, sehr vorsichtig sein, dass man das Leiden der anderen nicht deshalb auf sich nimmt, weil man ein niedriges Selbstwertgefühl hat: „Ich bin ein so furchtbarer Mensch, ich muss Leiden indem ich das Leiden der anderen auf mich nehme. Ich verdiene es.“

Diese Praxis kann uns an das Bild von Jesus erinnern, der das Leiden der Menschheit auf sich genommen hat: Jesus war sicherlich bereit dazu, das Leiden und die Angst vor dem Leiden auf sich zu nehmen. Doch aus der buddhistischen Perspektive kann niemand das gesamte Leiden des gesamten Universums verhindern. Auch wenn wir den Wunsch in uns kultivieren, dass wir die anderen vom Leiden befreien, indem wir es auf uns selbst nehmen, ist es sehr wichtig, dass wir uns selbst nicht so aufblasen, dass wir denken, wir könnten Wunder vollbringen und die Probleme aller lösen. Im bestmöglichsten Fall können wir die Umstände schaffen, damit die negativen Potentiale der anderen in einer kleineren Weise reifen und ihre positiven Potentiale dagegen schneller reifen. Das Ziel besteht mit Sicherheit nicht darin, dass wir uns selbst bestrafen, indem wir Leiden auf uns nehmen. Worauf es ankommt ist, dass wir den Mut entwickeln, den anderen selbst in den schwierigsten Situationen zu helfen – sogar in Gebieten dieser Welt wie dem Kosovo, Bosnien oder Ruanda.

Als nächstes kommt, was wir zwischen den Sitzungen tun, in unserem alltäglichen Leben.

(In Bezug auf) die drei Objekte,
(Nimm) die drei giftigen Geisteshaltungen
Und (gib) die drei Wurzeln dessen, was konstruktiv ist,
(Während) du dich mit Worten auf allen Pfaden des Verhaltens übst.

Die drei Objekte sind die, die wir attraktiv, unattraktiv oder neutral finden. Die drei giftigen Geisteshaltungen sind das sehnsuchtsvolle Verlangen, die Abneigung und die Naivität. Wenn wir sehnsuchtsvolles Verlangen gegenüber jemandem verspüren, den wir attraktiv finden, oder Abneigung gegenüber jemandem, den wir unattraktiv finden, oder Naivität gegenüber einer Person, die wir neutral finden und daher ignorieren, dann stellen wir uns vor, dass wir diese drei giftigen Geisteshaltungen allen Wesen abnehmen, die an ihnen leiden. Dann geben wir die drei Wurzeln des konstruktiven, nämlich Ablösung, die Fähigkeit, Unerschütterlichkeit und ohne Naivität zu sein. Indem wir dies tun, gehen wir mit unseren Problemen diesen Objekten gegenüber um. Wir können unser Üben mit Hilfe von Worten unterstützen, wie etwa „Möge das Leiden der anderen bei mir reifen und möge mein Glück bei ihnen reifen.“

Was die Reihenfolge des Nehmens (angeht), beginne bei dir selbst.

Wenn wir an einem bestimmten Problem leiden, müssen wir es als erstes akzeptieren und uns ihm stellen. Erst wenn wir dies getan haben können wir die Methode anwenden, durch die wir dasselbe Problem von allen anderen auf uns nehmen. Aus diesem Grund besteht in der Praxis die Reihenfolge darin, dass wir mit uns selbst anfangen. Wenn wir nicht dazu fähig sind, uns unseren eigenen Problemen zu stellen, besteht die Gefahr, dass es sich bloß um eine Flucht handelt, wenn wir uns mit den Problemen der anderen befassen.

Punkt Drei: Widrige Umstände in einen Pfad zur Erleuchtung verwandeln

Der dritte Punkt besteht darin, dass wir widrige Umstände in einen Pfad zur Erleuchtung verwandeln. Dieser Punkt unterteilt sich in mehrere Teile: der eine befasst sich mit unseren Gedanken, der andere mit unseren Handlungen.

Das Verwandeln unserer Gedanken betrifft erstens das Denken, das hinter unserem Verhalten steht und zweitens unsere Sicht der Realität. Als erstes kommt das Denken, das hinter unserem Verhalten steht:

Wenn die Umgebung und ihre Bewohner voller negativer Kräfte sind,
Dann verwandle widrige Umstände in einen Pfad zur Erleuchtung,
Indem du eine Sache
als alle Schuld (tragend) verbannst
Und allen Wesen gegenüber mit großer Güte meditierst.

