Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Von den zwei Wahrheiten die vier Wahrheiten; von den vier Wahrheiten die drei kostbaren Juwelen

Alexander Berzin
Kiew, Ukraine, Mai 2012
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Teil drei: Von den vier Wahrheiten zu den drei Juwelen

Rückblick auf die vorhergehenden Teile

Wir fahren fort mit der Erläuterung des Verses von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, in dem beschrieben wird, wie wir vom Verständnis der zwei Wahrheiten zum Verständnis der vier Wahrheiten gelangen und dann dazu, dass wir Vertrauen zu den drei Juwelen der Zuflucht gewinnen. Wir haben festgestellt, dass es bei den zwei Wahrheiten darum geht, wie die Dinge tatsächlich existieren und funktionieren (mit anderen Worten, um die Realität). Damit ist Folgendes gemeint:

  • Im Sinne mit der relativen bzw. konventionellen Wahrheit: Was uns tatsächlich erscheint, ist, dass die Dinge aus Ursachen und Bedingungen entstehen. Das heißt, das ist es, was wir sehen würden, wenn wir die Realität sehen würden. Doch unglücklicherweise sehen wir die Dinge sehr häufig nicht auf diese Art.
  • Auf der tiefsten Ebene existieren die Dinge nicht auf die unmögliche Weise, die wir in unserer Verwirrung auf sie projizieren, nämlich z.B. so, dass die Dinge unabhängig von irgendwelchen Ursachen, Bedingungen, Teilen oder sonst etwas ganz von selbst entstünden.

Das ist also die Grundlage.

In den vier edlen Wahrheiten geht es darum, was geschieht, wenn wir hinsichtlich der Realität verwirrt sind, und was geschieht, wenn wir die Realität tatsächlich sehen und korrekt verstehen. Wenn wir hinsichtlich der Realität verwirrt sind, dann wirkt dies als Ursache für Leiden (die Ursache ist in der zweiten edlen Wahrheit beschrieben; die eigentlichen Leiden, die wir erleben, sind die erste edle Wahrheit). Wenn wir hingegen die Realität sehen, sie verstehen und unsere Aufmerksamkeit die ganze Zeit darauf ausgerichtet bleibt, dann hätten wir die dritte edle Wahrheit – wahre Beendigung von Leiden, weil wir dessen Ursache beseitigt haben – und dieses Verständnis ist der wahre Pfad, der zu der wahren Beendigung führt. Wenn wir die Realität nicht verstehen und beruhend auf fehlendem Gewahrsein und Verwirrung handeln, dann setzen wir den Prozess unkontrolliert auftretender Wiedergeburten fort, aber wenn wir diesen Zustand des fehlenden Gewahrseins und der Verwirrung beseitigen, dann wenden wir samsarische Wiedergeburten ab (in dem Sinne, dass sie aufhören bzw. dass wir aus diesem Kreislauf herauskommen).

Die drei kostbaren Juwelen

Nun kommen wir zur dritten Zeile unseres Verses:

Hervorgebracht durch gültige Wahrnehmung, wird dann unsere Überzeugung, dass die drei Zuflucht eine Tatsache sind, gefestigt.

Die drei Zufluchten beziehen sich, wie ich im einführenden Vortrag erwähnt habe, auf Buddha, Dharma und Sangha. Diese Wörter stammen aus dem Sanskrit. Der Buddha bzw. die Buddhas sind natürlich diejenigen, die Erleuchtung erreicht haben und uns lehren, wie man das macht. Dharmas sind ihre Lehren. Sangha ist die Gemeinschaft von Personen mit weit fortgeschrittenen Erkenntnissen und Verwirklichungen. Das ist die eine Ebene, wie man diese drei Juwelen verstehen kann, aber sie haben auch noch eine tiefere Bedeutung.

Im Sinne dieser tieferen Bedeutung bezieht sich Dharma auf das, was man tatsächlich erlangt, und zwar die dritte und die vierte edle Wahrheit. Die dritte edle Wahrheit, ist, wie Sie bereits wissen, die wahre Beendigung von Leiden und dessen Ursachen. Wenn wir dies erreichen, erlangen wir Befreiung vom Daseinskreislauf, von unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten. Die vierte edle Wahrheit ist das Verständnis, welches dazu führt, dass man diese wahre Beendigung erlangt, sowie das Verständnis, das wir als Resultat der wahren Beendigung haben. Und das wird Zuflucht genannt. Was bedeutet Zuflucht also wirklich? Zuflucht ist etwas, das uns schützt: Es schützt uns vor Leiden. Wenn wir den tiefsten Dharma erlangen können – wenn wir diese wahre Beendigung und das wahre Verständnis, welches ein Geisteszustand des wahren Pfades ist, erlangen können – dann können wir vermeiden, dass wir weiterhin Leiden erfahren. Es ist also nicht so, dass jemand anderes dies erreicht hat und wir, wenn wir uns einfach jemand anderem anvertrauen, der das erreicht hat, wir sozusagen erlöst würden.

Die so genannten abrahamitischen Religionen – das bezieht sich auf den Judaismus, das Christentum und den Islam – sind als geschichtsorientierte Religionen bekannt. Mit anderen Worten: In jeder dieser drei Religionen gibt es eine historische Persönlichkeit, die, in einem historischen Ereignis, eine Art Offenbarung Gottes erfuhr – das gilt sowohl für Moses als auch für Jesus und Mohammed -; sie enthüllte dann diese Wahrheit und ihrem Wort kam höchste Autorität zu. Wir können also nicht das tun, was sie taten. Was uns zu tun übrig bleibt, ist, an sie zu glauben. Das wird natürlich in den verschiedenen abrahamitischen Traditionen unterschiedlich beschrieben; aber durch den Glauben daran – entweder den Glauben an diese Persönlichkeiten oder daran, was sie offenbarten und lehrten – werden wir von unserem Leiden erlöst. Das historische Ereignis, als Gott Moses die zehn Gebote gab oder als Jesus das Neue Testament offenbarte oder Mohammed den Koran offenbarte, steht als höchst bedeutsames Ereignis im Zentrum dieser abrahamitischen Religionen.

Wenn wir von den indischen Religionen sprechen – von Hinduismus, Buddhismus, Jainismus -, können wir sie als Dharma-Religionen bezeichnen. Dort ist es ganz anders: Die historische Tatsache des Buddha oder Krishna oder Mahavira (des Gründers des Jainismus) ist nicht das zentrale Ereignis, sondern es ist so, dass wir selbst – jeder – Befreiung und damit den Zustand dieser überragenden Wesen erreichen kann. Im buddhistischen Kontext heißt es: Wir selbst können Befreiung und Erleuchtung erlangen. Aber auch in den anderen dharmischen Religionen wird von Befreiung gesprochen. Das ist einer der grundlegenden Unterschiede zwischen den Religionen Abrahams (unseren westlichen Religionen einschließlich des Islams) und den indischen Religionen.

