Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Die Quellen des Glücklichseins aus der Sicht des Buddhismus

Die Quellen des Glücklichseins aus der Sicht des Buddhismus

Alexander Berzin
Bern, Schweiz, März 2010

Englische Version ursprünglicht in "Glück"
(Berner Universitätsschriften, Band 56), S. 41-52
Herausgeber: Andrè Holenstein, Ruth Meyer Schwiezer, Pasqualina Perrig-Chiello, Peter Rusterholz, Christian von Zimmermann, Andreas Wagner, Sara Margarita Zwahlen.
Bern-Stuttgart-Wien, Haupt Verlag, 2011.

Übersetzung ins Deutsche: Julian Piras

Gewöhnliches Glücklichsein: Das Leiden der Veränderung

Einige Menschen haben den Buddhismus als eine negative Religion bezeichnet, die alles, was wir erleben, als Leiden identifiziert und überhaupt kein Glücklichsein anerkennt. Diese Ansicht beruht allerdings auf Fehlinformationen. Es stimmt, dass der Buddhismus unser normales, gewöhnliches Glücklichsein als das Leiden der Veränderung bezeichnet. Das bedeutet, dass diese Art von Glücklichsein unbefriedigend ist: Es hält nie an und wir haben nie genug davon. Es ist kein wahres Glücklichsein. Wenn zum Beispiel Eis-Essen wahres Glück wäre, dann würden wir umso glücklicher werden, je mehr wir davon auf einen Schlag essen. Doch bald erreichen wir dabei einen Punkt, an dem sich das Glück des Eis-Essens in Unwohlsein und Leiden verwandelt. Dasselbe gilt, wenn wir in der Sonne sitzen oder in den Schatten gehen. Das ist es, was mit Leiden der Veränderung gemeint ist.

Der Buddhismus bietet allerdings viele Methoden, um die Grenzen unseres gewöhnlichen Glücklichseins, dieses Leiden der Veränderung, zu überwinden, so dass wir den immerwährenden, von Freude erfüllten Zustand eines Buddhas erreichen. Trotz der Nachteile unseres gewöhnlichen Glücklichseins erklärt der Buddhismus dennoch auch die Quellen, auf deren Grundlage man diese Art von Glücklichsein erreicht. Der Buddhismus stellt diese Lehren bereit, da eines seiner Grundprinzipien ist, dass alle glücklich sein wollen und niemand unglücklich sein will. Und da jeder das Glück sucht und wir als gewöhnliche Wesen keine andere Form von Glücklichsein kennen als die gemeinhin übliche Art, erklärt uns der Buddhismus, wie wir auch dies erreichen können. Erst wenn dieser Wunsch und dieses Bedürfnis nach Glücklichsein auf der grundlegendsten Ebene gewöhnlichen Glückes erfüllt ist, können wir mit fortgeschritteneren spirituellen Praktiken tiefere, befriedigendere Ebenen suchen.

[Siehe: Glück: Eine eingehende Untersuchung der Rolle, die Glück in Sutra und Tantra spielt.]

Leider gilt jedoch, was der große indische buddhistische Meister Shantideva in seinem Text „ Eintritt in das Verhalten der Bodhisattvas“ (tib. sPyod-‘jug, Skt. Bodhicharyavatara) (I.28) über die gewöhnlichen Wesen geschrieben hat:

Obwohl sie den Geist haben, der Leiden vermeiden will
stürzen sie sich kopfüber ins Leiden.
Obwohl sie wünschen, glücklich zu sein,
   zerstören sie aus Naivität (tib. gti-mug, Skt. moha)
ihr eigenes Glück, als sei es ein Feind.

Mit anderen Worten: Obwohl wir uns Glücklichsein wünschen, sind wir naiv, was die Quellen dafür angeht. Deshalb schaffen wir statt Glück nur mehr Unglück und Trauer.