Ich werde, was das Verhalten angeht, nicht groß in die Details gehen. Der Schwerpunkt besteht hier darin, dass wir erkennen, dass unsere Schwierigkeiten daher kommen, dass wir uns um uns selbst kümmern, während alle positiven Qualitäten daher kommen, dass wir uns um die anderen kümmern. Wir verbannen also eine Sache, die Selbstbezogenheit, bzw. befreien uns von ihr, da sie alle Schuld an unserem Leiden trägt. Und nachdem wir erkannt haben, welche Vorteile es hat, sich die anderen zu Herzen zu nehmen, meditieren wir allen gegenüber mit großer Güte. Und so, wenn es zu Leiden kommt, versuchen wir es als den Fehler unserer Selbstbezogenheit zu sehen – als Fehler unseres Egoismus. Was meinen wir eigentlich mit Selbstbezogenheit oder Egoismus? Betrachten wir dies anhand eines Beispiels, da es sehr wichtig ist klar zu identifizieren, was es ist, das uns so viele Schwierigkeiten bereitet.

Nehmen wir etwa an, dass wir von jemandem zum Essen eingeladen werden und dieser uns dann etwas kocht, was wir nicht mögen. Wir leiden, wir sind unglücklich. Hier haben wir also eine negative Situation. Wie können wir diese in eine positive Situation umwandeln, die uns dabei hilft, auf dem Pfad zur Erleuchtung voranzukommen? Hierum geht es hier. Worin besteht hier der Fehler? Warum leiden wir? Wenn wir anfangen, an diese schreckliche Person zu denken, die etwas gekocht hat, das wir nicht mögen und ihr alle Schuld geben, dann besteht das Problem darin, dass wir nur an uns selbst denken. Wir denken nicht an diesen anderen Menschen, dem es wirklich darum ging, uns ein Essen vorzubereiten, das uns schmeckt. Unser Gastgeber bzw. unsere Gastgeberin hatte nicht die Absicht, uns etwas vorzubereiten, das wir nicht mögen. Der einzige Grund, weshalb wir unglücklich sind und leiden ist also, dass wir nur an uns selbst und an das, „was ich mag“ und „was ich will“ denken. Was wir in einer solchen Situation versuchen ist, die Umstände zu nutzen, um diese starke Beschäftigung mit mir selbst und mit dem, was Ich will, anzugreifen.

Wir können erkennen, dass die Struktur hier tatsächlich dem Tonglen recht ähnlich ist. Erinnern Sie sich, während der stärkeren Tonglen-Visualisierungen haben die meisten von uns normalerweise Widerstand dagegen, Durchfall und Gebrochenes in uns aufzunehmen. Dies liegt an unserer starken Selbstbezogenheit. Wir wollen nicht schmutzig werden; und daher müssen wir diesen Mangel an Bereitschaft, uns mit dem Schmutz und dem Leiden zu befassen, überwinden und diese Dinge durch uns durch fließen lassen. In einer ähnlichen Weise, machen Sie keine große Sache daraus, dass Sie nicht mögen, was die andere Person Ihnen zum Abendessen serviert. Aufgrund unseres Wunsches, den anderen Menschen glücklich zu machen, nehmen wir das Leiden auf uns, etwas zu essen, das uns nicht besonders gut schmeckt. Es gibt hierbei sicher Ausnahmen, beispielsweise wenn wir allergisch auf eine bestimmte Nahrung sind, die uns krank macht. Wir brauchen keine Fanatiker zu werden. Trotzdem gibt es verschiedene Weisen, sich zu entschuldigen, die der anderen Person gegenüber rücksichtsvoller sind, als wenn wir nur an „mich, mich, mich“ denken und wütend werden, indem wir denken: „Versuchst du mich zu vergiften?! Willst du, dass mir übel wird?!“

Eine andere Weise, in der wir eine negative Situation in eine positive umwandeln können besteht darin, dass wir sie als eine Gelegenheit ansehen, unsere negativen karmischen Potentiale zu verbrennen. Um die Erleuchtung zu erlangen müssen wir uns von unseren negativen Potentialen befreien – also, bringen wir es hinter uns! Es ist wie ein Zahnarztbesuch: statt den Zahnarzt zu bitten, in fünf verschiedenen Visiten bloß ein Bisschen zu bohren soll er lieber alles auf einmal machen, dann haben Sie es hinter sich. Wenn Sie die ganze Arbeit jetzt machen, haben Sie sie aus dem Weg geräumt.

