Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Mit Eifersucht umgehen

Alexander Berzin
März 2004
Übersetzung ins Deutsche: Markus Loebel

Störende Gefühle

Wir alle erfahren störende Emotionen (tib. nyon-mongs, Skt. klesha, plagende Emotionen) – Geisteszustände, die, wenn sie sich entwickeln, uns dazu bringen unseren geistigen Frieden zu verlieren und uns hilflos werden lassen, so dass wir unsere Selbstkontrolle verlieren. Herkömmliche Beispiele hierfür sind Geiz, Anhaftung, Feindseligkeit, Ärger und Eifersucht. Sie lassen verschiedene geistige Antriebe (Karma) in Erscheinung treten, üblicherweise sind es solche, die zu zerstörerischem Verhalten führen. Diese Antriebe können zerstörerisch gegenüber anderen sein oder sich auf selbst zerstörerische Weise ausdrücken. Als Ergebnis schaffen wir für andere Probleme und Leiden und unausweichlich auch für uns selbst.

Es gibt viele verschiedene störende Emotionen. Jede Kultur zieht im Geist eine willkürliche Linie um bestimmte gemeinsame emotionale Erfahrungen, welche die meisten Menschen in der jeweiligen Gesellschaft erfahren. Dann einigen sie sich auf einige beschreibende Charakteristika womit diese emotionalen Erfahrungen als eine Kategorie bezeichnet werden. Dieser Kategorie geben sie dann einen Namen. Selbstverständlich wählt jede Kultur verschiedene Reihen gemeinsamer emotionaler Erfahrungen, verschiedene definierende Charakteristika um sie zu beschreiben und bildet auf diese Weise verschiedene Kategorien störender Emotionen.

Die Kategorien für störende Emotionen, wie sie von verschiedenen Kulturen spezifiziert werden, sind normalerweise nicht deckungsgleich , da die Definitionen der Emotionen etwas verschieden sind. Zum Beispiel haben Sanskrit und Tibetisch jeweils ein Wort für „Eifersucht“ (tib. phrag-dog, Skt. irshya), während es in den meisten westlichen Sprachen zwei Wörter gibt. Im Englisch benutzt man „jealousy“ und „envy“, im Deutschen „Eifersucht“ und „Neid“. Der Unterschied zwischen den beiden englischen Begriffen ist nicht der gleiche Unterschied wie zwischen den beiden deutschen Begriffen, genau so wenig decken sich die Begriffe in Sanskrit oder im Tibetischen genau mit irgend einem Begriff dieser Sprachen. Als Westler erfahren wir emotionale Probleme in dieser allgemeinen Kategorie, die bestimmt ist durch die Kategorien, wie sie durch unsere Kultur und Sprachen formuliert wurden. Wenn wir buddhistische Methoden erlernen wollen, um diese emotionalen Probleme zu überwinden, kann es nötig sein, dass wir diese Emotionen, während wir sie in Begriffe fassen, analysieren und in eine Kombination aus verschiedenen störenden Emotionen, so wie sie im Buddhismus definiert werden, auseinandernehmen.

„Eifersucht“, wie sie im Buddhismus definiert wird und „Neid“, wie er im Englischen definiert wird

Die buddhistischen Texte des „Abhidharma“ klassifizieren „Eifersucht“ (tib. phrag-dog) als einen Teil der Feindseligkeit. Sie beschreiben Eifersucht als „eine störende Emotion die sich auf die Errungenschaften anderer Menschen (wie ihre guten Qualitäten, ihr Besitz oder ihren Erfolg) konzentriert und sie ist eine Unfähigkeit die Errungenschaften der anderen zu ertragen, da wir übermäßig an unserem eigenen Gewinn und den Respekt, den wir bekommen, anhaften.“

„Anhaftung“ bedeutet hier, dass wir uns auf einen Lebensbereich konzentrieren, in dem andere mehr erreicht haben als wir, und wir dessen positive Aspekte überbewerten. In unserem Geist machen wir diesen Lebensbereich zu dem wichtigsten Aspekt unseres Lebens und gründen unser Selbstwertgefühls darauf. Darin inbegriffen ist eine übertriebene Beschäftigung mit und ein Festhalten am „Ich“. Folglich sind wir eifersüchtig, weil wir in Bezug auf diesen Lebensbereich „an unserem eigenen Gewinn oder an dem Respekt, den wir bekommen, festhalten“. Zum Beispiel fixieren wir uns darauf, wie viel Geld wir besitzen, oder darauf, wie gut wir aussehen. Als ein Aspekt von Feindseligkeit fügt Eifersucht dieser Anhaftung ein starkes Element von Ärger darüber, was andere auf jenem Gebiet erreicht haben, hinzu. Es ist das Gegenteil von Mitfreude und dem Gefühl glücklich darüber zu sein, was andere erlangt haben.

