Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Grundlagen des tibetischen Buddhismus > Stufe 2: Lam-rim (Stufenpfad)-Material > Die Relevanz von Zuflucht und Karma im täglichen Leben > Teil drei: Handlungen zum Üben, in eine sichere Richtung zu gehen

Die Relevanz von Zuflucht und Karma im täglichen Leben

Alexander Berzin
Riga, Lettland, August 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Teil drei: Handlungen zum Üben, in eine sichere Richtung zu gehen

Lassen Sie uns mit einigen Fragen beginnen, falls Sie welche haben. Hat jemand eine?

Frage: Was ist es, das wiedergeboren wird?

Alex: Was wiedergeboren wird? Keine ganz einfache Frage, daher keine ganz einfache Antwort. Es ist das, was wir „das bloße Ich“ nennen – aber das muss erklärt werden. Wir haben ein Kontinuum geistiger Aktivität. Ich sollte eigentlich nicht sagen: Wir haben eines, so als gäbe es ein gesondertes „Ich“, welches das Kontinuum besitzt. Es ist weder so wie in der Aussage: „Ich habe eine Kuh“ noch so, wie man sagt: „Ich habe einen Arm“ – also nicht so, dass ich etwas besitze, das Teil von mir ist oder nicht Teil von mir ist. Wir sollten vielmehr sagen, dass es ein individuelles Kontinuum geistiger Aktivität gibt, das einen Augenblick nach dem anderen erzeugt, beruhend auf Ursachen und Wirkungen im Bereich des Verhaltens – Karma -, sodass eine logische Abfolge der Erfahrung dieser geistigen Aktivität stattfindet. Da sie etwas Individuelles und Subjektives ist, kann sie als „ich“ bezeichnet werden. Aber obwohl dieses „Ich“, das ihr zugeschrieben werden kann, sich konventionell auf „mich“ bezieht – ich erlebe eine Wiedergeburt nach der anderen; ich erlebe einen Moment nach dem anderen, und das wird konventionell als „ich“ bezeichnet -, gibt es keine wirkliche Entsprechung dafür. Mit anderen Worten, wir müssen unterscheiden, worauf sich etwas bezieht und was dem entspricht.

Lassen Sie mich diesen Unterschied erklären. Wir empfinden eine Emotion. Es gibt das Gefühl einer Emotion. Es gibt zahlreiche verschiedene Fälle ähnlicher Arten von Emotion oder Gefühl (lassen Sie uns hier von einem Gefühl reden). Wir können sie alle mittels einer Kategorie bezeichnen, und die Kategorie wäre in diesem Fall „Glück“ – ein glückliches Gefühl. All jene Fälle wären Einzelfälle davon, Glück zu empfinden – obwohl sich das natürlich jeden Augenblick verändert. Das Ausmaß an Glück, seine Qualität usw. ist immer etwas unterschiedlich. Wenn ich sage, dass ich glücklich bin, bezieht sich das auf etwas – ich fühle ja tatsächlich etwas. Aber es gibt kein festes, getrennt existierendes Glück, das dieser Bezeichnung entspricht, und das irgendwo, wer weiß wo existiert, und mit dem ich irgendwie in Verbindung trete und es dann fühle. Wenn von Dingen die Rede ist, die den Bezeichnungen entsprechen – diesen Kategorien entsprechen -, so müssten sie etwas sein, das quasi wie in Schubladen existieren würde, wie Einträge im Wörterbuch oder so etwas, sich eben irgendwo befindet, und wir verbinden uns dann damit. Das entspricht keinerlei Realität. Nichts ist so.

Wenn von Leerheit die Rede ist, geht es um die Abwesenheit von etwas, das diesen Bezeichnungen oder Etiketten entspricht. Nichtsdestotrotz kann ich im konventionellen Sinne sagen: „Ich bin glücklich“, und diese Bezeichnung für das Glück, das ich empfinde, bezieht sich auf etwas. Es ist nicht so, dass überhaupt nichts da wäre. Konventionell betrachtet, fühle ich etwas, und das nenne ich konventionell „Glück“, und die meisten Leute würden es ebenfalls so nennen. Obwohl das natürlich subjektiv und individuell ist: Wie können sie wissen, was ich fühle?

Mit dem „Ich“ – oder dem Selbst, der Person, dem Individuum oder wie immer Sie es nennen wollen – ist es genauso. Man kann diesem Kontinuum – dem individuellen, subjektiven Kontinuum geistiger Aktivität – die Bezeichnung „ich“ geben, und diese Bezeichnung bezieht sich auf etwas. Aber es gibt kein gesondertes „Ich“ bzw. eine Art Entität, die von sich aus existiert, getrennt von all dem, und es beobachtet oder kontrolliert oder im Körper wohnt wie in einem Haus – nichts dergleichen. Das Kontinuum beinhaltet die geistige Aktivität, so wie wir es erklärt haben: mit Potenzialen usw., kommunizierender Energie und all dem. Das kann als „ich“ bezeichnet werden, als individuelles „Ich“, und es setzt sich von Augenblick zu Augenblick fort, ohne dass irgendetwas Festes von Augenblick zu Augenblick weitergeht, das statisch bleiben und sich von einem Moment in den nächsten bewegen würde wie etwa auf einem Förderband.

Wir können uns das wie einen holografischen Film vorstellen – einer, von dem man einfach bloß sagt: „hier ist er, und er läuft gerade ab“ – obwohl es nie dasselbe ist, was von Moment zu Moment zu Moment vor sich geht. Es gibt nichts Festes, das in unserem holographischen Film von einem Moment zum anderen weitergeht, aber dennoch gibt es eine Kontinuität. Wir können sogar sagen, dass der holographische Film eine Handlung hat, aber es ist nicht so, dass die Handlung irgendwo anders verfasst wurde und er dieser Handlung folgt. Doch wenn wir eine Zeit lang zuschauen. können wir ihm zuschreiben: Ja, da ist eine Handlung, eine Geschichte. Das ist eine Art karmisches Muster, das da abläuft.

Wenn wir das nun mit unserer Erörterung der Zuflucht und meinem Hinweis in Verbindung bringen, dass es sehr wichtig ist, in Bezug auf all das nicht perfektionistisch zu sein, dann erkennen wir, dass es das konventionelle „Ich“ ist – das, was dieser mentalen Aktivität zugeschrieben werden kann -, welches in diese positive, sichere Richtung gehen kann und das Befreiung und Erleuchtung erreichen kann, und nicht ein festes, gesondertes Ding, das perfekt sein muss, nicht gut genug ist usw. Als ich sagte: „Tun Sie‘s einfach“, war damit gemeint: ohne das Gefühl zu haben, dass ich ein gesondertes „Ich“ bin, und nun mich, auf irgendwie dualistische Weise – als ob es zwei „Ichs“ gäbe – dazu bringen muss, etwas zu tun, an mir zu arbeiten usw. Oder sind da nun gar schon drei „Ichs“: Ich muss mich dazu bringen, an mir zu arbeiten“? Das ist jedenfalls eine verwirrte Art, die Dinge zu betrachten: Das dritte „Ich“, das, an dem gearbeitet werden muss, ist nicht gut genug, daher muss ich, der Sklaventreiber, härter vorgehen, um das faule Selbst da drüben zu bändigen. Das ist wirklich reichlich neurotisch.

Etwas einfach zu machen beinhaltet natürlich, dass man entschlossen ist, Willenskraft haben, Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit hat. All das sind Geistesfaktoren, die unsere geistige Aktivität begleiten, aber ohne irgendein davon getrenntes „Ich“, das am Steuerpult sitzt und Knöpfe betätigt: „Jetzt arbeite härter“; und dann nimmt es so ein Ding aus der Schachtel mit dem Namen „Willenskraft und Selbstkontrolle“, schließt das Verbindungskabel an usw. So läuft das nicht ab. Wenn man etwas tut, tut man es eben. Es findet einfach statt, ohne das Gefühl, dass es ein gesondertes „Ich“ gäbe, das da handelt. Trotzdem tue ich es natürlich und niemand sonst.

