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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Das grundlegende Schema
der fünf Aggregatfaktoren der Erfahrung

Alexander Berzin
Februar 2002
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Jeder Augenblick unserer Erfahrung setzt sich aus einer Vielzahl von Variablen zusammen. Die fünf Aggregatfaktoren der Erfahrung (tib. phung-po, Skt. skandha, Aggregate, Haufen) bilden ein Schema, mit dem man diese Variablen – mit anderen Worten, die nichtstatischen (unbeständigen) Bestandteile – klassifizieren kann.

Das Wort Aggregat bedeutet “Ansammlung oder Anhäufung”. Jedes der fünf Aggregate ist somit eine Ansammlung einer Vielzahl von Komponenten. Die Komponenten eines Aggregates können entweder unterschiedliche Arten von Phänomene sein (z.B. Liebe und Hass), oder aber sie können verschiedene Möglichkeiten sein, die einem einzigen Phänomen innewohnen (z.B. verschiedene Grade des Glücklichseins, die man empfinden kann). Wenn sie Teil der Erfahrung sind, verändern sich all diese variablen Komponenten von Augenblick zu Augenblick, wobei jede von ihnen eine andere Länge der Kontinuität hat.

Da im Buddhismus die Definition dessen, was existiert “ was in einer gültigen Weise erkennbar” ist, und da alles, was in einer gültigen Weise erkennbar ist, ein Objekt unserer Erfahrung sein kann, kann alles was existiert ein Objekt unserer Erfahrung sein. Dies bedeutet, dass alle nichtstatischen Phänomene innerhalb der fünf Aggregate klassifiziert werden können. Einige nichtstatische Phänomene sind mit unseren geistigen Kontinua (tib. sems-rgyud, Geistesstrom) verbunden (z.B. unser persönliches Glücksempfinden); andere sind mit den geistigen Kontinua anderer Wesen verbunden (z.B. das Glücksempfinden einer anderen Person). Noch andere sind mit überhaupt keinem geistigen Kontinuum verbunden (z.B. ein Fels). Statische Phänomene wie der Raum können zwar ein Teil unseres Erlebens sein, doch sie werden im Klassifikationsschema der fünf Aggregatsfaktoren nicht mit eingeschlossen.

[Siehe: Statische und nichtstatische Phänomene .]

Die fünf Aggregatsfaktoren ähneln also fünf Säcken. Jeder Augenblick unseres Erlebens beinhaltet eine oder mehrere Komponenten aus jedem der fünf Säcke und jede Variabel, die unser Erleben bildet, befindet sich in dem einen oder anderen Sack. Die Säcke sind allerdings nur Abstraktionen, die auf der Grundlage verschiedener Ansammlung von Komponenten zugeschrieben werden. Die Säcke und ihre Komponenten existieren nicht irgendwo aus sich selbst heraus – weder in uns noch außerhalb von uns. Wenn ein Aggregatsfaktor (z.B. Glücklichsein oder Wut) nicht ein Teil unseres gegenwärtigen Erlebens ist, dann existiert er nicht sonst irgendwo anders als etwas Findbares.

Das Aggregat der Formen physischer Phänomene

Jeder Augenblick unseres Erlebens beinhaltet eine oder mehrere Formen physischer Phänomene, die in die elf Untergruppen des Aggregats der Formen physischer Phänomene (tib. gzugs-kyi phung-po, Aggregat der Formen) unterteilt werden. Dies sind:

Die fünf Sinnesobjekte:

  1. Ansichten,

  2. Töne,

  3. Gerüche,

  4. Geschmäcker,

  5. körperliche Empfindungen.

Die fünf körperlichen Sensoren der Wahrnehmung(tib. dbang-po, Sinneskräfte):

  1. die lichtempfindlichen Zellen der Augen,

  2. die geräuschempfindlichen Zellen der Ohren,

  3. die geruchsempfindlichen Zellen der Nase,

  4. die geschmacksempfindlichen Zellen der Zunge,

  5. die Zellen, die für die Körperempfindungen verantwortlich sind.

