Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ein kurzer Kommentar zu den „siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“

(tib. rGyal-sras lag-len so-bdun-ma)
von Togmey-zangpo (tib. Thogs-med bzang-po)

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Übersetzt und gekürzt von Alexander Berzin, 1983
Zweite überarbeitete Ausgabe, März 2006

Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Erster Tag: Einführung

Motivation

Heute haben sich hier zahlreiche Menschen aus verschiedenen Ländern versammelt – sogar aus Tibet. Sie alle sind mit der Dharma-Motivation hierher gekommen, die Lehren zu hören. Was die Entwicklung einer Bodhicitta-Absicht und so weiter angeht, will ich daher hier in Bodhgaya über „ Die siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“ von Togmey-zangpo und „Die drei Hauptaspekte des Pfades“ von Je Tsongkhapa sprechen. Da wir uns an einem sehr heiligen Ort befinden, wird die positive Kraft, d. h. das Verdienst, das wir hier aufbauen, sehr viel stärker sein als an einem anderen Ort. Doch damit diese positive Kraft effektiv genutzt wird, müssen unsere Motivation und unsere Geisteshaltung sehr weitreichend und umfassend sein. Es ist nicht nur für die Zuhörer unerlässlich, eine solche Geisteshaltung zu kultivieren, sondern auch für den Lama oder Guru, der die Lehren vermittelt.

Der voll erleuchtete Buddha, der Mitfühlende, hat einen Körper mit zweiunddreißig Hauptzeichen und achtzig kleineren Merkmalen. Seine Rede hat sechzig erleuchtende Eigenschaften. Außerdem ist sein Geist frei von allen störenden Emotionen und Geisteshaltungen, sowie frei von allen Schleiern. Daher hat er fortwährend eine nichtkonzeptuelle einfache Wahrnehmung der Leerheit. Und gleichzeitig erkennt er alle Phänomene genau so, wie sie sind. Ein solcher mitfühlender, voll erleuchteter Buddha manifestierte hier in Bodhgaya vor 2.500 Jahren seine Erleuchtung. Wir befinden uns jetzt alle genau an diesem Ort.

Die heutigen Zeiten sind sehr schwierig: Es gibt viele Kriege, Hungersnöte, Katastrophen und so weiter. Trotzdem sind wir dank der positiven Kraft, die wir in der Vergangenheit aufgebaut haben, in einer solchen Zeit und an einem solchen Ort wiedergeboren worden. Und obwohl die Zeiten sehr hart sind, haben wir die kostbare Gelegenheit gefunden, den Lehren und den Gurus zu begegnen. Deshalb müssen wir nach besten Kräften versuchen, das, was wir hören, in die Praxis umzusetzen.

Bloßes Beten, das mit der Einstellung verbunden ist, dass man etwas bekommen möchte, kann allerdings nicht als Dharma betrachtet werden. Der Dharma ist vielmehr etwas, dass wir selbst, persönlich, in die Tat umsetzen müssen. Wir schlagen die sichere Richtung (Zuflucht nehmen) nicht bloß ein, indem wir ein paar Worte rezitieren, sondern indem wir die Worte, die wir aussprechen, in unserem Leben implementieren. Wir sollten daher versuchen, uns mit scharfsinnigem Interesse mit den Lehren auseinanderzusetzen und uns voll einzubringen, die Lehren zu studieren und sie gleichzeitig zu praktizieren. Als erstes muss man aber wissen, wie man dies bewerkstelligt.

Der Dharma hat die Eigenschaft, dass wir umso glücklicher werden, je mehr wir uns auf den Dharma einlassen. Dies geschieht als Ergebnis unseres Netzwerkes positiver Kraft (Ansammlung von Verdienst), das aus den verschiedenen konstruktiven Handlungen, die wir ausführen, entsteht. Gerade aus diesem Grund reicht es nicht aus, wenn wir uns durch ein bloßes Lippenbekenntnis zu Anhängern des Buddha erklären. Wir müssen vielmehr durch unser praktisches Handeln dem Buddha folgen und dies wird dann unser Glück vermehren. Während wir also hier in Bodhgaya sind und so die Gelegenheit haben, dem Dharma zu begegnen – besonders den Mahayana-Lehren, sollten wir versuchen, soviel positive Kraft wie nur möglich aufzubauen. Das wichtigste hierbei ist, dass wir eine korrekte Motivation ins uns entstehen lassen. Wenn wir eine umfassende, sehr positive Motivation haben, dann können wir daraus großen Nutzen ziehen. Wenn wir allerdings ohne eine solche Motivation üben, dann wird dies nicht so effektiv sein, sondern immer ungenügend bleiben.

Beim Lama muss es ebenso sein. Er darf die Unterweisungen nicht aus Stolz geben, oder um Ruhm und Anerkennung zu erhalten, oder aus Eifersucht und einem Wunsch, mit anderen in Konkurrenz zu treten. Seine einzige Motivation sollte vielmehr sein, den anderen so sehr er nur kann zu helfen, d. h. alle, die sich hier befinden und alle anderen Lebewesen zu respektieren, ohne auf irgendjemanden von oben herabzuschauen. Die Zuhörer sollten ebenfalls das Arrogantsein vermeiden und sollten aufmerksam und mit Respekt zuhören, um die wertvollen Lehren des Buddhas zu erhalten. Wenn sowohl der Lehrer als auch die Schüler sich so in einer korrekten und sorgsamen Weise verhalten, dann wird dies äußerst nutzbringend sein, und wir können alle sehr viel positive Kraft aufbauen.

Ganz gleich, welche störenden Emotionen und Geisteshaltungen wir haben, wir müssen die jeweils notwendigen Gegenmittel anwenden und uns nicht entmutigen lassen. Wenn wir dies tun, werden wir nach und nach dazu in der Lage sein, unsere Schwierigkeiten zu überwinden und uns eines Tages endgültig von ihnen zu befreien. Wir werden feststellen, dass wir uns schrittweise jedes Jahr ein bisschen mehr vervollkommnen. Da der Geist von Natur aus nicht durch störenden Emotionen und Geisteshaltungen befleckt ist, können wir damit erfolgreich sein, wenn wir unseren Geist darauf ausrichten, dass er sich selbst reinigt. Das Leiden, das wir erleben, ist das Ergebnis davon, dass unser Geist nicht diszipliniert oder gezähmt ist. Deshalb müssen wir unseren Geist zähmen, um Abhilfe zu schaffen. Doch die Ergebnisse der Zähmung werden sich nicht sofort einstellen.

