Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ein Meditationskurs über die fünf Arten des tiefen Gewahrseins

Alexander Berzin
München, Deutschland, 11-13. Oktober 1993

Urspründlich veröffentlicht unter
"Fünf Weisheiten: im Aryatara Institut e. V., München (1993)." Übers. Tom Geist.
München: Aryatara Institut, 1994.

Dritter Tag

Setzt euch bitte wieder in einem Kreis hin, damit sich alle sehen können. Wir haben bisher über die fünf Buddhaweisheiten gesprochen, und wir haben gesehen, dass diese verschiedene Aspekte der Buddha-Natur beschreiben, die auch als die fünf Buddha-Familien bezeichnet werden, was wiederum fünf Arten der Buddha-Natur sind. Wir haben über den Geist gesprochen und gesehen, dass wir, wenn wir über Geist sprechen, über Erfahrung sprechen; Erfahrung ist ein Entstehen von Erscheinungen und eine Beziehung zu ihnen. Und das ist, was wir jeden Moment erfahren. Diese fünf Weisheiten werden deshalb besser in Verbindung gebracht mit fünf Arten von Gewahrsein, und das sind fünf Arten, wie man sich auf das, was auftaucht, bezieht. Das sind wiederum Funktionen, die jeder von uns besitzt, und die wir die ganze Zeit über erfahren. Sie sind jetzt noch begrenzt, aber wenn wir diese Beschränkungen überwinden, können wir zu einer Erfahrung dessen kommen, was die fünf Weisheiten der Buddhas genannt wird.

Gestern haben wir über alle fünf Arten gesprochen und wie wir sie erkennen und entwickeln können, um von diesen Einschränkungen frei zu werden, und wie wir das alles aufbauen können in Verbindung damit, anderen zu helfen. Dies zu üben geschieht dadurch, dass wir uns gegenseitig in einer bestimmten Art und Weise ansehen. Die erste Art wird ein Gewahrsein, das wie ein Spiegel ist, genannt. Und wir haben gesehen, dass „Kamera“ eine bessere Vorstellung davon gibt als „Spiegel“. Grundsätzlich spiegeln wir alles wider bzw. nehmen alles auf, was wir erfahren: wie ein Spiegel, in dem sich alles zeigt, oder wie eine Kamera, die alles aufzeichnet, oder wie ein Mikrofon, das alles aufnimmt. Und wir sprechen hier nicht nur über das visuelle Sehen, sondern über alle Sinne.

Wenn wir Anderen helfen möchten, müssen wir fähig sein, alle Details der Anderen zu sehen, und zu hören, was die andere Person sagt, ohne Kommentare und Urteile, und ohne dass unser Geist abwandert. Wir müssen alle Details sehen, aufnehmen, so wie eine Kamera alles aufnimmt. Wenn wir sehen, dass jemand die Stirn runzelt, dann bedeutet das etwas. Auch die Haltung, ob die Person ruhig ist oder sich stark bewegt, sagt uns ein bisschen über sie aus. Wenn wir wirklich an einer Person interessiert sind, müssen wir darauf achten. Wenn wir Anderen wirklich helfen wollen, müssen wir alles an ihnen lesen. Das ist die Bedeutung dieser Weisheiten oder dieser Arten von Gewahrsein. Und das ist etwas, was wir alle tun; unser Geist bezieht sich auf Objekte wie eine Kamera, ein Mikrofon oder ein Spiegel, selbst wenn wir etwas riechen oder schmecken.

Wir haben gestern geübt, einfach eine Kamera zu sein, und werden es jetzt kurz wiederholen. Wir benutzen „Kamera“, weil es gestern einige Verwirrung mit dem Begriff Spiegel gab. Wir versuchen also, die Augen offen zu halten und jeden im Raum anzusehen, und versuchen dabei lediglich wie eine Kamera zu sein. Es gilt, alle Details der Person ohne Kommentar aufzunehmen. Nicht zu kommentieren ist der schwierigste Teil der Übung. Aber wir sind dazu fähig. Wir müssen nicht immer alles in unserem Geist rezitieren, was wir sehen oder hören. Es ist sowieso zuviel, als dass wir alles sagen könnten, also können wir auch gleich gar nichts sagen. Das versuchen wir jetzt....

Kamera“, „kein Kommentar“... „Kamera“, „kein Kommentar“... „kein Kommentar“... „Kamera“... „ kein Kommentar“... „kein Kommentar“... „kein Kommentar“... „Kamera“...

War es ein bisschen einfacher als gestern? Mit dieser Meditation ist es offensichtlich so, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dann wird es einfacher. Am Ende werden wir dann fähig sein, diese Meditation in jeder Situation durchzuführen. Nicht nur in einer Gruppe wie dieser oder in der U-Bahn, wo wir Menschen um uns herum sehen, sondern immer, wenn wir mit jemandem zusammen sind. Bei jedem Zusammentreffen mit jemandem werden wir sehen und zuhören, ohne jeglichen Kommentar in unserem Kopf; das ist sehr wichtig. Und ohne Beurteilung, was sogar noch wichtiger ist. Das führt dann wirklich zu einer Offenheit anderen Personen gegenüber. Zuerst mal müssen wir aufmerksam sein, mit dem Gewahrsein, das wie ein Spiegel ist (oder wir benutzen das Bild einer Kamera).