Im Englischen ist eine der Definitionen von Eifersucht „Feindseligkeit gegenüber jemandem, von dem man glaubt, dass er sich eines Vorteils erfreut.“ Dies ist nur ein Teil der buddhistischen Definition, es wird die Komponente der Anhaftung ausgelassen, der den Bereich betrifft, in dem die andere Person den Vorteil hat. Die Definition enthält nur, dass der Vorteil wirklich oder nicht wirklich sein kann, aber hinterfragt nicht die tatsächliche Bedeutung des Bereichs und die neurotische Beschäftigung mit dem „Ich“.

Des Weiteren deckt das Wort „Eifersucht“, wie es im Buddhismus definiert wird, einige Anteile, aber nicht alles, was mit dem englischen Wort envy, Neid gemeint ist, ab. Neid fügt noch etwas mehr hinzu und zwar, was der Buddhismus „ Begehren“ (tib. brnab-sems) nennt. „Begehren“ wird als „das übersteigerte Bedürfnis nach etwas, was jemand anderes besitzt“ beschrieben. Im Englischen wird „Neid“ folgendermaßen definiert: „Neid ist ein schmerzhaftes und ärgerliches Gewahrsein eines Vorteils an dem sich jemand anderes erfreut, verbunden mit dem Wunsch sich an dem gleichen Vorteil zu erfreuen.“ Mit anderen Worten kommt zu der Unfähigkeit die Errungenschaften eines anderen in einem bestimmten Lebensbereich zu ertragen (dessen Wichtigkeit wir überbewerten, wie im Buddhismus deutlich gemacht wird), bei Neid auch noch der Wunsch hinzu, diese Errungenschaften für uns zu besitzen. Wir sind möglicherweise arm oder in einem Bereich haben wir einen Mangel, oder aber wir haben gleichviel oder überdurchschnittlich viel. Wenn wir neidisch sind und sogar noch mehr haben wollen, ist unser Begehren zur Habgier herangewachsen. Häufig, obwohl nicht notwendiger Weise, beinhaltet Neid noch den weiteren Wunsch, dass andere ihrer Errungenschaft beraubt werden, so dass wir sie statt dessen besitzen können. In diesem Fall kommt noch ein weiterer Bestandteil zu der Emotion hinzu: Bosheit.

Neid als eine Kombination von Eifersucht und Begehren führt zum Konkurrieren. Daher spricht Trungpa Rinpoche über Eifersucht als eine störende Emotion, welche uns dazu bringt, in höchstem Maße zu konkurrieren und fanatisch daran zu arbeiten, andere oder uns selber zu übertreffen. Dies ist verbunden mit sehr kraftvollem Handeln – die sogenannten „Karmafamilie“. Da wir eifersüchtig und neidisch darauf sind, was andere erreicht haben, treiben wir uns und andere, die uns unterstehen, dazu an, mehr und mehr zu leisten, so wie es im extremen Wettbewerb von Sport und Geschäftsleben stattfindet. Daher benutzt der Buddhismus das Symbol des Pferdes, um Eifersucht zu präsentieren. Es läuft wegen seiner Eifersucht mit anderen Pferden um die Wette. Es kann nicht ertragen, dass ein anderes Pferd schneller läuft.

[Siehe: Die Charakterzüge der Buddha-Familien im Alltag: Anuttarayoga Tantra der Gelugs und Präsentation von Mahamudra gemäß der Karma Kagyü-Tradition.]