Wenn wir zum Beispiel versuchen, eine sehr wilde und undisziplinierte Person dazu zu erziehen, friedlicher und kultivierter zu werden, so können wir hierbei nur langsam und schrittweise gelingen, über einen Zeitraum von vielen, vielen Jahren. Dasselbe gilt für unseren Geist. Obwohl wir Fehler haben, können wir uns selbst allmählich verbessern. Wir können ein ähnliches Phänomen bei Kindern beobachten. Am Anfang wissen sie überhaupt gar nichts und sind vollkommen ungebildet. Doch sie durchlaufen die verschiedenen Schulklassen, die erste Klasse, die zweite, und so weiter, und durch diesen graduellen Prozess lernen sie dazu und werden gebildet. Dasselbe gilt auch beim Hausbau: Wir bauen schrittweise eine Etage nach der anderen. Wir tun dies, ohne uns darüber Sorgen zu machen, wie lange es dauern wird und schreiten einfach geradeaus durch die verschiedenen Stadien voran bis wir die Aufgabe fertig gestellt haben. Dieselbe Einstellung müssen wir auch entwickeln, wenn wir uns mit unserem Geist befassen.

Wir müssen versuchen, unsere Motivation so gut es geht auszurichten, und zwar auf der Ebene, auf der wir uns gerade befinden. Langsam werden wir auch in diesem Fall dazu in der Lage sein, unsere Motivation stufenweise zu verbessern, wie es im „Lamrim“, dem „Stufenpfad“, beschrieben wird. Die meisten von Ihnen kennen all dies bereits, doch für neu Dazugekommen werde ich einige der Hauptpunkte kurz erklären.

Den Geist zähmen

Dharma zu praktizieren bedeutet nicht, dass man einfach seine Kleider, seinen sozialen Status oder seinen Vermögensstand verändert. Es bedeutet vielmehr, dass wir unsere innere Einstellung verändern und unseren Geist zähmen. Egal wer wir sind: Niemand kann als ein Dharma-Mensch angesehen werden, wenn sein Geist nicht gezähmt ist – das gilt auch für mich, den Dalai Lama. Wir können nie anhand der Kleider, die jemand trägt, sagen, dass er oder sie einen solchen Geist hat, sondern nur aufgrund der tatsächlichen geistigen und emotionalen Verfassung dieser Person. Der wichtigste, entscheidenste Punkt ist daher, dass wir unseren Geist zähmen.

Sie alle hier sollten sich selbst untersuchen. Jeder von uns wünscht sich, glücklich zu sein und niemand wünscht sich, zu leiden. Keiner von uns würde sich nicht wünschen, seine Kopfschmerzen loszuwerden, wenn er welche hat. Nicht wahr? Dies gilt sowohl für körperliche Schmerzen als auch für geistige Leiden. Doch um das unerwünschte Leiden zu beseitigen und das erwünschte Glück zu erlangen, muss man zahlreiche Stadien durchlaufen. Es ist nicht etwas, das sofort geschieht. Sogar wenn wir einem Tier helfen oder es zähmen wollen, um ihm etwas Gutes zu tun, müssen wir dies in mehreren Stadien tun, die diesem speziellen Tier angepasst sind. Wir versuchen zum Beispiel, es zu füttern; wir achten darauf, dass wir es nicht erschrecken oder schlecht behandeln und so weiter. Dasselbe gilt in Bezug auf unser Verhalten uns selbst gegenüber: Wir müssen uns selbst schrittweise helfen.

Als erstes versuchen wir zu überlegen, wie wir uns in diesem oder im nächsten Jahr selbst von Nutzen sein können. Dann können wir unseren Handlungsspielraum schließlich erweitern und uns Gedanken darüber machen, wie wir uns selbst in den nächsten zwanzig Jahren am besten von Nutzen sein können. Schließlich können wir daran denken, wie wir es bewerkstelligen können, dass wir auch im nächsten Leben wieder eine menschliche Wiedergeburt erlangen, um so auf lange Sicht, Glück zu erfahren und Leiden zu vermeiden. Indem wir diese Stufen durchlaufen, machen wir Fortschritte. Daher ist es äußerst wichtig, jetzt wo, wir Menschen sind, auch an die Zukunft zu denken – und zwar nicht nur auf einer zeitweiligen, oberflächlichen Ebene, sondern vielmehr indem wir versuchen, das letztendliche Glück zu erlangen.

Gewöhnlicherweise versuchen wir dadurch Glück zu finden, dass wir danach streben, unseren Körper mit Nahrung, Kleidung, einer Behausung und so weiter zu versorgen. Doch das Menschsein erschöpft sich nicht bloß in diesen Dingen. Selbst wenn wir reich sind, können wir feststellen, dass auch reiche Menschen noch immer sehr viel geistiges Leiden verspüren. Wir können dies im Westen sehr deutlich sehen. Es gibt viele Menschen, die zwar viel Geld und viele körperliche Annehmlichkeiten besitzen und trotzdem zahlreiche psychische Probleme haben, wie Depressionen, einen unklaren Geist, und die zahlreiche Phasen durchlaufen, in denen ihnen miserabel zumute ist. Tatsächlich begegnet man im Westen zahlreichen Menschen, die Drogen und Medikamente nehmen, um zu versuchen, diesen Zustand zu lindern. Dies beweist Folgendes: Obwohl sie über materiellen Komfort und Reichtum verfügen, sehnen sie, zusätzlich zu den körperlichen Freuden, die sie erfahren, auch und am allermeisten nach geistigem Glück. Und das zeigt auch, dass Reichtum alleine ihnen nicht sowohl körperliche Annehmlichkeiten als auch geistiges Glück verschaffen kann. Auch wenn wir sehr gesund und stark sind, ist es nicht ausreichend, über materiellen Komfort und Reichtum zu verfügen, wenn wir psychisch leiden. Wir brauchen daher sowohl das geistige als auch das körperliche Glück. Hierbei ist unser Geist wichtiger als unser Körper, da er uns beherrscht. Daher muss der Akzent darauf liegen, dass wir in unserem eigenen Geist Glück hervorbringen.

Geistiges Glück schaffen.

