Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Erläuterung zur „Grundlage für gute Eigenschaften“

Tsenshab Serkong Rinpoche I
Übersetzt von Alexander Berzin
Ulverston, England, Oktober 1982
(redigierte Abschrift)
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil drei: Weitere Einzelheiten über die sichere Ausrichtung und verhaltensbedingte Ursache und Wirkung

Rückblick

Wir müssen die richtige Motivation erzeugen, nämlich dass wir uns wünschen, allen Wesen von Nutzen sein zu können und einen Zustand der Erleuchtung zu erreichen, um dies möglich zu machen. Hören Sie den Unterweisungen zu dem Text „Die Grundlage für gute Eigenschaften“ bitte mit dieser Motivation zu, und verbinden Sie diese Motivation mit dem ernsthaften Wunsch, die Lehren aus diesem Grund in die Praxis umzusetzen.

Gestern haben wir erörtert, was man unter einer angemessenen und tief empfundenen Verpflichtung gegenüber einem spirituellen Meister versteht, beziehungsweise was man unter „Hingabe an den Guru“ versteht, die als eine Grundlage für alle geistigen Pfade betrachtet wird. Wir haben auch über die exzellente Arbeitsgrundlage einer wertvollen menschlichen Wiedergeburt mit all ihren Ruhepausen und bereichernden Faktoren gesprochen und wie schwierig es ist, eine solche menschliche Wiedergeburt zu erlangen. Es gibt acht Ruhepausen und zehn Bereicherungen und unsere jetzige Wiedergeburt als Mensch, diese Arbeitsgrundlage, die wir jetzt erlangt haben, umfasst all diese Aspekte.

Im Allgemeinen ist es sehr schwierig, eine menschliche Wiedergeburt zu erlangen. Sobald wir als ein menschliches Wesen geboren worden sind, sind wir nicht sofort imstande eigenständig zu gehen. Es dauert länger als ein Jahr bis wir die Fähigkeit erlangt haben, gehen zu können. Tiere können fast sofort nachdem sie geboren worden sind laufen. Der Grund dafür, dass die Tiere das im Gegensatz zu uns so früh erlernen ist, dass diese Wesen bereits unzählige Male als Tiere geboren wurden und daher sehr starke Tierinstinkte haben. Die Tatsache, dass menschliche Babys nicht fähig sind wie Menschen aufrecht zu gehen, wenn sie geboren werden, ist ein Hinweis darauf, dass es außerordentlich selten ist, wenn man in diesem Leben als Mensch geboren worden ist, auch schon in vorherigen Leben als ein Menschen geboren worden zu sein, und es ist ein Hinweis darauf, dass sie nur sehr schwache Instinkte dafür haben, wie ein Mensch zu gehen.

Der Buddha Shakyamuni war sofort, nachdem er in einer menschlichen Form geboren wurde, in der Lage aufrecht zu gehen und machte sieben Schritte. Dies war ein Ergebnis davon, dass er hunderte von früheren aufeinander folgenden Leben als ein menschliches Wesen geboren worden war. Daher war er fähig, sofort wie ein menschliches Wesen zu gehen. Ebenso hatte er während all dieser Wiedergeburten die vollständigen Ursachen für einen Körper mit den zweiunddreißig großen und achtzig kleinen körperlichen Merkmalen eines Buddha angesammelt.

Der erste Punkt ist dann, die achtzehn Ruhepausen und bereichernden Faktoren, die wir besitzen, zu erkennen, und dann zu begreifen, wie schwierig es ist, so eine Arbeitsgrundlage einer menschlichen Wiedergeburt, die mit all diesen Ruhepausen und Bereicherungen ausgestattet ist, zu erlangen. Dann können wir darüber nachdenken, wie wichtig ist ein, als ein Mensch wieder geboren zu werden, also solche Arbeitsgrundlage zu haben, und auch zu erkennen, welche herausragenden Zielsetzungen damit erreicht werden können: Nämlich dass wir Erleuchtung erlangen können. Wir sollten an den berühmten Milarepa denken. Er erlangte Erleuchtung innerhalb einer einzigen Lebensspanne auf der Arbeitsgrundlage, die ihm zur Verfügung stand, nämlich auf Grundlage seines kostbaren menschlichen Körpers.

Wir haben gleichfalls einen solchen menschlichen Körper erlangt. Da gibt es keinen Unterschied. Da wir nun mit einer solch guten Arbeitsgrundlage ausgestattet sind, müssen wir danach streben, die spirituellen Dharma-Methoden so umfangreich wie möglich zu praktizieren – und zwar solange bis die Lebenskraft unseren Körper verlässt. Wir können die spirituelle Praxis nicht auf morgen verschieben, da wir niemals wissen, wann wir sterben werden. Der Zeitpunkt des Todes ist vollkommen unsicher. Daher müssen wir jetzt eine eindeutige und definitive Entscheidung treffen, sofort mit der Dharma-Praxis zu beginnen.

Gestern haben wir all die verschiedenen Aspekte, die den Tod und die Frage der Wiedergeburt betreffen, erörtert. Wir haben festgestellt, dass keine Situation unveränderlich bleibt und dass wir nach dem Tod eine Wiedergeburt anzunehmen haben. Wir haben auch gesehen, dass wir in ungünstigen Daseinsbereichen wiedergeboren werden, wenn wir enorme negative Potenziale aufgebaut haben, und wenn wir destruktiv und negative gehandelt haben. Wir müssen über all die Probleme und Leiden nachdenken, die wir in solchen Daseinsbereichen erfahren würden. Es ist dann gut, wenn wir eine gewisse Furcht empfinden, so dass wir es dann vermeiden wollen, in einer solchen Situation wiedergeboren zu werden. Wir können schließlich über die verschiedenen Objekte nachdenken, die unserem Leben eine sichere Ausrichtung geben können, damit wir es für die Zukunft vermeiden können, in die missliche Lage einer ungünstigen Wiedergeburt zu geraten. Wir haben erkannt, dass die drei seltenen und wertvollen Juwelen uns eine sichere Ausrichtung im Leben bieten können. Dann haben wir auch über all die verschiedenen Dharma-Methoden gesprochen, dass heißt wie wir unserem Leben mittels der drei Juwelen eine sichere und gesunde Ausrichtung geben können, indem wir die Dharma-Übungen in unserem eigenen Leben anwenden. Das sind die Themen, über die wir gestern gesprochen haben.