Das zweite ist das gleichsetzende Gewahrsein von Dingen. Das ist die grundlegende Fähigkeit zu sehen, dass mehrere Dinge zur selben Kategorie gehören. Wir können sehen, dass diese Personen alle gleichermaßen Frauen sind, und wir brauchen das nicht in unserem Kopf zu sagen, um das zu sehen. Und dass diese Menschen Männer sind, können wir auch sehen, ohne es sagen zu müssen. Als Buddha konnten wir dann alle als gleich sehen in der Art, dass wir sehen, dass alle glücklich sein wollen und nicht unglücklich, und dass alle das gleiche Recht darauf haben. Wir üben nun, jeden in dieser gleichen Art und Weise zu sehen. Egal ob der andere jung oder alt ist, ob sie gut oder weniger gut aussieht, ob sie deutsch oder türkisch ist oder was auch immer, wir sind alle gleich. Es ist manchmal hilfreich, diese Meditation mit einem Spiegel durchzuführen, wo wir dann selbst in dieser Gruppe mit einbezogen sind, was psychologisch äußerst bewegend und tiefgründig ist.

Wir versuchen, uns gegenseitig anzusehen und dabei gleich mehrere Menschen ins Blickfeld zu nehmen, und diejenigen, die wir mit dem Blick erfassen, als gleich anzusehen. Unter den gegebenen Umständen, können wir jetzt vielleicht drei oder vier Personen auf einmal sehen; und wir sehen sie in dem Sinne als gleich, dass sie glücklich sein wollen und nicht unglücklich sein möchten, was dann eine Grundlage für ein ausgeglichenes Gefühl von Liebe, Fürsorge und Mitgefühl zu allen wird. Das wollen wir jetzt versuchen, ohne Kommentare...

„gleich“ ... „gleich“... „kein Kommentar“.... „gleich“... „gleich“... „kein Kommentar“... „ gleich“.... „gleich“... „gleich“... „gleich“... „kein Kommentar“... „gleich“...

Diese Art von Gewahrsein liegt all den verschiedenen Übungen zu Bodhicitta zu Grunde; beispielsweise in der Meditationen über Gleichmut, wo wir sehen, dass alle Wesen gleich sind und unsere Mutter gewesen sind, und wir unsere Einstellung unserem Selbst und den Anderen gegenüber gleichsetzen. Alle Meditationen über Liebe und Mitgefühl haben die Komponente gemeinsam, dass wir alle Personen als gleich betrachten. Diese Meditation, die wir hier beschreiben, passt in alle Arten von Bodhicitta-Meditationen, die wir früher kennen gelernt haben.

Die dritte Art von Gewahrsein, individualisierendes Gewahrsein, bezieht sich auf die Individualität der Dinge: Wir haben diese Fähigkeit, Dinge als individuell zu sehen. Wir sehen, dass dies Valerie ist, ohne „Valerie“ sagen zu müssen; wir sehen, wer es ist. Ich kann sehen, dass dies Eva ist und dies Albert. Und in dieser Art und Weise sehen wir jede Person als Individuum, ohne es zusätzlich noch zu verbalisieren. Wenn wir anderen wirklich helfen wollen, müssen wir jeden einzelnen als Individuum sehen. Nicht dass wir denken, „Da kommt schon wieder ein Türke“; oder vielleicht sehen wir eine alte Person und denken, „die Alten sind alle gleich.“ Damit sehen wir sie nicht als Individuen. Wir brauchen diese Fähigkeit, die sich auf Respekt gründet, um jemandem helfen zu können. Jeder einzelne von uns hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Geschichte und seine eigenen Talente. Versuchen wir jetzt, uns nochmals gegenseitig anzusehen, als Individuen, und nicht, dass wir alle um uns herum als eine Gruppe betrachten. Wenn der Geist abwandert, bringen wir ihn zurück mit dem Wort Individuum...

Individuum“... „kein Kommentar“... „Individuum“... „Individuum“, „kein Kommentar“... „ Individuum“... „Individuum“... „kein Kommentar“... „kein Kommentar“

Die vierte Art ist vollbringendes Gewahrsein, bzw. das Gewahrsein, Dinge zu vollbringen. Dies besitzen wir jetzt alle in dem Sinne, dass wir die Fähigkeit besitzen zu sehen, was zu tun ist. Wie in dem gestrigen Beispiel mit der schmutzigen Küche, wo wir einfach sehen können, dass das Geschirr gespült werden muss, der Tisch gesäubert und der Boden gefegt werden muss, ohne etwas davon in unserem Kopf sagen zu müssen. Oder wenn wir einem Kind begegnen, können wir sehen, wie wir zu ihm sprechen müssen, wir müssen dabei nicht bewusst etwas denken, sondern sehen einfach, wie mit dem Kind zu reden ist; wenn wir dagegen einen Freund treffen, wissen wir, wie mit einem Freund zu sprechen ist; und wir sprechen wiederum anders, wenn wir einem Geschäftspartner begegnen. Wir sehen jeweils, was zu tun ist, und wie die Situationen zu handhaben sind. Wenn wir wirklich soweit kommen wollen, dass wir anderen helfen können, müssen wir sehen, was wir im jeweiligen Fall tun müssen, um einer Personen zu helfen, und wie wir auf diese Person eingehen müssen. Es mag nicht so einfach sein, zu sehen, wie man einer Person helfen kann, aber es entwickelt sich aus diesen Weisheiten heraus. Mit den ersten drei Weisheiten entwickeln wir Feingefühl. Wenn wir wie eine Kamera sind und jeden sehen, alle Details wahrnehmen, den Ausdruck in der Stimme hören (neben den gesagten Worten), dann haben wir allen gegenüber das gleiche Gefühl und sind allen gegenüber gleich offen. Wenn wir für andere Wesen Interesse zeigen und sie aus tiefem Respekt heraus als Individuen sehen, dann entwickeln wir anderen gegenüber Feingefühl.