Die elfte Kategorie umfasst alle Formen physischer Phänomene, die nur geistig wahrgenommen werden können. Technisch gesehen handelt es sich hierbei um

  1. die Formen physischer Phänomene, die ausschließlich bei den kognitiven Reizen enthalten sind, die alle Phänomene sind (tib. chos-kyi skye-mched-kyi gzugs). Sie beinhalten Formen physischer Phänomene, die mit unseren physischen Sensoren unserer Wahrnehmung nicht erfassbar sind, wie etwa die Bilder und Töne, die wir in Träumen erleben. Die vorangegangenen zehn Untergurppen dieses Aggregats beinhalten die fünf externen und die fünf internen kognitiven Anreger, zum Beispiel den kognitiven Anreger, der eine Anblick (tib. gzugs-kyi skye-mched) ist oder der kognitive Anreger, (der die photosentitiven Zellen) des Auges (tib. mig-gi shye-mched) ist usw.

In einem weiter gefassten Sinn selbst wenn wir tief und ohne zu träumen schlafen, haben wir weiterhin einen Körper, der die Basis für unsere Erfahrung des Schlafens darstellt. So hat jeder Augenblick unseres Schlafens ein Aggregat der Formen physischer Phänomene.

[Für weitere Details siehe bitte: Das Aggregat der Formen physischer Phänomene]

Das Aggregat der Empfindungen eines Grades an Glücklichsein

Das deutsche Wort Empfindung (engl. feeling, Gefühl) umfasst eine weite Spanne an Bedeutungen. Es bezeichnet etwa das Empfinden von Graden des Glücklich- oder des Unglücklichseins; das Empfinden taktiler Reize, wie Glattheit oder Rauheit; körperliche Empfindungen wie Wärme oder Kälte, angenehm oder schmerzhaft, oder die Bewegung. Das Wort “ Empfindung” kann sich auch auf Emotionen beziehen (etwa auf das Empfinden von Wut) oder auf Intuitionen, wie wenn man “empfindet”, dass es morgen regnen wird. Als “ Empfindsamkeit” hat es auch die Bedeutung von Sensibilität: so spricht man beispielsweise im Falle einer ästhetischen Sensibilität oder Feinfühligkeit von einer “artistischen Empfindsamkeit” bzw. “ Gefühl für Kunst” und wenn jemand emotional sensibel ist (d.h. beispielsweise leicht verletzt ist) dann sagt man, er oder sie sei “empfindlich”.

Das Aggregat der Empfindungen eines Grades an Glücklichsein (tib. tshor-ba’i phung-po, Aggregat der Empfindungen) beinhaltet nur die erst Art von “ Empfindung” in der eben genannten Liste. Jeder Augenblick unserer Erfahrung, ob es sich um eine Sinneswahrnehmung oder um eine geistige Wahrnehmung handelt, hat als einen seiner Bestandteile die Empfindung eines gewissen Grades an Glücklichsein (auf einem Spektrum, dass von totalem Glücklichsein über eine neutrale Empfindung bis zum totalen Unglücklichsein bzw. Leiden geht).

Das Aggregat des Unterscheidens

Jeder Augenblick unserer Erfahrung beinhaltet außerdem einen Faktor des Aggregats des Unterscheidens (tib. ‘ du-shes-kyi phung-po, Aggregat des Erkennens). Das Unterscheiden ist ein “Nebengewahrsein” (tib. sems-byung, geistiger Faktor), das bei der sinnlichen oder geistigen Wahrnehmung jedes beliebigen Objekts vorhanden ist. Es unterscheidet die spezifischen Merkmale des Objekts, das sich im Fokus unserer Wahrnehmung befindet, von den spezifischen Merkmalen all der Dinge, auf die wir uns gerade nicht konzentrieren. Zum Beispiel: sehen wir das Gesicht einer Person, dann unterscheidet dieser geistige Faktor die Form und die Farbe des Gesichts von all dem, was nicht das Gesicht ist – mit anderen Worten, von all den anderen Dingen, die man in diesem Augenblick im eigenen Sehfeld wahrnimmt.

