Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens

Alexander Berzin
Morelia, Mexiko, 2.-4. Juni 2000
Übersetzung ins Deutsche: Verena Schmidt und Nailu Sari

Erster Tag: Unwissenheit

Einleitung

Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens (tib. rten-‘brel yan-lag bcu-gnyis) beschreiben den Mechanismus der Wiedergeburt. Wiedergeburt betrifft die Kontinuität des Geistes. Wenn wir im Buddhismus über den Geist sprechen, meinen wir damit nicht irgendein „Ding“ in unserem Kopf, sondern eine ständig stattfindende Aktivität. Anders als im westlichen Denken unterscheiden wir nicht zwischen Geist und Herz oder den rational-intellektuellen Aspekt vom emotional-intuitiven. Wir sprechen dagegen von einer Art von Aktivität, die beide Seiten umfasst: die rationale und die emotionale, das Denken und das Fühlen. Der buddhistische Geistesbegriff umschließt auch das Empfinden: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und das Erleben körperlicher Erfahrungen. Das, worum es letztendlich geht, ist also die geistige Aktivität des Erlebens. Bei dieser geistigen Aktivität handelt es sich immer um das Erleben von etwas, d.h. die geistige Aktivität hat immer Inhalte. Diese geistige Aktivität ist ferner ein individuelles, subjektives Erleben von etwas. Dieses subjektive Erleben dauert ununterbrochen an, von Augenblick zu Augenblick, ohne jegliche Pause. So erleben wir das Wachsein, den Schlaf, das Träumen und sogar das Sterben. Darüber hinaus hat das Erleben weder Anfang noch Ende.

Unser individuelles, subjektives Erleben von etwas ist gegenwärtig mit Verwirrung vermischt bzw. von der Verwirrung befleckt. Auch die Verwirrung hat unser Erleben seit anfangsloser Zeit begleitet. Doch die Verwirrung ist kein innewohnender Bestandteil unseres Erlebens: sie kann von unserem Erleben entfernt oder getrennt werden. Und das nicht nur im Sinne einer vorübergehenden Entfernung. Sie kann so entfernt werden, dass sie nie wieder auftaucht. Denn die Verwirrung kann durch Verständnis ersetzt werden und dieses Verständnis kann die Verwirrung so überwältigen, dass sie nie wieder auftaucht. Der Grund hierfür ist folgender: je gründlicher wir das Verständnis untersuchen, desto gültiger wird es; und je mehr wir die Verwirrung untersuchen, desto mehr löst sie sich auf.

Da die Kontinuität des individuellen, subjektiven Erlebens von etwas weder Anfang noch Ende hat, setzt sie sich von Leben zu Leben fort. Die Wiedergeburt kann in zwei Weise verlaufen. Bei der einen ist die Verwirrung von Leben zu Leben ein Teil der Erfahrung. Wenn unser Erleben mit Verwirrung vermischt ist, werden wir als Bestandteil unserer Erfahrungen verschiedene Probleme haben. Tatsächlich macht der Buddhismus folgende Aussage: wenn wir genau hinsehen, werden wir merken, dass solange unser Erleben mit Verwirrung vermischt ist, jeder Augenblick unseres Lebens mit der einen oder anderen Sorte von Problemen gefüllt sein wird. Dies nennt man „Samsara“. Ich übersetze den Begriff „Samsara“ gerne mit „unkontrollierbar wiederkehrende Wiedergeburt“. Anders ausgedrückt: der mit Problemen angefüllte Kreislauf wiederholt sich immer wieder und wir haben keine Kontrolle über ihn. In einem gewissen Sinne erneuert sich der Kreislauf immer wieder von selbst.

Die Behauptung, dass alles Leiden sei, kann unvernünftig erscheinen. Wenn wir stattdessen aber sagen, dass alles, was wir in unserem Leben tun oder erleben, mit Problemen verbunden ist, dann können wir diese Aussage besser erfassen. Aus diesem Grund ziehe ich den Begriff „Problem“ dem des „ Leidens“ vor. Selbst wenn wir Glücklichsein erleben, beinhaltet dieses Glücklichsein Probleme: abgesehen davon, dass es nicht anhält, wissen wir auch nicht, was als nächstes kommt. Unsere Stimmung wird sich zu einem uns unbekannten Zeitpunkt verändern und wir wissen nicht, in welcher Stimmung wir uns als nächstes befinden werden. Das ist ein Problem.

Da die Verwirrung von unserem Erleben von etwas getrennt und entfernt werden kann, kann auch die Wiedergeburt ohne Verwirrung weitergehen. Genau genommen kann man diese Situation nicht als Wiedergeburt bezeichnen, doch handelt es sich dabei immer noch um die Kontinuität unseres individuellen, subjektiven Erlebens von etwas. Dies bezeichnet man als einen Zustand der „Befreiung“ oder des „Nirvanas“, in dem man vom Kreislauf des Samsara befreit ist.

Der Prozess, durch den man sich aus Samsara befreit, und bei dem man nicht nur Befreiung erlangt, sondern schließlich auch die Erleuchtung eines Buddhas, ist komplex und beinhaltet das Durchlaufen verschiedener Stufen. Die Kontinuität des individuellen, subjektiven Erlebens von etwas dauert während des gesamten „Reinigungsprozess“ an, d.h. vom Zustand absoluter Verwirrung bis hin zu dem Zustand, in dem wir von der Verwirrung befreit sind und all unsere Potenziale vollständig erkennen.