Auf diesem Feingefühl gründend, können wir dann intuitiv werden. Dann können wir intuitiv wissen, was wir sagen müssen, oder wie wir der anderen Person gegenüber handeln müssen. Das kann entwickelt werden. Wir üben, uns gegenseitig anzusehen, mit dem Gedanken: „Was ist zu tun, um dieser Person zu helfen?“ Das bedeutet auch, zu sehen, wie ich dieser Person gegenüber sprechen und handeln muss. Und wieder brauchen wir keinen Kommentar, wir müssen nur sehen. Wir entwickeln hier ja auch Flexibilität, nicht wahr? Wir versuchen, jedem gegenüber in angemessener Weise zu handeln, ohne dem Anderen unseren eigenen Trip überzustülpen. Jetzt versuchen wir das, und wenn unser Geist abwandert, bringen wir ihn zurück mit dem Gedanken was zu tun ist...

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Die fünfte Art von Weisheit oder Gewahrsein bezieht sich auf die Sphäre der Realität, „Dharmadhatu“ genannt. Das Gewahrsein der Realität ist das Gewahrsein, die Natur der Dinge zu sehen, sowohl die konventionelle als auch die tiefste Natur. Normalerweise sehen wir die konventionelle Natur. Wir können sehen, was die Dinge in konventioneller Weise sind; z.B. können wir sehen, dass dies ein Tisch ist; wir müssen nicht „Tisch“ sagen, um es als Tisch zu sehen. Ebenso können wir sehen, dass hier eine Frau und dort ein Mann ist, dass hier eine junge Person und dort eine alte Person sitzt, dass dies eine deutsche Person und dies eine afrikanische Person ist. Wir können das alles sehen, wir müssen das nicht sagen.

Aber auf der tiefsten Ebene, wenn wir anderen vollständig helfen möchten, müssen wir ihre wahre Realität auf allen Ebenen sehen. Auf der tiefsten Ebene sehen wir, dass, obwohl sie als alt oder jung, als arm oder reich erscheinen, sie nicht in dieser Kategorie eingesperrt sind. Es ist nicht so, dass das eine alte Person ist, und wir sorglos ein Urteil fällen können: „Alte Leute lernen sowieso nichts mehr, also brauche ich mich nicht um sie zu kümmern“, oder dass wir eine junge Person sehen und denken: „Nun, diese jungen Leute sind sowieso nicht ernsthaft.“ Sondern auf der tiefsten Ebene müssen wir sehen, dass jeder offen ist und die Fähigkeit besitzt, zu wachsen und sich zu entwickeln, und ein Buddha zu werden. Auf der konventionellen Ebene stimmt es, dass sie z.B. jung sind, aber auf der tiefsten Ebene sind sie offen und können wachsen. Jetzt üben wir dies, und versuchen jeden als offen zu sehen, mit der Fähigkeit zu wachsen, sich zu entwickeln, und ein Buddha zu werden. Und wenn der Geist abwandert, bringen wir ihn zurück mit dem Wort offen...

offen“... „kein Kommentar“... „offen“... „kein Kommentar“... „offen“... „kein Kommentar“... „ offen“... „kein Kommentar“... „offen“... „offen“... „offen“...

Soweit sind wir gestern gekommen. Obwohl wir viel Zeit damit verbracht haben. das Ganze nochmals durchzugehen, denke ich, dass es hilfreich ist, diese Meditationen ein zweites Mal durchzuführen. Es gäbe noch sehr viel mehr über diese Weisheiten und Buddha-Familien zu sagen, aber ich versuche, meinen Drang, alles abzudecken, zu überwinden, denn es ist vielleicht besser, nur einen Teil herauszunehmen und diesen im Detail zu betrachten, um ein besseres Gespür dafür zu bekommen, statt durch alles durchzurauschen und am Ende zu sagen „Uff, geschafft“.

Der nächste Schritt ist, diese fünf zusammenzubringen. Das ist es, was wir am Ende erreichen wollen, nämlich alle fünf zur selben Zeit zu haben, was aber nicht leicht ist. Jedoch ist ein Buddha dazu fähig, was durch den fünffarbigen Regenbogen, der einen Buddha umgibt, symbolisiert wird. Auch in einem Mandala symbolisieren die fünf Farben bzw. die fünf Dhyani Buddhas das gleichzeitige Vorhandensein dieser fünf Weisheiten. Diese fünf gehören auf logischer Ebene zusammen, aber auch auf der gefühlsmäßigen Ebene; es ist nicht bloß kalte Logik. Zuerst müssen wir wie eine Kamera alle Details aufnehmen können, und nur auf dieser Grundlage können wir dann die Anderen als gleich betrachten, denn sonst würden wir nicht einmal alle sehen. Und in dem Kontext, dass wir alle als gleich sehen, können wir dann jeden als Individuum sehen; und wenn wir sie als Individuum sehen können, können wir auch sehen, was wir für sie tun können, und die Krönung ist dann zu sehen, dass jeder offen ist, wachsen und sich entwickeln kann. Wir bauen nun eine Weisheit nach der anderen auf, nicht, indem wir von einer zur nächsten springen, sondern auf der Grundlage der ersten kommen wir zu zweiten, dritten usw., d.h. wir fügen sie zusammen. Wenn wir diese Meditation üben, wird es so sein, dass wir sie wieder und wieder aufbauen müssen, z.B. durch das Wiederholen der Schlüsselworte. Werdet nicht entmutigt, dass es schwer ist, alle fünf zu haben, denn es ist schwer, alle fünf zusammen zu haben; es erfordert Übung. Und natürlich keine Kommentare....

