Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Von den zwei Wahrheiten die vier Wahrheiten; von den vier Wahrheiten die drei kostbaren Juwelen > EinleitungIch danke Ihnen für diese freundliche Einleitung. Ich freue mich wirklich sehr, wieder im Kiew zu sein. Das Thema des heutigen Abendvortrags wurde als „Die erste Drehung des Dharma-Rades“ angekündigt, aber ich möchte eigentlich über einen bestimmten Aspekt der hauptsächlichen Lehren sprechen, die der Buddha gab.Die vier edlen WahrheitenBuddha lebte vor etwa zweieinhalbtausend Jahren in Indien, und er lehrte überaus viele verschiedene Dinge, weil er viele verschiedene Schüler hatte und stets auf die Art und Weise lehrte, die am besten für deren jeweiliges Verständnis geeignet war. Doch in seiner ersten Lehre ging es um die grundlegende Einsicht, die dazu führte, dass er Erleuchtung erlangte.  Das heißt, er lehrte das, was „die vier edlen Wahrheiten“ genannt wird. Dabei handelt es sich um wahre Tatsachen hinsichtlich des Lebens, die gewöhnliche Menschen nicht als Tatsachen erkennen; doch weit fortgeschrittene Wesen, die die Wirklichkeit erkannt haben, sehen, dass sie wahr sind. Wir werden morgen noch genauer darüber sprechen, aber zunächst möchte ich aufzählen, was diese vier Wahrheiten sind:·         Zunächst sprach Buddha darüber, welches die wahren Arten von Leiden sind, die jeder im Leben erfährt.·         Was sind die Ursachen dafür?·         Dann lehrte er, dass es möglich ist, diese Probleme tatsächlich zu beseitigen, ihre Beendigung zu erreichen, sodass sie nie wieder auftreten.·         Anschließend lehrte er über das Verständnis, durch das diese Beendigung herbeigeführt wird, da es die Ursachen des Leidens beseitigt.Das ist also die grundlegende Struktur dessen, was Buddha lehrte. Deswegen legte er sie als erstes dar.Wenn wir diese vier edlen Wahrheiten betrachten, muss zunächst festgestellt werden, dass sie nicht isoliert für sich allein bestehen. Es gibt eine Grundlage dafür, und wenn wir diese vier Wahrheiten wirklich verstehen, dann folgt daraus etwas. Ganz einfach ausgedrückt: Die Grundlage für diese vier Wahrheiten, diese vier Tatsachen über das Leben, die Buddha erkannte, ist die Realität.Wenn wir den Buddhismus mit einem Wort zusammenfassen wollen, dann wäre dieses eine Wort, wie einer meiner Freunde (der auch buddhistischer Lehrer ist) immer sagt, das Wort „Realismus“. Genauer gesagt: Wenn wir die Realität sehen könnten, wenn wir sie verstehen und akzeptieren könnten, ohne darauf etwas Unmögliches zu projizieren, das gar nicht real ist, dann wären wir imstande, mit unseren Problemen fertigzuwerden; wir wären fähig, mit den Situationen im Leben realistisch umzugehen. Die Lehren über die Realität sind die Grundlage dieser vier Wahrheiten, und die Realität beinhaltet verschiedene Ebenen, wie die Dinge tatsächlich existieren, wie sie funktionieren, wie sie im Leben wirken.Darum geht es in den Lehren des Buddha.Die drei kostbaren JuwelenWas aus diesen vier edlen Wahrheiten folgt und sehr klar wird, ist, welche Richtung wir unserem Leben geben wollen, um Leid und Probleme zu überwinden. Dies wird zusammengefasst in dem, was in der buddhistischen Terminologie „die drei kostbaren Juwelen“ genannt wird. Meistens werden sie mit den dafür gebräuchlichen Sanskrit-Namen genannt: Buddha, Dharma und Sangha. Um es einfach auszudrücken:·         Dharma bezieht sich auf das Ziel, das wir anstreben, nämlich das Ziel, unsere Probleme loszuwerden.·         Buddhas sind diejenigen, die das erreicht haben, und die lehren, wie wir das selbst auch erreichen können.·         Und Sangha sind die Gruppen derjenigen, die diesen Lehren folgen und damit erfolgreich eine bestimmte Ebene erreicht haben, aber das letztliche Ziel noch nicht erreicht haben.Ein Gebet an die 17 Meister von NalandaSeine Heiligkeit der Dalai Lama hat einen sehr schönen Text geschrieben, der eine Bitte um Inspiration von 17 großen buddhistischen Meistern beinhaltet, welche im größten buddhistischen Kloster Indiens lebten. Dieses Kloster war einer Universität vergleichbar und hieß Nalanda. Es war die berühmteste Universität jener Zeit. Geführt wurde es wie ein Kloster; es bestand etwa 1000 Jahre lang – ich weiß die genaue Anzahl der Jahre nicht, aber es waren etwa 1000 Jahre -, und aus ihm gingen die größten Meister der buddhistischen Tradition hervor. Der Dalai Lama schrieb (wie eine Art Gebet) etwa Folgendes: „Lasst mir die Inspiration zukommen, in eure Fußstapfen zu treten“ – so etwas in der Art. Am Ende dieser Verse, von denen jeder an einen dieser großen Meister gerichtet ist, fügte der Dalai Lama noch ein paar weitere Verse hinzu. Was ich an diesem Wochenende darstellen möchte, ist im Grunde eine Erklärung eines dieser Verse. Der Vers fasst im Wesentlichen zusammen, was ich gerade hinsichtlich der Realität, der vier edlen Wahrheiten und jener drei Juwelen, der Richtung, in die wir gehen wollen, gesagt habe. Diese drei Juwelen werden manchmal auch die drei Zufluchten genannt. Zuflucht bedeutet einfach, dass dies die Richtung ist, die wir einschlagen wollen – es bedeutet, dass wir, wenn wir in diese Richtung gehen, uns selbst von Leiden und Problemen befreien können.Der Vers lautet:Indem wir die Bedeutung der zwei Wahrheiten kennen, nämlich die Basis, die Art und Weise, wie alles verweilt,„Verweilen“ bedeutet hier: wie die Dinge existieren, wie sie funktionieren. Also mit anderen Worten: Wenn wir die Realität kennen, …dann, so heißt es in der zweiten Zeile:gewinnen wir, mittels der vier Wahrheiten, Gewissheit darüber, wie wir immer wieder in zwanghaft auftretende Wiedergeburten eintreten, aber diesen Vorgang auch umkehren können.Mit anderen Worten: Wenn wir die Realität verstehen, werden wir mittels dieser vier Wahrheiten verstehen, wie wir unsere Probleme immer weiter fortsetzen, aber auch, wie wir sie beseitigen können.Die dritte Zeile:Hervorgebracht durch gültige Wahrnehmung, wird dann unsere Überzeugung, dass die drei Zufluchten eine Tatsache sind, gefestigt.Denken Sie daran, dass es bei den drei Zufluchten um das eigentliche Ziel geht, das wir erreichen können – mit anderen Worten, um die vollständige Beendigung all unserer Probleme, sodass sie nie wieder auftreten – und um das Verständnis, das dazu führen wird. Wenn man den buddhistischen Weg einschlagen möchte, hat man dabei natürlich ein Ziel vor Augen. Wie weiß man nun, dass es möglich ist, dieses Ziel zu erreichen? Ist es nur eine Fiktion? Handelt es sich um eine nette Geschichte oder um eine wirkliche Tatsache? Viele Menschen streben nach dem Ziel, indem sie sich einfach auf den Glauben verlassen: „Mein Lehrer hat das gesagt. Und ich bin einverstanden, ich möchte das glauben, also glaube ich es.“ Und für viele Menschen funktioniert das, aber es ist nicht immer die stabilste Art, zu praktizieren. Was oft passiert, ist, dass man dann nach einer ganzen Weile der Übung anfängt, sich zu fragen, was man denn da eigentlich macht. Denn es ist wirklich sehr schwierig, Ärger, Selbstsucht, Anhaftung und dergleichen – die eigentlichen Unruhestifter – loszuwerden, und man kommt nur sehr langsam voran. Der Fortschritt geht nie geradlinig vonstatten. Es geht immer auf und ab. An manchen Tagen geht es besser als an anderen. Wenn man nur beruhend auf Glauben praktiziert, kann man daher leicht entmutigt werden, weil es nicht so aussieht, als käme man überhaupt voran. Dann fragt man sich: „Ist es denn wirklich möglich, das Ziel zu erreichen?“Aus diesem Grund heißt es in dem Vers: „Hervorgebracht durch gültige Wahrnehmung“. Mit anderen Worten: Man hat wirklich, beruhend auf Logik und Argumenten, verstanden, dass das Ziel existiert, und dass es tatsächlich möglich ist, es zu erreichen. Dann ist die Überzeugung im Hinblick auf das Ziel und darauf, dass es erreichbar ist und Menschen gibt, die es erreicht haben, sehr fest; man hat Gewissheit, dass das wahr ist, dass es sich um eine Tatsache handelt. Man vertraut nicht nur darauf, dass es wahr ist, weil es in irgendeinem Buch geschrieben steht, dass es sich so zugetragen hat, sondern man ist überzeugt davon, beruhend auf der Tatsache, dass es aus der Realität gefolgert wird – aus den zwei Wahrheiten, dann aus den vier Wahrheiten, und daraus folgt dann das Ziel, die drei Zufluchten. Die vierte Zeile lautet:Inspiriert mich, diese Wurzel der Geisteszustände des Pfades, die zur Befreiung führen, fest zu verankern.Man pflanzt Samen, aber hier ist die Rede von der Wurzel, nicht von Samen. Das heißt, dass mit dieser Struktur – zwei Wahrheiten, vier Wahrheiten, drei Zufluchten – nun die Wurzel für den spirituellen Pfad gelegt wird, für alles, was daraus folgt, denn dadurch basiert die gesamte Praxis auf Überzeugung. Man weiß, was man tut, man versteht, dass es möglich ist, das Ziel zu erreichen, und man versteht, was dieses Ziel ist.So lautet also der Vers, den ich erläutern möchte. Mein Vorschlag ist, in den drei Sitzungen, die wir haben, eine Zeile in der ersten, eine Zeile in der zweiten, und die letzten beiden Zeilen in der dritten Sitzung zu erklären. Das ist die Struktur, der ich folgen möchte. Ich denke, wie gesagt, dass dies ein sehr wichtiges Thema ist und eine wichtige Art, an den Buddhismus heranzugehen. Denn wenn wir einem spirituellen Pfad folgen wollen, ist es meines Erachtens überaus wichtig, die Überzeugung zu gewinnen, dass er realistisch ist, dass es sich nicht um irgendeine idealistische Fantasievorstellung handelt, zu der wir uns gefühlsmäßig hingezogen fühlen, deren Verwirklichung aber ganz unmöglich ist. Wenn wir überzeugt sind, dass das, was wir in spiritueller Hinsicht tun, realistisch ist, können wir gesunde Gefühle darin mit einbringen. Wir müssen beides im Gleichgewicht halten: dieses Verständnis und die emotionale Komponente (Mitgefühl, Enthusiasmus usw., Geduld).Die zwei WahrheitenDie relative, konventionelle WahrheitIn der ersten Zeile ist von den zwei Wahrheiten die Rede. Das bezieht sich zum einen auf das, was relative oder auch konventionelle Wahrheit genannt wird – das ist die eine Ebene; und darüber hinaus gibt es noch die tiefste Wahrheit. Es gibt viele Darstellungen davon, und ich werde derjenigen folgen, die der Dalai Lama verwendet, um dies zu erklären. Wenn von den zwei Wahrheiten die Rede ist, geht es um zwei wahre Tatsachen, die für alle Phänomene gelten. Die eine bezieht sich eher auf die oberflächliche Ebene, die andere auf die tiefste Ebene. Was ist nun die oberflächliche Ebene? Sie beinhaltet, dass alles relativ ist. Hier geht es um Ursache und Wirkung. Das wird natürlich auch in der Physik dargestellt, und ich nehme an, dass die meisten Menschen die Physik akzeptieren. Da spricht man von physischen Objekten. Sie wissen schon, man stößt eine Kugel an und sie setzt sich in Bewegung. Das ist einfache Physik, Ursache und Wirkung. Natürlich kann die Beschreibung, wie physische Vorgänge ablaufen, sehr komplex werden.Wenn man ökonomische Probleme betrachtet, bezieht man die globale Klimaerwärmung mit ein, man bezieht Kriege mit ein – wenn man solche Probleme betrachtet, ist es offensichtlich, dass sie nicht nur aus einer Ursache hervorgehen, dass sie auch nicht ohne Ursache