Aus diesem Grund ist das Wort Erkennen keine präzise Übersetzung für diese Art von Nebengewahrsein. Das Wort Erkennen (bzw. Wiedererkennen, engl. recognition) impliziert, dass wir zuvor etwas erlebt haben, das dem ähnelt, was wir jetzt erleben, dass wir die beiden Objekte der Erfahrung vergleichen und dass wir erkennen, dass beide zur selben Kategorie gehören. Obwohl der Prozess des Erkennens also das Unterscheiden miteinschließt, impliziert er ebenfalls das tiefe Gewahrsein der Gleichheit (tib. mnyam-nyid-kyi ye-shes), das keine Komponente dieses Aggregatsfaktors ist.

Das Aggregat der anderen beeinflussenden Variablen

Das Aggregat der anderen beinflussenden Variablen (tib. ‘ du-byed-kyi phung-po, Aggregat der Willensregungen, Aggregat der karmischen Formationen) umfasst alle Variablen, die das Erleben beeinflussen und nicht in den anderen vier Aggregaten aufgelistet sind.

Einige dieser beeinflussenden Variablen – etwa die positiven und negativen Emotionen, die Aufmerksamkeit und das Interesse – sind gemeinsam teilende Variablen (tib. ldan-pa’i ‘du-byed) mit dem Primärgewahrsein (tib. rnam-shes) der Erfahrung. Andere dagegen, wie die Gewohnheiten, sind nicht gemeinsam teilende beeinflussende Variablen (tib. ldan-min ‘du-byed). “Gemeinsam teilende” bedeutet hier, dass sie fünf Eigenschaften gemeinsam haben, wie etwa, dass sie auf das selbe Objekt konzentriert sind. Jeder Augenblick der Erfahrung enthält zahlreiche Elemente dieses Aggregatsfaktors.

[Siehe: Gemeinsam teilende und nicht gemeinsam teilende beeinflussende Variablen.]

Das Aggregat des Primärbewusstseins

Das Aggregat des Primärbewusstseins (tib. rnam-shes-kyi phung-po, Bewusstseinsaggregat) umfasst die sechs Arten von Primärbewusstsein:

  1. Sehbewusstsein,

  2. Hörbewusstsein,

  3. Riechbewusstsein,

  4. Geschmacksbewusstsein,

  5. Körperbewusstsein,

  6. geistiges Bewusstsein.

Die meisten westlichen Kognitionstheorien diskutieren das Bewusstsein als einen einzigen Faktor, der alle Kategorien von Objekten wahrnehmen kann – Ansichten, Geräusche, Geschmäcke, Gerüche, körperliche Empfindungen und die rein geistige Objekte – etwa die, die sich ergeben, wenn man denkt. Das Schema der fünf Aggregatsfaktoren dagegen beschreibt verschiedene Arten von Primärbewusstsein in Bezug auf die Sensoren der Wahrnehmung auf die sie sich stützen, um zu entstehen.

Das Primärbewusstsein nimmt lediglich die essentielle Natur bzw. die Phänomenkategorie (tib. ngo-bo) die etwas ist, wahr. So nimmt etwa das Sehbewusstsein eine Ansicht nur als eine Ansicht wahr. Als Erklärung ist vielleicht der Vergleich mit einem Computer hilfreich: Wenn man sich Bewusstsein als Teil eines Computers vorstellt, dann wäre es der geistige Faktor, der, wenn er sich auf digitale Daten fokussiert, nur erkennt, ob es visuelle Daten oder Audiodaten sind.