Wenn wir die Zufluchten betrachten, dann ist es sehr wichtig, sie nicht mittels der Projektionen unserer westlichen Religionen zu betrachten. Es ist nicht so, dass „Buddha der einzige war, der Erleuchtung erreichte, und wenn ich an Buddha glaube, werde ich erlöst“, und dass wir deshalb befolgen, was Buddha sagte. Um diese Einstellung zu vermeiden, vermeide ich lieber das Wort „Zuflucht“ als Übersetzung, weil es einen etwas passiven Anklang hat – dass man einfach Zuflucht nimmt im Sinne von „Ach Buddha, erlöse mich“ und errettet wird. Das ist nicht im Sinne des Buddhismus, wenn es darum geht, ein korrektes Verständnis von Buddhismus zu gewinnen. Ich spreche daher lieber von einer „sicheren Richtung“ als von „Zuflucht“. Mit anderen Worten: Buddha, Dharma und Sangha zeigen uns eine sichere Richtung an, in die wir gehen können, um selbst zu erreichen, was ein Buddha erreichte. Zwar hat Buddha eine Möglichkeit gelehrt, wie wir uns selbst schützen können, aber wir selbst müssen sie in die Praxis umsetzen, und in Wirklichkeit sind es unsere Bemühungen und das, was wir selbst erlangen, was uns vor Leiden schützt, was uns hilft, Leiden abzuwenden.

Das Dharma-Juwel

Wenn die Rede von dem tiefsten Dharma-Juwel oder -Kleinod ist oder wie immer man es nennen will, so geht es um etwas „Seltenes“ und „Kostbares“ (dkon-mchog) - so übersetzen die Tibeter in diesem Zusammenhang das Wort „Juwel“: „selten“ (dkon) und „kostbar“ (mchog). Was damit gemeint ist, ist der tatsächliche Zustand, in dem man das Leiden beendet und einen Geisteszustand erlangt hat, der ein wahrer Pfad ist, welcher zur Beendigung von Leiden führt und darin resultiert. Das ist etwas, was wir selbst erreichen müssen. D.h. wir müssen überzeugt sein, dass es tatsächlich möglich ist, dies zu erreichen. Deshalb gibt es diese Erklärung der zwei Wahrheiten und der vier Wahrheiten, nämlich um uns verstehen zu helfen, dass es möglich ist, dies zu erreichen, dass es so etwas wie Befreiung gibt, und wie sie zustande kommt.

Das Buddha-Juwel

Buddhas sind diejenigen, die all das in vollem Ausmaß erreicht haben – also nicht nur Buddha Shakyamuni, sondern viele Buddhas -, und sie haben uns gelehrt und Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir das tatsächlich selbst erreichen können. Sie zeigten es auf zweierlei Art: zum einen durch ihre Lehren, und zum anderen einfach durch die Art, wie sie aufgrund ihres Verständnisses waren. Das ist übrigens ein sehr wichtiger Punkt. Wir können sowohl durch verbale Lehren andere beim Lernen unterstützen und ihnen etwas aufzeigen als auch durch unser Beispiel – also indem wir ein lebendes Beispiel für das sind, was wir vermitteln wollen. Auch das zeigt, dass wir nicht bloß von irgendwelchen abstrakten Lehren reden, sondern dass Menschen sie wirklich verkörpern, wenn sie lehren, und uns dadurch inspirieren, ihrem Beispiel zu folgen.

Das Sangha-Juwel

Was den Arya-Sangha – das dritte Juwel – betrifft, so denken einige Menschen: „Wozu braucht man dieses dritte Juwel? Sind Buddha und Dharma nicht genug?“ Die klösterliche Gemeinschaft, die Mönche und Nonnen, sind Repräsentanten des Sangha, aber sie sind nicht das eigentliche Sangha-Juwel. Genauso, wie Statuen und Bilder die Buddhas repräsentieren und die Texte den Dharma repräsentieren, sind sie nicht das, was im tiefsten Sinne dadurch dargestellt werden soll. Es handelt sich lediglich um Repräsentationen. Als Symbol für etwas, als etwas, das für Buddha, Dharma und Sangha steht, helfen uns diese Statuen, Bilder, Bücher, Mönche und Nonnen, einen Fokus dafür zu haben, unseren Respekt zum Ausdruck zu bringen, denn es ist nicht so einfach, unseren Respekt für etwas zum Ausdruck zu bringen, das eher abstrakt ist. Doch Buddha, Dharma und Sangha haben viel tiefere Bedeutung [als die Repräsentationen, die dafür stehen].

Das Sangha-Juwel ist überaus wichtig. Warum? Sangha bezieht sich auf die Arya-Wesen, diejenigen, die beruhend auf den zwei Wahrheiten (der relativen und der tiefsten Wahrheit) die vier edlen Wahrheiten unbegrifflich erkannt haben. Sie nehmen sie unbegrifflich wahr und als Ergebnis davon haben sie ein klein wenig von der wahren Beendigung und vom Geisteszustand des wahren Pfades erlangt, zwar noch nicht die Gesamtheit, aber einen Teil davon. Dieser Punkt ist sehr wichtig, denn wenn wir uns mit den vier edlen Wahrheiten befassen – wie werden sie definiert? Sie werden definiert als edle Wahrheiten, als die Wahrheiten der Aryas. Sie sind das, was Aryas, diejenigen, die unbegriffliche Wahrnehmung der Realität haben, als wahr erkennen. Was sagt uns das? Folgendes:

  • Zuerst einmal, dass es nicht nur Buddhas sind, die das alles wahrnehmen und wahre Beendigungen und Geisteszustände des wahres Pfades erlangen. Es handelt sich eher um einen allmählichen Prozess.
  • Und schon bevor man Befreiung und Erleuchtung erlangt, beginnt man, etliche Aspekte der wahren Leiden abzumeißeln und loszuwerden, weil man die wahren Ursachen dafür beseitigt.

