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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Das buddhistische Verständnis von „Merit“ (Verdienst): Muss man sich Glück verdienen?

Alexander Berzin
München, April 1999
Übersetzung von: Susanne Schmieder
Lektorat: Dr. Monika Dräger

Das buddhistische Verständnis von Verdienst

Das Thema des heutigen Abends ist „ merit“ (Deutsch: „Verdienst“). Im Buddhismus sprechen wir oft darüber, wie wichtig es ist, Verdienst (engl. „merit“) anzusammeln. Die Übersetzung dieses Begriffes allerdings sehr verwirrend. Im Englischen hat es eine einzige Bedeutung. Das deutsche Wort dafür ist Verdienst und meint eigentlich etwas ganz anderes. Und die Bedeutung des tibetischen Wortes unterscheidet sich noch einmal von den beiden anderen. Deshalb gibt es hier einiges an Verwirrung – denn wenn wir den Begriff hören, dann verbinden wir damit die Bedeutung, die er in unserer eigenen Sprache hat.

Heute Abend möchte ich nicht einfach unterrichten und Informationen weitergeben. Dies kann sowohl für Sie als auch für mich recht ermüdend sein. Stattdessen möchte ich an diesem Wochenende vermehrt Fragen stellen, um gemeinsam zu überlegen, um welchen Sachverhalt es hier geht. Lassen Sie mich zuerst ein paar Begriffe klären:

Der Begriff „merit“ im Englischen ist eigentlich der vollkommen falsche Begriff. Er scheint nahezulegen, dass man Punkte verdienen kann, indem man gute Dinge tut. Und wenn man genug Punkte erzielt hat – sagen wir 100 Punkte – dann bekommt man ein Abzeichen. Dies ist eine recht kindliche Vorstellung, vergleichbar mit den Rangabzeichen bei den Pfadfindern. Doch es ist sicher nicht das, was wir im Buddhismus darunter verstehen.

Ich ziehe es vor, den Begriff aus dem Sanskrit bzw. dem Tibetischen als „positive Potenziale“ oder „positive Kraft“ zu übersetzen, da es sich um etwas handelt, das aus konstruktivem Handeln resultiert um schließlich zu Glück heranzureifen. Natürlich werden wir diese Bedeutung noch etwas eingehender untersuchen, da es drei Begrifflichkeiten gibt, die in diesem Zusammenhang eine sehr spezielle Bedeutung haben und es ist wichtig, sie genau zu verstehen: Was bedeutet „konstruktives Handeln“? Was verstehen wir unter „Glück“? Und was ist dieser Prozess des „Reifens“? Wie sieht die Beziehung zwischen konstruktivem Handeln und glücklich sein aus? Wenn ich zum Beispiel versuche, etwas Gutes zu machen aber das Ergebnis davon ist, dass ich nicht sehr glücklich bin, was geht da vor sich?

Ich glaube, zuerst müssen wir einmal den Begriff Verdienst untersuchen. Was bedeutet verdienen? Bedeutet es, sich Glück zu erarbeiten oder zu erwerben? Oder bedeutet es sich Glück zu verdienen, im Sinne von „mir steht es zu glücklich zu sein“? „To earn“ im Englischen bedeutet, dass man in einem Job arbeitet und dafür bezahlt wird, etwas verdient. Damit vergleichbar wäre die Auffassung, dass wir daran arbeiten, gut zu sein und damit verdienen wir uns unser Glück. Ist es das, worum es hier geht? Oder bedeutet es, dass wir das Glücklich sein an sich verdienen? „ Ich habe ein Recht darauf glücklich zu sein, im Sinne von: „Ich habe dafür bezahlt, und nun habe ich ein Recht darauf eine entsprechende Ware zu erhalten. Wenn ich diese gute Ware nicht erhalte fühle ich mich betrogen.“ All diese Vorstellungen verbinden sich mit dem deutschen Wort verdienen. Wie ich bereits sagte sind diese Vorstellungen nicht so kindlich-naiv wie die Vorstellung von Verdienst im Sinne von Punkte erzielen und einen Wettbewerb gewinnen. Es handelt sich hier um weit wichtigere Dinge. Lassen Sie uns einen Blick auf einige grundlegende Fragen werfen. Ich bitte Sie, darüber nachzudenken und dann können wir sie diskutieren.

Haben wir ein Recht darauf glücklich zu sein?

Hat jeder Mensch ein Anrecht auf eine gerechte Behandlung im Leben, wie es z. B. die sozialistische Wertevorstellung besagt, dass jeder einen Anspruch auf eine Arbeit, ein schönes Zuhause, Nahrung, und so weiter hat? Sind wir dazu lediglich aufgrund unserer Buddhanatur berechtigt oder müssen wir uns das verdienen? Müssen wir etwas dafür tun um es zu bekommen? Sind wir dazu berechtigt glücklich zu sein? Auf einer psychologischen Ebene glauben manche Menschen, dass sie keinen Anspruch darauf haben glücklich zu sein, und sie erlauben es sich selbst nicht, glücklich zu sein. Weshalb?

Man könnte sagen, dass wir alle das Recht dazu haben glücklich zu sein, also ein Haus zu haben und so weiter. Bei dieser Betrachtungsweise stößt man auf eine weitere Bedeutung des Wortes verdienen, nämlich den Gedanken, dass jemand uns dieses Recht zugestanden hat. Hat uns jemand das Recht, glücklich zu sein, GEGEBEN, oder haben wir dieses Recht naturgemäß? Warum haben wir ein Recht darauf, ein gutes Zuhause zu haben?