Wir müssen uns auch der Gründe oder Ursachen dafür bewusst werden, warum es gut ist, eine sichere Richtung in unserem Leben einzuschlagen. Der erste Grund, warum es gut ist, unserem Leben eine solche Ausrichtung zu geben, ist, dass wir Angst davor empfinden, was mit uns in zukünftigen Leben geschehen könnte, wenn wir unserem leben keine solche Richtung geben. Der zweite Grund, warum es gut ist eine solche sichere Ausrichtung im Leben einzuschlagen ist, dass wir voll Vertrauen daran glauben, dass diese Zufluchtsobjekte auch tatsächlich in der Lage sind, uns eine sichere Ausrichtung zu geben, durch die wir dann eine Wiedergeburt in ungünstigen Umständen vermeiden können. Wenn wir unserem Leben zudem eine sichere Richtung in der geistig weitreichenden Manier des Mahayana-Buddhismus geben, benötigen wir Mitgefühl für alle Wesen als einen zusätzlichen motivierenden Faktor. Wenn wir uns auf diese Weise, indem wir diese Motivation als Ursache hervorbringen, vollkommen den drei Juwelen anvertrauen, wird das als Zufluchtnahme bezeichnet, das heißt, wir schlagen in unserem Leben eine sichere Ausrichtung ein.

Wie man sich darin übt, eine sichere Richtung im Leben einzuschlagen

Haben wir einmal eine sichere Richtung eingeschlagen ist es wichtig, dass wir uns in den verschiedenen Punkten dieser Lebensausrichtung üben, um die Absicht in die Tat umzusetzen. Nehmen wir die sichere Richtung von den Buddhas ist folgendermaßen zu üben: Wenn wir Repräsentationen von erleuchteten Wesen sehen, kritisieren wir ihr Aussehen nie in einer Weise, dass wir beispielsweise sagen würden, dass der Budddha schielen würden, das Gesicht sonderbar aussehen würden oder dergleichen. Wir sollten nicht unehrerbietig sein. Schließlich betrachten wir alle Repräsentationen von Buddhas genau so, wie wir die Buddhas selbst ansehen. Statt die Buddhas zu kritisieren, können wir uns über den Künstler oder die Figur äußern. So können wir beispielsweise sagen, dass der Künstler wohl nicht sehr begnadet war, lassen es aber dabei. Zudem sollten wir keine Buddhastatuen verkaufen. Wir sollten uns auch nicht respektlos gegenüber den verschiedenen Repräsentationen des Körpers, der Rede und des Geistes eines erleuchteten Wesens verhalten. Es ist besser, nicht über solche Gegenstände hinweg zu steigen oder Dinge auf ihnen zu platzieren.

Wenn wir mit den Buddhas als Orientierung eine sichere Richtung in unserem Leben einschlagen, versprechen wir auch, keine Zuflucht bei weltlichen Gottheiten wie Brahma oder Indra zu suchen, da sie uns keine sichere und einwandfreie Ausrichtung für unser Leben geben können. Sich auf sie zu verlassen wäre so, als ob man sich mit dem Rücken gegen einen Vorhang lehnen würde. Ähnliches wird in der Geschichte vom Sohn der Götter beschrieben, die ich gestern erzählt habe, in der Stiramati zu Indra ging, um Indra zu bitten, ihm aus der Bredouille zu helfen und Indra ihm sagte: „Ich bin nicht in der Lage, dir eine sichere Richtung zu weisen, mit deren Hilfe du dich aus deiner misslichen Lage selbst befreien könntest. Der Einzige, der das kann, ist der Buddha.“

Wenn wir unserem Leben anhand der vorbeugenden Maßnahmen, den Dharma-Methoden, eine sichere Ausrichtung geben, ist es wichtig, sich allen symbolischen Repräsentationen gegenüber respektvoll zu verhalten, das gilt für Statuen und Bilder, Schriften und Büchern. Wir achten darauf, nichts auf diese Repräsentationen zu legen oder zu stellen. Es kann bestimmte Situationen geben, in denen wir uns jedoch anders verhalten. Wenn beispielsweise die Seiten eines Textes, den wir gerade lesen, von einem Windzug weggeblasen werden könnten, dann können wir etwas auf die einzelnen Seiten legen, damit diese nicht wegwehen. Ansonsten legen wir aber nicht einfach gedankenlos irgendwelche Gegenstände auf unseren Bücher ab, wie beispielsweise unsere Mala oder was auch immer.

Sie alle sind sich der verschiedenen buddhistischen Bräuche gewahr und folgen ihnen in Bezug auf den Umgang mit Büchern ganz genau. Dies ist sehr gut. Texte sind nicht direkt auf den bloßen Boden zu legen, sondern man sollte unter Dharma-Schriften und Bücher eine Art Stoff oder etwas anderes Sauberes legen. Dasselbe gilt für Buddha-Bilder und Statuen. Sich gegenüber allen Repräsentationen des Buddha und der Dharma-Lehre außergewöhnlich respektvoll zu Verhalten ist deshalb so wichtig, weil wir dadurch ein enormes positives Potenzial aufbaut. Wir blättern die Seiten unserer Dharma-Bücher auch nicht um, indem wir unsere Finger ablecken, um sie so zu befeuchten. Wenn wir unsere Finger zum Umblättern befeuchten wollen, können wir eine kleine Wasserschüssel in unserer Nähe aufstellen und diese dazu benutzen. Es wäre gut, wenn wir allen gedruckten Worten gegenüber eine ähnliche Art von Wertschätzung aufbringen könnten. Zeitungen und bedrucktes Papier aller Art oder andere bedruckte Materialien, können allesamt potentielle Hilfsmittel darstellen, mit denen der Dharma vermittelt werden kann. Es ist wichtig dem gedruckten Wort gegenüber großen Respekt entgegenzubringen, in welcher Form auch immer. Wir sollten daher zum Beispiel keine Zeitung verwenden, um unseren Abfall darin einzuwickeln, den Boden zu wischen oder um Schmutz damit zu beseitigen. Wir werfen auch keine Zeitung in die Toilette oder an schmutzige Orte. Wir sollten Zeitungen respektvoll beseitigen.

Wenn wir die vorbeugenden Maßnahmen verwenden, um mit ihrer Hilfe eine sichere Ausrichtung in unserem Leben einzuschlagen, so gibt es einen weiteren Aspekt der sehr wichtig ist, nämlich niemals anderen Lebewesen Leid zuzufügen.

Wenn wir unserem Leben mittels der Sangha-Gemeinschaft eine sichere Ausrichtung geben, sollten wir alle Mitglieder der Mönchsgemeinschaft respektvoll behandeln und ihnen zum Beispiel keine unflätigen Bezeichnungen geben.