entstehen, und dass sie nicht aus Ursachen entstehen, die damit nichts zu tun haben. All diese Situationen entstehen vielmehr in Abhängigkeit von einer enormen Anzahl unterschiedlicher Faktoren. Das gilt nicht nur für das, was gegenwärtig passiert, sondern auch für das, was in der Vergangenheit geschehen ist. Richtig? In diesem Land zum Beispiel, in der Ukraine, kann man die gegenwärtige Situation nicht von der sowjetischen Vergangenheit trennen. Und man kann das, was geschieht, nicht von den Weltkriegen und all den Zusammenhängen trennen. Die gesamte wirtschaftliche Situation der Welt und alles, was sich entwickelt hat, ist von den Ereignissen beeinflusst, die sich im Laufe der Geschichte abgespielt haben. Man kann also nicht sagen, dass das, was geschieht, nur auf den Fehler einer bestimmten Person oder auf ein einzelnes Ereignis zurückzuführen ist. Die Dinge entstehen in Abhängigkeit von einem riesigen Netzwerk von Ursachen und Bedingungen. Das ist also die Realität, nicht wahr? Wir können das auch im Zusammenhang mit psychologischen Faktoren beobachten: Wenn es in der Familie ein Problem gibt, kann man ebenfalls nicht behaupten, dass es nur aus einer Ursache herrührt, oder dass es gar keine Ursache dafür gibt, denn jeder in der Familie hat auf kausale Weise zu dem familiären Problem beigetragen. Und keines der Familienmitglieder existiert ganz für sich alleine, abgetrennt von seiner Arbeit und all den anderen Menschen, die es beeinflussen. Die Situation der Familie wiederum ist nicht isoliert von der Gesellschaft, den ökonomischen Problemen und dem politischen System des Landes zu sehen. Auch das beeinflusst das Problem.Wenn man anfängt, über die Realität von etwas nachzudenken, sieht man also, dass alles Mögliche miteinander in Verbindung steht, alles von allen möglichen Faktoren beeinflusst wird, so dass alles, was geschieht, als Resultat eines riesigen, komplexen Netzwerkes von Ursachen und Wirkungen geschieht. Das ist die Realität.Wenn dies auf physikalische Objekte, und, sagen wir, ökonomische Probleme, weltweite Probleme und Familienprobleme zutrifft, wie sieht es denn dann auf der individuellen Ebene mit jedem von uns selbst aus? Wie ist es mit Glück und Unglück? Hat das eine Ursache? Entsteht es ohne Ursache (manchmal bin ich eben glücklich und manchmal nicht, und man kann nie wissen, wie ich mich im nächsten Moment fühlen werde)? Kommt es also ohne Ursache zustande? Oder kommt es nur durch das zustande, was ich tue, sodass ich aufgrund dessen mal glücklich und mal unglücklich bin? Das stimmt offensichtlich nicht, oder? Ich kann an zwei verschiedenen Tagen das Gleiche essen, und an einem Tag esse ich es gerne, am anderen nicht. Ich kann mit dem Menschen zusammen sein, den ich am meisten liebe, und trotzdem manchmal glücklich und manchmal unglücklich sein. Es kann sein, dass ich reich bin und alles gut für mich läuft und dass ich trotzdem nicht glücklich bin. Worauf ist es also zurückzuführen, dass ich glücklich oder unglücklich bin? Wird es mir von irgendeinem höheren Wesen zugeteilt, das einen Knopf drückt – manchmal wirst du unglücklich sein, manchmal wirst du glücklich sein – und einfach so an den Knöpfen herumspielt? Bitte entschuldigen Sie, ich meine das nicht beleidigend, ich treibe das nur in ein etwas albernes Extrem.Aber wenn offenbar alles, was wir erfahren – ob wir nun physikalische Objekte in Bewegung setzen oder unsere Hand ins Feuer halten, uns verbrennen und Schmerz erfahren -, den Gesetzen von Ursache und Wirkung folgt, müssten dann nicht auch Glück und Unglück verständlichen Gesetzen von Ursache und Wirkung folgen? Das ist die Frage. Und das ist tatsächlich der wesentliche Punkt im Hinblick auf die Realität, wenn von der relativen Wahrheit die Rede ist. Es geht um Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit unserem Verhalten, im Zusammenhang mit Glück, Unglück usw. (Ich spreche hier im Kontext dieser speziellen Lehre. Auf diesen Zusammenhängen liegt das Schwergewicht, wenn von der ersten der zwei Wahrheiten die Rede ist. In anderen Kontexten würde man andere Dinge betonen.)Das bringt nun die grundlegenden buddhistischen Lehren über Karma ins Spiel. Worum geht es bei Karma? Es handelt sich um etwas, das nicht ganz leicht zu verstehen ist. Es gibt verschiedene Erklärungen davon und eine Menge Missverständnisse darüber. Um es ganz einfach auszudrücken, geht es bei Karma um Zwanghaftigkeit. Es ist so, dass unsere Handlungen, seien es positive oder negative Handlungen, die Tendenz haben, zwanghaft zu sein: Mir ist danach, eine bestimmte Person anzuschreien, und dann schreie ich zwanghaft los. Mir ist danach, zum Kühlschrank zu gehen und mir etwas zu essen zu holen, und wie einem Zwang folgend gehe ich eben hin. Oder ich empfinde den Wunsch, ein perfekter guter Mensch zu sein, und versuche zwanghaft, mich dementsprechend zu verhalten. Diese Vorgänge können also negativ, neutral oder positiv sein.Es kann sein, dass ich nachschauen will, ob es dem Baby gut geht, weil ich sehr besorgt bin, und dann schaue ich zwanghaft immerzu nach, muss mich ständig vergewissern, mehr, als eigentlich notwendig oder gesund wäre. Sie kennen sicher solche Eltern, die dauernd nachfragen: „Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?“ Das kann ein Kind ganz verrückt machen. Aber es entstammt einem Zwang. Der Vater oder die Mutter ist zwanghaft besorgt, und deswegen fragt er oder sie, in guter Absicht, zwanghaft nach. Auch das kann auf positive oder negative Handlungen (etwa das Kind zwanghaft anzuschreien) zutreffen.Woher kommt diese Zwanghaftigkeit? Zu was führt sie? Das sind die Fragen, die in den Lehren über Karma gestellt werden. Die buddhistische Erklärung lautet, dass wir beruhend auf dieser Zwanghaftigkeit auf eine bestimmte Weise handeln, und das baut bestimmte Gewohnheiten auf, es hinterlässt Spuren im Kontinuum unseres Geistes (mit anderen Worten, in jedem Moment der Erfahrung, die darauf folgt).Natürlich können wir das auf physischer Ebene erklären, indem wir sagen, dass neurale Bahnen aufgebaut werden und auf diese Weise ein Verhaltensmuster entsteht, eine Gewohnheit. Im Buddhismus wird das keineswegs abgestritten, aber der Buddhismus befasst sich mehr mit der erfahrungsbezogenen Seite dieser Vorgänge. Wir bauen bestimmte Gewohnheiten auf, eine Art Tendenzen, die dann durch andere Situationen ausgelöst werden, und so kommt es dazu, dass wir dazu neigen, die Handlung zu wiederholen, es entsteht dann eine Art Zwanghaftigkeit (das ist das eigentliche Karma), wir wiederholen die Handlung – und wir geraten in Situationen, in denen uns ähnliche Dinge passieren. Sie kennen das sicher, dass Menschen oft in Beziehungen leben, die emotional nicht besonders gesund sind, und dann endet diese Beziehung und sie gehen eine andere ein, die das gleiche Muster aufweist. Sie treffen auf jemanden, der dieselbe Art von Muster in ihnen hervorruft. Sie scheinen sich fast magisch zu Menschen hingezogen zu fühlen, mit denen sie dann wiederum in eine ungesunde Beziehung treten. Etwa, indem sie sich immer in jemanden verlieben, der unerreichbar ist, der unmöglich als Partner in Frage kommt. So etwas kommt sehr häufig vor. Und danach verlieben sie sich nochmal in jemanden, der unerreichbar ist.Diese Zwanghaftigkeit ist ein Aspekt von Karma, und er besteht offenbar in einer kausalen Verbindung: Man verhält sich zwanghaft auf eine bestimmte Art und Weise; das schafft Tendenzen, dieses Verhalten zu wiederholen, und andere Situationen und Bedingungen lösen es aus, sodass es sich wiederholt. Auch hier handelt es sich um das Gesetz von Ursache und Wirkung. Ich denke, wenn wir genauer darüber nachdenken, ist es nicht schwer zu akzeptieren, dass es so ist. Aber wie sieht es mit Glück und Unglück aus? Auch das wird im Zusammenhang mit Karma erklärt: Wenn wir in Verbindung mit verstörenden Emotionen zwanghaft handeln und dies destruktive Verhaltensweisen nach sich zieht, dann führt das schließlich zur Erfahrung von Unglück. Wohingegen wir, wenn wir konstruktiv handeln, d.h. nicht unter dem Einfluss verstörender Emotionen, z.B. mit Geduld und Güte statt aus Ärger destruktiv zu handeln, schließlich Glück erfahren. Eigentlich wird der Zusammenhang in umgekehrter Reihenfolge erklärt: Wenn man Unglück erfährt, so ist das auf destruktives Verhalten zurückzuführen; wenn man Glück erfährt, so geht das auf konstruktives Verhalten zurück. Das ist die Art und Weise, wie es korrekt erklärt wird. Wie ist das nun zu verstehen?Ich habe das zwar schon ganz kurz erwähnt, aber zunächst einmal müssen wir den Unterschied zwischen konstruktiven und destruktiven Verhalten verstehen. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden wird nicht so sehr anhand der Wirkung getroffen, die die Handlung auf jemand anderen hat. Ein Mörder, der sehr wütend auf jemanden ist, fügt ihm vielleicht mit einem Messer Schnittwunden zu. Das ist destruktiv. Ein Chirurg z.B. schneidet den Körper auf, um eine Operation durchzuführen, die jemandem das Leben rettet. Die bloße Handlung, jemandem mit einem Messer Schnitte zuzufügen, ist also offensichtlich nicht der bestimmende Faktor dafür, ob sie konstruktiv oder destruktiv ist. Alles hängt von der Motivation ab, von dem geistigen Zustand, in dem die Handlung ausgeführt wird. Wenn die Handlung aus gemischten Motiven durchgeführt wird oder von etwas motiviert ist, das „störende Emotionen“ genannt wird – die hauptsächlichen darunter sind Ärger, Anhaftung und Gier, Naivität, Eifersucht, Arroganz, Selbstsucht und dergleichen -, dann ist die Handlung destruktiv, selbst wenn die Handlung gefällig aussieht. Wenn man jemandem eine angenehme Massage gibt, weil man ihn oder sie sexuell verführen will, weil man voller Begierde ist, so ist das destruktiv. Wenn man jemandem eine Massage gibt, um ihrer oder seiner Gesundheit etwas Gutes tun will, so ist das konstruktiv. Und eine konstruktive Handlung ist eine, die relativ frei von störenden Emotionen ist. Wie ist nun die Beziehung zwischen Unglück und einem Verhalten, das auf störenden Emotionen beruht, und die Beziehung zwischen Glück und einem Verhalten, das relativ frei von solchen Emotionen ist, zu verstehen? Das ist eine sehr interessante Frage. Sie ist von wesentlicher Bedeutung, weil sie genau das anspricht, worüber Buddha sprach. Er sprach darüber, wie man Unglück und Leiden beseitigt, und er sagt, dass man die Ursachen dafür loswerden muss. Es geht hier also um die buddhistische Untersuchung der Ursachen, und ich denke, auch dies können wir sowohl auf der physischen Ebene als auch auf der erfahrungsbezogenen Ebene verstehen.Wenn Sie zum Beispiel Ärger erleben, fühlen sie sich dann wohl? Ist ihre Energie entspannt? Sie ist nicht entspannt, oder? Die Energie ist verstört. Sind Sie glücklich, während sie ärgerlich sind? Ich nehme an, niemand würde sagen, er wäre glücklich, während er Ärger oder eine der anderen störenden Emotionen erlebt. Wenn Sie genau hinsehen und Ihre Energie beobachten, während sie Gier empfinden, stellen Sie fest, dass sie dabei nicht ruhig sind, sie sind nicht entspannt. Wenn Sie sehr an jemandem hängen und ihn schrecklich vermissen, fühlen