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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Der Lam-rim gegliedert entsprechend den Vier Edlen Wahrheiten

Alexander Berzin
Warschau, Polen, 31. Juli, 1986

Die Vier Wahren Tatsachen (die Vier Edlen Wahrheiten)

Nachdem Buddha Shakyamuni deutlich gemacht hatte, dass er Erleuchtung erlangt hatte, lehrte er verschiedene Methoden, damit es auch uns möglich werde, diesen Zustand zu erreichen. Die grundlegende Methode ist dabei, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, mit anderen Worten, den Dharma zu praktizieren. Es gibt 1. wahre Probleme, denen jedermann gegenübersteht. Diese haben 2. wahre Ursachen. Dennoch können wir 3. ein wahres Aufhören dieser Probleme erlangen, indem wir ihre Ursachen beenden, und um diese wahren Beendigungen zu erreichen, müssen wir 4. wahre Formen des Pfadgeistes entwickeln. Einer Pfadgeist ist eine Ebene oder Zustand des Geistes, der als Weg in Richtung Befreiung oder Erleuchtung dient.

Anfängliche Ebene des Verstehens

Man kann diese vier wahren Tatsachen auf mehreren verschiedenen Ebenen verstehen, zum Beispiel entsprechend den drei Ebenen der Motivation, die im „ Lam-rim“ als die Stufen des Pfadgeistes auf dem Weg zur Erleuchtung herausgearbeitet werden. Auf der anfänglichen Ebene des Verstehens gibt es die wahren Probleme, die damit verbunden sind, in einem schlechteren Zustand Wiedergeburt zu erlangen. Wenn wir in einem extremen Leidenszustand sind, ein enormes Ausmaß an Krankheit, Hunger oder Durst erfahren oder immer von Schmerz gepeinigt sind, dann werden wir für spirituelle Entwicklung keine Zeit oder Gelegenheit haben. Das liegt daran, dass unser Geist dann von sehr großen Problemen und Schwierigkeiten überwältigt wird.

Die wahre Ursache hierfür ist destruktives Handeln. Der Buddha lehrte, dass wir, wenn wir Schmerz oder Leiden verursachen, selber dieses Leiden erfahren müssen. Andererseits, wenn wir auf eine konstruktive Art und Weise handeln, wenn wir Glück verursachen, werden wir schließlich selber dieses Glück erfahren. Wenn wir wollen, dass diese Probleme wirklich aufhören, müssen wir deshalb einem wahren Pfad folgen, auf dem wir uns negativer oder destruktiver Handlungen enthalten.

Zuerst müssen wir erkennen, dass wir ein kostbares menschliches Leben haben. Zur Zeit haben wir alle Chancen, um geistig zu wachsen und uns spirituell entwickeln zu können. Weder befinden wir uns zurzeit beispielsweise in einem Konzentrationslager, noch leiden wir unter einer schweren Hungersnot. Aber diese Chancen werden nicht für immer bestehen bleiben, weil wir alle sterben müssen und wir dann dieses kostbare menschliche Leben verlieren. Wann das passieren wird, ist ungewiss. Wir können jederzeit von einem Lastwagen überfahren werden. Wenn wir jetzt sterben müssten und wenn wir immer destruktiv gehandelt hätten, würde uns das in Zukunft in schlechtere Zustände bringen. Wir würden in Situationen wiedergeboren werden, in denen wir den Schmerz und die Leiden, die wir verursacht haben, selber erleiden müssten. Weil wir uns vor einer solchen Zukunft fürchten, sehen wir uns nach einem Ausweg um. Wir finden ihn in den Buddhas selbst.

Buddhas sind die, die sich selber von allen Begrenzungen befreit haben, so dass ihre Fähigkeiten von Geist, Rede und Körper unbegrenzt und klar sind. Ihr Geist ist nicht durch störende Emotionen oder Geisteshaltungen wie z.B. Ärger, Anhaftung oder Fanatismus begrenzt. Sie sind nicht durch geistige Dumpfheit behindert, oder davon, dass ihr Geist ständig abschweift. Ihr Herz, das auch als ein Aspekt des Geistes angesehen wird, ist nicht durch Selbstsucht oder Bevorzugung einiger weniger begrenzt. Ihre Rede ist uneingeschränkt in ihrer Fähigkeit zu kommunizieren und ihre Körper sind z.B. von unbeschränkter Energie. Auf diese Art und Weise ist alles, was ihren Geist, ihr Herz, ihre Rede und ihren Körper betrifft, klar. Außerdem haben sie all ihre Potentiale verwirklicht, so dass sie den höchstmöglichen Entwicklungszustand erreicht haben.