Unser Verhalten mit den Gesetzmäßigkeiten des Karma in Übereinstimmung bringen

Der wichtigste Punkt, den wir beachten müssen, wenn wir unserem Leben eine sichere Richtung geben, ist, dass wir unser Verhalten sehr sorgfältig mit den Gesetzmäßigkeiten der verhaltensbedingten Ursache und Wirkung in Überstimmung bringen, das heißt, dass wir uns den karmischen Gesetzmäßigkeiten gemäß verhalten. Wir müssen erkennen, dass wir durch heilsame, helle, konstruktive Handlungen positives Potenzial aufbauen, und dass dieses positive Potenzial dazu führt, dass wir Glück erfahren werden. Wenn wir destruktiv handeln, weil wir unter dem Einfluss von unheilsamen, dunklen, düsteren Impulsen stehen, und dadurch dann negatives Potenzial aufbauen, entstehen daraus Erfahrungen von Frustration, Problemen und Leiden. Daher ist der wesentliche Punkt, den es zu beachten gilt, wenn wir unserem Leben eine sichere Ausrichtung geben wollen, mehr Gewahrsein in unser Leben zu bringen, das sich der Auswirkungen unseres Verhaltens sehr bewusst ist, und dann müssen wir auch gemäß unserer Erkenntnisse handeln.

Es gibt vier Aspekte in Bezug auf die Gesetzmäßigkeit des karmischen Verhaltens und seiner Wirkungen nämlich die Faktoren der 1) Gewissheit, 2) des Anwachsens und 3) dass wir, wenn wir nicht die Ursache einer bestimmte Wirkung geschaffen haben, nicht die Wirkung dieser Handlung erfahren werden und 4) wenn wir eine bestimmte Handlung begangen haben, so wird diese Handlung dann nicht einfach verschwinden, sondern irgendeine Wirkung hervorbringen.

Gestern haben wir den Faktor der Gewissheit und den Faktor des Anwachsens erörtert. Wenn wir uns jetzt fragen, welches der nächste Faktor der Gesetzmäßigkeit des karmischen Verhaltens und seiner Wirkung ist, so ist das der Faktor, dass wir die Auswirkungen einer Handlung nicht erfahren werden, wenn wir eine bestimmte Handlung nicht begangen haben.

Zuzeiten des Buddha gab es unter den sechzehn gefestigten und standfesten Älteren, die manchmal auch als die „sechzehn Arhats“ bezeichnet werden, einen Älteren mit Namen Kanakavatsa (tib. gNas-brtan gSer-be‘u). Sobald er geboren worden war, erschien ein Elefant an seiner Seite, dessen Mist aus Gold bestand. Dieser Elefant verweilte von nun an stets an seiner Seite. Die Ursache dafür, dass dieser Gold scheißende Elefant immer an seiner Seite blieb, bestand darin, dass Kanakavatsa in einem früheren Leben zurzeit des Buddha Kashyapa (tib. Sangs-rgyas ‚Od-srung) geboren worden war.

Der Buddha Kashyapa ritt für gewöhnlich einen Elefanten als sein Reittier. Während dieses Lebens brachte er diesem Elefanten mit großem Respekt ein goldenes Blatt dar. Als eine Auswirkung des positiven Potenzials, das er durch eine solche dargebrachte Gabe aufgebaut hatte, wurde er zurzeit des Buddha Shakyamuni wiedergeboren und ein Elefant, dessen Mist aus Gold bestand, erschien sofortig an seiner Seite.

Der König des Landes, indem er geboren wurde, war Ajatashatru (tib. rGyal-po Ma-skyes dgra). Nach dem kostenlosen Gold gierend, wollte er diesen Elefanten für sich selbst haben und befahl daher anderen Menschen, dass sie ihm diesen Elefanten bringen sollten. Immer wenn die Jäger den Elefanten an seinen Hof brachten, verschwand der Elefant auf wundersame Weise im Erdboden und erschien dann wieder an der Seite des Kindes. Der König ließ sich den Elefanten drei Mal bringen und jedes Mal geschah dasselbe. Der Grund für die Geschehnisse und die wesentliche Aussage, die in dieser Geschichte getroffen wird, ist, dass der König nicht das geeignete karmische Potenzial hatte. Er hatte nicht die Ursachen dafür angesammelt, um als eine Auswirkung seines Handelns den Reichtum, den der Elefant von sich gab, zu genießen – das kleine Kind hatte hingegen die entsprechenden Ursache dafür geschaffen. Die Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens und seiner Auswirkungen sind unvorstellbar komplex. Und selbst ein König hat nicht die Macht, diese Gesetzmäßigkeiten zu verändern.

Der nächste Punkt ist, dass eine bestimmte Handlung, die wir begangen haben, nicht ergebnislos sein wird; die Wirkung wird irgendwann eintreten. Darauf wird hier durch die Tatsache hingewiesen, dass dieses kleine Kind, das einer der sechzehn Arhats werden wird, die Ursachen dafür angesammelt hatte, den Elefanten immer an seiner Seite zu haben. Daher war es keine sinnlose oder zwecklose Handlung, dem Elefanten des Buddha Kashyapa einst das goldene Blatt dargebracht zu haben. Die Handlung brachte diese Wirkung hervor. Als Kanakavatsa weiter aufwuchs, ließ er das Familienleben hinter sich, wurde ein Mönch und wurde schließlich ein befreites Wesen, ein Arhat. Dies im Gedächtnis behaltend, müssen wir daher den Entschluss fassen zu versuchen, auch noch die denkbar geringfügigste konstruktive Handlung auszuführen. Wir sollten keine positive Handlung als zu gering erachten, da sich schließlich ein Eimer durch die allmähliche Ansammlung von Wassertropfen langsam aber sicher füllt.

Auf diese Weise entscheiden wir uns dafür, positives Potenzial, durch welche Art konstruktiver Handlungen auch immer, aufzubauen und sogar die geringfügigste destruktive oder negative Handlung zu unterlassen. Wir sollten uns nicht selbst beschwindeln, indem wir denken, dass es nichts ausmachen würde, was wir tun, da sich sogar eine kleine destruktive Handlung verheerend auswirken kann, wenn wir nicht vorsichtig sind. Zerquetschen und töten wir eine Mücke in böser Absicht, und gestehen wir uns nicht ein, dass wir einen Fehler gemacht haben und falsch gehandelt haben, so verdoppelt sich das negative Potenzial, das wir durch das Töten einer einzigen Mücke aufgebaut haben am nächsten Tag zum negativen Potenzial des Tötens zweier Mücken. Am nächsten Tag verdoppelt es sich nochmals zu dem negativen Potenzial des Tötens von vier Mücken; und im Laufe eines Jahres baut sich durch die Tat des Tötens einer Mücke ein unglaublich gewaltiges negatives Potenzial auf, wenn wir nicht offen und ehrlich bekennen, dass wir etwas falsch gemacht haben, und wenn wir nicht die verschiedenen Gegenmaßnahmen ergreifen, um uns von diesem negativen Potenzial zu reinigen.

