Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Entsagung – Die Entschlossenheit, frei zu sein

Entsagung – Die Entschlossenheit,
frei zu sein

Alexander Berzin
Morelia, Mexiko, 10. Oktober 2001
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Definition und Implikationen

Entsagung (tib. nges-‘byung) ist die Entschlossenheit, frei zu sein – nicht nur von irgendeiner Form des Leidens, sondern auch von den Ursachen des Leidens. Entsagung beinhaltet die Bereitschaft, dieses Leiden mitsamt seinen Ursachen aufzugeben. Deshalb erfordert sie einen großen Mut. Es bedeutet nicht zu versuchen, etwas Nettes zu bekommen ohne dafür einen Preis zu zahlen.

Die Entsagung impliziert ebenfalls die Überzeugung, dass es möglich ist, sich von diesem Leiden und seinen Ursachen zu befreien. Es handelt sich nicht bloß um Wunschdenken, sondern Glauben, dass eine Tatsache wahr ist (tib. dad-pa) – und zwar in allen drei folgenden Weisen wahr:

  1. Mit einem klaren Kopf daran zu glauben (tib. dang-ba'i dad-pa) klärt den Geist von störenden Emotionen und Geisteshaltungen, die man dem Objekt gegenüber hat. Die korrekte Entsagung reinigt so den Geist von Unentschlossenheit, Selbstmitleid und Ressentiments darüber dass man etwas Wünschenswertes aufgeben muss.

  2. Aus Vernunftsgründen (tib. yid-ches-pa) daran zu glauben, dass eine Tatsache wahr ist. Wir müssen verstehen, wie die Befreiung vom Leiden und seinen Ursachen möglich ist.

  3. Eine Tatsache glauben, wobei man sie anstrebt (tib. mngon-dad-kyi dad-pa). Wie im Fall der zwei Stadien des Bodhicitta (die Stadien des Anstrebens und des Ausübens) dürfen wir – basierend auf dem Glauben, dass wir in der Lage sind es zu tun – uns nicht bloß wünschen oder bereit dazu sein, einen bestimmten Grad an Leiden und Leidensursachen aufzugeben. Vielmehr ist es nötig, dass wir sie beide tatsächlich aufgeben, so sehr wir es im gegenwärtigen Stadium können und dass wir Praktiken üben, die uns schließlich für immer vom Leiden und den Leidensursachen befreien können.

Eine korrekte Entsagung ist außerdem nicht dasselbe wie eine kurzlebige, hocherregte Entsagung (tib. sna-thung spu-sud-kyi nges-‘byung), d.h. eine Geisteshaltung, mit der wir in einer fanatisch-enthusiastischen Weise allem entsagen, da wir blind glauben, dass uns eine äußere Kraft retten wird. Eine korrekte Entsagung beinhaltet vielmehr eine realistische Haltung bezüglich der harten Arbeit, die hier notwendig ist. Andere können uns inspirieren, doch hart arbeiten müssen wir selbst.

Außerdem müssen wir uns ein realistisches Bild davon machen, wie Fortschritt vonstatten geht. Die Befreiung aus Samsara findet nie in einem linearen Prozess statt, bei dem täglich alles besser wird. Bis wir nicht endgültig frei sind wird Samsara weiterhin auf und ab gehen. Wenn wir die Dinge über einen längeren Zeitraum betrachten, dann können wir einen Fortschritt feststellen, doch auf der Alltagsbasis wird unsere Stimmung ständig auf und ab gehen.

Aus diesem Grund brauchen wir Disziplin und Geduld, um die Schwierigkeiten zu ertragen, denen man begegnet, wenn man dem buddhistischen Pfad folgt. Außerdem brauchen wir eine Rüstungs-gleiche freudige Ausdauer (tib. go-cha’i brtson-‘grus), die es uns erlaubt, trotz des Auf und Ab vorwärts zu gehen. Wenn unsere Entschlossenheit frei zu werden von einem Glauben mit klarem Kopf getragen wird, dann werden wir nicht frustriert oder bestürzt.