Doch was lässt dieses geistige Glück entstehen? Es sind unsere Gedanken. Wenn wir unseren Geist nicht dafür benutzen, um zu denken, dann werden wir nicht dazu in der Lage sein, uns selbst glücklich zu machen. Es funktioniert in beide Richtungen. Nehmen wir ein Beispiel. Gleichgültig, welche störenden Emotionen am stärksten in uns vertreten sind – seien dies Emotionen wie Wut, Begierde, Stolz, Eifersucht oder welche Emotionen auch immer – , es gilt, dass wir umso mehr leiden werden, je mehr wir zulassen, dass diese störenden Emotionen unser Denken beherrschen, und je mehr wir in unserem Handeln von diesen störenden Emotionen angetrieben werden. Wenn die Wut beispielsweise unsere stärkste störende Emotion ist, dann werden wir umso unglücklicher, desto wütender wir werden.

Wenn wir beispielsweise aufgrund der Lage in Tibet bitter und wütend sind, sind wir dann glücklich oder unglücklich? Wir sind dann unglücklich; das ist ganz eindeutig. Um hierzu eine Gegenkraft in uns entstehen zu lassen, müssen wir über Liebe und Mitgefühl nachdenken. Hierdurch widersetzen wir uns unserer Wut und lassen Frieden in unserem Geist entstehen. Ein gutes Herz und liebevolle Gedanken machen uns glücklich. Wir alle wünschen uns dieses Glück ebenso, wie wir uns wünschen, unsere Leiden loszuwerden. Wir müssen versuchen zu erkennen, dass die Wurzel all dieser Dinge unser eigener Geist ist.

Kurz gesagt: Umso stärker unsere Anhaftung und unsere Abneigung sind, desto stärker wird unser Leiden sein. Je schwächer sie sind, desto glücklicher werden wir sein. Wir müssen also darüber nachdenken, was wir eliminieren müssen, wovon wir unseren Geist befreien müssen. Was geschieht beispielsweise wenn wir eifersüchtig sind? Wir alle müssen letztendlich sterben, daher werden wir nie dazu in der Lage sein, das Objekt unserer Eifersucht für uns zu behalten. Da es uns nie gelingen wird, unsere eifersüchtigen Wünsche vollkommen zu befriedigen, werden wir nie glücklich sein, solange wir eifersüchtig sind. Dasselbe gilt für den Stolz. Niemand kann für immer dieselben Bedingung haben: Wir können nicht ewig jung und jugendlich bleiben. Worauf auch immer wir stolz sind: Letztendlich werden wir es verlieren. Daher ist auch der Stolz ein sehr unglücklicher Geisteszustand. Wenn wir etwa in einem Restaurant sitzen und neidisch auf die leckere Mahlzeit sind, die jemand anderes gerade verspeist, was bringt uns eine solche Emotion? Der Neid erzeugt in uns bloß Unzufriedenheit. Unseren Magen wird es sicher nicht füllen, wenn wir neidisch sind!

Nehmen wir Tibeter uns selbst einmal als Beispiel: Wenn wir wütend oder neidisch auf die Chinesen sind, sind wir dann glücklich? Erfahren wir dann einen glücklichen Geisteszustand? Mit Sicherheit nicht. Denken Sie an jemanden, der sein Leben hauptsächlich damit verbringt, seine Begierden und seine Abneigungen auszuleben. Ein solcher Mensch kann womöglich sehr mächtig und sehr berühmt werden; möglicherweise geht er sogar in die Geschichte ein. Doch was hat er erreicht? Er hat bloß ereicht, dass sein Name in die Geschichte eingegangen ist. Er ist nicht glücklich geworden; er ist tot. Wenn wir also unser gesamtes Leben damit verbringen, dass wir unsere störenden Emotionen ausleben, dann wird uns dies nicht glücklich machen, egal wie reich oder mächtig wir werden.

Wir können diese Dinge noch klarer verstehen, wenn wir ein weiteres Beispiel nehmen und an unsere Situation hier in Bodhgaya in diesen Tagen denken. Obwohl der Dalai Lama hier ist und wir uns an einem so heiligen Ort befinden – es reicht, dass Sie wütend auf einen Bettler werden, oder dass Sie sich über die schwierigen äußeren Umstände ärgern; und dann?... Sind Sie in dem Augenblick, in dem Sie sich ärgern, glücklich? Und wenn Ihre störenden Emotionen andererseits schwächer sind und Sie hier etwas Konstruktives tun, sind Sie dann glücklich? Denken Sie bitte darüber nach.

Ihr Geisteszustand beeinflusst sogar Ihre Nachbarn, Ihre Freunde und Ihre Kinder. Betrachten Sie zum Beispiel eine Familiensituation. Wenn Sie sehr wütend werden und die Beziehung zu Ihren Kindern nicht mehr funktioniert; Sie schlagen dann vielleicht Ihre Kinder, die Kinder weinen dann – so ein Verhalten macht alle unglücklich, nicht wahr? Aber wenn Sie nicht wütend werden, wenn Sie sehr entspannt sind, dann lassen Sie die Kinder einfach spielen und alle sind sehr glücklich und friedlich. Dasselbe gilt auch für ein Land: Wenn ein großer Teil der Bevölkerung Gelassenheit und Toleranz praktiziert, dann haben alle Anteil an dem Glück dieses Landes. Dies gilt für individuelle Menschen, für Familien und für Länder. Je mehr störende Emotionen es gibt, desto mehr Unzufriedenheit und Leiden gibt es; und andersherum: Je weniger störende Emotionen es gibt, desto größer das Glück.

Ich selbst denke ziemlich oft über die Nachteile der störenden Emotionen und Geisteshaltungen nach. Ich denke an all die schlechten Dinge, die sie mir einbringen, und ich denke an die Vorteile, die es bringt, keine störenden Emotionen und Geisteshaltungen zu haben. Dies hilft mir sehr dabei, den Schwerpunkt meines Lebens darauf zu legen, meine störenden Emotionen zu verringern. Als eine Art Bonus stellt man dann fest, dass man zudem besser in der Lage ist, das Leben zu genießen: Das Essen schmeckt dann besser und alles funktioniert reibungslos. Wenn unser Geist dagegen voller störender Emotionen ist, dann werden uns selbst Meditationen, Rezitationen und anderes, überhaupt keine Freude bereiten. Daher sollten wir immer versuchen daran zu denken, wie nachteilhaft die störenden Emotionen sind.