Es ist also ein allmählicher Prozess, und er beginnt lange bevor man ein Buddha oder ein Arhat – ein befreites Wesen – wird. Wir bekommen also ein Beispiel, auf das wir uns etwas einfacher beziehen können als auf das Vorbild eines Buddha. Diejenigen, die zum Arya-Sangha gehören, haben immer noch einige Probleme usw., sie erfahren noch Leiden – sie sind nicht frei von unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten, doch sie sind frei von einem Teil davon -, und so können wir einfacher Verbindung zu ihnen herstellen. Das gibt uns Mut und Inspiration in Bezug darauf, dass wir, wenn wir diese sichere Richtung einschlagen, in der wir Schritt für Schritt die wahren Beendigungen und Geisteszustände des wahren Pfades erlangen, allmählich zu dem letztlichen Ziel, Befreiung und Erleuchtung, gelangen. Selbst wenn wir noch nicht imstande sind, den ganzen Weg zur Befreiung und Erleuchtung zu gehen, werden wir uns schon in gewissem Ausmaß von Leiden befreien, denn wir werden in gewissem Ausmaß das fehlende Gewahrsein überwinden, welches das Leiden verursacht. Es kommt nur darauf an, wie sehr wir ganz und gar auf die Realität ausgerichtet bleiben können. Wenn man noch ein Arya ist, kann man noch nicht die ganze Zeit darauf ausgerichtet bleiben. Wenn man ein Buddha ist, kann man die ganze Zeit vollkommen darauf ausgerichtet bleiben.

Ich habe in meiner Darstellung noch nicht den Unterschied zwischen Befreiung und Erleuchtung aufgezeigt. Sie sind nicht dasselbe. Befreiung bezieht sich auf die Befreiung von unkontrolliert auftretender Wiedergeburt, und wenn wir das erreichen, werden wir zu einem so genannten „Arhat“, ein befreites Wesen. Aber Erleuchtung ist noch mehr als das. Sie bedeutet, dass man nicht nur frei von den so genannten emotionalen Schleiern ist – den störenden Emotionen und dem fehlenden Gewahrsein, wie wir und alles andere existieren -, sondern auch frei von den so genannten kognitiven Schleiern.

Mit anderen Worten: Aufgrund der Gewohnheit, an die Projektionen von etwas zu glauben, was unmöglich ist – der Gewöhnung an unmögliche Arten von Verständnis -, nimmt unsere geistige Aktivität weiterhin solche Projektionen vor. Wir glauben, dass sie der Realität entsprechen, und dann treten unsere störenden Emotionen auf. Wenn wir Befreiung erlangen, dann erlangen wir sie, indem wir aufhören zu glauben, dass diese Erscheinungen, die so genannten täuschenden Erscheinungen, der Realität entsprechen. Wir hören auf, daran zu glauben. „Das ist Unsinn. Es erscheint so, aber das ist nicht die Art und Weise, wie die Dinge sind.“ Unsere Wahrnehmung, das was uns erscheint, ist immer noch begrenzt, und es besteht die Tendenz, dass die Dinge so erscheinen, als würden sie sozusagen in Schubladen existieren, jedes für sich in Plastik gehüllt, aber wir wissen, dass die Dinge nicht auf diese Weise existieren. Selbst auf ganz einfacher Ebene, z.B. wenn wir an die Atomphysik denken, gibt es die Atome, und bei genauerer Betrachtung die Kraftfelder und Energiefelder und dergleichen. Es gibt keine feste Linie, die um irgendein Objekt gezogen ist und besagt: „Auf dieser Seite der Linie ist das Objekt, auf der anderen Seite der Linie nicht. Die Dinge sind nicht so fest, wie sie uns erscheinen.

Doch wenn wir diese kognitiven Schleier beseitigen – die bewirken, dass unser Geist diese täuschenden Erscheinungen hervorbringt -, dann hört der Geist auf, solche Erscheinungen zu projizieren, und wir erlangen Erleuchtung. Wenn wir Erleuchtung erlangen, sehen wir die Verbundenheit von absolut allem gleichzeitig. Und was dabei am wichtigsten ist: Wir können bei jeder einzelnen Person all die Ursachen und Bedingungen sehen, die Einfluss darauf hatten, wie diese Person jetzt ist; und wir können sehen, was die Ergebnisse von allem, was wir sie lehren, sein würden, sodass wir erkennen, wie wir sie am geschicktesten leiten und ihnen dabei helfen können, dass sie selbst zur Befreiung und Erleuchtung gelangen.

Wenn von Aryas die Rede ist, so gehören dazu nicht nur die Bodhisattva-Aryas – das sind diejenigen, die Erleuchtung anstreben -, sondern auch diejenigen Aryas, die lediglich Befreiung anstreben. Wenn man im Kontext der sicheren Richtung bzw. Zuflucht von den drei Juwelen spricht, so geht es also um alle, die entweder nur Befreiung oder auch Befreiung und Erleuchtung zum Ziel haben, nicht nur um Bodhisattvas in ihrem Streben nach Erleuchtung.

Feste Überzeugung in Bezug auf die drei Juwelen entwickeln

Jedenfalls: Wenn wir die zwei Wahrheiten verstehen und, darauf beruhend, die vier Wahrheiten verstehen – nämlich wie wir in den Daseinskreislauf, in unkontrolliert auftretende Wiedergeburten, hineingeraten und wie wir da wieder herauskommen -, dann gewinnen wir die feste Überzeugung, dass das tiefste Dharma-Juwel tatsächlich existiert: es ist eine Tatsache; so etwas gibt es. Uns ist dann sehr klar, dass die Verwirrung, die die täuschenden Erscheinungen von etwas Unmöglichen hervorbringt, kein innewohnendes Merkmal bzw. Charakteristikum unserer geistigen Aktivität ist. Warum? Weil wir sie loswerden können. Wenn man sich auf das genaue Gegenteil des fehlenden Gewahrsein ausrichtet – mit anderen Worten: mit den Gewahrsein der zwei Wahrheiten darüber, wie die Dinge existieren -, dann hat man diese täuschenden Erscheinungen nicht, und man glaubt erst recht nicht an sie. Wenn man dann die ganze Zeit auf dieses Gewahrsein, auf diesen wahren Pfad, ausgerichtet bleibt, dann wird man eine wahre Beendigung des fehlenden Gewahrsein bzw. der Unwissenheit erlangen. Man kann untermauern, dass dies der Realität entspricht. Und die Wirkung dieser Ausrichtung ist, dass man nicht länger dem Leiden an jenem Auf und Ab von Unglück und gewöhnlichem Glück unterworfen ist und keine unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten mehr erlebt.

