Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Auflösung störender Emotionen
in das zugrunde liegende tiefe Gewahrsein

Alexander Berzin, 1998
Übersetzung ins Deutsche: Dr. Thomas Lautwein und Renate Noack

Störende Emotionen entstehen aus der Projektion trügerischer Erscheinungen, insbesondere dualistischer, und dem Glauben daran. Unter dem Einfluss dieser Emotionen werden wir unsensibel oder überempfindlich. Wenn wir sie dekonstruieren, finden wir den Schlüssel, der ihnen zugrunde liegt, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen – unser Netzwerk von fünf Arten tiefen Gewahrseins, die manchmal als die fünf Buddha-Erkenntnisse (Buddha-Weisheiten) bezeichnet werden.

Die folgende Darstellung leitet sich aus den im Abhidharma diskutierten fünf Haupthindernissen her: Naivität/Unwissenheit, Arroganz, Verlangen/Anhaftung, Neid/Eifersucht und Wut. Die Unterweisungen über die Leerheit-von-Anderem (tib. gzhan-tong, „zhantong“) enthalten die genauesten Angaben über deren Dekonstruktion in tiefes Gewahrsein. Da mangelndes Selbstwertgefühl im Westen weit verbreitet ist, wollen wir den Bereich der klassischen Darstellung der fünf Hauptgeistesgifte ausdehnen, um verwandte Emotionen mit einzuschließen, die im Zusammenhang mit der Selbstherabsetzung entstehen. Dabei folgen wir der buddhistischen Kommentartradition, einem klassischen Text logische Schlussfolgerungen hinzuzufügen, die die Unterweisungen an spezifische Situationen anpassen. Shantidevas Methode des Perspektivwechsels von sich selbst zu anderen, um Stolz, Ehrgeiz und Eifersucht entgegenzuwirken, legt das analytische Werkzeug nahe, das wir verwenden werden: das Verschieben der Orientierung von anderen zu uns selbst.

Naivität

Naivität (Skt. moha) ist entweder die Verwirrung über Ursache und Wirkung oder über die Realität, die destruktives Benehmen oder Denken begleitet. Eine solche Verwirrung kann entstehen, weil wir über diese Phänomene nichts wissen oder sie in verkehrter Weise auffassen. Wenn wir in Bezug auf Ursache und Wirkung naiv sind, glauben wir vielleicht, dass unsere unsensiblen Handlungen und unser übertriebenes emotionales Benehmen keine Auswirkungen hätten. Wir können uns auch einbilden, dass sie Glück bringen, während sie in Wirklichkeit Leiden verursachen. Überempfindlich gegen jeden Rat, dass unser forderndes Benehmen für unsere angespannten Beziehungen verantwortlich ist, können wir zusätzlich noch alle anderen für unsere Probleme verantwortlich machen. Wenn wir in Bezug auf die Realität naiv sind, begreifen wir nicht, dass die dualistischen Erscheinungen, die unser Geist erschafft, bloße Wellen von Klarer-Licht-Aktivität sind. Sie beziehen sich auf nichts Reales. Folglich reagieren wir in übertriebener Weise.

Oft begleitet verzerrtes, antagonistisches Denken unsere Naivität, was uns engstirnig macht. Dies führt dazu, dass wir die Existenz von Ursache und Wirkung hartnäckig ableugnen oder uns weigern, die Existenz oder die Fakten über eine Situation oder eine Person zu akzeptieren. Es lässt uns auch defensiv oder aggressiv darauf bestehen, dass unsere dualistischen Erfahrungen der Realität entsprechen.

Da Naivität, insbesondere in ihren engstirnigen Formen, ein weit verbreitetes Leiden ist, das die meisten Leute nicht einmal an sich entdecken, wollen wir einige Beispiele aufzählen:

  • Wenn wir die Existenz unserer Gefühle naiv ableugnen, entfremden wir uns von ihnen.

  • Obwohl uns beunruhigende Gedanken oder Bilder immer wieder quälend in den Sinn kommen, wollen wir nicht über sie nachdenken.