Zusammenfassend gesagt: Wenn wir unseren Geist zähmen und keine störenden Emotionen oder Geisteshaltungen mehr haben, dann werden wir sehr glücklich sein. Wenn wir unseren Geist zähmen, so ist das beste Resultat, das wir erzielen können, wenn unsere störende Emotionen und Geisteshaltungen überhaupt nicht mehr entstehen. Doch auch wenn der Ärger in uns aufwallt, so wäre das nächstbeste Resultat, wenn wir den Ärger nicht mehr in Handlungen umsetzen, d. h. den Ärger nicht mehr ausleben So wäre es beispielsweise am besten, wenn wir überhaupt nicht mehr wütend werden. Wenn unser Temperament dann aber doch auflodert, dann stellen wir fest, dass wir unseren Geist gezähmt haben und dass wir nicht mehr dazu gebracht werden können, aufgrund der störenden Emotion zu handeln. Wir werden jemanden beispielsweise nicht ins Gesicht schlagen, noch ihn beschimpfen, noch sonst irgendwelche derlei rohen Reaktionen zeigen.

So stellen wir allmählich in einem graduellen Prozess fest, dass die Gegenkräfte in uns stärker und stärker werden, während unser Geist gezähmter und zahmer wird und wir hierdurch glücklicher werden. Als Anfänger sollten wir daher versuchen, unsere störenden Emotionen wie die Wut, die Anhaftung und so weiter nie entstehen zu lassen. Doch selbst wenn sie entstehen, müssen wir versuchen, nicht auf Grundlage dieser Emotionen heraus zu handeln. Verstehen Sie, was ich meine? Wenn wir unseren Geist zähmen, dann ist dies Dharmapraxis, tun wir es nicht, dann ist es keine Dharmapraxis. Wenn wir die störenden Emotionen vollends beseitigen, dann erreichen wir einen Zustand wahrer Beendigung, bzw. einen Zustand des Friedens. Und dies ist dann tatsächlich der wirkliche Dharma.

Die Vier Edlen Wahrheiten

Es gibt Vier Edle Wahrheiten: Wahre Leiden, ihre wahren Ursachen, ihre wahren Beendigungen und wahre Pfade. Was die wahren Leiden angeht, können wir an die verschiedene Arten von Leiden denken: An den Tod, an Krankheit, an das Alter und so weiter. Der Buddha sagte, es sei sehr wichtig, sich des Leidens bewusst zu sein. Was ist die Wurzel des Leidens? Die Wurzel ist ein ungezähmter Geist. Genauer genommen sind es die störenden Emotionen und Geisteshaltungen. Deshalb sagt man, dass die störenden Emotionen und Geisteshaltungen ebenso wie die karmischen Impulse, die aus der Kraft dieser störenden Emotionen entstehen, die wahren Ursachen oder die wahren Ursprünge des Leidens sind. Daher sind die störenden Emotionen und das Karma die wahren Ursachen des Leidens. Da wir alle am liebsten keinerlei Leiden erfahren möchten und wir die Leiden am liebsten beseitigen möchten, müssen wir erkennen, dass die Ursache dieses ganzen Leidens bloß darin liegt, dass wir einen ungezähmten Geist haben.

Da wir eine wahre Beendigung dieses Leidens erreichen wollen, so dass es nie wiederkehrt, müssen wir unsere störenden Emotionen und Geisteshaltungen dazu bringen, sich im Dharmadhatu, in der Sphäre der Leerheit, aufzulösen. Dies ist als das Nirvana einer wahren Beendigung bekannt.

Der Prozess, in dem wir uns von den störenden Emotionen und Geisteshaltungen befreien oder die Ursachen setzen, damit sie für immer enden, hat zahlreiche Stadien. Er beinhaltet das, was als die wahren Pfade der Aryas oder der Edlen bezeichnet wird. Genauer gesagt: Da wir während des Prozess, mithilfe dessen wir die verschiedenen störende Emotionen und Geisteshaltungen beseitigen, auch daran arbeiten, immer mehr Qualitäten zu entwickeln, wird die Beseitigung der Fehler und der störenden Emotionen auf der einen Seite und das Erlangen guter Qualitäten auf der anderen auch als „ wahre Pfade“ bezeichnet.

Kurz gesagt gibt es wahres Leiden; dieses wahre Leiden hat eine wahre Ursache; wir wünschen uns, dass das wahre Leiden wahrhaft beendet wird; und um dies zu verwirklichen, müssen wir einem wahren Pfad folgen. Das hieraus resultierende Ergebnis ist dann eine endgültige Beendigung, d. h. ein Zustand des Friedens oder des Nirvana, „ein Zustand jenseits des Leidens“, der uns anhaltendes Glück bringt. Ein solcher Zustand des Friedens ist das, was der Buddha uns hier in Bodhgaya durch sein eigenes Vorbild vorgelebt hat, woraufhin er dann die Vier Edlen Wahrheiten lehrte. Die ersten zwei davon, die wahren Leiden und ihre wahren Ursachen, stellen die verblendete oder unreine Seite dar. Die zwei letzten Wahrheiten, die wahren Beendigungen und die wahren Pfade, stellen die befreite oder reine Seite dar.

Wir können also erkennen, dass es sich bei der Motivation für die Dharmapraxis um etwas anderes handelt, als wenn ein Kind seinen Eltern zuhören würde und dann tut, was die Eltern ihm gesagt haben, bloß weil dem Kind gesagt wurde, dies zu tun. Wenn wir den Dharma praktizieren, dürfen wir das nicht einfach aus bloßem Gehorsam für die Worte unserer Eltern tun, wie ein gehorsames Kind es tut. Vielmehr bemühen wir uns in der Dharmapraxis, weil wir unsere eigenen Leiden beseitigen wollen und wir aus diesem Grund den Anweisungen folgen, die ein Lehrer uns gegeben hat, damit wir unseren eigenen Geist zähmen können. Verstehen Sie das?

Die Drei Höchsten Juwelen

Bei der Beseitigung des Leidens spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle. So gibt es beispielsweise die Leiden des Hungers, der Kälte und so weiter, und wenn wir diese Leiden jeweils beseitigen wollen, müssen wir uns auf verschiedene Methoden oder Umgehensweisen stützen. So können wir dank der Arbeit der Bauern, Händler verhindern dass wir hungern oder frieren. Was das Leiden der Krankheit angeht, wenden wir uns den Ärzten und der Medizin zu. Doch dies sind nur zeitweilige Hilfen und keine endgültigen Mittel. Wenn wir krank sind, können wir Medizin einnehmen, die uns wieder zu Kräften bringt, doch eine solche Medizin wird Alter und Tod nicht verhindern. Kurz gesagt, können wir die endgültige Befreiung der Leiden vom Geburt, Krankheit, Alter und Tod nicht durch gewöhnliche Mittel erreichen, auch wenn einige Methoden uns eine zeitwillige Linderung verschaffen können.