Wenn wir daran denken, das Leiden der anderen auf uns zu nehmen, dann verlagert das den Schwerpunkt weg von unserer Art, nur an unser eigenes „armes Selbst“ zu denken. Denn bei dieser Art zu denken handelt es sich wieder um Selbstbezogenheit und eine egoistische Genusssucht. Stattdessen wollen wir etwas erreichen, das dem Beispiel der Mutter ähnelt, deren Baby erkältet ist und die denkt: „Ich wünschte mir, ich könnte statt meines Babys die Erkältung haben, da ich diese Krankheit viel besser verkraften könnte als mein Baby.“ Wenn wir uns um jemanden kümmern, der erkältet ist, müssen wir dazu bereit sein, uns die Erkältung auch selbst einzufangen. Wenn wir uns darüber viele Sorgen machen, dann funktioniert es nicht. Mutter Theresa sagte dies allen, die mit ihr arbeiten wollten. Sie sagte, dass wenn wir mit Leprakranken arbeiten, wir vollkommen bereit dazu sein müssen, selbst Lepra zu bekommen. Wer Angst davor hatte, Lepra zu bekommen, sollte es besser gleich vergessen. Tatsächlich ist es so, dass umso mehr wir Angst davor haben, Lepra zu bekommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir sie tatsächlich bekommen, was etwas ironisch ist. Wenn wir Angst davor haben, dass etwas schief gehen kann und wir deshalb sehr verspannt sind, dann gehen die Dinge sehr oft schief.

Leerheit, (die erkannt wird, indem man) trügerische Erscheinungen
In der Meditation als die vier Körper eines Buddhas sieht,
ist die unübertroffene Beschützerin

Wir können schwierige Umstände auch durch unsere Sichtweise oder Ansicht – nämlich unserer Sicht der Leerheit oder der Realität, in positive verwandeln. Auch hier gibt es zahlreiche Arten, diese Zeile zu erklären, je nachdem, wie die verschiedenen tibetischen Schulen Leerheit lehren. Doch ich glaube nicht, dass irgendeine Schule lehrt, dass das Leiden nicht existieren würde. Wir müssen vielmehr erkennen, dass das Leiden aus Ursachen und Bedingungen entsteht. Es ist eine Erfahrung des Geistes wie andere Erfahrungen – es ist nichts besonders. Natürlich erfordert es ein großes Maß an Einsicht, um dazu in der Lage zu sein, Leerheit anzuwenden.

Dies ist die Art, in der wir schwierige Situationen durch unsere Gedanken verwandeln.

Die überragende Methode beinhaltet vier Handlungen, die zu nutzen sind
(Daher) wende, was auch immer dir begegnen mag, sofort auf die Meditation an.

Das Verwandeln widriger Umstände durch unsere Handlungen beinhaltet vier Handlungen oder Methoden, die man benutzen kann. Die erste wird oft als „Sammeln von Verdienst“ bezeichnet, was eine etwas irreführende Übersetzung ist. Es ist nicht so, dass wir Verdienst-Punkte sammeln, wie man etwa Briefmarken sammelt, und wenn wir genug beisammen haben, dann gewinnen wir einen Preis. Tatsächlich bedeutet der Begriff das Stärken unserer Netzwerke positiven Potentials oder positiver Kraft. Mit anderen Worten, indem wir auf konstruktive Weise handeln und unsere positiven Qualitäten benutzen, verwandeln wir negative Umstände in positive. Statt depressiv oder vollkommen verängstigt zu sein, wenn sich negative Umstände, wie etwa ein Unfall, ergeben, können wir dies als eine Gelegenheit nutzen, den Menschen zu helfen, die verletzt sind. So können wir mehr positive Kraft in uns aufbauen und die ganze Situation verändern.

Die zweite Methode besteht darin, dass wir uns von den negativen karmischen Potentialen oder von der negativen karmischen Kraft in uns reinigen. Wenn wir beispielsweise in einer negativen Weise gehandelt und jemanden verletzt haben, fühlen wir uns danach möglicherweise schuldig. Wir können diese Situation in eine positive umwandeln, indem wir mehr Reinigungspraktiken üben. Statt uns schuldig zu fühlen erkennen wir an, dass wir einen Fehler gemacht haben. Dies bedeutet nicht, dass ich ein „schlechter Mensch“ bin, doch es tut mir leid, dass ich mich so verhalten habe. Ich werde mein Bestes geben, um mich nicht erneut so zu verhalten; ich bekräftige die sichere und positive Richtung in meinem Leben neu und werde als Gegenkraft zu meiner negativen Handlung mehrere konstruktive Dinge tun.

Die dritte und die vierte Methode sind für uns Westler etwas schwierig nachzuvollziehen. Die dritte besteht darin, dass man schadenbringenden Geistern Opfer darbringt, damit sie uns mehr Leiden bringen. Dies wird oft so erklärt: „Schadenbringende Geister, bitte schadet mir sogar noch mehr.“ Die vierte besteht darin, dass man die Dharmabeschützer um Hilfe bittet.

