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Sie sind hier: Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Die Objekte der sicheren Richtung (Zuflucht) identifizieren
Eine sichere Richtung im Leben einzuschlagen (tib. skyabs-‘gro, Zuflucht nehmen) ist ein aktiver Prozess, nicht ein passiver, in dem man Schutz bei höheren Mächten sucht, wie der Begriff Zuflucht nehmen nahe legen mag. Durch das Streben in diese Richtung schützen wir uns vor Furcht und Leid.
Um eine sichere Richtung im Leben einzuschlagen, müssen wir die Objekte, die diese sichere Richtung weisen (tib. skyabs-yul), korrekt identifizieren. Dies sind die drei seltenen und überragenden Juwelen (tib. dkon-mchog gsum), gewöhnlich die drei Juwelen der Zuflucht, das dreifache Juwel oder die drei kostbaren Juwelen genannt. Sie bestehen aus den Buddhas (tib. sangs-rgyas, klare, weit Entwickelte), dem Dharma (tib. chos, vorbeugende Maßnahmen) und dem Sangha (tib. dge-‘dun, Absichts-Gemeinschaft oder -Netzwerk).
Obgleich es mehrere Formulierungen des dreifachen Juwels gibt, folgen die Sutra-Traditionen aller vier Schulen des tibetischen Buddhismus ihrer Mahayana-Darstellung, wie sie in den Texten Maitreyas, des zukünftigen Buddha, gefunden werden.
Gemäß der Tradition, die auf Maitreyas „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ (tib. mNgon-rtogs rgyan, Skt. Abhisamaya-alamkara) beruht, hat jedes der drei Juwelen eine offensichtliche (tib. kun-rdzob-pa’i dkon-mchog, oberflächlich) und eine tiefste (tib. don-dam-pa’i dkon-mchog, letztendlich) Ebene. Die Juwelen der offensichtlichen Ebene verbergen jene auf der tiefsten Ebene. Die Darstellung stimmt mit den Definitionen der drei Juwelen überein, die Maitreya in einem anderen seiner Texte namens „Weitest gehendes, immer währendes Kontinuum“ (tib. rGyud bla-ma, Skt. Uttaratantra) gab. Vom Dharma-Juwel der offensichtlichen Ebene abgesehen, entsprechen alle anderen diesen Definitionen.
Betrachten wir uns die Erklärung der zwei Ebenen der Juwelen des Gelug-Meisters Jetsün Chökyi-Gyaltsen (tib. rJe-btsun Chos-kyi rgyal-mtshan) des siebzehnten Jahrhunderts in dessen „Der Ozean-Bereich des Spiels des vom Glück bedachten Naga-Königs: Die allgemeine Bedeutung des ersten Kapitels (des Textes ‚„Filigranschmuck der Verwirklichungen’)“ (tib. sKal-bzang klu-dbang-gi rol-mtsho zhe-bya-ba-las skabs-dang-po’i spyi-don).
Die Tradition, die auf Maitreyas „Filigranschmuck für die Mahayana-Sutras“ (tib. mDo-sde rgyan, Mahayana-sutra-alamkara) beruht, legt nur für das Buddha-Juwel eine offensichtliche und eine tiefste Ebene dar. Sie präsentiert das tiefste Dharma-Juwel, wie Maitreya es in dem Text „ Filigranschmuck der Verwirklichungen“ tut, stellt das offensichtliche Sangha-Juwel dieses Textes jedoch als Sangha-Juwel der tiefsten Ebene dar.
Die tiefsten Buddha-, Dharma- und Sangha-Juwelen, wie sie in der „Filigranschmuck der Verwirklichungen“ formuliert werden, sind von gleicher essentieller Natur (tib. ngo-bo gcig), haben jedoch unterschiedliche logische isolierende Merkmale (tib. ldog-pa tha-dad). Sie beziehen sich alle auf denselben Aspekt eines Phänomens, den wahren Arten der Beendigung und des wahren Pfadgeistes in einem geistigen Kontinuum. Sie können logisch voneinander getrennt und unterschieden werden, da sie diesen Aspekt eines geistigen Kontinuums aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschreiben.
Stellen Sie sich die wahren Beendigungen und die wahren Arten von Pfadgeist im geistigen Kontinuum eines Buddha vor. Als das, was uns den Weg weist, was die wahre Quelle der Inspiration (tib. byin-rlabs, Segen) ist, sind sie das tiefste Buddha-Juwel. Als vorbeugende Maßnahmen, die die Quelle aller tatsächlichen Errungenschaften (tib. dngos-grub, Skt. siddhi) sind, sind sie das tiefste Dharma-Juwel. Als ein Netzwerk, das erleuchtenden Einfluss bringt (tib. ‘ phrin-las, Buddha-Aktivität, tugendhaftes Verhalten), haben sie die Funktion des tiefsten Sangha-Juwels. Wie eine Krankenschwester gewähren sie uns Unterstützung und Hilfe auf unserem Pfad.