sie sich nicht wohl dabei. Die Energie ist sehr verstört. Wenn unser Geist hingegen relativ ruhig ist, weder von Ärger noch von Gier oder Selbstsucht und dergleichen erfüllt ist und wir einfach versuchen, freundlich zu sein, ist die Energie sehr viel ausgeglichener, nicht wahr? Es ist sehr nützlich, das zu beobachten, denn dadurch gewinnt man etwas mehr Überzeugung von diesen Zusammenhängen. Wenn man sich über etwas ärgert, schlägt das Herz schneller, man ist aufgebracht. Aufgebracht bedeutet, dass unsere Energie, unsere Emotionen und unser gesamter Geisteszustand aufgewühlt sind. Sie ist nicht ruhig. Wir sind angestrengt und verspannt. Im Zusammenhang damit, dass Zwanghaftigkeit, das Aufbauen von Gewohnheiten, etwas mit dem Aufbau neuraler Verbindungen zu tun hat, denke ich (ich weiß nicht, ob das wissenschaftlich korrekt ist), dass es auch eine neurale Verbindung, eine Art Nervenbahn, gibt, die durch gestörte Energiewege aufgebaut wird. Wenn wir hingegen neurale Verbindungen aufbauen, die mit positivem Verhalten einhergehen, könnte das – selbst wenn es eine gewisse Zwanghaftigkeit zur Folge haben kann (etwa eine Tendenz zum Perfektionismus) – zu ausgewogeneren Zuständen führen, in denen die Energien nicht so gestört sind. Ich vereinfache das Ganze hier und lasse bestimmte Punkte aus. Natürlich könnte der Versuch, perfekt zu sein, auch auf Egoismus beruhen –  „Ich muss der Beste sein“ usw. Das ist dann nur eine andere Art von gestörter Energie. Aber ich denke, dass diese Muster gestörter Energie oder ruhigerer Energie in Verbindung mit den neuralen Bahnen, den Gewohnheiten, die wir entwickeln, vermutlich die physische Basis der glücklicheren oder unglücklichen Zustände des Geistes sind. Ich denke also, dass es eine physische Grundlage gibt, von der wir in diesem Zusammenhang sprechen können.Es geht hier auch um die Langzeiteffekte, nicht nur um sofortige Wirkung. Es kann sein, dass man von einem Moskito geplagt wird, sich mächtig ärgert, draufhaut und ihn totschlägt und erst einmal sehr froh darüber ist: „Hab ich dich erwischt, du Quälgeist!“ Doch worüber wir hier reden, ist nicht das, was man aufgrund eines verstörten Zustand des Geistes und destruktivem Verhalten sofort erfährt, sondern wenn im Buddhismus von Karma die Rede ist, geht es um Langzeitwirkungen. Es geht sogar um mehrere Lebensspannen.Das ist also die relative Wahrheit, nämlich dass im Grunde alles in Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen entsteht, einschließlich unseres allgemeinen geistigen Zustands (nicht nur, was wir zu tun geneigt sind, sondern auch, ob wir glücklich oder unglücklich sind). Ist das so weit verständlich? Das ist also ein Aspekt der Realität – die Verszeile nennt ihn die Grundlage – die Art, wie alles existiert, funktioniert und wirkt.Die tiefste WahrheitEs gibt aber zwei Wahrheiten. Die zweite Wahrheit liegt auf einer tieferen Ebene. Sie besagt, dass die Dinge zwar aufgrund unserer Projektionen so erscheinen mögen, als würden sie auf unmögliche Arten existieren und funktionieren, dass aber diese unmöglichen Arten in ihrer Erscheinungsweise nicht der Realität entsprechen. Damit wird im Grunde nichts anderes ausgesagt, als dass die Dinge nicht auf unmögliche Arten existieren. Wie könnten sie auch? Eine Realität, die etwas Unmöglichem entspricht, das wir darauf projizieren, ist also nicht vorhanden. So etwas gibt es nicht.Ein einfaches, klassisches Beispiel dafür ist Folgendes: Ein Kind denkt, unter dem Bett säße ein Monster. In Wirklichkeit befindet sich eine Katze unter dem Bett, aber das Kind projiziert darauf die Vorstellung, dass da ein Monster wäre. Und weil das Kind glaubt, dass wirklich ein Monster unter dem Bett sitzt, ist es sehr verängstigt; es gibt also eine Wirkung. Aber was es sich vorstellt, ist unmöglich. Es gibt keine Monster. Die Leerheit ist also eine Abwesenheit. Sie bedeutet, dass kein wirkliches Monster vorhanden ist, das der Vorstellung des Kindes entspricht. Wir entfernen die Projektion, und da ist eine Katze unter dem Bett; es ist nicht so, dass gar nichts vorhanden wäre.Wir haben gewohnheitsmäßig die Vorstellung, dass die Dinge so existieren, wie sie uns erscheinen. Wir sind uns nur dessen gewahr, was sich direkt vor unseren Augen abspielt oder was wir im Moment gerade empfinden. Ich fühle mich gerade unglücklich, und es scheint, als ob das ganz von selbst auftritt – einfach so, ohne Grund, ohne dass es mit etwas in Verbindung stünde. Ich bin eben unglücklich, ich weiß nicht warum. Ein fades Gefühl, irgendwie überdrüssig. Unglücklich. Es scheint nicht damit in Verbindung zu stehen, was ich tue, oder mit den Leuten, mit denen ich zusammen bin. Ganz plötzlich fühle ich mich ungut, unglücklich (es muss nichts Dramatisches sein, es kann auch nur in geringem Ausmaß sein). Wie erscheint es mir? Es erscheint so, als geschähe es ohne Ursache. Aber das ist unmöglich. Das entspricht nicht der Realität. Genau das ist die tiefste Wahrheit. Verständlich?Die konventionelle Wahrheit ist, dass alles, einschließlich meines Glücks oder Unglücks, aus Ursachen und Wirkung entsteht. Das ist die Realität, aber so erscheint sie mir nicht. Und die tiefste Wahrheit ist, dass die Art und Weise, wie mir etwas erscheint, nicht der Realität entspricht; es ist eine Projektion von etwas Unmöglichem. Wenn wir darüber nachdenken, merken wir, dass das wirklich sehr tiefgründig ist.Nehmen wir an, jemand schreit mich an. Wir haben eine wunderbare Beziehung zueinander, aber ganz plötzlich schreit er mich an, er ist wütend auf mich. Und wie erscheint mir das? „Ach du Schreck, du bist böse auf mich! Du magst mich nicht mehr“, und ich bin total aufgebracht. Weil mir einzig und allein dies erscheint: diese Person, die mich anschreit. Aber die Realität ist: Dieses Anschreien ist nicht von selbst entstanden, ohne mit allen möglichen anderen Dingen in Verbindung zu stehen. Was passiert, ist, dass ich die Gesamtheit der Beziehung, die ich zu diesem Menschen habe, aus dem Blickfeld verliere – all die anderen Zeiten, die wir miteinander verbracht haben, die ganze übrige Interaktion. Das Einzige, was vor mir auftaucht und zu existieren scheint, ist, dass er mich anschreit. Aber das ist nicht alles – man vergisst den Gesamtkontext, das Bild des großen Ganzen. Auch bin ich nicht der oder die Einzige im Leben dieser Person. Die Person, die mich angeschrieen hat, hat außer mir auch noch ihr eigenes Leben, und vielleicht ist ihr bei der Arbeit irgendetwas Schreckliches passiert, oder es ist etwas mit ihren Eltern, oder … Sie ist von all den anderen Leuten beeinflusst, mit denen sie zu tun hatte. Es gibt nicht nur mich. Die tiefste Wahrheit – Leerheit ‑, ist, dass das, was wir projizieren, unmöglich ist, dass es nicht der Realität entspricht. Eine Realität, die dem entspräche, ist nicht vorhanden, gibt es überhaupt nicht, hat nie existiert, unmöglich, nichts dergleichen. Das Wort für „Leerheit“ ist im Sanskrit dasselbe Wort wie für „Null“.Weil die Dinge nicht isoliert von allem anderen existieren, funktionieren Ursache und Wirkung. Nicht wahr? Eine Ursache kann es nur geben, wenn es auch eine Wirkung gibt. Wie kann etwas eine Ursache sein, wenn es keine Wirkung gibt? Etwas ist eine Ursache nur in Bezug auf die Tatsache, dass es eine Wirkung gibt, und eine Wirkung gibt es nur in Relation zu der Tatsache, dass eine Ursache da ist. Weil die Dinge nicht isoliert voneinander existieren, – oder, wie ich es manchmal nenne, nicht in Plastik eingehüllt existieren -, stehen sie in Interaktion miteinander und Ursache und Wirkung funktionieren.In dem Vers heißt es, dass diese zwei Wahrheiten sich gegenseitig unterstützen, nämlich die relative Wahrheit, dass alles durch Ursache und Wirkung funktioniert, und die tiefste Wahrheit, dass die Dinge nicht auf unmögliche Art existieren, indem sie voneinander isoliert wären. Und es wird gesagt, dass dies die Basis ist. Das ist die Art und Weise, in der alles verweilt. „Verweilen“ ist ein Wort, das sich darauf bezieht, in welcher Situation sich die Dinge befinden, wie sie sich aufrechterhalten, wie sie funktionieren, wie sie wirken. All diese Konnotationen sind darin enthalten. Und Basis bedeutet, dass dies die Grundlage für das ist, was als nächstes kommt. Auf der Basis der zwei Wahrheiten, indem er die Realität sah, verstand Buddha dann die vier Wahrheiten.Das ist die grundsätzliche Erklärung der ersten Zeile des Verses. Wie gesagt, ist das, wovon hier die Rede ist, sehr tiefgründig. Es geht nicht um etwas sonderlich Einfaches. Deswegen schlage ich vor, dass wir uns, bevor wir zu den Fragen und Antworten kommen, einen Augenblick Zeit nehmen, einfach nur darüber nachzudenken, was erörtert wurde.Wenn wir akzeptieren, dass die physische Welt auf der Grundlage von Ursache und Wirkung funktioniert – ich stoße die Kugel an und dadurch setzt sich die Kugel in Bewegung; es ist nicht so, dass die Kugel sich ohne Ursache in Bewegung setzt, ganz ohne mit irgendetwas in Verbindung zu stehen (so etwas ist unmöglich, d.h. es entspricht nicht der Realität) -, gibt es dann irgend einem Grund, warum Ursache und Wirkung sowie die beiden Wahrheiten nicht auch auf unsere geistigen Zustände und unser Verhalten zutreffen sollten, darauf wie wir uns fühlen, glücklich oder unglücklich? Das ist das Thema, das wir in uns selbst zu erforschen haben. Gibt es einen Grund, warum es sich in Bezug auf unser Verhalten und unsere Zustände anders verhalten sollte? Und wenn das nicht der Fall ist – wie funktioniert das dann im Einzelnen? Warum bin ich manchmal glücklich? Warum bin ich manchmal unglücklich? Warum verhalte ich mich zwanghaft so oder so? Bin ich ohne Erklärung glücklich, oder was? Vielleicht kennen wir die Ursachen nicht. Dieses Thema kommt in den vier Wahrheiten vor. Aber dies ist Realität: eben die Tatsache, dass es eine Ursache gibt, und dass es unmöglich ist, dass die Dinge ohne Ursache entstehen oder aus einer Ursache, die nichts mit ihnen zu tun hat, oder aus nur einer einzigen Ursache.Ich will Ihnen ein ganz einfaches Beispiel für etwas geben, das falsch ist: Sie gehen ins Stadion und schauen sich ein Fußballspiel an, Ihre bevorzugte Mannschaft verliert und Sie denken: „Tja, die Mannschaft hat verloren, weil ich da war.“ – Offensichtlich ist das als Ursache irrelevant und unmöglich, aber jemand mit einem sehr negativen Selbstwertgefühl könnte so denken. Ich denke da an jemanden, der tatsächlich so dachte.Gut, nehmen wir uns einen Augenblick Zeit, über diese zwei Wahrheiten nachzudenken. Was ist eigentlich Realität?Fragen und AntwortenWiedergeburtTeilnehmer: Kann man beweisen, dass es frühere und zukünftige Leben gibt, indem man sich nur auf Logik stützt, ohne sich dabei auf Religionskunde usw. zu berufen?Alex: Man kann frühere und zukünftige Leben beweisen. Es hat damit zu tun, dass man zunächst einmal erkennt, wovon eigentlich die Rede ist, wenn von früheren und künftigen Leben gesprochen wird. Worum es geht, ist ein Kontinuum geistiger Aktivität, ein individueller kontinuierlicher Strom von geistiger Aktivität, in dem ein jeder Moment der geistigen Aktivität – man könnte auch sagen: der Erfahrung – in Abhängigkeit von dem vorhergehenden Moment entsteht und in einer kausalen Reihenfolge auftritt (so, wie ich z.B. erlebe, dass ich esse, und anschließend erlebe, dass ich satt bin).Die Frage ist also eigentlich: Kann dieser Strom der Kontinuität einen Anfang und ein Ende haben, kann er total aus dem Nichts beginnen und dann ein Ende haben, indem er zu Nichts wird? Ähnlich wie Materie und Energie weder geschaffen noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden können, können auch individuelle Kontinua mentaler Aktivität weder geschaffen noch vernichtet werden. Die Erklärungen der Physik in Bezug auf Materie und Energie beinhalten das Gesetz der Umwandlung von Materie und Energie. Wenn man diesen Erklärungen folgt, dann ergibt es keinen Sinn, dass es vor dem Urknall überhaupt nichts gegeben haben sollte. Die Wissenschaftler beginnen zu denken: „Nun, es müssen vorher Universen oder irgendetwas dagewesen sein.