Viele Religionen, wie beispielsweise einige hinduistische Schulen, das Christentum, das Judentum, der Islam und so weiter, glauben an die Existenz eines Gottes, welcher der Schöpfer von Glück und Leid ist. Wenn wir zu Gott beten, wird er uns das Glück gewähren. Doch das ist nicht die Weise, wie Buddha die Dinge erläutert hat. Der Buddha hat gesagt, dass unser Leiden und unser Glück nicht in Gottes Hand liegen, sondern, dass allein wir selbst für das Glück und Leid, das wir erleben, verantwortlich sind.

Anders als die Religionen, die bloß an ein Juwel der Zuflucht glauben, nämlich an Gott, akzeptieren wir drei höchste Juwelen. Der Buddha ist derjenige, der uns den Pfad in Bezug darauf weist, was angenommen und was aufgegeben werden muss. Daher ist der Buddha für uns wie ein Lehrer, und nicht wie ein Schöpfergott. Unser Karma, unser eigenes Verhalten, das ist es, was unser Glück hervorbringt und unser Leiden schafft. Glück entsteht aufgrund von positiven oder konstruktiven Handlungen. Daher müssen wir, sosehr wir können, in dieser Weise handeln. Da Unzufriedenheit und Leiden andererseits aus negativen oder destruktiven Handlungen entstehen, müssen wir versuchen, diese Handlungen so gut wie möglich zu vermeiden.

Was der Buddha lehrte, war also der Pfad von Ursache und Wirkung. Unser Schicksal liegt in unserer eigenen Hand, nicht in der Hand Gottes und ebenso wenig in der Hand Buddhas. Die eigentliche Zuflucht, die eigentliche sichere Richtung, ist also der Dharma, und dieser wiederum ist etwas, das wir in unserem eigenen geistigen Kontinuum entwickeln müssen. Mit anderen Worten: Wenn wir die störenden Emotionen und so weiter aus unserem Geist beseitigen, werden wir damit auch unser Leid beseitigen und dadurch Glück erlangen.

Um dieses Dharma-Juwel in unserem geistigen Kontinuum zu entwickeln, brauchen wir außerdem Helfer, die uns als ein Vorbild dienen und uns in diesem Prozess unterstützen. Solche Menschen werden als das Sangha-Juwel bezeichnet.

Kurz gesagt zeigt uns der Buddha also die sichere Richtung, die wir in unserem Leben einschlagen können; der Dharma ist die tatsächlich sichere Richtung und die Gemeinschaft des Sangha hilft uns durch ihre Vorbildfunktion. Es gibt nicht einen einzelnen Gott oder ein einzelnes Juwel der Zuflucht, das uns Glück schenken wird und unser Leiden beenden wird.

Der Buddhismus basiert auf Vernunft und Praxis

In den westlichen Sprachen wird der tibetische Begriff für den Dharma oft mit „Religion“ übersetzt. Dieses Wort, Religion, hat die Konnotation eines Systems, in dem die Existenz eines Schöpfergottes angenommen wird. Deshalb wird im Allgemeinen gesagt, dass der Buddhismus keine wahre Religion sei, da er atheistisch sei. Die Chinesen allerdings sagen von sich, dass sie selbst atheistisch seien, wohingegen die Buddhisten religiös seien und dass der Buddhismus eine Religion sei. Doch tatsächlich sind wir nach der obigen Definition ebenfalls Atheisten.

Außerdem akzeptieren wir die Worte des Buddha nicht mit blindem Glauben, sondern nur, nachdem wir sie sorgfältig geprüft haben. Wenn sie uns vernünftig erscheinen, dann akzeptieren wir sie, und wenn sie es nicht sind, dann akzeptieren wir sie auch nicht. Wir haben beispielsweise zahlreiche logische Beweise für die Existenz von Phänomenen wie die Wiedergeburt. Doch wir können das Konzept der Wiedergeburt nur akzeptieren, nachdem wir die Angelegenheit selbst überprüft haben. Wenn etwas den Test der Logik besteht, dann ist es annehmbar. Wenn es dagegen nur auf blindem Glauben basiert, dann ist dies nie ausreichend. Sagen Sie deshalb nicht einfach „Ich glaube.” Der wichtigste Punkt ist, dass man die Dinge logisch und vernünftig analysiert. Wenn etwas nicht mit der Vernunft und der Realität übereinstimmt, dann akzeptieren Sie das bitte nicht einfach. Wir müssen unseren Glauben stets auf logische Schlussfolgerungen stützen.

Als Buddha in der Vergangenheit gelehrt hat, hat er die vollständigen Lehren vermittelt. Von dem, was er gesagt hat, braucht nichts revidiert werden; es braucht nichts hinzugefügt oder verbessert zu werden. Es geht einfach darum, dass wir praktizieren, was der Buddha gelehrt hat. Was er gelehrt hat, ist nicht besonders kompliziert. Wir können dies anhand des Beispiels der Medizin verstehen. Ärzte untersuchen einzelne Patienten und verschreiben dann jedem einzelnen Patienten eine für ihn geeignete Medizin. Wenn die Behandlung nicht anschlägt, würde nur ein Dummkopf behaupten, dass der Fehler bei den medizinischen Wissenschaften läge. Eine intelligente Person würde feststellen, dass es am Arzt liegt, dass diese Medizin bei ihm nicht gewirkt hat und nicht an der Wissenschaft der Medizin selbst. Ähnlich steht es mit dem Buddhismus. Im Tripitaka, den „ Drei Körben“, einer Sammlung von Texten der direkten Lehren des Buddha, gibt es keine Fehler. Wenn wir den Sachverhalt untersuchen, werden wir feststellen, dass die Verwirrung nicht den Quelltexten entstammt. Wir müssen daher richtig praktizieren, so wie es in diesen verschiedenen Texten dargestellt wird. Haben Sie das verstanden?