Eifersucht und Konkurrenz

Es trifft zu, dass im Buddhismus Eifersucht eng mit Konkurrenz verbunden ist, obwohl Ersteres nicht unbedingt zum Letzterem führt. Jemand kann eifersüchtig auf andere sein, aber da er eine geringe Selbstwertschätzung hat, nicht einmal versuchen, in einen Wettstreit zu treten. Auf ähnliche Weise zieht ein Rivalisieren nicht notwendigerweise Eifersucht mit sich. Manche Menschen wetteifern im Sport nur zum Spaß, um Freude zu haben und um in der Gesellschaft anderer zu sein, ohne dass es ihnen darum geht, Punkte zu machen.

Buddhismus verbindet Eifersucht und Wettbewerb auf eine andere Weise. Zum Beispiel in dem Text: „ Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (tib. sPyod-`jug, Skt . Bodhicharya-avatara) trägt Shantideva in einer Diskussion Folgendes zusammen: Eifersucht gegenüber jenen in höherer Position, Wetteifern mit Gleichen und Arroganz gegenüber solchen, die einen niedrigeren Status haben. Seine Diskussion findet im Zusammenhang damit statt zu lernen, alle Wesen als gleich zu betrachten.

Das Problem, an das sich der Buddhismus hier wendet, ist das Gefühl „Ich“ bin etwas besonderes, was allen drei störenden Emotionen zugrunde liegt. Wenn man beispielsweise denkt: „Ich“ bin der einzige, der diese spezielle Aufgabe gut und korrekt ausführen kann; z. B. wenn man einem Freund ein Auto zu fahren beibringt, werden wir eifersüchtig, wenn jemand anderes ihn unterrichtet. Das führt nicht notwendigerweise zu einer Rivalität. Wenn wir andererseits denken und fühlen, dass „Ich“ der einzige bin, der es verdient, etwas bestimmtes zu tun, z.B. im Leben Karriere zu machen, und wir neidisch werden, wenn jemand anderes erfolgreich ist, dann beginnen wir zu konkurrieren. Wir müssen dann die anderer Person übertrumpfen, selbst wenn wir schon recht erfolgreich sind. In beiden Beispielen liegt der Eifersucht und dem Neid ein starkes Gefühl von „Ich“ sowie eine starke Beschäftigung mit uns selbst zugrunde. Wir betrachten die anderen nicht auf die gleiche Weise wie uns selbst. Wir betrachten uns als etwas besonderes.

Das Heilmittel, das der Buddhismus uns anbietet, um die Problem und das Unglücklichsein, welche durch Eifersucht, Neid, Rivalität und Überheblichkeit verursacht werden, zu kurieren, besteht darin, den zugrundeliegenden Irrtum das „Ich“ und das „Du“ betreffend, zu behandeln. Es ist nötig, dass wir jeden als gleich begreifen und sehen. Jeder hat die gleichen grundlegenden Fähigkeiten in dem Sinne, dass jeder Buddhanatur besitzt. Jeder hat den gleichen Wunsch glücklich und erfolgreich zu sein und möchte nicht unglücklich sein oder versagen. Jeder hat das gleiche Recht, glücklich und erfolgreich zu sein und nicht unglücklich zu sein oder zu versagen. In dieser Hinsicht gibt an „mir“ nichts besonderes. So lehrt der Buddhismus auch Liebe – den Wunsch, dass jeder, gleichermaßen, glücklich sein möge.

Wenn wir im Sinne von Buddhanatur und Liebe lernen, jeden als gleich zu sehen, dann sind wir offen dafür, uns anzusehen, wie wir mit jemandem umgehen, der erfolgreicher als wir waren, oder der erfolgreich war, während wir es nicht waren. Wir erfreuen uns an seinem oder ihrem Erfolg, da wir wollen, dass jeder glücklich ist. Genauso versuchen wir denen zu helfen, die mit uns auf einer gleichen Stufe stehen, anstelle mit ihnen zu konkurrieren und zu versuchen, besser als sie zu sein. Denjenigen, die weniger erfolgreich als wir sind, versuchen wir zu helfen, voranzukommen, anstatt uns über ihren Schaden zu freuen und uns auf arrogante Weise besser als sie zu fühlen.