“ Also kein Anfang. Denn wenn vorher nichts da war, wie wird dann nichts zu etwas? Das ist logisch gesehen sehr schwierig. Wenn es wirklich „Nichts“ war, wie könnte es dann jemals zu „Etwas“ werden, und wie kann ein Etwas zu einem Nichts werden? Und im Zusammenhang mit unserem Thema gibt es alle möglichen Diskussionen: Kann die geistige Aktivität aus einer anderen Quelle stammen, einer äußeren Quelle, so, wie unser Körper aus dem Körper unserer Eltern hervorgeht? Entstammt unsere geistige Aktivität der geistigen Aktivität der Eltern? Nun, das wäre sehr schwer nachzuweisen.Das sind einige der logischen Argumente, die für frühere und künftige Leben angeführt werden. Sie haben mit Kontinua und Kontinuitäten zu tun. Und die Kontinuität wird einfach durch Ursache und Wirkung aufrechterhalten; es gibt nichts Festes, das sich unverändert von einem Moment zum anderen fortsetzt. Denken Sie darüber nach: Seit der Zeit, als Sie ein Baby waren, bis zum heutigen Zeitpunkt hat sich jede Zelle in Ihrem Körper verändert, und dennoch schauen Sie ein Foto von sich als Baby an und sagen: „Das bin ich.“ Ich bitte Sie – alles an Ihnen hat sich verändert, wie können Sie da sagen: „Das bin ich“? Es basiert auf Ursache und Wirkung, einer Aufeinanderfolge von damals bis jetzt.Teilnehmer: Meine Freundin, die materialistisch eingestellt ist, sagt: Als ich geboren wurde, wurde auch mein Geist geboren. Er befindet sich im Gehirn, nicht wahr? Wenn ich sterbe, wird mein Gehirn verschwinden, und mein Geist wird auch verschwinden. Wie können wir so jemanden überzeugen?Alex: Nun, zunächst einmal: Was das Gehirn betrifft – wann hat es sich im Fötus entwickelt? An welchem Punkt begann es zu existieren? Wissen Sie, im Buddhismus wird nicht bestritten, dass es eine physische Grundlage für „mich“ und eine physische Grundlage dafür gibt, dass man Dinge erfahren kann. Das wird nicht abgestritten. Es gibt natürlich das Gehirn, es gibt neurale Aktivität und all das. Wann es im Zusammenhang mit einem bestimmten Leben beginnt, ist eine andere Frage. Aber im Buddhismus wird selbstverständlich akzeptiert, dass eine physische Basis vorhanden ist. In diesem Punkt besteht kein Widerspruch zur Wissenschaft.Aber im Buddhismus geht es um das persönliche, erfahrungsbezogene, subjektive, individuelle Erleben. Die Erfahrung ist nicht dasselbe wie ihre physische Grundlage. Wenn man von einem bestimmten Geschehnis spricht – etwa der Empfindung einer Emotion -, so kann man das unter physischen Gesichtspunkten beschreiben, und man kann dasselbe Geschehnis auch unter dem Gesichtspunkt der Erfahrung beschreiben. Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht, sie beschreiben das Ereignis nur von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus. Und der Erfahrungs-Aspekt beruht auf einer überaus subtilen Energie, zusätzlich zu der groben Ebene des Gehirns, des Nervensystems usw. Wenn wir also von einer Kontinuität sprechen, die sich von früheren Leben zu diesem Leben und von diesem Leben zu künftigen Leben erstreckt, so ist es dies, was sich fortsetzt. Es gibt eine gewisse physische Basis dafür, eine energetische Ebene.Wie kann man nachzuweisen, dass es, wenn das Gehirn tot ist, weiter Erfahrung gibt? Das ist natürlich ziemlich schwierig. In der tibetischen Tradition hat es viele Fälle – die sogar auch wissenschaftlich untersucht wurden – von Menschen gegeben, die eine sehr fortgeschrittene Erkenntnisebene erreicht hatten, und die, nachdem sie gestorben waren – zu einem Zeitpunkt, an dem jeder Arzt sagen würde, dass sie tot sind – in Meditation verbleiben; ihr Körper wird nicht starr, sie fallen nicht um oder so etwas. Sie verbleiben in Meditation. Das kann bis zu zwei Wochen oder länger dauern. Und wenn ihre Meditation beendet ist, fällt der Körper zusammen. Jedes Jahr erwecken sich einige solche Fälle. Es ist natürlich schwierig, jemanden aufzusuchen, der stirbt, und zu sagen: „Lassen Sie mich diese Elektroden an ihrem Gehirn befestigen, und dann tun Sie mir jetzt bitte den Gefallen und sterben Sie, damit ich messen kann, was passiert.“ Aber es gibt Hinweise darauf, dass es offenbar Erfahrungsaspekte gibt, die sich auf einer sehr viel subtileren Ebene sogar dann fortsetzen, wenn das Gehirn aufgehört hat zu arbeiten und das Nervensystem seine Funktionen eingestellt hat.Im Buddhismus wird also gesagt, dass die grobe geistige Aktivität nicht mehr stattfindet, wenn der Körper tot ist, wenn das Gehirn tot ist. Man sieht, hört und denkt nichts mehr auf konzeptionelle Weise. Das ist vorbei. Aber in diesem sehr, sehr subtilen Zustand, den man Klares-Licht-Geist nennt, ist man nicht-konzeptuell auf die Realität ausgerichtet, ganz unmittelbar.Wahre Realität erfahrenTeilnehmer: Ist es möglich, diese wahre Natur der Realität, diese wahre Realität, zu erfahren, in der wir keinerlei falsche Konzeptionen haben? Kann man sie direkt wahrzunehmen, oder ist das unmöglich?Alex: Nein, nein, es ist möglich – das kommt als nächstes in dieser Darstellung -, denn weil es die Realität gibt, und obwohl die Dinge nicht so erscheinen, wie sie wirklich existieren, ist es möglich, das, was die Verzerrung verursacht, zu beseitigen. Das ist die grundlegende Frage: Ist die geistige Aktivität, mit der wir Dinge wahrnehmen und erkennen, aufgrund ihrer eigenen Natur etwas, das die Realität verzerrt? Oder ist es möglich, dass diese Aktivität ohne Verzerrung, ohne Projektionen funktioniert? Aus diesem Grund wird die Realität als Grundlage, als Basis genommen. Darauf beruhend verstehen wir – darum wird es morgen gehen -, dass, wenn die geistige Aktivität verzerrt ist, Probleme, Leiden und Unglück verursacht werden, und dass es möglich ist, alle Verzerrungen zu beseitigen, und dadurch dann die Probleme zum Aufhören zu bringen. Sobald man das verstanden hat, versteht man, dass das Ziel erreichbar ist, dass der Geist dazu imstande ist. Dann hat man diese Richtung, diese Zuflucht, und nun kann man dies anstreben, indem man überzeugt ist, dass es tatsächlich möglich ist, es zu erreichen. Alles beruht auf der Tatsache, dass es die Realität gibt, und dass es möglich ist, sie wahrzunehmen.Aber es erfordert sehr, sehr lange Übung, sich mit der Realität vertraut zu machen und die geistigen Blockaden zu durchbrechen. Dafür gibt es die Meditation. Meditation bedeutet, uns damit vertraut zu machen, mehr förderliche Gewohnheiten zu entwickeln, sodass man sich daran gewöhnt, jemanden, wenn man ihn trifft, nicht nur so zu sehen, wie er gerade vor unseren Augen erscheint, sondern sich dessen vollauf bewusst zu sein, dass er ein Kleinkind war, eine Kindheit hatte, all den Einflüssen ausgesetzt war, und dass er wahrscheinlich älter werden wird – den gesamten großen Zusammenhang zu sehen und zu erkennen, dass das alles miteinander in Verbindung steht. Aber man muss sich darin üben, das so zu sehen. Nicht unbedingt so, dass man es mit den Augen sieht, aber indem man es versteht; man versteht alles über diese Person – ihre ganze Vergangenheit, was ihre Potenziale sind – denn das alles hängt zusammen. Am Anfang kennt man natürlich die Einzelheiten nicht, aber das macht nichts. Sich einfach dessen gewahr zu sein, dass da die ganze Vergangenheit und all die Einflüsse sind, die sich auf diese Person ausgewirkt haben, und dass es eine Zukunft gibt – allein das öffnet einen sehr weit für die Realität.Wenn Sie dann ein Baby sehen, sehen Sie es nicht nur als ein Baby; Sie sehen: Hier ist ein potenzieller Erwachsener, und alles, was ich jetzt tue, wird beeinflussen, wie dieses Baby sich zum Erwachsenen entwickelt. Sie sehen das Gesamtbild. Die Wirklichkeit.Noch etwas? Also wenn es keine Fragen mehr gibt … Ich danke Ihnen sehr.Sie haben eine Frage? Sehen Sie, nun könnte ich behaupten: Weil ich gesagt habe „Ich danke Ihnen sehr“, hat Sie das veranlasst, eine Frage zu stellen. Und das wäre natürlich eine unsinnige Behauptung. Teilnehmer: Wir scheinen uns in einer ziemlich merkwürdigen Situation zu befinden: Unser Geist kreiert Projektionen und leidet dann selbst unter diesen Projektionen. Warum muss unser Geist alles so kompliziert machen? Alex: Wissen Sie, er ist von so vielem beeinflusst. Die eine Sache ist die Hardware (wenn wir uns das mal in Analogie zu einem Computer vorstellen): Wir können nur durch diese beiden Löcher an der Vorderseite unseres Gesichts etwas sehen; wir sehen nicht, was hinter uns ist. Die Hardware schränkt uns ein. Und es gibt vieles, was sehr verwirrend ist. Das klassische Beispiel dafür ist eine Stimme, die uns im Kopf herumgeht, wie ein Autor, der Sorgen verfasst: „Um Himmels willen, was soll ich jetzt machen? Was werden die Leute bloß von mir denken?“ usw. usw. Es fühlt sich an, als ob da ein kleines Ich in unserem Kopf sitzt – aber das ist absurd. Da ist kein kleines Ich. Wenn man das Gehirn seziert, kann man nirgends solch ein kleines Ich finden, dass da sitzt, sich Sorgen macht und die ganze Zeit schnattert. Aber es fühlt sich so an. Das einzige, was da stattfindet, ist, dass das Gehirn auf bestimmte Weise Neuronen abfeuert, dass irgendwelche Arten von Audio-Effekten stattfinden – das ist alles, was passiert. Kein gesondertes Ich, das da drinnen sitzt und redet. Es ist verwirrend – das sind alles täuschende Erscheinungen – so nennt man das -, und sie beruhen auf der Hardware. Aber die Hardware ist nicht die tiefste Ursache dafür. Im Grunde geschieht das aufgrund anfangsloser Gewohnheit. Es ist nur so, weil wir uns so daran gewöhnt haben. Es gibt keine Anfang. Es geht einfach immer weiter.Und das ist es, womit wir uns morgen beschäftigen werden, nämlich wie dieser ganze Mechanismus von Leiden sich fortsetzt, und wie man da herauskommt. Der erste Schritt besteht darin, dass man aufhört, all den Mist zu glauben, den unser Geist projiziert. Und man hört auf, daran zu glauben, wenn man wirklich überzeugt ist, dass das nicht der Realität entspricht. Es gibt kein kleines Ich, das in meinem Kopf sitzt.Kann ich es jetzt wagen, zu sagen „Ich danke Ihnen sehr“, oder wird das weitere Fragen hervorrufen? Also gut, ich danke Ihnen sehr – und möge jegliches Verständnis, dass wir aus all dem gewonnen haben, hoffentlich immer tiefer gehen und irgendeinen positiven Eindruck schaffen, der für uns alle von Nutzen sein wird. 