Dies wiederum führt zu der Frage, ob wir für unser Handeln verantwortlich sind. Ein Beispiel: In den früheren kommunistischen Gesellschaften Osteuropas und der Sowjetunion hatte jeder das Recht auf Bezahlung, ganz egal ob er gut arbeitete oder nicht. Folglich arbeitete man auch nicht gut, denn es kümmerte sich niemand darum. Ist es das, worum es uns auch hier geht? Dass jeder ein Recht darauf hat, bezahlt zu werden und ein schönes Zuhause zu haben, ob er arbeitet oder nicht? Wenn wir das Recht zum Glücklichsein haben dann müssen wir auch nichts dafür tun. Das würde bedeuten, dass ein Mörder das Recht hat glücklich zu sein. Jemand, der raubt und stiehlt, hat das Recht dazu, denn er möchte glücklich sein. Hat er wirklich das Recht dies zu tun?

Man mag einwenden, dass sich die Aussagen „das Recht glücklich zu sein“ oder „das Recht auf ein schönes Leben“ anhören, als hätte uns jemand dieses Recht eingeräumt, und das scheine nicht zu stimmen. Vielleicht ist es stimmiger zu sagen, dass jeder die Möglichkeit, die Chance, die Gelegenheit hat, glücklich zu sein. Wir würden dann immer noch etwas dafür tun müssen, um dieses Glück auch zu bekommen. Der englische Ausdruck „to be entitled to“, also „Anspruch darauf zu haben“ , passt hier sehr gut. Es ist weniger ein Recht. Ich habe es im Wörterbuch nachgeschlagen und der Begriff „Recht“ im Deutschen impliziert, dass es einem von jemandem gegeben wurde. Der englische Ausdruck „entitled“ beinhaltet dies nicht. Er kann beispielsweise auch in Bezug auf die Umwelt verwendet werden. Die Umwelt hat auch einen Anspruch darauf, respektiert und gut behandelt zu werden. Ist die Bedeutung von „entitled“ (engl. Anspruch auf etwas haben) also so bedeutungsstark wie das englische Wort „right“, im Sinne von Recht?

Eine Eigenschaft, die wir haben ist, dass wir von Natur aus darauf programmiert sind glücklich zu sein... Denken Sie etwa an ein Baby im Kosovo. Hat dieses Baby im Kosovo einen Anspruch auf ein friedliches Zuhause und auf die Möglichkeit in einer friedvollen Umgebung aufzuwachsen einfach deshalb, weil es ein Baby ist?

Warum sind wir dazu berechtigt? Wenn wir annehmen, dass eine äußere Kraft uns dieses Recht einräumt, zum Beispiel Gott oder die Gesetze, die von dieser Gesellschaft beschlossen wurden, dann hat das Folgen: Kann uns dieses Recht genommen werden? Wenn wir einfach von Natur aus dazu berechtigt sind, was folgt daraus? Ist ein Kriegsverbrecher auch noch dazu berechtigt glücklich zu sein? Was ist mit der Umwelt?

Man sagt, dass alle Lebensformen dazu berechtigt sind, glücklich zu sein und gut behandelt zu werden. Meine Frage: Was ist mit unbelebten Dingen wie etwa der Luft oder dem Ozean? Hat der Ozean ein Recht darauf sauber gehalten zu werden? Hat die Luft ein Recht darauf sauber gehalten zu werden? Woher stammt diese Berechtigung?

Vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen ist Glück das Ergebnis unserer positiven Potenziale

Der Buddhismus sagt dazu Folgendes: Wir alle verfügen als Teil unserer Buddhanatur über einiges an positivem Potenzial. Der klassische Ausdruck dafür ist, dass wir als Teil unserer Buddhanatur eine “Ansammlung von Verdienst“ haben. Auch hier kommt mir die Terminologie seltsam vor. „ Collection“ (dt. Ansammlung, Sammlung) ist, glaube ich, dafür das falsche Wort. Ich bevorzuge den Ausdruck „Netzwerk“. Wir haben ein Netzwerk positiver Potenziale. Jede Person hat ein solches Netzwerk.

Es ist sehr vielschichtig. Wenn wir darüber nachdenken: man hat das Potenzial zu lernen, eine Familie zu gründen und andere zu lieben. Wir haben alle möglichen Arten von positiven Potenzialen. Das Potenzial Gutes zu tun. Jemand von Ihnen sagte vorhin, dass wir alle das Potenzial haben glücklich zu sein. Darum geht es hier: Wir haben die Möglichkeiten, die Potenziale dafür. Da es wechselseitig verbundene Potenziale für so viele verschiedene Dinge gibt, bilden sie ein Netzwerk. Als ein Ergebnis dieses Netzwerkes positiver Potenziale können wir glücklich sein. Ich habe das Potenzial, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, andere Menschen zu lieben, eine Familie zu gründen und so weiter, und deshalb habe ich das Potenzial glücklich zu sein. Jeder hat so ein grundlegendes Netzwerk. Auf dieser Basis können wir sagen, dass wir dazu berechtigt sind, dass wir unser Glück verdient haben. Aber die Vorstellung hinter diesen Worten passt nicht wirklich zu der buddhistischen Vorstellung, nicht wahr?

Nehmen wir an, Sie wollen in den Urlaub fahren. Haben Ihre Pflanzen ein Recht darauf gegossen zu werden, und hat Ihre Katze ein Recht darauf gefüttert zu werden? Gibt es hier einen Unterschied? Hat unser Haus ein Recht darauf sauber zu sein?

Teilnehmer: Was ist mit den Wünschen der Katze?