  • Wir bilden uns ein, unsere Probleme gingen vorüber, wenn wir nicht über sie nachdenken.

  • Da wir glauben, wir seien der Mittelpunkt des Universums, wollen wir die Ansicht eines anderen nicht in Betracht ziehen.

  • Wir bestehen darauf, dass jemand etwas für uns tut, auch wenn er keine Zeit hat.

  • Überzeugt davon, dass wir unfähig sind, Beziehungen aufzubauen, haben wir Angst vor anderen und verschließen uns vor sinnvollen Kontakten.

  • Da wir uns weigern, die Unabhängigkeit einer geliebten Person anzuerkennen, werden wir überfürsorglich.

Wenn wir die dualistischen Erscheinungen hinter unserer Naivität erkennen, können wir sie dekonstruieren. Nehmen wir zum Beispiel an, wir hätten ein sechzehnjähriges Kind und wir hätten angesichts eines scheinbar konkreten bedrohenden Gedankens wie „Du brauchst mich nicht mehr so wie als Kind“ das Gefühl eines scheinbar konkreten, bedrohten „Ich“ erzeugt. Wenn wir uns nach der Sichtweise der Leerheit-von-Anderem von der Unsicherheit lösen, die uns fest im Griff hält, werden wir der Realität gewahr. Mit anderen Worten, wir wissen genau, dass unser Kind sechzehn Jahre alt ist. Nichtsdestoweniger wollen wir nicht darüber nachdenken, was diese Tatsache mit einschließt und so spüren wir Angst. Da wir naiverweise glauben, es schaffe keine Probleme, wenn wir unser Kind weiterhin wie ein Baby behandeln, sind wir überfürsorglich. Angst und Naivität verdunkeln dann unser Gewahrsein der Realität.

Weit jenseits unserer Anspannung liegt das Gewahrsein, das die tiefste Sphäre der Realität ausmacht, nämlich die Klare-Licht-Aktivität des Geistes, die Erfahrung erst entstehen lässt. Wenn wir uns vollständig entspannen, erfahren wir Gedanken als bloße Wellen auf dem Ozean des Geistes. So ist der Gedanke, dass unser Kind eine unabhängige Person ist, nicht länger eine bedrohende Erfahrung.

Die Position der Selbst-Leerheit (tib. rang-stong, „rangtong“) erklärt, dass wir, wenn wir den Griff der uns in Schrecken haltenden Naivität lockern, das darunter liegende spiegelgleiche Gewahrsein finden. Wir hatten die Information aufgenommen, dass unser Kind aussieht, handelt und spricht wie ein Sechzehnjähriger, hatten dieser Tatsache aber entweder keine Aufmerksamkeit geschenkt oder uns entschlossen, sie zu ignorieren. Wenn wir unseren Geist und unser Herz öffnen, erfassen wir die schon immer zugrunde liegende Erfahrung – das bloße Aufnehmen von Information gleich einer Kamera oder einem Mikrofon.

Kurz, Naivität ist nicht zu vergleichen mit der Erzeugung von mentalen Erscheinungen von Objekten und der Beschäftigung mit ihnen, mit der Aufnahme von Informationen oder dem Wissen, was die Dinge sind. Diese störende Emotion ist kein Hauptmerkmal geistiger Aktivität. Sie entsteht nur, wenn wir diese Grund-Aktivitäten mit dualistischen Erscheinungen überlagern und daran glauben. Nur wenn wir ein konkretes „Ich“ konzipieren, das einem konkreten „Objekt“ gegenübersteht, bekommen wir Angst vor unseren Erfahrungen. Folglich schotten wir uns naiverweise selbst ab, als ob wir die Realität vermeiden könnten. Wenn wir unser Gefühl des Dualismus loslassen oder zumindest unseren Glauben daran, dass es sich auf etwas Reales bezieht, entdecken wir das spiegelgleiche Gewahrsein der Realität, das es schon immer als Struktur unserer Erfahrung gab.