Davon, dass wir die Mücke zwischen unseren Händen zerquetscht haben, reift zum Beispiel die Wirkung heran, dass wir in einer der Höllen wiedergeboren und einen riesigen Körper haben werden. Wir werden uns zwischen zwei riesigen Bergen wiederfinden und gleichermaßen zwischen ihnen zerdrückt werden. Die Berge werden sich dann auseinanderschieben und wir werden wieder zum Leben erweckt. Dann werden wir nochmals zerdrückt werden; und dieser Vorgang wiederholt sich dann immer wieder. Dies wird solange weitergehen, bis das negative Potenzial, das wir aufgebaut haben, sich vollständig aufgelöst haben wird.

Der Kernpunkt ist, dass wir versprechen müssen, negative Handlungen zu vermeiden und unser Bestes zu versuchen, so viele positive, konstruktive Handlungen wie möglich auszuführen, ungeachtet dessen, wie unbedeutend positiv diese uns auch erscheinen mögen. Dies ist die Hauptsache, der wichtigste Punkt, auf den die Buddhas hingewiesen haben. Wir sprechen hier über die wichtigste Lehre und die wesentlichen Praktiken, auf die die Buddhas verwiesen haben, und die wichtigste Praxis und Lehre ist: Konstruktiv zu handeln und es zu vermeiden, sich destruktiv zu verhalten.

Vertrauen in Buddhas Lehre über verhaltensbedingte Ursache und Wirkung gewinnen

Diese Aspekte der verhaltensbedingten Ursache und Wirkung, die wie hier besprochen haben, werden in verschiedenen Schriften erörtert, wie zum Beispiel in Klassikern, wie dem Text „Das Sutra von den Weisen und den Törichten“ (tib. mDdo mdzangs-blun, Skt. Damamuko-nama-sutra) und anderen Texten aus der Sammlung der übersetzten Worte des Buddha, dem Kangyur (tib. bKa‘-‘ gyur). Die Bände dieser gesammelten Werke sind mit tibetischen Buchstaben nummeriert und die Bände SA, HA und SHA beinhalten zahlreiche Texte, die sich mit diesen Punkten befassen. Es ist sehr lohnend, diese Texte zu studieren.

All diese verschiedenen Aspekte – wie zum Beispiel der Punkt, dass wir durch eine bestimmte Art von konstruktiver Handlung eine bestimmte Form des Glücks erfahren werden; wohingegen wenn wir in einer bestimmten destruktiven Weise handeln, werden sich daraus bestimmte Arten von Problemen, Leiden und Frustrationen ergeben – all diese Dinge können wir den Schriften entnehmen. Wir akzeptieren diese Schriften auf Grundlage der Glaubwürdigkeit und Autorität der Schriften, da es außerordentlich schwierig ist, die Schriften auf eigene Faust durch Logik zu überprüfen.

Denken wir weiter darüber nach, müssen wir zudem gut bedenken, wer diese Punkte über das Karma gelehrt hat, wer der Autor war, wer der Mensch war, der die glaubwürdigen Texte verfasst hat. Wenn der Autor der Texte der geistesklare und vollkommen entwickelte Buddha war, so ist es nicht denkbar, dass so ein Mensch gelogen hätte. Wie können wir ferner unseren vertrauensvollen Glauben und das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Schriften in Bezug auf das, was der Buddha über die Gesetzmäßigkeiten des karmischen Verhaltens und ihrer Wirkungen geäußert hat, weiter ausbauen? Wir können uns beispielsweise einige andere Aussagen, die der Buddha in den drei korbgleichen Sammlungen seiner Lehre – dem Tripitaka – geäußert hat, vornehmen. Die drei Körbe oder korbgleichen Sammlungen seiner Lehre umfassen: Die Lehren in Bezug darauf, wie man sein Verhalten zügelt (Vinaya-Pitaka), die Lehren in Bezug auf die Dharma-Praxis (Sutra-Pitaka) und die Lehren über die Themen des besonderen Wissens (Abhidharma-Pitaka).

Betrachten wir einmal die Thematik der Leerheit, die in den Lehren des Buddha über das weitreichende unterscheidende Gewahrsein (der Vollkommenheit der Weisheit), den Prajnaparamita-Sutras, besprochen wird. In dieser Erörterung der Leerheit, der völligen Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen, finden sich all die stichhaltigen Verse der Beweisführung, die beweisen, dass all die unmöglichen, sich zusammen fantasierten Existenzweisen überhaupt nicht so existieren, wie wir uns das vorstellen. Wenn wir über diese Verse der Beweisführung nachdenken, können wir, auf Grundlage der Logik, selbst zu der Überzeugung gelangen, dass die Verse der Wahrheit entsprechen, in denen gesagt wird, dass alles, was der Buddha über die Leerheit oder Wirklichkeit gesagt hat, wirklich wahr ist. Darauf basierend erlangen wir einen starken und sicheren Glauben an Tatsachen, und das Vertrauen, dass der Buddha eine gültige Informationsquelle für die Lehre ist. Auf dieser Überzeugung basierend, können wir uns sicher fühlen, dass der Buddha eine gültige Informationsquelle für die Lehre der Gesetzmäßigkeiten in Bezug auf das Verhaltens und seiner Auswirkungen ist, und dass alles, was er zum Thema Karma gesagt hat, richtig ist. Auf dieser Grundlage können wir zu der Überzeugung gelangen, dass es sinnvoll ist, dass wir unser eigenes Verhalten, selbst in Bezug auf unbedeutende Handlungen, in der Weise formen, wie sich der Buddha in Übereinstimmung mit den Aussagen, die er über die verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen gemacht hat, geäußert hat.

Zum Beispiel hat der Buddha gesagt, dass, wenn wir in konstruktiver Weise handeln, indem wir die zehn Arten des konstruktiven Verhaltens anwenden, die herangereifte Wirkung davon sein wird, dass wir als ein Mensch oder ein Gott wieder geboren werden. Dann würden wir all die Aussagen betrachten, die der Buddha in seinen Lehren über das weitreichende unterscheidende Gewahrsein der Leerheit über die Wirklichkeit geäußert hat. Erkennen wir durch Logik, dass all das, was er über die Realität gesagt hat, korrekt ist, können wir diese Tatsache auf andere Behauptungen über die Realität anwenden, nämlich, dass wir als ein Mensch oder Gott wiedergeboren werden, wenn wir konstruktiv handeln. Auf diese Weise werden wir, auf einer einwandfreien Grundlage fußend, zu der Überzeugung gelangen, dass diese Behauptung ebenso korrekt ist.