Kamera“... „Kamera“... „gleich“ ... „Kamera – gleich“... „Kamera – gleich – Individuum“... „ Kamera – gleich – Individuum – was zu tun ist“ ... „Kamera – gleich- Individuum – was zu tun ist – offen“ „Kamera – gleich- Individuum – was zu tun ist – offen“... „Kamera – gleich- Individuum – was zu tun ist – offen“

Wir wollen es nicht zu weit treiben, es ist schwer. Aber zumindest haben wir jetzt eine Idee von den Stufen dieses Prozesses. Das Ganze ist natürlich noch viel kraftvoller, wenn wir zuerst Liebe und Mitgefühl entwickeln. Das wird in Verbindung mit all den Meditationen über Bodhicitta durchgeführt. Wir können das für einen Moment versuchen. Wir müssen nicht durch die ganze Bodhicitta-Sequenz gehen, dafür haben wir gar nicht die Zeit, aber wir können kurz versuchen, ein Gefühl von Liebe zu entwickeln, was nichts Anderes ist, als der Wunsch, dass jeder glücklich sein möge... wie wunderbar wäre es, wenn jeder glücklich wäre und die Ursache von Glück besäße... möge jeder glücklich sein... möge ich fähig sein ihnen das Glück zu bringen... möge jeder frei sein von seinen Problemen und den Ursachen der Probleme... wie wunderbar wäre das... möge ich fähig sein, ihnen zu helfen, ihre Probleme zu überwinden und die Ursache ihrer Probleme.

Und jetzt weiter...

Kamera“... „gleich“... „Individuum“ ... „was zu tun ist“... „offen“... „Liebe“... „Mitgefühl“ ... „Kamera- gleich- Individuum- was zu tun ist – offen“...

Wenn wir das alles zusammenbringen können, dann wird das wirklich sehr bewegend; das sind wahrhafte Meditationen. Was oft passiert, ist, dass diese Arten von Gewahrsein von Verwirrung bedeckt werden. Und wenn diese Verwirrung dazukommt, dann entsteht das, was wir als „störende Emotionen und Einstellungen“ bezeichnen. Um ein besseres Verständnis von diesen sog. störenden Emotionen und Einstellungen zu erzielen, wollen wir ein anderes Wort wählen; „verkrampft“. Wir brauchen dabei ein gefühlsmäßig starkes Wort, denn darüber wollen wir sprechen. Nehmen wir an, wir haben dieses grundlegende Gewahrsein, das wie eine Kamera oder ein Spiegel ist, und sind dabei verkrampft ... wie erfahren wir das? Wir erleben es mit einem Gefühl von Verschlossenheit. Die Linse der Kamera unseres Geistes und unseres Herzens ist verschlossen. Sind wir z.B. mit einer Person zusammen, und wollen gar nicht mit ihr zusammen sein, dann werden wir zu Eis, die Mauern sind hochgefahren.

Störende Emotionen und Einstellungen haben viele verschiedene Manifestationen; eine Möglichkeit zeigt sich in sehr aktiver Form, indem wir z.B. engstirnig sein können, so dass uns niemand etwas sagen kann; was auch eine Form der Verschlossenheit sein kann. Jemand spricht zwar zu uns, aber wir verschließen uns und wollen es nicht hören. Dann können wir eine sehr passive Form der Erfahrung haben. Wir vereinnahmen die anderen und ersticken sie regelrecht. Wir können nicht damit umgehen, dass der andere eine unabhängige Person ist, und so verschließen wir uns ihrer Individualität, ihrer Eigenständigkeit, und ersticken sie. Das ist eine andere Form der geschlossenen Linse der Kamera; wir sind verkrampft. Eine weitere Form wäre, scheu und verunsichert zu sein. Wir verschließen uns vor der Erfahrung, dem Kontakt, dem, was tatsächlich abläuft.

Wir müssen versuchen, diese Verkrampfung zu lösen, und was dann übrig bleibt, ist dieses grundlegende Gewahrsein wie ein Spiegel oder eine Kamera. Wenn jemand zu uns spricht und wir feststellen, dass wir verschlossen sind, dann machen wir einfach auf und reflektieren bzw. hören einfach, was gesagt wird. Wenn wir in einem sexuellen Kontakt der personifizierte Eisberg sind, dann verschließen wir uns völlig, und fühlen noch nicht einmal körperlich etwas. Wenn wir loslassen, dann bleibt der Spiegel in der Dimension der Gefühle. Wenn wir mit jemandem zusammen sind und sehr schüchtern sind, verschließen wir uns und haben Angst, und dahinter können alle Arten von Verrücktheiten ablaufen.