Arroganz und Geiz

Arroganz ist das selbstvergrößernde Gefühl, dass wir besser als andere sind, in jeder oder zumindest gewisser Hinsicht. Wir sind zum Beispiel arrogant, weil wir reicher, schlauer oder schöner sind. Es mag konventionell zutreffen, dass wir mehr Geld haben als andere. Wenn wir jedoch die dualistische Erscheinung eines scheinbar soliden reichen „Ich“ und eines scheinbar soliden armen „Du“ projizieren und daran glauben, haben wir das Gefühl, dass uns dies zu einer besseren Person macht. So werden wir stolz, aufgeblasen und arrogant.

Ein mit Arroganz verbundenes Syndrom tritt auf, wenn wir die Selbst-Vergrößerung auf andere übertragen. Wir fühlen, dass sie an sich besser sind als wir, in allen oder zumindest einigen Beziehungen. Obwohl die Analyse des Abhidharma diese störende Emotion nicht erörtert, kommt die Überschätzung anderer häufig bei Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl vor. Da die Struktur der Vergrößerung anderer Parallelen mit der selbst-vergrößernden Arroganz aufweist – mit dem Unterschied, dass diese den Focus lediglich von den anderen auf uns selbst verlagert – kann man die beiden Emotionen in derselben Weise dekonstruieren.

Die dualistische Erscheinung, dass wir selbst oder andere tatsächlich jemand anderem oder anderen im Allgemeinen überlegen seien, ist Unsinn. Niemand existiert auf diese eingebildete Art und Weise. Wir alle haben teil an denselben grundlegenden Merkmalen von Herz und Geist, die es uns erlauben, ein Buddha zu werden. Wenn wir das begreifen, entspannen wir den Griff unserer störenden Emotion. Was bleibt, ist die zugrunde liegende geistige Aktivität, nämlich das gleichsetzende Gewahrsein. Wir haben andere und uns selbst lediglich im Rahmen eines gemeinsamen Merkmals betrachtet: wie viel Geld jeder hat. Nur wenn wir solche Betrachtungen mit einer dualistischen Erscheinung und konkreten Identitäten überlagern, betrachten wir die eine Seite als inhärent besser und die andere als inhärent schlechter.

Geiz ist die mangelnde Bereitschaft, etwas mit anderen zu teilen. Er entspringt aus der dualistischen Erscheinung eines scheinbar konkreten „Ich“, das inhärent würdiger zu sein scheint, etwas zu besitzen, als das scheinbare konkrete „Du“. Ein nervöses Gefühl, dass das Teilen mit diesem „Du“ die Sicherheit dieses „Ich“ bedrohen würde, begleitet oft den Glauben an die trügerische Erscheinung.

Wenn wir unter niedrigem Selbstwertgefühl leiden, können wir den Focus des Geizes auf uns selbst verlagern. Mit der Weigerung, uns selbst etwas zu gönnen und der Unfähigkeit, „nein“ zu sagen, erlauben wir uns selbst keinen fairen Anteil an etwas – sei es Geld, Zeit, Energie oder Raum – und geben jemandem mehr, als wir uns leisten können. Wir tun dies, weil wir an die dualistische Erscheinung glauben, die unser Geist von einem scheinbar konkreten „Ich“ als wahrhaft unwürdig und von einem scheinbar konkreten „Du“ als inhärent würdiger erschafft. Unsicher und ängstlich spüren wir unbewusst, dass das Setzen von Grenzen und das Behalten von etwas für uns selbst die Person dazu bringen wird, uns zurückzuweisen oder uns zu verlassen.