Die zwei Stufen der Entsagung nach Tsongkhapa

In „Die drei Hauptaspekte des Pfades“ (tib. Lam-gtso rnam-gsum) unterscheidet Tsongkhapa:

  1. Die Entsagung der Anfangsstufe: statt sich hauptsächlich um das eigene Wohlergehen in diesem Leben zu sorgen wendet man sich dem eigenen Wohlergehen in künftigen Leben zu.

  2. Die Entsagung der Mittelstufe: statt sich hauptsächlich für das eigene Wohlergehen in den zukünftigen Leben zu interessieren, konzentriert man sich darauf, Befreiung von den unkontrollierbar sich wiederholenden Wiedergeburten in Samsara zu erlangen

Die erste Stufe der Entsagung wird sowohl von den Buddhisten als von den Nicht-Buddhisten entwickelt, die in den Himmel gelangen wollen. Die zweite Stufe dagegen ist ausschließlich buddhistisch.

[Siehe: „ Die drei Hauptaspekte des Pfades“.]

Dharma-light-Entsagung

Wir können diese Unterscheidung erweitern, indem wir eine vorbereitende Stufe hinzufügen: die Version des „Dharma light“ (wie Coca Cola light). Die Dharma-light-Entsagung besteht in Folgenden: statt bloß jetzt momentan zufrieden sein zu wollen, denkt man auch an spätere Zeiten in diesem Leben oder auch an zukünftige Generationen.

Die Dharma-light-Entsagung ist allerdings nur dann ein gültiger Bestandteil des buddhistischen Pfades, wenn wir sie bloß als Vorbereitungsstufe ansehen, um die zwei „der echte Dharma“-Ebenen der Entsagung zu erreichen. Um diese „der echte Dharma“-Ebenen zu erreichen, müssen wir die buddhistischen Lehren über Wiedergeburt korrekt verstehen und sie als eine Tatsache glauben – auf einer Vernunftbasis. Wie könnten wir ohne dies ernsthaft daran arbeiten, unsere zukünftigen Leben zu verbessern oder die Befreiung aus dem unkontrollierbaren Wiedergeburtszyklus zu erlangen?

Mit der Dharma-light-Entsagung untersuchen wir dann die alltäglichen Probleme, die uns im Leben begegnen – in unseren Beziehungen, in unserem Umgang mit Schwierigkeiten, und so weiter. Wir betrachten auch die Ursachen dieser Probleme und sind dazu bereit, beides aufzugeben, um die Qualität unseres gegenwärtigen Leben zu verbessern – und zwar nicht bloß unmittelbar hier und jetzt, sondern auch für spätere Perioden dieses Lebens. Dies ist eine Form der Entsagung, die mit der Psychotherapie auf einer gemeinsamen Ebene steht.

Parallel zu dieser Ebene können wir in einer Dharma-light-Manier eine sichere Richtung in unserem Leben einschlagen (Zuflucht nehmen). Wir schlagen die sichere Richtung in unserem Leben ein, indem wir daran arbeiten, so mit unseren Neurosen zu leben, dass sie uns nur minimale Schwierigkeiten bereiten. Diejenigen, die eine solche Lebenshaltung vollkommen oder zum Teil verwirklicht haben, betrachten wir als diejenigen, die den Weg weisen.

[Siehe: „Dharma light“ versus „Der echte Dharma“ .]

Provisorische Entsagung und sichere Richtung

Das Lamrim (der Stufenpfad zur Erleuchtung) präsentiert das Thema des Einschlagens einer sicheren Richtung zuerst in den Begriffen einer Entsagung der Anfangsstufe; diese basiert auf der Abscheu vor schlechteren Wiedergeburten und auf der Überzeugung, dass die drei Juwelen einen zu einer besseren Wiedergeburt führen können. Wie bei den Dharma-light-Versionen sind diese Stufen der Entsagung und der sicheren Richtung nur provisorisch. Es sind keine vollständigen, endgültigen Formen.

Das Dharma-Juwel ist wahre Beendigungen des Leidens und seiner Ursachen und die wahren Arten von Pfadgeist (wahre Pfade), die hierzu führen. Auf der Anfangsebene ist das Juwel allerdings nicht ein wirkliches Dharma-Juwel. Hier handelt es sich bei dem Leiden, dem wir ein Ende setzen wollen, nur um eine sehr grobe Form des Leidens; seine Ursache ist lediglich die Unwissenheit bezüglich der verhaltensbedingten Ursachen und Wirkungen; das Aufhören ist nur zeitweilig; und der Pfadgeist ist ein Geist, der sich von destruktiven Formen des Verhaltens zurückhält.