Es gibt einige Menschen die sagen: „Natürlich können wir wahrnehmen, dass es menschliche Wesen gibt. Es gibt da aber nicht irgendwelche Götter; und es ist lächerlich zu sagen, dass es Höllenkreaturen und hungrige Geister gäbe.“ Sie behaupten beweisen zu können, dass einige Dinge nicht existieren würden, einfach nur weil sie sie niemals gesehen haben. Das ist eine ziemlich dürftige Beweisführung. Andererseits zu glauben, dass positive, konstruktive Handlungen zu der Wirkung führen, dass man eine Wiedergeburt als ein Mensch oder ein Gott annimmt, und dass er die Wirkung negativer, destruktiver Handlungen sein wird, dass man einer Wiedergeburt in schlimmen Daseinsbereichen entgegen wird und als ein Geschöpf der Hölle, als hungriger Geist und so weiter wieder geboren wird, so handelt es sich bei dieser Annahme um eine Aussage, die auf einer einwandfreien Grundlage basiert – die Quelle für diese Information ist der vollkommen erleuchtete Buddha. Daher ist es vollkommen richtig, wenn wir vertrauensvoll daran glauben, dass es wahr ist, was der Buddha gesagt hat, da er eine gültige Informationsquelle ist und hohe Glaubwürdigkeit besitzt. Wenn wir eine solche stabile Grundlage geschaffen haben, beschließen wir unser Verhalten genau in der Weise zu formen, wie es der Buddha selbst vorgeschlagen hat. Wir versuchen in unserem Verhalten auch kleinste Details über die Gesetzmäßigkeiten karmischen Verhaltens und seiner Ausführungen zu beachten, da alles, was der Buddha gesagt hat, richtig ist, und sich die Dinge wirklich so verhalten, wie er es dargestellt hat.

Die Art und Weise, wie man diesen Punkt in die tägliche Praxis umsetzen kann, besteht darin, dass wir uns selbst ehrlich betrachten, und versuchen zu erkennen, wann wir in einer der zehn destruktiven Weisen handeln. Sobald wir erkennen, dass wir destruktiv handeln, müssen wir uns selbst davon abhalten. Ebenso müssen wir uns selbst daraufhin untersuchen, wann wir konstruktiv handeln und uns dann selbst ermutigen, weiter in diese Richtung zu gehen. Dies ist die grundlegende Art und Weise, wie wir den Dharma praktizieren; das sind die Übungen, mit denen wir anfangen.

Seit anfangsloser Zeit sind wir daran gewöhnt, destruktiv zu handeln. Es ist ganz egal, wie wir handeln, wir werden erkennen, dass die Instinkte, Gewohnheiten und Neigungen destruktiv zu handeln, in uns vorherrschen. Diese Instinkte, Gewohnheiten und Neigungen werden mitunter sehr heftig zum Vorschein kommen. Was wir jedoch zu tun haben ist, langsam und stetig weiter in unserer Praxis fortzufahren. Allmählich werden wir dadurch dann in der Lage sein, uns vermehrt konstruktives Handeln zur Gewohnheiten zu machen. Wenn wir in unserem Geist positive Gewohnheiten etablieren und uns allmählich von diesen schlechten Gewohnheiten befreien und uns dadurch reinigen, werden wir entdecken, dass sich unsere Neigungen, unheilsam und destruktiv zu handeln, verringern werden. Unsere Neigungen, auf eine heilsame, lichte, konstruktive Weise zu handeln, werden hingegen anwachsen. Wir werden schließlich irgendwann einmal fortwährend konstruktiv und positiv handeln.

Das vorbildliche Verhalten von Geshe Pen Kungyel

Betrachten wir einmal den Ausdruck „aufbauen und reinigen“ näher, der verwendet wird, um die vorbereitenden Praktiken zu beschreiben. Was wir aufbauen, sind verschiedene konstruktive und positive Gewohnheiten und Potenziale, und wovon wir uns reinigen, sind all unsere negativen Neigungen. Es könnte hilfreich sein, wenn ich Ihnen einige Geschichten aus dem Leben von Geshe Pen Kungyel (tib. ´Phen rKun-rgyal) erzähle. Sie sind sehr schön.

Es gab einen guten Mentor, einen Geshe der Kadam-Tradition in Tibet, dessen ursprünglicher Name Pen Kungyel war, was soviel bedeutet wie „Der Bandit aus Penpo“. Als er später ein Dharma-Praktizierender wurde, nahm er den Dharma-Namen Geshe Tsültrim Gyalwa (tib. dGe-bshes Tshul-khrims rgyal-ba) an, was soviel bedeutet wie: „Der spirituelle Mentor, der durch seine ethische Selbstdisziplin strahlt“. Als er aber, bevor er ein spirituell Praktizierender wurde, noch seinen alten Namen trug, war er ein allseits bekannter Bandit, der sehr grausam war. Er war auch in Besitz eines Bauernguts mit ungefähr vierzig Morgen Land um sein Haus herum. Während er sein Land bestellte, handelte er häufig negativ, so dass er auch als „Der Mann mit den vierzig Morgen der Mühe und Plage“ bezeichnet wurde.

Eines Tages befand er sich auf dem Bergpass in der Nähe seines Hauses und traf dort einen reisenden Kaufmann, der nicht wusste, dass der Mann, den er traf, Pen Kungyel war und fragte: „Ist der allseits bekannte Pen Kungyel irgendwo hier in der Nähe?“ Pen Kungyel antwortete: „Ich bin Pen Kungyel“. Der Kaufmann erschrak so sehr, dass er von seinem Pferd fiel und den Berg hinunterrollte. Pen Kungyel war durch den Vorfall sehr bewegt und dachte: „Wenn schon das bloße Aussprechen meines Namens einen so verheerenden Einfluss hat, dann ist das wirklich erschreckend! Ich habe durch mein Verhalten wirklich ein sehr großes negatives Potenzial aufgebaut!“ Pen Kungyel entwickelte auf Anlass dieses Ereignisses große Reue und Bedauern über seine vergangenen Taten und entschied sich dazu, sein räuberisches Treiben aufzugeben.

Er verpflichtete sich aus ganzem Herzen einem spirituellen Meister, und arbeitete hart und praktizierte sehr intensiv. Seine Hauptpraxis bestand darin, die zehn destruktiven Handlungen zu unterlassen und die zehn konstruktiven Handlungen in die Praxis umzusetzen. Er machte es sich zur Gewohnheit, jeden Tag eine Aufstellung darüber zu machen, was er den Tag über getan hatte. Dafür benutzte er ein Stück Kohle; wenn er etwas Negatives oder Destruktives getan hatte, zeichnete er eine schwarze Markierung auf einen Fels. Er hatte auch ein Stück weiße Kreide, und jedes Mal, wenn er etwas Positives und Konstruktives getan hatte, malte er damit einen weißen Strich auf die Felswand. So fuhr er damit dann fort, seine negativen und konstruktiven Handlungen mithilfe der Kreidestriche auszuzählen. Am Anfang hatte er jeden Tag vor allem schwarze Markierungen zu zeichnen und fast überhaupt keine weißen. Schließlich nahmen die schwarzen Markierungen aber beständig ab. Seine weißen Markierungen vermehrten sich so lange, bis er jeden Tag schließlich nur noch weiße Striche auf die Felswand malte.