Sich der Mahayana-Motivation vergewissern

Die wichtigste Praxis besteht also darin, dass wir den Geist zähmen. Um dies zu bewerkstelligen müssen wir uns die Lehren anhören und um dies wiederum in einer richtigen Weise zu tun, müssen wir eine korrekte Motivation haben. Der Buddha lehrte sowohl den Hinayana wie auch den Mahayana. Der wesentliche Ansatz im Mahayana ist, dass man den anderen Lebewesen hilft. Im Hinayana lieg der Schwerpunkt darauf, dass, wenn wir den anderen nicht helfen können, wir ihnen zumindest nicht schaden sollten. In beiden Formen des Buddhismus liegt also die Betonung darauf, wie man anderen helfen kann und wie man anderen Lebewesen von nutzen sein kann. Hieraus können wir etwas lernen. Wenn wir den anderen helfen können, dann sollten wir dies tun, und wenn wir dies nicht können, dann sollten wir ihnen sicherlich niemals etwas zuleide tun. Es wird nirgendwo gesagt, dass wir auf irgendjemanden wütend werden sollten, oder?

In den Mahayana-Lehren heißt es auch, dass wir versuchen sollten, unsere eigenen selbstsüchtigen Absichten zu ignorieren und stattdessen zum Wohl der großen Anzahl anderer Lebewesen arbeiten sollten. Dies ist die buddhistische Botschaft, nicht wahr? Wir müssen daher ein reines, warmes und gütiges Herz entwickeln. Wir müssen dann versuchen, die Bodhicitta-Ausrichtung zu unserer Motivation zu machen. Unser Bodhicitta – Entschluss besteht darin, dass wir daran arbeiten, die Erleuchtung zu erlangen, um dadurch in der Lage zu sein, allen Wesen helfen zu können. Bitte versuchen Sie nun eine solche Motivation hervorzubringen, während Sie sich nun „Die siebenunddreißig Bodhisattva-Praktiken“ anhören, wie sie hier von dem Bodhisattva Togmey-zangpo verfasst wurden.

Die außergewöhnlichen Eigenschaften des Autors des Textes

Togmey-zangpo lebte zurzeit von Butön Rinpoche, also zwei Generationen vor Tsongkhapa. Er war ein Lama, der seine Ausbildung hauptsächlich innerhalb der Sakya-Tradition erhalten hatte. Von einem frühen Alter an war er dafür berühmt, dass er sich vor allem dafür interessierte, wie er anderen helfen konnte. Als Kind wurde er sogar wütend auf die Menschen, die anderen nicht halfen. Schließlich wurde er Mönch und studierte unter der Obhut verschiedener Lamas und insbesondere bei zwei Meistern. Er übte sowohl den Sutra- als auch den Tantra-Pfad und wurde zu einem sehr gebildeten, verwirklichten Übenden.

Am berühmtesten war er aufgrund seiner Verwirklichung des Bodhicitta, das er hauptsächlich durch die Lehren über das Gleichsetzen und Austauschen seiner Selbst mit anderen erreicht hatte. Wenn wir uns zum Ziel setzen wollen, ein Bodhisattva zu werden, dann ist Togmey-zangpo tatsächlich einer derer, die einem sofort als Beispiel in den Sinn kommen, nicht wahr? Er war einer dieser großartigen Menschen, wirklich ein besonderes Wesen. Beispielweise wurden alle Lebewesen, die seinen Lehren zuhörten, sehr friedlich, still und ruhig.

Da er über diese siebenunddreißig Übungen schrieb, um uns allen zu helfen, sollten wir versuchen, uns immer und immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir sagen von uns selbst, dass wir den Mahayana-Buddhismus praktizieren, doch dies wird nie zu irgendeinem Nutzen führen, wenn wir uns nicht ständig mit den tatsächlichen Praktiken des Mahayana auseinandersetzen. Daher sollten wir versuchen, uns selbst im Licht dieser siebenunddreißig Praktiken zu prüfen, um zu sehen, ob unsere Handlungen tatsächlich mit ihnen übereinstimmen. Innerhalb dieser Praktiken finden wir die Lehren für die Vertreter der drei verschiedenen Grade der Motivation, wie sie im Stufenpfad des Lamrim beschrieben werden.

Der Text

Ich werde nun diesen Text kurz kommentieren. Ich erhielt diese Übertragungslinie von Kunu Lama Rinpoche, Tenzin-gyeltsen, der sie seinerseits in der Provinz Kham vom vorangehenden Dzogchen Rinpoche erhalten hatte. Das sind lediglich ein paar Informationen zur Hintergrundsgeschichte. Diese Abschrift des Textes habe ich übrigens noch aus Lhasa mitnehmen können.

Die Quellen, auf die sich der Text stützt, sind Shantidevas „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (tib. sPyod-‘jug, Skt. Bodhisattvacharya-avatara), Maitreyas „ Filigranwerk von Mahayana-Sutras“ (tib. mDo-sde rgyan, Skt. Mahayanasutra-alamkara) und Nagarjunas „Kostbare Girlande“ (tib. Rin-chen ‘phreng-ba, Skt. Ratnamala).

Der Text gliedert sich in drei Teile:

(1) zu Beginn, der Aufbau positiver Kraft,
(2) die eigentlichen Lehren,
(3) der Abschluss.

Der Aufbau positiver Kraft am Anfang zerfällt in zwei Teile:

(1) die einleitende Begrüßung,
(2) die Versprechung, den Text zu komponieren.

Die einleitende Begrüßung

Der erste Vers stellt den ersten dieser Teile, die einleitende Begrüßung, dar.

Verehrung an Lokeshvara.

Stets verneige ich mich voller Respekt durch meine drei Pforten
Vor den höchsten Gurus und vor meinem Beschützer Avalokiteshvara,
Die erkennen, dass alle Phänomene weder ein Kommen noch ein Gehen haben
Und die sich ausschließlich um das Wohl der wandernden Wesen bemühen.

Die Verneigung richtet sich hier an Avalokiteshvara, der in diesem Zusammenhang Lokeshvara genannt wird. Da das Mitgefühl die Wurzel der Erleuchtung ist und da Avalokiteshvara die Verkörperung des Mitgefühls ist, richtet sich die Verneigung an ihn. Um uns die Samen und die Instinkte einzupflanzen, dass wir zukünftig in der Lage sein werden, mit der Sprache Sanskrit zusammenzutreffen und sie zu erlernen, gibt uns der Autor seinen Namen auf Sanskrit – Lokeshvara. Die Verneigung richtet sich an Avalokiteshvara, der untrennbar von den Gurus ist. Sie wird mit den drei Pforten von Körper, Rede und Geist ausgeführt. Der Grund, weshalb man solche Verneigungen ausführt, ist Wertschätzung für die guten Qualitäten eines solchen Objektes der Verehrung.