Eines möchte ich noch hinzufügen zu dem, was ich am Ende des letzten Vortrags erwähnt habe, im Zusammenhang damit, dass man nicht unehrlich ist oder betrügt, dass man in diese Richtung geht usw., weil es sich richtig an fühlt. Wenn wir etwas genauer untersuchen, was es bedeutet, dass es sich richtig anfühlt, müssen wir wohl sagen, dass wir uns glücklicher fühlen, wenn wir so handeln. Wenn ich betrügen würde, unehrlich wäre oder mein Leben einfach verschwenden würde und es nirgendwohin führen würde, wäre ich unglücklicher und würde mich unwohler fühlen: Es fühlt sich einfach nicht richtig an, es ist nicht angenehm. Das fügt sich ein in die grundlegende Lehre, dass jeder glücklich sein möchte und nicht unglücklich. Und diese sichere Richtung im Leben zu haben, ehrlich zu sein usw., macht uns glücklicher. Im Gegensatz dazu: Wenn wir sie nicht haben, macht uns das unglücklicher. Das bestätigt also das grundlegende Prinzip, das im Buddhismus aufgeführt wird.

Nun können wir natürlich einwenden, dass es ja etliche Verbrecher gibt, die betrügen und lauter illegale Handlungen begehen, sich sehr wohl dabei fühlen und damit durchkommen. Aber dann muss man etwas tiefgehender untersuchen, wie lange diese Art von Befriedigung dauert, und ob sie etwas ist, das dauerhafte Gültigkeit hat oder nicht.

Noch weitere Fragen? Gut, ich zähle bis drei und – keine weiteren Fragen. Damit ist die Fragestunde zu Ende.

Was ich nun heute Nachmittag darstellen möchte – allerdings nicht übermäßig detailliert, weil wir nicht soviel Zeit haben -, sind die verschiedenen Arten von Übungen, die im Zusammenhang damit angeführt werden, wie wir uns darin üben können, unserem Leben tatsächlich diese sichere Richtung zu geben, die in Richtung Buddha, Dharma und Sangha führt. Denn diese Übungen geben sehr klare Hinweise auf die praktische Anwendung all dessen im täglichen Leben. Was tun wir wirklich, um diese Richtung beizubehalten? Dafür gibt es zwei Listen. Die eine ist einem Text entnommen, der von dem altehrwürdigen indischen Meister namens Asanga verfasst wurde, und die andere stammt aus so genannten richtungsweisenden Anleitungen. „Richtungsweisende Anleitungen“ können schriftlich oder auch nur mündlich erteilt werden, aber jedenfalls enthalten sie keine Angaben darüber, dass sie aus einem bestimmten Text hergeleitet sind.

Lassen Sie uns zuerst die Liste aus jenem speziellen Text von Asanga durchgehen. Im Text ist die Liste aufgeführt. Und die richtungsweisende Anleitung ist es, die die Aufteilung in zwei Abschnitte aufweist. Parallel dazu, dass wir unsere sichere Richtung an den Buddhas orientieren, gehen wir eine tiefgehende Verbindung zu einem spirituellen Lehrer ein. Hier haben wir eine Liste mit Punkten, die im Zusammenhang mit jedem einzelnen der drei Juwelen stehen, und mit Punkten, die im Zusammenhang mit allen dreien gemeinsam stehen. Das ist es, was in den beiden Gruppen der Liste enthalten ist.

Wie Sie sich erinnern, haben wir mit einiger Ausführlichkeit darüber gesprochen, wie wichtig es ist, ein Vorbild zu haben und davon inspiriert zu werden, damit wir imstande sind, in diese Richtung zu gehen. Dafür brauchen wir einen spirituellen Lehrer. Ein spiritueller Lehrer ist nicht nur jemand, der uns Informationen gibt – Informationen können wir auch aus einem Buch oder aus dem Internet bekommen -, sondern jemand, der uns durch sein lebendiges Beispiel wirklich inspiriert, natürlich auch unsere Fragen beantwortet usw., und uns korrigiert, wenn wir Fehler machen. Wenn wir noch keinen spirituellen Lehrer gefunden haben, müssen wir ein paar Anstrengungen unternehmen, um einen zu finden. Ja, das ist sehr schwierig, vor allem, wenn die Auswahl begrenzt ist, wenn nicht viele Lehrer an den Ort kommen, wo wir leben, und es so viele andere Schüler gibt, dass die betreffenden Lehrer keine Zeit haben, mit mir Einzelgespräche zu führen. Doch es gibt viele verschiedene Ebenen spiritueller Lehrer. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, „Eine Beziehung zu einem spirituellen Lehrer aufbauen“, das sie auf meiner Website finden können.

Es kann Lehrer geben, die uns nur mit Informationen versorgen. Es gibt Lehrer, die uns zeigen, welche Sitzhaltung am angemessensten ist usw. Es gibt Lehrer, die uns einfach durch Gespräche helfen. Es gibt Lehrer, die uns tatsächlich spirituelle Anleitung geben und von denen wir Rat für unser Leben gekommen. Aber wovon hier eigentlich die Rede ist, ist der Lehrer, der uns inspiriert. Derjenige, der uns persönlich inspiriert, ist vielleicht für sonst niemanden inspirierend. Und bloß, dass andere einen bestimmten Lehrer großartig finden, heißt noch lange nicht, dass auch wir ihn besonders inspirierend finden. In der westlichen Umgangssprache ausgedrückt: Die Chemie muss stimmen, oder, um es in buddhistischer Terminologie auszudrücken: Eine Art karmische Verbindung besteht. Dieser Lehrer, den wir so inspirierend finden, ist es, der uns wirklich die Energie für den Pfad gibt. Die Verbindung muss nicht dergestalt sein, dass er derjenige ist, von dem wir tatsächlich eine Menge Informationen oder persönliche Anleitungen bekommen. Es könnte jemand wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama sein, dem wir nie unter vier Augen in einem persönlichen Gespräch begegnen. Und natürlich ist es wesentlich besser, seinen Unterweisungen zu lauschen, Aufzeichnungen davon zu hören oder seine Bücher zu lesen.

Für die Zufluchtnahme gibt es eine formale Zeremonie, die durchgeführt werden kann und das Ganze zu einem besonderen Ereignis macht, ihm Nachdruck verleiht: „Nun mache ich wirklich Ernst damit.“ Diese Zeremonie wird mit einem spirituellen Lehrer durchgeführt, aber das heißt nicht, dass dieser nun unbedingt unser Guru bzw. unser spiritueller Lehrer wird. Wir erweisen ihm Respekt, weil er uns in gewisser Weise die Tür öffnet, aber das ist alles. Das heißt auch nicht, dass wir nun zu derjenigen Traditionen des Buddhismus gehören, der dieser Lehrer angehört, welcher uns formal die Zuflucht gegeben hat. Wir treten damit nicht dem Verein dieser Person bei und sind nun ausschließlich Mitglied ihres Dharma-„Fußballteams“. Wir nehmen Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha, nicht zu der Person, die die Zeremonie durchführt.

Wenn wir in diese Richtung gehen, ist es sehr wichtig, Vorbilder zu haben, jemanden, der uns inspiriert, einen spirituellen Lehrer. Das ist es, wofür ein spiritueller Lehrer da ist, das ist seine wesentliche Funktion, wie aus den Texten hervorgeht. Spirituelle Lehrer sorgen für die Inspiration, die Energie, die uns auf den Weg bringt, uns veranlasst, auf diesem Weg zu bleiben und ihn schließlich zu vollenden. Denn wie gesagt können wir zwar theoretisch diese Inspiration auch aus dem Beispiel von Buddha Shakyamuni selbst und den Arya-Wesen gewinnen, aber für die meisten von uns ist es ziemlich schwierig, den persönlichen Bezug dazu herzustellen und wir können natürlich keinen von ihnen persönlich treffen.