Alex: Sehr gut. Das kommt der buddhistischen Vorstellung, dass Glück etwas ist, das den Willen dazu erfordert schon näher. Man muss glücklich sein wollen um glücklich werden zu können. Wenn man sich dem Buddhismus annähern möchte, ist es wichtig, über all diese Dinge nachzudenken.

Ist Glück verdienbar?

Wenn wir glücklich sein wollen, ist es dann ausreichend einfach glücklich sein zu wollen, um es zu werden oder müssen wir etwas tun, um dieses Glücklichsein zu verdienen? Wenn wir es durch unser Verhalten verdienen müssen, kommt es dann auf das Ergebnis unseres Tuns an oder auf unsere Motivation? Nehmen wir an, ich habe einen Freund zum Abendessen eingeladen. Ich wollte ihm ein schönes Essen bereiten und ihn damit erfreuen. Ich hatte eine wunderbare Motivation, aber das Essen ist verbrannt und es wurde eine Katastrophe, oder meinem Freund wurde schlecht, weil er sich an einem Knochen verschluckt hat. Was ist hier von größerer Bedeutung: die Motivation oder das Ergebnis unserer Handlung?

Motivation allein genügt nicht. Wir müssen etwas tun. Und sogar die Motivation mag nicht immer so klar sein…. Angenommen wir haben nicht die Absicht, jemanden glücklich zu machen oder ihn zu treffen, es passiert einfach, dass wir ihn treffen und das macht ihn glücklich… Ich glaube, es ist eine Kombination aus beidem. Das Beispiel, das ich immer gerne gebrauche ist folgendes: ein Dieb stiehlt Ihr Auto und Sie freuen sich, weil Sie nun die Versicherungssumme einkassieren können. Es war ein furchtbares Auto und Sie haben es nicht gemocht.

Lassen Sie uns noch einen weiteren Gedanken untersuchen. Wir haben die Vorstellung, dass Verdienst im Buddhismus etwas ist, das man sich verdienen muss: wir müssen uns unser Glück verdienen. Nehmen wir an, wir haben jahrelang hart gearbeitet. Haben wir einen Urlaub oder eine Gehaltserhöhung verdient? – Es ist weder das eine noch das andere. Haben wir Urlaub verdient? Haben wir ein höheres Gehalt verdient? Ich glaube im Sinne des Wortes „verdienen“ würden Sie sagen: „Ja, wir haben das verdient.“ Wir können jedoch in den Urlaub fahren und trotzdem nicht glücklich sein. Haben wir das Glück verdient? Wir haben das Glücklichsein nicht verdient. Was verdienen wir dann?

Teilnehmerin: [übersetzt] Sie sei eine gute Mutter und denke über sich selbst, dass sie eine gute Mutter sei… Schon bevor man auf die Welt kommt setzen die Menschen voraus, dass man den Erwartungen derjenigen gerecht wird, die einen zur Welt bringen.

Alex: Es ist sogar noch komplizierter, weil man sagen kann: „Ich bin eine gute Mutter. Wenn ich eine gute Mutter bin, sollte ich mir den Respekt meiner Kinder verdient haben. Aber sie respektieren mich nicht.“

Teilnehmerin: [übersetzt] Genau das sei bei ihr der Fall. Sie kam genau neun Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern zur Welt. Sie war also ein erwünschtes und geplantes Kind, und ihre Eltern bestanden immer darauf, dass die hübsch und freundlich und so weiter sein sollte. Und so tat sie alles was ihr gesagt wurde.

Teilnehmerin: [fügt hinzu] Wenn man ein geplantes Kind ist, dann gibt es bereits Erwartungen (die auf einen warten). Dieses Beispiel zeigt ganz deutlich, dass dieser Geist, der glücklich sein möchte und der von anderen verlangt sich auf die eine oder andere Weise zu verhalten, sodass er glücklich sein kann, ein sehr teuflischer Geist ist.

Alex: Verdienen sich Eltern, indem sie gute Eltern sind, den Respekt ihrer Kinder? Wenn sie diesen Respekt verlangen, verdienen sie ihn damit nicht mehr?

Sie verdienen Respekt, aber Sie bekommen ihn nicht. Warum? Und können wir von jemandem erwarten, dass er uns gibt, was wir uns verdient haben? Ist das eine angemessene Erwartung? Funktioniert Karma so?

Teilnehmer: Wir sprechen zu viel über äußere Formen von Glück und die äußere Erscheinung von Glück und nicht so sehr…

Alex: … aber die Quelle des Glücks ist im Inneren. Jetzt kommen wir schon etwas näher an die buddhistische Vorstellung heran.

Teilnehmer: [übersetzt] Ich habe eine Nichte mit einer körperlichen Behinderung und auch geistig ist sie sehr eingeschränkt. Von dieser Person geht wenig Motivation oder Aktivität aus. Trotzdem fühle ich, dass diese Person es so sehr verdient hat, dass sie gut behandelt wird, gute Lebensumstände hat und glücklich ist.

Alex: Es muss mehr sein als nur die Motivation. Stellen Sie sich vor, jemand wird verletzt, verliert einen geliebten Menschen oder hat eine Behinderung, wie in Ihrem Beispiel. Hat diese Person Mitgefühl verdient?

Teilnehmer: [übersetzt] Ich finde, es ist total verrückt, wenn man immer darüber nachdenkt: „ Wie kann ich glücklich werden?“ und all das andere Zeug, das ist doch alles Blödsinn. Ich möchte das alles loswerden.