Die zum Beispiel mit Magersucht verbundene Selbstentwertung ähnelt der destruktiven Selbstverleugnung zu Gunsten anderer. Beides beinhaltet einen Vergleich unserer selbst mit anderen; die Magersucht schließt jedoch nicht ein, irgendetwas zu teilen. Andererseits hat Knauserigkeit – das Horten von Geld mit dem Willen, es nicht einmal für sich selbst auszugeben – nicht dieselbe Struktur wie Magersucht und Selbstentwertung zu Gunsten anderer; und zwar deshalb, weil aus Pfennigfuchserei kein Vergleich zu jemand anderem erfolgt. Als eine auf Verwirrung beruhende störende und destruktive Emotion unterscheidet sich die Selbstverleugnung zu Gunsten anderer außerdem von der konstruktiven Aufopferung einer Mutter oder eines Vaters gegenüber ihrem oder seinem Kind , ein Verhalten, das selbst Tiere zeigen.

Arroganz und Geiz sind ähnliche störende Emotionen. Bei beiden betrachten wir uns selbst als besser als jemand anderes. Wenn wir die dualistischen Erscheinungen dekonstruieren, die unseren Geiz anheizen, befähigt uns dies, unsere Unsicherheit und Anspannung zu lockern. Wir entdecken wieder das zugrunde liegende Gewahrsein, nämlich das gleichsetzende Gewahrsein. Wir betrachteten andere und uns selbst in Bezug auf ein mögliches Teilen von etwas. Dasselbe tiefe Gewahrsein tritt hervor, wenn wir unsere Überschätzung anderer und unsere destruktive Selbstverleugnung zu ihren Gunsten loslassen.

Verlangen und Anhaftung

Verlangen ist die Besessenheit, jemanden oder etwas zu besitzen, während Anhaftung das nervöse Bestehen darauf ist, das, was wir einmal besitzen, nicht mehr loszulassen, sei es eine Person oder ein Ding. Beides beruht auf der dualistischen Erscheinung eines (1) scheinbar konkreten „Ich“, das nicht leben kann, ohne jemanden oder ein Objekt zu haben, und einem (2) scheinbar konkreten „Du“ oder Objekt, das mich sicher machen würde, wenn ich es nur hätte oder nie mehr losließe.

Traditionelle Erörterungen des Verlangens und der Anhaftung präsentieren nur die aktive Form dieser störenden Emotionen. Eine passive Form kommt jedoch häufig vor. Sie manifestiert sich als die fixe Idee, dass man unbedingt zu jemandem oder einer Gruppe dazugehören will und dadurch nicht mehr verlassen werden kann. Meistens ist die Person, zu der wir gehören wollen, ein Lebenspartner und die Gruppe eine Firma oder ein Verein bzw. Club. Obwohl diese störenden Emotionen oft bei Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl vorkommen, können sie so auch breitere Bevölkerungsschichten beeinflussen.

Wir müssen die trügerische Erscheinung durchschauen, die diese störenden Emotionen nährt. Wenn wir unsere Fähigkeit verleugnen, selbstständig mit etwas fertig zu werden, übertreiben wir die Qualitäten von jemand oder etwas anderem. Dadurch verleitet, werden wir genarrt. Wenn wir die Erscheinung dekonstruieren, indem wir verstehen, dass sie sich auf nichts Reales bezieht, das wahrhaft existiert, lassen wir den Würgegriff unserer Unsicherheit los. Unterhalb unserer Aufblähung der Person, der Gruppe oder des Objekts zu etwas wahrhaft Besonderem finden wir individualisierendes Gewahrsein. Wir haben lediglich eine besondere Person, Organisation oder ein Ding spezifiziert. Nur wenn wir dieses Spezifizieren mit dualistischer Erscheinung und konkreten Identitäten überlagern, erfahren wir uns selbst als inhärent verarmt und die Person, Gruppe oder das Objekt als inhärent verlockend.