Betrachten wir zuerst die Praxis den schädlichen Geistern Opfergaben darzubringen. Es gibt eine wundervolle Praxis, die hier angewandt werden kann. Tsultrim Allione, eine Freundin, die ebenfalls eine westliche Dharmalehrerin ist, hat sie auf der Grundlage der buddhistischen Praxis des Chöd (Schneiden) entwickelt. Sie nennt die Übung „Füttern der Dämonen“. Nehmen wir an, es geht uns wirklich schlecht, wir sind unglücklich und depressiv – die Dinge laufen nicht so gut. Stellen Sie sich vor, dass dieses Problem von einem schädlichen Geist, von einem Dämon verursacht wird. Versuchen Sie zu spüren, wie dieser Dämon in uns existiert. Visualisieren Sie, dass er irgendeine Form oder Gestalt hat welche Form auch immer Ihnen angebracht erscheint. Dann kommt der Dämon aus uns heraus und sitzt auf einem Kissen vor uns. Fragen sie den Dämonen „Was willst du?“ Darauf sagt uns der Dämon, was er will – „Ich will, dass die Leute mir ihre Aufmerksamkeit schenken; ich will, dass die Menschen mich lieben.“ Was auch immer in uns spukt: „Ich will gute Gesundheit; ich möchte wieder jung sein“ und all diese Dinge – dies sind die schadenbringenden Geister, die uns verfolgen. Und dann füttern Sie den Dämonen, geben Sie dem schädlichen Geist was auch immer er möchte. „Du willst Liebe, also werde ich dich lieben. Du willst Energie, du willst Jugend; ich werde sie dir geben.“ Dies ist eine sehr mächtige und hilfreiche Übung. Wenn der Dämon sich satt gegessen hat, machen die meisten Menschen die Erfahrung, dass er weggeht. Obwohl wir in zahlreichen Texten darum beten, dass die schädlichen Geister uns sogar noch mehr Schaden zukommen lassen, finde ich diese Methode des Fütterns der Dämonen auch äußerst effektiv. Sie lässt uns erkennen, dass wir in uns die Dinge haben, von denen wir denken, dass sie uns fehlen und die wir brauchen. Wir können auf unsere eigene innere Kraft bauen, die uns diese Dinge zur Verfügung stellt.

Für jede beliebige Übung gilt, dass es sehr wichtig ist, wie wir sie beginnen und wie wir sie abschließen. Es ist wie wenn wir ein Computerprogramm auf- und zumachen: tun wir es nicht richtig, dann stürzt der Computer ab. Wenn wir Meditationspraktiken üben, bei denen wir mit starken Emotionen umgehen, ist es ähnlich: wir müssen die Übung behutsam anfangen und abschließen, denn ansonsten können auch wir abstürzen. Die Methode um behutsam anzufangen und abzuschließen besteht darin, dass wir uns auf unseren Atem konzentrieren, auf das Gefühl des Atems, der durch die Nase ein- und ausfließt, oder auf das Gefühl des Bauches, der sich während wir atmen auf und ab bewegt. Das verbindet uns stärker mit dem Körper und mit der Erde, was äußerst hilfreich ist, wenn wir mit wirklich negativen oder furchterregenden Emotionen umgehen. Sollte diese Übung für Sie mit besonders starken Emotionen einhergehen, dann ist es am besten, sich auf die Auf- und Abbewegung des Bauches zu konzentrieren. Diese Bewegung findet in der Nähe des Nabelchakras statt, der das Erdzentrum in unserem Körper darstellt – das, was wir im Westen den Körperschwerpunkt nennen. Hierdurch erden wir uns stärker.

Dies ist eine wirklich interessante Übung. Ich glaube, dass es immer wichtig ist, zu versuchen tiefer in diese verschiedenen Lehren einzudringen. Manche können uns oberflächlich gesehen merkwürdig erscheinen. Doch wenn wir tatsächlich die sichere Richtung einschlagen bzw. Zuflucht in den Dharma nehmen, dann können wir Vertrauen haben, dass wir hier etwas haben, das Sinn macht. Diese Methode ist nicht bloß irgendein bizarrer, abergläubischer tibetischer Trip. Es ist etwas, das wir anwenden können, wenn wir uns verfolgt fühlen von Gedanken wie „Ich möchte akzeptiert und erfolgreich sein; ich möchte geliebt werden“. Wir können diese Methode benutzen, um solche Gefühle sehr effektiv umzuwandeln.