Kulturelle Verstärkung von Eifersucht und Rivalität

Diese vorgeschlagenen buddhistischen Methoden sind sehr weit entwickelt und besonders schwer anzuwenden, wenn unsere von selbst aufsteigende Eifersucht und Rivalität. verstärkt und sogar belohnt wird von bestimmten westlichen kulturellen Wertvorstellungen. Ganz von alleine lieben es fast alle Kinder zu siegen und sie weinen, wenn sie verlieren. Aber darüber hinaus lehren viele westliche Kulturen den Kapitalismus als die natürlicher Weise beste Form einer demokratischen Gesellschaft. Dem zugrundeliegend ist die Theorie vom Überleben des Stärkeren, welche Wettkampf als die treibende Kraft des Lebens annimmt, anstatt Liebe und Zuneigung. Des weiteren bestärken die westlichen Kulturen die Bedeutung von Gewinn und Erfolg durch ihre Besessenheit in Bezug auf Sportwettkämpfe und durch ihre Verherrlichung der besten Athleten und der reichsten Menschen der Welt.

Darüber hinaus enthält das gesamte politische System der Demokratie und des Wählens Wettbewerb - etwa dann, wenn man sich als Kandidat anbietet, sich als Kandidat „verkauft“ und öffentlich darstellt um wie viel besser man für ein Amt geeignet ist als unsere Rivalen. Als eine übliche Praxis im Westen, bemüht man sich beim Wahlkampfführen intensiv, bei dem rivalisierenden Kandidaten jeden nur möglichen Schwachpunkt zu finden, sogar was sein Privatleben betrifft. Dann werden diese Schwachpunkte über jede Proportion hinaus aufgeblasen und überall publiziert um den oder die andere in Misskredit zu bringen. Vielen Menschen betrachten so ein Verhalten, das auf Eifersucht und Wettkampf gegründet ist, sogar als lobenswert und gerechtfertigt.

Die tibetische Gesellschaft andererseits missbilligt jeden, der andere abschätzig behandelt und behauptet, jemand besseres zu sein. Dies wird als ein schlechtes Charaktermerkmal angesehen. Tatsächlich ist das erste Wurzelgelübde des Bodhisattvas: Gegenüber Menschen, die in einer niedrigeren Position, als wir selbst sind, sich selbst niemals zu loben und andere nicht herabzusetzen. In unserem Beispiel schließt das ein, mit solchen Worten in der wählenden Öffentlichkeit zu werben. Die Motivation wird hier genauer spezifiziert als ein Verlangen nach Profit, Lob, Liebe, Respekt und so weiter von der Person an die es adressiert ist und Eifersucht den Personen gegenüber, welche herabgesetzt werden. Es macht keinen Unterschied, ob das, was wir sagen, richtig oder falsch ist. Im Gegensatz dazu wird es als lobenswert betrachtet, wenn wir über uns selber äußerst bescheiden reden und beispielsweise sagen: „Ich selbst habe keine guten Qualitäten, ich weiß gar nichts.“ Deshalb sind Demokratie und diese Art um Stimmen zu werben den Tibetern völlig fremd und funktionieren in der tibetischen Gesellschaft nicht, wenn sie auf die übliche westliche Art und Weise angewendet werden.

Selbst nur zu sagen, dass man für ein Amt kandidieren will, wird als ein verdächtiges Zeichen von Arroganz und als ein nichtaltruistisches Charaktermerkmal angesehen. Der einzig mögliche Kompromiss wäre, dass die Repräsentanten des Kandidaten, und niemals der Kandidat selbst, zu anderen über ihn von seinen guten Qualitäten und Errungenschaften sprechen, ohne ihn mit jenen zu vergleichen, der auch um das Amt wetteifern oder etwas schlechtes über jene zu sagen. Dies wird aber sehr selten getan. Normalerweise werden bekannte Kandidaten, z.B. aus wohlhabenden Familien oder inkarnierte Lamas, ernannt, oft ohne sie zu fragen, ob sie sich dafür bewerben möchten. Wenn sie dann ablehnen, wird das als ein Zeichen von Bescheidenheit angesehen, denn wenn sie sofort „ Ja“ sagen würden, würde es auf Arroganz und ein Streben nach Macht hinweisen. Für jemanden, der nominiert wurde, ist es letztendlich unmöglich abzulehnen. Die Wahl findet dann statt ohne einen Wahlkampf durchzuführen. Man wählt üblicherweise den Kandidaten, der am bekanntesten ist.