Neid und Eifersucht

Eifersucht ist die Unfähigkeit zu ertragen, was jemand anderes zustande gebracht hat und damit seinen oder ihren Erfolg. Stattdessen wünschen wir uns, wir könnten ihn erringen. Eine Variante davon ist Neid, dass jemand etwas von jemandem bekommt, wie z. B. Liebe oder Zuneigung, und wir uns wünschen, dass wir sie stattdessen bekommen könnten. Diese störende Emotion leitet sich her aus der dualistischen Erscheinung eines (1) scheinbar konkreten „Ich“, das es inhärent verdient, etwas zu erreichen oder zu bekommen, was aber nicht gelang, und (2) eines scheinbar konkreten „Du“, das inhärent nicht verdient hat, es zu erhalten. Unbewusst fühlen wir, dass die Welt uns etwas schuldet und es unfair ist, wenn stattdessen andere es bekommen.

Unter dem Einfluss niedrigen Selbstwertgefühls können wir eine störende Emotion, die mit Neid und Eifersucht verwandt ist, gegen uns selbst wenden. Mit Selbstablehnung fühlen wir, dass wir inhärent nicht verdienen, was wir haben, während andere es stattdessen natürlicherweise verdienen.

Normalerweise werden Neid und Eifersucht von Naivität bezüglich Ursache und Wirkung begleitet. Wir verstehen zum Beispiel nicht und leugnen sogar, dass die Person, die eine Beförderung oder Zuneigung erhalten hat, irgendetwas getan hat, um dies zu verdienen. Außerdem fühlen wir, dass wir es bekommen sollten, ohne dass wir etwas damit zu tun gehabt hätten, es herbeizuführen. Oder wir haben das Gefühl, dass wir schon eine Menge getan haben, aber immer noch keine Belohnung dafür erhielten. Unser Geist lässt die Dinge so erscheinen, als geschähen sie ohne jeden Grund oder nur aus einem einzigen Grund, nämlich nur dem, was wir getan haben.

Wenn wir diese trügerischen Erscheinungen dekonstruieren, entspannen wir unsere Gefühle von Ungerechtigkeit. Unterhalb unseres Neides oder unserer Eifersucht liegt das bloße Gewahrsein dessen, was vollbracht wurde, bzw. vollbringendes Gewahrsein. Dies macht bewusst, dass ein Ziel zu erlangen ist. Wenn wir dem anderen nicht missgönnen, dass er etwas vollbracht oder bekommen hat, können wir vielleicht lernen, wie er diese Leistung vollbrachte. Dies befähigt uns dazu, zu sehen, wie wir es selbst vollbringen können. Wir fühlen uns nur neidisch, weil wir dieses Gewahrsein mit einer dualistischen Erscheinung und konkreten Identitäten überlagern.

Wut

Wut ist die Erzeugung eines groben Geisteszustandes gegenüber jemandem oder gegenüber etwas mit dem Wunsch, uns davon zu befreien oder es zu beschädigen. Diese störende Emotion leitet sich her aus der dualistischen Erscheinung (1) eines scheinbar konkreten „Ich“, das diese Person, diese Gruppe oder dieses Objekt unmöglich ausstehen kann, und (2) eines scheinbar konkreten „Du“, einer scheinbar konkreten Gruppe oder eines scheinbar konkreten Objekts, das mich, wenn ich es eliminieren könnte, sicher machen würde. Genauso wie sich Verlangen auf die guten Qualitäten von jemandem oder etwas fixiert und sie übertreibt, genauso konzentriert sich die Wut auf die negativen Qualitäten und übertreibt sie.

In der Abhidharma-Diskussion werden die negativen Gefühle gegenüber sich selber als eine Form der Wut nicht behandelt. Offensichtlich entsteht jedoch bei Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl eine der Wut ähnelnde störende Emotion. Oft wird sie durch etwas hervorgerufen, das entweder wir getan haben oder ein anderer getan hat, in der Regel begleitet durch Gefühle der Minderwertigkeit und Schuld. So können wir allein wegen eigener Unzulänglichkeiten oder begangener Fehler auf uns selbst wütend werden. In ähnlicher Weise können wir unsere eigenen schlechten Qualitäten überschätzen und uns selbst die Schuld geben, wenn uns jemand anderes schrecklich behandelt. Aus Unsicherheit und Angst vor Zurückweisung, wenn wir irgendetwas über den Vorfall sagen, unterdrücken wir lieber die Wut, die wir gegenüber dieser Person verspüren. Stattdessen richten wir sie gegen uns selbst.