Um die Dharma-Richtung in unserem Leben aufrechtzuerhalten, müssen wir uns als erstes schulen, indem wir die Lehren Buddhas studieren. Das ist überaus wichtig. Seine Heiligkeit der Dalai Lama betont das immer und immer wieder: Ohne tatsächlich die Lehren zu studieren – und das heißt, zu lernen, aber denken Sie dabei nicht an eine Art von Schule, die für Sie vielleicht mit negative Erinnerungen verknüpft ist, doch ohne Lernen – versteht man überhaupt nichts. Man führt nur Rituale durch usw., aber ohne sie zu verstehen. Das wird nicht viel bringen. Um in eine bestimmte Richtung zu gehen, müssen wir wissen, was diese Richtung ist. Wir müssen lernen, welches die Methoden dafür sind. Wenn wir das nicht gelernt haben – wie soll es dann möglich sein, in diese Richtung zu gehen? Wenn wir lesen möchten, müssen wir lesen lernen. Da führt kein Weg dran vorbei.

Die zweite Schulung steht in Verbindung mit dem Dharma und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Aspekte der Lehren, in denen es speziell darum geht, wie wir unsere störenden Emotionen überwinden können. Es gibt Lehren über alles Mögliche, aber z.B. bloß zu lernen, wie lange in den unterschiedlichen Bereichen die jeweilige Lebensspanne dauert, mag ja ganz interessant sein, aber es wird uns nicht sonderlich viel dabei helfen, unseren Ärger zu überwinden oder unsere Gier oder Selbstsucht. Innerhalb der Lehren konzentrieren wir uns also auf diejenigen Aspekte, die uns helfen, unsere störenden Emotionen und Verhaltensweisen abzulegen.

Um die Richtung im Zusammenhang mit dem Sangha – was sich hier auf den Arya-Sangha bezieht, die Praktizierenden mit weit fortgeschrittenen Erkenntnissen und Verwirklichungen – aufrechtzuerhalten, übt man sich darin, ihrem Beispiel zu folgen. Dabei geht es nicht um das Beispiel der Ordinierten. Es ist nicht so, dass wir Mönche oder Nonnen werden müssen. Denn Aryas können ordiniert sein oder auch nicht. Aber sie bringen überaus große Anstrengungen auf, zu lernen und zu praktizieren, sodass sie diese hohe Ebene der Erkenntnis und Verwirklichung erreichen, nämlich die unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit, der vier edlen Wahrheiten usw., und dann unternehmen sie weiterhin große Anstrengungen bis hin zur Befreiung und Erleuchtung. Das ist das Beispiel, dem wir zu folgen haben.

Die Bedeutung dessen im täglichen Leben ist folgendermaßen: „Ich habe eine Art Vorbild, einen spirituellen Lehrer; das inspiriert mich sehr, wenn ich in einer schwierigen Situation stecke. Und ich lerne die Methoden des Dharma und konzentriere mich dabei vor allem auf die Methoden, die mir helfen, meinen Ärger zu überwinden, meine Gier, Selbstsucht usw. Ich folge dem Beispiel des Arya-Sangha, diese Methoden die ganze Zeit in die Tat umzusetzen, wann immer Schwierigkeiten auftreten, und auch dann, wenn gerade keine Schwierigkeiten auftreten, als eine Art Vorsorge, um zu verhindern, dass Schwierigkeiten entstehen. Und all das zu tun fühlt sich richtig an. Ich fühle mich glücklicher und habe mehr inneren Frieden. Ich bin nicht nur Opfer der Schwierigkeiten, die in meinem Leben auftreten; ich arbeite in gewisser Weise daran, sie zu überwinden.“ Das gibt uns eine Art Kraft.

Parallel zu der sicheren Richtung, die sich an allen drei Juwelen als Gesamtheit orientiert, wenden wir als erstes unseren Geist vom Streben nach Sinnesgenüssen ab – unser Geist fliegt ja sonst geradezu darauf – und machen es uns stattdessen zur Hauptaufgabe im Leben, an uns zu arbeiten. Einer meiner Lehrer, Geshe Ngawang Dargye, sagte immer: „Wir sollten aufhören, Tourist in Samsara zu sein“ – nämlich jenem Gefühl nachzugeben, dass wir losgehen müssen und alle möglichen Dinge tun müssen, die das samsarische Leben bietet. Denn bloß nach Sinnesgenüssen und dergleichen zu streben, beinhaltet, genauer betrachtet, das, was „das Leiden der Veränderung“ genannt wird, weil es uns nie zufriedenstellen wird; Sinnesfreuden dauern nicht, wir wollen immer noch mehr, und wenn wir zu viel davon genießen, wird uns übel. Stimmt's? Wenn z.B. unser Lieblingsessen wahres Glück wäre, wären wir umso glücklicher, je mehr wir davon essen. Aber offensichtlich gibt es da Grenzen.

Anstatt also so etwas zu unserem Hauptanliegen zu machen, machen wir es zu unserem Hauptanliegen, an uns zu arbeiten und zu versuchen, das zu überwinden, was bewirkt, dass wir unseren inneren Frieden verlieren. Tatsächlich werden wir auf eine viel stabilere Weise glücklich sein. Sie wird vielleicht nicht so dramatisch wie eine sexuelle Begegnung sein, aber sie ist wesentlich dauerhafter und gefestigter. Das heißt nicht, dass wir jegliche Vergnügungen, alles gute Essen, sexuelle Erfahrungen und all das völlig aufgeben müssen, all unser Geld verschenken usw., sondern es geht darum, das in eine bestimmte Perspektive zu rücken. Manchmal müssen wir uns entspannen. Wir brauchen Entspannung, um dann weitermachen und effektiver arbeiten zu können. Aber wir gönnen uns diese Entspannung fast wie eine Art Medizin. In einem der Widmungsgebete wird das im Zusammenhang mit Nahrung zum Ausdruck gebracht: Ich nehme diese Nahrung nicht aus Gier zu mir, nicht aus Verlangen usw.; ich nehme sie zu mir wie Medizin, die mir Kraft geben kann, damit ich weiterhin anderen helfen kann. Wenn wir das, wodurch wir uns entspannen – ins Kino gehen oder was immer es sein mag -, als eine Art Medizin betrachten, durch die sich unsere Energie regeneriert, wunderbar. Dann hält sich das in gewissen Grenzen, in Maßen, und wir überbewerten das Vergnügen nicht, das wir daraus gewinnen.

Es gibt da so einen Witz: Wer am Ende des Lebens am meisten Spielsachen und Besitztümer angehäuft hat, gewinnt … Das trifft nicht zu. Es ist nicht so, dass der ganze Sinn des Lebens darin besteht, so viele Apparate und elektronische Geräte anzusammeln wie möglich, mehr Filme als jeder andere gesehen zu haben oder ein Bankkonto mit einer höheren Summe als irgendjemand sonst zu haben oder mehr gegessen zu haben als andere. Das ist nicht der Sinn des Lebens, oder? Und es wird uns keine dauerhafte Befriedigung verschaffen, insbesondere wenn wir an zukünftige Leben denken.

Gut. Es gibt also unserem täglichen Leben eine ganz andere Wendung, dass wir den Schwerpunkt nicht mehr auf Unterhaltung legen – immer mehr Musik hören oder so etwas. Sie kennen sicher auch solche Leute, die süchtig danach sind, den ganzen Tag Musik zu hören und nur noch mit ihrem iPod herumlaufen. Doch das ist nicht das Wesentliche in unserem Leben. Das Wesentliche in unserem Leben ist, daran zu arbeiten, dass wir in diese Richtung gehen, zu versuchen, unsere Gier, unsere Selbstsucht usw. zu überwinden. Aber, noch einmal: Nicht auf die perfektionistische Weise.