Von den zwei Wahrheiten die vier Wahrheiten; von den vier Wahrheiten die drei kostbaren Juwelen

Alexander Berzin
Kiew, Ukraine, Mai 2012
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Teil zwei: Von den zwei Wahrheiten zu den vier Wahrheiten

Heute möchte ich unsere Erörterung von gestern Abend fortsetzen, in der es darum ging, wie man von den zwei Wahrheiten zu den vier Wahrheiten gelangt und von den vier Wahrheiten zu den drei Zufluchten. Das klingt zwar wie ein sehr technische Angelegenheit, ist aber eigentlich eine sehr praktische Herangehensweise.

Auf ein spirituelles Ziel hinarbeiten

Wenn wir ein spirituelles Ziel anstreben, gibt es zwei Arten, darauf hinzuarbeiten:

  • Die eine besteht darin, einfach Vertrauen zu haben, dass es möglich ist, dieses Ziel zu erreichen, und auf der Grundlage dieses Glaubens arbeitet man dann darauf hin. Während man durch Übung immer weiter fortschreitet, gelangt man allmählich zu der Überzeugung, dass das Erreichen des Ziels möglich ist. Mit anderen Worten: Wenn das Ziel darin besteht, das Leiden zu überwinden und zu beseitigen, sodass man nie wieder leiden muss, und wenn man das Vertrauen hat, dass es tatsächlich möglich ist, dies zu erreichen, dann lässt das Leiden, während man auf dieses Ziel hinarbeitet, immer mehr nach, und so gewinnt man die Überzeugung: „Ja, vielleicht ist es tatsächlich möglich, dieses Ziel zu erreichen.“ Zu dem eigenen Fortschritt in Richtung auf dieses Ziel gehört es, dass man mehr studiert, mehr lernt, mehr meditiert, und dadurch erlangt man auch in logischer Hinsicht die Überzeugung, dass das Ziel erreichbar ist.
  • Die zweite Art besteht darin, zuerst durch Argumente und Logik zu der Überzeugung zu kommen, dass das Ziel erreichbar ist, und dann darauf hinzuarbeiten.

Das sind die zwei Herangehensweisen, die normalerweise im Zusammenhang mit den zwei Methoden, Bodhichitta zu entwickeln, erörtert werden – sofern wir sie im Rahmen des klassischen buddhistischen Schemas platzieren wollen.

Zuerst entwickelt man das relative Bodhichitta, mit dem man die eigene künftige Erleuchtung anstrebt, die noch nicht stattgefunden hat, aber stattfinden kann, und man möchte sie erreichen, um allen Wesen zu nützen. Man hat also das Vertrauen, dass es möglich ist, sie zu erreichen, weil man erkannt hat, dass man nur dann wirklich allen von Nutzen sein kann, wenn man den Zustand erreicht, in dem man Ursache und Wirkung sowie die bestmögliche Art, allen zu nützen, vollkommen versteht.

Während man immer weiter fortschreitet, entwickelt man dann das so genannte tiefste Bodhichitta, welches im Verständnis der Leerheit besteht – über die wir gestern gesprochen haben -, nämlich, ganz einfach ausgedrückt, dem Verständnis, dass die Dinge nicht auf unmögliche Arten existieren. Man versteht also die Realität. Und wenn man die Realität versteht, versteht man, dass es möglich ist, die Realität auch wahrzunehmen, d.h. dass die Natur des Geistes imstande ist, nur die Realität selbst wahrzunehmen, ohne Fantasievorstellungen darauf zu projizieren. Dieses Ziel ist also erreichbar, und das versteht man mit Hilfe von Logik.

Doch die andere Herangehensweise besteht darin, zuerst das Verständnis der Realität zu entwickeln. Das heißt: Wir verstehen, dass Erleuchtung möglich ist – entwickeln also das tiefste Bodhichitta zuerst -, und auf dieser Grundlage sind wir überzeugt, dass Erleuchtung erreichbar ist. Dann arbeiten wir darauf hin. Diese zweite Herangehensweise finden wir in einem der Texte von Nagarjuna, einem großen indischen Meister, beschrieben, nämlich in seinem Text namens „Kommentar zum Bodhichitta“ (Skt. Bodhichittavivarana).

Diese zweite Herangehensweise, in der wir zuerst mittels Logik zu der Überzeugung gelangen, dass Erleuchtung erreichbar ist, wird in dem Vers umschrieben, über den wir hier sprechen: von den zwei Wahrheiten zu den vier Wahrheiten und von den vier Wahrheiten zu den drei Zufluchten. Der ganze Zweck, zu dem all das dient, ist, uns verstehen zu helfen, dass die Befreiung vom Leiden, und zwar so, dass es nie wieder auftritt, sowie auch die Erleuchtung, mit der wir alles ganz und gar erkennen, tatsächlich möglich sind; diese Tatsache beruht auf der Realität. Wenn wir überzeugt sind, dass Befreiung und Erleuchtung tatsächlich möglich ist – und zudem, dass nicht nur Buddha Shakyamuni, sondern auch wir selbst fähig sind, das zu erreichen -, dann gewinnen wir daraus eine Menge Kraft und Stabilität in unserer spirituellen Praxis. Allerdings ist es nicht besonders einfach, das zu verstehen; es hat auch nie jemand behauptet, es wäre einfach.

Das ist es, womit wir in der kurzen Zeit, die wir hier zusammen haben, zu beginnen versuchen: nämlich mit diesem Denkprozess, mit dem wir ergründen wollen, dass Befreiung und Erleuchtung tatsächlich möglich sind, und damit zu einer gewissen Überzeugung davon zu gelangen.

Die zwei Wahrheiten

Gestern haben wir die erste Zeile erörtert:

Indem wir die Bedeutung der zwei Wahrheiten kennen, nämlich die Basis, die Art und Weise, wie alles verweilt, …

Die Grundlage, auf der diese ganze Erörterung beruht, ist also die Darstellung der zwei Wahrheiten. Dabei handelt es sich um die zwei Wahrheiten darüber, wie alles existiert, wie alles funktioniert („die Art und Weise, wie alles verweilt“ heißt es im Text). Diese zwei Wahrheiten über alles sind beide gleichermaßen wahr:

  • Die erste Wahrheit über die Dinge besteht hier im Kontext unserer Erörterung darin, dass die Dinge in Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen entstehen. Natürlich können wir noch weiter gehen: Die Dinge sind zudem auch abhängig von ihren Teilen, und sie hängen auch von dem ab, worauf die Begriffe, mit denen sie benannt werden, sich beziehen. Es gibt viele verschiedene Ebenen dessen, wovon die Dinge abhängig sind, aber in unserem Kontext liegt das Schwergewicht auf Ursache und Wirkung, und zwar Ursache und Wirkung nicht nur im physischen Sinne, sondern auch im erfahrungsbezogenen Sinne, insbesondere in Bezug auf unsere Erfahrung von Glück und Unglück im Zusammenhang mit der Zwanghaftigkeit von Karma.
  • Die tiefste Wahrheit über die Dinge ist, dass die Dinge zwar aufgrund unserer Projektionen so erscheinen mögen, als würden sie auf unmögliche Art existieren, dass aber diese täuschenden Erscheinungen, nämlich unmögliche Arten zu existieren, nicht der Realität entsprechen. Es geht also darum, dass etwas ganz und gar nicht vorhanden ist – der Begriff dafür lautet Leerheit. Das, was überhaupt nicht vorhanden ist, ist eine tatsächliche Entsprechung zu dem Quatsch, den unser Geist projiziert.