Was sind diese guten Qualitäten? Die Wurzel des Mahayana ist die Bodhicitta-Ausrichtung. Dies ist ein Geist, der sich die Erleuchtung zum Ziel nimmt, und der die Erleuchtung erlangen möchte, um allen beschränkten Wesen dienen zu können. Um diese beiden Ziele zu erreichen, müssen wir die sechs weitreichenden Geisteshaltungen, die sechs Vollkommenheiten, praktizieren. Als Ergebnis dieser Praxis werden wir in der Lage sein, Erleuchtung zu erreichen, die sowohl einen körperlichen als auch einen geistigen Aspekt hat, nämlich den Formkörper eines Buddha und einen Dharmakaya – d. h. „ einen Körper tiefen allumfassenden Gewahrseins“. Bei diesem letzteren Körper handelt es sich um den allwissenden Geist eines Buddha. Um diese beiden Aspekte (den körperlichen und den geistigen) zu erlangen, müssen wir die Ursachen aufgebaut haben, die ihrer Kategorie nach den Ergebnissen ähnlich sind. Daher benötigen wir ein Netzwerk positiver Kraft, um die Formkörper eines Buddha zu verwirklichen und ein Netzwerk tiefen Gewahrseins (eine Ansammlung der Weisheit), um den Geist eines Buddha zu erlangen. Die Grundlage hierfür sind die zwei Wahrheiten.

Lokeshvara ist jemand, der erkennt, dass „ alle Phänomene kein Kommen und kein Gehen haben.“ Wenn wir die konventionelle Seite der Dinge betrachten, dann kommen und gehen sie. Wenn wir aber den Aspekt ihrer tiefsten Wahrheit betrachten, dann lässt sich ihr Kommen und Gehen nicht als ein wirklich und inhärent existierendes Kommen und Gehen bezeichnen. Es gibt beispielsweise so etwas wie Ursachen und Wirkungen. Da Ursachen keine inhärente Existenz haben – sie sind leer von inhärenter Existenz – müssen ihre Wirkungen ebenfalls leer von einer solchen unmöglichen Existenzweise sein. Weder Ursachen noch Wirkungen haben eine inhärente Existenz; sie werden als voneinander abhängig logisch begründet. Mit anderen Worten: Die abhängig entstehende Natur aller Phänomene wird logisch als nicht inhärent existent bewiesen.

Wie Nagarjuna gesagt hat, trifft es nicht zu, dass die Dinge tatsächlich kommen, gehen, verweilen und so weiter. So bezieht sich der Satz „ der sieht, dass alle Phänomene kein Kommen und Gehen haben“ auf die Leerheit und auf die Tatsache, dass das Objekt der Verneigung hier jemand ist, der die Leerheit mittels einer einfachen nichtkonzeptuellen Wahrnehmung versteht oder sieht. Da alles in Abhängigkeit entsteht, ist alles leer von wahrer Existenz. Und da alles leer von wahrer Existenz ist, entsteht alles durch einen Prozess von Ursachen und Wirkung.

Wenn störende Emotionen und Geisteshaltungen die Ursache sind, dann entsteht als Ergebnis daraus Leiden. Wenn die Ursache in konstruktiven Handlungen besteht, dann entsteht als Ergebnis daraus Glück. Da das Leiden in Abhängigkeit von störenden Emotionen und destruktiven Handlungen entsteht, und da das Objekt der Verehrung erkennt, dass dies für alle Lebewesen gilt, zielt sein Mitgefühl daher einzig mit der Absicht darauf ab, den Lebewesen den Weg zu zeigen, wie sie ihr Leiden beseitigen können, so dass sie es endgültig loswerden. Daher werden hier sowohl die Seite der Weisheit als auch die Seite der Methode angesprochen, da wir beide zusammen benötigen und von der keine Seite fehlen darf.

Am Begrüßungsvers können wir also diese beiden Seiten erkennen. Lokeshvara sieht, dass alles leer von einer wahren Existenz ist, und, da alles leer von wahrer Existenz ist, erkennt er, dass alle Phänomene aus Ursachen und Wirkungen entstehen. Insbesondere erkennt er, dass das Leiden aller Wesen von ihren störenden Emotionen und Geisteshaltungen herrührt bzw. aus ihnen entsteht. Aus diesem Grund hat er voller Mitgefühl die Absicht gefasst, dieses Leiden zu eliminieren oder es aus dem Weg zu räumen. So werden die beiden Seiten der Methode und der Weisheit hier in Bezug auf Lokeshvara gelobt. Da er alles als leer von wahrer Existenz erkennt, betrachtet er auch alles als Ursache und Wirkung. Deshalb hat er für alle Wesen Mitgefühl und möchte sie aus ihrem Leiden herausführen. Verstehen Sie, was ich meine?

Das Versprechen, den Text zu verfassen

Der nächste Vers beinhaltet das Versprechen, diesen Text zu verfassen:

Die vollkommen erleuchteten Buddhas,
die Quellen des Nutzens und des Glücks,
Sind daraus hervorgegangen,
dass sie den heiligen Dharma verwirklicht haben.
Da dies davon abhängig war,
dass sie die Praktiken kannten,
Werde ich nun die Übungen eines Bodhisattva erläutern.

Der Buddha entwickelte als erstes eine Bodhicitta-Ausrichtung, die darauf abzielt, die Erleuchtung zu erlangen, um allen Lebewesen von Nutzen sein zu können. Er erkannte, dass er hierzu all seine störenden Emotionen und Geisteshaltungen beseitigen musste; und er erkannte auch, dass es dies ist, was jedes Wesen tun muss, um wahres Glück zu erlangen. Daher zähmte er seinen eigenen Geist. Nachdem er die Erleuchtung einmal erreicht hatte, war sein einziges Ziel, allen Wesen zu dienen. Der Buddha lehrte daher die verschiedenen Methoden, mit denen man all dies verwirklichen kann; und wir selbst müssen in derselben Weise üben, wie er es getan hat. Wenn wir üben, wie er es getan hat, werden wir auch dazu in der Lage sein, Glück zu erlangen. Deshalb bezeichnet der Vers die Buddhas als „ die Quellen des Wohls und des Glücks”.

Der Buddha selbst war nicht von Anfang an erleuchtet. Er verließ sich auf seine eigenen Gurus, praktizierte ihre Lehren und zähmte seinen Geist. Durch den Prozess, bei dem er all seine störenden Emotionen und Geisteshaltungen eliminierte, wurde er erleuchtet. Er erreichte seine Verwirklichung aufgrund seiner Praxis und seiner „ Verwirklichung des heiligen Dharma“.