Gemäß der Darstellung der Leerheit-von-Anderem lockern wir die Anspannung unserer feindseligen Ablehnung, wenn wir die trügerischen Erscheinungen dekonstruieren, die unsere Wut nähren. Das, was wir finden, ist bloßes spiegelgleiches Gewahrsein, zum Beispiel, dass jemand auf gewisse Art und Weise handelt. Die Position der Selbst-Leerheit erklärt, dass wir das Gewahrsein der Realität entdecken. Wir unterscheiden einfach zwischen der Weise, in der sich jemand verhält oder nicht verhält, und sehen, ohne zu urteilen, dass die eine Weise angemessen ist und die andere nicht. Nur wenn wir diese grundlegende geistige Tätigkeit mit dualistischer Erscheinung und inhärenten Identitäten überlagern, reagieren wir mit heftiger Emotion auf das, was wir unakzeptabel finden.

Unruhige Sorge und Sich-Beklagen

Unruhige Sorge und Sich-Beklagen sind zwei zusätzliche störende Syndrome, die aus der Projektion dualistischer Erscheinungen auf das tiefe Gewahrsein und andere angeborene Facetten unseres Geistes entspringen. Unruhige Sorge kommt daher, dass wir uns selbst als inhärent hilflos sehen und eine Person oder eine Situation als etwas betrachten, das außer unserer Kontrolle liegt. Wenn wir unsere Unsicherheit und Spannung lockern, finden wir bloßes Gewahrsein der Individualisierung und die Fürsorglichkeit um jemanden oder das Sich-Kümmern um etwas. Unsere ruhigere Betrachtungsweise erlaubt uns, die Situation einzuschätzen, um zu sehen, was wir tun können, wenn überhaupt, und es dann einfach zu tun. Wie Shantideva sagt: „Wenn eine Situation geändert werden kann, warum sich dann Sorgen machen? Wenn wir gar nichts tun können, sie zu ändern, warum sich Sorgen machen? Es hilft nichts.“

Wenn wir begreifen, dass unterhalb der neurotischen Sorge, die jemand in Bezug auf uns hat, warmherzige Anteilnahme und individualisierendes Gewahrsein liegen, können wir unsere überempfindliche Erwiderung reduzieren. Anstatt das Verhalten einer Person dualistisch als Bedrohung anzusehen, konzentrieren wir uns auf das Gewahrwerden der Individualitäten. Wenn wir für jemanden das Objekt dieser Art von Gewahrsein sind, kann uns das kaum unsere Individualität rauben. Überdies verstärkt die Erkenntnis, dass die Person sich um uns Sorgen macht, unser geduldiges Verständnis.

Wenn wir uns darüber beklagen, dass wir etwas tun müssen, oder hochmütig protestieren, wenn jemand es von uns verlangt, sind wir ebenfalls in einem dualistischen Netz gefangen. Ein scheinbar konkretes „Ich“ scheint einer inhärent widrigen Aufgabe gegenüberzustehen, die wir nicht erledigen wollen. Wenn wir den Griff dieses zwingenden Gefühls lockern, finden wir vollbringendes Gewahrsein, das auf eine Aufgabe konzentriert ist, die getan werden muss. Ebenfalls präsent ist das Gewahrsein der Realität, das auf unsere Fähigkeit konzentriert ist, Ergebnisse zu erzielen, und auf die Angemessenheit unseres Tuns. Wir sehen auch, dass jemand, der von uns verlangt, etwas zu tun, unsere Freiheit nicht bedroht. Auf diese Weise tun wir einfach, was getan werden muss, wenn es niemand schadet, oder wir lehnen diese Aufgabe ab, wenn sie unangemessen erscheint. Wir können eine ähnliche Methode benutzen, um Überreaktionen zu vermeiden, wenn wir hören, dass sich jemand anderes darüber beklagt, etwas tun zu müssen.