Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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„Die drei Hauptaspekte des Pfades“

(Lam-gtso rnam-gsum)
von Tsongkhapa (rJe Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa)
Übersetzt von Alexander Berzin, 1983
überarbeitet 2003

Ich verneige mich vor meinen erhebenden, unfehlbaren Lamas.

(1) Nach bestem Vermögen will ich versuchen zu erklären:
Die essentielle Bedeutung aller schriftlichen Äußerungen
   der Triumphierenden,
Den Pfad, der von den heiligen Nachkommen der Siegreichen
   gepriesen wird,
Die Furt für die Glücklichen, die sich nach der Befreiung sehnen.

(2) Hör zu mit einem klaren (Geist), O Glücklicher,
Dessen Geist dem Pfad, der den Siegreichen erfreut, folgen will
Indem er den Freuden der zwanghaften Existenz unverhaftet ist
Und der du darauf brennst, deinem Leben der Ruhepause
   und der bereichernden Faktoren Bedeutung zu verleihen.

(3) Sich sehr für die angenehmen Früchte des Ozeans
   zwanghafter Existenz zu interessieren
   und ohne reine Entsagung zu sein:
Dies ist keine Methode, um den Frieden
   (der Befreiung zu erreichen) –
Tatsächlich werden die beschränkten Wesen vollkommen
   gefesselt von der Anhaftung, für die Dinge,
   die sich in zwanghaften Situationen finden –
Bemühe dich deshalb als erstes um Entsagung.

(4) Indem du deinen Geist daran gewöhnst,
   dass es keine Zeit zu verschwenden gibt
Wo ein Leben der Ruhepause und bereichernden Faktoren
   so schwer zu finden ist,
Wende dich ab von deiner Besessenheit
   mit den Erscheinungen dieses Lebens.
Indem du immer und immer wieder an die Probleme
   der sich wiederholenden Wiedergeburt denkst
Und daran, dass (die Gesetze) der Ursachen und Wirkungen
   des Verhaltens nie trügerisch sind,
Wende dich ab von deiner Besessenheit
   mit den Erscheinungen der zukünftigen (Leben).

(5) Wenn du, indem du dich in dieser Weise gewöhnst, nie,
   nicht einmal einen Augenblick,
Einen Geist in dir entstehen lässt, der nach dem Glitzerwerk
   des wiederkehrenden Samsara greift,
Und du die Haltung entwickelst, die sich Tag und Nacht
   immer stark nach der Befreiung sehnt,
Dann hast du die Entsagung erzeugt.

(6) Doch selbst diese Entsagung wird nicht zur Ursache
Für die Schönheiten und die Seeligkeit eines unvergleichlich
   reinen Zustandes (der Erleuchtung),
Wenn sie nicht von der Entwicklung
   einer reinen Bodhichitta-Ausrichtung begleitet wird.
Deshalb erzeugen die Verstandbegabten
   eine höchste Bodhichitta-Ausrichtung.

(7) Davongetragen von den Strömen der vier gewaltigen Flüsse,
Gebunden von den straffen Fesseln
   des schwer abwendbaren Karma,
In das mit Maschendraht bewehrte Loch des Greifens
   nach wahrer Identität geworfen,
Völlig eingehüllt in die pechschwarze Finsternis der Unwissenheit,

(8) Unaufhörlich geplagt von den drei Arten des Leidens
Ein Leben nach dem anderen,
   in der unendlichen zwanghaften Existenz –
Nachdem du an die Bedingungen deiner Mütter gedacht hast,
Die sich in derartigen Situation wiederfinden,
Entwickle eine höchste Absicht des Bodhichitta.

(9) Doch selbst wenn du die Gewohnheit der Entsagung
   und der Bodhichitta-Ausrichtung entwickelt hast,
Und dir doch das unterscheidende Gewahrsein fehlt,
   dass die verweilende Natur der Realität erkennt,
Wirst du nicht in der Lage dazu sein,
die Wurzel deiner zwanghaften Existenz zu durchtrennen.
Bemühe dich daher in den Methoden,
   mit denen man das Verständnis des abhängigen
   Entstehens verwirklichen kann.

(10) Jeder, der erkannt hat, dass (die Gesetzmäßigkeit)
   von Ursache und Wirkung des Verhaltens
In Bezug auf alle Phänomene von Samsara und Nirvana
   niemals eine Täuschung ist
Und die Stützhilfen der eigenen (Kognitionen),
   die auf (inhärente Existenz) abzielen,
    worin auch immer diese bestanden, hat auseinanderbrechen lassen,
Dieser oder diese hat den Pfad betreten, der die Buddhas erfreut.

(11) Erscheinungen sind nicht trügerische abhängige Entstehungen
Und Leerheit ist von allen Behauptungen
   (unmöglicher Existenzweisen) getrennt.
Solange dir diese beiden Einsichten getrennt erscheinen,
Hast du noch nicht die Absicht des Fähigen verwirklicht.

(12) Doch wenn nicht abwechselnd sondern zugleich
Deine Gewissheit, die auf der bloßen Ansicht des nicht trügerischen
   abhängigen Entstehens basiert,
All die Weisen, in denen du Objekte (als inhärent existierend) ansiehst,
   auseinanderfallen lässt,
Dann hast du die Erkenntnis der korrekten Sicht verwirklicht.

(13) Wenn du darüber hinaus weißt,
   dass die Erscheinung das Extrem der Existenz eliminiert,
Und die Leerheit das Extrem der Nicht-Existenz,
Und wie die Leerheit als Ursache und Wirkung aufgeht,
Dann wirst du niemals von Sichtweisen,
   die an Extremen haften, davon gerissen werden.

(14) Hast du so die Punkte dieser Drei
Hauptaspekte des Pfades, so wie sie sind, verstanden,
Begieb’ dich in die Einsamkeit und,
   indem du die Kraft der freudigen Ausdauer entfachst,
Vollende rasch das uralte Ziel, mein Sohn.