Um uns von der unkontrollierbar wiederkehrenden Erfahrung der Wiedergeburt und von der ganzen Verwirrungen und all den Problemen befreien zu können, die damit einhergehen, müssen wir verstehen wie die Wiedergeburt vor sich geht und wie sie sich entwickelt. Dies wird durch die so genannten „Zwölf Glieder des abhängigen Entstehens“ beschrieben. Wie es im Buddhismus üblich ist, handelt es sich hierbei weder um eine einfache noch um eine lineare Beschreibung. Wir werden dieses Wochenende versuchen, eine Beschreibung der Funktion dieser zwölf Glieder zu geben. Anders formuliert lautet unsere Frage: warum durchlaufen wir immer wieder die unkontrollierbar wiederkehrende Wiedergeburt, die voller Probleme und Verwirrung ist? Wir werden auch untersuchen, wie das richtige Verständnis der Leerheit bzw. der Realität es ermöglicht, diese unkontrollierbar wiederkehrenden Abfolge zu durchbrechen, so dass wir letztendlich Befreiung und Erleuchtung erfahren können.

Man kann den Prozess von Samsara im Lichte dieser zwölf Glieder auf unterschiedlichen Komplexitätsstufen erörtern. Für dieses Wochenende schlage ich vor, es auf einem Komplexitätsgrad zu beschreiben, der weder zu einfach noch zu kompliziert ist. Seien Sie bitte geduldig, falls es für Sie zu einfach sein sollte. Seien Sie bitte auch geduldig, falls es zu kompliziert sein sollte. Auch beschreiben manche Schilderungen alle zwölf Glieder wie sie in jedem Augenblick geschehen oder wie sie innerhalb eines Lebens geschehen. Hier werden wir sie jedoch nur im Hinblick auf den Wiedergeburtsprozess erörtern. Das ist der Kontext, in dem sie am häufigsten beschrieben werden.

Unsymmetrische „Glieder“

Das Wort „Glied“ wird hier benutzt, da der Prozess als eine Kette beschrieben wird. Sie wurden schon gewarnt, dass es sich hierbei nicht um eine lineare Kette handelt: die zwölf Glieder folgen einander nicht in einer linearen Sequenz.

Im Denken des antiken Griechenlands wurde das Wahre mit dem Guten und das Gute mit dem Schönen gleichgesetzt. So verstand das altgriechische Denken die Schönheit als etwas Symmetrisches: die goldene Mitte. Alles verläuft gleichmäßig, gut und ordentlich und auch die Wahrheit sollte nach diese Denkweise so aussehen. Dann ist sie auch gut. Auf einer unbewussten Ebene sind wir die Erben dieser altgriechischen Denkweise. Wenn alles gut, ordentlich und symmetrisch verläuft, dann fühlen wir uns wohl und sind zufrieden. Und wenn nicht, dann fühlen wir uns unwohl, oder?

Es ist so, wie es einer meiner tibetischen Lehrer hervorhob: es gibt keinen Grund dafür, dass das Universum symmetrisch sein sollte oder dass alles gut funktionieren sollte. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen, würde die Symmetrie des Universums bedeuten, dass die Sterne sich symmetrisch anordneten, als das Universum mit einem „Big Bang“ entstand. Aber sie sind nicht symmetrisch, oder? Das zeigt, dass es im Universum keine innere Symmetrie gibt. Oder, wie es ein anderer Lehrer von mir sehr hübsch ausgedrückt hat: „Symmetrie ist blöd“. Versuchen wir also nicht krampfhaft, die zwölf Glieder als etwas Symmetrisches, Nettes und Ordentliches zu erfassen, denn das sind sie nicht. Versuchen wir die Schönheit zu erkennen, die jenseits unserer Symmetrievorstellung existiert.

Das erste Glied: Unwissenheit

Das erste der zwölf Glieder wird „Unwissenheit“ (tib. ma-rig-pa) genannt. Es wird üblicherweise mit „Ignoranz“ übersetzt, was ich aber nicht für eine zufriedenstellende Übersetzung halte, da sie impliziert, dass wir dumm sind. Wörtlich genommen bedeutet ma-rig-pa „Mangel an Gewahrsein“ – mit anderen Worten: Unwissenheit. Als ich vorher davon sprach, dass unser Erleben von etwas mit Verwirrung vermischt ist, bezog ich mich damit auf die Unwissenheit. Lassen Sie uns ihre Definition betrachten.

Die indischen Meister Vasubandhu und Asanga definierten Unwissenheit als die Dunkelheit des Nichtwissens oder als die Last des Nichtwissens. Nach einigen anderen Beschreibungen, etwa nach der von Dharmakirti, kann der Begriff der Unwissenheit auch die Dunkelheit oder die Last des Falsch- oder Missverstehens von etwas umfassen. Entweder wissen wir etwas nicht, oder wir verstehen etwas falsch.

Es gibt viele Dinge, die wir entweder nicht wissen können oder die wir auf die falsche Art begreifen. Ich kenne beispielsweise nicht die Namen aller Anwesenden in diesem Raum. Hier sprechen wir jedoch nicht von der Unwissenheit in Bezug auf solche Dinge, sondern nur von der Unwissenheit in Bezug auf zwei bestimmte Themen. Das erste dieser Themen sind die verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen. Es geht hierbei nicht um das physikalische Prinzip von Ursache und Wirkung, wie das Wissen darüber, wie weit ein Ball fliegen wird, wenn man ihn mit einer bestimmt Kraft trifft. Wir sprechen hier über Ursache und Wirkung in Bezug auf unser Verhalten. Anders ausgedrückt stellt unser Verhalten die Ursache dar – wie wir handeln, sprechen und denken – während die Wirkung das ist, was wir als Folge hiervon erleben. Die Bezeichnung „verhaltensbedingte Ursachen und Wirkungen“ bezieht sich auf die Verbindung zwischen unserem Verhalten und dem, was wir als Ergebnis erleben.