Nun könnte man einwenden: „Wenn man aber die ganze Zeit dem fehlenden Gewahrsein entsprechend ausgerichtet ist, dann hat man kein Verständnis oder Gewahrsein. Was ist nun stärker – dass man die ganze Zeit entsprechend dem fehlenden Gewahrsein ausgerichtet bleibt, wobei die Auffassung nicht mit der Realität übereinstimmt, oder dass man auf das Gewahrsein ausgerichtet bleibt, das mit der Realität übereinstimmt?“ Unter dem Gesichtspunkt der Analyse betrachtet, d.h. wenn man die Angelegenheit untersucht, stellt sich heraus, dass es nichts Substanzielles gibt, das unserem fehlenden Gewahrsein und jenen täuschenden Erscheinungen Rückhalt geben würde, wohingegen das korrekte Verständnis durch Logik unterstützt wird: Die Dinge entstehen aus Ursachen und Bedingungen; sie existieren nicht ganz für sich allein, indem sie einfach so aus dem Nichts auftauchen. Und wenn wir die ganze Zeit mit Gewahrsein, mit korrektem Verständnis, auf die Realität ausgerichtet bleiben, so bringt das eine Wirkung hervor: Wir erleben kein Leiden und keine samsarische Wiedergeburt mehr. Wenn wir hingegen die ganze Zeit dem fehlenden Gewahrsein und der Verwirrung entsprechend ausgerichtet bleiben, so hat auch das seine Wirkung, nämlich Leiden. Hier haben wir also wieder die vier edlen Wahrheiten. Was wollen wir nun erzielen? Wollen Sie ewig die ganze Zeit leiden? Wenn dem so ist, dann können Sie ruhig am fehlenden Gewahrsein ausgerichtet bleiben und Sie werden dauernd leiden. Das können Sie gerne tun. Aber wenn Sie frei davon sein möchten – und das ist das Ziel des spirituellen Pfades -, dann ist vollkommen klar, dass man die ganze Zeit mit Gewahrsein, mit Verständnis, auf die Realität ausgerichtet bleiben muss.

Mit dieser Herangehensweise an das Thema Zuflucht wird diese, wie es im Vers heißt, durch gültige Wahrnehmung hervorgebracht, und dann wird unsere Überzeugung davon, dass diese drei Zufluchten Tatsachen sind, gefestigt. Wir haben also nicht mehr nur die Mutmaßung, dass wir uns, wenn wir in diese Richtung gehen, dadurch vom Leiden befreien können. Wir gründen unsere Zuflucht, unseren spirituellen Weg, nicht nur auf Mutmaßungen, dass das wahr sein könnte – was im Grunde nur ein besseres Ratespiel ist, wobei das Raten auf Glauben beruht (weil meine Lehrer das sagen usw.) -, sondern sie basiert auf gültiger Wahrnehmung. Wir gehen auf der Basis gültiger Wahrnehmung vor, die aus Logik, aus grundlegendem, schlussfolgerndem Verständnis, hervorgeht.

Gültige Wahrnehmung kann man auf zwei Arten haben. Es gibt die gültige Wahrnehmung durch Schlussfolgerung bzw. Logik, und es gibt die einfache Wahrnehmung, die derjenigen gleicht, wenn wir etwas selbst sehen oder hören oder erfahren. Das Problem hinsichtlich der zweiten Art ist, dass man sehr, sehr fortgeschritten sein muss, bevor man diese Inhalte selbst erfährt. Womit beginnen wir also vorher? Aus diesem Grund beginnen wir mit den Schlussfolgerungen als Grundlage für gültige Wahrnehmung.

Auf dem spirituellen Pfad voranschreiten

Nun kommen wir zur vierten Zeile:

Inspiriert mich, diese Wurzel der Geisteszustände des Pfades, die zur Befreiung führen, fest zu verankern.

Wenn wir über die Geisteszustände des Pfades zur Befreiung sprechen, können wir das Thema auf sehr viele verschiedene Arten darstellen. Eine dieser Darstellungsarten ist diejenige, die den drei Reichweiten der Motivation entspricht, dem, was häufig mit dem tibetischen Namen „Lam-rim“ (Stufenweg) bezeichnet wird. Das beinhaltet, dass man drei aufeinanderfolgende Ziele anstrebt:

  • Das erste Ziel ist, schlimmere Wiedergeburten zu vermeiden und bessere Wiedergeburten zu erlangen. Wir möchten bessere Wiedergeburten erlangen, in denen wir sehr viel weniger Leiden erfahren, denn dann werden wir optimale Bedingungen dafür haben, unseren spirituellen Weg fortzusetzen. Wenn wir als Kakerlake auf die Welt kommen, können wir während der gesamten Lebenszeit als Kakerlake nicht viel für unseren spirituellen Fortschritt tun. Wir haben bereits festgestellt, dass wir, um schlimmere Wiedergeburten zu vermeiden, unser fehlendes Gewahrsein bzw. unsere Verwirrung hinsichtlich der relativen Wahrheit, nämlich Ursache und Wirkung, überwinden müssen. Die wesentliche Ursache für schlimmere Wiedergeburten ist destruktives Verhalten, und wir verhalten uns destruktiv, weil uns nicht bewusst ist, was für Folgen das hat, oder weil wir der Meinung sind, dass es gegenteilige Folgen hat (dass es uns glücklich machen wird).
  • Die mittlere Reichweite besteht darin, als Ziel die Befreiung von allen drei Arten des Leidens (Unglücklichsein, unser gewöhnliches Glück und die Grundlage dafür, nämlich unsere unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten). Dafür müssen wir das fehlende Gewahrsein hinsichtlich der tiefsten Wahrheit, der tiefsten Realität, also hinsichtlich der Leerheit, überwinden. Wir müssen jedoch nicht nur das Gewahrsein der Leerheit erlangen; wir müssen die ganze Zeit das Verständnis aller vier edlen Wahrheiten haben. Doch es ist sehr schwierig, die ganze Zeit auf all das gleichzeitig ausgerichtet zu sein. Deshalb müssen wir noch weiter gehen.
  • Die fortgeschrittene Reichweite besteht darin, den erleuchteten Zustand eines Buddha zu erlangen, damit wir allen anderen von Nutzen sein können. Also während wir auf die tiefste Wahrheit ausgerichtet bleiben, die relative Wahrheit voll und ganz zu verstehen. Nur ein Buddha kann die ganze Zeit auf beide Wahrheiten gleichzeitig ausgerichtet bleiben.

Das ist überaus interessant. Wenn wir uns diese Sequenz genauer anschauen – von den zwei Wahrheiten zu den vier Wahrheiten, von den vier Wahrheiten zu den drei Zufluchten -, so heißt es in Bezug darauf, dass dies die Wurzel der drei Ebenen (der anfänglichen, mittleren und fortgeschrittenen Reichweite der Motivation) sowie der Übungen und Einsichten ist, die zu diesen drei Zielen führen werden. Es heißt, dies sei die Wurzel. Richtig? Eine Wurzel ist nicht dasselbe wie ein Same. Eine Wurzel ist das, was einer Pflanze Stabilität und Kraft gibt. Wenn wir beruhend auf Logik überzeugt sind, dass diese drei Ziele erreichbar sind, dass sie existieren, und dass es nicht unrealistisch sondern vollkommen realistisch ist, sie selbst zu erreichen, dann gibt uns das natürlich eine Stabilität, die den gesamten spirituellen Weg zu diesem Ziel unterstützt.

