Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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„Ein Juwelenkranz des Bodhisattvas“

(tib. Byang-chub sems-dpa'i nor-bu'i phreng-ba, Skt. Bodhisattva-mani-avali)
von Atisha (Dipamkara Shrijnana)
Übersetzung ins Englische: Alexander Berzin, 2004
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Ich verbeuge mich vor dem Großen Mitgefühl.
Ich verbeuge mich vor den Höchsten Lehrern.
Ich verbeuge mich vor den Buddhaformen,
   vor all jenen, die des Vertrauens würdig sind.

(1) Ich will all meinen unentschlossenen Wankelmut aufgeben
Und es schätzen (lernen) von ganzem Herzen
   mit Ernsthaftigkeit zu praktizieren.
Daher werde ich mich vollständig von Schläfrigkeit,
   Dumpfheit und Faulheit befreien,
Und mich stets mit freudiger Tatkraft bemühen.

(2) Ich will die Pforten meiner Sinne zu jeder Zeit
Mit Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und Sorgsamkeit hüten.
Daher werde ich wiederholt den Fluss meines Geistes prüfen,
Und zwar dreimal jeden Tag und dreimal pro Nacht.

(3) Ich will meine Fehler offen darlegen
Und es vermeiden, bei anderen Fehler zu suchen.
Meine eigenen guten Eigenschaften werde ich verborgen halten
Und die guten Eigenschaften der anderen bekannt machen.

(4) Ich will mich stets (vom Begehren)
   nach materiellem Gewinn und Ansehen
Wie auch (vom Begehren) nach Profit und Ruhm befreien.
Daher werde ich nur wenige Wünsche hegen, zufrieden sein,
Und gute Taten, die vollbracht wurden, offen wertschätzen.

(5) Ich will über Liebe und Mitgefühl meditieren
Und meine Bodhichitta-Ausrichtung festigen.
Ich werde mich daher von den
   zehn zerstörerischen Handlungen befreien
Und meinem (Geist) durch den Glauben
   an Tatsachen Festigkeit verleihen.

(6) Ich will Zorn und Stolz überwinden
Und eine Haltung von Bescheidenheit entwickeln.
Daher werde ich unehrliche Lebensweisen überwinden,
Und mein Einkommen durch einen Lebenserwerb bestreiten, der mit dem Dharma im Einklang steht.

(7) Ich will mich aller materieller Bürden entledigen
Und mich mit den Juwelen der Aryas schmücken.
Daher werde ich mich von allen geschäftigen Aktivitäten befreien,
Und in Abgeschiedenheit leben.

(8) Ich will mich unnützer Worte entledigen
Und jederzeit meine Rede zügeln.
Sollte ich einem herausragenden Lehrer
   oder einem gelehrten Meister begegnen,
Werde ich ihm daher in respektvoller Weise meine Dienste anbieten.

(9) Ich werde meine Wahrnehmung erweitern
Und Menschen, die das Auge des Dharma besitzen,
Als auch begrenzte Wesen, die Anfänger sind,
Als meine Lehrer betrachten.

(10) Wann auch immer ich (in ihren Fähigkeiten)
   begrenzte Wesen sehe,
Will ich meine Wahrnehmung erweitern
Und sie als meinen Vater, meine Mutter,
   mein Kind oder Enkelkind betrachten.
Daher werde ich mich von irreführenden Freunden abwenden
Und mich spirituellen Freunden anvertrauen.

(11) Ich will mich von Feindseligkeit
   und unbehaglichen Geisteszuständen befreien
Und glücklich an alle Orte gehen
Daher werde ich mich von allem, dem ich anhafte, befreien
Und ohne Anhaftung leben.

(12) Mit Anhaftung werde ich nicht einmal
   eine glückliche Wiedergeburt erlangen
Sondern in Wirklichkeit meiner Befreiung die Lebenskraft abschneiden
Daher, werde ich, wo auch immer ich
   eine Glück bringende Dharma-Methode erblicke,
Mich stets um ihre (Anwendung) bemühen.

(13) Was auch immer ich zuerst begonnen habe
Eben dieses will ich auch als erstes vollenden.
Alle (Aufgaben) werden auf diese Weise gut vollendet;
Ansonsten würde weder dieses noch jenes (zu einem Ende) gebracht.

(14) Solange ich immer noch fortwährend negativ handele
   und von Freude getrennt bin,
Will ich, immer wenn in mir ein Gefühl von Überlegenheit aufsteigt,
Meinen Stolz bändigen und mich dann
Der richtungweisenden Belehrungen
   meines herausragenden Lehrers erinnern.

