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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine Einführung in die Meditation
über die fünf Arten des tiefen Gewahrseins

Alexander Berzin
Freiburg, Deutschland, 31. Januar 1999
Übersetzung ins Deutsche: Hans-Harald Niemeier

Es gibt fünf Arten, in denen wir uns der Dinge um uns herum bewusst sind, und sie sind tief in dem Sinne, dass es fünf Weisen sind, nach denen unser Geist normalerweise arbeitet. Die Aufgabe, die Herausforderung, ist es, sie zu erkennen und dann weiterzuentwickeln, damit wir sie gebrauchen können um uns und anderen eine einfühlsamere Hilfe zu sein. Es sind diese:

  1. Spiegelgleiches Gewahrsein – das Gewahrsein, welches wie ein Spiegel, eine Kamera, oder ein Mikrofon ist und ständig alle Informationen aufnimmt, die um uns herum verfügbar sind und die wir wahrnehmen.

  2. Gleichsetzendes Gewahrsein – die Fähigkeit, Dinge in Kategorien zu sehen, mit anderen Worten, die Informationen, die wir aufnehmen zu organisieren. So können wir verschiedene Dinge als zu derselben Kategorie gehörig erkennen.

  3. Individualisierendes Gewahrsein – die Individualität der Dinge zu erkennen.

  4. Vollbringendes Gewahrsein – zu erkennen, wie wir zu den individuellen Dingen in Bezug treten.

  5. Das Gewahrsein der Realität – zu sehen, was die Dinge sind.

Dies sind fünf sehr grundlegende Komponenten der Arbeitsweise unseres Geistes. Um mit ihnen arbeiten zu können brauchen wir zunächst einen ruhigen Geist. Was sie davon abhält, möglichst effizient und vollständig zu funktionieren ist, dass wir in unserem Kopf ständig sprechen, Kommentare abgeben, uns beschweren oder über uns nachdenken. Was uns noch davon abhält, mit diesen Arten des Gewahrseins sensibler umzugehen, ist unsere Selbstzentriertheit. Wir interessieren uns nicht für andere.

Bevor wir also mit diesen fünfen arbeiten, sollten wir vorbereitende (Atem)-Praxis machen um unseren Geist zu beruhigen und Interesse für andere zu entwickeln. Es gibt viele Methoden, den Geist zur Ruhe zu bringen. Eine der grundlegendsten ist es, den Geist auf den Atem auszurichten. Wir atmen dabei ganz normal durch die Nase, nicht zu langsam, nicht zu schnell, nicht zu tief. Ohne den Atem anzuhalten achten wir dabei auf die Empfindung des Atems, der durch die Nase ein- und ausströmt. Eine Variation wäre, auf die Bewegung der Bauchdecke beim Ein- und Ausatmen zu achten. Dabei konzentrieren wir uns auf das Chakra nahe dem Nabel, was auch hilft, den Geist zu beruhigen. Lasst uns das üben, ohne dabei weitere verbale Gedanken zu haben...

Jetzt, da unser Geist etwas ruhiger geworden ist, wollen wir ein Gefühl von Liebe, Wertschätzung und Mitgefühl für andere in uns aufkommen lassen.

Gestern haben wir eine der grundlegenden Techniken der Meditation beschrieben, die angewandt werden, um uns dahin zu bringen, eine bestimmte Einstellung zu erzeugen und die Dinge in einer bestimmten Weise zu sehen und zu empfinden. Um eine bestimmte heilsame Einstellung in uns zu entwickeln, müssen wir fähig sein, die Dinge mit dieser Einstellung zu sehen und zu spüren. Wir hatten das Beispiel, andere zu sehen und dabei frei von Illusionen über sie zu sein und dies auch zu spüren. Wir haben erreicht, sie so zu sehen, indem wir unser Verständnis von ihnen entwickelt haben.

So wollen wir jetzt etwas Ähnliches tun zur Entwicklung von Mitgefühl. Es ist recht schwer, sich zu sagen: Jetzt will ich Liebe und Mitgefühl für alle haben und dabei ein echtes Gefühl zu haben. Zunächst sind dies einfach nur Worte bei denen wir nichts empfinden. So müssen wir uns also zu dieser Empfindung bringen, etwa so, wie wir uns z.B. in Ärger hineinsteigern indem wir denken: „Er hat dies gesagt und das getan...“ und dann wirklich ärgerlich werden. Nun tun wir dasselbe in Hinblick auf Mitgefühl.