Das tiefste Dharma- und tiefste Sangha-Juwel beinhalten die wahren Arten von Beendigung und Pfadgeist im geistigen Kontinuum aller Aryas – von denjenigen, die Arten von Pfadgeist sehen (Pfade des Sehens) bis zu denjenigen, die Befreiung als ein Arhat oder der Erleuchtung als ein Buddha erlangen. Mit dem Erlangen der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der vier edlen Wahrheiten und daher dem Sehen von Arten von Pfadgeist beginnen Aryas, wahre Arten von Beendigung und Pfadgeist in ihrem geistigen Kontinuum zu haben. Die vollständigen Netzwerke von beiden erhalten sie erst mit dem Erlangen der Buddhaschaft.
Daher können nur Buddhas die letztendlichen Quellen einer sicheren Richtung für uns sein (tib. mthar-thug-gi skyabs-gnas), denn nur Buddhas haben die vollständigen Netzwerke wahrer Arten von Beendigung und Pfadgeist verwirklicht. Nur Buddhas haben sich für immer von den zwei Arten von Schleiern befreit. Aryas mit Errungenschaften, die geringer sind als die eines Buddha, können uns also nur provisorische Quellen einer sicheren Richtung sein (tib. gnas-skabs-kyi skyabs-gnas). Sie können uns keine sichere Richtung bis hin zur Erleuchtung gewähren, weil sie selbst noch keine Erleuchtung erlangt haben. Das ist die Bedeutung von Maitreyas Aussage in seinem Werk „Weitest gehendes, immer währendes Kontinuum“ , das im Hinblick auf die Juwelen der tiefsten Ebene nur Buddha die tiefste Quelle der sicheren Richtung ist.
Ein weiteres Argument hinter Maitreyas Aussage ist, dass die wahren Arten von Beendigung und Pfadgeist im geistigen Kontinuum der Aryas, die noch keine Erleuchtung erlangt haben, nur Beispiele für die Dharma- und Sangha-Juwelen der tiefsten Ebene sind. Sie sind keine Buddha-Juwelen der tiefsten Ebene. Nur wahre Arten von Beendigung und Pfadgeist im geistigen Kontinuum von Buddhas dienen als alle drei Juwelen. Daher sind nur Buddhas die tiefste Quelle der sicheren Richtung.
Anders formuliert sind Buddhas von elementarer Bedeutung, weil sie die Quelle der sicheren Richtung für den ganzen Weg bis zur Erleuchtung und der Endpunkt des Sangha sind. Sie wurden Buddhas aufgrund des Dharma, durch die Stufen dessen, zur Sangha zu gehören.
Eine sichere Richtung im Leben vom dreifachen Juwel der offensichtlichen und tiefsten Ebene zu erhalten ist das bloße Einschlagen der sicheren Richtung (tib. skyab-‘gro tsam-pa-ba). Man nennt es auch das ursächliche Einschlagen der sicheren Richtung (tib. rgyu’i skyabs-‘gro), da die Quellen einer sicheren Richtung die Personen oder Phänomene sind, die als Ursachen dafür dienen, dass wir selbst die drei Juwelen verwirklichen.
Das besondere Einschlagen der sicheren Richtung (tib. skyabs-‘gro khyad-par-ba), auch resultierendes Einschlagen der sicheren Richtung genannt (tib. ‘ bras-bu’i skyabs-‘gro), nimmt als Quelle der sicheren Richtung das dreifache Juwel, das wir in Zukunft vollenden werden, auf der Basis der Verwirklichung unserer Buddhanatur.
Infolgedessen erweisen wir, wenn wir uns vor dem dreifachen Juwel niederwerfen, mit dem bloßen und besonderen Einschlagen der sicheren Richtung nicht nur denjenigen Respekt, die selbst Aryas, Arhats und Buddhas geworden sind sowie ihren Errungenschaften, sondern auch uns selbst und unseren zukünftigen gleichen Vollendungen.
Für jedes der drei seltenen und überragenden Juwelen gibt es ein Symbol, das nur ein nominelles Juwel (tib. brdar-btags-pa’i dkon-mchog) ist, aber keine wirkliche Quelle einer sicheren Richtung. Da uns die tatsächlichen Buddha-, Dharma- und Sangha-Juwelen nicht als Objekte zur Verfügung stehen, denen wir begegnen können, fungieren ihre Symbole als Fokus für unseren Respekt.
Da nominelle Juwelen keine tatsächlichen Juwelen sind, beinhaltet die Praxis des Buddhismus keine Anbetung von Idolen, Büchern, Mönchen oder Nonnen.
Der moderne westliche Gebrauch des Begriffes Sangha für die Mitglieder eines Dharma-Zentrums oder einer Dharma-Organisation, als sei dieser Begriff das Äquivalent einer kirchlichen Gemeinde, ist keine traditionelle Anwendung dieses Begriffs. Wenn sich unter den Mitgliedern der monastischen Gemeinschaft emotional gestörte und unethische Personen befinden, die weder dazu qualifiziert noch verlässlich genug sind, um als tatsächliche Quelle der sicheren Richtung zu dienen, um wie viel mehr ist das der Fall bei der großen Bandbreite von Mitgliedern eines Dharma-Zentrums.