Die Buddhas haben diesen Zustand nicht nur erreicht, sie haben auch aufgezeigt, wie sie ihn erreicht haben. Sie haben vorbeugende Maßnahmen – den Dharma – angewendet, um zu verhindern, dass sie von ihren Begrenzungen, welche zu Problemen für sie und andere führen würden, behindert werden. Außerdem gibt es den Sangha, die Gemeinschaft derer, die sich entschlossen haben diese Ziele zu erreichen und, auf dem Weg diese Ziele zu erreichen, auch schon weit fortgeschritten sind. Wir sehen also die guten Qualitäten von Buddha, Dharma und Sangha und wir wollen nicht immer wieder ein Leben erleiden müssen, welches dazu führt, dass wir weitere Probleme für uns schaffen. Außerdem sehen wir, dass es uns möglich wird, solche Probleme zu vermeiden, wenn wir in Richtung von Buddha, Dharma und Sangha gehen und nehmen deshalb sie als sichere Ausrichtung unseres Lebens. Genau dies bedeutet Zufluchtnahme: unserem Leben eine sichere Ausrichtung zu geben.

Die tatsächliche sichere Richtung wird uns verdeutlicht, wenn man den Gesetzen von Ursache und Wirkung folgt. Wenn wir vermeiden wollen, dass wir in der Zukunft Probleme bekommen, folgen wir deshalb einem wahren Pfad der darin besteht, dass wir uns negativer Handlungen enthalten, z.B. indem wir nicht töten, stehlen, lügen usw. So handeln wir auf konstruktive Art und Weise. Das ist die anfängliche Ebene, auf der man die vier wahren Tatsachen verstehen kann.

Mittlere Ebene des Verstehens

Auf der mittleren Ebene des Verstehens, erfahren wir die wahren Probleme von Geburt, Krankheit, Alter und Tod, egal in welcher Situation wir wiedergeboren sein mögen. Weiterhin gibt es die wahren Probleme, dass wir nicht bekommen, was wir wollen – auch wenn wir uns bemühen, es zu bekommen. Und die Probleme, dass uns Dinge passieren, von denen wir nicht wollen, dass sie passieren. Wir haben viele unkontrollierbar wiederkehrende Probleme, z.B. die Frustration, immer wieder Schwierigkeiten in unseren Beziehungen zu anderen zu haben. Die wahre Ursache für diese Probleme ist zunächst unser mangelndes Gewahrsein der Realität – davon, wer wir sind und wie wir existieren. Deshalb greift unser Geist nach festen Ego-Identitäten. Aber dieser Identitäten sind wir uns nicht sicher. Um sie zu verteidigen oder zu bestätigen wird unser Geist angefüllt mit störenden Emotionen und Geisteshaltungen, wie z.B. Anhaftung, Ärger, Einfalt, Stolz, Eifersucht, unentschlossenem Zaudern usw. Darauf aufbauend entstehen verschiedene Impulse oder Karmas in unserem Geist, die wir in Form von impulsivem Verhalten ausagieren. Dies tun wir aus dem Versuch heraus, unsere Identitäten sicherer zu machen, z.B. indem wir versuchen, möglichst viel Reichtum, materiellen Besitz oder möglichst viele Freunde anzusammeln; oder indem wir versuchen, alles bzw. alle zu vertreiben oder zu zerstören, was bzw. die wir nicht mögen. Wenn wir in dieser Weise impulsiv handeln, z.B. indem wir einander anschreien oder grausam behandeln, schafft uns das wahre Probleme.