Doch wir können durchaus noch Vergnügen haben. Das ist ein sehr interessanter Begriff. Was ist überhaupt Vergnügen? Meine Lieblingsgeschichte ist: Ich war mit meinem Lehrer, dem alten Serkong Rinpoche auf Reisen, und wir wohnten in Holland bei einer reichen Familie. Die Familie besaß eine riesige Yacht, die in einem sehr kleinen See lag. Sie machten mit uns einen Ausflug in ihrer Yacht und wir fuhren, zusammen mit vielen anderen Yachten, auf diesem kleinen See herum. Wir fuhren nur sehr langsam im Kreis herum, wie in einer Art Kinderkarussell auf einem Rummelplatz. Rinpoche nahm mich zur Seite und fragte mich auf Tibetisch: „Ist es das, was sie als Vergnügen betrachten?“ – Was ist Vergnügen eigentlich?

Shantideva sagt, wenn unsere Dharma-Arbeit uns ein Vergnügen ist, sind wir nicht glücklich, ohne diese Art von Arbeit zu tun – anderen helfen, an uns arbeiten usw. Das ist es, worum sich das Thema Ausdauer dreht. Freude an dem zu haben, was man tut. Wenn wir Freude an dem haben, was wir tun, werden wir damit weitermachen. Und sich weiterzuentwickeln ist mit einer Menge Freude verbunden. Wir werden vielerlei störende Emotionen und innere Konflikte los oder verringern sie zumindest – das kann sehr viel Freude bringen. Harte Arbeit, aber erfreulich. Und während wir mehr und mehr Resultate davon erleben – was natürlich nicht linear verläuft, sondern auf und ab geht -, entdecken wir: Toll, das ist Klasse! Ich bin tatsächlich dabei, etwas zu bewegen.

Ich denke dabei an die Analogie von jemandem, der eine Sportart trainiert. Es ist harte Arbeit, dauernd zu schwimmen oder zu laufen usw. Aber wenn wir durch das Training länger durchhalten und weiter oder schneller laufen, fühlen wir uns wirklich großartig, nicht wahr? Trotz der Schwierigkeiten haben wir Freude daran. Genauso ist es hier in unserem Fall: Ich übe und übe und – Mensch, toll, ich habe es tatsächlich geschafft, ein Familientreffen mit lauter nervtötenden Verwandten zu überstehen, ohne wütend zu werden. Ich war imstande, die Geduld zu wahren, und das war gut so. Ich habe das Essen bestens überstanden. Ich habe es sogar tatsächlich genossen. Trotz des Geredes meiner Mutter oder meines Vaters: „Warum hast du noch nicht geheiratet?“ und „Wann willst Du denn endlich Kinder?“ und „Warum verdienst du nicht mehr Geld?“ und „Warum rufst du nicht öfter an?“ und „Warum besuchst du uns nicht öfter?“ konnte ich innerlich ruhig bleiben und ganz gut damit umgehen. – Es gibt einem wirklich ein gutes Gefühl, dass man das so hinkriegen kann.

Der nächste Punkt … Es ging darum, unseren Geist von Streben nach Sinnesfreuden abzuwenden. Ich bin wohl ein bisschen abgeschweift. Aber der Punkt ist, dass Dharma-Praxis tatsächlich mehr Freude machen kann als immer mehr Musik zu hören.

Der nächste Punkt ist, die ethischen Maßstäbe anzuwenden, die der Buddha gesetzt hat. Das ist eine sehr wichtige Sache, und wir werden mehr darüber sprechen, wenn wir morgen das Thema Karma behandeln. In Ordnung? Um diese Richtung in unserem Leben einzuschlagen, müssen wir destruktives Verhalten vermeiden und konstruktiv handeln. Auf diese Weise folgt man der grundlegenden buddhistischen Ethik. Denn wenn wir, aufgrund unserer störenden Emotionen, destruktiv handeln, schaffen wir nur noch mehr Unglück, vor allem für uns selbst und vielleicht auch für andere. Wenn wir konstruktiv handeln, führt das zu mehr Glück. Buddhistische Ethik beruht nicht auf Gehorsam. Das ist hier nicht das Prinzip der Ethik. In anderen Systemen gibt es Gesetze, die entweder von einer göttlichen Macht oder durch Gesetzgebung erlassen wurden, und denen man Gehorsam leisten muss, indem man sie befolgt. So ist es im Buddhismus nicht. Das Wesentliche ist vielmehr, selbst unterscheiden zu lernen, was hilfreich und was schädlich ist. Verstehen Sie? Was hilfreich ist, was schädlich ist. Auf der Grundlage dieser Unterscheidung – wir nennen das unterscheidendes Gewahrsein – unterlassen wird dann das, was schädlich wäre.

Schädlich ist, was selbstzerstörerisch wäre, was dazu führen würde, dass es immer schlimmer mit uns wird, wie etwa zunehmend von einer bestimmten destruktiven Gewohnheit abhängig zu werden, sei es in gesundheitlicher Hinsicht wie z.B. Rauchen, oder in sozialer Hinsicht, oder was auch immer. Konstruktiv ist, etwas zu tun, was dazu beiträgt, uns weiterzuentwickeln, und unsere Fähigkeiten verbessert, anderen von Nutzen zu sein.

Der nächste Punkt ist, zu versuchen, so einfühlsam und mitfühlend gegenüber anderen zu sein wie möglich. Ich glaube nicht, dass dieser Punkt sonderlich viel Erklärung erfordert. Selbst wenn wir nur auf unsere eigene Befreiung hinarbeiten, müssen wir mit Sicherheit anderen gegenüber freundlich sein, sie unterstützen usw.

Der letzte Punkt ist, an Tagen, die im Buddhismus eine besondere Bedeutung haben, z.B. am Jahrestag von Buddhas Erleuchtung, spezielle Gaben von Früchten, Blumen usw. darzubringen. Das ist eigentlich ein interessanter Punkt, denn wir haben vielleicht die Einstellung, dass man keinen besonderen Feiertage zu begehen braucht. Wozu soll das gut sein? Denken wir an das Beispiel, zu was für einer kommerziellen Angelegenheit Weihnachten in den westlichen Ländern geworden ist. „Wozu brauche ich das? Ist das jetzt die buddhistische Version davon, einen Weihnachtsbaum aufzustellen? Und statt Lichter am Weihnachtsbaum anzubringen stelle ich jetzt kleine Schälchen auf einen Altar – ich meine, was soll das alles?“

Ich denke, der Sinn des Ganzen ist hier, dem Buddha eine Ehre zu erweisen sowie auch der Tradition, den Meistern usw. Es ist einfach eine Geste des Respekts. Man braucht keine riesengroße Sache daraus zu machen. Und wir brauchen auch nicht auf einen bestimmten buddhistischen Feiertag zu warten, um diesen Respekt zum Ausdruck zu bringen. Das ist etwas, was wir jeden Tag tun können. Wir sollten das nicht so handhaben wie „Ich gehe nur sonntags zur Kirche, und den Rest der Woche mache ich, was ich will.“Aber einen religiösen Feiertag zu begehen gibt uns auch das Gefühl, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein; ähnlich wie eine unterstützende Gruppe hat das also auch eine Art soziale Funktion.