(15) Und wenn in mir Gefühle der Entmutigung aufsteigen,
Will ich die herausragenden Aspekte des Geistes preisen
Und über die Leerheit der zwei (Zustände) meditieren.

(16) Wann immer in einer Situation
   ein Objekt der Anhaftung oder Feindseligkeit erscheint,
Will ich es wie eine Illusion oder Projektion betrachten;
Wann immer ich unangenehme Worte höre,
Will ich sie wie ein Echo betrachten;
Und wann immer meinem Körper Schaden zuteil wird,
Will ich dieses als (Ergebnis meines) früheren Karmas betrachten.

(17) Ich will mein Leben verbessern,
   indem ich an einem zurückgezogenen Ort
Jenseits der Begrenzungen (der Städte weile),
Und gleich dem Kadaver eines toten Wildes,
Mich in Abgeschiedenheit verberge und anhaftungslos lebe.

(18) (Dort) will ich immer stabil bei meiner Buddha-Form sein;
Und wann immer in mir ein Gefühl von Faulheit
   oder Erschöpfung entsteht,
Will ich meine eigenen Unzulänglichkeiten aufzählen
Und mich der essentiellen Punkte
   zur Zähmung des Verhaltens erinnern.

(19) Sollte ich jedoch anderen (Menschen) begegnen,
Will ich auf ruhige, freundliche und ernsthafte Weise sprechen,
Mich jeglichen Stirnrunzelns
   oder verschlossenen Gesichtausdruckes entledigen,
Und im Gesicht stets ein Lächeln tragen.

(20) Und wenn ich fortwährend anderen Menschen begegne,
Will ich all meine Knauserigkeit ablegen,
Mich stattdessen am Geben erfreuen,
Und mich selbst von allem Neid befreien.

(21) Um den Geist anderer zu schützen,
Will ich mich aller Streitigkeiten entledigen,
Und stets Geduld üben.

(22) In Freundschaften will ich mich weder kriecherisch
   noch wankelmütig verhalten,
Sondern stets ein treuer und zuverlässiger Freund sein;
Ich werde mich davon befreien, andere zu beleidigen,
Und einen respektvollen Umgang wahren.
Dann, wenn ich anderen richtungweisende Belehrungen gebe
Will ich mitfühlend und hilfsbereit sein.

(23) Ich will den Dharma niemals verleugnen,
Und meine Absichten an jenen ausrichten,
   die ich inbrünstig bewundere;
Ich will mich bemühen, dass ich während meiner Tage und Nächte,
Immer wieder durch die Tore der zehn Dharma-Handlungen gehe.

(24) Ich will all die heilsamen Taten,
   die ich in den drei Zeiten angehäuft habe
Der unvergleichlichen Erleuchtung widmen,
Und meine positive Energie allen Wesen zuteil werden lassen.
Und will ständig das großartige Gebet der Sieben Zweige darbringen.

(25) Indem ich so handle, will ich meine zwei Netzwerke
   von positiver Kraft und tiefem Gewahrsein zur Vollendung bringen,
Und zudem in mir die zwei Verdunklungen erschöpfen.
Ich habe einen menschlichen Körper erlangt –
   dies soll einen Sinn bekommen,
Indem ich die unvergleichliche Erleuchtung erlange.

(26) Das Juwel des Glaubens an Tatsachen,
   das Juwel der ethischen Selbst-Disziplin,
Das Juwel der Großzügigkeit, das Juwel des Zuhörens,
Das Juwel des dafür Sorgetragens,
   wie mein Verhalten anderen erscheint,
   das des ethischen Ehrgefühls
Und das Juwel des unterscheidenden Gewahrseins -
   alles in allem sieben.

(27) Diese heiligen Juwelen
Sind die sieben Juwelen, die sich niemals erschöpfen.
Sie sollten gegenüber menschenähnlichen Wesen nicht erwähnt werden.

(28) Ich will immer wieder meine Sprache prüfen,
Wenn ich inmitten vieler bin,
Und wieder und wieder meine Geisteszustände,
Wenn ich alleine bin.

Anmerkung

Vers 23:

Die zehn Dharma-Handlungen (tib. chos-spyod rnam-bcu) sind: (1) Dharma-Schriften abschreiben (2) den Drei Juwelen Gaben darbringen, (3) Armen und Kranken geben (4) den Belehrungen zuhören, (5) Dharma-Schriften lesen, (6) sich die Essenz der Lehre zu Herzen nehmen, indem man über sie meditiert, (7) die Lehre erläutern, (8) Sutras rezitieren, (9) über die Bedeutung eines Textes nachdenken, und (10) einsgerichtet über die Bedeutung der Lehre meditieren.