Glücklichsein ist ein Gefühl

Obwohl es viele Arten von Glücklichsein gibt, wollen wir uns hier auf gewöhnliches Glücklichsein konzentrieren. Um dessen Quellen zu verstehen, müssen wir erst verstehen, was mit „Glücklichsein“ gemeint ist. Was ist dieses Glücklichsein (tib. bde-ba, Skt. sukha), das wir alle wollen? Gemäß buddhistischer Analyse ist Glücklichsein ein Geistesfaktor – mit anderen Worten: es ist eine Art von geistiger Aktivität, mit der wir uns in einer bestimmten Weise eines Objekts gewahr sind. Es ist eine Unterart eines umfassenderen Geistesfaktors, der „Gefühl“ (tib. tshor-ba, Skt. vedana) genannt wird. Der Geistesfaktor „Gefühl“ umspannt ein weites Spektrum von vollkommenem Glücklichsein bis hin zu vollkommenem Unglücklichsein.

Was ist die Definition von „Gefühl“? Gefühl ist der Geistesfaktor, der von der Natur des Erfahrens (tib. myong-ba) ist. Es ist die geistige Aktivität, ein Objekt oder eine Situation in einer Weise zu erfahren, welche die Erfahrung zu einem tatsächlichen Erleben des Objekts oder der Situation macht. Ohne ein Gefühl, das irgendwo im Spektrum zwischen Glücklichsein und Unglücklichsein liegt, erleben wir ein Objekt oder eine Situation nicht richtig. Ein Computer nimmt Daten auf und verarbeitet sie; doch da der Computer sich dabei weder glücklich noch unglücklich fühlt, erlebt der Computer die Daten nicht. Das ist der Unterschied zwischen einem Computer und einem Geist.

Das Gefühl eines bestimmten Grades von Glücklichsein oder Unglücklichsein begleitet entweder die Wahrnehmung eines Sinnesobjekts – ein visuelles Objekt, ein Geräusch, Geruch, Geschmack oder eine angenehme oder schmerzhafte physische Empfindung – oder die Wahrnehmung eines geistigen Objekts – zum Beispiel ein Gedanke an etwas. Es braucht nicht dramatisch oder extrem zu sein. Es kann sich auf einem sehr niedrigen Intensitätsniveau abspielen. Tatsächlich begleitet eine bestimmte Ebene des Gefühls von Glücklichseins oder Unglücklichsein jeden Moment unseres Lebens. Auch wenn wir tief schlafen und nicht träumen, erleben wir ein Gefühl, in diesem Fall ein neutrales Gefühl.

[Siehe: Die Beziehung zwischen Glücklichsein und Unglücklichsein, Wohlbehagen und Schmerz.]

Die Definition von Glücklichsein

Der Buddhismus kennt zwei Definitionen von Glücklichsein. Die eine definiert es im Rahmen unserer Beziehung zu einem Objekt; die andere definiert es im Rahmen unserer Beziehung zum eigentlichen Geisteszustand des Gefühls.

Die erste Definition beschreibt Glücklichsein als eine Erfahrung, etwas in einer befriedigenden Weise zu erleben, die auf der Überzeugung beruht, dass sie uns gut tut – egal, ob dies tatsächlich der Fall ist oder nicht. Unglücklichsein ist, wenn man etwas in einer unbefriedigenden, quälenden Weise erlebt. In neutraler Weise erleben wir etwas, wenn es weder befriedigend noch quälend ist.

Die zweite Definition bezeichnet Glücklichsein als ein Gefühl, das wir nach seinem Abklingen erneut erleben wollen. Unglücklichsein ist ein Gefühl, von dem wir, wenn es auftaucht, getrennt sein wollen. Ein neutrales Gefühl erzeugt keinen dieser beiden Wünsche.

Die beiden Definitionen stehen miteinander in Beziehung. Wenn wir etwas in einer befriedigenden Weise erleben, dann ist die Art, in der wir das Objekt erleben, so, dass es in einer angenehmen Weise, wörtlich, „dem Geist entgegenkommt“ (tib. yid-du ‘ong-ba, Skt. manapa). Wir akzeptieren das Objekt und es bleibt in einer angenehmen Weise Objekt unserer Aufmerksamkeit. Dies impliziert, dass wir der Meinung sind, das Objekt sei gut und nützlich für uns: Es macht uns glücklich, es fühlt sich gut an. Aus diesem Grund wollen wir, dass der Genuss dieser Erfahrung andauert; wenn die Erfahrung endet, wünschen wir sie uns zurück. In der Umgangssprache würden wir sagen, dass wir das Objekt und die Erfahrung des Objekts mögen.