Alex: Sie möchten den Wunsch, glücklich zu sein, loswerden?

Teilnehmer: Ja. Und der Buddhismus ist für mich der einzige Weg, von diesem Wunsch loszukommen.

Alex: Wenn Sie den Wunsch, glücklich zu sein, los sind, sind Sie dann glücklich? Denken Sie darüber nach.

Positives Potenzial aufzubauen, nur weil man glücklich sein möchte: das wird nicht klappen. Ist es das, was Sie meinen? „Ich werde dem (buddhistischen) Zentrum eine große Spende machen, weil ich glücklich sein und eine bessere Wiedergeburt haben möchte.“ Sagt der Buddhismus nicht, dass, wenn man alle möglichen guten Taten vollbringt, man dann eine bessere Wiedergeburt hat?

Teilnehmer: [übersetzt] Eigentlich sagt der Buddhismus das nicht, aber es gibt viele Darstellungen, die sich so anhören. Das ist Unsinn.

Alex: Tatsächlich geht der Buddhismus davon aus, dass die Tatsache, dass man eine bessere Wiedergeburt erreichten möchte, die Ausgangsmotivation darstellt, damit man zumindest damit aufhört, andere zu verletzen, zu stehlen, und so weiter. Aber man muss darüber hinausgehen, denn selbst wenn man Glück in einer besseren Wiedergeburt erreicht, wird man es verlieren. Man wird nicht wirklich glücklich sein. In Wahrheit ist es so, dass man aufhören muss, glücklich sein zu wollen, um Befreiung zu erlangen.

Teilnehmer: [übersetzt] Ich glaube, dass man etwas dafür tun muss, um glücklich zu sein. Und wenn es nur das ist, dass man sich in die Sonne legt und entspannt. Man kann also etwas tun, das Ergebnis ist allerdings ungewiss. Das erwünschte Ergebnis muss nicht unbedingt eintreten. Man tut etwas, aber man wird nicht notwendigerweise dadurch glücklich. Worum es in dieser Diskussion hier geht ist, dass Glück mehr mit innerer Stabilität zu tun hat.

Alex: Lassen Sie uns einmal einen Blick auf zwei weitere Gesichtspunkte des Wortes „ verdienen“ werfen. Lassen Sie uns über die Menschen im Kosovo nachdenken, die verwundet worden sind. Was haben sie verdient? Haben sie Mitgefühl verdient? Haben sie es verdient, in unser Land aufgenommen und versorgt zu werden? Was haben sie getan um das zu verdienen? Haben sie ein Recht darauf glücklich zu sein? Haben sie ein Recht auf Rache? Was ist mit den serbischen Soldaten, die so viele von ihnen getötet haben? Haben sie unser Mitgefühl und Vergebung verdient? Was haben sie getan, um es sich zu verdienen? Haben sie es verdient, bestraft oder getötet zu werden? Jetzt erkennen Sie das Problem mit dem Wort „verdienen“.

Teilnehmer: [übersetzt] Das ist eher eine ethische Frage. Alles ist möglich. Die Frage ist, wie man dazu steht?

[fügt hinzu]: Ich glaube Sie haben gefragt, was gut und was schlecht ist. Wer hat das Recht zu sagen, das ist gut und das ist schlecht? Was bedeutet es für mich? Für mich persönlich wäre es interessant zu wissen…

Alex: Ich weiß es nicht. Der Punkt, den ich hier verdeutlichen möchte, ist, dass die ganze Idee des Verdienens, was bedeutet, etwas zu erarbeiten, zu erwerben bzw. einen Anspruch auf etwas zu haben – und darüber hinaus unser westliches Verständnis davon, sich sehr vom buddhistischen Verständnis des Karmas unterscheidet. Und um dieses buddhistische Verständnis geht es hier: um positives Potenzial. Das ist etwas ganz anderes.

Karma hat nichts mit Gerechtigkeit oder einem Rechtssystem zu tun

Wenn wir unser westliches Verständnis von Rechten, Dinge erwerben oder Dinge verdienen betrachten, steht dahinter grundlegende kulturell bedingte Vorstellung, die wir hier im Westen haben. Diese Vorstellung besagt, dass das Universum gerecht ist, dass es eine Form der Gerechtigkeit im Universum gibt und dass es gerecht zugehen sollte. „Es muss gerecht sein.“ Warum soll es gerecht sein? „Weil das Universum gerecht ist.“ Das ist eine sehr westliche Vorstellung.

Wir können das auf verschiedene Weise betrachten. Von einem Standpunkt aus betrachtet, ist es angemessen, dass die Menschen aus dem Kosovo in unser Land kommen. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet könnte man sagen: „Es ist ebenso angemessen, wenn sie Rache üben. Und es ist gerecht, wenn wir Serbien bombardieren“. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, ist es angemessen, wenn wir den serbischen Soldaten verzeihen. Aber auf der anderen Seite mag es genauso angemessen sein, sie einzusperren. Wir haben also eine Vorstellung von Gerechtigkeit und es gibt eine Rechtsprechung. Das ist nicht auf den Westen beschränkt. Es existiert auch im Denken der Chinesen. Im tibetischen Gedankengut gibt es das aber nicht.