So mag die buddhistische Herangehensweise sich über den Sieg anderer zu freuen – oder sogar den anderen den Sieg zu ermöglichen und selbst die Niederlage zu akzeptieren – nicht das passende erste Heilmittel für jene Westler zu sein, die von den Vorteilen des Kapitalismus und dem westlichen System der Wahlen mit Wahlkampf voll und ganz überzeugt sind. Als Westler mag es nötig sein, dass wir zuerst noch einmal die Gültigkeit unserer kulturellen Werte überprüfen und mit den aufgrund von Lehren entstanden Formen der Eifersucht und des Wettbewerbs umgehen, die daraus entstehen, solche Wert anzunehmen – bevor wir uns um die Formen der Eifersucht kümmern, die von selbst entstehen.

Um die Relativität der westlichen Kultur zu Grunde liegenden Eifersucht und Rivalität besser zu verstehen, mag uns das Beispiel eines indischen Marktplatzes helfen. In Indien gibt es Märkte für Kleidung, Märkte für Schmuck, Märkte für Gemüse und so weiter. Jeder besteht aus Reihen von Ständen und Geschäften, einer neben dem anderen, wobei alle fast genau die gleichen Dinge verkaufen. Die meisten Ladenbesitzer sind befreundet und sitzen oft zusammen vor ihrem Geschäft und trinken Tee. Ihre Einstellung ist, dass es von ihrem Karma abhängt, ob ihr Geschäft gut läuft oder nicht.

Eifersucht im westlichen Sinn

Während sich die Diskussion über Eifersucht im Buddhismus im Wesentlichen mit dem befasst, was das Englische „Neid“ nennt (obwohl es nicht deckungsgleich mit diesem störenden Gefühl ist), führt das Englische ein noch anderes störendes Gefühl an, das es „Eifersucht“ nennt. Für die meisten Westler bringt diese Art der Eifersucht sogar noch mehr Leiden mit sich als die Art, welche wir im Buddhismus besprochen haben.

Diese Form der Eifersucht konzentriert, sich weniger darauf, was eine andere Person erhält, wir aber nicht, sondern konzentriert sich auf eine Person, die jemand anderem etwas gibt, anstelle es uns zu geben. Daher ist die erste Definition zu Eifersucht, die wir im Wörterbuch finden: „ Nichtertragen von Rivalität oder Untreue“. Beispielsweise sind wir eifersüchtig, wenn unser Partner bzw. unsere Partnerin mit einem anderen Mann oder einer anderen Frau flirtet oder viel Zeit mit anderen verbringt. Sogar ein Hund fühlt diese Art von Eifersucht, wenn ein neues Baby ins Haus kommt. Deshalb hat diese Form der Eifersucht, ähnlich der Eifersucht im Buddhismus, Elemente von Ressentiment und Feindseligkeit. Hinzu kommt noch ein starker Anteil von Unsicherheit und Misstrauen.

Wenn wir unsicher sind, dann werden wir eifersüchtig, wenn ein Freund oder Partner mit jemandem anderes zusammen ist,. Dies liegt daran, dass wir uns über unseren Selbstwert nicht sicher sind und über die Liebe der anderen Person zu „mir“; deshalb trauen wir unserem Freund oder unserer Freundin nicht. Wir fürchten uns davor, dass „Ich“ verlassen werde.

Um mit dieser Art der Eifersucht umgehen zu können, müssen wir auch die Gleichheit von jedem verstehen. Da hier unser Problem nicht auf kulturell basierende Werte gegründet ist, ist es vielleicht einfacher, direkt die buddhistische Sichtweise zu versuchen. Unser Herz hat die Fähigkeit, jeden zu lieben – dies ist ein Aspekt der Buddhanatur. Sich dieser Tatsache zu vergewissern, ist ein Weg, Eifersucht zu überwinden. Mit anderen Worten: das Herz von jedem hat diese Fähigkeit, unser Freund oder Geliebten mit eingeschlossen. Wenn sie so verschlossen sind, dass sie für uns keinen Platz in ihrem Herzen haben, können wir Mitgefühl für sie entwickeln. Sie erkennen nicht die Kapazitäten ihrer Buddhanatur und berauben sich als Konsequenz einiger der größten Freuden im Leben.