Wenn wir ein Objekt in einer quälenden Weise erleben, dann – wörtlich – „kommt es dem Geist nicht entgegen“ (tib. yid-du ma-‘ong-ba, Skt. amanapa). Wir akzeptieren das Objekt nicht und es bleibt nicht in angenehmer Weise das Objekt unserer Aufmerksamkeit. Wir haben das Gefühl, dass die Erfahrung des Objekts uns nicht nützt, dass sie uns vielmehr schadet. Wir wollen, dass es endet. In der Umgangssprache würden wir sagen, dass wir das Objekt und die Erfahrung des Objektes nicht mögen.

Übertreibung der Qualitäten eines Objekts

Was bedeutet es, sich mit einem Objekt wohlzufühlen? Wenn wir uns mit einem Objekt wohlfühlen, akzeptieren wir es, so wie es ist, ohne Naivität und ohne seine guten Qualitäten oder seine Fehler zu übertreiben oder zu ignorieren. Dieser Punkt führt uns zur Erörterung störender Emotionen (tib. nyon-rmongs, Skt. klesha; plagende Emotionen) und ihrem Zusammenhang damit, ob wir ein Objekt mit Glücklichsein oder Unglücklichsein erleben.

Die eine Gruppe störender Emotionen besteht aus Lust, Anhaftung und Begierde. Mit allen dreien übertreiben wir die guten Eigenschaften eines Objekts. Mit Lust wollen wir ein Objekt haben, wenn wir es nicht haben. Mit Anhaftung wollen wir es nicht verlieren, wenn wir es haben. Und mit Begierde wollen wir mehr, selbst wenn wir es schon haben. Mit diesen verstörenden Emotionen tendieren wir dazu, die Nachteile oder Fehler des Objektes zu ignorieren. Es sind keine glücklichen Geisteszustände, da wir das Objekt nicht befriedigend finden. Wir akzeptieren es nicht so, wie es ist.

Zum Beispiel: Wenn wir unsere Freundin oder unseren Freund sehen, für die/den wir viel Anhaftung verspüren, dann können wir ihren Anblick mit Glücklichsein erleben. Wir sind zufrieden, diesen Menschen zu sehen; wir finden es befriedigend. Doch sobald unsere Anhaftung aufsteigt, indem wir die guten Eigenschaften der Person und des Beisammenseins – und die Nachteile des Zustands, von dieser Person getrennt zu sein – übertreiben, fühlen wir uns unbefriedigt und unglücklich. Wir akzeptieren nicht die Situation, die Person einfach nur jetzt zu sehen und den Augenblick zu genießen; wir wollen stattdessen mehr und wir fürchten uns vor ihrem/seinem Fortgehen. Folglich erleben wir das Sehen unserer Geliebten plötzlich mit Unzufriedenheit, Verspannung und Unglücklichsein.

Eine andere Gruppe verstörender Emotionen besteht aus Ablehnung, Ärger und Hass. Mit ihnen übertreiben wir die Fehler oder die negativen Eigenschaften des Objekts und wenn wir es nicht haben, wollen wir es weiterhin vermeiden; wenn wir es haben, wollen wir uns davon befreien; und wenn es endet, wollen wir nicht, dass es wiederkommt. Diese drei verstörenden Emotionen sind normalerweise mit Angst vermischt. Auch dies sind keine glücklichen Geisteszustände, da wir nicht mit dem Objekt zufrieden sind. Wir akzeptieren es nicht so, wie es ist.

Zum Beispiel: Wir müssen uns einem Eingriff an einer Zahnwurzel unterziehen. Das Objekt unserer Erfahrung ist eine körperliche Schmerzempfindung. Doch wenn wir es so akzeptieren, wie es ist, ohne seine negativen Eigenschaften zu übertreiben, werden wir während des Eingriffs nicht unglücklich sein. Wir könnten ein neutrales Gefühl haben bezüglich der Art, in der wir den Schmerz erleben: wir akzeptieren, dass die Prozedur so lange dauert, wie sie eben dauert, und beten nicht, dass sie schnell vorbei ist; und wenn der Zahnarzt mit dem Bohren aufhört, haben wir nicht den Wunsch, dass er weiter bohren möge. Wir sind dem Schmerz des Bohrens gegenüber gleichmütig – wir werden davon weder abgestoßen noch angezogen noch sind wir in Bezug darauf naiv. Wir könnten während des Eingriffs tatsächlich eine Art Glücklichsein erleben, weil wir uns klarmachen, dass wir damit künftiges Leiden weiterer Zahnschmerzen vermeiden.