Wir müssen versuchen zu verstehen, in welcher Weise wir sowohl einen Körper wie auch einen Geist haben. Wenn beispielsweise unser Sehbewusstsein etwas sieht, dann sagen wir nicht, dass unser Sehbewusstsein etwas sieht, sondern „Ich sehe etwas“. Wenn unser Körper krank wird, dann sagen wir „ Ich bin krank“. Die Implikation dieser Ausdrucksweisen ist, dass ich entweder ein geistiges Bewusstsein bin oder aber dass ich ein Körper bin. Doch unsere Körper bilden sich erst im Bauch unserer Mütter und sie verfallen wieder, wenn sie ab dem Zeitpunkt unseres Todes verwesen. Daher kann „Ich“ nicht bloß ein Körper sein.

Dann könnte es so sein, dass ich ein Geist bin, der von einem Körper abhängt. Das „Ich“ ist allerdings weder eine Form, noch eine Gestalt, noch eine Farbe. Doch wenn wir von weitem einen Körper sehen, dann sagen wir aufgrund dessen: „Oh, ich sehe meinen Freund“ und darüber freuen wir uns sehr. Wenn wir die Dinge aber näher untersuchen, ist diese Person nicht bloß ihr Körper. Wenn wir zum Beispiel einen Arzt aufsuchen, wird dieser fragen: „Geht es Ihnen körperlich gut?“, doch offensichtlich sind wir nicht nur unsere Körper. In Amerika gibt es in einigen berühmten Krankenhäusern Ärzte, die ihren Patienten sogar Meditation verschreiben, um ihre Gesundheit zu verbessern. Wenn die Ärzte diese Art von nicht-physischer Therapie verschreiben, gibt es offensichtlich eine Beziehung zwischen Körper und Geist.

Doch wie steht es mit der Behauptung, dass „Ich“ sei bloß der Geist? Lassen Sie uns die Natur des Geistes betrachten. Wenn wir etwas wissen, wenn uns etwas klar ist, oder wenn wir uns einer Sache gewahr sind, dann sagen wir „Ich weiß darüber Bescheid“. Doch es ist sehr schwierig, präzise zu identifizieren, was der Geist eigentlich ist. Er wird als „bloße Klarheit und bloßes Gewahrsein“ definiert. Er ist nicht etwas physisches, das eine Farbe oder eine Form hat. Wenn wir an den Geist denken, dann ist er so etwas wie ein klarer, transparenter Himmelsraum, ein sehr leerer Raum, in dem alle Erscheinungen entschwunden sind und in dem sich das Gewahrsein von allen nur denkbaren Phänomenen manifestieren oder zu Tage treten kann, und zwar als bloße Klarheit und bloßes Gewahrsein innerhalb dieses lichten, klaren Raumes.

Der Geist, der im ersten Moment der Empfängnis gleichzeitig mit den Winden, den Tropfen usw. des feinstofflichen Körpers auftaucht, ist etwas, das die Natur bloßer Klarheit und bloßen Gewahrseins hat. Damit ein solches Phänomen auftauchen kann braucht es als unmittelbar vorhergehende Ursache etwas, das dieselbe Natur hat und in derselben Kategorie der Existenz ist, wie es selbst. Daher ist es notwendig, dass es einen Moment der Klarheit und des Gewahrseins gibt, welcher der Empfängnis vorausgeht, damit dieser als Ursache für den ersten Augenblick der Klarheit und des Gewahrseins im Augenblick der Empfängnis dienen kann. Durch eine solche Kette von schlussfolgernden Argumenten stellen wir fest bzw. beweisen wir, dass es vorangehendes Leben gegeben hat. Und wenn es vergangenen Leben gibt, dann gibt es auch zukünftige.

Da diese Klarheit und dieses Gewahrsein, die wir besitzen, etwas ist, das sich kontinuierlich fortsetzt, und das in den zukünftigen Leben weitergehen wird, ist es sehr wichtig, die Verdunklungen oder Schleier zu beseitigen, die die Klarheit und das Gewahrsein überdecken und die uns die verschiedenen störenden Emotionen und Leiden bescheren. Indem wir diese Schleier beseitigen, werden wir in die Lage versetzt, die natürliche Grundlage des Bewusstseins zu erreichen, die einfach die bloße unverschleierte Klarheit und das bloße unverschleierte Gewahrsein ist. Diese Grundlage des Bewusstseins, bestehend aus unverschleierter Klarheit und unverschleiertem Gewahrsein, ist das, was zum allwissenden Geist eines Buddha werden kann, zu einem voll erleuchteten Wesen. Da also die Grundlage unseres eigenen Geistes und des Geistes eines erleuchteten Wesens, bzw. eines allwissenden Geistes, dieselbe ist, können auch wir selbst ohne den geringsten Zweifel einen erleuchteten Geist erlangen. Ein Buddha ist nicht jemand, der von Anfang an erleuchtet war; er hat die Erleuchtung erlangt, indem er verschiedene Ursachen geschaffen hat. Er hat sich von dem befreit oder hat das aufgegeben, wovon man sich befreien muss, und er hat verwirklicht, was man verwirklichen muss. Wenn wir also dasselbe tun, können wir auch dasselbe Ergebnis erreichen.

Deshalb heißt es im Text: „ Die vollkommen erleuchteten Buddhas, die Quellen des Nutzens und des Glücks, sind daraus hervorgegangen, dass sie den heiligen Dharma verwirklicht haben.“ Auf welche Weise können wir dies selbst verwirklichen? Es heißt: „ Da dies davon abhängig war, dass sie die Praktiken kannten…“ Es genügt also nicht, nur etwas über den Dharma zu wissen. Wenn wir einmal wissen, worin die Dharma-Praktiken bestehen, dann ist es notwendig, sie auch zu üben und sie zu verwirklichen.

Ich werde den Text für heute beiseite legen. Haben Sie alles soweit verstanden? Wir müssen so viel üben, wie wir nur können. Worin müssen wir uns üben? In Entsagung, Bodhicitta und Leerheit. Wir müssen uns selbst sehr sorgfältig und ehrlich prüfen, um zu sehen, was unsere Tendenzen und Neigungen sind, und uns dann mittels eines Pfades trainieren, der für uns angebracht ist.