Es gibt sicher viele Argumentationsketten, um Mitgefühl für andere zu entwickeln, aber es ist hier nicht nötig, die komplexeren durchzugehen. Es gibt einen Ansatz, den der große indische Meister Shantideva vorgeschlagen hat. Er sagte, dass Schmerz und Leiden keinen Eigentümer haben. Wir wollen Schmerz beseitigen, nicht weil es dein oder mein Schmerz ist, sondern einfach deshalb, weil Schmerz weh tut. Wenn wir einen Dorn im Fuß haben dann sagt die Hand nicht zum Fuß: „Pech, das ist dein Problem, mir geht es gut.“ Offensichtlich entfernt die Hand den Dorn aus dem Fuß, weil der Schmerz weh tut.

Genauso ist es mit dem Schmerz anderer. Ebenso wenig wie wir Kopfschmerzen haben wollen, möchte das irgendjemand anders. Also muss jeder Kopfschmerz, der in irgendjemandem erscheint, entfernt werden, ob es deiner oder meiner ist: einfach weil es weh tut. Dasselbe gilt für alle Arten von Problemen und Unsicherheiten, die wir alle erfahren. Man möchte, dass sie überwunden werden, einfach weil sie schmerzhaft sind.

Was jetzt das Mitgefühl betrifft oder die fünf Arten des Gewahrseins, so könnte man sie sich natürlich einfach vorstellen, aber das ist nicht sehr kraftvoll. Insbesondere, wenn wir Mitgefühl und Empfindsamkeit entwickeln wollen, ist es kraftvoller, wenn wir dabei tatsächlich Menschen ansehen. Wir wollen also diese Meditationen machen, indem wir einander hier im Kreis ansehen. Zuerst würden wir uns also diese Schlussfolgerung bewusst machen, dass Schmerz beseitigt werden muss, nicht weil es meiner oder deiner ist, sondern einfach, weil er weh tut. Das schließt den Schmerz von allen mit ein. So schauen wir uns im Raum um und wünschen einem jeden: Was immer an Schmerz oder Unsicherheit dich belastet, mögest du frei davon sein. Nicht weil es dein persönliches Problem ist, unsicher zu sein oder zu leiden, sondern weil es einfach schrecklich ist, sich unsicher zu fühlen.

Also lasst uns einander ansehen, indem wir diese Einstellung entwickeln und versuchen, sie wirklich zu empfinden. Dabei versuchen wir dies im Schauen zu entwickeln, wir müssen das nicht in unserem Kopf verbalisieren. Wenn unser Geist wegwandert und wir das Gefühl verlieren, erinnern wir uns einfach mit einem Stichwort: Mitgefühl oder besser: Mögest du frei sein. Wir müssen nicht viel mehr sagen.

Auf dieser Grundlage von Anteilnahme und Mitgefühl, die wir einander entgegenbringen, beginnen wir, die fünf Arten des Gewahrseins zu praktizieren.

Auf dieser Grundlage wollen wir alle Informationen über jemanden aufnehmen und sehen, was sein Problem ist. Um also helfen zu können und empfindsam zu werden müssen wir lernen, alle Informationen aufzunehmen wie eine Videokamera.

Wir schauen uns also wieder hier im Raum um und nehmen alle Informationen über die Erscheinung der Personen auf. Wir können einiges über jemanden erkennen aus dem Gesichtsausdruck, der Körperhaltung, können sehen, ob jemand viel Spannung in sich trägt oder gelöst ist, gesund aussieht oder krank, ob er sich um seinen Körper und sein Aussehen kümmert, viel Makeup trägt oder nicht. All das sind Informationen über jemanden, die uns eine Menge über diese Person sagen.

Wir wollen in der Lage sein, all diese Informationen aufzunehmen, aber ohne dabei irgendwelche mentalen Kommentare oder Bewertungen zu machen. Es ist aber kein interesseloses Aufnehmen von Informationen über jemanden, sondern motiviert von unserem Interesse an seinen Problemen. Und das in Bezug auf jeden.