In unserer westlichen, an der biblischen Perspektive orientierten Sichtweise, gründet die Vorstellung von Gerechtigkeit oder Gesetz in Gott. Gott ist gerecht. Gott ist fair. Auch wenn es so aussieht, als wäre es nicht gerecht, dass Gott z. B. mein Kind genommen hat, müssen wir glauben, dass Gott in seiner Weisheit gerecht war. Als religiöser Mensch muss ich also darauf vertrauen, dass Gott weiß, was er tut, wenn er mir mein Baby wegnimmt. Für die Menschen im Westen, die nicht religiös sind, hat das ganze Konzept von Recht und Gerechtigkeit eher einen politischen Aspekt. Dessen Ursprung stammt von den Griechen und besagt, dass zumindest die Gesellschaft gerecht sein sollte. Also versuchen wir durch ein Rechtssystem und so weiter eine gerechte Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft wird gerecht und fair durch Politik, Gesetze und so weiter. Im Grunde genommen wird eine Gesellschaft nicht durch Gott gerecht sondern durch die Menschen – die Gesetzgeber. Wir gestalten es gerecht, weil wir sie wählen. Interessanterweise übersetzen die Chinesen das Wort „Dharma“(Skt.) als „Gesetz“. Und das, obwohl entsprechend der traditionellen chinesischen Denkweise Gesetze ein Teil der natürlichen Ordnung des Universums sind. Sie sind weder von Gott noch von den Menschen gemacht.

Es ist egal, ob wir es auf eine persönliche Weise betrachten, so wie es im Westen geschieht oder auf eine unpersönliche Art, wie es innerhalb der chinesischen Kultur geschieht: es geht doch immer um Gehorsam. Gehorche den Gesetzen und die Dinge werden sich zum Guten wenden und dann du wirst glücklich sein. Wenn du den Gesetzen nicht gehorchst, wirst du auch nicht glücklich. Wenn wir uns den indischen und die tibetischen Traditionen des Buddhismus – jedoch nicht dem chinesischen Buddhismus – zuwenden, tendieren wir dazu, unsere westliche Auffassung mit hineinzubringen und das erzeugt Verwirrung, weil wir das Wort verdienen (für das englische Wort „merit“) benutzen. Verdienst ist genauso ein lächerlicher Ausdruck. Verdienen tut man etwas, das man sich erarbeitet hat. Das Universum sollte also gerecht sein. Wenn ich mich auf eine konstruktive Weise verhalte, sollte das Universum fair sein und ich sollte glücklich sein. Es sollte Gerechtigkeit geben. Wir sagen zwar: „Ich weiß, dass mir das nicht von Gott oder jemand anderem gegeben wurde.“ Aber betrachten Sie trotzdem einmal, wie wir im Westen über Karma reden! Wir nennen es „das Gesetz des Karma“. In ursprünglichen Ausdruck gibt es das Wort „Gesetz“ nicht. Wir fügen es hinzu. Wir betrachten Karma als wäre es ein System von Gesetzen, die auf Gerechtigkeit basieren. Das hat nichts mit dem ursprünglichen Begriff zu tun. Also, worum geht es bei Karma wirklich?

Karma bezieht sich auf die Resultate von konstruktivem bzw. destruktivem Verhalten

Zu Allererst: Beim Karma geht es um die Ergebnissen von konstruktiven Handlungen und um das, was die Folge von destruktivem Handeln ist. Es handelt von der verhaltensbedingten Ursache und Wirkung von Verhalten. Wir verwenden Ausdrücke, wie z. B. „physikalische Gesetze“. Physikalische Gesetze wirken einfach; es hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, wenn Objekte den physikalischen Gesetzen gehorchen. Sogar bei den Chinesen, in deren Verständnis Gesetze Teil des Universums sind, ist die Vorstellung von Gerechtigkeit noch vorhanden. Hier im indischen und tibetischen Buddhismus jedoch, geht es um ein System das Sinn macht, aber es basiert nicht auf Gerechtigkeit oder Fairness. Es ist einfach was es ist.

„Konstruktiv“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man sich auf eine Art und Weise verhält, deren grundlegende Motivation frei von Anhaftung ist wie: „Ich möchte glücklich sein. Ich tue dies um glücklich zu werden.“ Und frei von Ärger, frei von Naivität und so weiter. Wir haben die Motivation: „Ich möchte niemandem schaden.“ „Ich möchte anderen helfen.“ wäre auch so ein Satz. Aber dies ist nicht das charakteristischste Kennzeichen. Wenn man jemandem helfen möchte ist das ein Bonus, eine Zugabe. Die grundlegende Motivation ist, dass sie frei von Begehren, Anhaftung oder Unwissenheit ist. Wie im Beispiel der Mutter, die Sie beschrieben haben: „Ich behandle meine Kinder gut, weil ich möchte, dass sie mich respektieren und lieben und sich um mich kümmern, wenn ich alt bin.“ In so einem Fall mag sie versuchen, nett zu ihren Kindern zu sein, aber ihre Motivation gründet in Anhaftung. Aus dieser Haltung heraus wird man wenig Glück erlangen.

Wenn wir von dem „Ergebnis des konstruktiven Handelns“ sprechen, ist das genau genommen ziemlich kompliziert. Die Motivation alleine ist nicht ausreichend, wir brauchen eine Kombination aus Motivation, einer Handlung und deren unmittelbarem Ergebnis. Die Motivation mag positiv sein, aber wenn man z. B. eine gute Mahlzeit zubereitet und der Gast verschluckt sich an einem Knochen oder bricht sich damit einen Zahn ab, ist das eine komplexe Angelegenheit. Allerdings spielt die Motivation schon die entscheidende Rolle.

Als Ergebnis von konstruktivem Handeln „sammeln wir Verdienst an“. Aber was bedeutet „ansammeln“ und was bedeutet „Verdienst“? Wir haben bereits betrachtet, was Verdienst bedeutet. Nun müssen wir untersuchen, was „ansammeln“, „anhäufen“ oder „aufbauen“ bedeutet.