Wenn wir diese Übungen betrachten, stellen wir fest, dass darin Manches enthalten ist, das nicht speziell buddhistisch anmutet. Dass es ratsam ist, mitfühlend und einfühlsam gegenüber anderen zu sein, eine gewisse Ethik zu befolgen usw. – dass ist ziemlich überall gültig, nicht wahr? Ich denke, was es zu etwas speziell Buddhistischem macht, sind die früheren Punkte auf dieser Liste: das Beispiel großer buddhistischer Meister als Vorbild anzusehen, die Lehren zu studieren, insbesondere die Lehren, die darauf abzielen, unsere störenden Emotionen zu verringern, und dem Beispiel der weit fortgeschrittenen Wesen mit hohen Erkenntnissen und Verwirklichungen zu folgen und wirklich große Anstrengungen in diese Richtung zu unternehmen. Und in diesem Kontext hat das Gesamtbild seine Bedeutung, indem man ethischen Richtlinien folgt, einfühlsam und gütig ist, nicht übermäßig den Sinnesbegierden folgt, sondern ganz klare Prioritäten setzt, Respekt für die Tradition zeigt usw.

Wir hatten also hier in der Liste, die aus Asangas Text stammt, eine Gruppe von Übungen für jedes einzelne der drei Juwelen und dann eine für alle drei gemeinsam. Ähnlich sind auch in den richtungsweisenden Anleitungen einige Übungen für jedes der drei Juwelen im Einzelnen und einige für alle drei zusammen enthalten. Was die einzelnen Juwelen betrifft, so gibt es für jedes jeweils eine Handlung, die zu vermeiden ist, und eine, die anzuwenden ist. Wenn unsere sichere Richtung auf den Buddha ausgerichtet ist und wir dies in unser Leben einbringen wollen, ist das, was wir vermeiden müssen, unsere wesentliche Orientierung anderswohin auszurichten.

Es ist interessant, das an sich selbst zu beobachten: Wenn ich mich wirklich schrecklich fühle – mich mies fühle, missmutig bin, wenn die Dinge in konventioneller Hinsicht nicht gut laufen – zu was nehme ich dann Zuflucht, welchem Trost wende ich mich zu? Ist es Schokolade, zum Beispiel? Ich fühle mich wirklich elend, und deshalb gehe ich los, stopfe mir einen großen Schokoladenriegel in den Mund, und irgendwie gibt mir das ein bisschen Freude, es macht mich – es ist er nicht so schlimm. „Es gibt immerhin Schokolade auf der Welt; das Leben ist vielleicht doch nicht gar so schrecklich.“ Es ist interessant, welchen Dingen wir uns zuwenden, wenn alles schlecht läuft. Ist es so, dass ich dann unbedingt mit einem Freund oder einer Freundin reden möchte? Sex haben will? Was ist es? Sind wir wie ein kleiner Hund, dem man über den Kopf streicheln muss, und dann wedeln wir mit dem Schwanz? Oder wie ist bei uns?

In diesem Zusammenhang heißt es, nun gut, es ist in Ordnung, sich etwas Schokolade zu gönnen, wenn man ein bisschen deprimiert ist usw., aber es ist nicht so, dass die letztliche Quelle, von der wir unsere Richtung im Leben beziehen – Schokolade ist. Wie wäre es damit, die Methoden des Dharma anzuwenden, um mit der schwierigen Situation umzugehen? Ich finde es recht interessant, dass Leute, die – vermeintlich – so stark mit dem Dharma befasst sind, sogar die westlichen Dharma-Lehrer, wenn sie Schwierigkeiten in ihrer Ehe haben oder was auch immer, eher eine Psychotherapie anfangen als versuchen, die Methoden des Dharma anzuwenden. Ich bin dann immer ein bisschen erstaunt. Denn wenn wir ernsthaft diese Richtung in unserem Leben einschlagen, sind wir doch vermutlich überzeugt, dass der Dharma eine Lösung für die Probleme bietet, die wir im Leben haben. Das heißt natürlich nicht, dass wir, wenn wir an Krebs erkranken oder so etwas, einfach nur da sitzen und meditieren und dann wird der Dharma das schon in Ordnung bringen. Seien wir nicht albern. So ist es nicht gemeint. Natürlich gehen wir zum Arzt.

Wenn wir das Gefühl haben, dass wir eine Therapie brauchen, damit wir mit jemandem über unsere Probleme sprechen können, einen anderen Blickwinkel bekommen usw., schön. Aber das spielt eine untergeordnete Rolle, es ist lediglich eine Art Ergänzung in dem Sinne, dass wir eigentlich versuchen, die Methoden des Dharma anzuwenden. Doch die eigentliche Zuflucht, die hauptsächliche Richtung, das Wesentliche, woran ich mich ausrichte, um meine Unzulänglichkeiten zu überwinden, sind die Methoden des Dharma. Vielleicht brauche ich etwas Anleitung dafür, wie ich sie anwende, aber ich vertraue darauf, dass Buddha erkannt hat, wie man Probleme beseitigt.

Oftmals, wenn dieser Punkt angesprochen wird – dass wir unsere höchste bzw. letztendliche Ausrichtung nicht an etwas anderem orientieren als an Buddha, Dharma und Sangha -, ist das, was erwähnt wird, die Anweisung, nicht letztendlich Zuflucht zu weltlichen Göttern zu nehmen – das ist natürlich vom buddhistischen Gesichtspunkt aus gesehen; die verschiedenen anderen Religionen würden ihren Gott nicht als einen weltlichen Gott bezeichnen -, also letztendlich nicht zu anderen Religionen und innerhalb des Buddhismus nicht zu Schützern und solchen Wesen Zuflucht zu nehmen.

Als Serkong Rinpoche einmal in Italien von jemandem gefragt wurde: „Ich bin jetzt Buddhist, aber kann ich trotzdem weiterhin zur Kirche gehen?“, antwortete Rinpoche: „Stehen die christlichen Lehren über Liebe im Widerspruch zu den buddhistischen Lehren über Liebe?“ Natürlich ist das nicht der Fall. Wenn man zur Kirche gehen möchte, ist das also kein Problem. Sondern worauf es ankommt, ist: Welches ist die letztendliche Richtung, die ich meinem Leben gebe? Man trifft eine Art Entscheidung in Bezug darauf, was man tut. Das heißt nicht, dass man alles andere ausschließen muss, sondern man macht sich einfach klar, was man im Leben tut. Wenn es etwas Positives gibt, das wir von anderen Traditionen lernen können, wunderbar. Das ist kein Problem. Aber wenn es um die Praxis geht – vermischen Sie bitte nicht alles zu einem Eintopf. Wir gehen z.B. nicht in eine Kirche und machen dort ausgestreckte Niederwerfungen, und wenn wir in der Kirche sind und uns etwas, was dort üblich ist, nicht gefällt, sitzen wir nicht da und murmeln „Om Mani Padme Hum“ und so etwas. [Was das betrifft,] tun wir die Dinge jeweils einzeln [in ihrem jeweiligen Kontext und am geeigneten Ort].

Doch wovon hier in den Texten immer die Rede ist, sind die weltlichen Geister, die manchmal als Schützer angegeben werden. Diese sind nicht verlässlich. Sie können einen im Stich lassen. Und wir wollen nicht in eine Art Geisterverehrung verfallen. Dieser Punkt ist vielleicht eher für tibetische oder indische Zielgruppen von Belang, aber es gibt auch einige Westler, die von diesen verschiedenen Geistern – diesen Schützern usw. – fasziniert sind und sich damit beschäftigen. Insbesondere dieses Wort, „Schützer“, klingt so, als würden sie uns Schutz geben. Nun heißt es natürlich in einigen Traditionen innerhalb des tibetischen Buddhismus, dass manche Schützer Emanationen von Buddhas sind usw. Und dann trifft man auf eine nahezu biologische Klassifizierungslehre der unterschiedlichen Arten von Geistern und der unterschiedlichen Arten von Schützern, und das Ganze mutet fast an wie eine Biologiestunde.