Während er sich anfangs in dieser Weise übte, würde er, wenn sich herausstellte, dass er mehr schwarze Markierungen als weiße am Ende des Tages hatte, seine linke Hand mit seiner rechten Hand nehmen, diese dann sehr fest drücken und ernsthaft mit sich schimpfen. An solchen Tagen würde er dann zu sich selbst sagen: „Pen Kungyel! Du warst früher ein so schrecklicher, verdorbener Mensch. Und auch jetzt noch setzt du deine schreckliche Art zu handeln weiter fort. Das geht so überhaupt nicht!“ Auf diese Weise tadelte er sich ernsthaft selbst dafür, dass er an diesem Tag negativ und destruktiv gehandelt hatte. Als er dann aber seine Übungen weiter fortsetzte und seine Aufstellungen von Taten am Ende jeden Tages durchführte, so wie ein Kaufmann am Ende des Tages seine geschäftlichen Einnahmen und Ausgaben zusammenzählend auflistet, hatte er schließlich viel mehr weiße Striche als schwarze. An einem solchen Tag würde er seine rechte Hand mit seiner linken Hand nehmen und sich selbst beglückwünschend sagend: „Jetzt bist du wirklich dieser Geshe Tsültrim Gyalwa, der mit seiner ethischen Selbstdisziplin glänzt. Das hast du wirklich sehr gut gemacht!“ Das war die Art, wie er sich selbst beglückwünschte.

Dadurch, dass er ein so großer spirituell Praktizierender wurde, verbreitete sich sein Name weit und breit. Eines Tages ging er in die Stadt, um zu betteln. Er ging in ein Haus, um dort um etwas Essen zu bitten. In dem Haus gab es einen mit Teeblättern gefüllten Korb, der in Nähe der Tür stand. Da seine Gewohnheiten aus der Zeit, als er noch ein Dieb gewesen war, jedoch so stark und zwanghaft waren, steckte er seine Hand ganz automatisch in den Korb, um sich daraus Teeblätter zu nehmen. Er ertappte sich selbst dabei und packte seine eigene, nach den Teeblättern greifende Hand mit seiner anderen Hand, und rief die Hausherrin herbei: „Kommen Sie schnell hierher, Amala, ich habe einen Dieb gefangen!“

Ein anderes Mal erhielt er, während er in seiner Meditationshütte lebte, eine Nachricht, dass sein Förderer am nächsten Tag zu Besuch kommen würde. Er stand an diesem Morgen dann sehr früh auf, reinigte und kehrte seine Hütte sehr sorgfältig und arrangierte auf seinem Altar wunderschöne Gaben. Dann setzte er sich hin und untersuchte seine Motivation, so wie es der üblichen Vorgehensweise in der Praxis entspricht. Wenn wir unseren Altar am Morgen hergerichtet haben, setzen wir uns normalerweise zur Meditation hin und untersuchen unsere Motivation dahingehend, was wir in der Meditation eigentlich tun wollen, bevor wir unsere Meditationssitzung beginnen. Als Pen Kungyel sich an diesem Morgen hinsetzte und seine Motivation untersuchte, dachte er: „Warum habe ich solche Mühen auf mich genommen, meinen Raum zu kehren und ihn an diesem Morgen so schön herzurichten, und warum habe ich mir so viel Mühe gegeben, so wunderbare Gaben auf meinem Schrein aufzubauen?“ Als er seine Motivation so untersuchte, stellte er fest, dass er wirklich unter dem Einfluss weltlichen Interesses für vergängliche Dinge stand. Er hatte all diese verspielten Vorbereitungen getroffen, um seinen Wohltäter zu beeindrucken. Als er erkannte, dass dies eine wirklich sehr schreckliche Art der Motivation war, stand er auf und ging zur Tür, wo er einen Behälter hatte, in welchen er gewöhnlich die ganze Asche vom Feuerplatz hineinschüttete. Er nahm eine Handvoll Asche aus dem Behälter, verstreute sie überall auf seinem Schrein und brachte seinen Raum vollständig in Unordnung. Er wurde dadurch dann sehr bekannt als „der Geshe Tsültrim Gyalwa, der mit ethischer Selbstdisziplin glänzt und der Asche ins Antlitz aller weltlichen Interessen warf.“

Ein anderes Mal verteilte jemand Joghurt an eine Gruppe Praktizierender. Pen Kungyel saß in einer der hinteren Reihen und als die Joghurt an alle anderen verteilt worden war, bemerkte er, dass alle Praktizierenden in der ersten Reihe sehr viel Joghurt abbekommen hatte. Weit hinten sitzend, wurde er sehr unruhig in Bezug darauf, dass die Leute in der ersten Reihe so große Portionen Yoghurt bekommen hatten. Er begann sich zu fragen, ob noch etwas übrig sein würde, wenn die Reihe endlich an ihn käme. Auf diese Weise entwickelte er negative Gedanken über das Geschehen. Als die Person, die den Joghurt verteilte, endlich zu ihm kam, erkannte Pen Kungyel was gerade in ihm geschehen war. Er drehte seine Schale um und sagte: „Nein, danke, ich habe mein Yoghurt bereits gegessen, als ich diese Menschen in der ersten Reihe beobachtete!“

Pen Kungyel sagte immer, dass er nur ein einfacher Praktizierender sei. Die Art und Weise, wie er in seiner spirituellen Praxis vorging, war dergestalt, dass er sehr nervös, angespannt und außerordentlich wachsam war, wenn er im Begriff war, destruktiv und negativ zu handeln, wohingegen er sich erlaubte zu entspannen, wenn er positiv und konstruktiv handelte. Er sagte für gewöhnlich: „ Dies ist meine Art zu praktizieren.“

Der Kernpunkt ist, dass wir als Dharma-Praktizierende stets unseren Geist zu beschützen suchen. Wir müssen unser Verhalten und wie wir handeln fortwährend prüfen. Dies ist das wesentliche Anliegen, die Hauptsorge, die wir haben sollten. Wir sollten nicht wie ein Falke versuchen, andere Menschen scharf zu beobachten, da es uns nichts angeht, was andere Menschen tun und lassen. Stattdessen sollten wir uns einfach unserem eigenen Verhalten zuwenden und prüfen, wie wir uns selbst verhalten. Auch der herausragende Meister Shantideva hat eine ähnliche Vorgehensweise erwähnt. Diese Verhaltensweise wird auch im nun folgenden Vers unseres Textes beschrieben:

4) Gleich dem Schatten der dem Körper folgt,
erbitte ich die Inspiration, stets Sorge dafür zu tragen,
Dass ich mich sogar von den geringsten
und unbedeutendsten Handlungen lossagen kann,
Die ein Netzwerk aus Fehlern aufbauen würden
Und dass ich all jene Taten zu Ende führen kann,
die ein Netzwerk konstruktiver Kraft aufbauen werden.