Sind wir uns der verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen nicht bewusst, handeln wir destruktiv, da wir nicht erkennen, was das Ergebnis sein wird. Deshalb erleben wir schlechtere Zustände der Wiedergeburt. Wir handeln destruktiv und werden folglich in Zustände wiedergeboren, die für die geistige Entwicklung überhaupt nicht förderlich sind.

Das zweite Thema, über das wir keine Kenntnisse haben, ist die Natur der Realität, mit anderen Worten, darüber, wie alles existiert. Die Unwissenheit über die Realität zwingt uns zu samsarischen Wiedergeburten im Allgemeinen, ob sie nun in Situationen geschehen, die der geistigen Entwicklung förderlich sind oder nicht. Wir alle besitzen beide Arten der Unwissenheit.

Welchen Effekt hat die Unwissenheit? Was bewirkt sie bei uns? Asanga sagte, dass sie uns in erster Linie benebelt oder verwirrt. „Durcheinander sein“ ist ein weiteres Wort hierfür. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wir wissen nicht, was vor sich geht. Da wir wirklich nicht verstehen, sind wir verwirrt. Zweitens macht die Unwissenheit uns unentschlossen: Wir sind uns unserer selbst nicht sicher. Wir wissen nicht, wie wir handeln oder wie wir uns Menschen gegenüber verhalten sollen, obwohl wir alle möglichen Ideen haben. Üblicherweise eignen wir uns eine falsche Geisteshaltung an und das macht uns drittens dickköpfig, so dass wir stur auf unserer verquerten Weise, die Dinge zu verstehen, beharren.

Wenn wir den geistigen oder emotionalen Zustand, der hier beschrieben wird, betrachteten – den Zustand der Verwirrung, Benebelung, Unentschlossenheit und der Sturköpfigkeit, auf etwas zu bestehen, dessen wir eigentlich unsicher sind – welches Wort würde diesen Zustand beschreiben? Erkennen Sie es? Es ist „Unsicherheit“. Wir alle wissen das. Auch wenn es in den ursprünglichen buddhistischen Sprachen kein Wort wie „Unsicherheit“ gibt, glaube ich, dass wir alle wissen, worüber wir hier sprechen. Die Unwissenheit hat den Effekt, uns unsicher zu machen.

Das erste Glied des abhängigen Entstehens ist die Unwissenheit über die Realität, nicht die Unwissenheit über die verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen. Darüber sprechen wir im Allgemeinen. Nun müssen wir dies genauer verstehen.

Unwissenheit über die Realität

In unserem individuellen, subjektiven Erleben scheinen die Dinge als solide Identitäten zu existieren. Sie scheinen solide und konkret zu existieren. Die Terminologie hier ist sehr schwierig. Wir müssen allgemeine Begriffe verwenden, um ein allgemeines Verständnis zu gewinnen. Auf diese Weise können wir es dann später detaillierter erörtern. „Solide“ erscheint mir hier als der einfachste Begriff, den man verwenden kann.

Es kann uns beispielsweise so vorkommen, als ob wir wirklich Probleme in unserem Leben haben, solide und konkrete Probleme. Vielleicht hat unser Partner uns verlassen. In diesem Augenblick geschieht aber tatsächlich nichts mehr, als dass wir aus dem Fenster schauen und traurig sind. Doch uns erscheint es, als hätten wir ein monströses Problem – konkret, solide, schwer. Diese Dinge geschehen uns ständig. Wir begreifen oder nehmen Dinge auf diese Art war.

Auch wenn wir vielleicht tatsächlich ein Problem haben, so entspricht die Bezeichnung „monströs“ doch nicht der Realität. Da sitzt kein großes, schweres Ding in unserem Zimmer. Realistischer wäre es zu denken, dass die Person gegangen ist und es nicht leicht ist, dass wir uns traurig fühlen, aber dass das Leben nun mal so ist. Was erwarten wir vom Samsara? Wir setzen uns mit dem Problem auseinander und versuchen eine Lösung zu finden. Die Situation, so wie sie uns erscheint, nämlich als ein monströses Problem, entspricht nicht der Realität. Unglücklicherweise scheint das Problem nicht nur auf diese Art zu existieren, es fühlt sich tatsächlich auch so an, als hätten wir ein großes, schreckliches Problem.

Wenn wir etwas als ein monströses Problem begreifen, ist uns entweder nicht bewusst, dass dies nicht die Realität ist oder wir wissen es inkorrekt und glauben, dass es der Realität entspricht. Das sind die zwei Definitionen der Unwissenheit. Beide Formen bedeuten Leiden.

Der Unterschied zwischen der Unwissenheit und dem Greifen nach wahrer Existenz

Im Kontext des Mahayana verwechseln viele Menschen die Unwissenheit über die Realität mit dem Greifen unseres Geistes nach wahrer Existenz (tib. bden-‘dzin) oder nach solider Existenz, doch wir müssen hier vorsichtig sein. Im Prinzip kann das Greifen nach wahrer Existenz entweder ein Primärbewusstsein oder ein geistiger Faktor sein. Das Primärbewusstsein (tib. rnam-shes) nimmt lediglich wahr, welcher Kategorie von Phänomenen etwas angehört – in diesem Fall ein wahrhaft existierendes Phänomen. Ein geistiger Faktor oder Nebengewahrsein (tib. sems-byung) begleitet andere Formen des Primärbewusstseins, wie das Sehen, Hören oder Denken und modifiziert die Art und Weise wie das Bewusstsein sein Objekt kognitiv aufnimmt. Die Unwissenheit über die Realität stellt einen geistigen Faktor dar und ist folglich nur äquivalent mit dem Greifen nach wahrer Existenz, das auch ein geistiger Faktor ist. Außerdem ist die Unwissenheit über Ursache und Wirkung unseres Verhaltens nicht dasselbe wie das Greifen nach wahrer Existenz.