Und bei jeder dieser störenden Emotionen und Einstellungen kann ein solches Element der „ Furcht“ hinzukommen. Wenn es uns in dieser Schüchternheit gelingt, diese Verkrampftheit loszulassen, dann bleibt nur dieser Spiegel übrig, der die andere Person einfach in einem Zusammentreffen sieht. Wir lockern diese Verunsicherung und sind einfach nur da, gemeinsam mit der anderen Person; das ist Kamera. Dies ist eine tiefgründige Art, mit diesen störenden Einstellungen zu arbeiten. Dies nennt man: die störenden Einstellungen bereinigen und in tiefes Gewahrsein umwandeln. Das können wir üben. Wir haben nicht so viel Zeit, aber um eine kleine Idee davon zu bekommen, muss die Übung persönlich sein, es darf kein theoretisches Gefühl oder Problem sein.

Wir brauchen eine Erinnerung an eine Situation, in der wir verschlossen waren. Ich kann mich z.B. erinnern, dass ich meine Mutter im Altenheim besucht habe, wo fast jeder in einem Rollstuhl saß, brabbelte und brummte, und der Speichel aus dem Mund floss; und wie habe ich reagiert? Ich habe mich verschlossen, mit Furcht. Aber in dieser Situation sollte man entspannen, einfach der Spiegel sein und sehen, dass das alles alte und kranke Menschen sind. Ob es eine solche Erfahrung ist oder eine, dass man scheu oder stur ist, und uns keiner etwas sagen kann, oder sich sonst irgendeine unserer besonderen Eigenheiten zeigt. Wir versuchen nun, uns an eine persönliche Situation zu erinnern und üben dann, indem wir versuchen, uns zu entspannen. Unsere Atemmeditation gibt uns einen Hinweis, wie wir uns beruhigen und entspannen können. Dann versuchen wir die Kamera zu sein und zu sehen, was dieser Erfahrung zu Grunde liegt.... wir können hierbei die verschiedenartigsten Situationen heranziehen, und nicht nur eine; wenn wir z.B. mit einer Person zusammen sind, mit der wir nicht zusammen sein möchten, werden wir kalt: „Just relax“, einfach Kamera sein!

Wir werden die nachfolgenden Übungen ein wenig kürzer halten, sonst schaffen wir nicht mehr alle fünf Weisheiten. Das nächste ist, dass wir versuchen, die Qualität der Dinge zu sehen: das gleichsetzende Gewahrsein. Wenn wir dabei verkrampft sind, können wir nicht alle Wesen als gleich sehen, sondern wir betrachten uns selbst als etwas Besonderes. Dann entsteht in uns Stolz und Arroganz. Egal, welche Dimension das Ganze annimmt – ob man sagt: „Ich habe mehr Geld“ oder „Ich sehe besser aus“, oder „Ich bin intelligenter“ – das ist nur ein Detail, das ist egal. Es geht vielmehr darum, dass wir uns als besser sehen, und dann sehen wir nicht die Gleichheit. Dann sind wir geizig und wollen nicht teilen. Es gibt zwei Aspekte davon: diese aktive Form der Erfahrung und auch eine passive Form, wo wir verwirrt und verkrampft sind: „Ich bin schlechter als alle anderen, die Anderen sind großartig, nur mit mir stimmt etwas nicht.“ Und dann haben wir das Gegenteil vom Nicht-teilen-wollen, eine neurotische Selbstverleugnung, in der man dann alles weggibt: „Ich bin das alles nicht wert.“

Dies sind zwei Arten, wie man die Gleichheit verzerren kann. In beiden Fällen müssen wir entspannen und diese Verkrampftheit lösen. Und was ist dabei die grundlegende Funktion? Im Grunde sehen wir uns selbst, gemeinsam mit anderen, unter einem Gesichtspunkt: wir sehen die Gleichheit. Wieder können wir uns an etwas aus eigener Erfahrung erinnern, in der aktiven oder passiven Form, denn wahrscheinlich haben wir beide Erfahrungen gemacht. Wieder üben wir, indem wir versuchen, uns zu entspannen und die zugrunde liegende Gleichheit der Dinge zu sehen....

Die dritte Art ist individualisierendes Gewahrsein. Wenn wir uns in dieser Beziehung verkrampfen, dann entsteht in uns wünschende Begierde, d.h. Anhaftung, Besitzergreifen. Wieder können wir dabei eine aktive Form erfahren: „Ich muss diese Person haben“ oder irgendein Ding, was es auch sein mag. Aber wenn wir diese Verkrampftheit lösen können, dann spezifizieren wir diese Person einfach als Individuum, statt dass wir den Anderen zu etwas Superspeziellem machen und besitzen wollen. Oder wir haben eine mehr passive Form. Wir sehen jemanden und haben den starken Wunsch, in den Besitz jener Person zu kommen, dort hinzugehören. Es ist dasselbe, nur die andere Seite der gewohnten Erklärungen zur Begierde.

Wieder können wir die Verkrampftheit lösen, und was passiert dann? Wir spezifizieren die andere Person lediglich als Individuum, und das ist alles. Das Problem ist, dass darüber hinaus diese Verkrampftheit entsteht und man dann das Gefühl hat: „Ich gehöre dem anderen.“ Jetzt versuchen wir uns dieser störenden Einstellung zu erinnern und uns in das individualisierende Gewahrsein zu entspannen, die zugrunde liegt...