Wenn im Text gesagt wird „ erbitte ich die Inspiration, stets Sorge dafür zu tragen“, so bedeutet dies, dass ich mir die Inspiration wünsche, nicht ungestüm und gedankenlos zu handeln. Zum Beispiel können wir uns bezüglich der Handlungen, die wir mit dem Körper ausführen, wünschen sicher zu stellen, dass wir unsere Lebenszeit nicht damit verschwenden, dass wir trinken, rauchen, Drogen nehmen und so weiter, und auch nicht damit vergeuden, dass wir uns sehr wild aufführen und unkontrolliert handeln. In Bezug auf unsere Rede bitten wir um die Inspiration darauf zu achten, was wir sagen. Wir wünschen uns, dass wir nicht nur gedankenlos daherreden und alles sagen, was uns gerade in den Sinn kommt. Ebenso wollen wir in Bezug auf unsere Handlungen mit unserem Geist sicherstellen, dass wir unseren Geist nicht negativen Gedankenmustern überlassen, indem wir anderen Böses wünschen oder habsüchtig sind oder was auch immer. Die Verszeile bedeutet, dass wir sehr gewissenhaft sein wollen und sicherstellen möchten, dass wir nicht einfach leichtsinnig handeln. Das sind Punkte, die auch der große Meister Chandrakirti in seinem Text Madhyamakavatara (tib. dBu-ma-la ´jug-pa), „Ergänzungen zu (Nagarjunas ‚Wurzelversen zum) Mittleren Weg’“ anführt. Hier legt Chandrakirti großen Wert darauf, dass wir unser Verhalten behüten, damit es frei ist von allen zehn Arten von destruktiven Handlungen.

Warum es wichtig ist, seine Ethik genau einzuhalten

Wenn wir uns die Praktiken näher anschauen, die das ethische Verhalten betreffen, und wenn wir versuchen, eine der destruktiven Handlungen zu vermeiden, und wenn wir versuchen, stets positiv und konstruktiv zu handeln, können wir feststellen, dass solche Praktiken unter die Rubrik der Art von Übung fallen, die Menschen mit einer anfänglichen Motivation zugeordnet sind. Nun sollten wir eine solche anfängliche Motivation nicht gering schätzen, wenn wir in der Praxis voranschreiten, und wir sollten nicht denken: „Das ist nur eine triviale Art der Praxis, die für Anfänger bestimmt ist und mich nicht mehr betrifft“. Vielmehr bedarf es des genauen Einhaltens der Ethik als eine unerschütterliche Grundlage für jede Art von Praxis, die wir in Zukunft durchführen wollen. Ethisches Verhalten einzuhalten ist so, als ob wir uns auf unsere beiden Füße stellen würden – ethisches Verhalten bildet eine gute und stabile Grundlage, um weiter auf dem Pfad voranzugehen.

Wenn dir die Praktiken der ethischen Selbstdisziplin, bei denen wir versuchen, nicht destruktiv zu handeln, nur sehr gering schätzen, und wenn wir darauf hinabblicken, wenn wir versuchen stets positiv und konstruktiv zu handeln, und wenn wir uns sagen, dass ethisches Verhalten nicht wirklich nötig sei, und wenn wir darüber hinaus versuchen, Leerheit zu analysieren, oder überdies noch versuchen, unsere Herzen mit einem Bodhichitta-Ziel hinzugeben, oder darüber hinaus versuchen, in die verborgenen Praktiken des Tantra einzutreten, wird das alles nicht genügen. Diese fortgeschrittenen Praktiken werden nicht wirken. Wir müssen diese Grundlage ethischen Verhaltens als Standbeine haben, auf denen wir stehen können. Erst mit diesen Standbeinen ausgestattet, können mir dann weitere Schritte unternehmen. Wir können es ohne diese Grundlage nicht schaffen, weiter auf dem Pfad voranzuschreiten. In der Vergangenheit gab es einen sehr gelehrten Geshe aus der Mongolei, der im Kloster Sera lebte. Als einst ein reicher Mann zu ihm kam und ihn um Unterweisungen über Leerheit bat, sagte der Geshe: „Vergiss die Leerheit. Versuche einfach kein Dieb zu sein!“

Es ist sehr wichtig, dieser ethischen Übung zu folgen und zu vermeiden, auf eine destruktive Art zu handeln. Sie haben hier im Westen Zugang zu großartigen spirituellen Meistern und sollten diese um weitere Unterweisungen und Instruktionen über karmisches Verhalten und seine Auswirkungen bitten. Bitten Sie dieser Meister insbesondere darum, Ihnen zu erklären, was die konstruktiven, und darin, was die destruktiven Handlungen sind, und üben Sie sich dann in konstruktivem Verhalten und vermeiden Sie destruktiver Handlungen, so gut Sie können. Wenn Sie sich in dieser Weise so gut wie möglich üben, so werden sie es vermeiden können, in schlechte Wiedergeburtzustände zu fallen. Auf der Grundlage ethischen Verhaltens werden Sie in der Lage sein, eine Wiedergeburt als Mensch oder als Gott zu erlangen. Dann werden Sie auch in der Lage sein, weiterhin in aufeinander folgenden Leben eine bessere Wiedergeburt zu erlangen. Sie werden dann fähig sein, sich in dieser Weise weiterhin zu bemühen und den erleuchteten Zustand eines Buddha zu erlangen. Das ist nicht so schwierig.