Es ist notwendig, dass wir uns jedem gegenüber öffnen. Mit offenem Herzen können wir Liebe für Freunde, Partner, Kinder, Haustiere, Eltern, das Land, unsere Leute, die Natur, Gott, das Hobby, unsere Arbeit etc. empfinden. In unserm Herzen ist genug Platz, um alle zu lieben. Liebe schließt nichts aus. Wir sind vollkommen in der Lage, uns mit all diesen Objekten unserer Liebe in Beziehung zu setzen und können unsere Gefühle jedem gegenüber in einer angemessenen Weise auszudrücken. Wir drücken unsere Liebe und Zuneigung unserem Hund gegenüber nicht auf die gleiche Weise aus, wie unserer Frau, unserem Ehemann oder unseren Eltern gegenüber. Und wir haben auch nicht mit allen eine sexuelle Beziehung.

Das Thema Monogamie und sexuelle Untreue ist sehr kompliziert und bringt weitere Themen mit sich. Sie sind hier aber nicht Gegenstand der Diskussion. Jedenfalls, wenn unser sexueller Partner, besonders unser Ehepartner, vor allem wenn man kleine Kinder zusammen hat, untreu ist oder einen großen Teil seiner Zeit mit anderen verbringt, sind Eifersucht, Wut und eine besitzergreifende Art nie hilfreiche emotionale Antworten. Wir müssen mit solch einer Situation auf eine nüchternere Art umgehen. Unsere Partner anzuschreien oder zu versuchen, dass sie sich schuldig fühlen, wird sie kaum dazu bringen, uns zu lieben.

Auch sind die störenden emotionalen Reaktionen teilweise kulturell abhängig. Zum Beispiel erwartet eine japanische oder indische Ehefrau nicht, dass ihr Ehemann nach seiner Arbeit seine Freizeit mit ihr verbringt, sondern den Normen seiner Gesellschaft folgt und mit seinen männlichen Freunden ausgeht. Deshalb wird sie, in den meisten Fällen, damit zufrieden sein, mit ihren Freundinnen ohne ihren Mann ihre Freizeit zu verbringen.

Wenn wir des Weiteren glauben, dass Liebe oder eine enge Freundschaft ausschließlich nur mit einer Person möglich ist, und er oder sie dann mit jemand anderen eine Freundschaft hat und es so keinen Raum für „mich“ gibt, dann ist das Eifersucht. Sie ist auf dem Gefühl eines soliden „Ich“ begründet, das so besondere sein muss, und einem soliden „Du“, dass so besonders ist, dass wir nur die Liebe dieser einen Person wollen. Selbst wenn es viele andere gibt, die uns lieben und die wir lieben, tendieren wir dahin, diese Tatsache zu ignorieren und zu denken: „Das zählt nicht.“

Unser Herz anhaltend zu öffnen für möglichst viele Andere – und die Liebe anzuerkennen, die andere – Freunde, Verwandte, Haustiere und andere – jetzt für uns haben, in der Vergangenheit hatten und in der Zukunft haben werden, hilft uns, uns emotional sicherer zu fühlen. Dies wiederum hilft uns die Fixierung, die wir auf einen bestimmten Menschen (uns selbst mit eingeschlossen) als speziellen Gegenstand unserer Liebe haben mögen, zu überwinden.

Allwissenheit und allumfassende Liebe bedeuten beide, jeden in unserem Geist und Herzen zu haben. Dennoch ist ein Buddha, wenn er sich auf eine Person konzentriert oder mit einer Person zusammen ist, einhundertprozentig auf diesen Menschen konzentriert. Für jeden Liebe zu empfinden, bedeutet daher nicht, dass die Liebe für jeden einzelnen verwässert ist. Deshalb brauchen wir nicht zu befürchten, dass unsere persönlichen Beziehungen, weniger intensiv oder weniger erfüllt werden, wenn wir unser Herz für viele Menschen öffnen. Wir hängen möglicherweise weniger an einer Beziehung und sind weniger abhängig, und vielleicht verbringen wir weniger Zeit mit jedem einzelnen, aber jede Beziehung ist eine vollständige Beziehung. Das gleiche gilt in Bezug auf die Liebe anderer zu uns wenn wir eifersüchtig sind. Wir glauben dann oft, ihre Liebe zu uns sei abgeschwächt, da sie noch jemand anderen lieben.