Wir müssen jedoch erkennen, was das Grundlegende ist, das wir tun können, um Schutz vor Leiden zu erlangen. Das Wesentliche, worauf wir uns stützen müssen, ist im Grunde unser Karma. Mit anderen Worten: die Inspiration und das Beispiel von Buddha, Dharma und Sangha – und was wir dann tun, wie wir dann handeln, wird das beeinflussen, was wir in Zukunft erleben. Was diese Schützer bewirken können, ist vielleicht, gewisse Umstände oder Gelegenheiten zu schaffen, die es uns ermöglichen, einiges von den negativen Potenzialen zu verbrennen, indem wir sie in geringem Maße erleben, sodass die positiven Potenziale dann schneller reifen können. Dasselbe gilt, wenn man Rituale für den Medizin-Buddha durchführt: Sie können lediglich Umstände oder Gelegenheiten dafür schaffen, dass eventuelle positive Potenziale für die Überwindung der Krankheit – falls wir solche Potenziale haben – heranreifen. Aber der Punkt ist: Wenn wir nicht durch früheres Verhalten solche positiven Potenziale aufgebaut haben, spielt es keine Rolle, wieviel wir uns auf einen Schützer oder auf den Medizin-Buddha oder was auch immer stützen – wir haben nicht die Basis dafür, eine günstigere Situation zu erleben. Es ist also sehr wichtig für unsere buddhistische Praxis, dass sie nicht zu einem Schützer-Kult wird – und übrigens auch nicht zu einem Buddha-Kult. Alles hängt davon ab, was wir selbst tun – wie wir uns verhalten, wie wir kommunizieren, wie wir denken. Wir haben Vorbilder dafür; wir haben Lehren; wir haben ein Ziel, das wir erreichen können, usw. Aber wir müssen tatsächlich entsprechend handeln.

Wir müssen uns also darüber im Klaren sein, was unsere letztendliche Richtung ist und obschon wir uns vorübergehend auch anderen Dingen zuwenden können, um etwas Hilfe zu bekommen – auf der wesentlichen Spur bleiben.

Im Zusammenhang mit der sicheren Richtung des Dharmas ist das, was wir vermeiden müssen, andere – seien es Menschen, Tiere oder was auch immer – zu verletzen oder ihnen Schaden zuzufügen. Wir versuchen ja, anderen zu helfen, nicht, ihnen etwas zuleide zu tun. Das ist natürlich ziemlich schwierig, denn es kann ja sein, dass wir in bester Absicht etwas zu jemandem sagen und uns nichts Böses dabei denken, und aus irgendeinem Grund fühlt sich der- oder diejenige zutiefst verletzt von dem, was wir gesagt haben, hat es missverstanden und wird ganz empört oder wütend. Und wenn wir auf dem Erdboden herumlaufen, was die meisten von uns tun, wenn wir umhergehen, werden wir unweigerlich auf etwas drauftreten. Der Punkt ist, den Schaden, den wir anderen zufügen, so weit wie möglich zu verringern, und auf jeden Fall nicht absichtlich zu schaden. Doch aufgrund dieser eingeschränkten Hardware, mit der wir ausgestattet sind, und auch aufgrund der eingeschränkten Hardware der anderen werden wir zwangsläufig anderen schaden. Worauf es ankommt, ist, das so weit wie möglich zu verringern.

Indem wir unsere sichere Richtung am Sangha orientieren, ist das, was wir vermeiden wollen, uns eng mit Menschen zusammenzutun, die sehr negative Einstellungen oder Verhaltensweisen haben. Dieser Punkt ist eine sehr heikle Sache. Worum es geht, ist: „Wenn wir auf unserem spirituellen Weg noch nicht stark gefestigt sind, können die Menschen, in deren Gesellschaft wir uns befinden, uns leicht in der einen oder anderen Richtung beeinflussen. Falls wir also mit anderen zusammen sind, die sich dauernd mit ziemlich negativen Dingen abgeben – sei es eine Clique, in der Kleinkriminalität an der Tagesordnung ist, oder eine Gruppe von Freunden, die ständig Drogen nehmen oder sich betrinken usw. -, dann ist es, wenn wir nicht besonders stark sind, recht schwierig, sich nicht davon beeinflussen zu lassen. Wir möchten akzeptiert werden, wir wollen sie nicht vor den Kopf stoßen usw. Also trinken wir, nehmen Drogen, zerkratzen Autos, verschmieren alles mit Graffiti und all so etwas. Nach einer Weile verfallen wir selbst diesem Verhalten. Der Punkt, der hier angesprochen wird, bedeutet nicht, dass wir ihn sagen sollen, was für schreckliche Menschen sie sind usw., sondern dass wir nicht mit ihnen herumhängen und unsere ganze Zeit mit ihnen verbringen, wenn sie wirklich negativen Einfluss auf uns haben. Wenn wir tatsächlich schwach sind, ist es das Beste, sie ganz zu meiden. Ähnlich wie man z.B. als Alkoholiker, wenn man seine Sucht loswerden möchte, aufhören muss, mit den Saufkumpanen herumzuhängen. Man verbringt seine Zeit besser mit einer anderen Gruppe, etwa den Anonymen Alkoholikern, sodass man mit Leuten zusammen ist, die einen dabei unterstützen, von der Sucht loszukommen. Das ist in etwa vergleichbar.

Sehr interessant ist, dass all diese Punkte miteinander in Verbindung stehen. Wir können anfangen, indem wir uns fragen: Was ist das Wichtigste in meinem Leben? Ist es das Wichtigste in meinem Leben, von dieser Gruppe von Freunden akzeptiert und gemocht zu werden, die sehr negative Gewohnheiten haben? Ist es das, was mir im Leben am wichtigsten ist? Wird es mir zu dauerhaftem Glück verhelfen? Oder eher, diese Unzulänglichkeiten in mir selbst zu überwinden und dadurch besser imstande zu sein, anderen zu helfen usw. – ist das vielleicht wichtiger? Das heißt natürlich nicht, dass wir aufhören, Interesse an jenen Freunden zu haben, liebevolle Gefühle für sie zu haben usw. Natürlich haben wir das. Und wir möchten, dass sie glücklich sind. Aber wir müssen aufpassen, meine ich. Einerseits möchten wir nicht von ihnen beeinflusst werden und in dasselbe Muster verfallen, aber andererseits möchten wir auch nicht in das andere Extrem verfallen, das wir bereits aufgezeigt haben, nämlich: „Ich bin Buddhist; ich bin viel besser als ihr“ usw., „und schließlich werde ich euch von euren Sünden befreien, von eurem sündigen Leben.“ Solch eine Einstellung ist natürlich furchtbar.

Aber Menschen entwickeln sich auseinander. Das ist etwas ganz Natürliches, das im Leben passiert. Ohne ihnen das Gefühl zu geben, dass wir sie missbilligen oder dass sie nichts taugen oder so, kommt es hier darauf an, dass es, wenn wir stark von ihnen beeinflusst werden können, das Beste ist, sie zu meiden. Das heißt nicht, dass wir fortan in einer frommen buddhistischen Gemeinschaft leben müssen, weiße Kleidung tragen und Veganer werden müssen. So ist es nicht gemeint. Wir achten einfach darauf, wovon wir beeinflusst werden, welchen Einflüssen wir uns aussetzen. Wir versuchen so weit wie möglich schädliche Einflüsse zu vermeiden. Solche schädlichen Einflüsse können nicht nur von Leuten ausgehen, sondern beispielsweise auch vom Fernsehen, vom Betrachten pornographischer Inhalte im Internet, brutalen Kinofilmen, martialischen Video-Spielen und dergleichen mehr. Es geht um die Art von Einfluss, die unsere Begierde oder Feindseligkeit anstachelt.