Daher bilden die Menge der Arten von Unwissenheit und die Menge der Arten des Greifens nach wahrer Existenz ein Tetralemma (tib. mu-bzhi). Mit anderen Worten gibt es vier Möglichkeiten wie sie logisch miteinander verbunden sein können, wie die folgende Tabelle zeigt:

Menge In der Menge enthaltene Elemente
Unwissenheit, aber kein Greifen nach wahrer Existenz
  • Unwissenheit über verhaltensbedingte Ursache und Wirkung
Greifen nach wahrer Existenz, aber keine Unwissenheit
  • Greifen nach wahrer Existenz, das ein Primärbewusstsein ist
Sowohl Unwissenheit als auch Greifen nach wahrer Existenz
  • Unwissenheit bezüglich der Realität
  • Greifen nach wahrer Existenz, das ein geistiger Faktor ist
Weder Unwissenheit noch Greifen nach wahrer Existenz
  • Nichtkonzeptuelle völlige Vertiefung in die Leerheit wahrer Existenz

Außerdem ist das Wort “Greifen” ist hier zu stark. Es ist nicht so, dass unser Geist aktiv und verzweifelt nach etwas greift. Es erscheint uns lediglich als etwas solides, wir nehmen es so wahr. Es fühlt sich so an und wir glauben, dass es wahr ist. In seiner weitesten Bedeutung bedeutet „wahr“ (tib. bden) wahrhaft existierend, so wie es zu existieren scheint. Verwirrend an dem Ausdruck ist, dass die „wahre Existenz“ in Wahrheit eine „falsche Existenz“ ist. Sie existiert nicht und hat auch nie existiert.

Da es sich mit dem Begriff „wahre Existenz“ nur schwer arbeiten lässt, schlage ich vor, den Ausdruck „solide Existenz“ zu gebrauchen. Wir könnten es auch „ unmögliche Existenz“ nennen. Dann ist ganz klar, dass wir über etwas sprechen, das unmöglich ist. Wir nehmen Dinge so wahr, als würden sie in einer unmöglichen Art und Weise existieren. Es scheint so und es fühlt sich so an, als würden sie auf diese unmögliche Art und Weise existieren, aber das tun sie nicht. Und entweder wissen wir es nicht oder wir wissen es inkorrekt und glauben, dass sie auf diese Art und Weise existieren.

Die zwei Arten der Unwissenheit über die Realität

Die Unwissenheit darüber, wie die Dinge existieren kann zweierlei betreffen (1) wie Personen oder Individuen (tib. gang-zag) existieren, einschließlich Kakerlaken, oder (2) wie Dinge (tib. chos) existieren, beispielsweise ein Tisch oder ein Problem. Bezüglich der Übersetzung von gang-zag mit dem Wort „Person“ bzw. „Individuum“ müssen wir Folgendes bedenken: Verwenden wir das Wort Individuum, dann sollten wir seine Bedeutung auf Lebewesen eingrenzen; verwenden wir das Wort Person müssen wir seine Bedeutung um die Wesen erweitern, die jenseits der menschlichen Sphäre liegen. Lassen Sie uns im folgenden einfach das Wort „Person“ verwenden, denn es ist die übliche Übersetzung, doch lassen Sie uns im Auge behalten, dass es Kakerlaken, Geister und alle anderen Wesensarten einschließt.

Das Glied der Unwissenheit ist insbesondere die Unwissenheit darüber, wie Personen existieren – wir selbst sowie andere. Es beinhaltet nicht die Unwissenheit darüber, wie alle Phänomene existieren. Wir sind verwirrt darüber, wie Personen existieren. Sie scheinen ganz fest zu existieren und es fühlt sich auch so an. „Mein Freund ist so wunderbar!“ „ Mein Freund hat mich nicht angerufen“. Wir machen diese Person, unseren Freund, zu einer festen, soliden, schweren Sache. So erscheint es uns, so fühlt es sich an, und wir glauben es. Wir wissen nicht, dass er oder sie nicht auf diese Art und Weise existiert. Personen ändern sich von Augenblick zu Augenblick. Es gibt keinen großen, soliden Klumpen namens „unser Freund“.

Die zwei Ebenen der Unwissenheit darüber, wie Personen existieren

Es gibt zwei Ebenen der Unwissenheit darüber, wie Personen existieren: die doktrinär bedingte Unwissenheit (tib. kun-brtags) und die automatisch erscheinende Unwissenheit (tib. lhan-skyes). Die Erstere wird manchmal mit „intellektuell bedingte Unwissenheit“ übersetzt. Ich habe sie üblicherweise mit „ideologisch bedingte Unwissenheit“, oder mit „Propaganda bedingte Unwissenheit“ übersetzt, doch jetzt bevorzuge ich „doktrinär bedingte Unwissenheit“ .

