Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Eigenschaften des Arya-Sangha

Alexander Berzin, 1979

Revidierter Auszug aus
Dhargyey, Geshe Ngawang. (Berzin, Alexander, ed.). An Anthology of Well-Spoken Advice, vol. 1. Dharamsala: Library of Tibetan Works & Archives, 1982.

Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Einführung und Quelle

Wenn die sichere Ausrichtung (Zuflucht) genommen wird:

  • Das tiefste Sanghajuwel (tib. don-dam-pa‘i dge-‘dun dkon-mchog, letztendliches Sanghajuwel) sind die wahren Beendigungen und die wahren Arten von Pfadgeist im geistigen Kontinuum höchst verwirklichter Wesen (tib. ‘ phags-pa, Skt. arya ). Diese haben den Pfadgeist des Sehens (Pfad des Sehens) t, den Pfadgeist des Gewöhnens (Pfad der Meditation) oder den Pfadgeist, der keines weiteren Trainings mehr bedarf (Pfad des Nicht-mehr-Lernens) erlangt. Sie gewinnen diese durch nicht-konzeptionelle einfache Wahrnehmung der vier edlen Wahrheiten. Aryas können aus der Hörer-Klasse (tib. nyan-thos, Skt. shravaka ),  der Alleinentwickler- (tib. rang-rgyal, Skt. pratyekabuddha ) oder der Bodhisattva-Klasse (tib. byang-chub sems-dpa‘) entstammen . Mit einem Pfadgeist, der keines weiteren Trainings mehr bedarf, erlangen Aryas die Befreiung und werden befreite Wesen (tib. dgra-bcom-pa , Skt. arhat ) ihrer jeweiligen Klasse.
  • Das offensichtliche Sanghajuwel (tib. kun-rdzob-pa‘i dge‘dun dkon-mchog, äußerliches oder konventionelles Sanghajuwel) ist die einzelne Person jedes Arya- ob mit Laien- oder monastischen Gelübden.
  • Das nominelle Sanghajuwel (tib. brdar-btags-pa‘i dge‘dun dkon-mchog, Sanghajuwel dem Namen nach) bezieht sich auf eine Versammlung von vier oder mehr voll ordinierten Mönchen (tib. dge-slong, Skt. bhikshu) oder voll ordinierten Nonnen (tib. dge-slong-ma, Skt. bhikshuni), die ihre Gelübde rein halten und die sich auf der Stufe eines gewöhnlichen Wesens (tib. so-skye) (jemand der noch kein Arya ist) oder darüber befinden. Das nominelle Sanghajuwel ist keine wirkliche Quelle sicherer Ausrichtung (tib. skyabs-gnas).

[Siehe: Die Objekte der sicheren Richtung (Zuflucht) identifizieren.]

In der Mahayana-Tradition beziehen sich die guten Eigenschaften des Arya-Sangha auf die des offensichtlichen Sanghajuwels und vorrangig auf die Eigenschaften der Arya-Bodhisattvas bevor sie Erleuchtung erlangt haben. Mit dem Pfadgeist des Sehens und dem des Gewöhnens entwickeln diese Arya-Bodhisattvas fortschreitend zehn Ebenen eines höchst verwirklichten Geistes (tib. sa-bcu, Skt. dasha-bhumi, Geist der zehn Bhumis). Mit jeder Bhumi-Geist-Ebene erhöht sich stufenweise die Kraft ihrer nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit während völliger Vertiefung (tib. mnyam-bzhag) und dem Sehen abweichender Erscheinungen als Illusionen während der Phasen der nachfolgenden Erlangung (tib. rjes-thob, Periode der Nachmeditation) und dadurch wiederum erhöht sich die Kraft der zehn weitreichenden Geisteshaltungen des Gebens, der ethischen Selbstdisziplin, Geduld, der freudigen Ausdauer, der geistigen Stabilität, des unterscheidenden Gewahrseins, der geschickten Mittel, des Gebets der Aspiration, des Stärkens und tiefen Gewahrseins.

Weiterhin gewinnen Arya-Bodhisattvas mit jedem dieser Ebenen des Bhumi-Geistes eine wachsende Anzahl von Eigenschaften. Diese werden von Chandrakirti in seinem Werk „Ergänzung zu (Nagarjunas „ Wurzelversen zum) Mittleren Weg“ (tib. dBu-ma-la‘jug-pa , Skt. Madhyamakavatara ) angeführt. Hier folgen wir deren Erklärung durch Tsongkhapa (tib. Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa ) in seinem Werk „Die Ziele von „ Ergänzung zu (Nagarjunas „Wurzelversen zum) Mittleren Weg“ vollständig darstellen“ ( tib. dBu-ma dgongs pa rab gsal)

Die guten Eigenschaften eines Arya-Bodhisattvas auf jeder der zehn Bhumi-Ebenen des Geistes

Mit dem Erreichen der ersten Ebene des Bhumi-Geistes (erstes Bhumi) gewinnen Arya-Bodhisattvas zwölf Ansammlungen guter Eigenschaften, jede hundert Dinge (tib. yon-tan brgya-phrag bcu-gnyis) beinhaltend, von denen die meisten gleichzeitig geschehen. Jeden Moment können sie:

(1) 100 Buddhas erblicken,

(2) von allen 100 Buddhas erleuchtende Inspiration erhalten,

(3) 100 Äonen leben,

(4) das „vergangene Stattfinden“ (tib. ‘ das-pa, die „Vergangenheit“) und das „Noch-nicht-Stattfinden“(tib. ma-‘ong-ba, die „Zukunft“) von Phänomenen innerhalb von 100 Äonen sehen,

