Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Gesänge von Milarepa über das Nichtanhaften an die Familie an Freunde und an Wohlstand

Geshe Ngawang Dhargyey
niedergeschrieben nach Notizen von Alexander Berzin
editiert von Pauline Yeats, im Juni 2008
nach der mündlichen Übersetzung von Sharpa Rinpoche
Dharamsala, India, 1974
Übersetzung ins Deutsche: Susanne Schmieder
Lektorat: Monika Dräger

Milarepa hatte eine Schwester, die darauf drängte, dass er eine Frau finden und eine Familie gründen sollte. Aber stattdessen verließ Milarepa sein Zuhause und traf seinen Lehrer, Marpa. Als seine Schwester erfuhr, dass Marpa eine Familie hatte, bedrängte sie Milarepa.

„Warum machst du es nicht so wie dein Lehrer?“ fragte sie.

„Wenn ein Fuchs bellt wo ein Löwe brüllt, dann ist das ein Fehler.“

Später besuchte Milarepa das Haus eines Paares, das trotz aller Bemühungen keine Kinder bekommen konnte. Sie wollten Milarepa adoptieren, aber er lehnte ab. „Es gibt für mich keine Möglichkeit als euer Adoptivsohn bei euch zu bleiben. Aber sagt mir, was macht euch Schwierigkeiten?“ Das Paar beklagte sich, dass sie nun niemanden hätten, der sich um sie kümmern würde, wenn sie alt sind.

Milarepa dachte nach und antwortete dann:

„Wenn ein Junge und ein Mädchen sich treffen, dann sind sie so nett zueinander wie Götter und haben unendliches Verlangen sich in die Augen zu schauen. Wenn sie sich dann einige Zeit kennen, dann fangen sie an, sich böse Blicke zuzuwerfen. Ganz schnell ist es so, dass wenn jemand zwei Worte sagt, der andere drei zurückgibt. Schließlich fangen sie an zu streiten. Wenn einer das Haar des anderen berührt, dann ergreift der andere dessen Genick. Dann schlägt der eine den andern mit einem Stock und der andere ergreift einen Holzlöffel und schlägt zurück.“

„Mein Schüler, Rechungpa, hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Rechungpa verließ seinen Lehrer und gab seine Gelübde zurück, um eine sehr dominante Frau zu heiraten. Eines Tages traf er einen Bettler auf der Straße der ihn um sein Halsband aus Türkisen bat. Rechungpa gab es ihm und als er nach Hause kam, fragte ihn seine Frau nach der Kette. Als Rechungpa es ihr sagte, wurde sie so wütend, dass sie ihn mit der Suppenkelle der tugpa-Nudelsuppe schlug. Rechungpa murmelte: „Ich habe viele Initiationen in meinem Leben erhalten, aber niemals zuvor eine Initiation mit einer Kelle. Und ich habe viel Schmuck getragen, aber noch nie eine tugpa-Nudelsuppe.“

„Einige Zeit später gab ich eine Initiation zu der Rechungpa erschien. Ich winkte mit einer Kette aus Türkisen und sagte: „Wenn du die Initiation erhalten möchtest, dann musst du mir dies hier geben – und ich wusste genau, dass Rechungpa seine schon weg gegeben hatte! Sie sehen also, Paare streiten sich. Wenn sie älter werden und ihre Zähne verlieren, dann sehen sie aus wie Stier und Kuh und schließlich wie Dämonen und Geister. Also nein danke, ich werde ihr Angebot, mich zu adoptieren, nicht annehmen.“

Der Ehemann gab noch nicht auf, er bestand immer noch darauf, einen Sohn zu haben, der sich um ihn und seine Frau kümmern und ihnen Sicherheit geben sollte. „Wenn du unser Sohn wirst, dann werden wir eine Hochzeit für dich ausrichten und du kannst Kinder haben, die sich um dich kümmern.“ Aber Milarepa lehnte ab.

“Es ist so schön, Kinder zu haben. Am Anfang, wenn du Kinder hast, dann sind sie so wunderbar – wie die Kinder eines Gottes! Und sie machen so viel Freude! Aber langsam, wenn sie älter werden, dann fordern sie alles von einem. Sie verhalten sich, als hättest du dir von ihnen etwas geliehen und sie bestehen ständig und ausdauernd darauf, dass du es ihnen wieder zurückgibst. Schließlich bringen die Söhne Außenseiter, Freunde und Freundinnen in das Elternhaus, und du musst ihnen auch noch zu Essen geben. Dann übernehmen sie langsam das Haus und verstoßen die Eltern daraus.“

“Wenn du sie etwas höflich fragst, dann antworten sie bissig. Sie werden dich herabsetzen wenn du alt bist und sich für dich schämen – sogar für ihre eigene Mutter. Dann verändern sie sich komplett von dem wie sie vorher waren – süße kleine Prinzen. Sie werden dir niemals zu einem ruhigen Geist verhelfen und sich nie für deine Freundlichkeit bedanken. Sie werden immer das Gegenteil von dem tun, was du möchtest – eine schräge Frisur, seltsame Kleidung, komische Schuhe.“

“Wenn der Sohn viel Ärger macht, dann möchten wir eine Tochter”, sagte die Frau, noch nicht bereit aufzugeben.