Die doktrinär bedingte Unwissenheit ist die Unwissenheit, die von Konzepten herrührt, die wir durch die Darstellungen einer der nichtbuddhistischen, indischen Lehrsysteme über das „Selbst“ (tib. bdag, Skt. atman) gelernt haben, und die wir als wahr akzeptieren. Laut dieser Lehrsysteme existiert das Selbst einer Person oder das „Ich“ als eine statische, teillose Monade (ein permanenter Monolith), unabhängig von den Aggregatfaktoren des Körpers und des Geistes.

Die meisten westlichen Menschen haben sich nie mit den nichtbuddhistischen indischen Lehrsystemen beschäftigt und würden somit keine authentische doktrinär bedingte Unwissenheit besitzen, die aus dem Lernen und Glauben ihrer geteilten Ansicht herrühren, dass wir als ein „Ich“, mit allen drei dieser definierenden Charakteristika, existieren. Ich glaube jedoch, dass wir eine analoge Form der doktrinär bedingten Unwissenheit formulieren können, die sich aus Konzepten entwickelte, die man sich aus anderen Quellen, die nur ein oder zwei dieser Charakteristiken beinhalten, angeeignet hat. Genau genommen würde dieses Unwissen aus einer fehlerhaften Betrachtungsweise (tib. tshul-min-gyi yid-byed) herrühren, beispielsweise indem man etwas Unstatisches als statisch betrachtet. Es könnte aus Konzepten hervorgehen, die wir uns unter dem Einfluss unserer Familie, der Gesellschaft, des Fernsehens, der Religion, der Politik, der Werbung usw. angeeignet haben. Wir haben diese Konzepte vielleicht nicht bewusst und freiwillig akzeptiert, oft übernehmen wir sie unbewusst.

Dann gibt es die automatisch erscheinende Unwissenheit, die sogar die Tiere besitzen. Wir sollten jedoch nicht denken, dass Tiere nicht auch die doktrinär bedingte Unwissenheit besitzen. Tiere haben Konzepte, wenn auch keine verbalen. Genau wie ein Mensch, könnte auch ein Hund, wenn er geschlagen wurde und ihm immer wieder gesagt wurde, dass er böse sei, sehr neurotisch werden.

Die automatisch erscheinende Unwissenheit ist nichts, was wir lernen müssen. Von Geburt an sind wir verwirrt darüber, wie wir existieren. Auch wenn wir vielleicht nicht automatisch fühlen und glauben, dass wir als Person, alle drei Charakteristiken besitzen, die die nichtbuddhistischen indischen Lehrsysteme dem Selbst zuschreiben, haben wir möglicherweise automatisch das Gefühl, dass wir die eine oder andere dieser Eigenschaften besitzen.

Wenn wir über dieses erste Glied als die Unwissenheit darüber, wie Personen existieren, sprechen, sprechen wir über beide Arten der Unwissenheit, die doktrinär bedingte sowie die automatisch erscheinende Unwissenheit. Lassen Sie uns diese beiden Arten der Verwirrung untersuchen. Ich glaube, es ist wichtig, sie in uns selbst zu erkennen. Lassen Sie uns deshalb unsere Erörterung auf die Unwissenheit darüber, wie wir selber existieren, konzentrieren.

Diese Unwissenheit betrifft unser konventionelles „Ich“ und wie es existiert. Es scheint, als ob das „Ich“ als eine feste Entität existiere, durch nichts beeinflusst , immer ein und dieselbe, und als eine von meinem Erleben getrennte Entität. Auf einer tieferen Ebene scheint es, als ob das „Ich“ ein Kontrolle ausübender Chef in unserem Kopf sei, der über Monitor und Lautsprecher Informationen erhält, Knöpfe drückt und Körper und Geist wie eine Maschine benutzt. Lassen Sie uns Beispiele jeder einzelnen dieser Charakteristika betrachten, so dass wir erkennen können, worüber wir sprechen.

1) Als erstes wollen wir diese Charakteristika im Sinne einer analogen doktrinär bedingten Unwissenheit darüber, wie wir existieren, betrachten. Unsere Familien, die Gesellschaft und die Werbung sagen uns, dass wir ein Mann oder eine Frau sein sollen. „Egal was passiert, bleib unberührt davon. Sei ein Mann oder eine Frau. Bleib an deinem Platz. Egal was passiert, bleib gelassen“. Lassen Sie uns einen Moment darüber nachdenken und versuchen, dies in uns selbst zu erkennen. Mal sehen, ob es sich so anfühlt, als ob dort ein festes „Ich“ existierte, das immer gelassen und unbeeinflusst ist von dem, was wir tun oder von dem, was passiert. Wir werden es nicht los, indem wir denken, dass es dumm ist, so zu denken.

2) Ein anderer Aspekt ist, dass es so scheint, als ob wir immer ein und derselbe seien – einzigartig. „Sei jemand in dieser Welt. Finde dich selbst. Sei Du selbst. Sei dir immer treu.“ Unsere Gesellschaft und unsere Familien sagen uns das. Es ist in unseren Kulturen verwurzelt. Was steckt dahinter? Das Gefühl, dass wir immer ein und dasselbe „Ich“ sind, was das wahre, einzigartige „Ich“ ist. Wenn wir unser „Selbst“ nicht gefunden haben, müssen wir es finden und ihm immer treu sein. Es ist verquer. Denken Sie bitte darüber nach. Es ist doktrinär bedingt und tief psychologisch verwurzelt. Denken Sie bitte auch daran, dass all diese Gedanken üblicherweise unbewusst ablaufen.