Das positive Potenzial ist Verdienst oder „ merit“: das Potenzial, aus dem das Glück erwächst. „Ansammeln“ bedeutet nicht, dass wir Punkte sammeln. Es bedeutet auch nicht, dass wir es verdient haben, wie z. B. nach einer Beweisaufnahme in einem Prozess, bei dem wir am Ende verdientermaßen freigesprochen werden. So verhält es sich nicht. Ich glaube, eine hilfreichere Art, es begrifflich zu erfassen, ist die Vorstellung, dass wir unser Netzwerk positiver Energien stärken. Da wir als Teil unserer Buddhanatur über ein grundlegendes Netzwerk verfügen, können wir es stärken, damit es besser funktioniert. Ich betrachte es fast wie ein elektronisches System mit vielen Leitungen und man verstärkt diese, damit der Strom besser fließen kann.

Was bedeutet „zu Glück heranreifen“?

Der Punkt ist hier: was bedeutet dies für unsere konstruktiven Handlungen und das positive Potenzial, das daraus erwächst und zu Glück heranreift? Es ist sehr wichtig, den Ausdruck „ heranreifen“ zu verstehen.

Zunächst einmal sprechen wir hier nicht über die Erfahrung, die andere durch unsere Handlungen machen. Wir sprechen davon, wie WIR sie erfahren. Wir können ein herrliches Abendessen für unsere Freunde zaubern, weil wir sie lieben und sie glücklich machen möchten, aber sie mögen das Essen nicht. Wir haben ihnen keine Freude bereitet. Also werden unsere konstruktiven Handlungen nicht notwendigerweise zu Glück für jemand anderem führen. Das bedeutet es auch nicht, wenn man sagt, dass konstruktive Handlungen zu Glück heranreifen.

Das Glück, von dem wir hier sprechen, ist aber auch unbedingt nicht das, was man während der konstruktiven Handlung erfährt. Stellen Sie sich vor, Sie hätten gerne eine sexuelle Affäre mit jemanden, der verheiratet ist, aber Sie nehmen davon Abstand, weil Sie damit Ehebruch begehen würden. Sie wissen, es wäre unangemessen. Es macht Sie sicher erst einmal nicht glücklich sich zu zurückzuhalten. Das ist es nicht, worüber wir sprechen. Das Glück (um das es uns geht) ist nicht das, was Sie erleben, während Sie konstruktiv handeln.

Wir sprechen auch nicht davon, wie Sie sich sofort im Anschluss an die konstruktive Handlung fühlen. Ich habe etwas sehr Schönes für meinen Freund, der wegzieht, getan. Ich habe eine Abschiedsparty veranstaltet und habe viel dafür getan um ihn glücklich zu machen. Dann zog er in eine andere Stadt und ich fühlte mich tagelang elend. Wir sprechen nicht darüber, was man unverzüglich nach der konstruktiven Handlung fühlt. Das ist es nicht was man unter „heranreifen“ versteht.

Wir haben ein geistiges Kontinuum. Es gibt eine Kontinuität unserer Erfahrung. Es ist nicht so, dass es etwas Beständiges gäbe, das kontinuierlich abläuft. Aber es gibt eine Kontinuität unserer Erfahrung von Moment zu Moment, ein Strom aus Momenten der Erfahrung. Unser ganzes Leben hindurch folgt ein Moment auf den anderen und das setzt sich von einem Leben in das Folgende fort. In jedem Augenblick ist das gesamte Netzwerk unserer Potenziale vorhanden und beeinflusst, was im nächsten Moment passiert. Denken Sie daran: So wie wir ein Netzwerk positiver Potenziale haben, verfügen wir auch über ein Netzwerk negativer Potenziale. Aufgrund unserer Verwirrung über die wahre Realität der Dinge erfahren wir viele destruktive Zustände. Wir haben auch negative Potenziale: das negative Potenzial, sarkastisch zu sein, gemein zu sein und manchmal zu lügen. Auch all dies ist wie ein Netzwerk von Potenzialen, die untereinander auf vielerlei verschiedene Weise verbunden sind.

Das Heranreifen ist ein nicht-linearer und chaotischer Prozess

Wenn es darum geht, wie diese Potenziale reifen, kann man sagen, dass eine der Arten, wie sie reifen, unsere Vorlieben sind. „Ich bin gerne mit dieser Art von Menschen zusammen. Ich mag jene Art von Menschen nicht.“ Ebenso: „Ich möchte meine Gefühle stark ausdrücken.“ Alles was wir begehren und ablehnen, ist die Konstellation dessen, was wir im Allgemeinen unsere „Persönlichkeit“ nennen. Was da geschieht ist, dass darauf basierend Folgendes heranreift heranreift: unsere Persönlichkeit, unsere Vorlieben und Abneigungen. Und abhängig von den jeweiligen Umständen, werden verschiedene Impulse entstehen. Z. B.: „Ich gehe gerne durch dunkle Straßen.“ Der Impuls kommt auf und ich gehe eine dunkle Straße entlang – und als Ergebnis davon werden ich dort überfallen. Das ist eine Ebene dessen, was gemeint ist, wenn wir sagen „Karma reift heran“.