Man beachte Folgendes: Wenn man über etwas glücklich oder zufrieden ist, dann schließt das nicht aus, dass man, beruhend auf einem bestimmten Bedarf, mehr oder weniger davon will. Es macht uns nicht inaktiv, so dass wir etwa nie versuchen würden, die Dinge oder uns selbst oder unsere Lebenslage zu verbessern. Zum Beispiel: Wir können unseren Fortschritt bei einem Arbeitsprojekt oder bei der Erholung von einer Operation akzeptieren, zufrieden damit und insofern glücklich sein. Doch beruhend auf dem, was erforderlich ist, können wir weitere Fortschritte wünschen, ohne unglücklich über das zu sein, was wir bisher erreicht haben. Dasselbe gilt für die Menge Essen auf unserem Teller oder von der Menge Geld auf unserem Konto, wenn es tatsächlich zutrifft, dass wir nicht genug haben und mehr brauchen. Ohne die negativen Aspekte zu übertreiben, die damit einhergehen, dass man nicht genug zu essen oder nicht genug Geld auf dem Konto hat – und ohne die Vorteile abzustreiten, die damit einhergehen, dass man mehr hat – können wir uns um mehr Geld oder Essen bemühen, ohne dabei unglücklich zu sein. Sind wir erfolgreich, dann ist das o.k.; und wenn wir es nicht schaffen, ist es auch o.k., wir werden schon irgendwie durchkommen. Wir versuchen es trotzdem. Das Wichtigste ist, dass wir dabei ohne das geistige Abschweifen vorgehen, das mit Hoffnungen auf Gewinn und Angst vor Verlusten verbunden ist.

Shantideva hat dies in seinem Kapitel über Geduld sehr schön ausgedrückt (VI.10):

Wenn man ein Problem lösen kann
warum sollte man dann darüber schlechter Laune sein?
Und wenn man es nicht lösen kann,
dann nutzt es nichts, darüber schlechter Laune zu sein.

Konstruktives Verhalten als Hauptquelle des Glücklichseins

Langfristig gesehen ist die Hauptursache für das Glücklichsein konstruktives Verhalten. Dies bedeutet, sich davon zurückzuhalten, unter dem Einfluss von störenden Emotionen wie Lust, Anhaftung, Begierde, Abneigung, Wut, Naivität usw. zu handeln, ohne sich um die langfristige Wirkung des eigenen Verhaltens für uns selbst und andere zu kümmern. Destruktives Verhalten ist die Hauptursache für Unglücklichsein; es besteht darin, sich nicht von dieser Art von Verhalten zurückzuhalten, sondern es vielmehr auszuüben. Zum Beispiel: Mit sehnsüchtigem Verlangen übertreiben wir die guten Eigenschaften eines Gegenstands in einem Geschäft; wir ignorieren die rechtlichen Konsequenzen und stehlen es. Mit Ärger übertreiben wir die negativen Eigenschaften einer Äußerung unseres Partners; indem wir die Wirkung, die unser Verhalten auf die Beziehung haben wird, ignorieren, schreien wir unseren Partner an oder benutzen verletzende Worte.

Wenn man handelt, spricht und denkt, indem man sich davon zurückhält, unter den Einfluss störender Emotionen zu geraten, dann baut man dadurch die Gewohnheit auf, sich auch in Zukunft davon zurückzuhalten. Folglich werden wir in der Zukunft nicht auf der Grundlage einer störenden Emotion handeln; und schließlich wird die Kraft der störenden Emotion abnehmen und die störende Emotion wird kaum mehr auftreten. Je mehr wir dagegen unter dem Einfluss störender Emotionen handeln, umso häufiger und umso stärker werden sie in der Zukunft auftreten.