Aber in anderen Darstellungen – und diese sind vielleicht häufiger als diese, die uns hier vorliegt – finden wir die Aussage, dass die Wurzel dieser drei Ebenen eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Lehrer ist. Diese Aussage finden wir, soweit ich weiß, in allen Lam-rim-Texten, zumindest in denen, die ich kenne. Eine besondere Beziehung zum spirituellen Lehrer ist in dem Sinne die Wurzel des gesamten spirituellen Weges, dass man vom Lehrer inspiriert wird, und diese Inspiration ist es, die einem die Kraft und die Energie gibt, die erforderlich sind, damit man zu diesen Zielen fortschreiten kann.

Hier finden wir also wiederum zwei Varianten, wie man auf stabile Art auf dem spirituellen Pfad voranschreiten kann:

  • Die eine Möglichkeit ist, die Verbindung mit dem spirituellen Lehrer, die Inspiration usw. als Wurzel bzw. Stärke zugrunde zu legen. Darauf beruhend wenden wir eine Art Logik an, die besagt: „Mein Lehrer ist eine gültige Informationsquelle. Deshalb ist das, was der Lehrer sagt – nämlich dass es möglich ist, Erleuchtung zu erlangen -, korrekt. Es gibt keinen Grund, warum der Lehrer sich so etwas ausdenken sollte.“ Es ist also eine bestimmte Art von Logik, die hier eingesetzt wird. Doch wenn man sich diese Vorgehensweise unter dem Gesichtspunkt anschaut, wie die meisten Leute sie erleben, so wird deutlich, dass sie dies mehr auf emotionaler Ebene erfahren. Man ist gefühlsmäßig so inspiriert von dem Lehrer, dass einem das die Kraft gibt, den Weg fortzusetzen. Es gibt hier eine Parallele zu jenen beiden Arten der Entwicklung von Bodhichitta, die ich erwähnt habe, und zwar ist in diesem Fall das Vorgehen ähnlich der Art, dass man sich zuerst – mit relativem Bodhichitta – so dazu hingezogen fühlt, anderen zu helfen, dass es einen dadurch zur Erleuchtung zieht, und erst später kommt es dazu, dass man vollkommen überzeugt ist, sie tatsächlich erreichen zu können.
  • Bei der anderen Möglichkeit – entsprechend der Art von Praxis, bei der wir zuerst das tiefste Bodhichitta entwickeln – entwickeln wir die Überzeugung von der Leerheit auf die Art, die unser Vers hier gerade beschrieben hat (wir gewinnen die Überzeugung, dass es möglich ist, das Ziel zu erreichen), und beruhend darauf entwickeln wir die mehr emotionale Seite, tatsächlich auf die Erleuchtung hinzuarbeiten, unser Herz zu öffnen usw.

Beide Möglichkeiten sind gültige Ansätze für den spirituellen Pfad, und ihre Anwendung hängt ganz davon ab, welche unserer grundlegenden Ebene bzw. Fähigkeit entspricht. Die Art, wie sie hier in unserem Text dargestellt wird, ist so beschrieben, dass diejenigen mit einem sehr scharfsinnigen Verstand und entsprechenden Fähigkeiten es wohl besser geeignet für ihre Persönlichkeit finden, sich auf diese logische Darstellung zu stützen, während es für diejenigen, die nicht so scharfsinnig in ihrem Intellekt vorgehen (mit anderen Worten, die mehr auf der emotionalen Ebene arbeiten), am besten funktioniert, wenn sie sich auf die Inspiration von ihrem Lehrer und die Emotion stützen, die im Zusammenhang mit Liebe und Mitgefühl entwickelt wird, sodass dies die Grundlage ist.

In vielerlei Hinsicht denke ich, dass wir beide Herangehensweisen in ausgewogenem Maße entwickeln müssen. Auf meiner Website gibt es einen Artikel von mir, der sich damit befasst, dass man sich dem Dharma auf eine intellektuelle, eine emotionale und eine hingebungsvolle Art nähert. Wenn wir den hingebungsvollen Aspekt mit hinzunehmen, gibt es also drei Arten. Und ich denke, es ist sehr wichtig, nicht die jeweiligen anderen Arten, sich dem buddhistischen Weg zu nähern, geringzuschätzen, bloß weil wir selbst eine bestimmte Art bevorzugen. Denn wenn wir uns im Sinne all unserer Potenziale vollständig entwickeln möchten, brauchen wir ein ausgewogenes Maß aller drei Herangehensweisen.

Dies ist also die grundlegende Darstellung dieses speziellen Verses in diesem besonderen Gebet von seiner Heiligkeit dem Dalai Lama. Man kann eine Menge an Bedeutung daraus hervorholen – wie mein Lehrer immer sagte: man kann all die Worte melken (wie eine Kuh), sodass man eine Menge Bedeutung daraus gewinnen kann.

Fragen und Antworten

Jetzt haben wir Zeit für Fragen.

Praktische Anwendung der vier edlen Wahrheiten

Teilnehmer: Wenn ein Freund von mir sich Sorgen macht oder Probleme hat oder so etwas, kann ich Ratschläge geben: „Immer mit der Ruhe. Entspann dich. Nimm das nicht so ernst.“ Das ist dann eine Art Erinnerungshilfe, die ich anderen Menschen oder vielleicht auch mir selbst geben kann. Aber wie ist es im Fall von Selbstsucht? Gibt es für Situationen, in denen ich emotional und selbstsüchtig bin und eigentlich etwas tun müsste, um mit den Menschen umzugehen, eine Art Gedächtnisstütze, damit ich mich erinnere, vielleicht ein Mantra oder irgendeinen Satz oder Wort, damit ich all das nicht vergesse? Ich könnte dann diese Gedächtnishilfe im Sinn behalten, um nicht zu vergessen, dass ich darauf achten muss, was die Projektion meines selbstsüchtigen Geistes und was die Realität ist.

Alex: Gemäß den Worten von Tsongkhapa, einem großen tibetischen Meister, heißt es: Zu allen Zeiten, außer wenn wir unbegrifflich auf die Leerheit konzentriert sind, projiziert unsere geistige Aktivität unmögliche Arten zu existieren – erzeugt also täuschende Erscheinungen; das geschieht also immerzu. Das, was widerlegt werden soll, ist also jeder Moment unserer Erfahrung außer derjenigen in tiefer Meditation. Man muss nicht lange suchen, um darauf zu stoßen: Es ist die Erscheinung in jedem Moment, die Art und Weise, wie die Dinge uns erscheinen.

Es gibt viele Möglichkeiten, kleine Hilfsmittel, die uns dabei unterstützen können, die Erscheinung, die wir wahrnehmen, zu demontieren. Ich habe sie in meinem Buch „Ausgewogene Sensitivität entwickeln“, das als E-Book auf meiner Website zu finden ist, umrissen. Dieser Text ist auch als Buch erhältlich.