Das sind also die beiden Tatsachen in Bezug auf alles: alles, was geschieht, alles was wir im Leben erfahren. Es entstand aus Ursachen und Bedingungen; es existiert nicht auf unmögliche Art, nämlich isoliert ganz für sich ohne Ursachen und Bedingungen,.

Die vier edlen Wahrheiten

Auf der Grundlage der Realität war Buddha dann imstande, das zu verstehen, was er im Zusammenhang mit den vier Wahrheiten ausgedrückt hat. Das ist in der zweiten Zeile enthalten:

[so] gewinnen wir, mittels der vier Wahrheiten, Gewissheit darüber, wie wir immer wieder in zwanghaft auftretende Wiedergeburten eintreten, aber diesen Vorgang auch umkehren können.

Wie ich gestern erwähnt habe, werden diese vier Wahrheiten – normalerweise „die vier edlen Wahrheiten“ genannt – von spirituell weit fortgeschrittenen Wesen als wahr erkannt. Das ist ein interessanter Punkt. Er bedeutet, dass nicht nur der Buddha sie als wahr und als Tatsachen erkennt, sondern auch diejenigen, die eine bestimmte Stufe vor der Buddhaschaft erreicht haben – sogar schon ziemlich lange, bevor sie Buddhaschaft erreichen. Wenn sie eine bestimmte Stufe erreicht haben, können sie sehen, dass diese vier Tatsachen wahr sind. Auf welcher Stufe geschieht das? Es geschieht dann, wenn man eine unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit hat und die Realität unmittelbar erkennt. Diese Erkenntnis bzw. Wahrnehung der Leerheit ist völlig präzise, ganz und gar entschieden, und sie ist unbegrifflich, d.h. man nimmt sie nicht mittels einer Kategorie – der Kategorie „Leerheit“ – wahr.

Wenn wir mittels Kategorien denken, z.B. der Kategorie „Hund“, dann gibt es in unseren Gedanken an einen Hund etwas, das einen Hund repräsentiert. Was einen Hund repräsentiert, wenn wir an einen Hund denken, kann bei jedem von uns leicht unterschiedlich sein. Wenn wir zu Hause oder auf der Straße einen Hund sehen, nehmen wir ihn mittels dieser Kategorie und dieses Bildes dar, das wir davon haben, was ein Hund ist, und fügen das sozusagen zusammen. Wenn man etwas unbegrifflich wahrnimmt, so findet die Wahrnehmung ohne all das statt, also ohne Kategorie und etwas, was diese Kategorie repräsentiert; es handelt sich dann um einfache Wahrnehmung. Der Fachausdruck dafür lautet „bloße“ oder „nackte“ Wahrnehmung, in dem Sinne, dass die Wahrnehmung frei von diesen anderen Dingen ist. Man nimmt einfach bloß wahr und weiß, was es ist, ohne es in die Schublade „Leerheit“ packen zu müssen. Kategorien sind wie Schubladen, in die man das jeweils Passende hineinlegt, wenn man etwas wahrnimmt. Und der wesentliche Punkt ist, dass die Dinge nicht in Schubladen existieren.

Wesen mit weit fortgeschrittenen spirituellen Erkenntnissen und Verwirklichungen – auf Sanskrit werden sie „Aryas“ genannt – nehmen die Realität wahr, ohne sie in eine Schublade mit dem Etikett „Realität“ zu stecken, etwa indem sie dächten: „Jetzt sehe ich die Realität“. Sie wissen ganz und gar, präzise und entschieden, was sie wahrnehmen – sie nehmen Realität wahr , aber sie tun das, ohne es in jene Schublade „Realität“ oder „Leerheit“ einzufügen. So könnte man den Vorgang mit einfachen Worten beschreiben. Aber die Dinge auf diese Weise wahrzunehmen ist nicht so einfach. Selbst wenn wir die Schublade, in die wir die Dinge stecken, nicht mit Worten benennen, besteht die gewöhnliche Art und Weise, auf die wir alles wahrnehmen, darin, dass wir sie in Schubladen stecken, so als würden die Dinge von sich aus in solchen Schubladen existieren, getrennt von allen anderen, jedes in seiner passenden Schublade.

Hier in unserem Kontext ist es nicht notwendig, noch mehr über begriffliche Wahrnehmung zu erklären. Der wesentliche Punkt ist, dass man kein Buddha sein muss, um die Realität derart – ohne Kategorien – wahrzunehmen. Und wenn wir die Realität auf diese Weise wahrnehmen können, dann sind wir imstande, die so genannten vier edlen Wahrheiten als wahr zu erkennen. Unsere Wahrnehmung in Bezug darauf ist dann korrekt und präzise, wir sind uns dessen gewiss, und wir erkennen sie unbegrifflich.

Was sind nun diese vier Wahrheiten? Die erste bezieht sich auf das Leiden. In der zweiten geht es um die Ursache des Leidens. Die dritte beschreibt die Beendigung des Leidens und seiner Ursachen. Die vierte bringt den Pfad zum Ausdruck, d.h. das Verständnis, welches als Weg fungiert, der dorthin führt und sein Resultat erreicht. Diese Tatsachen werden „wahr“ genannt – wahres Leiden, wahre Ursachen usw.

Diese gesamte Erläuterung steht im Kontext von Wiedergeburt – d.h. im Kontext von anfangslosen und endlosen individuellen geistigen Kontinua. Wir haben gestern Abend nur kurz darüber gesprochen, und wir haben eigentlich keine Zeit, näher darauf einzugehen, aber auch dieses Thema gehört hier zu den Grundlagen. Es hat mit Ursache und Wirkung zu tun. Erinnern Sie sich, dass wir über individuelle Erfahrung gesprochen haben, die von Augenblick zu Augenblick stattfindet? Wenn sie von Augenblick zu Augenblick im Sinne von Ursache und Wirkung stattfindet, kann sie keinen absoluten Anfang haben, in der sie aus dem Nichts entstand, indem Ursache und Wirkung keine Rolle in Bezug darauf spielen, wie sie anfing. Und sie kann nicht in ihrem letzten Moment ohne Wirkung bleiben, indem sie sich in Nichts auflöst. Das ist unmöglich. Allein aus der grundlegenden Wahrheit von Ursache und Wirkung müssen wir also schließen, dass individuelle geistige Kontinua keinen Anfang und kein Ende haben; daher also Wiedergeburt.

Wahres Leiden

Was ist wahres Leiden? Es tritt in drei Aspekten auf:

  • Da ist zunächst einmal unser gewöhnliches Gefühl von Unglücklichsein. Das wird das Leiden am Leiden genannt. Interessant ist: Das ist nicht notwendigerweise dasselbe wie Schmerz. Wenn von Glück und Unglück die Rede ist und wenn von Behagen und Schmerz die Rede ist, so geht es dabei um zwei verschiedene Gegensatzpaare. Behagen und Schmerz sind physische Empfindungen, während Glück und Unglück geistige Zustände sind. Es gibt Menschen, die Schmerz empfinden und glücklich darüber sind, und manche Menschen erleben Behagen und sind sehr unglücklich dabei. Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Paare von Variablen. Hier in unserem Kontext ist die Rede von Unglück, und wir alle wissen, wie das ist. Es wird im Zusammenhang mit den schlimmeren Arten der Wiedergeburt beschrieben, die voller Leiden und schrecklichem Unglück sind.
  • Die zweite Art des Leidens wird das Leiden der Veränderung genannt. Es handelt sich dabei um unsere gewöhnliche Art von Glück. Das Problem bei unserem gewöhnlichen Glückes ist, dass es nicht dauert; es stellt nie zufrieden – wir wollen immer noch mehr -, und wenn wir zu viel davon haben, wird es uns lästig und verwandelt sich in Unglücklichsein. Wenn wir z.B. zu viel von unserer Lieblingsspeise essen, wird uns irgendwann schlecht davon, und dann mögen wir nichts mehr essen und sind ganz unglücklich darüber. Es gibt also ein Problem, es ist nicht befriedigend und nicht stabil. In unserem gewöhnlichen Leben geht es ständig auf und ab, manchmal fühlen wir uns glücklich, manchmal unglücklich, wie auf einer Wippe. Es gibt keine Sicherheit, denn ganz gleich, was um uns herum vorgeht, wir wissen nie, wie es uns im nächsten Moment gehen wird. Ganz plötzlich beschleicht uns ein Gefühl des Unglücklichseins oder des Überdrusses. Unsere Erfahrungen gehen die ganze Zeit immerzu auf und ab.
  • Die dritte Ebene, die dritte Art des Leidens wird das alles umfassende Leiden genannt. Es liegt unserer Erfahrung dieses ständigen Wechsels von Unglück und gewöhnlichem Glück zugrunde. Die Basis dafür ist unsere immer wiederkehrende Existenz bzw. Wiedergeburt, über die wir keine Macht haben – das Sanskrit-Wort dafür lautet „Samsara“. Wir werden immer wieder mit einer Art von Körper und einer Art von Geist geboren, welche wiederum Grundlage dafür sind, dass wir das Auf und Ab von gewöhnlichem Glück und Unglück erleben. Das ist also das wahre Leiden, das wahre Problem. Es ist das wesentliche Leiden, das man sieht, wenn man die Realität erkennt.

Die wahren Ursachen des Leidens

Wenn wir die Realität sehen, stellen wir also fest, dass wir uns in einer Situation befinden, in der wir ständiges Auf und Ab erleben, und dass es eine Grundlage dafür gibt, dass sich das fortsetzt und einfach immer so weitergeht. Das ist die Realität, die man als wahr erkennt. Und wenn wir das sehen, dann verstehen wir – weil wir die Realität verstehen -, dass dies aufgrund einer Ursache so sein muss. Was ist nun die wahre Ursache dafür? Was ist die wahre Ursache dafür, dass wir, wie es in dem Vers heißt, „immer wieder in zwanghaft auftretende Wiedergeburten eintreten“. Mit anderen Worten, wie geht das vor sich? Was ist die Ursache dafür, diesen sich wiederholenden Kreislauf fortzusetzen?

Was haben wir in unserer Erörterung gestern Abend festgestellt? Wir haben gesehen, dass wir Folgendes verstehen können: Wenn wir Unglück erleben, so ist es das Resultat von destruktivem Verhalten, und wenn wir gewöhnliches Glück erleben, so ist es das Resultat von konstruktivem Verhalten. Doch wir müssen hier die Übersetzung des Wortes „Karma“ hinzufügen – was ich jetzt als „zwanghaft“ übersetze. Es handelt sich also um zwanghaftes destruktives Verhalten oder zwanghaftes konstruktives Verhalten. Es geht hier nicht um das konstruktive Verhalten, das ein Buddha an den Tag legt. Worüber wir hier reden, ist zwanghaftes konstruktives Verhalten, etwa von jemandem, der zwanghaft Gutes tut – was auf einer Art Ego-Trip beruht, ein zwanghaftes Streben nach Perfektion und danach, immer alles richtig zu machen. Das kann ziemlich neurotisch sein.