Die vierte Handlung, die man benutzen kann um negative Situationen zu verwandeln ist, die Dharma-Beschützer zu bitten, uns durch ihre erleuchtenden Handlungen oder ihren erleuchtenden Einfluss mit einem größeren Ausmaß an Leiden zu konfrontieren und unsere Selbstbezogenheit zu zerstören. Eine weniger geschickte Art, mit Beschützern zu arbeiten ist, Opfer darzubringen, damit unsere positiven Potentiale schneller reifen können und alles gut läuft. Dies ist nicht die beste Art mit einem Dharmabeschützer zu arbeiten, da so das positive Potential aufgebraucht wird, worauf wir dann abstürzen und bloß noch das negative Potential übrig haben. Die beste Art mit einem Dharmabeschützer zu arbeiten besteht darin, verschiedene Pujas und Opfer darzubringen, damit sie dabei helfen, dass unsere negative Potentiale in einer kleineren Form zur Reifung kommen, sodass Hindernisse, die sich möglicherweise in einer größeren Form manifestiert hätten in einer trivialeren Weise verbrannt werden. Dann bleiben uns nur noch unsere positiven Potentiale, und so wird alles gut gehen.

Hier ist ein Beispiel für die Weise, wie diese Praxis funktionieren kann. Ich habe früher den alten Serkong Rinpoche als Dolmetscher auf Weltreisen begleitet. Vor den Reisen hielt er immer eine große Beschützer-Puja ab. Dann lief am Anfang der Reise immer etwas schief, doch es war nur etwas geringfügiges. Einmal nahmen wir auf unserem Weg zum Flughafen den Nachtzug von Delhi nach Pathankot und irgendetwas ging mit der Zugreservierung schief. Der einzige Ort an dem wir auf dem Zug schlafen konnten waren die Kojen die sich in der dritten Klasse direkt neben den Toiletten befanden. Es waren nur zwei Kojen frei, und so bekamen Rinpoche und ich jeweils eine Koje während die beiden tibetischen Helfer auf dem Boden schlafen mussten. Es ergab sich also eine negative Situation, doch es war nichts Schlimmes – es stank bloß und war unbequem – und es brannte Hindernisse ab. Der Rest der Reise verlief sehr gut.

Die wichtigste Bitte, die man an die Dharma-Beschützer richten kann ist: „konfrontiere mich mit Leiden; mach, dass meine negativen karmischen Potentiale reifen. Ich kann damit umgehen.“ Unsere Bereitschaft das zu erleben, was heranreift, bewirkt, dass unser Leiden reduziert wird und dass die Hindernisse dann enden. Wenn die Dinge schlecht gehen, dann gebt mir bitte mehr davon, damit ich diese ganze Sache loswerden kann. Wir beten nicht zu Gott, zu den Dharma-Beschützern oder zu den Buddhas, damit sie uns diese Dinge geben. Vielmehr schaffen unsere Wünsche und unsere Gebete die Bedingungen dafür, dass unser eigenes Karma reifen kann. Es ist eigentlich sehr praktisch.

Punkt Vier: Verdichtung der Praxis einer Lebensspanne

Der vierte Punkt ist die Praxis in einer Lebensspanne in fünf Kräfte zu verdichten. Dies kann während dieses Lebens und auch während des Todes getan werden. Auch dies ist eigentlich etwas sehr Praktisches.

Kurz gesagt: die Essenz der Quintessenz-Lehren
Ist das Anwenden der fünf Kräfte.

In diesem Leben können wir jeden Tag als die erste Kraft richtige Absichten entwickeln. Wenn wir morgens aufwachen können wir die Absicht formulieren „Möge ich dazu fähig sein, allen zu helfen; möge ich dazu fähig sein, die Erleuchtung zu verwirklichen um allen bestmöglich zu helfen.“ Dies ist nicht nur beim Aufwachen wichtig, sondern wann auch immer wir einer schwierigen Situation begegnen. Beispielsweise wenn die Kinder sich anschreien und kreischen und wir gerade davorstehen, in ihr Zimmer zu gehen um sie zu beruhigen. Wir können die starke Absicht in uns etablieren „Möge ich meine Fassung nicht verlieren und möge ich sie auf liebevolle Weise behandeln um ihren Streit zu beenden.“ Doch dies muss so getan werden, dass unsere Motivation wirklich auf das Nutzen der Kinder abzielt, und nicht nur, dass sie sich beruhigen, damit wir unseren eigenen Seelenfrieden haben können. Bevor wir einkaufen gehen können wir die Absicht in uns entwicklen, dass wir nur das kaufen werden, was wir brauchen. Wir werden keine Schokolade und Kekse kaufen, bloß weil wir in dem Moment Lust darauf bekommen.

Die zweite Kraft ist die Kraft des weißen Samens. Dies bezieht sich auf die Absicht, unser Netzwerk positiver Kraft zu stärken und unsere negative Kraft / unser negatives Potential dagegen nach bestmöglichen Kräften zu schwächen oder los zu werden. Wenn die Dinge gut laufen, dann ist dies das Ergebnis, das sich aus unseren vorangehenden guten Taten und aus der Kraft und dem Potential, die aus ihnen entstanden sind, ergeben. Wenn die Dinge schlecht gehen, dann liegt dies an unseren vorangehenden destruktiven Handlungen und an dem negativen Potential, das diese hinerlassen haben. Der Samen unserer Schwierigkeiten ist unser destruktives Verhalten. Deshalb versuchen wir uns von diesem Samen zu befreien und ihn durch einen Samen des konstruktiven Verhaltens zu ersetzen.