Es gibt zehn grundlegende konstruktive und zehn grundlegende destruktive Handlungen. Wir müssen versuchen, besser auf unser Verhalten zu achten und uns sehr bewusst sein, was wir gerade tun. Wir müssen wie dieser großartige Mentor Pen Kungyel werden und unser Verhalten ständig selbst überprüfen, so wie er es getan hat. Auf diese Weise werden wir unser Verhalten verbessern. Pen Kungyel sagte einmal: „Als ich ein Bandit war und meinen gewohnten Wegen folgte, bebaute ich vierzig Morgen Land. Ich jagte, ich fischte und ich plünderte Karawanen, die dort vorbeikamen, wo ich wohnte. Und doch war nicht in der Lage, genügend Nahrung für mich zu organisieren. Ich konnte mit den Lebensmitteln, die ich hatte, nicht auskommen. Nun da ich die Sorge über alle weltlichen Dinge aufgegeben habe, habe ich mehr als genug zu essen, und die Menschen geben mir immer mehr und mehr – mehr als ich überhaupt verbrauchen kann.“ Er fügte dies hinzu: „Früher hatte mein Bauch eine harte Zeit, genügend zu essen zu finden, das ich überhaupt in den Mund hineinstecken hätte können; jetzt aber hat das Essen eine harte Zeit, einen Mund zu finden, der groß genug ist, all das in mir aufzunehmen, was mir gegeben wird!“

Daher müssen wir rechten Gebrauch von dem machen, was wir haben. Wir können Gaben mit all dem darbringen, was uns zur Verfügung steht, ganz gleich welcher Art Besitz und Reichtum wir zur Verfügung haben. Wir sollten unsere Reichtümer nicht einfach verderben lassen. Wir sollten uns nicht nur darum sorgen, genug Essen in unsere eigenen Bäuche zu bekommen. Wir müssen versuchen, uns nicht nur mit der sofortigen Befriedigung unserer Begierden zu beschäftigen. Wir sollten uns nicht wie ein Huhn verhalten, das herumläuft und versucht Futterkörner mit seinem Schnabel aufzupicken, oder wie eine kleine Maus. Wenn wir ein ernsthafter spirituell Praktizierender sind, müssen wir uns niemals davor fürchten zu verhungern. Niemals hat man unter den hunderdtausenden spirituell Praktizierenden vernommen, dass einer von ihnen jemals verhungert wäre.

Da wir diese exzellente Grundlage einer wertvollen menschlichen Wiedergeburt erlangt haben, ist es wichtig, ordentlich zu praktizieren und von dem Menschenleben durch gute Praxis guten Gebrauch zu machen. Der Grund dafür ist, dass wir uns wünschen, glücklich zu sein und wir keine Probleme und Leiden erfahren möchten. Es wird hier erläutert, dass die Ursachen dafür, glücklich zu sein, in konstruktivem Verhalten begründet sind. Gleichfalls wird hier erläutert, dass die Ursachen dafür, dass wir unglücklich sind und Probleme haben, in destruktivem und negativem Handeln begründet sind. Da wir alle gerne glücklich sein wollen, müssen wir auf eine solche Weise handeln, dass wir die Ursachen dafür aufbauen, die Glück hervorbringen.

Die Nachteile aller unkontrollierbar sich wiederholenden samsarischen Wiedergeburten

Auch wenn wir uns durch die Übung von Ethik davor bewahren können in einem der schlechteren Zustände wiedergeboren zu werden, und stattdessen als ein Mensch oder Gott wiedergeboren werden können, sollten wir uns damit nicht einfach zufrieden geben. Ganz gleich in welche Art von unkontrollierbar sich wiederholenden samsarischen Situation wir wiedergeboren werden könnten, wird sie doch nur weitere Arten von Problemen und Leiden mit sich bringen. Es gibt keine unkontrollierbar sich wiederholende Situation, die einen wirklich nur glücklich macht und absolut sicher ist. Wenn wir in unserer Praxis ein Niveau erreichen, auf dem wir diese Aussage wirklich zu verstehen beginnen, so ist das als ob wir zur nächsten Stufe oder der nächsten Klasse in der Schule aufsteigen. Dies wird im nächsten Vers erörtert, wo zu lesen ist:

5) Der Glanz einer zwanghaften Existenz,
auch wenn er genossen wird, reicht nie aus,
Die Tore zu allen Problemen
vermögen meinen Geist nicht zu sichern.
Dieser Fallgruben gewahr, erbitte ich Inspiration dafür,
dass ich ein großes, lebendiges Interesse
an der Glückseligkeit der Befreiung entwickeln möge.

Vorher haben wir darüber gesprochen, wie wir versuchen können, all die problematischen Situationen zu vermeiden, in denen wir in einem der üblen Wiedergeburtzustände wiedergeboren werden. Nun erweitern wir unseren Horizont und denken an alle nur denkbaren Arten unkontrollierbar sich wiederholenden Situationen von zwanghafter, samsarischer Existenz. Ungeachtet wie glanzvoll ein Lebensbereich uns auch erscheinen mag, so werden die verschiedenen Objekte, gesellschaftlichen Positionen und Vergnügungen, die wir erleben, doch niemals ausreichen, uns endgültig zufrieden zu stellen. All der Besitz, die Positionen und Vergnügungen erzeugen nur noch mehr Probleme und Schwierigkeiten. Daher versuchen wir die Entschlossenheit zu entwickeln, uns vollständig von allen Problemen und Plagen zu befreien. Die Entschlossenheit, frei zu sein von Problemen, ist das, was als Entsagung bezeichnet wird. Auf der Grundlage dieser Entschlossenheit, frei zu sein von Problemen, entwickeln wir zusätzlich ein Interesse daran, einen Zustand der Befreiung zu erreichen. Dies ist der Umfang an Motivation, der in diesem Vers erklärt wird.

Die Grundlage für all dies, ist vor allem zuerst eine sichere Grundlage zu haben – nämlich eine ernsthafte Verpflichtung unserem spirituellen Meister gegenüber. Eine weitere Grundlage ist es, über die exzellente Arbeitsgrundlage, das heißt über unsere wertvolle menschliche Wiedergeburt mit all ihren Ruhepausen und Bereicherungen, die wir in diesem Leben erlangt haben, nachzudenken. Wir müssen diese Gelegenheiten, wie wir jetzt haben, als etwas wertvolles erkennen und schätzen lernen, und wir müssen erkennen, wie schwierig es ist, eine solche Wiedergeburt zu erlangen. Dann müssen wir über den Tod nachdenken und darüber reflektieren, dass keine Situation jemals unveränderlich bleibt. Die Gelegenheit und den Möglichkeiten, wie wir jetzt haben, werden wieder verloren gehen, und nach dem Tod können wir in einem der schlechten Wiedergeburtzustände wiedergeboren werden. An all die schrecklichen Leiden und Probleme, denen wir dort begegnen zu denken, suchen wir dann eine sichere und gesunde Ausrichtung für unser Leben, um eine solche schlechte Wiedergeburt zu vermeiden. Die Art und Weise, wie wir eine sichere Ausrichtung in unserem Leben einschlagen, ist, dass wir unser Verhalten gemäß den Gesetzmäßigkeiten des karmischen Verhaltens und seiner Auswirkungen formen. All dies wurde bereits erörtert.

Wir werden unsere Erörterung dieses Verses in der nächsten Sitzung fortsetzen.