3) Das dritte Charakteristikum ist, dass dieses scheinbar solide „ Ich“ von unserer Erfahrung abgetrennt zu sein scheint. „Sei immer jung und sehe gut aus“. Das impliziert, dass es ein „Ich“ geben könnte, das von schlechten Gefühlen oder vom Altern getrennt wäre, das immer jung sein und sich gut fühlen könnte. Wenn wir morgens aufwachen, noch im Halbschlaf, unser Haar in einem katastrophalen Zustand, schauen wir in den Spiegel und denken: „Das bin ich nicht“. Das impliziert, dass es ein „Ich“ gibt, das abgetrennt von diesem anders aussieht. Auf diesem Glauben basierend, gestalten wir diesen Fleischball mit abstehendem Haar so um, dass er aussieht, wie das wahre „Ich“. Dann denken wir: „Das bin jetzt wieder ich! Davor war ich es nicht“. Wir werden durch unsere Familien, die Gesellschaft usw. konditioniert, uns so zu verhalten. Wir sagen „ Ich bin heute einfach nicht Ich selbst“. Nun, wer sind wir dann? Wir sagen auch „Ich habe mich selbst nicht erkannt“. Es fühlt sich wirklich so an. Das Traurige ist, dass wir nicht wissen, dass wir nicht auf diese Weise existieren. Wir glauben, dass dies wirklich das ist, wie wir sind.

4) Uns wird unentwegt gesagt, dass wir die Kontrolle haben sollen. Freud sagt uns, dass es ein Über-Ich gibt. Es ist eine verquere Idee: Es gibt ein „Ich“ in uns, das ein anderes „Ich“ kontrolliert, das kontrolliert werden muss. Also gibt es zwei „Ichs“. Das ist, als würden wir sagen: „Ich habe meinem Selbst in letzter keinen Spaß zugestanden, aber jetzt lasse ich mal los“. Wenn wir darüber nachdenken, ist es wirklich seltsam. Das eine „Ich“ gibt dem anderen „ Ich“ die Erlaubnis, Spaß zu haben. Dies setzt sich tief in unserer Psyche fest und verursacht eine Menge Probleme. Das sind die verschiedenen Aspekte der doktrinär bedingten Unwissenheit darüber, wie wir existieren.

Dann gibt es die automatisch erscheinende Unwissenheit darüber, wie wir existieren. Dies geschieht, weil wir automatisch auf unmögliche Weise zu existieren scheinen. Es ist Teil unseres individuellen, subjektiven Erlebens von etwas. Lassen Sie uns die Charakteristika des festen „Ichs“ betrachten, das das Objekt dieser automatisch erscheinenden Unwissenheit ist. Wir können es uns durch Beispiele verständlich machen.

1) Es scheint, als ob es ein statisches „Ich“ gibt, das durch nichts beeinflusst wird. „Ich wurde verletzt, doch hier bin ich, unbeeinflusst davon“. So fühlt es sich an. Da wir nicht unmittelbar zunehmen, denken wir unbewusst „Ich kann diesen Keks essen und davon unbeeinflusst bleiben“.

2) Immer ein und dasselbe. Erscheint es uns nicht so, als ob das „ Ich“, das letzte Nacht schlafen ging, dasselbe ist, das am Morgen aufwacht? „Ich bin schlafen gegangen und jetzt bin ich aufgewacht. Hier bin ich wieder. Dasselbe „Ich“. Es erscheint einfach so, automatisch.

3) Es scheint so, als ob es ein „Ich“ gäbe, das getrennt von meiner Erfahrung oder meinen Aggregaten sei. „Ich habe meine Hand verletzt“. Denken Sie darüber nach. Fühlt es sich nicht so an, als gäbe es ein „Ich“, das getrennt von Ihrer Hand ist? Das „Ich“, das seine Hand verletzt hat, scheint solide und getrennt von der Hand zu existieren, genauso wie das „ Ich“, das den Kuchen gegessen hat, solide und getrennt vom Kuchen zu existieren scheint. Es erscheint automatisch so. „ Ich fühle mich schrecklich“. Es scheint ein „Ich“ zu geben, das getrennt von der Erfahrung des Schrecklichen ist. Es fühlt sich an, als gäbe es ein abgetrenntes „Ich“, ganz automatisch.

4) Es erscheint auch automatisch so, als gäbe es ein „Ich“, das der Boss ist. Warum? Weil in unserem Kopf eine Stimme ist, die sagt „Was sollte ich jetzt tun?“.

Dies ist das erste Glied des abhängigen Entstehens. Es ist der wichtigste Katalysator im ganzen Prozess des Samsara: die Unwissenheit darüber, wie wir existieren – sowohl die doktrinär bedingte Unwissenheit als auch ihre automatisch erscheinenden Formen. Wir alle haben sie. Wir dürfen nicht denken, dass nur dumme Menschen sie besitzen; wir besitzen sie! Diese Verwirrung zu besitzen, bedeutet jedoch nicht, dass wir dumm sind. Es ist natürlich, dass wir sie haben. Es ist ein Teil des Erlebens. Es fühlt sich so an! Es entspricht jedoch nicht der Realität. Wenn wir dies nicht verstehen, fallen wir darauf rein und glauben es.

Hierbei wollen wir es für heute Abend belassen. Morgen werden wir erörtern, wie diese Unwissenheit darüber, wie wir und andere existieren, Samsara aufrecht erhält. Wichtig für heute Abend ist es, festzuhalten, dass es bei diesem ersten Glied nicht um etwas Theoretisches oder Abstraktes geht. Es ist für jeden grundlegend. Wir alle haben es. Es ist die alltäglichste Erfahrung, die wir haben. Es begleitet unser Erleben von etwas, ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht.