Als drittes kommt die Kraft der Vertrautheit oder der Gewöhnung. Was auch immer wir tun, wir versuchen die Situation zu nutzen, um die positive Gewohnheit uns um andere zu kümmern weiter aufzubauen. Alle neutralen Handlungen, die wir ausführen können, sind hierin eingeschlossen – wenn wir essen, dann essen wir, um stark zu werden damit wir den anderen helfen können; wenn wir warme Kleider tragen, dann ist dies damit wir nicht krank werden, damit wir dazu in der Lage sind, den anderen zu helfen. Sogar wenn wir früh schlafen gehen oder ins Kino gehen, können wir denken, dass wir dies tun um uns zu entspannen, um Kraft und Energie aufzubauen damit wir den anderen mehr helfen können. Auf diese Weise kann sogar die Entspannung zu einer sehr positiven Handlung gemacht werden. Natürlich müssen wir ehrlich sein und nicht sagen „Ich werde mich mit diesem riesigen Becher Eiskreme vollstopfen damit ich den anderen helfen kann.“ Das ist einfach eine Entschuldigung um das Eis zu essen. Was auch immer wir tun, sollten wir daran denken, es zum Wohle der anderen zu tun.

Viertens gibt es die Kraft „die alles sofort beseitigt“. Dies bedeutet, dass wir versuchen müssen, störende Emotionen, die sich in unserem Geist manifestieren, wie etwa Begierde, Anhaftung und Wut so schnell wie möglich – sofort zu verscheuchen, genau wie wir es miteiner Katze tun würden, die auf den Tisch springt um unsere Mahlzeit zu stehlen. Verjagt sie sofort. Die Tibeter lieben es, Lehren in dieser Weise anhand von Tieren zu versinnbildlichen. Oft ist das sehr hilfreich.

Die fünfte Kraft ist die des Gebetes, nämlich der Gebete um dazu in der Lage zu sein, unsere Praxis zu verwirklichen. Dies bedeutet nicht „Gott, möge ich dazu fähig sein, dies zu tun“ sondern vielmehr, dass wir den starken Wunsch haben, es zu tun. Es impliziert auch, dass wir eine derartige Abscheu vor unserer Selbstbezogenheit und unserem Egoismus haben, dass wir nicht mehr warten können, bis wir uns davon befreien. Es ist, wie wenn eine Fliege um unseren Kopf herumsummt: es stört uns sosehr, dass wir uns ernorm anstrengen, sie aus dem Zimmer zu bekommen. Je mehr wir unseren Egoismus von uns stoßen indem wir ihn wirklich verabscheuen, desto schwächer wird er.

Es gibt ein Gebet, das wir am Ende des Tages sprechen können: „Möge ich nie vom Bodhicitta getrennt sein“. Mein Lehrer, Serkong Rinpoche, gab in diesem Zusammenhang einen wundervollen Rat. Er sagte „Bittet euren Lama nicht darum zu beten, dass ihr nicht krank werdet oder das eure Geschäfte gut laufen mögen. Das Beste, worum ihr ihn bitten könnt, für euch zu beten, ist, dass ihr dazu in der Lage seid, so schnell wie möglich Bodhicitta zu entwickeln. Natürlich muss dies eine ehrliche Bitte sein, nicht bloß eine Bitte die ihr stellt, um den Lama zu beeindrucken.“ Diese Art von Gebet ist sehr wichtig, da wir die Gewohnheit haben, grundsätzlich für weltliche Dinge, die wir haben wollen, zu beten.

Die Quintessenz-Lehren für
Die Übertragung des Bewusstseins im Mahayana
Sind die fünf Kräfte selbst,
Während du deinem Pfad zur (charakterlichen) Haltung Gewicht verleihst.

Zur Zeit des Todes können wir auch dieselben fünf Kräfte anwenden. Die Anwendung der fünf Kräfte wird als die beste Art Powa, als die beste Bewusstseinsübertragung, angesehen – viel besser als irgendeine dramatische Methode, hinter der keine Gefühle stehen – wie wenn wir unseren Geist in irgendein Buddhaland schießen. Wenn wir überhaupt nicht verstehen, was wir tun, dann wird der Grad unserer Motivation eher oberflächlich sein.