Die vierte Art ist vollbringendes Gewahrsein. Wenn wir darin verkrampft sind, dann entsteht Eifersucht, welche verschiedene Formen annehmen kann. Eine Form ist, dass eine Person eine Reise nach Asien macht und dass, wir darauf eifersüchtig sind, oder dass jemand ein neues Auto gekauft hat bzw. im Beruf weitergekommen ist. Das ist eine mehr aktive Art des Ausdrucks dieser Eifersucht. Wir können auch eine mehr passive Ausdrucksweise haben. Wir sehen, dass jemand auf andere achtet und mit Zuneigung auf sie zugeht, und wir werden dann eifersüchtig, weil wir möchten, dass dies auf uns gerichtet sein soll. Hier ist die Richtung mehr nach innen gerichtet, anstatt nach außen, wie in dem vorangegangenen Beispiel. Aber in beiden Fallen liegt dieses Gewahrsein zu Grunde: was ist zu tun bzw. was wird getan.

Wenn wir sehen, dass jemand irgendwo vorankommt, sind wir eifersüchtig, weil wir es dann selber tun möchten. Und was liegt dem zugrunde? Wir sehen, was zu tun wäre: einen Job zu finden, die Reise zu machen usw. Es ist nur so, dass wir verkrampft sind, wohingegen jemand anderes es einfach tut, und dann sind wir eifersüchtig. Wenn wir sehen, dass jemand anderem Aufmerksamkeit geschenkt wird. und wir sie eigentlich auf uns gerichtet haben wollen, sehen wir wieder, was zu tun ist; was in Bezug auf uns selbst zu tun ist, wenn wir dies oder jenes brauchen. Wir sehen aber, dass jemand anderer erkennt, was in Bezug auf einen dritten zu tun ist: die Aufmerksamkeit auf diese Person zu richten; aber wir sind verkrampft, wollen die Aufmerksamkeit auf uns gerichtet sehen und werden eifersüchtig. Wieder können wir uns an eigene Erfahrungen erinnern und versuchen zu entspannen, indem wir nur sehen, was in dieser Situation zu tun ist...

Die fünfte Art ist das Gewahrsein der Realität, oder der Natur der Dinge. Wenn wir hier verkrampft sind, entstehen in uns Ärger und Ablehnung. Wir können dann einen aktiven Ausdruck des Ärgers haben: „Ich will das nicht haben, ich will, dass es verschwindet.“ Z.B. benehmen sich die Kinder nicht korrekt, oder unser Partner verhält sich nicht so angenehm, wie wir es erwarten, dann schreien wir herum und sind ärgerlich. Dagegen ist die mehr passive Erfahrung, alles in sich zu bewahren, es auszuhalten, denn wenn wir es ausleben würden, hätten wir das Gefühl, dass es sich gegen uns richten würde. Beiden Arten liegt das Gewahrsein der Realität zu Grunde. Denn was sehen wir? Wir sehen. dass sich die Kinder falsch verhalten, dass sie sich nicht korrekt benehmen; wir sehen, was ist und was nicht ist. Wenn wir verkrampft sind, reagieren wir heftig, weil die anderen nicht so sind, wie sie es für uns sein sollten. Aber was wir tatsächlich sehen ist, was sie tun und was sie nicht tun. Ob wir es aktiv zurückweisen oder es in uns hineinfressen – es ist das Gleiche. Wir können den Ärger loslassen, indem wir einfach sehen, was passiert, was die Natur der Dinge ist; z.B. dass sich diese Person so verhält und nicht anderes. Das ist alles. Die Situation hat sich so und nicht anders ereignet, und das ist alles, was dem Ärger zu Grunde liegt. So üben wir wieder, uns zu entspannen und die Sphäre der Realität zu sehen....

Dies war eine andere Anwendungsmöglichkeit oder Dimension, wie man mit den Weisheiten oder den fünf Buddha-Familien arbeiten kann. Es gibt noch mehrere andere Aspekte, z.B. wenn man die Weisheiten in Zusammenhang mit den fünf Skandhas bringt, oder mit den verschiedenen Farben und Aspekten einer Mandala-Praxis, oder mit den 19 Übungen, mit denen man ein enges Band mit den Buddha-Familien zu knüpfen versucht, wie auch durch die sechs Sitzungen des Guruyoga. Wir haben nicht die Zeit, dies alles abzudecken, aber wir haben noch ein bisschen Zeit für Fragen.

Frage: Wenn jemand diese Verkrampfungen hat und diese Unterweisungen nicht kennt, wie kann diese Person sich selbst helfen, oder wie kann ich helfen, denn im Moment der Verkrampfung hat sie ja zugemacht und ist unzugänglich?

Antwort: Ich denke, es ist hilfreich zu versuchen, dass sich die andere Person entspannt und ruhig fühlt. Dies ist eine Angelegenheit unserer eigenen Energie. Wenn ihre Verkrampftheit unsere Verkrampftheit steigert, wird alles nur noch schlimmer. Es ist, als ob ein Hund bellt und wir Angst haben; der Hund spürt dann diese Angst und bellt noch mehr. Wenn wir dagegen ruhig bleiben, wird sich der Hund beruhigen, und das gleiche gilt für Menschen.

Ich muss hier noch erwähnen, dass, wenn man versucht diese Verkrampfungen zu lösen und sich dann in diesem zugrunde liegenden Gewahrsein befindet, es viele Arten gibt, wie man dieses Lösen durchführen kann. Wir versuchen es hier auf der Ebene des Entspannens, also auf einer mehr gefühlsmäßigen Ebene oder der Ebene der Energie. Aber um wirklich auf der tiefsten Ebene entspannen zu können, muss man Leerheit verstehen: ein Verständnis der Natur des Ich, das sich so verkrampft fühlt. Es gibt also verschiedene Ebenen, um damit zu arbeiten.