Ein weiterer Aspekt des Heranreifens zeigt sich z. B. wenn wir sagen „Ich bin glücklich“, „Mir geht es gut“ oder „Mir geht es nicht gut“, was in jedweder Situation sein kann. Manche Menschen sind sehr reich und haben einen großen Besitz und trotzdem sind sie überhaupt nicht glücklich. Andere besitzen nichts und sind glücklich. Das kommt von den grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften. Ich glaube, wir können das aus einer westlichen Perspektive ganz leicht verstehen. „Ich mag das einfache Leben. Es macht mich glücklich.“ „Ich mag ein geschäftiges, stimulierendes Leben. Das macht mich glücklich.“ Dies hängt alles sehr stark mit unseren Vorlieben zusammen, nicht wahr? „Ich bin gern mit dieser Art von Menschen zusammen; ich mag jene Art von Menschen nicht. All diese Dinge zeigen, was es mit dem Glücklich sein auf sich hat. Allerdings ist man nicht immer glücklich mit jemandem, den man mag. Es ist an dieser Stelle sehr wichtig zu verstehen, dass das ganze System des Heranreifens zu glücklich und unglücklich, das ganze System von positiven und negativen Potenzialen ein nicht-lineares System ist.

Es ist nicht so, dass man, wenn man auf eine bestimmte Weise handelt, sofort glücklich wird und glücklich bleibt und alles auf einer geraden Linie verläuft. So funktioniert es nicht. Es ist nicht-linear. Man kann es eher als chaotisches Muster bezeichnen. Es ist ein Chaos. Manchmal fühlen wir uns nicht glücklich in Gegenwart einer bestimmten Person; manchmal fühlen wir uns glücklich mit genau derselben Person. Es ist nicht-linear. Es ist auf eine gewisse Weise chaotisch. Aber es ist auch verständlich, weil es an der Komplexität liegt, die unser gesamtes Netzwerk der positiven und negativen Potenziale ausmacht. Es ist sehr vielschichtig.

Stellen Sie sich vor: Jemand ist verwundet. Nehmen wir als Beispiel Flüchtlinge aus dem Kosovo. Man kann sagen, dass das Unglück, das sie erlebt haben, ein Ergebnis ihres negativen Potenzials ist. Das ist natürlich eine heikle Sache. Zunächst einmal: warum sind sie dort geboren worden? Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Das ganze Konzept von positivem und negativem Potenzial ergibt nur unter der Annahme einen Sinn, dass ein ursprungsloser Geist und die Reinkarnation existieren. Ohne dies ergibt es keinen Sinn. Man fragt sich, warum wurde dieses Baby im Kosovo getötet? Wenn man den Grund nicht im Potenzial des eigenen geistigen Kontinuums sieht, dann muss es Gott gewesen sein, der das entschieden hat. Oder es war einfach Pech. Aber das ist keine sehr hilfreiche Antwort: „Tut mir leid, aber es war einfach Pech, dass du als Kind im Kosovo geboren wurdest.“ Das ist nicht sehr nett. Man könnte auch sagen: „Es ist alles die Schuld der Serben.“ Und trotzdem: warum ich? Wir brauchen eine Antwort. Es ist keine einfache Situation. „Warum wurde mein Kind getötet?“

Im Buddhismus geht man davon aus, dass es seit anfangsloser Zeit positive und negative Potenziale gibt. Das ist eine andere Möglichkeit, die Frage, warum manche Dinge passieren, zu beantworten. Das Interessante daran ist, dass wir darüber sprechen, ob diese Person Mitgefühl verdient hat und einen Flüchtlingsstatus in Deutschland erhält, oder ob diese Person ein Recht darauf hat, in die Untergrundarmee zu gehen und sich zu rächen? Karma gibt hier eine sehr interessante Antwort zu dem Konzept von negativen und positiven Potenzialen.

Offensichtlich war es ein Ergebnis von negativem Potenzial, dass diese Menschen ihre Heimat verloren haben und dass ihre Familie getötet wurde. Aber wenn sie auch über viel positives Potenzial verfügen, dann werden sie automatisch Mitgefühl erhalten oder ihnen wird Asyl in Deutschland gewährt. Sie müssen es nicht einmal verlangen; sie könnten es verlangen und es nicht bekommen, weil sie nicht das positive Potenzial dafür haben. Auch wenn sie ein bestimmtes positives Potenzial haben, um den Flüchtlingsstatus in Deutschland zu erhalten, können andere negative Potenziale vorhanden sein, die sie in Deutschland nicht glücklich werden lassen.

Sie könnten auch noch viel mehr negatives Potenzial haben. Das negative Potenzial, das entsteht, wenn man jemanden tötet, könnte als Ergebnis haben, dass man in eine Situation gerät, in der man selbst oder geliebte Menschen umkommen. Und wenn noch negatives Potenzial vorhanden ist, dann wird es sich in dem Sinne fortsetzen, dass man Rache üben möchte. Der Impuls wird aufkommen und man sinnt auf Rache, sodass sich das vorhandene negative Potenzial fortsetzt. Und weil dieser Prozess nicht linear ist, reift an einem Tag die eine Sache heran und am nächsten Tag eine andere. Es ist eine Kombination aus allem Möglichen, weil auch während jemand Rache übt, er sich sehr glücklich darüber fühlen kann oder aber auch sehr wütend oder bedrückt.

Das ist die allgemeine Vorstellung von positivem Potenzial im Buddhismus.