Die drei Handlungen, die als Zeichen des Respekts anzuwenden sind, sind Folgende: Was den Buddha betrifft, so zeigen wir Respekt für Statuen, Bilder und andere künstlerische Darstellungen von Buddhas. Und wir zeigen Respekt für alle Bücher, insbesondere Dharma Bücher, im Hinblick auf die am Dharma orientierte Richtung. Und Respekt gegenüber allen Personen mit Ordinations-Gelübden, den buddhistischen Ordensgelübden und sogar auch nur den Roben für Ordinierte. Als Zeichen von Respekt vermeiden wir auch respektloses Verhalten. Wir hängen uns nicht eine schöne Zeichnung vom Buddha aufs Klo. Wir setzen uns nicht auf Dharma-Bücher oder schieben sie unter einen Stuhl oder Tisch, damit er nicht wackelt. Wenn es in unserem Dharma-Zentrum Mönche oder Nonnen gibt, behandeln wir sie nicht wie Bedienstete oder als diejenigen, die uns mit all den Einrichtungen versorgen sollen, weil wir die großen Praktizierenden sind und sie diejenigen, die Tee kochen, an der Tür das Geld einsammeln und anschließend saubermachen – wie es leider in vielen Dharma-Zentren üblich ist. Die Ordinierten sind diejenigen, die am meisten daran interessiert sind, die Unterweisungen zu hören, und allzu oft sind sie diejenigen, die nicht daran teilnehmen können, weil sie die administratorischen und organisatorischen Aufgaben zu erledigen haben. Das ist natürlich nicht in Ordnung.

Dieser Punkt bedeutet nicht, dass wir Statuen verehren und anbeten, und wir glorifizieren auch nicht die Bücher oder die Mönche oder Nonnen oder ihre Roben. Der Sinn des Ganzen ist, Respekt zu zeigen, denn sie stehen für Buddha, Dharma und Sangha.

Des Weiteren gibt es sechs Übungen, die für alle drei Juwelen zusammen durchgeführt werden. Um noch einmal kurz zu rekapitulieren, was wir gerade besprochen haben: Wir wollen unserem Leben diese sichere Richtung geben – was tun wir also? Wir vermeiden, unsere Richtung primär an etwas anderem auszurichten, und wir fügen grundsätzlich anderen keinen Schaden zu; wir vermeiden negative Einflüsse von anderen Menschen und erweisen den Symbolen Respekt, die für die Richtung stehen, in die wir gehen. Das ergibt Sinn. Es ist etwas, das wir als Teil unseres täglichen Lebens üben können.

Das alles ist von Bedeutung für unser Leben, nicht wahr? Dass wir bestimmten Dingen gegenüber respektvoll sind, Klarheit darüber bewahren, was das Wichtigste in unserem Leben ist, und auf negative Einflüsse achten, die uns ablenken und davon abbringen könnten. Zudem versuchen wir, förderliche Bedingungen zu finden, die hilfreich dafür sind, in diese Richtung zu gehen. Und indem wir Bildnissen des Buddha, Dharma-Büchern und Ordinierten Respekt erweisen, zeigen wir äußere Zeichen des Respekts, aber es ist erforderlich, auch innerlich respektvoll mit dem umzugehen, was wir tun und was wir mit unserem Leben anfangen. Das ist ebenfalls sehr wichtig, denn es kann Situationen geben, in denen wir unsere Dharma-Praxis nicht äußerlich zur Schau stellen können, sagen wir, z.B. im Gefängnis oder beim Militär oder so, selbst im Krankenhaus – wenn wir uns in öffentlichen Räumen unter den Augen anderer Menschen befinden, ist es nicht unbedingt angemessen, Räucherstäbchen anzuzünden, Buddha-Statuen aufzustellen usw. Doch es ist unsere respektvolle Einstellung gegenüber uns selbst und dem, was wir tun, die von Belang ist. Das ist sehr wichtig.

Stellen Sie sich vor, Sie verbringen das Wochenende mit ihren Eltern in einem Ein-Zimmer-Häuschen – da ist es vermutlich keine so gute Idee, direkt vor den Eltern Niederwerfungen zu machen. Sie könnten das ziemlich seltsam finden und anfangen, alle möglichen unbequemen Fragen zu stellen. Man muss das auch nicht machen. Es ist sehr wichtig, entsprechend der jeweiligen Situation, in der wir uns befinden, flexibel zu sein und dennoch ganz klar unsere Richtung und unsere Prioritäten beizubehalten.

Die Übungen, die sich auf alle drei Juwelen gleichzeitig beziehen, sind in den richtungsweisenden Anleitungen folgendermaßen angegeben: Zunächst einmal vergewissern wir uns unserer sicheren Richtung, indem wir uns kontinuierlich an die guten Qualitäten von Buddha, Dharma und Sangha erinnern. Denken Sie daran, was wir zuvor besprochen haben im Zusammenhang mit dem Rat: „Tun Sie’s einfach“. Einfach diese Richtung einschlagen – das könnte manchmal ein bisschen mechanisch werden; deswegen ist es wichtig, die Motivation noch einmal zu verstärken usw. Uns an die guten Qualitäten von Buddha, Dharma und Sangha zu erinnern, an den Nutzen, den es hat, in diese Richtung zu gehen usw., hilft uns, das alles „mit Gefühl“ zu machen, wie wir vielleicht sagen würden.

Die nächste dieser Übungen ist: Aus Dankbarkeit für die Güte und die Energie, die spirituelle Nahrung, die wir mit ihre Hilfe empfangen, bieten wir jeden Tag den ersten Bissen der Mahlzeiten und den ersten Schluck heißer Getränke, die wir zu uns nehmen, Buddha, Dharma und Sangha dar. Aber man kann ein wenig von dem Tee, den wir morgens als erstes trinken, oder irgendetwas in der Art, in ein kleines Gefäß gießen und auf den Altar platzieren. Oder wir können das auch einfach nur in unsere Vorstellung tun, das macht nichts. Aber wenn wir etwas hinlegen oder – stellen, lassen wir es nicht einfach draußen liegen, bis es zerfällt, oder, wie es in Indien üblich ist, warten, dass Mäuse kommen und es auffressen, sondern wir bieten es da. Natürlich brauchen die Buddhas unsere kleine Teeschale oder das Stückchen Obst nicht und sie werden es nicht aufessen oder trinken, sondern es ist eine Geste. Wir stellen uns daher vor, dass sie es uns nach einer Weile zurückgeben und wir es dann zu uns nehmen. Wenn es eine Darbringung von Tee oder so etwas ist, spülen wir ihn nicht einfach die Toilette hinunter. Das ist nicht sehr respektvoll. Da ist es schon besser, wenn wir ihn selbst trinken.

Nun ist natürlich die Frage, was wir mit dem Inhalt der Wasserschälchen machen sollen. Wenn es sich um ziemlich viel Wasser handelt – sollen wir das dann jeden Tag trinken? Nein, brauchen wir nicht. Jeden Tag die Blumen damit gießen? Ich würde sie vermutlich ertränken, wenn ich jeden Tag das ganze Wasser dafür verwenden würde. Aber schütten wir sie wenigstens ins Waschbecken, nicht in die Toilette. Und auch nicht – ich denke da gerade an ein paar Beispiele in manchen Ländern der Welt, wo man das Wasser einfach aus dem Fenster schüttet. Das ist auch nicht angemessen.

Jedenfalls ist es nicht nötig, dabei einen besonderen Vers in einer fremden Sprache zu rezitieren, die wir nicht verstehen. Ich habe gestern schon erzählt, dass Dzongsar Khyentse Rinpoche sagte, wenn die Tibeter jedesmal beim Darbringen von Gaben oder anderen Dharma-Aktivitäten einen Vers auf Deutsch rezitieren müssten, den sie nicht verstehen, würden sie das bestimmt nicht machen. Wir können einfach sagen, wie Serkong Rinpoche immer riet: „Buddhas, erfreut euch daran.“ Und was ich normalerweise sage, ist: „Ich bringe dies Buddha, Dharma, Sangha und allen Wesen dar. Mögen alle in den Genuss solch guter Nahrung kommen.“ Wir müssen keine große Schau daraus machen – „OM AH HUM“ summen und dann da sitzen und fünf Minuten lang eine Widmung der Speisen vornehmen, während alle am Tisch fast verhungern oder nur auf uns warten: „Wann ist er denn jetzt endlich fertig damit?“ Wir machen das einfach nur im Geist. Niemand muss mitbekommen, was wir machen. Jeder kann so etwas in seinem eigenen Tempo durchführen.