Als erstes kommt die Absicht. Das Beste, was man zur Zeit des Todes im Geist behalten kann ist die Bestrebung „Möge ich die Gelegenheit dazu haben, Bodhicitta weiter zu entwickeln und möge ich diese Praxis in allen zukünftigen Leben weiter üben können, damit ich den anderen helfen kann“. Es ist sehr wichtig diese Absicht zu haben kurz bevor wir sterben. Erinnern Sie sich daran: was ist Powa? Wohin wollen wir unseren Geist übertragen? Wir wollen nicht ins Paradies. Das ist kein Buddhismus. Wir wollen unser Bewusstsein in Richtung Erleuchtung übertragen.

Der weiße Samen besteht darin, dass wir den anderen alles geben bevor wir sterben, damit wir keinerlei Anhaftung an Geld, an unserem Besitz und noch nicht einmal an unserem Körper haben. Das ist wirklich recht wichtig. Es ist sehr traurig, was mit dem Besitz der Verstorbenen geschieht. Sehr oft streiten die, die zurückgelassen werden, ums Geld und um den Besitz und dies verursacht viele Probleme. Oder vielleicht werfen sie all unsere „kostbaren“ Sachen in den Abfall, da es für sie bloß Müll ist und sie sich einfach davon befreien wollen. Es ist viel besser, diese Angelegenheiten zu regeln, bevor wir sterben. Gebt alles weg, entweder eurer Familie oder bedürftigen Menschen – dies ist viel besser als wenn alles in den Mülleimer geworfen wird, nachdem wir gegangen sind.

Es ist auch wichtig in einem gewissen Sinne zu versuchen, die Anhaftung unserem Körper gegenüber zu überwinden. Dies ist nicht so einfach zu schaffen. Es gibt zahlreiche intensive Praktiken, die man zu diesem Zweck üben kann. Wenn hier beispielsweise Erdbestattungen üblich sind, dann können wir unseren Körper den Würmern darbringen: „Ihr werdet ihn essen, genießt ihn also. Ich hoffe, ihr werdet eine gute Mahlzeit haben.“ Die Tibeter benutzen ein schreckliches Bild: wenn wir zu stark an unserem Körper haften, dann werden wir als einer dieser Würmer wiedergeboren, die sich durch unseren verfaulenden Körper fressen. Das ist ziemlich ekelhaft, versuchen Sie also, nicht so viel Anhaftung zu haben.

Dann kommt die Kraft der Gewöhnung. Sie besteht darin, dass man wieder und wieder über Bodhicitta meditiert, damit während unser Geist zur Zeit des Todes feiner und feiner wird, wir weiterhin auf Bodhicitta und Erleuchtung konzentriert bleiben können.

Wir müssen erkennen, dass dies auch genau den Lehren der höchsten Tantra-Klasse entspricht. Die Erleuchtung ist eine voll verwirklichte Buddha-Natur, ein voll verwirklichter Geist des klaren Lichtes. Im höchsten Tantra, dem Anuttarayoga, versuchen wir während des Sterbens das volle Gewahrsein für den Prozess zu bewahren, bei dem sich unser grobes Bewusstsein und unsere konzeptuellen Arten von Geist in unserem feinsten Geist des klaren Lichtes auflösen. Wir versuchen unsere Konzentration auf die vollständige Auflösung konzentriert zu halten, die als nächstes kommen wird und unseren Tod anzeigt. Es ist genau dasselbe. Wenn wir versuchen, Tantra-Praktiken zu üben, ist es wichtig, in der Meditation oder zur Zeit des Todes in der Weise auf die Natur des klaren Lichtes konzentriert zu bleiben, dass es eine Bodhicitta-Praktik ist. Es wird mit der Absicht getan, in diesem Geist zu verweilen und ihn zu realisieren, damit wir anderen helfen können.

Alles „sofort zu beseitigen“ bezieht sich hier, im Augenblick des Todes, auf unsere Tendenzen, sehr an unserem Körper zu hängen. Es wird gelehrt, dass wir sterben sollten wie ein Vogel, der sich von einem Fels abstößt um fortzufliegen, ohne zurückzuschauen. Dann versuchen wir voller Abscheu unseren vergangenen negativen Geisteshaltungen und Handlungen gegenüber die Gelübde und die Selbst-Initiationen neu zu nehmen bevor wir sterben. Das ist nicht so schwierig: wenn uns noch ein bisschen Bewusstsein bleibt können wir zumindest unsere Bodhisattva-Gelübde neu bekräftigen.