Wie wir bereits verstanden haben: Wenn wir ein Objekt mit Glücklichsein erleben, erleben wir es ohne die störenden Emotionen von Naivität, Lust, Anhaftung, Begierde, Ablehnung oder Ärger. Unser Erleben des Objekts beruht darauf, dass wir seine tatsächliche Natur so akzeptieren, wie sie ist, ohne seine guten oder schlechten Seiten zu leugnen oder zu übertreiben. Diese Art, die Dinge zu erleben, rührt also aus der Gewohnheit des konstruktiven Verhaltens her, mit der wir handeln, sprechen und denken, wobei dies ebenfalls darauf beruht, dass wir die tatsächliche Natur dessen akzeptieren, wie die Menschen und Situationen sind, ohne ihre guten oder schlechten Seiten zu übertreiben oder zu leugnen.

Die Umstände dafür, dass die Potenziale für das Glücklichsein reifen

Die Art, in der wir Objekte oder Gedanken erleben – mit Glücklichsein oder Unglücklichsein – wird nicht vom Objekt oder dem Gedanken selbst determiniert. Wie wir gesehen haben: Wenn wir mit unserem langfristigen früheren Verhalten die Gewohnheit aufgebaut haben, uns davon zurückzuhalten, die positiven oder negativen Aspekte der Dinge zu übertreiben oder zu leugnen, dann können wir sogar einen Zahnwurzeleingriff in einem glücklichen Gemütszustand erleben. Wenn wir auf die Definition von Glücklichsein zurückgreifen, dann können wir sagen, dass wir die Prozedur in einer befriedigenden Weise erleben, was auf unserem Glauben basiert, dass sie gut für uns ist.

Obwohl wir die Gewohnheit aufgebaut haben mögen, uns vom Handeln, Sprechen und Denken unter dem Einfluss störender Emotionen zurückzuhalten, und so das Potenzial aufgebaut haben, Objekte und Gedanken mit Glücklichsein zu erleben, sind doch bestimmte Umstände nötig, damit dieses Potenzial zu einer Erfahrung des Glücklichseins reifen kann. Wie wir gesehen haben, determinieren die Objekte unseres Erlebens nicht notwendigerweise von sich aus, ob wir sie mit Glücklichsein oder Unglücklichsein erleben. Ob wir ein Objekt mit Glücklichsein erleben, hängt in noch stärkerer Weise davon ab, ob wir die tatsächliche Realität dessen akzeptieren, was das Objekt ist – egal, um welches Objekt es sich handelt, sei es die körperliche Schmerzempfindung eines Zahnwurzeleingriffs oder der Anblick eines geliebten Menschen. Unsere Geisteshaltung, unser Geisteszustand sind entscheidend dafür, ob wir uns in dem Moment glücklich oder unglücklich fühlen, egal, was für ein Objekt wir gerade sehen, hören, riechen, schmecken, körperlich empfinden oder denken.

Wir haben auch Folgendes bereits besprochen: Wenn wir die Realität eines Objekts akzeptieren und nicht naiv sind, dann übertreiben oder verneinen wir seine guten oder schlechten Eigenschaften nicht und erleben somit das Objekt nicht mit Lust, Begierde oder Anhaftung oder mit Ablehnung oder Ärger. Was also dabei hilft, das Reifen von Glücklichsein in jedem gegebenen Moment auszulösen, ist das Freisein von Naivität.

Naivität

Unsere Naivität ist in jedem gegebenen Moment von Unglücklichsein nicht notwendigerweise darauf beschränkt, in Bezug auf das Objekt naiv zu sein, das wir gerade erleben. Naivität hat eine viel größere Bandbreite. Sie kann sich auch auf uns selbst beziehen. Wenn wir bei einem Problem starkes Unglücklichsein erleben, dann tendieren wir mit Naivität dazu, uns nur auf uns selbst zu fixieren; es kann sogar sein, dass wir denken, wir seien die einzige Person, die je solch ein Problem erlebt hat.

Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir würden unseren Job verlieren. Die Realität ist, dass es Millionen von Menschen auf der Erde gibt, die ihren Job verloren haben und nun arbeitslos sind. Wir können über unsere Situation nachdenken, ohne beispielsweise naiv hinsichtlich Unbeständigkeit zu sein. Wir können uns daran erinnern, dass alle Phänomene, die aus Ursachen und Umständen entstehen, von weiteren Ursachen und Umständen beeinflusst und schließlich enden werden. Das kann sehr hilfreich sein. Doch sogar noch effektiver ist es, die Reichweite unseres Denkens weiter auszudehnen, um nicht nur unser eigenes Problem des Arbeitsverlustes mit einzuschließen, sondern auch diejenigen aller anderen, die in derselben Situation sind. Man sollte denken: „Das ist nicht bloß mein Problem, denn eine enorme Menge von Menschen hat dasselbe Problem. Ich bin nicht der einzige, der eine Lösung braucht; alle anderen brauchen ebenfalls eine Lösung. Jeder muss solche Probleme und das Unglücklichsein überwinden.“ Das ist tatsächlich Realität.

Mit dieser Art zu denken, die frei von Naivität ist, entwickeln wir Mitgefühl (tib. snying-rje, Skt. karuna) für andere, statt in Selbstmitleid zu schwelgen. Unser Geist konzentriert sich dann nicht mehr in einer beschränkten Weise bloß auf uns selbst, sondern ist viel offener und denkt an all die anderen, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Wenn wir uns wünschen, auch ihnen beim Überwinden ihrer Probleme zu helfen, dann nimmt die Wichtigkeit unserer eigenen Probleme ab und wir entwickeln den Mut und die Kraft, mit ihnen in einer objektiven Manier umzugehen. Natürlich wollten wir unsere Arbeitsstelle nicht verlieren; doch mit Gleichmut akzeptieren wir die Realität der Situation. Und indem wir an andere denken, können wir möglicherweise sogar froh darüber sein, dass wir nun die Gelegenheit haben, ihnen zu helfen.

Das Verhältnis zwischen Mitgefühl und Glücklichsein

Mitgefühl ist also einer der Schlüsselfaktoren, um unsere Potenziale zu aktivieren, ein Objekt oder eine Situation mit Glücklichsein zu erleben. Aber wie funktioniert das? Mitgefühl ist der Wunsch, dass andere frei sein mögen von ihrem Leiden und von den Ursachen für ihr Leiden – genau das, was wir auch für uns selbst wünschen. Doch wenn wir uns auf das Leiden und das Unglücklichsein der anderen konzentrieren, fühlen wir uns natürlich traurig darüber und nicht glücklich. Oder unsere Gefühle sind blockiert und wir verspüren nichts mehr. Auf jeden Fall freuen wir uns nicht über ihr Leiden. Wie kann Mitgefühl also einen glücklichen Gemütszustand erzeugen ?

Um dies zu verstehen, müssen wir aufregende (tib. zang-zing) Gefühle von nicht-aufregenden (tib. zang-zing med-pa) Gefühlen unterscheiden. Ich benutze diese Begriffe hier nicht strikt nach ihrer Definition, sondern in einer eher umgangssprachlichen, nicht fachspezifischen Weise. Der Unterschied zwischen aufregenden und nicht aufregenden Gefühlen besteht darin, ob ein glückliches, unglückliches oder neutrales Gefühl mit Naivität und Verwirrung über das Gefühl selbst vermischt ist. Man erinnere sich: Als wir den Unterschied zwischen Glücklichsein und Unglücklichsein im Allgemeinen festlegten, war die entscheidende Variable, ob wir in Bezug auf das Objekt sind, das wir erleben, naiv sind oder nicht. Auch wenn wir hier die Eigenschaften eines Objekts, das wir beispielsweise mit Unglücklichsein erleben, weder übertreiben noch leugnen, können wir dieses Gefühl des Unglücklichseins zu einem festen, wahrhaft existierenden „Ding“ machen, wie eine schwarze schwere Wolke, die über unserem Kopf hängt. Wir übertreiben dann die negativen Eigenschaften dieses Gefühls und stellen uns zum Beispiel vor, es handle sich um eine „furchtbare Depression“, in der wir uns gefangen fühlen. In diesem Fall besteht die Naivität darin, das Gefühl des Unglücklichseins nicht als das zu akzeptieren, was es ist. Schließlich ist das Gefühl des Unglücklichseins etwas, das sich von Augenblick zu Augenblick verändert, während seine Intensität variiert: es ist nicht eine Art monolithisches Objekt, das wirklich von seiner eigenen Seite her existiert und von allem unbeeinflusst ist.