Milarepa antwortete geduldig: „Zuerst ist eine Tochter wie ein kleiner Junge, gut erzogen und höflich. Aber auch sie wird schließlich kraftvoll und besitzergreifend – sie haben unendlich viele Wünsche und Forderungen. Anstatt Wohlstand ins Haus zu bringen, bitten sie um so viel Geld wie möglich um es auszugeben. Sie schmeicheln sich bei ihrem Vater ein und nehmen etwas von ihrer Mutter, ohne zu fragen. Sie sind niemals dankbar dafür – sie nehmen es als natürlich an, dass es die Pflicht ihrer Eltern ist, ihnen zu geben, was immer sie möchten.“

„Sie verursachen bei ihren Eltern endlose geistige Frustration und Sorgen, sie verabreden sich mit den falschen Jungen, kommen sehr spät nach Hause…. Ihre Art, den Eltern ihre Freundlichkeit zurückzugeben ist, ihnen Gesichter zu ziehen, wie ein ärgerlicher Yeti. Dann verlassen sie das Haus, um eine eigene Familie zu gründen und nehmen so viel wie möglich aus dem Elternhaus mit. Sie kommen nur nach Hause wenn sie in Schwierigkeiten sind.“

„Aus diesem Grund“, sagte Milarepa, „habe ich all dieses unsinnige Leiden dauerhaft abgelegt. Ich möchte keine Kinder.“

Das Paar war immer noch nicht überzeugt: „Und was ist mit Freunden? Es ist so traurig und langweilig, wenn man niemanden eng um sich hat – Verwandte oder Freunde!“

„Damit ist es das Gleiche! Wenn du sie anfangs triffst, dann ist alles gut, sie sind so freundlich und du fühlst dich gut mit ihnen. Dann fangen sie an, Geschichten zu erzählen, tratschen und bringen Neuigkeiten und sie laden dich hierhin und dorthin ein, und du hast nie einen Moment Ruhe für dich. Dann musst du nach Hause, um all ihre Verwandten zu besuchen – sie erzählen dir all ihre Geschichten und du hast überhaupt keinen Frieden mehr. Danach tauscht ihr Geschenke und Essen aus und bereitet Mahlzeiten füreinander. Schließlich beginnt ihr einen Wettstreit. Jeder möchte wissen, was der andere getan hat, man wir eifersüchtig und Rivalität kommt auf.“

„Wenn man nie jemandem nahe kommt, dann gibt es keine Schwierigkeiten. Aber wenn man sich anfreundet, dann wird man Streit haben. Wenn Menschen tratschen, dann über diejenigen, die ihnen am nächsten stehen. Wenn man eng mit jemandem zusammenlebt, dann wird man immer Fehler finden. Diejenigen, die keine Freunde sind, werden dich in Ruhe lassen, aber Freunde, die dich besuchen kommen, werden gehen und anschließend über die deine Fehler tratschen. Ich möchte keine solchen Freunde und Verwandten, die meine guten Zeiten nutzen und meine traurigen Zeiten nicht mit mir teilen wollen.“, sagte Milarepa.

Unbeeindruckt baten der Mann und seine Frau noch einmal: „Wir verstehen, dass du weder Freunde, Kinder noch eine Familie möchtest. Aber wir sind sehr wohlhabend. Wenn du bei uns bleibst, dann kannst du das erben, wenn wir sterben.“

Milarepa schüttelte seinen Kopf: „Auch das ist nutzlos. Ich möchte nicht mein Ziel, Erleuchtung für alle fühlenden Wesen zu erlangen, für den Wohlstand opfern, den Sie anbieten.“

„Wohlstand ist nichts Dauerhaftes oder Anhaltendes. Der Wunsch nach Wohlstand ist wie wenn man Salzwasser trinkt – man bekommt nie genug. Je mehr man hat, desto mehr möchte man. Anfangs, wenn man Wohlstand ansammelt, dann ist man selbst glücklich und andere werden neidisch. Später, wenn man noch mehr Wohlstand angesammelt hat, wird man immer geiziger, umso weniger will man ihn teilen Es ist der eigene Wohlstand, der Feinde anzieht. Die Familie und auch Freunde werden zu dir kommen und dich bedrängen, etwas von dir zu bekommen und sie werden trotzdem deine Feinde sein, weil sie so neidisch sind.“

„Schließlich, wenn du dann alt bist, werden andere verbrauchen, was du angesammelt hast. Menschen wurden schon wegen ihres Reichtums ermordet. Der Wohlstand kann dich umbringen. Das Ansammeln von Wohlstand ist wie ein Sprungbrett zu einer niederen Wiedergeburt. Also nein danke! Ich muss dieses großzügige Angebot zurückweisen. Es ist ein Köder, wie das Spiel von Dämonen. Aber unser Treffen hat etwas Gutes, und in der Zukunft werde ich Ihnen helfen, ein Buddha-Feld zu erreichen. Ich werde für Sie beten, weil Sie mir so viel angeboten haben.“

Letztendlich war das Paar von den Nachteilen all dieser Dinge überzeugt. Sie entwickelten Hingabe für Milarepa und setzten ihren Wohlstand ein, um Opfergaben darzubringen. Sie erhielten Unterweisungen von ihm und erreichten schließlich einen Zustand von Vertrauen und Einsicht bevor sie starben.

Das sind also die Unterweisungen, die Milarepa über das Nichtanhaften an Kinder, Freunde, Verwandte und Wohlstand gab und wie man angenehm mit dem Dharma lebt.