Frage: Wie kann man sich davor schützen, sich selbst zu betrügen, indem man denkt: „Das betrifft mich nicht“ oder „Das habe ich im Griff.“ Z.B. sehe ich besonders bei der letzten Übung die Gefahr, dass man den Ärger nur verdrängt, oder dass man eifersüchtig ist, aber behauptet, man sei es nicht.

Antwort: Das ist ein Beispiel dafür, dass man verschlossen ist, dass man seinen eigenen Gefühlen gegenüber verschlossen ist, dass man verdrängt und leugnet.

Frage: Aber wie kann man das feststellen?

Antwort: Schauen wir uns die Definition einer störenden Emotion oder Einstellung an. Wir finden: „eine Emotion oder Einstellung, die, wenn sie erscheint, uns und/oder anderen ein unangenehmes Gefühl bereitet.“ Wenn wir ärgerlich oder eifersüchtig sind, fühlen wir uns unwohl. Wenn wir ärgerlich und betrunken sind und uns zwar dabei nicht unwohl fühlen, befinden sich jedoch die anderen in einer unangenehmen Situation. Wenn wir ein bestimmtes Gefühl leugnen – und langsam werden wir uns ja auch selbst gegenüber feinfühliger -, dann können wir das Unwohlsein feststellen: das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, der Magen flattert, unsere Muskeln sind angespannt. Dies sind alles Anzeichen dafür, dass irgendwelche störenden Faktoren da sind. Es ist interessant, dass wir bemerken können, dass, wenn wir mit einer Person sprechen und sie etwas sagt, was uns nicht gefällt, wir uns dann aufregen. Oder wenn wir etwas sagen und versuchen, damit Eindruck zu schinden, den anderen also für uns einnehmen wollen, dann spüren wir, wie wir nervös werden. Wir können das alles fühlen, indem wir beginnen, dafür sensibel zu werden.

Frage: Welche Technik kann man anwenden, wenn man nun buddhistischer Anfänger ist und sich entschlossen hat, nicht mehr wütend zu sein und seinen Chef auch nicht mehr anbellen will, aber trotzdem noch Wut hat und sie einfach schluckt; was sich aber dann in anderen, teilweise extremen Formen ausdrückt... dass man etwa nachts nicht mehr schlafen kann?

Antwort: Zuerst müssen wir erkennen, was wir tun. Wir überlagern den Buddhismus mit einem biblischen Gefühl von Moralität; wir müssen so sein, sonst sind wir schlecht. Dieses Urteilen über Gut und Schlecht ist nicht die buddhistische Art und Weise, die Dinge zu betrachten. Es gibt keine Beurteilungen im Buddhismus. Ethik wird nicht auf moralistischen Beurteilungen gegründet. Es wird nur gesagt, dass gewisse Dinge Probleme verursachen oder nach sich ziehen können. Das ist alles, was gesagt wird. Und wenn man Probleme loswerden will, lässt man diese Dinge sein! Es ist sehr einfach – ohne jegliche moralistischen Urteile. Es ist die Wahl eines jeden selbst. Wenn man erkennt, was man tut, kann man es realistisch sehen, und das hilft ein wenig, mit solchen moralistischen Urteilen aufzuhören: „Wenn ich wütend bin, bin ich schlecht; ein schlechter Buddhist.“

Und dann habe ich von der passiven und aktiven Erfahrung der Wut gesprochen; in diesem Fall liegt eine passive Form der Erfahrung von Wut vor; die Wut ist innerlich immer noch vorhanden, sie wird nur zurückgehalten. Wir dürfen nicht glauben, dass wir die Wut überwunden haben, wenn wir sie nur in uns zurückhalten. Wir müssen sehen, dass es keine Technik ist, den Ärger zu überwinden, indem wir ihn zurückhalten, er hat nur seine Form geändert und man erlebt ihn nur auf eine andere Weise. Das müssen wir erkennen und dann eine Technik, die wir kennen, praktizieren, egal ob es sich um eine ausdrucksvolle, aktive Form oder eine zurückhaltende, passive Form handelt. Wenn wir innerhalb der buddhistischen Ethik darüber sprechen, uns von den unheilsamen Handlungen – oder ich ziehe es vor, sie destruktive Handlungen zu nennen – fernzuhalten, dann sprechen wir nicht von unterdrücken. Was sagen die Erklärungen? Indem wir die Nachteile der destruktiven Handlungen erkennen und indem wir sie vollständig verstehen und fest entschlossen sind, das Resultat nicht erfahren zu wollen, handeln wir nicht so. Der Entschluss gründet auf diesem Verständnis und auf dieser Überzeugung. Es heißt nicht: „Wenn ich das tue, bin ich schlecht, also halte ich mich zurück.“

Vielleicht müssen wir zu den Grundlagen zurückgehen, vielleicht sind wir zu schnell vorangegangen. Wir müssen dahin zurückgehen, wo wir fragen: Was sind eigentlich diese destruktiven Handlungen?

Frage: Ein kluger Mann sagte mir einmal, dass der Neid hauptsächlich bei den nordeuropäischen Völkern vorherrscht, der Stolz bei den südeuropäischen Volkern, und Ärger und Hass bei den osteuropäischen Völkern. Ich habe mich umgesehen und glaube, dass das stimmt. Woran kann das liegen? An der Kultur oder der Geschichte?