Teilnehmer: Aber anders ist es viel eindrucksvoller.

Alex: Das ist viel eindrucksvoller, klar – besonders, wenn man mit ganz tiefer Stimme loslegt: „OM AH HUM …“

Es ist also nicht nötig, unsere Dharma-Praxis zur Schau zu stellen, erst recht nicht, wenn das anderen unangenehm ist oder sie dann anfangen, sich über uns lustig zu machen. Das ist sehr wichtig. Wir wollen uns nicht in eine Lage bringen, in der andere sich über unsere spirituelle Praxis lustig machen. Das lässt die ganze Energie verpuffen. Unsere Dharma-Praxis muss wirklich unsere Privatangelegenheit sein. Dann wird sie gewissermaßen etwas Heiliges für uns, und das ist wichtig.

Die dritte Übung ist: Wir vergegenwärtigen uns das Mitgefühl von Buddha, Dharma und Sangha und versuchen, andere indirekt zu ermutigen, in ihre Richtung zu gehen. Das heißt nicht, dass wir losgehen wie Missionare und versuchen, jeden zu bekehren. Das ganz bestimmt nicht. Aber wenn andere dafür empfänglich sind, wenn sie interessiert sind, können wir sie darin bestärken. Und die beste Ermutigung dazu ist es, ihnen von unserem eigenen Beispiel und von unserer eigenen Erfahrung zu erzählen. „Das hat sich für mich als nützlich erwiesen. Ich weiß nicht, ob es für Sie nützlich ist oder nicht, aber mir hat es geholfen.“ Verstehen Sie? So ermutigt man andere indirekt dazu, es selbst auszuprobieren.

Des Weiteren ruft man sich die Vorteile ins Gedächtnis, die es hat, diese sichere Richtung einzuschlagen, indem man sie jeden Tag und jede Nacht dreimal bekundet. Normalerweise macht man das, wenn man morgens aufwacht und bevor man abends schlafen geht. Man wiederholt – nicht nur die Worte, sondern dass man seine sichere Richtung an Buddha, Dharma und Sangha orientiert. Man erinnert sich damit ganz explizit an diese Richtung. Oft verbindet man das mit drei Niederwerfungen, aber das muss nicht sein.

Die fünfte Übung ist: Egal, was passiert, sein Vertrauen in die sichere Richtung zu setzen. Wenn wir also in eine Krise geraten oder so etwas, ist es dies, worauf wir uns verlassen können. Nicht bloß: „Buddha, rette mich davor“, sondern: „Was wäre der buddhistische Ratschlag, wie ich damit umgehen kann?, und dann zu Versuchen, ihn anzuwenden. Freunde können uns vielleicht Sympathie und Unterstützung zukommen lassen, und sie können bei praktischen Dingen helfen – etwa wenn ich Probleme mit meinem Computer oder meinem Auto habe -, aber bei persönlichen Problemen im Leben ist das, was Freunde uns bieten können, begrenzt. Sie haben ihre eigenen Probleme. Und leider ist es unumgänglich, dass sie uns enttäuschen. Wir setzen große Hoffnungen darauf, dass sie uns helfen werden, aber wir vergessen dabei, dass wir nicht das Einzige sind, was in ihrem Leben eine Rolle spielt – und warum sollten wir auch das Wichtigste sein, dem sie alle ihre Zeit und Energie zur Verfügung stellen? Das ist eine ziemlich selbstbezogene Einstellung, nicht wahr? So werden sie uns unweigerlich enttäuschen. Sie haben auch noch anderes zu tun, andere Anliegen, andere Probleme.

Und unsere Lehrer sind vielleicht gerade sehr beschäftigt; es kann sein, dass sie keine Zeit haben. Vielleicht befinden sie sich gerade in einem anderen Land oder was auch immer. Aber die Inspiration, die wir durch unsere Lehrer bekommen, steht uns immer zur Verfügung – sie wird uns nicht im Stich lassen. Wenn wir wirklich empfänglich für diese Inspiration sind, werden wir diese Methoden tatsächlich in die Praxis umsetzen.

Die letzte verbindliche Übung ist, diese Richtung im Leben niemals aufzugeben, ganz gleich, was passiert. Es ist die Natur von Samsara, die Natur des Lebens, dass es auf und ab geht. Schauen wir uns die Erfahrungen einiger großer Meister des tibetischen Buddhismus an. Sie haben ihr ganzes Leben lang intensiv praktiziert und dann werden sie 20 Jahre lang in ein chinesisches Konzentrationslager gesteckt. Es wäre gut möglich, dass sie einfach aufgeben. „Meine Dharma-Praxis hat nichts genützt. Schaut her, was mir passiert. Ich habe so viel in meinem Leben praktiziert und dann habe ich mir am Ende meines Lebens diesem schrecklichen schmerzhaften Krebs eingehandelt.“ Aber, wie ein tibetischer Meister ganz lapidar sagte: Was erwarten wir von Samsara? Erwarten wir, dass alles gut läuft? Dass die Dinge besser werden? Es ist nun einmal die Natur von Samsara, dass es auf und ab geht. Und manchmal geht es bergab und wir machen sehr unangenehme Erfahrungen, ungeachtet des Positiven, das wir vorher getan haben. Also versuchen wir, uns davon nicht entmutigen zu lassen und, ganz gleich, was passiert, weiter in diese positive Richtung zu gehen.

Die Tibeter haben manchmal eine Vorliebe für Beispiele aus der Tierwelt. Serkong Rinpoche ging immer gerne in den Zirkus oder besuchte Aquarien, wo man dressierte Delphine oder Seehunde oder so etwas sehen kann. Wenn wir unsere Dharma-Praxis machen und etwas Positives tun – erwarten wir denn, dass wir wie solch ein dressierter Seehund oder Delphin sind und der Buddha uns jedes Mal einen Fisch zu wirft, wenn wir etwas richtig machen, und uns dafür belohnt? Das ist es wohl nicht, was man uns beigebracht hat. Damit die Dinge gut laufen, als Resultat dessen – einen Fisch zu bekommen, den wir essen können? Das gibt uns einiges zu denken. Führen wir unsere Dharma-Praxis quasi nur als Trick aus? Wie ein dressiertes Tier, um eine Belohnung zu bekommen? Oder machen wir sie, um unser Leben grundlegend zu verändern? Und ob es uns nun gelingt, dass alles gut läuft oder nicht, ändert nichts an der Überzeugung, dass langfristig eine Verbesserung eintreten wird.

Das sind also die verschiedenen Punkte, in denen wir uns üben. Ich denke, sie geben uns ziemlich klare Hinweise auf die praktische Anwendung im Hinblick darauf, unserem Leben diese Richtung zu geben – auf das, was wir tatsächlich jeden Tag tun können, und Anhaltspunkte, die für jeden Tag gelten und zeigen, wie wir diese Richtung in unserem Leben einschlagen können. Es geht nicht nur darum, ein netter Mensch zu sein, sondern darum, die Lehren zu studieren, sie zu lernen, unserem spirituellen Weg gegenüber respektvoll zu sein und anderen, die ihm folgen, ebenfalls Respekt zu erweisen usw. – all diese Punkte.

Lassen Sie uns nun für heute mit einer Widmung schließen, und morgen werden wir über Karma sprechen. Wir denken: Möge jegliches positive Kraft, jegliches Verständnis, das durch all dies aufgebaut worden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, dass jeder Erleuchtung erreicht, um allen von Nutzen zu sein.