Im Allgemeinen sind die beiden Ursachen für das Einschlagen einer sicheren Richtung im Leben, wie sie vom dreifachen Juwel gewiesen wird, Abscheu (tib. ‘ jigs-pa, engl. dread) und Glauben, dass eine Tatsache wahr ist (tib. dad-pa).
Abscheu ist in diesem Kontext ein geistiger Zustand, der sich auf die ersten zwei edlen Wahrheiten (wahren Tatsachen des Lebens) konzentriert – wahre Probleme (wahres Leiden) und ihre wahren Ursachen. Der Begriff wird oft fälschlich als „Furcht“ übersetzt, bezeichnet aber keine störende Emotion. Mit Furcht blähen wir die negativen Aspekte des Leids und seiner Ursachen auf und projizieren wahrhaft begründete Existenz (tib. bden-grub, wahre Existenz) auf sie und uns. Dann haben wir das Gefühl, dass die wahrhaft existierenden Objekte unserer Furcht das wahrhaft existierende „uns“ überwältigen werden, und obwohl wir uns wünschen, von den Objekten unserer Furcht frei zu werden, fühlen wir uns hilflos, dies zu erreichen.
Abscheu auf der anderen Seite betrachtet wahres Leid und seine wahren Ursachen auf objektive Weise, ohne sie aufzublasen oder eine wahrhaft begründete Existenz auf sie oder uns selbst zu projizieren. Mit Abscheu wünschen wir uns zutiefst, die Objekte unserer Abscheu nicht mehr erfahren zu müssen. Es impliziert jedoch kein Gefühl von Hilflosigkeit, auch wenn wir in diesem Fall anerkennen, dass wir Hilfe brauchen. Stattdessen führt es zu Entsagung (tib. nges-‘byung), der Entschlossenheit, von wahren Problemen und ihren wahren Ursachen frei zu sein.
[Siehe: Entsagung – die Entschlossenheit, frei zu sein .]
Die Reichweite unseres Verständnisses der ersten zwei edlen Wahrheiten wird umfangreicher, während wir die drei Stufen der Lamrim- (abgestuften) Motivation durchschreiten. Auf der anfänglichen Stufe schließen wahre Probleme die Wiedergeburt in einer der schlechteren Bereiche und die Erfahrung groben Leids mit ein; die wahre Ursache ist destruktives Handeln, basierend auf Unwissenheit in Bezug auf verhaltensbedingte Ursache und Wirkung. Auf der mittleren Stufe beinhalten wahre Probleme jegliche sich unkontrollierbar wiederholende samsarische Wiedergeburt und alle Formen des Leids, die man darin erlebt; die wahren Ursachen sind die emotionalen Schleier, die Befreiung verhindern. Auf der fortgeschrittenen Ebene beinhalten wahre Probleme die Unfähigkeit, andere möglichst effektiv zur Befreiung führen; wahre Ursachen sind die kognitiven Schleier, die Allwissenheit verhindern. Auf dieser höchsten Ebene ist eine weitere Ursache für das Einschlagen einer sicheren Richtung das Mitgefühl – der Wunsch, dass andere frei von wahren Probleme und ihren wahren Ursachen sein mögen.
Die zweite Ursache für das Einschlagen der sicheren Richtung des dreifachen Juwels im Leben ist der Glaube, dass es eine wirkliche Tatsache ist, dass die drei seltenen und überragenden Juwelen die Fähigkeit besitzen, uns dabei zu helfen, uns von wahren Problemen und ihren wahren Ursachen zu befreien. Mit anderen Worten, wir müssen es als wahre Tatsache erachten, dass die tiefsten Buddha-, Dharma- und Sangha-Juwelen – die dritte und vierte edle Wahrheit (wahre Beendigungen und wahre Arten von Pfadgeist, die das Erlangen bewirken) – die Fähigkeit besitzen, die ersten beiden edlen Wahrheiten für immer zu beseitigen. Darüber hinaus müssen wir diese Tatsache auf zwei Ebenen verstehen.
Auf der Ebene des ursächlichen Einschlagens der sicheren Richtung zeigen uns die wahren Arten von Beendigung und Pfadgeist im geistigen Kontinuum der Aryas, Arhats und Buddhas den Weg. Übernehmen wir ihre Richtung in unser Leben, gewinnen wir Inspiration, verwirklichte Errungenschaften, und werden von ihrem erleuchtenden Einfluss auf dem gesamten Pfad gestärkt. Was jedoch unsere wahren Probleme und ihre wahren Ursachen tatsächlich beseitigt, ist unser Erlangen der wahren Arten von Beendigung und Pfadgeist – unser zukünftiges eigenes Verwirklichen der dreifachen Juwelen. Mit dem resultierenden Einschlagen der sicheren Richtung arbeiten wir dann auf dieses Ziel hin.
Daran zu glauben, dass eine Tatsache wahr ist – in diesem Fall, dass die zweiten beiden edlen Wahrheiten die ersten beiden edlen Wahrheiten für immer beseitigen – ist kein blinder Glaube. Wird er korrekt entwickelt, hat er drei Aspekte.
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