Als letztes kommt das Gebet. Es handelt sich hier um ein sehr schwieriges Gebet, da man darum betet, in einem Höllenreich wiedergeboren zu werden, um das Leiden aller andere auf uns zu nehmen und nicht vom Bodhicitta getrennt zu werden. Wie um alles in der Welt können wir dies ehrlich wünschen? Es ist genau wie wenn wir die Dharma-Beschützer darum bitten, uns die Situationen zu schicken, die es uns erlauben, unsere negativen Potentiale zu verbrennen; ebenso wünschen wir uns auch hier, unser negatives Potential abzufackeln und es ein für allemal hinter uns zu bringen. Wir sollten die Überzeugung erlangen, dass wenn wir die Potentiale dazu haben, als Höllenwesen oder Tier wiedergeboren zu werden, es besser wäre, dies schnell hinter uns zu bringen, damit wir mit Bodhicitta auf dem Pfad zur Erleuchtung fortschreiten können.

Aber dies ist sehr wichtig: was ist der Wunsch, in die Hölle zu gehen? Wir haben diesen Wunsch nicht, weil wir uns als schlechte Menschen sehen. Der Wunsch, in einer der Höllen wiedergeboren zu werden ist durch den Wunsch motiviert, den anderen so sehr wie möglich zu helfen. Um das zu tun müssen wir uns von diesen karmischen Hindernissen befreien, und daher müssen wir diese hinter uns bringen. Statt vor einer Wiedergeburt in schwierigen Situationen Angst und Abscheu zu haben sollten wir diese willkommen heißen, da sie den Vorteil haben, dass sie diese negativen Potentiale verbrennen.

Wir können auch die Bestrebung hegen: „Möge dies ausreichen damit niemand mehr in einer Hölle wiedergeboren werden muss.” Wir denken also nicht nur an uns selbst. Und wie ich zuvor im Zusammenhang mit den Dharma-Beschützern erklärt habe, wird das negative Potential aufgrund der positiven Motivation als etwas viel Geringeres zur Reifung kommen. Es wird gesagt, dass mit einer starken Bodhicitta-Motivation die Wiedergeburt in einer Hölle wie ein Ball ist, der dort nur kurz aufprallt. Wir prallen nur einige Momente in ein Höllenreich und federn dann wieder heraus. Das verbrennt das negative Potential. Natürlich funktioniert dies nur, wenn unsere Motivation ehrlich ist: „Ich möchte mich wirklich von diesen Hindernissen befreien, damit ich den anderen mehr helfen kann.“ Wenn unsere Motivation dagegen die ist, nicht lange in einer Hölle zu bleiben, da wir vor dem Leiden Angst haben, dann funktioniert es natürlich nicht.

Einige assoziieren die Vorstellung von Höllen mit nichtbuddhistischen Religionen, und da sie Schwierigkeiten mit diesen Religionen haben, wollen sie im Buddhismus nichts von Höllen hören. Das ist kurzsichtig. Eine Art, die Höllen zu verstehen ist sich zu vergegenwärtigen, wie jedes unserer menschlichen Sinnesorgane nur ein beschränktes Spektrum der Gesamtheit an Informationen seines Sinnesfeldes wahrnehmen kann. Wir können beispielsweise nur sichtbares Licht sehen, und kein Ultraviolett- oder Infrarotlicht. Wir können weder so viele Geräusche hören noch Gerüche so fein aufspüren wie es ein Hund kann. In einer ähnlichen Weise muss es Ebenen des Glücks und des Leidens geben, die jenseits der Schwelle liegen, bis zu der unsere Körpersensoren physischer Reize verarbeiten können. Jenseits einer bestimmten Schmerzschwelle übernimmt beispielsweise ein automatischer Mechanismus die Kontrolle und wir werden bewusstlos. Eine Wiedergeburt in einer Hölle währe dann eine Wiedergeburt in einem Körper, der die sensorische Fähigkeit dazu hat, bei vollem Bewusstsein die extremste Intensität des Schmerzspektrums zu erleben. Mir zumindest erscheint so etwas durchaus als möglich.

Wenn wir allerdings Angst vor einer Wiedergeburt in einer Hölle haben, dann sollten wir diese Übung allerdings auf keinen Fall machen. In den Lehren Buddhas wir dies äußerst klar gesagt: er sagte, dass ein Bodhisattva auf den unteren Stufen nicht versuchen sollte, die Praktiken eines Bodhisattvas auf einer höheren Stufe zu üben. Der Fuchs kann nicht so weit springen wie der Löwe. Es handelt sich hier um sehr schwierige und fortgeschrittene Praktiken. Doch von diesen fünf Kräften können wir sicherlich versuchen, uns während wir sterben auf das Bodhicitta zu konzentrieren und unsere Dinge zu verschenken, damit wir nicht soviel Anhaftung haben. Wir brauchen nicht zu sterben und ein totales Chaos hinterlassen. Räumen Sie alles auf. Sterben Sie ohne etwas bereuen zu müssen, ohne etwas unvollendet zu lassen.