Lasst uns das jetzt tun und wenn wir abschweifen, so bringen wir uns zurück mit dem Wort Kamera. Ich werde also dieses Wort von Zeit zu Zeit sagen, um uns zu erinnern, worauf wir uns ausrichten wollen. Oder auch: „Keine Kommentare“, so dass wir ausgerichtet bleiben auf das, was wir tun. Und dies ist eine Fähigkeit, die wir versuchen zu entwickeln, so dass wir sie jederzeit anwenden können. Dies ist die Art und Weise, wie wir mit dem ersten Gewahrsein üben können, mit dem Gewahrsein, das spiegelgleich genannt wird.

Das zweite Gewahrsein ist dann das gleichsetzende Gewahrsein der Dinge. Gewöhnlich sind wir in der Lage, Dinge in gleichen Kategorien zu sehen, z.B. dass diese vier Menschen alles Frauen sind. Jetzt nutzen wir diese Fähigkeit, indem wir Gruppen von Menschen gleichzeitig anschauen und sie als gleich sehen. Wir sehen uns im Raum um und nehmen so viele Menschen auf, wie bequem in unser Gesichtsfeld passen, etwa zwei bis drei, und wir versuchen, sie als gleich anzusehen, etwa in der Hinsicht, dass sie alle glücklich sein wollen und niemand von ihnen unglücklich sein möchte. Seien es nun Frauen oder Männer, seien sie alt oder jung, ganz egal, in dieser Hinsicht sind alle gleich. Wir versuchen also, die Menschen mit dieser Einstellung zu sehen und dies auch zu fühlen. Sobald wir damit vertraut sind, können wir das überall tun, zum Beispiel in einem Bus oder wann immer wir unter Menschen sind. Immer wenn unsere Achtsamkeit abschweift, bringen wir sie zurück mit dem Wort gleich. Wir tun dies alles ohne jeden Kommentar, ohne irgendetwas in unserem Kopf zu sagen.

Die dritte Art des Gewahrseins ist individualisierendes Gewahrsein. Menschen sind nicht nur in Kategorien einteilbar, sondern sie sind auch Individuen. Wenn wir eine Frau sehen, so ist sie nicht irgendeine Frau sondern auch ein Individuum. Wenn wir einen Fremden sehen, ist dies nicht nur irgendein Fremder, sondern ein Individuum. Was wir also versuchen, ist, dass wir uns im Raum umsehen und uns bemühen, jeden als Individuum zu sehen. Wir sind dazu ohne weiteres in der Lage, denn wir tun dies auch sonst immer. Wir können sehen, dass dies Yeshe ist und das Matthias. Wir müssen uns nicht ihren Namen nennen, um zu sehen, dass sie Individuen sind. Dasselbe gilt für andere: Selbst, wenn wir sie nicht kennen, so sehen wir doch, dass es Individuen sind, was grundsätzlich bedeutet, sie mit Respekt zu sehen. Wir tun dies also jetzt, und wenn unsere Aufmerksamkeit abschweift bringen wir sie zurück mit dem Wort Individuum. Und auch hier machen wir weiter keine geistigen Kommentare oder Bewertungen.

Auf der Grundlage dieser Formen des Gewahrseins können wir die vierte Art entwickeln, vollbringendes Gewahrsein, die sich darum dreht, wie wir mit jemandem in Verbindung treten. Wir können alle sehen, wie man sich einem Baby oder einem Erwachsenen gegenüber verhält. So können wir uns auch anderen gegenüber angemessen verhalten, sobald wir an ihnen interessiert sind, alle Informationen über sie aufgenommen haben, sie in gleicher Weise wichtig nehmen wie jeden anderen und sie als Individuum respektieren. Auf dieser Basis haben wir eine Möglichkeit, mit ihnen in Beziehung zu treten. Bei manchen Menschen erkennen wir, dass wir sehr sanft mit ihnen umgehen müssen, weil sie sehr nervös und ängstlich sind. Mit anderen müssen wir sehr enthusiastisch sprechen, um sie zu inspirieren. Mit einigen müssen wir auf einer sehr ausgeklügelten intellektuellen Ebene sprechen, mit anderen wiederum sehr einfach. Mit einigen sollten wir humorvoll sprechen, mit anderen müssen wir sehr ernsthaft sein. So verhalten wir uns angemessen, indem wir uns auf jeden einstellen.