Auch ist die Erwartung unrealistisch, eine Person würde so vollkommen zu uns passen, als sei sie unsere „andere Hälfte“, also jemand, der uns in jeglicher Weise ergänzt und mit dem wir jeden Aspekt unseres Lebens teilen können. Solch eine Erwartung ist auf die alte griechische Mythologie gegründet, in der Platon sagt, dass wir ursprünglich alle ganz gewesen seien, und dann in zwei Teile gespalten wurden. Irgendwo „dort draußen“ gäbe es unsere andere Hälfte; und es sei die wahre Liebe, wenn wir diese Hälfte fänden und uns mit ihr wiedervereinigen würden. Obwohl dieser Mythos die Grundlage für die westliche Romantik wurde, hat sie dennoch keinen Bezug zur Wirklichkeit. An diesen Mythos zu glauben, so wie man an einen wunderschönen Prinzen glaubt, der auf einem weißen Pferd kommt um uns zu retten, ist ein erworbenes, kulturspezifisches Phänomen.

Die trügerischen Erscheinungen, welche Eifersucht und Neid zugrunde liegen

Wie gesagt bedeutet Eifersucht die Unfähigkeit, zu ertragen, dass jemand Errungenschaften in einem Bereich hat, dessen Wichtigkeit wir überbewerten, beispielsweise seinen oder ihren finanziellen Erfolg. Darüber neidisch, wünschen wir uns, wir könnten es anstelle seiner oder ihrer erlangen. Wir haben auch die Variation davon betrachtet, welche vorkommt, wenn jemand etwas von jemanden bekommt, zum Beispiel Liebe und Zuneigung. Dann wünschen wir uns, wir könnten dies statt der oder des anderen bekommen.

Dieses störende Gefühl stammt von zwei trügerischen Erscheinungen, die unser Geist wegen seiner Verblendung und Unwissenheit der Existenzweise der Dinge, erschafft und projiziert. Zunächst die dualistische Erscheinung (1) eines scheinbar konkreten „Ich“, welches es von Natur aus verdient etwas zu erlangen oder zu erhalten, dies aber nicht erhalten hat und (2) ein scheinbar konkretes „ Du“, welches es von Natur aus nicht verdient hat, es zu erhalten. Unbewusst fühlen wir, dass die Welt uns etwas schuldet und es unfair ist, wenn andere es stattdessen bekommen. Wir teilen die Welt in zwei solide Kategorien: „Verlierer“ und „Gewinner“ und stellen uns vor, dass Menschen wahrhaft existieren und in diesen Schubladen von scheinbar solide wahre Kategorien auffindbar sind. Dann stellen wir uns selbst in die solide dauerhafte Kategorie „der Verlierer“ und die andere Person in die solide, dauerhafte Kategorie „der Gewinner“. Vielleicht stellen wir sogar jeden in die Gewinnerschublade, außer uns selbst. Damit fühlen wir nicht nur Ärger, sondern wir fühlen uns verdammt. Das wiederum führt zu einer Fixierung auf den schmerzhaften Gedanken „Ich Armer“.

Naivität über Ursache und Wirkung des Verhaltens begleitet gewöhnlicher Weise Eifersucht und Neid. Beispielsweise verstehen wir nicht oder verneinen gar, dass eine Person, die eine Beförderung oder Zuneigung erhält, etwas dafür getan hat, um sich dies zu verdienen. Darüber hinaus fühlen wir, dass wir es bekommen sollten, ohne etwas dafür getan zu haben. Alternativ dazu fühlen wir, dass wir selbst viel dafür getan zu haben und doch die Belohnung nicht bekommen haben. Unser Geist schafft daher eine zweite trügerische Erscheinung und projiziert sie. Unser verblendeter Geist erweckt den Eindruck, dass Dinge vollkommen ohne Grund geschehen, oder nur aus einem einzigen Grund: was wir allein getan haben.

Trügerische Erscheinungen abbauen

Wir müssen diese zwei trügerischen Erscheinungen abbauen. Unsere Kulturen haben uns vielleicht gelehrt, dass das eigentlich alles lenkende Prinzip, das der Welt der Lebewesen inhärent innewohnt, der Wettbewerb ist: der Antrieb zu gewinnen und das Überleben des Stärkeren. Aber diese Voraussetzung ist möglicherweise nicht wahr. Dennoch, wenn wir sie akzeptierten, dann glauben wir, dass die Welt von Natur aus geteilt ist in einen absoluten Gegensatz von Gewinnern und Verlierern. Daraus folgt, dass wir die Welt in festen gedankliche Kategorien von Gewinnern und Verlierern wahrnehmen und natürlich auch uns selbst mit dem gleichen gedanklichen System wahrnehmen.