Fragen darüber, wie das „Ich“ existiert

Frage: Können Sie mehr über die Charakteristika der Unwissenheit darüber, wie das „Ich“ existiert, sagen?

Antwort: Wenn wir sagen „Ich habe meine Hand verletzt“, ist es so, als ob es ein „Ich“ gäbe, das getrennt ist von etwas, das unterschiedlichem vom ihm ist und das es besitzt und nun verletzt hat. Wir sagen „Jetzt werde ich auf den Markt gehen“, als ob wir ein „Ich“ nehmen könnten, das von all dem abgetrennt ist und das wir jetzt in die Erfahrung des Auf-den-Markt-Gehens werfen.

Es ist wirklich wichtig, mit all dem zu arbeiten. Diese Charakteristika – unbeeinflusst zu sein,, immer ein und dasselbe zu sein und abgetrennt zu sein, betreffen alle dieselbe Sache, ein scheinbar festes „Ich“. Ein weiteres Beispiel ist jemand, der misshandelt und geschlagen wurde und dachte „Du kannst meinen Körper verletzen, aber mich kannst du nicht erreichen“. Genauso mag die Prostituierte denken: „Du kannst zwar meinen Körper haben, aber mich kannst du nicht haben“. Ein schöner Mensch mag denken „Ich möchte, dass mich jemand um meiner Selbst willen und nicht um meines Körpers willen liebt“. Was wirklich irreführend ist, ist dass es sich so anfühlt; es fühlt sich so an, als existierten wir als eine solide Entität.

Frage: Wie könnten wir sagen, dass wir geschlagen wurden, ohne dass es eine Trennung impliziert?

Antwort: Es gibt einfach nur die Erfahrung des Geschlagenwerdens. Vor einigen Minuten gab es beispielsweise die Erfahrung des Fernsehens. Dann gibt es die Erfahrung, zu sehen, wie mein Vater in das Zimmer kommt, die Erfahrung, ihn schreien zu hören, die Erfahrung von ihm geschlagen zu werden und mir zu sagen, dass ich mit dem Fernsehen aufhören soll und mir einen Job suchen soll. Dann gibt es die Erfahrung zu sehen, wie mein Vater den Raum verlässt und die Erfahrung, Fernzusehen während ich Schmerz fühle. Das ist alles, was passiert ist.

Wenn wir all diese Erfahrungen zusammenfügen und uns auf das Gesamterlebnis beziehen wollten, würden wir sagen, dass es sich auf unser „Ich“ bezieht. Es ist eine individuelle, subjektive Erfahrung einer Sequenz miteinander verbundener Ereignisse. Was passiert, wenn wir denken: „Er schlägt meinen Körper, aber er kann mich nicht wirklich berühren. Ich werde nicht zulassen, dass ich Schmerz und Ärger empfinde. Ich werde ein Mann sein“? Alles was passiert, ist das Denken dieser Gedanken.

Nur weil wir etwas denken, heißt das nicht, dass es der Realität entspricht. Wir können auch Dinge empfinden, die nicht notwendigerweise der Realität entsprechen. Alles was passiert, ist das Fühlen, Denken und Erleben. Es geht darum, keine große Sache daraus zu machen. Es passierte aufgrund von Ursachen und Umständen, die sowohl auf meiner Seite als auch auf der Seite meines Vaters zu suchen sind. Was immer wir ändern können, ändern wir. Wir fügen einige zusätzliche Zutaten zur karmischen Suppe hinzu, die das, was passiert beeinflusst. Wenn wir uns wie das solide Opfer fühlen, dann fühlt es sich vielleicht so an, doch sieht die Wirklichkeit etwas anders aus.

Frage: Wenn ich Kopfschmerzen habe, ist das dann die Gesamtsumme all meiner vorangegangenen Momente? Doch gleichzeitig ist jeder Moment neu. Wie können wir das zusammen bringen?

Antwort: Der gesamte Prozess des Heranreifens von Karma ist extrem kompliziert. Wir werden es morgen ein klein wenig erörtern. Grundsätzlich gesagt: sämtliche Handlungen, die wir mit einem gewissen Mindestmaß an positiver oder negativer Motivation ausführen, bewirken, dass ein Potenzial entsteht, dies oder jenes, bzw. Glück oder Unglück zu erleben. Es gibt eine unzählige Menge an Potenzialen. Die Frage ist, welche von ihnen in einem gegebenen Moment aktiviert werden, um die eine oder andere Erfahrung, diese oder jene Stimmung, entstehen zu lassen. Was wir jetzt tun, kann für jene Umstände sorgen, die das Potenzial aktivieren, entweder etwas Unerfreuliches oder etwas Schönes zu erleben. Wenn wir anfangen zu denken, dass wir das arme Opfer sind, dann wird dies sicherlich ein Potenzial zum Unglücklichsein aktivieren, nicht wahr? Wenn wir die Situation des Geschlagenwerdens als das Ergebnis mehrerer verschiedener Faktoren betrachten, so werden wir vielleicht nicht das Potenzial zum Glücklichsein aktivieren, aber unsere Erfahrung des Geschlagenwerdens ändert sich. Das Verstehen der Situation und die Geduld erzeugen ein Potenzial zur Fähigkeit, dieses Verstehen und diese Geduld in Zukunft stärker zu wiederholen.

Frage: Im New Age gibt es die Idee, dass wir unser „wahres Selbst“ finden müssen. Trägt das nicht zur Verwirrung bei?