Wenn wir wollen, dass diese Probleme wirklich aufhören, dann müssen wir einem wahren Pfad folgen. Zunächst müssen wir die richtige Motivation entwickeln, und zwar die starke Entschlossenheit, dass wir frei von unseren Problemen sein wollen. Diese Entschlossenheit wird manchmal auch als Entsagung bezeichnet. Mit dieser Motivation ausgerüstet müssen wir unterscheidendes Gewahrsein entwickeln, mit dem wir die Realität oder Leerheit erkennen können. Um diese Weisheit zu entwickeln, brauchen wir Konzentration; und um diese Zügelung des Geistes zu erreichen, müssen wir in der Lage sein, die gröberen Handlungen unseres Körpers und unserer Rede zu beherrschen. Deshalb müssen wir über ethische Selbstdisziplin verfügen. Indem wir diesem Pfad der Drei Höheren Übungen folgen – also außergewöhnlicher ethischer Selbstdisziplin, Konzentration und Weisheit – können wir das unterscheidende Gewahrsein erlangen, mit dem wir Leerheit erkennen können, d.h. die völlige Abwesenheit aller unmöglichen Arten zu existieren.

Weil wir der Realität nicht gewahr sind und verwirrt darüber sind, wer wir sind und wie wir und die Welt existieren, greift unser Geist danach, als würden wir und die Welt in einer unmöglichen Art existieren, z.B. als sei alles fest und unabhängig. Aber nichts existiert auf diese phantasierte, unmögliche Weise. Alles ist leer davon, in einer solchen unmöglichen Art zu existieren. Aber das heißt nicht, dass gar nichts existiert. Sondern: Was auch immer existiert, existiert in der Art des bedingten Entstehens, bei dem alles abhängig von Ursachen und Bedingungen entsteht, aus Teilen oder in Verbindung mit einem Geist und dem Prozess des geistigen Benennens. Durch einen solchen wahren Pfad von Verstehen und Erkenntnis können wir unsere geistigen Verdunklungen und geistigen Hindernisse – die störende Emotionen sind – überwinden und Befreiung erlangen. Dies ist die mittlere Ebene des Verständnisses der vier wahren Tatsachen.

Fortgeschrittenes Ebene des Verstehens

In einem fortgeschrittenen Stadium sehen wir nicht nur, dass wir selber Probleme haben, sondern dass jeder andere auch die gleichen Probleme hat wie wir. Deshalb sind auf dieser Ebene wahre Probleme diejenigen Probleme, denen sich jedermann gegenüber sieht. Darüber hinaus ist ein weiteres wahres Problem unsere Unfähigkeit, allen helfen zu können, ihre oder seine Probleme zu überwinden. Die wahren Ursachen für diese Probleme sind erstens unser Egoismus, aufgrund dessen wir uns nur um uns selber sorgen und die anderen ignorieren. Dann gibt es auch die geistigen Schleier und geistigen Hindernisse, die uns daran hindern, alle geschickten Mittel, mit denen wir anderen nutzen können, zu kennen – in anderen Worten, die geistigen Schleier, die unsere Allwissenheit verhindern. Ein wahres Aufhören hiervon würde bedeuten, dass wir nicht nur von unseren eigenen Problemen befreit wären, sondern dass wir darüber hinausgehen würden um ein Buddha zu werden, wodurch wir alle unsere Begrenzungen überwinden und alle unsere Potentiale verwirklichen würden, so dass wir in der Lage wären, jedermann so viel wie nur möglich zu nutzen.

Der wahre Pfad, der hierzu führt, ist erstens, die Motivation des Bodhichitta zu entwickeln, was bedeutet, dass wir unser Herz zu allen und zur Erleuchtung, zum Zustand eines Buddha hin ausdehnen oder öffnen, um in der Lage zu sein, allen zu nützen. Mit diesem als Motivation, entwickeln und praktizieren wir die weitreichenden Geisteshaltungen oder Vollkommenheiten, die alle auf fürsorglicher Liebe und Mitgefühl beruhen. Es handelt sich dabei um die Haltungen Großzügigkeit, Selbstdisziplin, Geduld,  freudvolle Ausdauer, Beständigkeit des Geistes (Konzentration) und unterscheidendes Gewahrsein (Weisheit). Mit weitreichender Unterscheidung erkennen wir die gleiche Realität oder Leerheit, die wir erkennen müssen um unsere störenden Emotionen zu überwinden und Befreiung zu erlangen. Aber da Bodhichitta als Motivation eine viel stärkere Kraft hat als nur die Entschlossenheit, selber frei zu sein, steht für dieses Verständnis mehr Energie zur Verfügung.