Ein Bild, das hilfreich ist, ist, „den Ballon der Fantasievorstellung zum Platzen bringen“. Aber man muss das auf nicht-dualistische Weise tun. Es ist nicht so, als wäre hier ein gesondertes Ich mit einer Stecknadel und dort die Erscheinung, und dann bringt man den Ballons zum Platzen. Es ist einfach so, dass der Ballon platzt, nämlich die Übertreibung in Bezug darauf, wie die Dinge existieren. Man muss also erkennen, was diese täuschende Erscheinung ist. Die täuschende Erscheinung kann sein: „Du bist so schrecklich“ oder „Diese Situation ist so schrecklich“. Wir sehen die Person oder die Situation nicht im Kontext all der Ursachen und Bedingungen und all der anderen Leute, die Ähnliches erleben, sondern sie ist einfach nur „diese schreckliche Sache“ und „Ich Armer, ich leide so darunter.“ Dann stellen wir uns einfach vor, dass der Ballon platzt. Ich weiß, dass Sie Filmemacher sind; Sie könnten sich das also als Szene in einem Film vorstellen, ganz bildlich, etwa dass das, was auf dem Bildschirm erscheint, einfach explodiert, und dann sieht man etwas anderes, das dahinter zum Vorschein kommt: die Realität. Das könnte für jemanden wie Sie ein hilfreiches Bild sein.

Ein anderes Bild, dass ich in dem Buch „Ausgewogene Sensitivität entwickeln“ verwende, besteht darin, uns das, was wir tun, wie ein aufgeschlagenes Buch vorzustellen, in dem zwei Seiten sichtbar sind. Auf der einen Seite steht „Ich Armer, ich muss unter dieser schrecklichen Situation leiden“, und die andere Seite handelt von dieser schrecklichen Situation, mit der ich nicht umgehen kann und die so furchtbar ist. Das Ganze gleicht einer grausigen Märchengeschichte. Und dann sehen wir als geistiges Bild, wie das Buch zuklappt; Ende der Geschichte. Das ist also auch ein Bild, das wir verwenden können und das hilfreich sein kann. Um es etwas mehr in der Fachsprache auszudrücken: Man schlägt das Buch des Dualismus zu.

Oder wenn sie eine Art Mantra benutzen möchten – ich persönlich habe ein sehr unkonventionelles Mantra, das ich selbst dafür benutze; es ist ziemlich derb, es lautet „Bockmist“: „Die Art, wie mir das erscheint, das ist Bockmist. Das ist nicht die Art, wie die Dinge sind.“ Auf Russisch gibt es bestimmt ein ähnliches Wort.

Übersetzer: Wenn wir „Bock“ und „Mist“ wörtlich übersetzen, ist das …

Alex: Etwas ganz anderes, ja. Aber haben Sie etwas Entsprechendes? – Richtig. So etwas in der Art.

Das sind Möglichkeiten, die uns helfen können. Das Problem ist, sich daran zu erinnern. Und der Zeitpunkt, an dem es am leichtesten ist, die Notwendigkeit für ein solches Vorgehen festzustellen, ist, wenn wir eine sehr starke störende Emotion erleben. Die Situation, die die Tibeter am liebsten als Beispiel nennen, ist, wenn man fälschlich für etwas beschuldigt wird, das man gar nicht getan hat. Dann empfindet man sehr stark: „Das war ich nicht! Wollen Sie etwa sagen, ich wäre ein Lügner oder Betrüger?“ Oder so etwas Ähnliches. Dann tritt das starke Gefühl eines festen Ich am stärksten auf. Das ist das Beispiel dafür, das man in den tibetischen Texten am häufigsten findet.

Meditation

Teilnehmer: Sie haben erwähnt, dass eine Möglichkeit, unseren Geist zu kontrollieren und spirituellen Zielen näherzukommen, die Meditation ist. Aber dieses Wort hört man heutzutage überall, und zwar in vielen verschiedenen Bedeutungen. Welche Bedeutung hat dieses Wort speziell im Buddhismus? Können Sie vielleicht auf einfache Weise erklären, wie man sie anwendet? Oder, falls das zu schwierig ist, vielleicht können Sie einfach die Bedeutung im Allgemeinen erklären?

Alex: Meditation (tib. sgom, Skt. bhavana) bedeutet auf Tibetisch „sich etwas zur Gewohnheit machen“, „sich mit einem heilsamen Geisteszustand vertraut machen“. Man tut das mittels etwas, das in der Alltagssprache schlicht „Übung“ genannt wird. Und Übung beinhaltet Wiederholung, etwas immer wieder zu tun, wie im Sport. Es ist also ein geistiges Training (aber nicht nur intellektuelles Training, sondern auch emotionales Training). Im Sanskrit enthält das Wort die Konnotation „zu etwas werden“. Mit anderen Worten: „zu veranlassen, dass etwas geschieht“. Man sorgt dafür, dass etwas geschieht, indem man sich so daran gewöhnt, dass es dann ganz natürlich und unwillkürlich auftritt, in diesem Fall also der förderliche Geisteszustand.

Es gibt Vieles, das wir am besten die ganze Zeit über hätten:

  • Es kann einfach ein allgemeines Gewahrsein von etwas sein, was die ganze Zeit über vor sich geht; deshalb konzentriert man sich für den Anfang auf den Atem, um es zu entwickeln.
  • Oder Konzentration – der Geist ist nicht abgelenkt oder träge. Das ist ein sehr hilfreicher Geisteszustand; deshalb muss man ihn üben: immer wieder versuchen, ihn zu entwickeln.
  • Oder die Fähigkeit, in einem bestimmten Geisteszustand zu bleiben, etwa einem emotionalen Zustand – einem Zustand von Liebe, Mitgefühl, Geduld. Insbesondere wenn wir z.B. Ärger verspüren, sich darin zu üben, die Grundlage für diesen Ärger zu beseitigen, indem man Liebe und Verständnis entwickelt.
  • Oder wir befassen uns damit, uns daran gewöhnen, es uns zur Gewohnheit machen, dass wir auf die Realität ausgerichtet bleiben.

Jede dieser Arten der Meditation beruht darauf, dass wir:

1. zuhören – mit anderen Worten: korrekte Information und Unterweisungen empfangen und die Gewissheit haben, dass wir die richtigen Unterweisungen erhalten haben und sie richtig gehört haben.

2. Und dann darüber nachdenken, bis wir verstehen, was sie bedeuten, überzeugt sind, dass sie wahr sind und dass es erstrebenswert für mich ist, diesen Geisteszustand zu entwickeln, und auch überzeugt sind, dass wir fähig sind, ihn zu entwickeln.