Verstärken und Aufbauen von positivem Potenzial

Wir versuchen, so viel als möglich, unser Netzwerk von positiven Potenzialen zu stärken ohne naiv zu sein und zu denken, dass alles was ich dafür tun muss 100 000 Niederwerfungen sind oder so etwas ähnliches und dass ich dann immer glücklich sein werde und nichts mehr schief gehen kann. Es ist kompliziert und reift auf eine chaotische Weise heran. Manchmal sind wir glücklich und manchmal gibt es Situationen, die uns unglücklich machen. Im Allgemeinen bin ich glücklich, aber ich liebe sehr fettige Pizza. Deshalb esse ich vielleicht so eine Pizza, nachdem ich meine 100 000 Niederwerfungen praktiziert habe, weil gerade der Impuls aufkommt. Das positive Potenzial, das ich durch die Niederwerfungen erlangt habe bewahrt mich dann allerdings nicht davor, dass mir übel wird, nachdem ich die Pizza gegessen habe. Es ist wichtig, nicht in diesem Sinne naiv zu sein.

Der Leitgedanke warum wir positives Potenzial aufbauen wollen, ist, Umstände zu erschaffen, die es uns ermöglichen, direkten Einblick in den Dharma zu erhalten. Wir werden dann die Neigung haben, uns in diese Umstände zu bringen. Als ein Resultat der positiven Potenziale MÖCHTE ICH meditieren. Ich MÖCHTE über tiefgreifende Themen des Dharma nachdenken. Das ist das Resultat dieser Arten von Praxis. Und weil wir es gerne tun, kommt der Impuls, über die Leerheit zu meditieren, immer häufiger auf. Warum erinnern wir uns überhaupt an die Leerheit? Es ist einfach so, dass ein Impuls hochkommt und wir uns erinnern. Und als Ergebnis dessen, dass die der positiven Umstände aufkommen, als Ergebnis der positiven Umstände dessen, was wir mögen, werden wir zu immer noch tieferen Einsichten gelangen, die Unwissenheit und das Fehlen von Gewahrsein beseitigen. Und indem wir diese beseitigen, lösen wir die Ursache für unser Leiden auf. Dann sind wir WIRKLICH glücklich. Aber das ist eine chaotische, nicht-lineare Methode. Es ist nicht so, dass wir die Einsicht erlangen und „ Peng!“, die Glückseligkeit ist da, und wir sind auf ewig glücklich. Der Prozess dauert sehr lange.

Das ist der Hauptgrund weshalb wir positives Potenzial aufbauen wollen, was es bedeutet, dies zu tun und wie es funktioniert. Ich glaube es ist sehr wichtig, von der Bedeutung, die unsere westlichen Worte haben, dass wir unser Glück verdienen und so weiter, wegzukommen. Das entspringt dem deutschen Wort verdienen: „Es steht uns zu, weil wir dafür bezahlt haben.“

Es wäre sehr schön, noch mehr Fragen über unser positives Potenzial zu erörtern, doch es ist schon sehr spät und deshalb sollten wir vielleicht an dieser Stelle mit einer Widmung den Abend beenden.

Widmung

Die Widmung passt sehr gut zu unserem Thema. Was tun wir mit dieser Widmung? Wir sprechen den Gedanken aus: „Ich widme das positive Potenzial allen Wesen, um schnell zur Erleuchtung zu gelangen.“ Es hört sich wie ein kindliches Gebet an, das man in der Schule aufsagt. Für viele von uns sind es nur Worte. Aber was bedeuten sie tatsächlich?

Wir sagen damit Folgendes: welches Verständnis wir auch am heutigen Abend erreicht haben, möge es sich tiefer und tiefer entwickeln. Möge es sich in mein Netzwerk positiven Potenzials einfügen, damit es die verschiedenen Aspekte meines Potenzials stärkt, sodass ich mit Verständnis und Mitgefühl handeln kann, geduldig sein kann, wenn Schwierigkeiten auftauchen oder ich andere Menschen leiden sehe, und so weiter. Möge es die verschiedenen Aspekte des Netzwerkes stärken, sodass sie reifen und dazu führen, immer mehr Impulse hervorzubringen, damit ich mit mehr Verständnis, mehr Mitgefühl, und so weiter handle. Mögen sie in einer Art und Weise reifen, dass ich, wenn etwas geschieht, dies auch verstehen kann glücklich sein kann. Es wird mich nicht bedrücken, weil es zu Glück heranreift. Darüber hinaus befähigt es mich zu mehr Verständnis und Mitgefühl anderen Menschen gegenüber. Anstatt zu sagen: „Nun, das hast du verdient.“, wenn jemand verletzt wird, möge das positive Potenzial heranreifen zu einem Verstehen, wie diese Dinge passieren konnten, nämlich als ein Resultat positiver und negativer Potenziale.

Das bedeutet es, wenn wir sagen: „Ich füge den Verdienst, den ich an diesem Abend erworben habe meiner Ansammlung von Verdienst hinzu, sodass alle Lebewesen glücklich sein mögen.“ Und möge das Verstehen sich vertiefen, sodass es diese positiven Netzwerke, die wir haben, verstärkt. Möge es Glück bringen und so fort. Dies wird nicht auf geradem Wege vonstatten gehen. Es wird auf eine nicht-lineare Weise geschehen. Wenn wir dies verstehen, sind wir nicht enttäuscht oder verbittert, wenn wir einmal nicht auf mitfühlende Weise agieren. Es wird nicht gleichmäßig sein. Allerdings wird sich mit der Zeit schrittweise ein positiveres Muster herausbilden. So funktioniert es.

Mit der Widmung versuchen wir, die Erfahrung zu spüren und das Verständnis, das wir gewonnen haben, wirken zu lassen und in unser gesamtes System zu integrieren. Und wir entwickeln den starken Wunsch, dass wir es wahrhaftig verarbeiten und in unser Leben integrieren können. Bitte konzentrieren Sie sich einige Minuten darauf.

Dankeschön!