Wir haben in unserer gestrigen Erörterung kurz festgestellt: Wenn wir zwanghaft handeln, so ist es deshalb, weil wir unter dem Einfluss störender Emotionen stehen. Wir haben darüber im Zusammenhang mit zwanghaftem destruktivem Handeln gesprochen. Wir können z.B. zum Beispiel aus Wut jemanden töten, oder aus Gier etwas stehlen. Aus Naivität können wir denken, dass die Art, wie wir uns verhalten, keine Folgen hat: Niemand wird uns erwischen. „Es spielt keine Rolle, ob ich stehle; ich werde mein Vergnügen haben“ – diese Art von naiver Einstellung liegt dem zugrunde.

Was hinter diesem zwanghaften destruktiven Verhalten steckt, ist fehlendes Gewahrsein. Fehlendes Gewahrsein (tib. ma-rig-pa) wird oft als „Unwissenheit“ übersetzt. Wessen sind wir uns nicht gewahr? Die erste Ebene davon ist, dass wir uns der Ursache und Wirkung nicht gewahr sind. Wenn wir sie wirklich verstehen würden und vollkommen überzeugt davon wären – verstehen beinhaltet hier korrektes, präzises Verständnis und feste Überzeugung von Ursache und Wirkung -, dann würden wir uns nicht destruktiv verhalten, denn wir wüssten: „Wenn ich destruktiv handele, werde ich letztlich darunter leiden. Ich werde unglücklich sein. Ich werde Unglück erfahren.“ Wir reden hier nicht von Strafe, es geht lediglich darum, was die Ursache dafür ist, dass wir uns ziemlich oft unglücklich fühlen.

Wenn von fehlendem Gewahrsein die Rede ist, so werden zwei Arten davon erwähnt. Entweder wir wissen einfach nicht, dass destruktives Handeln uns letztlich Unglück einbringt, oder wir meinen, das Gegenteil wäre der Fall: Wir denken „Wenn ich destruktiv handle, wird das dazu führen, dass ich glücklich bin. Wenn ich stehle, wird es mir gut gehen. Wenn ich meine Feinde töte, wird mich das froh machen.“ Es kann zwar sein, dass wir unmittelbar nach einer destruktiven Handlung wirklich froh sind – „Ha, jetzt hab ich die Mücke erschlagen“ , aber wenn wir von den Langzeitwirkungen reden, so ist die Tatsache (dass wir, egal, was passiert, manchmal unglücklich sind) aufgrund von destruktivem Verhalten der Fall. Und das wiederum ist auf dieses fehlende Gewahrsein hinsichtlich Ursache und Wirkung, also hinsichtlich der relativen Wahrheit, zurückzuführen.

Ich will keineswegs behaupten, dass das, was ich gerade in ein paar wenigen Sätzen dargestellt habe, einfach zu verstehen ist. Das ist es nicht. Voll und ganz überzeugt davon ist man offenbar erst, wenn man eine sehr hohe Stufe erreicht hat; erst dann versteht man es ganz und gar, und dennoch ist es etwas, womit man arbeiten muss. Doch die zugrunde liegende Ursache ist, dass wir Ursache und Wirkung nicht verstanden haben. Es ist so, dass unser Gefühl des Ungücklichseins darauf zurückzuführen ist, dass wir nicht verstanden haben, was die Ursache für Unglück ist, nämlich destruktives Verhalten, also Handeln unter dem Einfluss von störenden Emotionen. Mit anderen Worten – um es auf westliche Weise auszudrücken -: Mein Geist ist voller Ärger, Gier, Naivität, Missgunst, Arroganz und dergleichen; das veranlasst mich, zwanghaft zu handeln, und aufgrund dessen fühle ich mich ziemlich oft unglücklich, ganz einfach gesagt. Das ist die Verknüpfung, die wir herstellen müssen.

Was nun das Glück betrifft, das wir als solches wahrnehmen und erleben, so stammt dies aus fehlendem Gewahrsein hinsichtlich der tiefsten Wahrheit der Dinge. Um genau zu sein müssten wir eigentlich sagen, dass fehlendes Gewahrsein der tiefsten Wahrheit sowohl konstruktivem als auch destruktivem Verhalten zugrunde liegt. Und konstruktives zwanghaftes Verhalten geht nur auf das fehlende Gewahrsein der tiefsten Wahrheit zurück. Ich werde das erklären.

Wir haben auch gestern schon ein wenig darüber gesprochen, nämlich im Zusammenhang damit, dass es aufgrund jener Stimme in unserem Kopf so scheinen kann, als säße da ein kleines Ich, das das Sagen hat, das sich die ganze Zeit Sorgen macht „Was soll ich bloß tun?“ usw., das immer seinen Willen durchsetzen möchte, – und dass diese Erscheinungsweise nicht der Realität entspricht. So etwas gibt es nicht. Wir existieren, aber wir existieren nicht als kleine Gestalt in unserem Kopf. Wenn wir das nicht wissen, wenn wir uns dessen nicht gewahr sind, wie wir existieren – uns also der tiefsten Realität nicht gewahr sind -, dann identifizieren wir uns mit dieser projizierten Fantasievorstellung von diesem kleinen Ich in unserem Innern. Und weil das nicht der Realität entspricht, fühlen wir uns dessen sehr unsicher. Auf diese Weise kann man sich nie sicher fühlen, man wird immer unsicher sein, ganz egal, was man tut.

Ein maßgeblicher Mechanismus sind jene störenden Emotionen. Wenn wir das Gefühl haben: „Wenn ich mir bloß etwas aneignen kann, dann werde ich mich sicher fühlen“, dann spüren wir Gier, Anhaftung und Lust auf etwas. Oder: „Wenn ich das bloß loswerden kann, dann werde ich mich sicher fühlen“ – das ist Ärger und Abneigung. Oder Naivität: „Wenn ich einfach vorgebe, dass das, was mich bedroht, nicht existiert, und es beharrlich leugne, wird mich das sicherer machen.“ Auf dieser Grundlage entsteht destruktives Verhalten. Man handelt beruhend auf Ärger, man tötet, schreit jemanden an, verletzt andere. Oder beruhend auf Gier: Man stiehlt, oder man verwickelt sich in unangemessenes sexuelles Verhalten, das irgendjemanden verletzen wird. Oder beruhend auf Naivität hinsichtlich der Tatsache, dass die andere Person Gefühle hat und das, was ich sage, ihr wehtun wird – ich kann ihr ruhig alle möglichen abscheulichen Wörter an den Kopf werfen – na und? Das ist also destruktives Verhalten, sowohl aus Naivität hinsichtlich der tiefsten Wahrheit – wie wir existieren – als auch aus Naivität hinsichtlich Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit destruktivem Handeln.

Im Falle konstruktiven Verhaltens kann es zwar sein, dass wir nicht aufgrund von störenden Emotionen handeln, aber auch diesem Verhalten liegt immer noch die Naivität bzw. Verwirrung oder fehlendes Gewahrsein in Bezug darauf, wie wir existieren, zugrunde. Deshalb versuchen wir unsere Existenz zu beweisen oder abzusichern, indem wir perfekt sind, gut sind, immer eine gute Mutter sind oder irgendetwas in der Art – „Das wird dem Gefühl von einem festen Ich Sicherheit geben“ – und natürlich funktioniert das nicht; man fühlt sich nie sicher. Na schön, weil wir etwas Konstruktives tun, z.B. anderen helfen, unsere Kinder unterstützen usw., empfinden wir ein kleines bisschen Glück, aber es ist gewöhnliches Glück. Es wird nicht dauern, es wird nie zufriedenstellen usw., weil es durch das fehlende Gewahrsein bezüglich der tieferen Ebene bedingt ist, nämlich bezüglich der Art und Weise, wie wir existieren.

Kommen wir nun zu der dritten Art des Leidens. Was ist die Ursache dafür – für die fortgesetzte Grundlage dafür, dass wir dieses Auf und Ab von Unglück und gewöhnlichem Glück erleben? Um das darzustellen, gibt es eine komplizierte Grafik namens „Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens“. Ich werde sie nicht vollständig erklären, da unsere Zeit dafür nicht ausreicht, sondern nur etwas auf diejenigen Punkte eingehen, die für unser Thema relevant sind. Um es ganz einfach darzustellen: Karma, wie Sie sich erinnern, bezieht sich auf Zwanghaftigkeit. Von Zwanghaftigkeit getrieben verhalten wir uns auf bestimmte Weise. Dabei kann es sich um destruktives oder konstruktives Verhalten handeln.

Was bedeutet Zwanghaftigkeit? Zwanghaftigkeit beinhaltet die Bedeutung, dass man keine Kontrolle über etwas hat, wie z.B., wenn jemand zwanghaft mit den Fingern auf etwas herumklopft. Das kommt daher – ich hätte das eigentlich zuerst erwähnen sollen -, dass einem danach ist, irgendetwas zu tun. Mir ist zum Beispiel danach, jemanden anzuschreien, oder mir ist er nach, jemanden ganz herzlich zu umarmen. Der tibetische Ausdruck lautet einfach: „Ich will das tun“, „Ich habe den Wunsch, das zu tun“ oder „ich möchte das tun“; diese Bedeutungen sind darin enthalten. Dann kommt der Faktor der Zwanghaftigkeit ins Spiel und dann tut man, wonach einem ist. Wir können hier den Vorgang dahingehend vereinfachen, dass dadurch eine bestimmte Tendenz aufgebaut wird, solches Verhalten zu wiederholen, und, falls das Verhalten destruktiv war, Unglück zu erleben, oder, falls das Verhalten konstruktiv war, gewöhnliches Glück zu erleben. Diese Tendenz wird irgendwann durch gewisse Bedingungen aktiviert und reift heran, sodass wir uns glücklich oder unglücklich fühlen oder es uns danach ist, jemanden anzuschreien oder jemanden zu umarmen usw. Es handelt sich also um ein Schema, das sich fortsetzt. So wird der Vorgang beschrieben, wenn von dieser Ebene die Rede ist. Es geht immer weiter und weiter, weil wir ständig diesen Wunsch haben, diese Art von Verhalten fortzusetzen. Dieses Verhaltensmuster wiederholt sich also immer wieder, und wir erleben immerzu das Auf und Ab von Glück und Unglück.

Die wichtige und interessante Frage ist nun: Wie werden diese Tendenzen aktiviert, ihr Resultat hervorzubringen, sodass wir ein solches Verhalten wiederholen möchten? Das ist es, was mittels der zwölf Glieder des abhängigen Entstehens sehr schön, aber auch äußerst komplex erklärt wird, nämlich wie es dazu kommt, dass wir Glück und Unglück, dieses ständige Auf und Ab erleben. Das muss nichts Dramatisches sein. Selbst im Schlaf kommt es vor, oder vielleicht, wenn wir uns zwischen Schlafen und Wachen befinden, nicht gut einschlafen können und uns nicht recht wohl fühlen. Wir erleben jedenfalls Glück und Unglück. Und auf welche Weise erfahren wir das? Wie ist der Zustand unseres Geistes, während wir Unglück und gewöhnliches Glück erfahren? Das Sanskritwort dafür lautet „Durst“ (trshna). Normalerweise wird es als „Begierde“ übersetzt, aber das Wort, das im Sanskrit dafür verwendet wird, bedeutet eigentlich „Durst“. Wenn wir Unglück erleben, empfinden wir unstillbaren Durst, es loszuwerden, so wie wir das Gefühl loswerden möchten, durstig zu sein. Und wenn wir Glück erleben, möchten wir auf keinen Fall, dass es aufhört, wir wollen mehr davon. Es ist so, wie wenn wir wirklich durstig sind und dann den ersten Schluck Wasser trinken – das ist nicht genug, oder? Man will sich nicht davon trennen. Man will mehr. Dazu kommt dann noch das Greifen nach einem festen Ich – „Ich muss dieses Unglücklichsein loswerden“, „Ich darf dieses Glück nicht verlieren“ – das ist es, was die karmischen Tendenzen, diesen geistigen Zustand, aktiviert. Ist das soweit verständlich? Das ist also die wahre Ursache des alles umfassenden Leidens.