Ferner sind die, die dieses sogenannte Dharma-Juwel verwirklicht haben, diejenigen in den besten Wiedergeburtszuständen, d.h. Menschen und Götter – nicht Buddhas und nicht notwendigerweise die Arya Sangha-Gemeinschaft derer, die die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit verwirklicht haben.

Entgültige Entsagung und sichere Richtung

Erst auf der mittleren Stufe des Lamrims finden wir die vollständigen, endgültigen Formen der Entsagung und der sicheren Richtung. Unter „wahrem Leiden“ werden hier alle drei Arten des Leidens verstanden (das Leiden an Schmerzen oder Unglücklichsein, das Leiden der Veränderung und das allumfassende Leiden). Die wahren Ursachen des Leidens sind die Unwissenheit in Bezug auf die Leerheit. Die wahre Beendigung des Leidens gilt hier für immer, d.h. sie ist nicht bloß temporär, wie wenn man höhere Ebenen von Wiedergeburt oder von Meditationszuständen erreicht. Die wahren Arten von Pfadgeist schließlich bestehen in der nichtkonzeptuellen Erkenntnis der Leerheit.

Dementsprechend schlagen wir in unserem Leben die endgültige sichere Richtung ein und zielen auf das tatsächliche Dharma-Juwel der wahren Beendigungen und der wahren Arten von Pfadgeist, die in den geistigen Kontinua der Buddhas vollständig und in den geistigen Kontinua der Arya-Sangha teilweise existieren.

[Siehe: Die Objekte der Sicheren Richtung (Zuflucht) identifizieren.]

Die Bodhisattva-Stufe der Entsagung und der sicheren Richtung

Auf der fortgeschrittenen Lamrim-Stufe der Bodhicitta-Motivation zielt die Entsagung darauf ab, alle anderen Wesen vom samsarischen Leiden und von seinen Ursachen zu befreien – nicht bloß von ihren Leiden des Schmerzes, und nicht bloß in Bezug auf das Leiden einiger Wesen. Dieser Wunsch, dass alle anderen vollständig vom Leiden und seinen Ursachen befreit werden mögen, der mit der Überzeugung einhergeht, dass dies möglich ist, wird „Mitgefühl“ genannt. Mitgefühl ist ein Aspekt der Bodhisattva-Stufe der Entsagung.

Um die Fähigkeit zu entwickeln, die anderen zu befreien, brauchen wir den anderen Aspekt der Bodhisattva-Entsagung. Wir müssen nicht nur den emotionalen Schleiern (tib. nyon-sgrib) entsagen, die unsere Befreiung verhindern, sondern auch den kognitiven Schleiern (tib. shes-sgrib), die unsere Allwissenheit verhindern. Dies impliziert wiederum ein Verständnis der Allwissenheit, der Schleier, die sie verhindern und einen festen Glauben, dass es möglich ist, uns von diesen Schleiern für immer zu befreien. Es impliziert ferner den festen Glauben, dass es allen möglich ist, sich für immer von diesen Schleiern zu befreien.

Abschließende Bemerkungen

Entlang des gesamten buddhistischen Pfades müssen wir also dazu bereit sein, das Leiden und die Ursachen des Leidens aufzugeben. Als Quellen unseres Leidens ist es also nötig, unsere Selbstsucht, Faulheit, Anhaftung, Wut und so weiter zu erkennen; sie, so sehr es uns jetzt möglich ist, aufzugeben; und danach streben, sie so schnell wie möglich endgültig loszuwerden.

Im Tantra brauchen wir sogar noch eine tiefere Ebene der Entsagung. Wir brauchen die Bereitschaft, unsere gewöhnlichen Selbstbilder und die Identifizierung mit ihnen loszulassen und dann auch so sehr wie uns möglich tatsächlich loslassen. Entsagung ist tatsächlich eine tief und weitreichende Praxis und geht vom Dharma-light den gesamten Weg bis hin zum höchsten Tantra.