Es handelt sich also um etwas, das korrekt ist und das erstrebenswert ist, es ist möglich, es zu entwickeln, und zwar nicht nur möglich im allgemeinen Sinne, sondern ich persönlich kann das tun. Es ist also richtig, es ist etwas, das ich erreichen möchte, und etwas, das ich erreichen kann.

3. Und dann meditieren wir, um diesem Zustand des Geistes – oder was immer es ist, worauf wir uns ausrichten – hervorzubringen, und üben immer wieder, darauf ausgerichtet zu bleiben. Das ist Meditation.

Entspannt zu sein und zur Ruhe zu kommen ist also nicht das letztliche Ziel von Meditation; es ist nur der Zustand, von dem aus wir anfangen. Meditation nur anzuwenden, um sich zu entspannen – die Analogie, die dafür genannt wird, lautet: Das ist, als würde man ein sehr ausgeklügeltes Gewehr dafür verwenden, auf Kakerlaken zu schließen. Man verwendet es nicht für ganz triviale Zwecke. Meditation kann natürlich dazu beitragen, dass man entspannter wird, aber man setzt sie für wesentlich bedeutsamere Ziele ein.

Der Unterschied zwischen Buddhismus und anderen Dharma-Religionen

Teilnehmer: Sie haben erwähnt, dass es mehrere Dharma-Religionen gibt, und dass in jeder von ihnen die Rede davon ist, dass ein Problem besteht und es Befreiung von diesem Problem gibt. Und natürlich versichert jede Religion, ihre Methoden seien die besten. Können Sie erklären, was in dieser Hinsicht das Besondere am Buddhismus ist?

Alex: Stimmt, das ist richtig. In jeder dieser Dharma-Religionen, die ich erwähnt habe – Hinduismus, Buddhismus und Jainismus – geht es darum, Befreiung von unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten zu erlangen, und es wird beschrieben, um was für einen Zustand der Befreiung es sich handelt. Und in jeder von ihnen wird gesagt, dass man Befreiung erreicht, indem man die Realität so versteht, wie sie in dieser Religion beschrieben wird. Der Buddhismus passt also ganz und gar in den Rahmen einer indischen Religion. Was speziell am Buddhismus ist, sind die vier edlen Wahrheiten. Was Buddha lehrte, ist Folgendes:

  • Es mag sein, das andere beschreiben, was Leiden ist, aber dies ist das wahre Leiden, das, was Buddha als das wahre Leiden erkannte.
  • Andere mögen verkünden, dass eine bestimmte Art von fehlendem Gewahrsein die Ursache des Leidens ist, aber – seht her, dies ist die wahre Ursache, die tiefgreifendste Art von fehlendem Gewahrsein.
  • Und das ist die wahre Beendigung des Leidens. Das, was ihr vielleicht für die wahre Beendigung des Leidens haltet, ist nicht von Dauer oder es ist keine wirkliche Freiheit. Hier ist nun das, was wahr ist.
  • Durch das Verständnis, von dem ihr sprecht, könnt ihr vielleicht bis zu einer gewissen Ebene gelangen, aber nicht den ganzen Weg zurücklegen.

Natürlich werden die anderen das Gleiche in Bezug auf den Buddhismus erwidern; deshalb muss man wirklich untersuchen, was die Realität ist. Denn wie wir in unserem Vers hier gesehen haben, ist die ganze Grundlage für den spirituellen Weg – ich denke, das gilt auch für den Hinduismus und den Jainismus – die Sicht der Realität. Das ist es also, was durch Logik, Erfahrung und Verständnis untersucht werden muss.

Es besteht ein großer Unterschied darin, ob man einem spirituellen Weg folgt, um Befreiung zu erlangen, oder ob man einem spirituellen Weg eher deswegen folgt, um in diesem Leben ein besserer Mensch zu werden, mitfühlender zu sein usw. Wenn es darum geht, Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen, kann man auf der Grundlage von Logik und Debatte Untersuchungen anstellen und zu einer Schlussfolgerung in Bezug darauf kommen, welcher Erklärung am meisten Gültigkeit zukommt. Doch wenn wir uns ansehen, wie die weitaus meisten Leute einen spirituellen Weg ausüben, wird klar, dass es nicht wirklich um das Ziel der Befreiung und Erleuchtung geht. Sie sagen vielleicht, dass es so wäre, aber sie haben keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet, und in Wirklichkeit folgen sie diesen Weg nur, um zu versuchen, ein besserer Mensch zu werden und ihre Situation in diesem Leben zu verbessern – dagegen ist auch gar nichts einzuwenden, das ist ja nicht verkehrt.

Was das betrifft, so hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama auf die Frage, welches die beste Religion sei, geantwortet: Die beste Religion ist diejenige, die Ihnen selbst hilft, ein freundlicherer und mehr mitfühlender Mensch zu werden. Das ist bei jeder Person verschieden. Von dem Gesichtspunkt aus gesehen gibt es eigentlich keine Diskussion darüber, welcher Pfad zur Entwicklung von Mitgefühl, Güte, Geduld, Vergebung und dergleichen Qualitäten mehr Gültigkeit beanspruchen kann. Sie können entsprechend vielen verschiedenen Religionen gleichermaßen entwickelt werden. Das ist die Basis für Eintracht unter den Religionen.

Traum-Yoga

Teilnehmer: Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit mit Träumen. Ist es möglich, diese Zeit zu nutzen, um Erleuchtung zu erlangen.

Alex: Ja, durchaus. Es gibt etwas, das Traum-Yoga genannt wird. Das Wesentliche ist, dass man fähig ist zu erkennen, dass man träumt, ohne während dieses Erkenntnisprozesses aufzuwachen – darin besteht hier eine große Gefahr -, und dann im Traumzustand die Möglichkeiten für bestimmte Arten von Meditation zu nutzen, für die dieser Zustand sehr förderlich ist:

  • Eine Ebene des Traumzustands ist sehr förderlich dafür, die Visualisierungs-Übungen des Tantras durchzuführen, denn man wird nicht durch Sinneswahrnehmungen abgelenkt, und die Visualisationen, die dann auftreten, sind überaus lebhaft.
  • Die tiefgründigere Nutzung dieses Zustands besteht darin, sich auf die Natur des Traumes zu konzentrieren, nämlich darauf, dass der Traum der Realität zu entsprechen scheint, obwohl das nicht der Fall ist: Er ist wie eine Illusion. Die Art, wie die Dinge uns erscheinen, wenn wir wach sind, entspricht ebenso wie die Art, wie sie uns im Traum erscheinen, nicht der Art und Weise, wie sie tatsächlich existieren. Allerdings hat das, was wir tun, wenn wir wach sind, ganz andere Konsequenzen als etwas, was wir im Traum tun; die beiden Zustände sind also nicht dasselbe.

Noch weitere Fragen?

Teilnehmer: Vielleicht mit kurzen, praxisbezogenen Antworten.