Wenn wir nur die Entschlossenheit haben, frei von unseren Problemen zu sein, stellt das nur eine begrenzte Menge an Energie für unser Verständnis von Realität zur Verfügung. Wenn wir dagegen zusätzlich die Motivation haben, die Realität zu erkennen, damit wir allen besser nützen können, wird dadurch viel mehr Energie hinzugefügt. So ist unser Verständnis in der Lage, die beiden Ebenen der geistigen Schleier zu durchschneiden, nicht nur die Schleier der störenden Emotionen, sondern auch diejenigen, die Allwissenheit verhindern.

Hier ein Beispiel: Nehmen wir an, es gäbe eine medizinische Vorlesung über die Behandlung der Bisse giftiger Schlangen. Wenn ein Student daran teilnimmt, der dieses nur lernt, weil er Arzt werden will, damit er viel Geld verdienen und seine finanziellen Probleme überwinden kann – dann wird er dieser Vorlesung nur mit einer bestimmten Menge von Energie zuhören. Wenn dagegen eine Mutter, deren Kind gerade von einer Schlange gebissen wurde, in diesen Vorlesungsraum stürmt, dann wird sie wegen ihrer großen Sorge um die Heilung ihres Kindes sehr viel mehr als der Student lernen wollen, wie man Schlangenbisse heilt. Ebenso verhält es sich, wenn eine Bodhichitta-Motivation unserem Verständnis zugrunde liegt. Dann steht für unser Verständnis eine viel stärkere Kraft zur Verfügung, so dass unser Verständnis in der Lage ist, alle unsere geistigen Verdunklungen zu durchschneiden.

Dieses Vorgehen ist mit einem Pfad oder Pfadgeist verbunden, der Methode (Bodhichitta) und Weisheit miteinander verknüpft. Aber die Art und Weise, wie sie hier, auf dem Sutra-Ebene, miteinander verbunden werden, ist keine, in der beide gleichzeitig auftreten können. Es ist eher ein Vorgehen, in dem jedes von beiden im Kontext des anderen auftritt. Unter Methode (oder Bodhichitta) verstehen wir, dass wir unser Herz zu allen anderen hin ausdehnen und wir Erleuchtung erlangen wollen um ihnen nutzen zu können. Diese Methode steht im Kontext unserer Weisheit, bzw. im Kontext unseres Verstehens der Realität und umgekehrt. Mit anderen Worte: Wenn wir unser Herz zu allen anderen hin ausdehnen, geschieht das innerhalb des Kontextes, dass wir unseren Geist zur Realität hin ausdehnen. Und wenn wir unseren Geist zur Realität hin ausdehnen, geschieht das innerhalb des Kontextes, dass wir unser Herz zu allen anderen hin ausdehnen. Auf diese Weise ist das eine innerhalb des Kontextes des anderen; und solange bis wir Buddhas sind, können die beiden innerhalb des Geistes nicht gleichzeitig auftreten.

Bei dieser Art, Methode und Weisheit miteinander zu verbinden, benötigen wir eine sehr lange Zeit, um alle unsere geistigen Verdunklungen durchschneiden zu können. Tatsächlich dauert es einen Zeitraum, der als die drei unzählbaren Äonen bekannt ist, wobei „unzählbar“ die größte endliche Zahl ist, eine 10 mit 60 Nullen. Wir wollen das „Zillion“ nennen. Dies ist eine enorm lange Zeitspanne. Die andere Lebewesen können nicht so lange warten, bis wir alle unsere Begrenzungen überwunden und alle unsere Potenziale verwirklicht haben, um in der Lage zu sein, ihnen bestmöglich zu nützen. Genau hier kommt das Tantra ins Spiel. Tantra ist eine Mahayana-Praxis oder geistig weitreichende Praxis. Man nimmt diese Praxis auf, um in der Lage zu sein, den Zustand eines Buddha so schnell und effizient wie nur möglich zu erlangen, damit man anderen so gut wie nur möglich und so bald als möglich nutzen kann. Das Tantra basiert auf all den Methoden, die gerade in Form der vier wahren Tatsachen besprochen wurden.