Mit einigen würden wir eher über Fußball sprechen, mit anderen wieder über Geschäfte. Dies bezieht sich nicht nur auf verschiedene Personen, sondern auch auf dieselbe Person zu unterschiedlichen Zeiten oder Stimmungen. So nehmen wir immer wieder genau alle Informationen auf und respektieren das Individuelle, z.B. die momentane Stimmung unseres Partners. Dies bedeutet, dass wir sensibler werden und uns in unterschiedlichsten Situationen angemessen verhalten können.

Lasst uns also wieder im Raum herumschauen. Dies ist die schwierigste der Übungen, insbesondere, wenn wir uns noch nicht lange genug kennen. Wenn wir also jetzt nicht gleich erkennen, wie wir uns einer Person gegenüber verhalten können, so lasst uns wenigstens an der Bereitschaft arbeiten, mit ihr in Beziehung zu treten. Wenn wir z.B. ein Gespräch anfangen wollen, so werden wir die anderen Personen nicht völlig mit unseren eigenen Problemen überrennen und ihnen unseren Trip aufdrängen. Stattdessen werden wir ihnen zuhören und auf der Grundlage der Hinweise, die sie uns geben, werden wir uns angemessen verhalten und uns auf sie einstellen. Lasst uns jetzt also einander anschauen unter dem Gesichtspunkt von Verhalten und Beziehung. Und wenn unser Geist abschweift so bringen wir ihn zurück mit dem Wort verbinden, und das tun wir wieder ohne weitere Kommentare.

Die letzte dieser fünf Gewahrseinsarten ist das Gewahrsein der Realität, die Natur des jeweils anderen zu sehen. Wir können sehen, was jemand ist, ein Mann oder eine Frau, ein junger Mensch oder ein alter. Worauf wir uns besonders ausrichten wollen, ist ihre tiefere Natur. Mit anderen Worten: obwohl jemand eine junge Frau oder ein alter Mann ist oder vielleicht gerade niedergeschlagen oder depressiv ist, so ist das doch nicht ausschließlich der Fall, sondern da ist immer eine Fähigkeit, zu wachsen.

Auch, wenn wir jetzt zu einer bestimmten Beziehung, einem bestimmten Verhalten kommen, so sind wir nicht ewig darauf festgelegt, sondern wir geben ihnen Raum, sich zu verändern und zu wachsen. Wir entwickeln eine gewisse Haltung von eigener Beweglichkeit, anderen gegenüber sensibel zu bleiben für jeder mögliche Art von Veränderung.

Wir schauen uns also im Raum an und gestehen einander zu, dass wir offen sind, offen, uns zu verändern und zu wachsen. Wenn unser Geist abschweift, so bringen wir ihn zurück mit dem Wort offen, wir sind offen für Veränderung und wir bleiben offen. Und wir tun dies ohne weitere innere Kommentare. Diese Art zu schauen ist besonders frei von Urteilen.

Der letzte Schritt in diesem Meditationsprozess ist, alle fünf Arten des Gewahrseins zugleich zu üben. Dies ist sicher nicht so einfach und setzt einige Erfahrung mit den einzelnen voraus. Lasst es uns versuchen, in dem wir die Basis sukzessive um ein Gewahrsein nach dem anderen erweitern.

Wir beginnen mit der Einstellung von Mitgefühl: Mögest du frei sein. Dazu kommt die Sichtweise der Kamera, die alle Information aufnimmt. Und dann schauen wir mit dem Gefühl der gleichen Wichtigkeit, dem des Respekts für die Individualitäten der anderen und einem Gefühl für angemessenes Verhalten ihnen gegenüber. Und schließlich mit dem Gefühl der Offenheit.

Ihr seht, dass dies nicht so einfach ist. Wie wir heute Abend noch sehen werden, ist Tantra eine eher fortgeschrittene Praxis, bei der wir versuchen, all diese Dinge gleichzeitig zu tun. Dort laufen all diese Dinge zusammen.

Dies also sind einige der Meditationspraktiken zur Entwicklung einer ausgewogenen Sensibilität.