(5) in 100 vertiefte Konzentrationen (tib. ting-nge‘-dzin, Skt. samadhi) eintreten und auftauchen

(6) 100 Weltsysteme erschüttern,

(7) alle 100 Weltsysteme mit ihrer Ausstrahlung erhellen,

(8) 100 begrenzte Wesen (fühlende Wesen) reif für Verwirklichungen machen, indem sie ihnen helfen, den Geist beweglich zu gestalten,

(9) zu 100 Reines-Land-Buddhafeldern reisen,

(10) 100 Tore des Dharma durch Belehrungen über vorbeugende Maßnahmen öffnen,

(11) sich in 100 Körpern ausstrahlen (emanieren),

(12) jeden Körper mit 100 Bodhisattvas umgeben.

Erreichen sie die zweite Ebene des Bhumi-Geistes (zweites Bhumi), beinhaltet jedes dieser zwölf Ansammlungen 1.000 meist gleichzeitig geschehende Dinge; mit der dritten Ebene des Bhumi-Geistes deren 100.000, mit der vierten eine Milliarde, der fünften Ebene 10 Milliarden, der sechsten eine Billion, der siebten 100 Trillionen. Danach wächst die Anzahl der guten Eigenschaften der zwölf Ansammlungen zu einer astronomischen Zahl an.

Die Eigenschaften eines Bodhisattva-Arhats überragen die eines Shravaka-Arhats oder Pratyekabuddha-Arhats

Nach der Gelug-Prasangika-Darlegung erreicht ein Arya-Bodhisattva mit dem Erlangen der achten Ebene des Bhumi-Geistes Befreiung und wird zum Bodhisattva-Arhat. Sogar bevor sie die achte, neunte und zehnte Ebene des Bhumi-Geistes erreichen, überstrahlen Arya-Bodhisattvas ab der siebten Ebene Shravaka-Arhats und Pratyekabuddha-Arhats. Das kommt daher, dass sie ab diesem Punkt die Fähigkeit haben, sofort zu wechseln zwischen völliger Vertiefung (tib. mnyam-bzhag, meditative Ausgewogenheit) in Leerheit und der nachfolgenden Verwirklichung (tib. rjes-thob, Periode der Nachmeditation), sodass wenn abweichende Erscheinungen als wahre Existenz wieder erscheinen sollten, diese Erscheinungen wie eine Illusion sind..

Trotzdem sind die guten Eigenschaften der Shravaka-Arhats außergewöhnlich weitreichend. Sie können

  • eine Form in viele und viele Formen in eine manifestieren,
  • viele Objekte durch die Kraft ihrer vertieften Konzentration auf die Quellen der Elemente (tib. khams)   der Grundelemente Erde, Wasser, Feuer und Wind   verwandeln und aussenden,
  • durch die Lüfte fliegen und sich zu ihren Schülern   wo auch immer sie sein mögen   wundersam begeben.

Die Methoden, die ihnen zur Verfügung stehen um anderen zu helfen, sind jenseits unserer Vorstellung.

Es ist falsch zu denken, dass Shravakas überhaupt kein Mitgefühl hätten und nicht für das Wohlergehen anderer arbeiten würden. Liebe und Mitgefühl sind wesentliche Merkmale aller Belehrungen Buddhas , sowohl im Hinayana und Mahayana. Immerhin macht metta-bhavana (Meditation über Liebe) einen zentralen Teil der Theravada-Praxis aus. Die beiden Hauptschüler Shakyamuni Buddhas, Shariputra und Maudgalyayana, waren Shravaka-Arhats und führten nach Erreichen der Befreiung viele andere Schüler ebenso zur Befreiung.

Die guten Eigenschaften von Arya-Bodhisattvas der achten Ebene

Wenn Arya-Bodhisattvas mit einem Bhumi-Geist der achten Ebene Befreiung erreicht haben, gewinnen sie zusätzlich zu der weitreichenden Ausdehnung der Anzahl der guten Eigenschaften, die mit den oben erwähnten zwölf Ansammlungen der guten Eigenschaften verbunden sind, noch zehn Kräfte (tib. dbang-bcu ) über: 

(1) ihre eigene Lebenslänge – sie können so lang leben, wie sie wünschen,

(2) ihren Geist – sie können in grenzenlose Arten vertiefter Konzentration eintreten und wieder auftauchen,

(3) die Notwendigkeiten des Lebens – sie können alles Nötige finden,

(4) Tätigkeiten – sie kennen jede Kunst oder Wissenschaft und können sie lehren,

(5) Geburt – sie können, wann immer und wo immer sie wünschen, geboren werden,

(6) Gebete – um in jeglicher Form, die benötigt wird, sich zu manifestieren,

(7) Bestrebungen – sie können alles Brauchbare manifestieren,

(8) außerkörperliche Emanationen – sie können zu jedem gewünschten Reines-Land-Buddhafeld gehen,

(9) tiefes Gewahrsein – sie sind ungehindert in ihrem Lernen,

(10) den Dharma – sie verstehen alle Worte und Bedeutungen der Belehrungen.

Diese Kräfte reichen jedoch nicht an die Eigenschaften und Fähigkeiten des allwissenden Gewahrseins eines Buddha heran, auch wenn sie jenseits gewöhnlichen Verstehens sind. Wenn Bodhisattvas so beschrieben werden, dass sie den gesamten Dharma und so weiter verstehen, bedeutet dies nur bis zu ihrer eigenen Ebene der Fähigkeit.