Antwort: Ein Freund schickte mir einmal eine Postkarte, die einen jungen Mann beim Wandern durch die Berge zeigte, in Wanderschuhen und der ganzen Ausrüstung. Auf dem Weg traf er jemanden der genau wie er aussah, der aber eine dreiteiligen Anzug und einen Aktenkoffer trug. Der Titel wurde von meinem Freund abgeändert und lautete nun so: „Beim Wandern im Himalaja fand Alex sein wahres Selbst“.

Die Vorstellung, dass wir unser wahres Selbst finden müssen, gibt es nicht nur in der New-Age-Bewegung. Ein großer westlicher Psychologe, Erik Erikson, sprach über die Identitätskrise am Ende der Adoleszenz. Tatsächlich war er es, der den Begriff Identitätskrise prägte. Die Menschen müssen eine Identität unabhängig von ihren Eltern und Familien schaffen und dies kann sehr anstrengend sein. Es ist für die psychische Gesundheit sehr wichtig, diese Krise zu lösen.

Auf jeden Fall müssen wir zwischen dem, was wir im Buddhismus als konventionelles „Ich“ bezeichnen, und dem falschen „Ich“ unterscheiden. Das konventionelle „Ich“ existiert. Es ist notwendig, ein Gefühl für das konventionelles „Ich“ zu haben, das fähig ist, in der Welt zu funktionieren. Es ist wichtig, nach innen gewand zu sein und uns selbst nach und nach zu verstehen, unsere Talente zu kennen, unsere starken und schwachen Punkte, unsere Bedürfnisse, unsere Grenzen usw., also fähig zu sein, auf gesunde Art und Weise zu funktionieren. Das ist etwas anderes, als „ unser wahres Selbst“ zu finden, ein solides „Selbst“, das sich nie ändert, einzigartig ist usw. Wenn man sich in einer Identitätskrise befindet, ist es wichtig, diese Unterscheidung zu treffen. Eine solche Krise tritt nicht notwendigerweise nur am Ende der Pubertät auf – sie kann sich jederzeit in unserem Leben ergeben.

Es gibt einen Unterschied zwischen sich übermäßig seiner selbst bewusst (also befangen) zu sein und dem Selbstgewahrsein. „Sich übermäßig ihrer selbst bewusst“ fühlen sich Jugendliche, wenn sie Pickel im Gesicht haben und glauben, dass alle anderen sie anstarren. Tatsächlich schaut sie wahrscheinlich niemand an, weil es niemanden wirklich kümmert. Das ist eine bittere Pille, die wir zu schlucken haben: jeder ist mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, keiner interessiert sich für unsere. Übermäßig unserer Selbst bewusst zu sein kreist um das scheinbar solide falsche „Ich“ .

„Selbstgewahrsein“ bedeutet, uns unserer Motivationen gewahr zu sein, unsere Gefühle zu kennen und uns zu vergegenwärtigen, was in jedem Moment in uns vorgeht. Es konzentriert sich auf das konventionelle „Ich“ und auf das, was eigentlich vor sich geht. Wenn die Selbstfindung oder das Sich-besser-Kennenlernen bedeutet, sich seiner selbst gewahr zu werden, so dass wir uns unserer Motivationen und zermürbender Gefühle gewahr sind, dann ist es sehr gesund. Doch müssen wir vorsichtig sein, dass es nicht in eine (neurotische) Beschäftigung mit dem "Ich" und in Narzissmus umschlägt, und dass wir nicht die einzige Person werden, auf die wir uns konzentrieren, so dass wir uns sonst um niemanden mehr kümmern. Wenn Selbstfindung dagegen als der Versuch verstanden wird, das Objekt des Uns-übermäßig-unserer-selbst-bewusst-zu-Seins zu entdecken, als sei es das wahre „ Ich“, dann ist das sehr ungesund.

Vielleicht kennen wir unsere Motivation nicht wirklich, oder wir denken sie sei dieses, wenn sie tatsächlich jenes ist. Um diese Art Unwissenheit geht es nicht, wenn wir über das erste Glied des abhängigen Entstehens sprechen. Vielmehr sprechen wir über die Unwissenheit darüber, wie wir existieren – als ob wir getrennt existieren würden, immer ein und dieselben, einzigartig, von allem unbeeinflusst und der Boss.

Wenn die Art, wie wir dies erleben, mit Verwirrung vermischt ist, werden wir, wenn immer wir etwas erleben, mit Problemen konfrontiert werden. Ich würde beispielsweise schon ein Problem damit haben, Sie einfach nur zu treffen und zu sehen. Warum erlebe ich es als ein Problem? Weil es sich so anfühlt, als gäbe es in mir ein solides „Ich“ und ich denke, dass dieses solide „ Ich“ von jedem Aufmerksamkeit bekommen und geliebt werden sollte. Beim Treffen mit Ihnen bin ich also wirklich besorgt und beschäftigt mit Gedanken wie diesen: „Wird sie mir wirklich Aufmerksamkeit schenken? Mag sie mich wirklich?“. Die gesamte Interaktion wird beladen mit Problemen und Unwissenheit. Und alles kreist um diesen Glauben an ein solides „Ich“. Es fühlt sich so an. Deshalb glauben wir es. Alles, was tatsächlich geschieht, ist, dass ich Sie sehe, mit Ihnen rede und interagiere. Das ist alles. Es ist wirklich wesentlich, das erste Glied zu verstehen. Es ist der Schlüssel, um den gesamten samsarischen Prozess zu beenden, mit dem wir unsere Probleme schaffen.