Alex: Gut. Danke, dass Sie mich daran erinnern, dass meine Antworten zu lang sind. Das ist eine schlechte Angewohnheit von mir.

Wie man auf dem spirituellen Pfad vorgeht

Teilnehmer: Meine erste Frage bezieht sich darauf, wie man auf dem spirituellen Pfad vorgeht. In der Sowjetunion hatten wir zum Beispiel einen Fünfjahresplan für die wirtschaftliche Entwicklung.

Alex: Keinen besonders realistischen.

Teilnehmer: Vielleicht können Sie uns einen ähnlichen Rat geben, was jemand, der gerade mit der buddhistischen Praxis angefangen hat, in einem oder drei oder fünf Jahren tun kann – vielleicht welche Bücher zu lesen und welche Meditationen zu üben sind usw., um zu verhindern, dass man auf Irrwege gerät.

Alex: Nun, die verlässlichste und am meisten angewendete Art, auf dem spirituellen Pfad vorzugehen, ist, zumindest in den Traditionen, innerhalb derer ich geschult wurde, indem man den Lam-rim, den Stufenweg, durchgeht. Es sind mittlerweile sehr viele Darstellungen davon erhältlich (auch auf Russisch), z.B. in Büchern, auf meiner Website usw. Darin wird in aufeinander aufbauender Weise Schritt für Schritt gezeigt, was wir verstehen und verarbeiten und entwickeln müssen, um auf dem spirituellen Weg Fortschritte zu machen.

Auf traditionelle Art – und das ist die Art, die ich gelernt habe, denn so war es üblich, lange bevor irgendetwas davon übersetzt wurde -, geht man so vor, dass man einen Punkt gelehrt bekommt und keine Ahnung hat, was als nächstes kommt. Man muss sich damit beschäftigen, und dann erfährt man den nächsten. Heutzutage ist das nicht möglich, denn der gesamte Pfad ist ja in Büchern dargelegt, sodass man sich im Voraus über das Ganze informieren kann. Aber es ist erforderlich, sich für jeden Punkt ein erhebliches Maß an Zeit zu nehmen. Selbst wenn Sie vielleicht schon das Ganze gelesen haben, gehen Sie zurück und befassen Sie sich ausführlich mit jedem Punkt und betrachten Sie, wie er mit all den anderen Punkten in Zusammenhang steht.

Und denken Sie immer daran, dass Fortschritt niemals linear verläuft; es geht immer auf und ab. Es wird nie so sein, dass es mit jedem Mal, wenn Sie meditieren, immer besser wird. Ob es nun gut läuft oder nicht gut läuft, spielt keine große Rolle. Man macht einfach weiter. Nichts Besonderes. Das war der Lieblingssatz der Inkarnation meines Lehrers: „Das ist nichts Besonderes.“ Was wir dabei erleben, ist nichts Besonderes. Es läuft gut, es läuft nicht gut, na und?

Sich einen Fünfjahresplan oder so etwas vorzunehmen, ist unrealistisch, denn die Art und Weise, wie man Fortschritte macht, ist für jeden unterschiedlich. Aber der Zeitraum von fünf Jahren ist etwas, auf das der Dalai Lama immer hinweist, wenn er sagt: „Woran erkennt man, ob man irgendwelche Fortschritte gemacht hat? Betrachten Sie dafür nicht einen Zeitraum von Tag zu Tag oder von Monat zu Monat, sondern schauen Sie z.B. fünf Jahre zurück und achten Sie darauf, wie Sie heutzutage mit schwierigen Situationen umgehen im Vergleich dazu, wie sie es vor fünf Jahren taten. Sind Sie gelassener? Sind Sie imstande, entspannter mit Schwierigkeiten umzugehen? Das ist ein Zeichen für Fortschritt.“

Das ist also die Tradition, in der ich geschult wurde. Ich sollte auch noch erwähnen, dass es viele andere Muster gibt, an denen man die Vorgehensweise ausrichten kann. Man kann z.B. Ngöndro machen, die so genannten vorbereitenden Übungen. Dabei macht man 100.000 Niederwerfungen, rezitiert 100.000 Mal die Zufluchtsformel und dergleichen mehr. Das ist häufig die Art, wie die Leute, mit Hilfe einiger weniger vorbereitender Unterweisungen, anfangen. Ich denke, dass diese beiden Vorgehensweisen die beiden Arten widerspiegeln, wie man an die Dharma-Lehren herangehen kann, die ich erwähnt habe.

Wenn man sehr früh in seiner spirituellen Praxis mit dem Ngöndro, jenen vorbereitenden Übungen, beginnt, macht man das meist aufgrund von Inspiration durch einen Lehrer. Man begegnet einem Lehrer und ist enorm inspiriert. Man ist vielleicht noch nicht logisch überzeugt davon, dass es möglich ist, das Ziel zu erreichen, aber weil man so bewegt ist von dem spirituellen Lehrer und das Vertrauen hat, dass das, was er sagt, von Nutzen sein wird, macht man es; man führt diese vorbereitenden Übungen durch. Das ist in Ordnung. Es funktioniert.

Die Art und Weise, wie ich geschult wurde, entsprach eher der Vorgehensweise, die ich anhand dieses Verses erklärt habe, derjenigen, die der Dalai Lama selbst auch meistens lehrt, nämlich dass man zuerst Überzeugung und Verständnis des Pfades gewinnt – was das Ziel ist, dass es erreichbar ist usw. – und dann widmet man sich dem Ngöndro.

Natürlich kann man auch einen Mittelweg wählen. Während man vielleicht frühzeitig mit dem Ngöndro beginnt, arbeitet man daran, Überzeugung in Bezug darauf zu gewinnen, dass das Ziel erreichbar ist. Oder während man sich mit Studium und Praxis befasst, kann man schon mit dem Ngöndro anfangen. Man kann beides auf verschiedene Art miteinander verbinden. Ich denke, wenn man wirklich anfängt darüber nachzudenken, wie die verschiedenen tibetischen Lehrer den Dharma unterrichten, kann man feststellen, dass dies der Struktur entspricht, die ich erklärt habe und die auf Nagarjuna zurückgeht, nämlich den beiden verschiedenen Arten, Bodhichitta zu entwickeln – zuerst das relative, dann das tiefste, oder zuerst das tiefste und dann das relative. Man muss selbst entscheiden, was am besten zu einem passt.

Lassen Sie uns nun auf die Weise schließen, wie wir üblicherweise eine buddhistische Unterweisung beenden, nämlich mit einer Widmung. Wir denken: Möge jegliches Verständnis, jegliche positive Kraft, die aus all dem entsteht, als Ursache dafür wirken, dass jeder zu unser aller Nutzen Befreiung und Erleuchtung erlangt.