Rufen Sie sich ins Gedächtnis, dass diese Tendenzen dazu, Glück, Unglück usw. zu erleben, aus zwanghaftem Verhalten, gemischt mit störenden Emotionen, herrühren, und dass dies auf unser fehlendes Gewahrsein hinsichtlich der Realität, der tiefsten Ebene – wie wir existieren -, zurückzuführen ist, und im Falle von destruktivem Verhalten auch auf fehlendes Gewahrsein hinsichtlich der relativen Realität, der relativen Wahrheit, nämlich Ursache und Wirkung. Die eigentliche grundlegende Ursache ist also dieses fehlende Gewahrsein bezüglich der Art und Weise, wie wir existieren, denn das geht sowohl mit konstruktivem als auch mit destruktivem Verhalten einher. Das ist also der eigentliche Unruhestifter, der bewirkt, dass diese Tendenzen vorhanden sind, glücklich oder unglücklich zu sein und unser Verhalten zu wiederholen. Und auch wenn wir diesen Durst betrachten, diese Begierde – „Ich muss dieses Unglücklichsein loswerden“ oder „Ich darf dieses Glück nicht verlieren. Ich muss mehr davon haben“ -, stellen wir fest, dass damit wiederum dieses fehlende Gewahrsein, wie wir existieren, einhergeht. „Ich bin derjenige, der zählt, ich ich ich, und es ist ungemein wichtig, dass ich mein Glück nicht verliere, dass ich nicht unglücklich bin“ – statt zu denken: „Okay, ich bin glücklich oder unglücklich. Na und?“ und keine große Sache daraus zu machen.

Die wahre Ursache dafür, dass wir weiterhin unkontrolliert immer wieder geboren werden, die Grundlage für das Leiden an diesem ständigen Auf und Ab, ist unser fehlendes Gewahrsein der zwei Wahrheiten, der Realität.

Die wahre Beendigung der Ursachen für das Leiden

Die dritte Wahrheit ist die wahre Beendigung: die wahre Beendigung der Ursache für das Leiden und daher die wahre Beendigung des Leidens. Warum ist es möglich, dieses fehlende Gewahrsein hinsichtlich der Realität für immer auszurotten? Aus welchem Grund? Der Grund dafür ist: Wenn wir etwas wahrnehmen bzw. projizieren, was nicht real ist, so gibt es nichts, was es aufrechterhält. Der Ausdruck, der dafür im Tibetischen verwendet wird, bezieht sich auf Folgendes: In einem Schauspiel mit der Kulisse einer Landschaft gibt es z.B. Stangen, die die Kulisse abstützen. Der entsprechende tibetische Ausdruck bezieht sich in unserem Zusammenhang darauf, dass es nichts gibt, was die Projektionen dessen, was unmöglich real sein kann, aufrechterhält, dass nichts dahintersteckt, was sie abstützt. Es gibt nichts tatsächlich Reales, das ihnen entspricht und sie aufrechterhalten und unterstützen würde.

Was geschieht, wenn nichts diese Landschaftskulisse abstützt? Die Landschaft kippt um. Sie wird nicht mehr aufrechterhalten. Wenn man auf die Tatsache konzentriert bleiben kann, dass nichts da ist, was die Erscheinung – nämlich dass da ein festes Ich in meinem Kopf sitzt – aufrechterhält, nichts, was dahintersteckt, nichts was dem in Wirklichkeit entspricht, dann kann man für immer bei dieser Einsicht bleiben und es ist unmöglich, die Landschaft wieder hochzuhieven. Das Schauspiel des kleinen Ich im Kopf, das sich sorgt: „Was soll ich bloß machen?“, „Ich muss das und das tun“, „Ich muss perfekt sein“, „Ich muss meinen Willen durchsetzen“ usw. findet ein Ende. Wir hören auf, das Drama des kleinen Ich in unserem Kopf aufzuführen, das die ganze Zeit plappert und sich Sorgen macht. Mit anderen Worten: Wenn wir sehen, dass es nie etwas gegeben hat, was unsere Projektionen aufrechterhält und sie in der Realität unterstützt – wenn wir also die Realität sehen -, dann ist der Zustand des Geistes so, dass er nichts Unmögliches mehr projiziert. Darauf beruhend werden wir dann jene Tendenzen nicht mehr aktivieren, denn es ist nichts mehr da, was sie aktivieren würde. Man hat aufgehört mit dem ständigen: „Ich ich ich. Ich muss glücklich sein. Ich muss es abstellen, unglücklich zu sein.“ Und wenn nichts da es, was die Tendenz aktiviert, kann man nicht sagen, dass man noch eine Tendenz hat. Etwas kann nur eine Tendenz zu einem Resultat sein, wenn es auch ein Resultat geben kann. Der ganze Begriff der Tendenz hängt davon ab, dass es etwas gibt, zu dem sie führt (wenn es nichts gibt, zu dem sie führt, kann es keine Tendenz zu etwas sein).

Das ist also die Art und Weise, wie man unkontrolliert auftretende Wiedergeburten abwenden kann (mit anderen Worten, aus diesem Kreislauf herauskommen kann). Und selbst wenn unser geistiges Kontinuum seit anfangsloser Zeit – eigentlich ein seltsamer Ausdruck, anfangslose Zeit; also jedenfalls: seit jeher, ohne Anfang – voller karmischer Tendenzen ist, spielt das keine Rolle. Wenn nichts da ist, was diese Tendenzen aktiviert, sind es keine Tendenzen mehr. Und weil wir bei diesem Gewahrsein, diesem Verständnis, bleiben, bauen wir keine weiteren Tendenzen auf – wir bauen kein zwanghaftes Verhalten usw. mehr auf, das weitere Tendenzen zur Folge hätte; damit sind die unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten und die Grundlage für jenes Auf und Ab von Glück und Unglück vorbei, zu Ende. Wahre Beendigung.

Weil unmögliche Arten zu existieren nicht vorhanden sind und das Verständnis dessen vorhanden ist, sind all die störenden Emotionen abwesend und es gibt auch kein fehlendes Gewahrsein mehr, das in dieser Hinsicht verwirrt wäre. Das ist ein sehr subtiler Punkt. Ich habe das jetzt ganz schnell so leicht dahingesagt, aber es geht dabei um eine äußerst subtile und schwierige Angelegenheit. Weil es sich um die totale Abwesenheit dessen handelt, was unmöglich ist, und das die Realität ist, kann diesbezüglich keine Verwirrung auftreten. Wenn man auf die Abwesenheit dessen konzentriert ist, was unmöglich ist, kann man in Bezug darauf nicht verwirrt sein. Aber ich möchte auf diesem Punkt jetzt nicht weiter eingehen.

Die Geisteszustände der wahren Pfade, die die wahre Beendigung herbeiführen

Die vierte edle Wahrheit wird für gewöhnlich als „wahrer Pfad“ übersetzt, aber das, worauf sie sich bezieht, ist nicht etwas, worauf man gehen kann, sondern es bezieht sich auf Geisteszustände, auf ein Verständnis, das uns wie ein Pfad zu einem Ziel führen wird, und sein Ergebnis hervorbringt, wenn man das Ziel dann tatsächlich erreicht. Es handelt sich um das korrekte Verständnis der zwei Wahrheiten. Das wird, je mehr man damit vertraut wird, bis man es ganze Zeit über hat, als Pfad fungieren, welcher zu der wahren Beendigung führt, mit der die unkontrolliert auftretenden Wiedergeburten, also die wahren Leiden, aufhören.

Fazit

Das ist also die Art und Weise, wie wir die vier Wahrheiten aus den zwei Wahrheiten herleiten.

Wie treten wir in den Daseinskreislauf (Skt. samsara) ein – wie kommt es dazu, dass wir, in den Worten des Verses ausgedrückt, „immer wieder in zwanghaft auftretende Wiedergeburten eintreten“ – und damit in alle möglichen Leiden? Das wird mit den ersten beiden Wahrheiten erklärt: wahre Leiden und dessen wahre Ursachen. Im Grunde treten wir infolge unserer Verwirrung hinsichtlich der zwei Wahrheiten, infolge fehlenden Gewahrseins in den Daseinskreislauf ein. Entweder wir kennen die Realität nicht, oder wir stellen uns darunter etwas vor, das ganz anders ist als die Realität. Und wie kommen wir aus diesem Kreislauf heraus? Das kommt in der dritten und der vierten Edlen Wahrheit zum Ausdruck: wahre Beendigung, und das, was dazu führt, dass wir diese wahre Beendigung erreichen, nämlich der Geisteszustand des wahren Pfades, wie ich es nenne, – der Zustand des Geistes, der uns dorthin bringt (mit anderen Worten: aufgrund von Verständnis der zwei Wahrheiten). Aufgrund von Unkenntnis der zwei Wahrheiten über die Realität geraten wir also zu den ersten beiden der vier edlen Wahrheiten, und dadurch, dass wir sie [die zwei Wahrheiten] verstehen, gelangen wir zu den anderen beiden der vier edlen Wahrheiten, nämlich zu der dritten und der vierten Wahrheit.

Nun gut. Dies ist zwar ein sehr komplexes Thema – ich behaupte keineswegs, dass es einfach ist -, aber das ist die Art und Weise, wie wir mit den buddhistischen Lehren arbeiten, um zu versuchen, eine gewisse Überzeugung davon zu erlangen, dass es tatsächlich möglich ist, die Ziele zu erreichen, die im Buddhismus beschrieben werden und die wir mit unserer buddhistischen Praxis anstreben. Es zeigt den Ansatz, wie wir, beruhend darauf, dass wir diese Art von Erklärung gehört haben – und vielleicht auch nochmals anhören, denn sie ist ja aufgezeichnet worden (und wird auch auf meiner Website zugänglich gemacht werden) -, immer weiter darüber nachdenken müssen; und sobald wir sie wirklich (d.h. präzise und auf entschiedene Weise) verstanden haben und sie mit all dem in Verbindung bringen, was sie impliziert, können wir uns durch Meditation damit weiter vertraut machen und es uns zur Gewohnheit machen, dies alles zu sehen.

Auf der Grundlage dieses Prozesses von Zuhören, Nachdenken und Meditieren können wir dann die Überzeugung gewinnen, dass das Ziel, das wir mit unserer Praxis anstreben, tatsächlich im Bereich des Möglichen liegt, dass es also eine Tatsache ist, dass es erreichbar ist und dass auch ich es erreichen kann, wenn ich genug Arbeit in dieses Unterfangen investiere. Dann wird unsere Praxis erheblich gefestigter sein. Sie beruht dann nicht nur auf der Einstellung „Naja, ich glaube, dass es möglich ist. Ich weiß es nicht genau. Na schön, ich bin mir ziemlich sicher, aber ich mutmaße bloß, dass es wahr ist“, sondern wir erlangen Gewissheit darüber. Darüber werden wir heute Nachmittag sprechen.

Lassen Sie uns damit unsere Zusammenkunft für heute Morgen beenden und dann später weitermachen. Vielen Dank.