Eine ähnliche Analyse können wir für den Fall durchführen, dass wir nichts fühlen, wenn wir an andere denken. Was geschieht in diesem Fall? Wenn man die negative Eigenschaft des Traurig- oder Unglücklichseins übertreibt, dann hat man Angst, es zu spüren und daher blockt man ab. Man erlebt dann ein neutrales Gefühl, welches weder unglücklich noch glücklich ist. Doch dann übertreiben wir auch dieses neutrale Gefühl, indem wir uns vorstellen, es sei ein großes, festes „Nichts“, das sich in uns befindet und uns daran hindert, irgendetwas ehrlich zu verspüren.

[Für die fachsprachliche Unterscheidung zwischen aufregenden und nicht-aufregenden Gefühlen siehe: Geist und Geistesfaktoren: Die einundfünfzig Arten von Nebengewahrsein. ]

Um Mitgefühl zu entwickeln, ist es wichtig, nicht zu leugnen, dass die schwierige Situation der anderen bedrückend ist, genau wie unsere es sein kann, wenn wir zum Beispiel unsere Arbeit verlieren. Es wäre ungesund, Angst davor zu haben, die damit verbundene Trauer zu verspüren, dieses Gefühl zu blockieren oder zu unterdrücken. Wir müssen diese Trauer spüren, aber in einer nicht-aufregenden Weise, um sich in andere und ihr Leiden einfühlen zu können, um den aufrichtigen Wunsch zu entwickeln, dass die anderen frei davon sein mögen, und um eine gewisse Verantwortung zu übernehmen, anderen zu helfen, dieses Leiden zu überwinden. Kurz gesagt lautet der Ratschlag des Buddhismus: Mach kein festes „Ding“ aus dem Trauergefühl; mach keine große Sache daraus.“

Den Geist beruhigen

Um das Gefühl der Trauer in einer nicht-aufregenden Weise zu erleben, muss man seinen Geist beruhigen, um ihn von allem geistigen Abschweifen und aller geistigen Trägheit zu befreien. Beim geistigen Abschweifen fliegt unsere Aufmerksamkeit davon, indem sie sich auf störende, nicht zur Sache gehörende Gedanken richtet – zum Beispiel auf Gedanken voller Sorge, Zweifel, Angst oder Gedanken voller erwartungsvoller Hoffnung auf etwas Angenehmeres. Mit geistiger Trägheit fällt man in einen geistigen Nebel und wird so allem gegenüber unaufmerksam.

Der Buddhismus ist reich an Methoden, um die eigenen Geisteszustände von geistigem Abschweifen und geistiger Trägheit zu befreien. Eine der grundlegendsten Methoden ist, sich zu beruhigen, indem man sich auf den eigenen Atem konzentriert. Wenn geistiges Abschweifen und geistige Trägheit auf ein Minimum reduziert sind, ist unser Geist friedvoll und gelassen. In einem solchen Zustand kann man leichter zur Ruhe kommen und auch Übertreibungen, Abneigung oder Indifferenz in Bezug auf die Probleme und das Leiden anderer und auf unsere eigenen darauf bezogenen Gefühle leichter besänftigen. Auch wenn wir uns dabei anfangs traurig fühlen, ist es nicht aufregend.

Wenn sich unser Geist dann weiter entspannt und beruhigt, verspüren wir schließlich auf natürliche Weise ein kleines Ausmaß an Glücklichsein. In einem ruhigen geistigen und emotionalen Zustand manifestieren sich die natürliche Wärme und das Glücklichsein des Geistes. Wenn wir genügend starke Potenziale aufgebaut haben, um aufgrund unseres konstruktiven Verhaltens Glücklichsein zu erleben, dann hilft unserer ruhiger Geisteszustand auch dabei, diese Potenziale zu aktualisieren.