Obwohl diese Konzepte von Gewinnern, Verlierern und Wettkampf nützlich sein können, um die Evolution zu beschreiben, müssen wir dennoch erkennen, das sie willkürliche geistige Konstruktionen sind. „Gewinner“ und „Verlierer“ sich nur geistige Etikette. Es sind bequeme geistige Kategorien, die gebraucht werden, um bestimmte Ereignisse zu beschreiben, zum Beispiel, bei einem Rennen zuerst anzukommen, eine Beförderung bei der Arbeit anstelle eines anderen zu bekommen, oder einen Klienten oder Studenten an jemand anderen zu verlieren. Genauso leicht könnten wir Menschen in die Kategorien „freundlicher Mensch„ und „unfreundlicher Mensch“ einteilen, je nach dem, wie wir „ freundlich“ definieren.

Wenn wir erkennen, dass all diese dualistischen Reihen von Kategorien bloß geistig konstruiert sind, beginnen wir zu verstehen, dass es auf Seiten des „Ich“ und „Du“ nichts Inhärentes gibt, das uns in diese soliden Kategorien einschließt. Es ist nicht so, dass wir im Gunde Verlierer sind, von Natur aus, und indem wir über uns selber denken, dass wir Verlierer sind, haben wir dann endlich die Wahrheit entdeckt – das wirkliche „Ich“ als ein „Verlierer“. Armes „Ich“! Es ist eher so, dass wir neben der Tatsache, einen Studenten an jemand anderes zu verlieren, noch viele anderer Qualitäten haben. Warum sollten wir also in diesem einen Sachverhalt schwelgen, als sei es das wirkliche „Ich“?

Des weiteren liegt es nur an unserm begrenzten Geist und unserer neurotischen Beschäftigung mit dem Gedanken „ich Armer“ oder „du Bastard“ dass es erscheint, als würden Erfolg oder Versagen, Gewinn oder Verlust aus keinem oder einem unerheblichen Grund geschehen. Wir denken daher auch, was uns geschieht sei unfair. Was auch immer im Universum geschieht, geschieht aufgrund eines gigantisches Netzwerk von Ursachen und Wirkungen. So viele Sachverhalte haben Einfluss darauf, was mit uns und anderen geschieht – es ist jenseits unserer Vorstellung, jeden Faktor mit einzubeziehen.

Wenn wir diese zwei trügerischen Erscheinungen (Gewinner und Verlierer sowie Dinge, die anscheinend ohne guten Grund geschehen) auseinandernehmen und aufhören sie zu projizieren, dann beruhigen sich unsere Gefühle von Ungerechtigkeit. Unter unsere Eifersucht ist bloßes Gewahrsein von dem, was erreicht wurde und was wirklich geschehen ist. Wir haben diesen Klienten an jemand anderen verloren und jetzt hat jemand anderes diesen Klienten. Dies macht uns deutlich, dass es ein Ziel zu erlangen gibt. Wenn wir jemandem nicht missgönnen, etwas zu erreichen oder etwas zu erhalten, dann können wir vielleicht daraus lernen, wie jene Person das Meisterstück vollbracht hat. Dies wird uns vielleicht befähigen, es selbst zu schaffen. Wir fühlen uns nur eifersüchtig, weil wir mit dualistischen Erscheinungen und konkreten Identitäten dieses Gewahrsein überdecken.

Schlussfolgerung

Buddhismus bietet eine Vielzahl von Methoden, um mit den störenden Emotionen von Eifersucht und Neid umzugehen, egal, ob wir sie in einer buddhistischen oder einer westlichen Weise definieren. Wenn wir von einer störenden Emotion dieser allgemeinen Kategorie bedrängt werden, liegt die Herausforderung darin, die bestimmenden Merkmale und unseren kulturellen Hintergrund richtig zu erkennen. Wenn wir uns durch die Praxis der Meditation in verschiedenen Methoden geübt haben, können wir eine für uns angemessene Methode benutzen, die uns hilft, mit jeder emotionalen Schwierigkeit zu arbeiten, die wir erfahren.