Antwort: Aus meiner eigenen Erfahrung mit diesen Teilen Europas würde ich sie nicht so charakterisieren, aber das ist nicht wirklich die Frage. Bestimmt gibt es dominante störende Einstellungen in gewissen Gesellschaften. Und was immer diese auch sein mögen, ob sie sich vielleicht geschichtlich entwickelt haben oder ob sie vielleicht philosophische Hintergrunde haben, wie z.B. im Fall von China, das sich als zentrales Reich betrachtet und alle anderen als Barbaren sieht, woraus sicherlich größerer Stolz entsteht, als ich ihn z.B. bei Europäern erlebt habe; aber es ist nicht entscheidend, welche Einstellung an welchem Ort vorherrscht. Wir können unterscheiden zwischen Einstellungen, die durch den Einfluss von Propaganda entstehen, und solchen, die automatisch entstehen. Wenn man z.B. die Kreuzzüge betrachtet, dann bestand aus der Kultur heraus viel Hass auf die Ungläubigen. Daneben gibt es die automatische Wut, die entsteht, wenn man einem Hund seinen Knochen wegnimmt. Was wir in einer Kultur finden, hat sich historisch und aus der Philosophie entwickelt, und das beeinflusst uns. Es ist interessant herauszufinden, warum sich manche Einflüsse auf bestimmte Gesellschaften auswirken, aber wichtiger ist es, diejenigen störenden Einstellungen zu identifizieren, die wir selber haben, wenn sie der Propaganda unserer Gesellschaft entspringen.

Frage: Wie ist der karmische Einfluss auf diese störenden Einstellungen? Wenn ich übe, diese störenden Einflüsse zu beseitigen, wie weit kann der karmische Einfluss verhindern, Klarheit zu gewinnen?

Antwort: Ich denke, die Reihenfolge ist andersrum als du es erklärt hast. Es ist keine geradlinige Sequenz. Wir haben störende Einstellungen wie Ärger und Wut, und dies löst einen karmischen Instinkt aus, um z.B. jemanden anzuschreien oder zuzuschlagen: dann schreien wir oder schlagen wir zu. Wenn wir uns von dieser störenden Einstellung lösen können, dann wird nichts entstehen, was einen karmischen Instinkt auslösen könnte. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir das Wort Karma hier falsch verwenden. Wir haben nicht nur Instinkte, resultierend aus unserem Karma, unseren Handlungen, sondern auch diese störenden Einstellungen selbst produzieren Instinkte und Gewohnheiten. Es gibt also zwei verschiedene Arten von Gewohnheiten. Zum einen die Gewohnheit, ärgerlich zu sein, und zum anderen die Gewohnheit, ganze Gedankenzüge mit Ärger zu denken. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Es gibt das Denken, das Sprechen und das Handeln. Diese Vorgänge können durch diese störenden Einstellungen ausgelöst werden, und sie können von störenden Einstellungen begleitet sein. Wenn wir unseren Kindern sehr streng sagen, sie sollen nicht mit Zündholzern spielen, dann kann das zwei Einstellungen haben: wir können es mit Ärger sagen, oder mit Mitgefühl. Dies trennt die Handlung und die störende Einstellung, die sie entweder auslöst oder begleitet. Wir haben Gewohnheiten für beide Arten der Handlung. Die Gewohnheiten dieser störenden Einstellungen werden wieder störende Einstellungen auslösen.

Je mehr Vertrautheit wir mit Leerheit bekommen, umso mehr werden wir loskommen von diesen störenden Einstellungen, und auch von den Gewohnheiten. Ich gebe ein Beispiel. Wir können eine große Anhaftung, einen starken Wunsch haben, Alkohol zu trinken, und wir hören damit auf und gehen zu den Anonymen Alkoholikern. Wir können vielleicht tatsächlich den Wunsch überwinden, Alkohol zu trinken. Oder wenn wir mit dem Rauchen aufhören und eine Zigarette sehen, hat sie nichts Anziehendes mehr an sich ... aber solange wir uns selbst als Alkoholiker identifizieren, solange haben wir die Angst: „Wenn ich nur ein Glas trinke, werde ich wieder rückfällig.“ Nur wenn wir mit der Leerheit vertraut sind, sehen wir, dass Alkoholiker zu sein, nicht unsere wahre, beständige Identität ist. Ich mag einmal Alkoholiker gewesen sein, aber das heißt nicht, dass ich es immer sein muss und nichts Anderes sein kann. Lediglich mit diesem Verständnis der Realität können wir unsere Gewohnheiten ebenso überwinden wie den Wunsch nach Alkohol.

Frage: Dieses Wort Leerheit ist für mich eine Qual, es hat für mich einen so negativen Charakter wie ein trister Raum. Gibt es nicht ein positives Wort dafür?

Antwort: Im Zusammenhang mit der Meditation über die Sphäre der Realität habe ich die Leerheit erklärt, aber das Wort Offenheit verwendet. Wir haben die Person nicht als Alkoholiker, als alte oder junge Person betrachtet, sondern als Wesen, welches offen ist und sich entwickeln kann. Dies ist eine andere Art und Weise, die Leerheit zu betrachten.

Okay. Lasst uns damit schließen, dass wir uns für zwei Minuten auf den Atem ausrichten...

Was immer an positivem Potential und positiver Energie aufgebaut wurde, indem wir zusammengekommen sind, zugehört und meditiert haben, möge dazu dienen, dass jeder seine Probleme und Verwirrungen überwinden kann, und möge jeder all seine Potentiale, diese Buddha-Weisheiten, erkennen und verwirklichen, so dass wir auf die beste Weise allen helfen können.

Danke schön.