Liebe entwickeln

Wir verstärken dieses Glücklichsein dann mit Gedanken der Liebe (tib. byams-pa, Skt. maitri). Liebe ist der Wunsch, dass andere glücklich sein mögen und die Ursachen dafür haben mögen. Ein solcher Wunsch folgt ganz natürlich auf mitfühlende Sympathie. Auch wenn man traurig ist über den Schmerz und das Leiden einer Person, ist es schwer, diese Gefühle zu haben, wenn man gleichzeitig aktiv wünscht, dass diese Person glücklich ist. Wenn wir aufhören, über uns selbst nachzudenken und uns stattdessen auf das Glücklichsein einer anderen Person konzentrieren, wird unser Herz auf natürliche Weise warm. Dies bringt uns automatisch ein weiteres zartes Gefühl der Freude und kann noch mehr Potenziale, glücklich zu sein, auslösen, die über lange Zeit durch unser konstruktives Verhalten aufgebaut worden sind. Wenn Liebe selbstlos und aufrichtig ist, geht sie also mit einem sanften Glücklichsein einher, das nicht-aufregend ist, und unsere Trauer schwindet. Wie eine Mutter, die ihre Kopfschmerzen vergisst, während sie sich um ihr krankes Kind kümmert, verschwindet auch die Trauer angesichts des Leidens einer anderen Person, während wir Gedanken der Liebe aussenden.

[Für eine vollständigere Besprechung siehe: Ausgewogene Sensitivität entwickeln, Kapitel 15.]

Zusammenfassung

Worin besteht also die langfristigste, grundlegendste Quelle des Glücklichseins nach Ansicht des Buddhismus? Darin, dass man die Gewohnheit entwickelt, sich davon zurückzuhalten, unter dem Einfluss von störenden Emotionen und Geisteshaltungen destruktiv zu handeln, zu sprechen oder zu denken – d.h. getrieben von Emotionen wie Lust, Begierde und Anhaftung, Ablehnung und Wut, die alle ihre Wurzel in der Naivität haben. Die Entwicklung dieser Gewohnheit ist ein konstruktives Verhalten, und ein solches konstruktives Verhalten baut die Potenziale auf, aufgrund derer unser geistiges Kontinuum in der Zukunft Glücklichsein erleben kann. Wir können die Reifung dieser Potenziale auslösen, indem wir die guten oder schlechten Eigenschaften jedes Objekts oder jeder Situation, die wir erleben, oder jeder Ebene von Glücklichsein oder Unglücklichsein, mit der wir dies erleben – ganz gleich, was das Objekt oder die Situation sein mag – weder übertreiben noch leugnen. Ohne Naivität und daher ohne Anhaftung, Abneigung oder Indifferenz müssen wir dann unseren Geist zur Ruhe bringen, indem wir ihn von geistigem Abschweifen und geistiger Trägheit befreien. Es ist nötig, insbesondere Sorgen und Erwartungen zur Ruhe zu bringen. In diesem friedlichen und entspannten Geisteszustand fühlen wir bereits einen geringen Grad von Glücklichsein, und wir lösen zudem die Potenziale aus, die wir für ein Gefühl noch größeren Glücklichseins haben.

Dann weiten wir unseren Geist aus, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf die Probleme der anderen richten, die sich möglicherweise in weit schlimmeren Situationen als wir befinden. Wir hören auf, nur an uns selbst zu denken. Wir denken daran, wie wundervoll es sein könnte, wenn alle anderen frei von Leiden wären, und wie wundervoll es wäre, wenn wir dazu beitragen könnten. Dieses starke Mitgefühl führt auf natürliche Weise zu einem Gefühl von Liebe – dem Wunsch, dass sie glücklich sein mögen. An ihr Glücklichsein zu denken lässt noch mehr von unseren Potenzialen zum Glücklichsein reifen.

Mit diesen Gedanken des Mitgefühls und der Liebe können wir unsere Gedanken den Buddhas oder irgendwelchen anderen großen Leitfiguren der Menschheit zuwenden. Wenn wir an ihr Beispiel denken, werden wir dazu inspiriert (tib. byin-gyis rlabs, Skt. adhisthana), die Verantwortung zu übernehmen, anderen tatsächlich in gewissem Umfang zu helfen. Dies gibt uns die Kraft und den Mut dazu, nicht nur die Probleme der anderen in Angriff zu nehmen, sondern auch unsere eigenen – aber noch einmal: ohne sie zu übertreiben und ohne Sorgen hinsichtlich des Scheiterns oder Erwartungen hinsichtlich des Erfolg zu hegen.